
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Vinzenz Fengler, Schriftsteller, bildender Künstler & Performer
Lieber Vinzenz, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mit 16 Jahren – meine (katholischen!) Eltern trennten sich gerade und ich begann eine Lehre in „der großen Stadt“ – begann ich Gedichte zu verfassen, weil eine Welt (oder mehrere) für mich zusammenbrach. Das Schreiben half und ich gierte nach Lyrik, die in der DDR nicht oder schwer zu beschaffen war, um mich inspirieren zu lassen, und auch um Trost zu finden. Zwei Jahre später, 1987, ergatterte ich einen Schatz, der als „Bückware“ galt, also nur unter dem Ladentisch zu haben war, wie man sagte: Ingeborg Bachmann – Ausgewählte Werke in drei Bänden, erschienen im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar. Ich erwartete weiteren Trost, und bekam Aufruhr und Schwere. Ich verschlang alles; die Gedichte, die Hörspiele, die Erzählungen und den Roman: Malina. Damals reimte ich noch häufig, und Bachmanns Gedichte haben mein Schreiben zu dieser Zeit – glaube ich – sehr beeinflusst.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Literaturwissenschaftlich mögen das andere beurteilen; für mich ist es – bezogen auf ihre Lyrik – die latente Melancholie verpackt in sprachgewaltige Bilderwelten, die aber nicht hermetisch verebben oder den Zugang verweigern. Viele ihrer Bilder und Metaphern springen einen regelrecht an wie wilde Tiere oder sitzen einem plötzlich – auch das gibt es bei ihr – urplötzlich und unerwartet als winzige Hoffnung im Nacken.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Spontan fällt mir da ein für mich wichtiges Gedicht ein: „Erklär mir, Liebe“. Auch in Zeiten, als ich von ihren Werken abgekommen war, habe ich dieses Gedicht immer wieder mal rausgesucht oder es kam mir, in Teilen, so in den Kopf. Besonders in Zeiten eigener Krisen und des Herzschmerzes.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Leicht könnte man verleitet sein zu sagen, sie war ihrer Zeit voraus. Aber schnell wird (zumindest mir) klar, viele heute Schreibende hinken der Zeit hinterher. Und das nicht, weil das zu Kritisierende verborgen wäre oder nicht in den Blick geriete, sondern eher, weil es in den Texten, aber auch in der bildenden Kunst, nicht verhandelt wird; zudem auch Kunstschaffende mit Reichweite aller Couleur sich nicht oder selten und wenig zu Missständen äußern. Das ist schade und irgendwie auch fatal, wenn man sich die aktuellen Entwicklungen ansieht.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Wie oben gerade angedeutet, taugen manche Gedichte (für mich „Erklär mir, Liebe“) als eine Art Gebrauchsanweisung für das Lieben (und auch das Leiden). Dass „die Männer“ (hui) unheilbar krank sind, kann ich allerdings so nicht unterschreiben, habe ich mich in meiner Erwerbsarbeit doch viele Jahre im Rahmen von Anti-Gewalt-Trainings mit Männern und männlichen (überkommenen) Rollenbildern auseinandersetzen müssen. Vielmehr würde ich sagen, dass viele keine Krankheitseinsicht (will man bei dieser zugespitzten Terminologie bleiben) haben bzw. wenn doch, die Mühen einer Therapie scheuen oder die Kraft dafür nicht haben. (Also doch eher das schwache Geschlecht?!)

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Das würde ich nicht sagen, vielmehr, dass „sich ausdrücken“ eine Art Re-Inkarnation von Erinnertem oder Erlebtem ist, eine Leib-Erfahrung quasi, jenseits von Gut und Böse. In meiner Ausbildung zum Integrativen Poesie- und Bibliotherapeuten hatte ich das große Glück Ilse Orth, die Begründerin der Methode, noch im Seminar persönlich zu erleben. Sie sagt: „Wo Sprache ist, ist Leiblichkeit – der Mensch als sprechendes, lesendes, schreibendes Leib-Subjekt in Kontext und Kontinuum von Gemeinschaften. (…) Der Leib nimmt Informationen auf, aber anders als ein „Tonträger“, wird er durch diese Information selbst geformt. Gute Worte, böse Worte, hinterlassen ihre Spuren in Mimik, Gestik, Haltung und Bewegung. So entstehen im Zusammenspiel von Leib-Kontext und Sprache „eingefleischte Gewohnheiten“, Formen des Denkens, Handelns und Fühlens, die „in Fleisch und Blut übergegangen“ sind.“ (Orth Leib Sprache Polyloge 11 2009)
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Für mich relevant ist das Existentielle und der Finger bzw. Stift am Puls der Zeit, der aktuellen, aber auch der verflossenen im Sinne einer Aufarbeitung derselben in den Texten, ohne explizit politisch zu sein oder zu schreiben.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Erklär mir Liebe. (ohne Komma 😉
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Da ich seit meiner Krebsdiagnose 2023 nicht wieder ins Schreiben gekommen bin (was mich aber auch nicht mehr beunruhigt), werde ich mich wieder mehr der Performance-Art zuwenden, und dabei auch aktuellen Themen. Vor einem Jahr habe ich damit begonnen und hoffe, dass mir noch viel Zeit bleibt, mich weiter auszudrücken; einen Ausdruck finden, das war immer das was mich geleitet hat.
(Hier die letzte Arbeit von mir: Es ist ein Kreuz mit Euch (also mir) – Live Art Performance by Vinzenz Fengler)
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Soll ich / eine Metapher ausstaffieren / mit einer Mandelblüte? / Die Syntax kreuzigen / auf einen Lichteffekt? / Wer wird sich den Schädel zerbrechen / über so überflüssige Dinge -“ (aus dem Gedicht „Keine Delikatessen“)

Herzlichen Dank für das Interview!
Aktuelles Buch von Vinzenz Fengler: https://elifverlag.de/produkt/materialermuedung-tragender-teile-vinzenz-fengler/
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Fotos: Portrait/Bild/Performance _ Vinzenz Fengler
Walter Pobaschnig, 18.2.26





























































