Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Gernot Ragger, Schriftsteller, Verleger
Lisa Kröll, Schauspielerin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Gernot Ragger _ privat.
Fotos: Lisa Kröll, Schauspielerin _ Wien _ acting Malina _ Ungargasse/Romanschauplatz Malina _ Wien Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 1/22
Liebe Petra/Lieber Gernot, welche Zugänge gibt es von Euch zum Werk Ingeborg Bachmanns?
(Petra) P: Ich wohne in Klagenfurt und liebe die Plätze an denen auch Ingeborg Bachmann war. Mit ihren Werken habe ich mich besonders in den letzten Wochen auseinandergesetzt, da heuer 100 Jahre Ingeborg Bachmann gefeiert wird.
(Gernot) G: Ich bin eigentlich weniger über ihre Texte als durch ihre Briefwechsel zur Person Ingeborg Bachmann gekommen. Und auch wenn ich danach ihre Texte gelesen habe, glaube ich doch, durch die Briefe mehr über sie zu erfahren, da ich mir die Hintergründe ihres Schreibens besser vorstellen kann.
Petra Mickl und Gernot Ragger am Kreuzbergl/Klagenfurt. Ingeborg Bachmann ist in unmittelbarer Wege aufgewachsen und setzt auch in der Erzählung „Drei Wege zum See“ diesem Erholungsraum zwischen Stadt und Wörthersee ein literarisches Denkmal.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
P: Die Wortgewandtheit und der sprachgewaltige Mut ihre Wahrheit aus- und anzusprechen.
G: Jeder Schriftsteller hat seinen Stil, manche ähneln einander, manche sind aber „besonders“ – sie sind unverwechselbar. Bei Bachmann ist das der Fall.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
P: „Mir gefallen die „Frankfurter Vorlesungen“ sehr gut. Ihre Gedichte sind einzigartig. Ihre Dankesreden zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht.
G: Mein Favorit ist „Der gute Gott von Manhattan“.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
P: Wie man weltpolitisch sehen kann, wird es diese patriarchale zerstörerische Männerwelt im Kollektiv immer geben.
Ich habe das persönliche Glück, dass ich mit Männern keine gewaltvollen Erfahrungen gemacht habe und auch der Krieg in Österreich seit vielen Jahrzehnten Geschichte ist.
Die Literatur von Ingeborg Bachmann hat mich sehr zum Nachdenken gebracht auf eine eigene Art und Weise. Wenn man sich näher mit der Person Ingeborg Bachmann auseinandersetzt, versteht man auch das Geschriebene besser. Sie hatte kein einfaches Leben in einer männerdominanten Welt, aber immer wieder ihre Glücksmomente und auch schönen Erlebnisse.
G: Wenn man bedenkt, dass ihre Werke über 50 Jahre alt sind, haben sie die Zukunft vorweggenommen. Was derzeit auf der Welt und leider auch in Österreich an Gewalt innerhalb von Beziehungen passiert, ist verstörend und erschreckend. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um Österreicher oder Asylsuchende handelt. Die letzten Jahre haben in rasantem Tempo dafür gesorgt, dass die Hemmschwelle drastisch gesunken ist, gewalttätig zu sein, fast keine Überwindung mehr braucht.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
P: Sie hat den Krieg im jugendlichen Alter miterlebt und war dadurch traumatisiert. Sie hatte die Gabe ihr persönliches Leid literarisch zu verarbeiten, auf eine Art und Weise wie es sonst keine(r) geschafft hat, vor allem auch aus weiblicher Sicht.
G: Wer sich mit den Briefwechseln zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan sowie Max Frisch auseinandergesetzt hat, weiß, dass Bachmann wirklich keine „normalen“ Beziehungen durchleben durfte. Natürlich schlägt sich Privates im Schreiben nieder, aber schreiben oder erleben sind eben doch zwei verschiedene Erfahrungen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
P: Durchaus. Besonders wenn man diesen Beruf gewählt hat und aus diesem der Lebensunterhalt bezogen wird. In dieser Zeit gibt man auch sehr viel von sich. Wer ein Buch geschrieben hat, braucht meistens danach wieder die kreative Pause. Es ist ein schöner Moment, wenn die Kreativität wieder zurückkommt und es an das nächste Werk geht.
Bei der Gelegenheit möchte ich Ingeborg Bachmann weiter zitieren, die ebenso meinte „und nur das Veröffentlichte, die Bücher, werden sozial, assoziierbar, finden einen Weg zu einem Du mit der verzweifelt gesuchten und manchmal gewonnenen Wirklichkeit“.
So ist es. Sie war eine mutige Frau, die sich den Herausforderungen stellte, gleichzeitig daran aber zerbrach.
G: Es gibt Texte, bei denen man tausend Tode stirbt, bevor sie soweit sind, veröffentlicht zu werden, und es gibt wieder Texte, die sich quasi von selbst schreiben. Die Bereitschaft für Martyrium und Freude, für Leid und Leichtigkeit müssen in jedem Autor vorhanden sein.
Ein Buch ist nicht fertig, wenn es veröffentlicht wird, ein Buch ist fertig, wenn es geschrieben ist.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
P: Die Beziehung zwischen Mann und Frau, die Leidenschaft, Treue und Untreue, Zerstörung und Selbstzerstörung. Je mehr du liebst und gibst, umso mehr kannst du auch enttäuscht werden. Jede Beziehung sollte auf Augenhöhe gelebt werden, um zu gelingen.
Die Liebe zwischen Mann und Frau wird nie aussterben und auf einer gewissen Ebene immer kompliziert bleiben.
G: Die Qualität Nähe und Distanz gleichermaßen zuzulassen. Grenzen zu ziehen ohne sie zu erkennen. Dinge anzusprechen ohne zu werten.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
P: Ich gehe auch gerne am Kreuzbergl spazieren. Wenn sie länger gelebt hätte, hätte ich sie vielleicht spontan gefragt, ob ich mich zu ihr dazusetzen darf, (es gibt ja genug Sitzgelegenheiten am Kreuzbergl). Da es aber keine Realität ist, kann ich es mir leicht in Gedanken ausmalen.
Anschließend hätte ich sie gefragt, warum sie Malina, einen weiblich klingenden Namen gegeben hat. Vielleicht steckt aber die Lösung im Roman selbst.
G: Ob Enttäuschungen und Rückschläge für ihr Schreiben wichtiger waren als Glücksgefühle und Erfüllung.
Was sind Eure aktuellen Projektpläne?
P: Seit ein paar Wochen erlebt meine Kreativität ein Comeback, daher schreibe ich an meinem 4. Buch weiter, das spätestens Anfang nächsten Jahres erscheinen sollte.
G: Endlich, nach 20 Jahren wird jetzt mein Buch über meinen Vater fertig. Neben diesen „Hungrigen Schritten“ soll auch noch eine Trilogie erscheinen – drei Bücher, die eigentlich eines sind, die ich aufgrund der Thematik jedoch auf drei Bände aufgeteilt habe. Alle drei in einem hätten nicht funktioniert.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
P: Ich möchte von ihr gerne eine Hommage an Maria Callas (Entwurf) zitieren: „Sie hat immer direkt getroffen, auf den Umwegen über Libretti, über Figuren, zu denen man Liebe haben muß, um sie akzeptieren zu können. Sie war der Hebel, der eine Welt umgedreht hat, zu dem Hörenden, man konnte plötzlich durchhören, durch Jahrhunderte, sie war das letzte Märchen“.
Genau diese Hingabe steckte ebenfalls in Ingeborg Bachmann, da sie eine Virtuosin der Literatur war.
G: „Darum bin ich dieser Zigeunerin auf den Fersen, solange ich denken kann, die von nirgends herkommt und nirgends zuhause ist und diese Horste begünstigt – Die so geduckt unten geht und plötzlich über den Asphalt und auf fliegt, damit ihre Füße keine Spur lassen.“
(Aus „Der gute Gott von Manhattan“)
Herzlichen Dank für das Interview!
Petra Mickl, Schriftstellerin
Petra Mickl:geboren 1970 in Klagenfurt. Handelsschule, Matura an der Handelsakademie für Berufstätige, zum damaligen Zeitpunkt habe ich im Büro als Sekretärin gearbeitet. Ausbildung zur Sozialpädagogin. Abgeschlossenes Studium der Pädagogik sowie Grundlagen der Psychologie. Langjährige Tätigkeit im sozialen Bereich als Trainerin für Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Diplomierte Mentaltrainerin.
Tätigkeit im pädagogischen Bereich mit Kindern bzw. Jugendlichen im Alter von ca. 10-14 Jahren als Sozial- bzw. Freizeitpädagogin.
Ich schreibe seit ca. 8 Jahren nebenberuflich.
Meine Werke: Die Farben des Lebens (2019), Mein Date mit der Zeit (2023) und Lichtallee (2024). Alle Bücher sind in „der wolf verlag“ erschienen. Ebenso bin ich in diversen Anthologien vertreten.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Petra Mickl, Schriftstellerin
Lisa Kröll, Schauspielerin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Petra Mickl _ privat.
Fotos: Lisa Kröll, Schauspielerin _ Wien _ acting Malina _ Ungargasse/Romanschauplatz Malina _ Wien Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 1/22
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Cornelia Koepsell,,SchriftstellerinKarla Mahler, Künstlerin, Model _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.
Foto_ Cornelia Koepsell _ privat.
Fotos: Karla Mahler, Künstlerin, Model _ Wien _ performing „Undine geht“ Donau/Wien _ Erzählung Ingeborg Bachmann, 1961 _ Walter Pobaschnig 10/25
2026 _ 100.Geburtstag von Hans Werner Henze, Komponist *1.7.1926 Gütersloh +27.10.2012 Dresden.
Es ist ein so reiches Leben, dass wie jenes seiner gleichaltrigen Kunstkollegin, Projektpartnerin und Freundin, der Schriftstellerinn und Büchnerpreisträgerin Ingeborg Bachmann aus den unmittelbaren Erfahrungen der nationalsozialistischen Herrschaft und deren Gewalt und Schuld bis in die eigene Familie und der lebenslangen intellektuellen wie künstlerischen Auseinandersetzung mit Krieg, Gewalt, Gesellschaft im Fokus der Möglichkeiten und Aufgabe von Musik und Literatur geprägt war. Kunst wird zum Weg des Neuen, einer neuen Musik, um die Welt (vielleicht) zu verändern, es in jedem Fall immer zu versuchen in Kunst und Leben.
Das Musikgenie Hans Werner Henze wird in seinen großen breitenwirksamen Opernwerken („Der Prinz von Homburg“, „Der junge Lord“ 1958/64) meist kurz umrissen – innovativ, mutig, in facettenreichen Kooperationen. Doch über diese großen Oper „blockbuster“ hinaus strahlt ein Werk und ein Leben, das vom tiefen Anspruch und Engagement für Kunst und Gesellschaft getragen und geleitet war.
Der vorliegende Würdigungsband versammelt nun kompetente Kunst- und Lebensstimmen, die das musikalische Phänomen, den politischen Kosmos wie den Menschen Hans Werner Henze in Weg, Stationen und Intention vorstellen, erläutern, facettenreich öffnen und somit auch seine Werkrezeption neu inspirieren und beleben. Dazu ist herzlich zu gratulieren!
„Eine beeindruckende Würdigung in kompetenten facettenreichen Zugängen zu einem der bedeutendsten modernen Komponisten und langjährigen Freund und Kooperationspartner Ingeborg Bachmanns.“
„Der neue wilde Wohlklang – Hans Werner Henze“ _ Wolfgang Molkow, Rainer Peters, Hans-Klaus Jungheinrich. Wolke Verlag.
Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich frühstücke mit meinem zweijährigen Sohn, dann versuche ich so viel Arbeit wie möglich unterzubringen, bis wir am Nachmittag vielleicht in den Tiergarten oder zum Spielplatz gehen. Am Abend sehe ich mit meiner Frau einen Film.
Martin Andersson, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dem Lärm entgehen, den Bildschirmen entgehen, sich auf die menschliche Wirklichkeit konzentrieren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
In einer kommenden menschlichen Regeneration nach einer erschöpften Moderne, nach dem Neoliberalismus müssen Kunst und Literatur Schönheit und Liebe als ihr Zentrum erkennen, sie allerdings immer im Leben und in der wahren Empfindung aufsuchen, so wertvoll die Hinweise in dieser Richtung, die Bücher und Museen uns bisweilen bieten, auch sein mögen.
Was liest Du derzeit?
Où en sommes nous? vom französischen Anthropologen Emmanuel Todd. Das Buch erklärt, wie vormoderne Familienformen das Unbewusste verschiedener Kulturen bestimmen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Schönheit wird die Welt retten, sagt Dostojewskij.
Vielen Dank für das Interview, lieber Martin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Zur Person: Martin Andersson wurde 1986 in Wien geboren, hat in Wien und Paris Geschichte studiert und ist heute Autor von Erzählprosa, Essays und Gedichten. Im Herbst 2026 erscheint der Roman Ungleiche Teile. Zuletzt: Weidende Stille (Gedichte).“ Wohnort ist Wien-Penzing; und
Dichterfenster, gelbe Rosen lassen ihre Nacken sinken, Schneekristalle kauern auf grünen Nadeln. Im ersten Teil führen ausgedehnte Naturbetrachtungen von der Donau bis nach Kastilien, durch Gärten und Wälder. Der zweite Teil – „Spuren des goldenen Kontinents“ – bietet Haiku vom Mittelmeer bis in den hohen Norden. Im dritten Teil, „Der wiegende Bogen“, öffnet sich ein ganz anderer Raum: Hier entstanden die Gedichte aus einem ungewöhnlichen Verfahren – französische Lyrik wurde übersetzt, vergessen und zu neuen deutschen Versen transformiert. Ein Buch für alle, die in der Poesie jene Momente suchen, in denen die Welt stillsteht und sich zugleich vollkommen öffnet. Für Leser, die Poesie als Erfahrung suchen – kontemplativ, intensiv, gegenwärtig.
Rose A. W. Diamond, Schriftstellerin _ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) _ Wien _ Walter Pobaschnig 5/26
Liebe Anke, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist eher strukturiert, würde ich sagen. Aufstehen um 4:30 Uhr Pferde versorgen, Hunde versorgen. Stall machen und danach beginnt oft meine Schreibzeit, für etwa zwei bis drei Stunden. Ich versuche täglich zu schreiben. Leider gelingt das nicht immer. Besonders an den Tagen, an denen ich noch zur Arbeit in der Klinik eingeteilt bin. Ich arbeite seit 1998 in einer Rehaklinik in der Eifel. Fachgebiet dieser Klinik ist Psychosomatik. Psychologie ist ein Thema, welches mich schon immer begeistert hat und es heute noch tut. Ich arbeite dort in recht langen Spätdiensten und Nachtdiensten und ich merke leider, je älter ich werde, wie schwer mir diese Dienstzeiten und Schichtarbeit fallen.2007 habe ich ein Aufbaustudium zur experientiellen Reittherapeutin, Focussingbegleiterin, Stresstherapeutin und Sozialtherapeutin absolviert. Ich habe bis dato, außerhalb meiner Dienstzeiten in der Klinik, nebenberuflich hier auf dem Hof gearbeitet, mit Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung und mit Menschen mit psychischen und somatischen Störungsbildern. Diese Arbeit habe ich vor kurzem beendet, weil meine Pferde zu alt wurden. Nun widme ich mich dem Schreiben und Malen, ein Hobby, das mich seit frühster Kindheit begleitet. An manchen Tagen ist es schwer dies alles in 24 Stunden unterzubringen, aber ich gebe mein Bestes.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dazu kann ich nur sagen, dass es viele Dinge gibt, die für uns wichtig sind und die ich mir für alle Menschen wünschen würde. Zuhören, miteinander reden, verstehen, Akzeptanz, Kongruenz und Empathie, drei Basisvariablen, die im Alltag mehr und mehr untergehen. Jemanden abzuholen wo er steht, jemanden so anzunehmen, wie er ist, ist meiner Meinung nach ein wertschätzendes Verhalten, was in den Menschen mehr und mehr verloren geht. Ich würde mir für die Menschen „innerliche“ Entwicklung wünschen, dass sie nicht immer auf veraltete Mittel zurückgreifen müssen, wie Krieg und Verwüstung. Ich wünsche mir ebenso für alle, dass wir lernen nachzudenken und positive Alternativen zu entwickeln. Dass wir uns wirklich bewegen und nicht stehen bleiben. Das erinnert mich an ein Zitat, das ich einmal gehört habe, der Verfasser ist unbekannt, aber es sagt aus, was ich denke und empfinde: „Es gibt drei Arten vom Menschen, die erste Art sind die, die unbeweglich sind. Die zweite Art sind die, die beweglich sind und die dritte Art sind die, die sich tatsächlich bewegen.“ Ich möchte eindeutig zur dritten Art gehören und ich wünsche mir für alle anderen, dass sie das auch tun. Bewegung ist Entwicklung, Entwicklung ist Bildung, die uns formt und stärkt, die uns Selbstbewusstsein schenkt, uns sicherer macht und unser Selbstbild verändert. Bewegung formt das Selbst. Nur so kommen wir vom Stehen zum Gehen. Ich denke sie verhindert ein auf der Stelle treten und bringt uns dazu vorwärts zu gehen und unser „Ich“, „Über-Ich“ und unser „Es“ zu entwickeln, denn nur diese drei Instanzen, machen den Menschen komplettund bringt uns dazu, vorwärtszugehen. Ebenfalls finde ich Liebe wichtig und auf der Suche zu bleiben, nach sich selbst und dem Sinn des Lebens. Ich denke das diese Suche für jeden anders ist und für jeden etwas anderes bedeutet. Durch diese Dinge entwickeln wir Antennen und diese möchte ich als „Reichtümer des Lebens“ beschreiben.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Meine Kernbotschaft:
Ein Aufbruch braucht innere Bewegung: Empathie, Reflexion und Bildung sind die Voraussetzungen für persönlichen und gesellschaftlichen Wandel.
Zuhören und Annahme: Menschen dort abholen, wo sie stehen, statt zu verurteilen.
Bildung und Selbstreflexion: Wissen über Mechanismen (z. B. Angst, Traumata) schafft Handlungsspielräume.
Mut zur Veränderung und konkretes Handeln: Beweglichkeit darf nicht nur gedanklich bleiben, sondern muss in politische und soziale Praxis münden.
Gemeinschaft und Verantwortung: Solidarisches Handeln verhindert Stillstand und schafft Sicherheitsräume für Entwicklung.
Rolle der Literatur und Kunst:
Spiegel und Perspektivwechsel: Bücher öffnen Zugänge zu anderen Innenwelten und fördern Empathie.
Sprache für das Unsagbare: Kunst kann Traumata benennen und damit Heilungsschritte möglich machen.
Möglichkeitsraum: Literatur zeigt Alternativen auf und inspiriert zu neuen Wegen.
Konkretes Wirken: Lesungen, Schreibgruppen, therapeutische Erzählarbeit und Bildungsangebote bringen Kunst in Alltage und Institutionen.
Meine literarische Arbeit — psychologisch fundiert und empathisch — kann genau die Räume öffnen, die Menschen zum Bewegen und Verändern brauchen.
Literatur und Kunst sind Kompass und Motor für inneren und gesellschaftlichen Aufbruch.
In Zeiten des Wandels, sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf persönlicher Ebene, wird es entscheidend sein, eine innere Bewegung zu fördern. Empathie, Reflexion und Bildung sind unerlässliche Voraussetzungen, um den Herausforderungen des Lebens zu begegnen und einen echten Aufbruch zu gestalten. Zuhören und Akzeptanz sind fundamentale Prinzipien. Es ist wichtig, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, anstatt sie zu verurteilen. Dies schafft ein wertschätzendes Miteinander, das in unserer schnelllebigen und oft oberflächlichen Welt zunehmend verloren geht. Bildung und Selbstreflexion spielen ebenfalls eine zentrale Rolle, denn Wissen über die Mechanismen von Angst und Traumata kann Handlungsspielräume eröffnen.
Mut zur Veränderung muss gelebt werden; Beweglichkeit darf nicht nur gedanklich bleiben. Wir sollten konkrete Handlungen entwickeln, die über das Nachdenken hinausgehen. Gemeinschaft und Verantwortung sind ebenso wichtig, denn solidarisches Handeln verhindert Stillstand und schafft sichere Räume für individuelle Entwicklungen.
In diesem Kontext wird Literatur und Kunst zu einem entscheidenden Instrument. Sie fungieren als Spiegel, der uns andere Innenwelten offenbart und unser Verständnis für andere Menschen fördert. Zudem bietet Kunst eine Sprache für das Unsagbare und kann uns helfen, Traumata zu benennen und Heilungsprozesse einzuleiten. Überdies zeigt Literatur uns alternative Wege auf und inspiriert zu neuen Möglichkeiten, die im Alltag und im Leben von großer Bedeutung sind.
Lesungen, Kreative Schreibgruppen und therapeutische Erzählarbeit bringen die Kunst in das Leben der Menschen und ermöglichen es uns, aktiv an unserem eigenen Wachstum teilzuhaben. Ich hoffe das meine literarische Arbeit, die psychologisch fundiert und empathisch ist, genau diese Räume öffnen kann, die Menschen benötigen, um sich zu bewegen und zu verändern.
Literatur und Kunst sind die Wegweiser und Antriebskräfte für inneren sowie gesellschaftlichen Aufbruch.
Was liest Du derzeit?
Leider habe ich nicht wirklich viel Zeit in der augenblicklichen Situation viel zu lesen. Ich bin zu sehr beschäftigt mit schreiben. Ich habe das Gefühl meine Gedanken und Gefühle aufs Blatt Papier bringen zu müssen. Das ist das was ich zurzeit will. Angefangen zu lesen habe ich das Buch von Claire Larsen: Neunzehn Jahre. Leider bin ich noch nicht sehr weit gekommen, da mein Alltag ausgefüllt ist und mich erfüllt. Mein Leben ist bunt und spannend, doch leider haben momentan nicht alle Dinge Platz darin. Aber viele Dinge die ich zurzeit tue und die in mir wachsen, empfinde ich als magisch.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Verfolge deine Träume und lebe sie! Denn Träume hängen dann, wenn du hinsiehst, wie reife Früchte an den Bäumen, du musst nur aufstehen und sie pflücken. Und dann, wenn du sie in Händen hältst und sie betrachtest, entfalten sie ihre Magie. Ehre sie, denn sie könnten dein Leben gestalten!“ (Zitat: Rose A. W. Diamond)
Vielen Dank für das Interview, liebe Anke, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Rose A. W. Diamond, Schriftstellerin _ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) _ Wien _ Walter Pobaschnig 5/26
Zur Person: Rose A. W. Diamond _ Schriftstellerin.
Rose A. W. Diamond ist das Pseudonym von Anke Wagner, Autorin, Illustratorin, Reittherapeutin, Examinierte Krankenschwester, Focussingbegleiterin.
Als examinierte Krankenschwester mit langjähriger Erfahrung in psychosomatischen Kliniken, als ausgebildete Reittherapeutin und Focussingbegleiterin verbindet sie therapeutische Tiefe mit literarischer Fantasie. Ihre Arbeit mit Menschen und Tieren prägt ihre Geschichten: geerdet, einfühlsam und voller innerer Transformation.
2024 debütierte sie mit „Magica – Die Reise durch die Zeit“, den Auftakt ihrer preisgekrönten Fantasy-Trilogie für Leser ab 12 Jahren. Der Roman wurde bei der Koblenzer Buchmesse ausgezeichnet und von Lesern durchgehend mit 5 Sternen bewertet. 2025 folgten „Magica – Die Reise durch die Welten“ Teil 1 & 2. Der Abschlussband erscheint 2026. Illustrator Erhard Sünder gestaltet die visuelle Welt der Reihe.
Rose A. W. Diamond lebt mit ihrem Mann, fünf Pferden, zwei Hunden und vier Katzen auf einem Aussiedlerhof in Rheinland-Pfalz.
Foto: Rose A. W. Diamond _ Walter Pobaschnig, Station bei Malina/Wien 5/26
Rose A. W. Diamond, Schriftstellerin _ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) _ Wien _ Walter Pobaschnig 5/26
GIVE PEACE A CHANCE
Zur Person: Rose A. W. Diamond _ Schriftstellerin.
Rose A. W. Diamond ist das Pseudonym von Anke Wagner, Autorin, Illustratorin, Reittherapeutin, Examinierte Krankenschwester, Focussingbegleiterin.
Als examinierte Krankenschwester mit langjähriger Erfahrung in psychosomatischen Kliniken, als ausgebildete Reittherapeutin und Focussingbegleiterin verbindet sie therapeutische Tiefe mit literarischer Fantasie. Ihre Arbeit mit Menschen und Tieren prägt ihre Geschichten: geerdet, einfühlsam und voller innerer Transformation.
2024 debütierte sie mit „Magica – Die Reise durch die Zeit“, den Auftakt ihrer preisgekrönten Fantasy-Trilogie für Leser ab 12 Jahren. Der Roman wurde bei der Koblenzer Buchmesse ausgezeichnet und von Lesern durchgehend mit 5 Sternen bewertet. 2025 folgten „Magica – Die Reise durch die Welten“ Teil 1 & 2. Der Abschlussband erscheint 2026. Illustrator Erhard Sünder gestaltet die visuelle Welt der Reihe.
Rose A. W. Diamond lebt mit ihrem Mann, fünf Pferden, zwei Hunden und vier Katzen auf einem Aussiedlerhof in Rheinland-Pfalz.
Foto: Rose A. W. Diamond _ Walter Pobaschnig, Station bei Malina/Wien 5/26
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Isa Tschierschke, Autorin und Buch-Bloggerin auf Lightning-bug.de
Raphael Steiner_ Schauspieler _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Isa Tschierschke _ privat.
Fotos: Raphael Steiner_ Schauspieler _ Wien _ acting Malina „Ivan“ _ Romanschauplatz _ Malina _ Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig, 2/22
Herzlichen Dank an Herrn Friseurmeister Herbert Weber, Friseursalon Weber, Ungargasse 7, 1030 Wien, für die stets offene Tür bei vielen Terminen!Alles Gute und eine wunderbare Zeit im neuen Lebensabschnitt der Pension nach über 35 Jahren im Königreich Ungargassenland, das auch ihres war und ist!
Ingeborg Bachmann auf ihrer Terrasse in Rom, Bocca de Leone, um 1970
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Bernd Lüttgerding, Schriftsteller _ Brüssel
Lieber Bernd, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Nur wenige und schmale Zugänge gibt es. In der Schule, die ich herzlich gehasst habe, sprachen mich einige ihrer Gedichte, Reklame, Curriculum Vitae, vor allem Die gestundete Zeit („Es kommen härtere Tage.“!) natürlich an. Und ihre sämtlichen Gedichte habe ich noch heute im Regal stehen, habe sie auch alle gelesen.
Mit ihrer Prosa hingegen bin ich nie auf einen grünen Zweig gekommen („ein Strauß Türkenbund […], rot und siebenmal röter als rot, nie gesehen“. Es ist allerdings unfair, so einem kurzen Zitat zu unterstellen, es sei exemplarisch für ihren Stil und ihre Beschreibkunst. Ich will hier aber ohnehin bloß bekennen, dass beides nicht mein Ding ist. Ihre Themen habe ich für mich zugänglicher behandelt gefunden bei Marguerite Duras, bei Unica Zürn und vielleicht auch bei Christine Lavant und aus noch einer ganz anderen reizenden Perspektive bei Janet Frame).
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Die Hypersensibilität und ihre Verzweiflung, die zum Teil vermutlich die unterdrückte Verzweiflung ihrer Generation war, die, geboren in die geistigen Trümmer der Ruhephase zwischen Weltkrieg I und Weltkrieg II den kulturellen Bruch von 1933 als Kind erlebt hat und sich nach 1945 zwischen noch mehr Trümmern wieder in einer, der Wirtschaft untergeordneten und wachstumsorientierten Gesellschaft fand, in einer abgesicherten Variante der Zustände also, die mit zum Ersten Weltkrieg geführt hatten. Sie konnte das vermutlich fühlen als Eingekeiltsein in einem irren Patriarchat.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Nein. (Aber das „Es kommen härtere Tage“ schlägt noch heute eine jugendliche Saite in mir an…)
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Wenn das Patriarchale der Geist des Speers ist, im Gegensatz zum Matriarchalen als Geist des Gefäßes, also das Zerstörerische, Heldische, rational und technisch Fortschreitende im Gegensatz zum Bewahrenden, Ausgleichenden, mythisch und geistig in sich Gekehrten (um es hier in der Kürze etwas plump mit Worten zu belegen), dann greift ihre Gesellschaftskritik heute noch sehr. Schade nur, dass viele Frauen sich an die patriarchale Welt anpassen (ich denke probeweise an einige aus Funk und Fernsehen bekannte, in hohen Machtpositionen), anstatt ein bisschen radikaler das Matriarchale wieder ins Spiel zu bringen, das derzeit doch ziemlich fehlt. (Betrifft das nicht die Bachmann auch ein bisschen? „Drunten blättern Wasser in den Bibeln, und die Kompassnadel steht auf Nacht“, aber dann doch im Feuer sterben? Aber man soll ja Krankheit nicht als Symbol auffassen und Sterben wahrscheinlich auch nicht.)
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
„Wir“ lieben wie immer auf kranke Weise. Mir als Mann kommt es aber so vor, als seien wohl viele Männer („die Männer“ scheint mir ein bisschen zu grob über den Kamm geschoren, mich selbst will ich da aber selbstverständlich nicht ausnehmen) krank, viele Frauen aber nicht minder. Das sage ich nicht, um die Krankheit der Männer kleinzureden, ich finde nur, das Kranke liegt in der Natur einer kranken (entgeistigten, konsumierenden, mitmachenden und sich Zustände schönredenden) Gesellschaft, wenn hier auch „krank“ nicht der Begriff meiner eigenen Wahl wäre. Ich muss aber auch zugeben, dass Ingeborg Bachmann auf mein Lieben nie einen nennenswerten Einfluss hatte.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ach, ich weiß nicht. Vielleicht. Einsamkeit, ja. Was sie da „asozial“ nennt, erlebe ich eher als ein Nicht-überall-mitmachen-wollen-müssen. Sicher gibt es schwere Stunden und dafür auch manchmal leichte. Mein Martyrium habe ich bis jetzt (tastet nach Holz) meistens eher so ähnlich erleben wollen, wie das des Mannes, der in The Life of Brian gesteinigt werden soll („Making it worse? How could it be worse? Jehova! Jehova!“). Das möchte ich aber nicht als Unsensibilität verstanden wissen, sondern als eine Frage der Haltung.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Sie hat den Anfang von etwas geschrieben, was ein herausragendes lyrisches Werk hätte werden können.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Die Versuchung ist groß und es ist doch auch so wohlfeil, jemandem, der von seiner Verzweiflung verschlungen wird, zurufen zu wollen: „Wieso denn dieses bequemliche Vertrauen auf Ärzte? Warum denn immer Barbiturate und Benzodiazepine? Geh mal wandern, und lass doch diese halbherzigen Männergeschichten. Wenn man sich dem eigenen Abgrund stellt und hineinspringt, merkt man, dass er kaum eine Delle im Boden ist und alles übrige auch ganz anders, als man immer dachte, usw“ – Stattdessen hätte ich ihr gerne gesagt, dass es gut ist, dass sie gelebt und geschrieben hat, dass ihre Bücher bestimmt noch lange gelesen werden, und dass sie eine Kronzeugin der Mentalitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts ist.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich schreibe nun im sechsten Jahr an einem epischen Gedicht, in dem sich die Geschichte der Menschheit im Prisma eines müden Einzelmenschen bricht. In diesem Sommer wird es fertig. Das habe ich mir versprochen. Und ich habe Freunde, die mich gnadenlos daran erinnern.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Na gut. – Enigma:
„Nichts mehr wird kommen.
Frühling wird nicht mehr werden.
Tausendjährige Kalender sagen es jedem voraus.
Aber auch Sommer und weiterhin, was so gute Namen
wie „sommerlich“ hat –
es wird nichts mehr kommen.
Du sollst ja nicht weinen,
sagt eine Musik.
Sonst
sagt
niemand
etwas.„
Das Gedicht „Enigma“ stammt aus der Zeit Ingeborg Bachmanns in Berlin (1963-65), Anm.