
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Jana Franke, Schriftstellerin _ Potsdam
Liebe Jana, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich habe lange nichts von Ingeborg Bachmann gewusst. In unserer Bildungsstrecke waren Brecht, die Griechen, Shakespeare, Goethe, Heine und Schiller unverfänglich. Christa Wolf, Maxi Wander. Sahra Kirsch, Heiner Müller in Grenzen, Peter Hacks verboten, Kleist unerwünscht. Der Oktoberclub erlaubt. Silly, Renft, Karussell, nun. Zusätzlich fand sich nichts in der profunden Bibliothek meiner Mutter. Ich tanzte und spielte am Theater und studierte. Erst als ich zweimal die Profession wechselte und Bückware aufgehoben war, als ich anfing zu schreiben, kam auch die Bachmann zu mir. Ich schrieb für WORT-WERK in Villach, der für den Kultstatus bekannten Bewerb, „Die Nacht der schlechtesten Texte“, der zeitgleich zum Bachmannwettbewerb und nur 40km entfernt stattfand. Kilic bemerkte, dass die Gedichte, die ich da eingefädelt hatte, derartig grottig sind, dass sie alleine dafür einen Sonderpreis erfinden müsse. Zu mir kam da „Die gestundete Zeit“, „Das dreißigste Jahr“ und „Malina“
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ihre Bilder, ihre Sprache und Ton sind unverwechselbar, eindringlich und nehmen den direkten Weg zu Body and Soul. Die Arbeit an dem Thema Selbstverleugnung im künstlerischen Sein in einer literarisch geprägten Liebesbeziehung, die Gleichberechtigung darin, wird von ihr aus verschiedenen Perspektiven und Lebenszyklen behandelt, über Malina hinausgedacht. Sie stoppte der eigene Tod.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Innerhalb der Die gestundete Zeit ist alles angelegt. Das ist in seiner komprimierten Form analytisch, durch ihre Stimme im Radio in die Welt kam, ist nicht nur literarisch, sondern auch in der Präsentation dessen für mich hervorzuheben. Deshalb habe ich mich in meinem Gespräch mit ihr in den Akrosticha in diesen Versen aufgehalten. Ingeborgs Werke vom Ende zum Anfang. Deshalb sind die Akrosticha für den Zusammenhang geschrieben, wie einzeln in sich geschlossen lesbar. Ein Bogen ihres Schaffens und ihrer Person. Einzig, Nein, nein du weißt es eben nicht., aus Malina, ein Kernsatz, meiner Meinung nach, für ihren Bearbeitungen und nicht umsonst am Ende ihres literarischen Lebens geschrieben.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Schauen wir auf das momentane politische Parkett, die Kriege, das Menschenleben keinerlei Bedeutung haben, Flora wie Fauna ausgebeutet werden, Schutzorganisationen die Gelder gestrichen …, erübrigt sich die Frage. In jeder Zeit, das gleiche Spiel. Da führt es nun unweigerlich zur Frage: Ist es im menschlichen Erbgut angelegt? Ja.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Ja, daran habe ich mich immer gestoßen. Nein, das finde ich nicht. Für mich ist das in dieser Allgemeinheit falsch. Ein bestimmtes Charakterbild von Mann (Frauen sind da nicht ausgeschlossen), eine krankhafte Geltungssucht, ein Ichbezogen, empathielos, selbstgefällig, herabwürdigend, plagiieren, haben wir alle sicher schon erlebt. Ja da sollte sich Jede:r von entfernen. Hier ist die zeitliche Einordnung und die Position in der die Bachmann sich befand, zu bemerken. Im tiefsten 50iger Jahre Patriachat, heute auch in der Politik in Duktus, Haltung und Gesetzentwürfen erlebbar, wird eine lyrische weibliche Stimme von Männern bepreist. Ein Paradox und der Wille, patriarchale Normen der Männer zu überwinden. Die Arbeit, die Fähigkeit hat sie dahin geführt. Ob sie da nun was fallen ließ, um Aufmerksamkeit und den Heldenmechanismus der männlichen DNA anzukurbeln oder nicht, es waren ihre Gedichte, ihre Stimme, ihre Performance. Es war auch ihr strategisches Vorgehen, dass eben Mut erforderte. Mut sein Inneres zu zeigen. Ihre Zartheit auch. Warum auch nicht.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
In der Vorhalle der Hölle, ja. Wenn der Gedanke noch nicht geboren ist, ja, aber dann nicht mehr. Das Martyrium besteht im Nicht_bezahlt_werden_für_die_Arbeit. Gibt’s in keiner Branche, dass man schreiben soll für null overt, um mal weltlich zu werden. Ich muss nicht schreiben, ich will schreiben. Ich will mich in diesem künstlerischen Mittel ausdrucken, will performen, will mit anderen Künstler:innen zusammenarbeiten, will mit Menschen arbeiten. Ich muss zusehen, wie ich als Selbständige die Schreiberei finanziell kompensiere. Geht das nicht mehr, muss ich erstmal aufhören zu schreiben, weil ich und meine Familie sonst verhungere. Das ist mein Martyrium. Ich muss nicht unglücklich sein, um schreiben zu können.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ingeborg, wir sind jetzt viel viel mehr Solistinnen. Kannst dich anschließen. Sucht Frau nach anderen Männerbildern, gibt es die jetzt bedeutend mehr als zu deiner Zeit. Liebe kann gleichberechtigter gelebt werden.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich schreibe, recherchiere, interviewe zu dem kulturhistorisch-touristischen Reiseführer für die Märkische Schweiz für den Findling Verlag. Schreibe und denke an zwei lyrischen Manuskripten zu unterschiedlichen Themen, bereite für nächstes Jahr einen Halbjahresworkshop im Kreativen Schreiben für den Friedrich-Bödecker-Kreise vor, bereite szenische Lesungen mit anderen Künstlern vor und bin stetig offen für die Projekte die kommen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Ein Brausen von Worten fängt an in meinem Kopf und dann ein Leuchten. Mich erfasst später eine tiefe Ruhe und Klarheit nach dem Brausen und dann schreibt es aus mir heraus und die Arbeit beginnt.
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person/Website: janafranke . potsdam – autorin (4.8.26)
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Jana Franke _ privat
Walter Pobaschnig, 4.8.2026

























































