50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview: Franzobel, Schriftsteller _ Wien.
Bachmannpreisträger 1995
Lieber Stefan, Du hast 1995 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
In meinem Heimatort gibt es einen Friseur, der Bachmann heißt. Nachdem ich den Preis gewonnen habe, sagte ein Nachbar zu meinen Eltern: „Ich wusste gar nicht, dass Ihr Sohn Friseur lernt.“
In Klagenfurt selbst war ich furchtbar nervös. Ich hatte bis dahin vielleicht zwanzig öffentliche Lesungen, plötzlich vor laufender Kamera zu sitzen, war schon sehr aufregend. Deshalb musste ich bei der Lesung auch Bier trinken, was vor mir wohl noch nie jemand gemacht hat.

Walter Pobaschnig, folgende
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Man kann Kritikern beim Kritisieren zusehen. Die Jury-Diskussionen sind oft spannender als die Texte. Wie über Literatur gesprochen und gedacht wird, erlebt man sonst nirgendwo im Fernsehen. Das ist alles sehr emotional und nervenaufreibend, gleichzeitig, und das ist ein interessanter Kontrast, herrscht in Klagenfurt eine sommerlich entspannte Betriebsausflugsstimmung.

Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Ich war wegen der Lesung extrem aufgeregt, die Meinung der Kritiker war mir relativ egal. Das mag jetzt hochtrabend klingen, war aber tatsächlich so, weil es mir nur um den Vortrag gegangen ist. Was gesagt worden ist, weiß ich nicht mehr, nur, dass ich drei Zigaretten geraucht habe, was damals noch erlaubt war. Dass eine Jurorin dann sogar eine Zugabe hören wollte, die ich tatsächlich auch gelesen habe, war vermutlich einmalig.

Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?
Das ist schwer zu beantworten. Es sind plötzlich viele Türen aufgegangen – Theater, Suhrkamp-Verlag, Einladungen, etc. Mein Schreiben ist vermutlich marktgängiger geworden, weil bis zum Preis war ich nur in der kleinen Nische der experimentellen Literatur, danach plötzlich im Literaturmarkt. Vielleicht hätte es mich ohne diesen Preis so nicht gegeben, vielleicht aber auch anders und besser.
Nach dem Preis bin ich mit damals 200.000,- Schilling nach Hause gefahren und habe gedacht, super, jetzt ist mein Auskommen für die nächsten zwei Jahre gesichert. In meiner Wiener Wohnung bin ich dann drei Wochen lang vom Telefon nicht weggekommen, weil es ununterbrochen geläutet hat. Der Briefkasten war täglich voll. Schulkollegen, alte Freunde, entfernte Verwandte, alle haben sich gemeldet. Sogar auf der Straße wurde ich erkannt. Damals dachte ich, es wäre schön, wenn ich auch in fünf Jahren noch von der Literatur leben könnte. Mittlerweile sind es 31 geworden.

Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?
Meinetwegen kann er so bleiben, wie er ist. Gerade, weil er ein wenig aus der Zeit gefallen ist, besitzt er Charme. Jede Änderung Richtung trendiger Medientauglichkeit wäre fatal.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Dem Bachmannpreis wünsche ich weitere 50 Jahre, den Teilnehmern und der Jury Humor und gute Gedanken.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Franzobel – aktueller Roman:

Hundert Wörter für Schnee. Roman. Franzobel. Zsolnay Verlag. | Literatur outdoors – Worte sind Wege
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.


Fotos: Franzobel _ Prater/Wien _ Walter Pobaschnig 5/22
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/ORF Studio_ Eis/Lendkanal _ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 5.6.2026