„dass Bachmann Literatur als einen nicht abgeschlossenen Prozess begreift“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Olav Amende, Schriftsteller _ Leipzig 26.10.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Olav Amende, Schriftsteller _ Leipzig

Lieber Olav, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ingeborg Bachmann gehört zu den ersten Lyrikerinnen, denen ich begegnet bin. In der Schule hatten wir einige Gedichte von ihr behandelt. Jahre später las ich ihre Erzählsammlung „Das dreißigste Jahr“, dann „Malina“. Und einmal hörte ich während einer Autofahrt den Ausschnitt eines Hörspiels, dessen Sprache mich ungemein an sich zog. Daheim suchte ich im Netz nach dem Titel. Es waren „Die Zikaden“ von Ingeborg Bachmann.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ich habe den Eindruck, als oszilliere ihre Sprache zwischen den Zeiten und Räumen. Zuweilen könnte sie in der Antike angesiedelt sein oder im Fin de Siècle; gleich darauf wirkt sie auf mich, als seien die Texte nicht einmal in den 50ern bis 70ern verfasst worden, sondern erst in den 80ern, 2000ern, morgen.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Auf jeden Fall „Die Zikaden“. Ihre Gedichte sowieso. „Das dreißigste Jahr“, „Undine geht“. Und nun auch ihre Rede zum Büchner-Preis – dieses herrlich groteske Bild Berlins. Heiner Müllers Rede ist ja schon wild, aber diese hier … Berlin in den 60ern (oder von heute?) mit den Augen Lenz‘ auf den Kopf gestellt!

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Sie hat es allein schon in „Undine geht“ auf den Punkt gebracht. Sie hat sie treffend beschrieben, diese feigen, großmäuligen Typen in ihren Lederjacken, die sich ihre Frauen nehmen, um das Geld zusammenzulegen, um, wie Bachmann es schreibt, die Zukunft zu erhärten. Die Paarbeziehung als Unternehmerisches Selbst …

Auch muss ich an die Gewalt in „Malina“ denken, gleich zu Beginn, wenn die beiden Jungs den guten Glauben des Mädchens ausnutzen und es schlagen. Das ging mir ins Mark, dieses „Da, du, jetzt hast du es!“. Oder die Gewaltorgien des Vaters. Die Ich-Erzählerin spuckt dem Vater ins Gesicht, aber sie hat keinen Speichel; er ist unberührbar. Das schmerzt! Und letztlich die psychische und intellektuelle Unterdrückung, das Abdrängen bis hin zum Verschwinden in die Wand.

Zugleich formuliert sie, was oder wie sogenannte Männlichkeit sein könnte – wieder in „Undine geht“: „Zu loben sind eure Hände, wenn ihr zerbrechliche Dinge in die Hand nehmt, sie schont und zu erhalten wisst …“

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

In demselben Interview sagt Bachmann, die Krankheit und die Folter in „Malina“ ist die Krankheit unserer Gesellschaft, unserer Zeit. Die gilt es, auszukurieren. In der Interviewsequenz, in der Bachmann zu ihrem männlichen Gegenüber lächelnd sagt: „Die Männer sind unheilbar krank – wussten Sie das nicht?“ wird sie mir sehr sympathisch, weil sie ihm damit auf eine geschickte und charmante Weise auch sagt: Der toxische Mann leidet an seinem eigenen Toxikum. Das einzusehen, wäre ein erster Schritt hin zu einem Lieben.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Ja und nein. Ich kann Bachmanns Ausspruch „Ich existiere nicht, wenn ich nicht schreibe“ nachvollziehen und glaube ihr, dass sie es eben so empfunden hat. Oft finde ich aber, dass dieses „Man kann nur wahrhaft kreativ sein, wenn man leidet“ zur hohlen Phrase verkommt. Natürlich ist Schreiben, ist Kunst viel zu häufig mit prekärer Existenz verbunden; heute mehr denn je, wenn ich mir anschaue, wo derzeit als Erstes der Rotstift angesetzt wird. Aber das ist ja kein idealer Zustand; ganz im Gegenteil!

Zugleich hat das künstlerische Schaffen, hat das Schreiben etwas ungemein Erhebendes. Ich kann mit Worten erschaffen und mein Gegenüber – auf welche Weise auch immer – berühren, es zum Nachdenken bringen, oder zum Lachen …

Kurz: Kunst verstehe ich als Leiden-Schaft im doppelten Sinne.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Ein Aspekt, der mich an ihrer Art zu schreiben und auf das Schreiben zu blicken, fasziniert, ist der, dass sie Literatur als einen nicht abgeschlossenen Prozess begreift. „Was wir das Vollendete der Kunst nennen, bringt nur von neuem das Unvollendete in Gang“, sagt sie und betrachtet damit Literatur – und sicherlich die Kunst im Allgemeinen – vielleicht als etwas Zyklisches, jedenfalls nicht in der kapitalistischen Logik einer Linearität. „Es gibt in der Literatur keine Zielbänder“, sagt sie, „kein Überholen und kein Abfallen.“

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Gefragt hätte ich sie gern: Hätten Sie Ihre „Todesarten“ vollenden können, welches Vorhaben hätten Sie als Nächstes im Sinn gehabt?

Gesagt hätte ich ihr gern, dass ihr Schreiben ansteckend wirkt.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Gerade schreibe ich Texte für ein Musiktheaterkollektiv zum Themenkomplex Kernkraft / Kernwaffen / Kernfamilie. Zudem habe ich eine Sammlung kürzerer lyrischer Prosa begonnen und recherchiere für einen neuen, dann wieder längeren lyrischen Text, für ein neues Buch.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

„Wem es ein Wort nie verschlagen hat, / und ich sage es euch, / wer bloß sich zu helfen weiß / und mit den Worten – // dem ist nicht zu helfen. / Über den kurzen Weg nicht / und nicht über den langen.“ Wahrlich, Ingeborg Bachmann (1964)

Herzlichen Dank für das Interview!

Olav Amende, Schriftsteller

Zur Person/über mich: Olav Amende ist Schriftsteller, Regisseur und Performancekünstler. Er hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Leipzig studiert. Er schreibt und inszeniert Theaterstücke und veröffentlichte Texte in diversen Literaturmagazinen. Im Sommer 2022 erschien sein Langgedicht „abwesenheiten“ in der parasitenpresse. Im Sommer 2024 erschien sein Langgedicht „Flurstück 3587/3588. Gedicht auf ein Haus.“ bei hochroth. Im Frühjahr 2025 folgte sein Langgedicht „erosion“ in der parasitenpresse. Im Sommer 2026 erschien sein Buch „Gegengefälle“, das er gemeinsam mit Jascha Riesselmann verfasst hat, bei Trottoir Noir. Das Buch war für die Hotlist 2026 nominiert.

Website: Olav Amende 2.10.26

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Olav Amende _ Krišjānis Zelgis

Walter Pobaschnig, 28.9.2026

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 „Undine bricht mit dem Schwur“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Text & Performance _  Isobel Markus/Christiane Burghofer _ Berlin/Wien _ 25.10.2026

Undine geht _
Christiane Burghofer, Schauspielerin _ Wien _
Thematisch-szenisches Fotoshooting _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _ 
Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom) _
Walter Pobaschnig 8/23, folgende

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance

UNDINE GEHT_ Akrostichon

Text _ Isobel Markus, Schriftstellerin _ Berlin

Performance _  Christiane Burghofer, Schauspielerin _ Wien 

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

Undine geht _
Christiane Burghofer, Schauspielerin _ Wien _
Thematisch-szenisches Fotoshooting _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _ 
Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom) _
Walter Pobaschnig 8/23, folgende

UNDINE GEHT

Undine bricht mit dem Schwur

Nicht zurück in die Flut

Durch Städte zieht sie

Ihr Herz voll Sehnsucht

Nach Freiheit suchend

Ewig getrennt


Gefangen zwischen Liebe und Erwartungen und

Ernsthafter Emanzipation

Hans!

Trauma der Sprachlosigkeit

Isobel Markus, 24.3.26

Undine geht _
Christiane Burghofer, Schauspielerin _ Wien _
Thematisch-szenisches Fotoshooting _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _ 
Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom) _
Walter Pobaschnig 8/23, folgende

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance

UNDINE GEHT_ Akrostichon

Text _ Isobel Markus, Schriftstellerin _ Berlin

Performance _  Christiane Burghofer, Schauspielerin _ Wien 

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.

„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse in Macht und Zerstörung. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.

 Isobel Markus, Schriftstellerin _ Berlin
Christiane Burghofer, Schauspielerin _ Wien 

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto_Isobel Markus _ (c) Nathalie Claude.

Fotos: Undine geht _
Christiane Burghofer, Schauspielerin _ Wien _
Thematisch-szenisches Fotoshooting _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _ 
Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom) _
Walter Pobaschnig 8/23.

Walter Pobaschnig, 24.3.26

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„Ingeborg Bachmann – die vierte Dimension der Literatur“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Alida Bremer, Schriftstellerin _ Münster/D 25.10.2026

Ingeborg Bachmann _ Alida Bremer

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom um 1970

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Alida Bremer, Schriftstellerin _ Münster/D

Liebe Alida, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Für „Što je klasik?“ („Was ist ein Klassiker?“) – eine sehr beliebte Kultursendung im Kroatischen Fernsehen – habe ich vor 2 Jahren ein Porträt von Ingeborg Bachmann ausgearbeitet und dabei bemerkt, dass ihr Werk immer noch enorm inspirativ ist Što je klasik? Ingeborg Bachmann – HRT

Zum Beispiel beschäftigt mich seit vielen Jahren das bisweilen submissive Verhältnis von Übersetzerinnen (Frauen) zu berühmten Autoren (Männern). Zu solchen Beziehungen hat Bachmann wichtige Einblicke hinterlassen, die zu folgen sich auch literarisch lohnen würde. Ich kann mir einen Roman über eine Übersetzerin vorstellen, die sich durch eigenes Schreiben auf Bachmanns Spuren aus einer solchen Verbindung löst. 

Einige von Bachmanns Beobachtungen sind wieder aktuell geworden, etwa jene über den männlichen Willen zur Dominanz oder über der weiblichen Neigung zur Selbstverleugnung und Selbstaufgabe.

Aber vor allem finde ich ihre Sprachphilosophie wichtig samt ihrer beständigen Hoffnung, dass die Literatur eine sprachliche Selbstermächtigung ermögliche, die die Grenzen der vorgegebenen Welt aufzulösen imstande sei.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Mir kommt es vor, als habe Ingeborg Bachmann die Perspektive – den Standpunkt, aus dem gedacht, gesehen, gesprochen, gezweifelt wird – zu so etwas wie einer vierten Dimension der Literatur erkoren. Diesen essenziellen Gebrauch der Perspektive können wir in allen ihren Textarten beobachten, in der Lyrik, Prosa und Essayistik.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Ja, die Erzählung Undine geht.

Übrigens: Bei der Anrufung „Ihr Ungeheuer mit Namen Hans!“ muss ich an die stürmische See im deutschen Norden denken, die man dort „Der blanke Hans“ nennt. Das ist ein freier assoziativer Rahmen, ich weiß. Das letzte Kapitel meines Romans Tesla oder Die Vollendung der Kreise spielt sich in der Stadt Husum ab, in der „grauen Stadt am Meer“, wie der Dichter Theodor Storm seine Heimatstadt nannte, in der „Der blanke Hans“ waltet.

Alles in der Welt ist verbunden, alle Gewässer miteinander sowieso, und durch sie auch alle Landmassen, schließlich liegt auch Böhmen am Meer. Ob es in der Nordsee Undinen gibt, kann ich nicht mit Sicherheit wissen, aber vermutlich schon.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Im gegenwärtigen rechtsextremen politischen Spektrum gibt es Frauen, die bereitwillig die antiemanzipatorische Haltung ihrer männlichen Mitstreiter akzeptieren. Es handelt sich um die Wiederkehr der allmächtigen Ordnung der Väter, die Bachmann so gut kannte.

Doch angesichts des aktuellen Antisemitismus, der nicht nur von rechts, sondern auch von links und von den weltweit hyperaktiven Islamisten kommt, frage ich mich, ob Bachmann heute den Faschismus aus den Geschlechterverhältnissen auf ähnliche Art herauslesen würde wie damals. Mit ihrem Ägyptenbild und mit dem Fragment Der Fall Franza ist ihr keine Glanzleistung gelungen. Was ein Versuch war, der Dominanz der weißen Männer zu entgehen, ist doch zu einer orientalistischen Fantasie geworden, die die konkreten Frauen (und Männer) des Orients in ihrer Realität verfehlte.

Ein zentrales Motiv in Malina ist, dass das Opfer (die Erzählerin) die Schuld des Täters (des Vaters) internalisiert. Im heutigen westlichen akademischen Milieu ist der Gedanke ebenfalls verbreitet, dass der Westen mit seinen Vätern die Quelle allen Übels auf der Welt sei. Aber ausgerechnet Frauen übernehmen diese Schuld auf sich! Dieses Paradoxon ist ebenfalls in Malina angelegt, doch Bachmann konnte die fatale Weiterentwicklung der letzten Jahre nicht vorausahnen.

Um sich von der vermeintlich eigenen Schuld des Kolonialismus reinzuwaschen, verschließen diese selbstkritischen Frauen die Augen vor der misogynen Machtlust der islamistischen Männer. Sie übernehmen die Verantwortung und imaginieren diese Männer als Opfer ihrer selbst, weil sie ja „weiß“ seien. Das ist ein Schritt weiter von der Position, in der Bachmann den kolonialisierten Orient sah: In ihrer Vorstellung waren der Orient und die weißen Frauen zusammen Opfer der weißen Männer.

Auf dem rechten Spektrum wird indessen behauptet, die Geschichte und die Ideologie der weißen Männer samt ihrer ewigen Machtbestrebungen seien immer schon ganz richtig gewesen – und es gibt Frauen, die der These zustimmen.  

Die Soziologin Karin Stögner hat auf die Blindheit der westlichen Akademikerinnen verwiesen, die den Frauenhass der Islamisten nicht wahrnehmen wollen. Ich befürchte, dass auch Ingeborg Bachmann nicht frei von den Illusionen bzgl. der orientalischen vs. weißen Männer war. Die westlichen Feministinnen ignorieren die Misogynie im Globalen Süden, um ihr eigenes postkoloniales Weltbild zu schützen – sie ähneln der Mutter aus dem Roman Malina. In ihrer Wut auf weiße Männer hat auch Bachmann ein romantisiertes exotisches Ägyptenbild erschaffen, das man durchaus als kolonialistisch verblendet bezeichnen kann.

Für mich, die ich mit den Literaturen des Balkans sozialisiert wurde, mit den Volksepen, die von den Kämpfen gegen die osmanischen Eroberungen handeln sowie von dem notorischen Sklavenhandel am Mittelmeer, bei dem sich weder Christen noch Muslime mit Ruhm bekleckert haben, hört sich diese westeuropäische Illusion, die unsere südosteuropäische Erfahrung wie üblich vollständig ausblendet, befremdlich an. Ich wundere mich, wie wenig man in Österreich über die Geschichte und die Traumata der benachbarten Südosteuropäer weiß. Hätte Bachmann sich damit auseinandergesetzt, dann wäre sie bei ihrer Vorstellung von der Heilung in die nordarabischen Wüste weniger enthusiastisch. Sie hätte gewusst, dass das Patriarchat viel internationaler ist, als es aus der selbsthassenden westlichen Position aussieht.

In meinen balkanischen Lektüren gab es vor allem Werke, die von (weißen alten) Männern geschaffen wurden, die Frauen haben ja wenig schreiben können. Es war allerdings überall so; Virginia Woolf hat diesen Tatbestand in der Gestalt von Judith, einer fiktiven früh verstorbenen Schwester Shakespeares symbolisch verarbeitet.

Apropos Judith: Die kroatische Literatur beginnt mit dem Epos Judita (geschrieben 1501, veröffentlicht 1520) des Dichters und Gelehrten Marko Marulić aus meiner Geburtsstadt Split. Mit der Erinnerung an die biblische Witwe Judith, die den feindlichen Heerführer Holofernes tötet und die belagerte Stadt Betulia rettet, wollte er die christlichen Kroaten im Kampf gegen die vordringenden muslimischen osmanischen Eroberer stärken.

Diese Heldin Judita würde die heutigen postkolonialistischen Feministinnen nicht interessieren, da sie sich gar nicht vorstellen können, welche gewaltige Eroberungsmacht die Osmanen darstellten und da für sie die Christen per se den Westen und das Übel bedeuten. Genauso würde sie das Schicksal der Shakespeares Schwester Judith aus Woolfs Essay vermutlich nicht erschüttern, ist sie doch nur ein westliches Mädchen, das sich zudem der Zwangsheirat widersetzt (und nach London flüchtet, wo sie ein Theatermacher schwängert und sie Selbstmord begeht) – und gegen Zwangsheirat sagen sie selten ein Wort.

Wenn wir uns heute solidarisch mit den Flüchtlingen aus muslimischen Ländern zeigen, müssen wir dennoch nicht die Augen vor den historischen Eroberungen im Namen des Islams etwa in Byzanz oder auf dem Balkan verschließen, sonst denken wir kontrafaktisch und ahistorisch. Und wir sollen in unseren Sympathien für Migranten ihr Patriarchat dennoch nicht übersehen. Mathematisch ausgedruckt, wenn wir über die heutigen Geschlechterverhältnisse sprechen, sollen wir anstelle der Binarität von Westen und Globalen Süden ein Dreifaktorenmodell anwenden.

In den 400 Jahren nach jener imaginären britischen Zwangsheirat haben jedoch Frauen (und manche Männer) im Westen einiges bzgl. der gerechten Geschlechterverhältnisse erreicht. Das anzuerkennen wäre dringend notwendig.  Die heutigen manichäistischen – und reichlich naiven – postkolonialistischen Narrative, die leider von vielen Frauen bedient werden, darunter auch Schriftstellerinnen, bestürzen mich. Es kommt mir vor, als wären die emanzipatorischen Leistungen der Vergangenheit, um die sich auch Bachmann trotz ihrer orientalischen Verblendung mit ihrer Gesellschaftskritik verdient gemacht hat, aktuell gefährdet.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Ich kann gut nachvollziehen, warum Ingeborg Bachmann die Männer ihrer Zeit als unheilbar krank betrachtete, das war damals vermutlich eine treffende Diagnose. Es hat sich inzwischen zwar einiges geändert, es gibt Partnerschaften, die auf Respekt gebaut werden, aber es gibt leider immer noch viele Männer, die Ingeborg Bachmann als liebesunfähig betrachten würde.

Für Liebe und für Glück braucht es allerdings beide Seiten. Denn in diesem Zusammenspiel sind Frauen nicht ohne Verantwortung. Bachmanns Erforschung der weiblichen Ohnmacht und Mittäterschaft und der irrationalen Bereitschaft zur Unterwerfung kann uns helfen, das Verhängnis der unmöglichen Liebe besser zu verstehen.

Wir leben in einer Welt voller Widersprüche, in der es gewiss liebevolle Partnerschaften gibt, aber auch die verrücktesten Auswüchse der patriarchalen Muster, die nach links, rechts und zu den religiösen Traditionen ausschlagen, welchen ich nichts abgewinnen kann.

Das Verhalten von Frauen, die die misogynen Verhaltensweisen von Männern unterstützen, erinnert zuweilen an Mädchen auf dem Schulhof, die über die obszönen Witze ihrer Mitschüler lachen, damit sie zur Clique gehören dürfen; einige beeilen sich sogar, noch hässlicher über ihre Mitschülerinnen zu sprechen und sie zusammen mit den lautesten Jungs als Nutten oder als Nonnen zu verspotten – je nach dem, was in diesem von pubertierenden Hormonen strotzenden Milieu gerade als witzig gilt. Das kann man auch in der Hip-Hop- und in der Rap-Szene beobachten, in der sexistische Texte voller Vergewaltigungsfantasien keine Seltenheit sind und die angeblich auch von jungen Frauen gerne gehört werden – was ich mir eigentlich schwer vorstellen kann. Es handelt sich m.E. um eine Selbstverleugnung, die dem Mord am Ende von Malina entspricht.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Ich habe gerade in dem Essay Leuchtende Orangen. Rhodos – Insel des Helios von Lawrence Durrell einen Satz gelesen, der mir universell zu sein scheint: „Durch nichts kann man sich bei einfachen Leuten mehr Respekt verschaffen als durch Gedrucktes. Christ in die ärmste Aristokratie der Welt aufgenommen.“ (Christ ist ein griechischer Zeitungsdrucker, der spontan eine Glosse geschrieben hat, die in dieser Zeitung gedruckt wurde. „Am nächsten Morgen hatte sich sein Ruhm schon über das ärmliche Viertel, in dem er lebte, verbreitet.“)

Ich würde die künstlerische und vor allem die schriftstellerische Existenz nicht als ein persönliches „Martyrium“ bezeichnen, ganz im Gegenteil, ich denke, dass es sich einerseits um eine privilegierte – aristokratische, um es mit Durrell zu sagen – Tätigkeit handelt, die vom Wunsch nach Ruhm oder gar von narzisstischer Selbstliebe und Eitelkeit niemals ganz frei ist; das Negative äußert sich eher in der finanziellen Seite dieser Tätigkeit, die Durrell deutlich detektiert hat.

Ich glaube, dass der Wunsch, sich der Welt mitzuteilen und auf sie Einfluss zu nehmen, jene Kraft ist, die Künstlerinnen und Künstler bewegt. Das ist eher eine Form der Selbstermächtigung als des Märtyrertums.

Dass Ingeborg Bachmann sich so einsam fühlte, lag vielleicht nicht nur an ihrem schriftstellerischen Beruf, in dem sie anerkannt und erfolgreich war, sondern an ihren unerfüllten Sehnsüchten, die sie auch dann gequält hätten, wäre sie zum Beispiel Philosophieprofessorin geworden, mit einer geordneten akademischen Laufbahn.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Die Naturbilder, die mehr als Metapher sind, weil sie zur puren Mystik voller Wahrheit und Wirklichkeit werden.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich hätte sie gerne bei einem Glas Wein über ihr Rom ausgefragt. Sie hat viel über Rom geschrieben, aber nicht nur ist diese Stadt ewig, sondern die Möglichkeit des Erzählens über sie ist unendlich.

Im Jahr 1984/1985 habe ich mit einem Stipendium der italienischen Regierung bei Giuliano Manacorda an der La Sapienza zeitgenössische italienische Literatur studiert, und von dort bin ich nach Deutschland gekommen, zuerst nach München und dann nach Münster.

Münster war damals eine düstre und spießige Stadt, die sich inzwischen positiv verändert hat, so dass ich mich am Ende an sie gewöhnt habe, darüber habe ich hier geschrieben https://deburen.eu/magazine/op-zoek-naar-het-water (der Text ist auf Deutsch, Niederländisch und Englisch zu lesen) und ich hätte den Text gerne auch Ingeborg Bachmann vorgelesen, weil sie sich in Rom sowie mit Wanderungen, Grenzen, Grenzüberschreitungen, Fremde und Heimatlosigkeit auskannte.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich arbeite gerade an einem Roman, in dem es um Sommer und Sommerlieben in Dalmatien geht, aber betrachtet aus der Perspektive der Nachsaison. Es ist ein Roman über Nostalgie, die Adria, das Mittelmeer, Gezeiten, Liebe, Leben und Tod – das Übliche halt.

Dem Roman stehen zwei Motti voran, eines von Homer und eines von Shakespeare, das wunderbar zu der letzten Frage – zu dem von mir ausgesuchten Bachmann Zitat – passt:

Viola: „Welch Land ist dies, ihr Freunde?“

Schiffshauptmann: „Illyrien, Fräulein.“

Viola: „Und was soll ich nun in Illyrien machen?“

(Aus: Was ihr wollt)

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe
unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser,
und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen

Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,
wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.

Herzlichen Dank für das Interview!

Alida Bremer, Schriftstellerin

Zur Person/über mich: Biographie – Alida Bremer 10.10.26

Website: Alida Bremer

Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze

Foto: Alida Bremer _ privat

Walter Pobaschnig, 9.10.2026

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„Malina ist Himbeere ist Malina ist Himbeere ist ein“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Text & Performance _ Alida Bremer/Ino Matsou _ Münster/D/Wien 25.10.2026

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance am Originalschauplatz

MALINA _ Akrostichon

Text _ Alida Bremer, Schriftstellerin _ Münster/D

Performance _ Ino Matsou, Schauspielerin _ Wien

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

Ino Matsou, Schauspielerin _ Wien _ performing „Malina“ _
Originalschauplatz Wien _

Walter Pobaschnig 10/26, folgende

MALINA

M
alina ist Himbeere ist Malina ist Himbeere ist ein

Appetitliches Früchtchen, gar kein Mensch, den man

Lieben könnte, wobei es fraglich bleibt, ob

Ingeborg ihre Himbeere als einen Mann vernahm, und

Noch fraglicher, ob sie dabei an Liebe oder eher

An den hellroten saftigen samtigen Sog dachte.

Alida Bremer, 10.10.26

Ino Matsou, Schauspielerin _ Wien _ performing „Malina“ _
Originalschauplatz Wien _

Walter Pobaschnig 10/26, folgende

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance am Originalschauplatz

MALINA _ Akrostichon

Text _ Alida Bremer, Schriftstellerin _ Münster/D

Performance _ Ino Matsou, Schauspielerin _ Wien

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.

Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.

Alida Bremer, Schriftstellerin

Zur Person/über mich: Biographie – Alida Bremer 10.10.26

Website: Alida Bremer

Ino Matsou, Schauspielerin

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Alida Bremer _ privat

Fotos: Ino Matsou, Schauspielerin _ Wien _ performing „Malina“ _
Originalschauplatz Wien _

Walter Pobaschnig 10/26

Walter Pobaschnig, 9.10.2026

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„Sich und sein Tun hinterfragen, Haltung zeigen“ _ 5 Fragen _ Robert Petschar, Schriftsteller _ Feldkirch/Vorarlberg 24.10.2026

5 Fragen an Künstler:innen

Robert Petschar, Schriftsteller _ Feldkirch/Vorarlberg

 Robert Petschar, Schriftsteller

Lieber Robert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Regelmäßigkeit im Ablauf, gerne nach der Arbeit in der Natur; in den Bergen. Schreiben, malen,…

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eine lebenswerte Umwelt, die Jahreszeiten in der Natur zu erleben. Reflektierte Mitmenschen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Sich und sein Tun zu hinterfragen, Haltung zu zeigen.

Kunst und insbesondere Literatur kann Positionen aufzeigen.

Was liest Du derzeit?

Durs Grünbein „Der Komet“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Schauder“ Christian Morgenstern

Jetzt bist du da, dann bist du dort.

Jetzt bist du nah, dann bist du fort.

Kannst du’s fassen? Und über eine Zeit

gehen wir beide die Ewigkeit

dahin – dorthin. Und was blieb?…

Komm, schließ die Augen, und hab mich lieb!

1906

Vielen Dank!

Zur Person/über mich: Robert Petschar, geboren 1971 in Bludenz, aufgewachsen und wohnhaft in Feldkirch, Mitglied bei der Johann-August-Malin-Gesellschaft, schreibt autobiografische Texte, Prosa, Haikus, Feuilleton und Gebrauchstexte für Zeitungen. Seine Themenschwerpunkte sind Identität und Entwicklung. Literatur Vorarlberg | Petschar Robert 10.9.2026

Foto: Robert Petschar _ privat

Walter Pobaschnig, 12.9.2026

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„diamonds“ _ 100.Geburtstag Marilyn Monroe _ Text & Performance _ Valentina Himmelbauer, Schauspielerin _ Wien 24.10.2026

Marilyn Monroe _
Valentina Himmelbauer, Schauspielerin_Wien _ performing _
_Marilyn Monroe, Filmschauspielerin, Filmproduzentin,
Model * 1. Juni 1926 Los Angeles/USA +4. August 1962 ebenda_
Schloss Schönbrunn/Wien _
Walter Pobaschnig 7/26, folgende

100.Geburtstag Marilyn Monroe _

Text & Performance _ Schloss Schönbrunn/Wien

DIAMONDS _ Akrostichon

Text & Performance _ Valentina Himmelbauer, Schauspielerin_Wien

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

DIAMONDS

Diamant

Im

Auge

Marilyns

Ohne

Namen

Dein

Strahlen

Valentina Himmelbauer, 3.8.2026

Marilyn Monroe _
Valentina Himmelbauer, Schauspielerin_Wien _ performing _
_Marilyn Monroe, Filmschauspielerin, Filmproduzentin,
Model * 1. Juni 1926 Los Angeles/USA +4. August 1962 ebenda_
Schloss Schönbrunn/Wien _
Walter Pobaschnig 7/26

Zur Person/Valentina Himmelbauer: Website Actress | Valentina Himmelbauer

Alle Fotos: Walter Pobaschnig _ Schloss Schönbrunn/Wien 7/26

Walter Pobaschnig, 30.7.2026

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„Meerrettich mit Sauerkirschen“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Text & Performance _ Karl Johann Müller/Raffaela Kappel _ Vorarlberg/Wien 23.10.2026

Station bei Malina_
Raffaela Kappel, Schriftstellerin _ Wien_ performing _
Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _
Walter Pobaschnig 10/26 , folgende

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance _ am Originalschauplatz „Malina“

MALINA _ Akrostichon

Text _ Karl Johann Müller, Schriftsteller _ Vorarlberg

Performance_ Raffaela Kappel, Schriftstellerin, Wissenschaftlerin _ Wien

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

MALINA

M
eerrettich mit Sauerkirschen

Am Gaumen sammelt sich Protest

Lustvoll in Stiegenhäusern warten

In erotisch-magnetisierten Körpern

Nackte Geschmacksknospen ohne Orientierung

An falschen Worten hängen Hagebutten

Karl Johann Müller, 22.10.26

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance _ am Originalschauplatz „Malina“

MALINA _ Akrostichon

Text _ Karl Johann Müller, Schriftsteller _ Vorarlberg

Performance_ Raffaela Kappel, Schriftstellerin, Wissenschaftlerin _ Wien

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.

Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.

Karl Johann Müller, Schriftsteller

Zur Person: Karl Johann Müller, geb. 1960 in Bludenz, lebt in Vorarlberg, schreibt Kurzgeschichten und Lyrik seit 2013, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, Hauptpreisträger Hildesheim 2017 und Lyrik Preis International 2024, 2. Preis Lyrik beim Landschreiber Wettbewerb 2025, Einzelveröffentlichung: „Da war doch noch. Prosa trifft Lyrik – Edition ArtScience 2024

Raffaela Kappel, Schriftstellerin, Wissenschaftlerin

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Karl Johann Müller _ privat

Foto: Raffaela Kappel, Schriftstellerin _ Wien_ performing _
Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _
Walter Pobaschnig 10/26

Walter Pobaschnig _ 22.10.2026

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„wie können wir leben angesichts einer versehrten Welt“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Raffaela Kappel, Schriftstellerin _ Wien 23.10.2026

Ingeborg Bachmann _ Raffaela Kappel

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962 _ auf der Terrasse der gemeindsamen Wohnung mit Max Frisch

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

im Interview _ Raffaela Kappel, Schriftstellerin, Wissenschaftlerin _ Wien

Liebe Raffaela, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ingeborg Bachmann ist für mich eine Autorin, deren Schreiben um die Verletzlichkeit des Menschen kreist und die in ihrer Literatur die Frage stellt, wie wir leben können angesichts einer versehrten Welt. Eine Antwort darauf sucht und findet sie in der Sprache. Insofern finde ich Trost in ihren Texten.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Für Ingeborg Bachmann ist die Sprache Werkzeug zur Spiegelung von Machtbeziehungen. Dabei ist ihr die Sprache selbst verdächtig, da in der Sprache die Spuren eben jener Dominanzverhältnisse, gegen welche sich ihr Schreiben auflehnt, enthalten sind. in diesem Spannungsfeld zwischen Misstrauen und Rebellion bewegt sich Bachmanns Literatur.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Zuletzt habe ich nach langer Zeit wieder den Roman Malina gelesen, der davon erzählt, wie gesellschaftliche Machtverhältnisse und Gewalterfahrungen in intimen Beziehungen einander bedingen und ineinander eingeschrieben sind. Der Krieg ist im Text omnipräsent als universelle Bedrohung, die sich im Individuum, in den zwischenmenschlichen Beziehungen und im Gesellschaftlichen manifestiert.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Das Motiv der Versehrtheit ist zentral in Bachmanns Schreiben. In dieser literarischen Hinwendung zu Zerstörung und Leiden sehe ich die humanistische Bedeutung ihres Schreibens: Ihren Texten wohnt eine tiefe Sympathie für das Unterlegene und Besiegte inne, es wird eine literarische Haltung erkennbar, welche Heldentum und Sieg als Ursache des Übels begreift. Das ist bei aller poetischen Verfremdung auch eine klare soziale Haltung.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Nach Bachmann sind die gesellschaftlichen Zustände und die damit verbundenen Machtverhältnisse unseren Liebesbeziehungen eingeschrieben; insofern werden in ihren Texten privates Glück und Verhängnis auch in der gesellschaftlich bedingten Konstruktion ihres Gemacht-Seins präsentiert. Das Private ist somit in seiner politischen Dimension bedeutsam. Mechanismen von Unterdrückung und Unterwerfung, von Hingabe und Ablehnung werden in ihrer Doppeldeutigkeit und ihrer ambivalenten Dynamik gezeigt.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Für mich sind Kunst im Allgemeinen und autobiografisch motiviertes Schreiben im Besonderen stets eine Form der Auseinandersetzung mit Schmerz und mit Erfahrungen des Ausgesetzt-Seins. Diese Tätigkeit erfordert einerseits Distanz zum Gegenstand des Schreibens und anderseits die Fähigkeit zu Erinnerung, welche stets eine Konstruktion von Identität bedeutet. Schreiben ist für mich in vielerlei Hinsicht in letzter Konsequenz ein Akt der Selbstaufgabe und darin liegt Trost. Es gibt ein Zitat von Konrad Paul Liessmann, welches lautet: „Wenn nichts mehr geht, geht denken.“ Ich habe dieses Zitat für abgewandelt in den Satz: Wenn nichts mehr geht, geht schreiben.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Wie ich bereits anklingen habe lassen, schätze ich an ihren Texten die Zuneigung zu den Schwachen und den Schwächen. Da wird auf eine Weise Empathie artikuliert, die ohne jede Form der Moralisierung auskommt; ein Zugang, den ich gerade in der heutigen Zeit für bemerkenswert und bedeutsam halte.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich denke, dass ihre Literatur für sich spricht  und zu mir spricht und ich hätte wahrscheinlich eine Scheu davor, die Autorin selbst dazu zu befragen.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich arbeite aktuell an meinem Forschungsprojekt zum Thema der Grenzen und Möglichkeiten des Einsatzes von bildender Kunst in der Alphabetisierung von erwachsenen Migranten. Die Arbeit ist ein Versuch, Prozesse welche vor bzw. jenseits des Schreibens liegen sichtbar zu machen und wendet sich gegen die Infantilisierung von erwachsenen Menschen, welche am Beginn des Schriftspracherwerbs stehen. Hier sehe ich eine Verbindung zur Literatur von Ingeborg Bachmann, da ihren Texten eine immanente Skepsis gegen die Sprache innewohnt.  Diesem Unbehagen gegenüber der Sprache wie auch dem Bild als gesellschaftliches legitimiertes Ausdrucksmittel spüre ich in meiner Forschungsarbeit nach.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

„Ich denke, dass es spät ist.

Es ist unheilbar. Und es ist spät.

Aber ich überlebe und ich denke“ (aus Malina, Suhrkamp 2. Auflage 2026, S.45)

Herzlichen Dank für das Interview!

Raffaela Kappel, Schriftstellerin, Wissenschaftlerin

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Raffaela Kappel _ Station bei Malina/Originalschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 10/26

Walter Pobaschnig, 21.10.2026

https://literaturoutdoors.com

Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung. Behringer, Wolfgang. C.H.Beck Verlag.

2026. Der heißeste Sommer. Das Klima unseres Planeten wir mehr und mehr zum persönlichen wie politischen Thema mit ungewissen Ausgang.

Wesentlich sind dabei profunde Information, Diskussion und Handlungswege.

Der renommierte Historiker Wolfgang Behringer legt nun einen historischen Abriss zur Dokumentation und Erforschung der Kulturgeschichte des Klimas vor und gibt da eine fundierte wie gut lesbare Einführung mit vielen weiterführenden Hinweisen und Fragestellungen.

Die Stärke dieses Sachbuches ist es, dass historische Fakten, Quellen ins Licht gesetzt werden und von diesem wissenschaftlichen Befund aus Fragestellungen zur Gegenwart im Epilog gesetzt werden.

„Das Klima in seiner wechselvollen Kulturgeschichte umfassend dokumentiert und dargestellt.“

Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung. Behringer, Wolfgang. C.H.Beck Verlag.

Broschürt, 352 S., mit 44 Abbildungen

ISBN  978-3-406-84487-4

18 EUR

Walter Pobaschnig 9/26

https://literaturoutdoors.com

„Und wenn das Wasser kommt, muss ich fort“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Sigune Schnabel/Elisabeth Blutsch _ Düsseldorf/Wien 22.10.2026

Elisabeth Blutsch, Schauspielerin, Sängerin _ Wien _ acting „Malina“ _
Romanschauplatz „Malina“ Wien _ Roman, Ingeborg Bachmann (1971) _ 
Walter Pobaschnig 4/21, folgende

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance am Originalschauplatz

UNDINE GEHT _ Akrostichon

Text _ Sigune Schnabel, Schriftstellerin_Düsseldorf

Performance  _  Elisabeth Blutsch, Schauspielerin, Sängerin _Wien.

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

UNDINE GEHT

Und wenn das Wasser kommt, muss ich fort.

Nicht einmal

Die Nacht nimmt mich so fest

In ihre Arme. Alle Sätze sind

Nur Hall; sie ändern sich im Kopf.

Einmal versuchte ich, mich umzuschreiben als Frau,


Ging an Land und nahm mich selbst beim Wort.

Erleichtert lachte mein Gesicht, die

Haut erwachte, wurde weich in der Geschichte, beinah ein

Trost.

Sigune Schnabl, 15.6.26

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance am Originalschauplatz

UNDINE GEHT _ Akrostichon

Text _ Sigune Schnabel, Schriftstellerin_Düsseldorf

Performance  _  Elisabeth Blutsch, Schauspielerin, Sängerin _Wien.

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.

„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.

Sigune Schnabel, Schriftstellerin

Zur Person: Autorenseite Sigune Schnabel (sigune-schnabel.de)

Elisabeth Blutsch, Schauspielerin, Sängerin

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Sigune Schnabel _ privat.

Fotos: Elisabeth Blutsch, Schauspielerin, Sängerin _ Wien _ acting „Malina“ _
Romanschauplatz „Malina“ Wien _ Roman, Ingeborg Bachmann (1971) _ 
Walter Pobaschnig 4/21.

Walter Pobaschnig   15.6.26

https://literaturoutdoors.com