
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Marion Margarethe Kecht, Dichterin _ Wien
Liebe Marion, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Einer meiner ersten Eindrücke entstand in etwa so: Ich war 19 und machte am Bodensee Urlaub, es war Mai, ich lag im Gras unter Apfelbäumen und habe zum ersten Mal ‚Malina’ gelesen.
Diese Kulisse war idyllisch – und stand in einem merkwürdigen Kontrast zu dem, was ich da gelesen habe. Der Text hat mich sofort hypnotisiert — und verstört. Gerade die Albtraumkapitel, die sich mir entzogen, haben mir ins Mark gesprochen. Ich war fasziniert, begriff jedoch wenig.
Was geblieben ist, war also kein Verstehen, sondern ein Eindruck von Härte, von etwas Unausweichlichem.
Erst später, mit mehr Erfahrung – auch als Frau – habe ich begonnen, dieses Buch anders zu lesen. Nicht mehr als Rätsel, sondern als Beschreibung von Strukturen: von Unterwerfung, von Sprachlosigkeit, von Beziehungen, in denen etwas systematisch verschwindet.
Mein Zugang zu Bachmann ist deshalb kein kontinuierlicher. Ich lese sie nicht „gern“, sondern aus Notwendigkeit.
Sie hat mich nie mehr losgelassen – und ich sie auch nicht.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Das Streben nach Vollkommenheit – und die Fähigkeit, auf unnachahmliche Weise tiefgreifende Fragen an den Menschen und die Gesellschaft zu stellen und ihnen auf die Spur zu kommen, vielleicht durch die Sprache selbst – sowie ihr philosophischer Hintergrund.
Ingeborg Bachmann kam ja nicht aus einer rein literarischen Tradition. Ihre Dissertation über Martin Heidegger war bereits eine kritische Auseinandersetzung mit existenzialistischem Denken, gleichzeitig stand sie unter dem Einfluss des Wiener Kreises um Viktor Kraft.
Wesentlich scheint mir aber ihre Nähe zu Ludwig Wittgenstein zu sein: die Frage nach den Grenzen der Sprache, nach dem Sagbaren und dem, was sich entzieht.
Das ist keine Theorie geblieben. Es prägt ihr Schreiben unmittelbar.
Ihre Texte balancieren auf der Grenze des Sagbaren: sie sagen, während sie zugleich zeigen, dass so manches sich der Sprache widersetzt.
Für mich liegt darin ihre eigentliche Radikalität. Sprache wird bei ihr nicht verwendet, sondern überprüft.
Und vielleicht ist das der Punkt, an dem ich mich ihr am nächsten fühle: Schreiben heißt nicht ausdrücken, sondern freilegen – auch dort, wo Sprache an ihre absolute Grenze kommt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Selbstverständlich ihre Gedichte, vor allem die ‚Anrufung des Großen Bären‘, aber auch ihre Erzählungen, die ich immer wieder zur Hand nehme, ‚Malina‘, weil dieser Text noch einen Schritt weiter geht: Er zeigt nicht nur Verletzung, sondern ihr System dahinter. Der Satz „Es war Mord“ ist dabei weniger Anklage als Diagnose.
Und ganz wichtig: ‚Der Fall Franza‘ aus den Todesarten.
Dass Bachmanns Prosa mitunter als bieder oder banal bezeichnet wurde, ist für mich kaum nachvollziehbar. Diese Lesart verkennt, wie präzise ihre Texte konstruiert sind – und wie kompromisslos, aber auch wie ungeschützt sie an die Grenzen von Sprache, Obsession und Bewusstsein rühren.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie hat nichts an Schärfe verloren – im Gegenteil.
Was Bachmann beschreibt, sind keine rein historischen Zustände, sondern Muster: Macht, die sich als Intimität tarnt, Sprache, die entzogen oder manipuliert wird.
Heute offenbaren sich diese Strukturen unverhüllt: Entwertung, Grenzüberschreitung, Gewaltformen, die unsichtbar bleiben und doch spürbar tödlich wirken.
Bachmann hat diese Zusammenhänge früh erkannt, noch lange bevor sie gesellschaftlich benannt wurden. Und vielleicht ist gerade diese Klarheit heute wieder schwer auszuhalten.
Die Liebe ist bei Bachmann oft mit Zerstörung verbunden. Wie lieben wir nach ihr?
Vermutlich weniger naiv.
Bachmann nimmt der Liebe ihre Unschuld. Sie zeigt, dass sie kein geschützter Raum ist, sondern von Machtverhältnissen durchzogen.
Das bedeutet nicht, dass Liebe unmöglich ist, aber dass man ihre Bedingungen nicht ignorieren kann.
Für mein eigenes Schreiben heißt das: Mich interessiert nicht die Oberfläche von Gefühlen, sondern das, was darunter wirkt – das, was Beziehungen formt und auch deformiert – und was sich oft erst im Nachhinein als solches erkennen lässt.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunstimmer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Vielleicht nicht Martyrium, aber es ist eine Form von Konsequenz.
Bei Bachmann bedeutet Schreiben, sich keiner Illusion zu überlassen – auch nicht über sich selbst. Das hat einen Preis.
Es gibt eine Anekdote aus ihrer Zusammenarbeit mit Hans Werner Henze auf Ischia: dass er sie zeitweise regelrecht eingeschlossen haben soll, damit sie schreibt und liefert. So zugespitzt das klingt – es zeigt etwas sehr Konkretes über die Bedingungen, unter denen ihre Texte entstanden sind.
Ich erkenne darin auch etwas wieder: dieses Gefühl, mit dem Rücken zur Wand stehen zu müssen, damit eine Arbeit ihre nötige Schärfe erreicht.
Echte Qualität entsteht selten aus Bequemlichkeit. Mir selbst fällt das Schreiben eher schwer.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Nichts.
Ich glaube nicht, dass ihre Texte eine Ergänzung brauchen. Eher im Gegenteil: Sie fordern dazu auf, selbst genauer zu werden.
Aber ich wäre gerne mal mit ihr einkaufen gegangen, um gemeinsam über die „unheilbar kranken“ Männer zu lästern. Sie war ja bekanntlich sehr modeaffin und ein gebranntes Kind – und das bin ich auch.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Noch bevor mein erster Lyrikband veröffentlicht ist, arbeite ich bereits an einem neuen Projekt.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Das Gesetz von der Erhaltung der Energie ist nicht anwendbar auf mich. Ich bin die vollkommene Vergeudung, ekstatisch und unfähig, einen vernünftigen Gebrauch von der Welt zu machen.“ (aus „Malina“)
Herzlichen Dank für das Interview!
Ich danke dir, lieber Walter!

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Foto: Marion Margarethe Kecht _ privat.
Walter Pobaschnig, 26.3.26


















































































