„Es ist wesentlich seinen Platz in dieser Welt zu finden“ Verena Spiesz, Schauspielerin _ Wien 27.5.2022

Liebe Verena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe keinen typischen Tagesablauf, da jeder Tag anders ist. Es kommt darauf an, ob ich Proben oder einen Dreh habe, zu einem Casting eingeladen bin, abends Theater spiele oder auf eine Premiere gehe.

Verena Spiesz, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geduld und Verständnis füreinander in diesen unsicheren Zeiten. Nicht jeder tut sich damit leicht und Reaktionen fallen vielleicht emotionaler aus als gewöhnlich.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Es ist wesentlich seinen Platz in dieser Welt zu finden. Die Kunst an sich kann Orientierung bieten, indem sie die richtigen Fragen stellt. Und man muss nicht für alles sofort eine Antwort haben.

Was liest Du derzeit?

„Seelenmusik“ von Marcus Becker

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wer nicht in die Welt zu passen scheint, der ist immer nahe dran, sich selbst zu finden.“ Hermann Hesse

Vielen Dank für das Interview liebe Verena, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Verena Spiesz, Schauspielerin

Foto_Volker Schmidt.

4.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Chloroform auf den mund des krieges“ Reinhard Lechner, freischaffender Autor und Übersetzer _ Give Peace A Chance _ Würzburg/D 27.5.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gewehren blumen einhalsen

Ihr könnt bleiben

Venezuela, 2022

Es ist eine welt



Politisch: jede hundertstel sec.

Einen traumkorridor graben

Afghanistan, 2022

Chloroform auf den mund des krieges

Es ist eine welt



ANTIWAR



Chloroform auf den mund des krieges

Haiti, 2022

Aethiopien, 2022

Nigeria, 2022

Chloroform auf die münder aller kriege

Es ist eine Welt: Ukraine, 2022

Reinhard Lechner , 18.5.2022

Reinhard Lechner, freischaffender Autor und Übersetzer

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Reinhard Lechner, freischaffender Autor und Übersetzer

Foto_Susanne Schäflein.

Walter Pobaschnig _ 18.5.2022

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„den Geschichten und Perspektiven auf unsere Gegenwart Raum zu geben“ Marie Bues, Regisseurin _ Berlin 26.5.2022

Liebe Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das kommt ganz drauf an, ob ich grade in Proben bin oder zuhause in Berlin. Wenn ich probe ist viel los, ich mache ein bisschen Yoga, wenns gut läuft morgens und probe dann von 10-14h und im Anschluss hab ich manchmal noch einen Zoom oder ein Treffen mit meinen Kolleg:innen, mit denen ich nun das Schauspielhaus Wien ab der Spielzeit 23/24 vorbereite. Dann ist hoffentlich am Nachmittag auch mal ein wenig Pause und am Abend probe ich oft weiter, oder betreue eine Vorstellung. Wenn ich nicht probe habe ich mehr Zeit mit meiner Tochter und manchmal gibt es Festivaleinladungen oder Jurytreffen- im Grunde kann man sagen- meine Tage sind sehr unregelmäßig und immer ein bisschen überraschend und anders.

Marie Bues, Regisseurin, Intendantin_
designierte künstlerische Co-Leitung Schauspielhaus Wien
 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich habe das Gefühl wir sind in sehr intensiven politisch zugespitzten und radikalisierten Zeiten momentan. Ich glaube in solchen Zeiten ist es wichtig dass wir unsere Wirklichkeit sehr differenziert wahrnehmen, unseren Mitmenschen zuhören, und ihre Perspektiven verstehen lernen. Wir können versuchen solidarischer miteinander zu sein und nicht der Tendenz nachgeben zu verallgemeinern, damit verstärken sich Konflikte nur. Es sind Zeiten, die nach mehr Verständnis füreinander rufen..

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich glaube die Rolle der Kunst ist es momentan, den Geschichten und Perspektiven auf unsere Gegenwart Raum zu geben, und verständlich zu machen, dass wir in all unserer Unterschiedlichkeit näher beieinander sind als wir denken. Die Kunst kann unmittelbare Entwicklungen in unserer Gesellschaft reflektieren und auch allgemeinere Themen differenziert beleuchten. Wenn sich die Kunst und die Theater etwas mehr öffnen und mehreren Perspektiven, partikularen Geschichten Raum geben, können sie Gemeinschaften gründen, kann für gerechtere und utopischere Modelle werben und uns so empowern und Hoffnung geben diese Denkweisen in den Alltag zu tragen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade Kudos von Rachel Cusk. Das Buch ist Teil der Outline Trilogie – einer weiblichen Odyssee im 21. Jahrhundert. Es geht um Verluste und Lebensmodelle, um den Verlust des Bildes das man von seiner Zukunft hatte, und um Weiterentwicklung. Das alles ist Teil einer Transformation, die die Hauptfigur durchmacht, eine Metamorphose der mittleren Jahre, ein sich ablösen von tradierten Rollenbildern, die leider auch in der Moderne noch unser Denken und unser Lieben bestimmen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“ich bin im Grunde immer tobsüchtig über die Verharmlosung“, Elfriede Jelinek

Vielen Dank für das Interview liebe Marie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Marie Bues, Regisseurin, Intendantin_
designierte künstlerische Co-Leitung Schauspielhaus Wien

www.theaterrampe.de
www.mariebues.de

Foto_Felix Grünschloss

16.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gleich nach meiner Geburt als“ Carl-Christian Elze, Schriftsteller _ Give Peace A Chance _ Leipzig 26.5.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gleich nach meiner geburt als

Ich anfing zu dieser welt voller menschen

Vertrauen zu fassen

Endete mein vertrauen



Paläste voller ängste, wörter

Eine sprache, die die hölle erfindet, möbliert

Abermillionen fiktionen: nationen, religionen, institutionen, geld

Christus hilft weiter, nicht weiter

Endet im blutrausch tausend weiterer napoleonischer storys



Atmen. immer noch atmen. für einen letzten versuch:



Change. gamechanger. XY-reduktion, entgiftung

Halbierung, nein, senkung auf 5 später 0,5 %

Atomwaffenfreie mütter und töchter

Nicht harmonie, aber überleben

Christus bittet alle männer:

Endet mit mir!



Carl-Christian Elze, 16.5.2022

Carl-Christian Elze, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Carl-Christian Elze, Schriftsteller

https://carl-christian-elze.de/

Foto_Sascha Kokot

Walter Pobaschnig _ 16.5.2022.

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„Ich finde bei Bachmann die Dringlichkeit wieder, die auch mich zum Schreiben trieb“ Corinna Antelmann_Schriftstellerin _ Station bei Malina _Wien 25.5.2022

Corinna Antelmann_Schriftstellerin _
Romanschauplatz _ Malina _Ingeborg Bachmann _ Wien 

Liebe Corinna, wir sind hier an persönlichen wie literarischen Bezugspunkten der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann in Wien. Ist es auch in Deinem Schreiben so, dass Du Lebensorte als Ausgangspunkte aufnimmst?

Lange Zeit habe ich meine Figuren nicht verortet; sie lebten in ihrer eigenen Welt, oftmals mehr an ihre Vorstellung von als an die Welt selbst gebunden. Das Spiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Traum und Realität, die Annahme eines Dazwischen, ist ein Thema, das in meinem Schreiben immer wieder aufscheint.

Mehr und mehr kamen dann doch konkrete Städte in die Geschichten, oftmals erst, nachdem ich selbst sie verlassen hatte: Hamburg wurde Spielplatz, als ich bereits in Österreich wohnte, meine Geburtsstadt Bremen erst zwanzig Jahre nach meinem Weggang; nur Linz hat sich zeitgleich festgeschrieben in einem meiner Romane, als ich noch vor Ort lebte. Dahingegen schrieb ich in meinem neuen Roman Barcelona Dream über Barcelona, obwohl ich zuletzt als Achtzehnjährige dort gewesen war. Die Stadt drängte sich mir während eines Aufenthalts in der Bretagne in einen Traum, in dem Madrid am Meer lag, sodass ich meine fiktive Handlung kurzerhand nach Katalonien verlegen musste. Erst nach Beendigung des Manuskriptes fuhr ich Tatsächlich vor Ort, um zu überprüfen, inwieweit Traum und Text mit der Wirklichkeit korrespondieren. „Ich werde“, so drückt es meine Protagonistin aus, „durch die Stadt schlendern und die Fiktion an der Wirklichkeit überprüfen.“ Und weiter: „Jeder Ort hat seinen Traum, und mit diesem Ort bin ich der Wirklichkeit meiner Träume womöglich näher gerückt, als ich es jemals zuvor war.“

Die Wirklichkeit folgt der Vorstellungswelt. Oder anders: Sie wird den Vorstellungen gemäß angepasst. In diesem Sinne sind Orte für mich ein Gefäß, das ich füllen darf. Ich nenne das für mich meinen magischen Realismus oder, wie Reinhard Ehgartner in einer Rezension zu dem Roman Hinter die Zeit schrieb, der in einem nicht näher bezeichneten Ort in Tschechien spielt: „Historisches, märchenhaft Archetypisches und gegenwärtige Lebensrealität verlieren ihre Grenzen und beginnen ineinander zu gerinnen.“

In Deinem 2018 erschienen Roman „Drei Tage Drei Nächte“ geht es um einen inneren Rückzug einer Frau in Reflexion und Erkenntnis in radikaler Weise. Siehst Du Dich da auch dem literarischen Weg Ingeborg Bachmanns verbunden?

Ich lese Ingeborg Bachmanns Literatur als einen Versuch, immer tiefer in Sphären vorzudringen, in denen es sich selbst zu ergründen gilt, und dabei gleichsam auf der Suche nach einem Begreifen von Welt zu sein, das möglicherweise allein über den Weg der Selbsterkenntnis möglich ist. Also ja: Ich fühle mich verbunden. Unbedingt.

Wie sie glaube ich an die Notwendigkeit, das Denken zu erlernen, zu erproben und mit Hilfe dieses Denkens zu versuchen, das, was wir fühlen und vorfinden, zu durchdringen und Veränderung herbeizuführen. Ohne die Bereitschaft, sich dem Schmerz und dem Nicht-Verstehen-Können zu öffnen und sich den Fragen auszusetzen, auf die es keine eindeutigen Antworten geben kann, werden wir vermutlich keine neuen Formen des Miteinanders entwickeln. Auch nicht zwischen Mann und Frau. Und dafür braucht es wohl die Introspektion, das Ausdifferenzierte, den gelegentlichen Abstand.

Ich vermeine in den Texten die mir bekannte Empfindung wiederzufinden, sich der Welt gegenübergestellt zu sehen, statt Teil von ihr zu sein, auch das Gefühl, an ihr zu leiden manches Mal, und doch den Glauben an den Menschen als solchen nicht zu verlieren. Diese Erfahrung fließt  in mein Schreiben ein, während ich zugleich versuche, wieder und wieder eine Brücke zu bauen, in Verbindung zu treten, aus der (auch häuslichen) Isolation herauszutreten. Sprache kann ein Brückenbauer sein und zu einer Form der Verständigung führen. Der Verbindung auch.

Und ich finde bei Bachmann die Dringlichkeit wieder, die auch mich zum Schreiben trieb. Ihr verdanke ich die Erfahrung, dass es möglich ist, eine Sprache für das zu entwickeln, was in uns vorgeht und weiter vordringen zu können in die Tiefen der menschlichen Psyche. Das allein ist ein Grund, warum es lohnt, die tagtägliche Plackerei auf sich zu nehmen, wie es Christa Wolf in Bezug auf das Schreiben ausdrückt.

Von Bachmann kam ich zu Elfriede Jelinek, und diese drei Frauen, Bachmann, Jelinek, Wolf gaben mir den letztgültigen Impuls, Literatur zu wagen. Mit ihnen habe ich die Aufnahmeprüfung an die Universität bestritten, um aus dem Traum, Schriftstellerin zu werden, Wirklichkeit werden zu lassen, frei nach oben genanntem Motto: Die Wirklichkeit folgt dem Traum.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Nachdem es mir in meiner Kindheit und Jugend erfolgreich gelungen ist, mich beim Lesen und Filmeschauen von meinem Geschlecht zu entkoppeln und mich ausschließlich mit den männlichen Autoren und deren Protagonisten meiner Lektüre zu identifizieren, offenbarte mir Bachmann einen Einblick in innere Verstrickungen, von denen ich nicht gewusst hatte, dass andere sie teilen: Die Erfahrung der Abhängigkeit von der Anerkennung der Männer, die zugleich über Aufnahme in das künstlerische und intellektuelle Leben in unserem Kulturraum entscheiden, der Sturz ins Verstummen der eigenen Stimme; das Trudeln zwischen Subjekt-Sein-Wollen und als Objekt gebraucht zu werden; das Infragestellen der eigenen Leistung, ja des eigenen Seins, die schmerzhafte Variante des Zwischen-den-Welten-Stehens, der Riss in der Wand, in dem die (schreibende) Frau verschwindet, weil sie nicht wahrgenommen wird.

Ingeborg Bachmanns Aversion gegen Frauen, Berührungen von Frauen, vollziehe ich nach und dennoch schmerzt sie mich zutiefst, bedeutet das doch nichts anderes als die Abwertung der eigenen Existenz als Frau, die sich aus der Erfahrung eben dieser Abwertung speist. Ich bin froh, mit den Jahren eine größere Wertschätzung entwickelt und vermutlich erfahren zu haben, allein: Es bleibt Platz nach oben.

Wir sind hier am Romanschauplatz „Malina“. Wie bedeutsam ist dieser Roman für Dich bzw. die Literatur?

Malina war eines der wichtigsten Bücher meiner Lesebiografie. Der Roman öffnete mir den Zugang zu einer Literatur, nach der ich zuvor gesucht hatte, ohne es zu wissen. Bachmanns Unerschrockenheit, ihr Sich-Ausliefern in Verbindung damit, Beobachtungen, Gedanken, auch Verletzungen, in kunstvolle Sprache zu übersetzen, die dem Individuellen eine allgemein menschliche Wahrheit verleiht, habe ich bewundert. Wochenlang bin ich durch Bremen gestreift, auf der Suche nach einer VHS-Kassette mit der Verfilmung des Romans, das Drehbuch aus der Feder von Elfriede Jelinek.

Heute, nach nochmaliger Lektüre, lese ich ihre Bücher mit einem veränderten Blick. Der Horizont ist erweitert, Ahnungen sind um Erfahrungen bereichert, die ich als Jugendliche noch nicht teilen konnte, die eine davon: In Österreich zu leben. Unverändert bleibt die Wirkung der Sprache auf mich, das unmittelbare Verstehen von dem dort Geschriebenen, oder dem, was ich zu verstehen meine, und wie verstanden ich mich selbst fühle darin. Und das ist auch ein Aspekt, den Literatur zu leisten imstande ist.

Daneben verstehe ich Literatur als Möglichkeit, Einblicke zu gewähren, Menschen zu zeigen, ihnen eine Sprache zu geben mit allem und für alles, was den einzelnen Menschen ausmacht. Sie kann Perspektiven einnehmen, Ambivalenzen beschreiben, Fragen aufwerfen, preisgeben, was oftmals versteckt bleibt.

Vielleicht erreicht mich Malina nun noch unmittelbarer als jemals zuvor, fühle ich den Inhalt stärker, als dass ich über ihn nachdenke. Und manches Mal verspüre ich beim Lesen auf einmal den Impuls, dem ICH hinauszuhelfen aus der Selbstzerstörung, die unentwegt mitschwingt und das erzählt mir, dass sich in den letzten fünfzig Jahren doch etwas verändert hat. Das Leben gibt Ingeborg Bachmann Recht: Es lohnt sich, zu denken und dieses Denken schreibend zu entfalten, auf dass es sich im Körper des Schreibenden und Lesenden niederlässt. Literatur öffnet den Raum zum Verstehen und Weitergehen, also tatsächlich in die Möglichkeiten zur Veränderung hinein.

Hier zeigt sich für mich ihre wahre Kraft.

In Deinem 2015 erschienen Roman „Hinter der Zeit“ spielt Geschichte und persönliche Gegenwart eine wesentliche Rolle. Wie bedeutsam ist Geschichte und Psychologie in Deinem Schreiben?

Mein ursprünglicher Wunsch war tatsächlich, Psychologie zu studieren. Einen Studienplatz hatte ich bereits, als ich mich entschied, es allen Unkenrufen zum Trotz mit dem Schreiben zu probieren und Literatur zu studieren. Das Interesse an inneren Vorgängen, an der Psychoanalyse, der Antrieb, verstehen zu wollen, warum wir uns wie verhalten, ist mir geblieben, und ich lese nach wie vor mit Begeisterung psychologische Fachliteratur.

Gerade beschäftigte ich mich wieder einmal mit Sigmund Freud, da ich für das Alsergrunder Literaturstipendium einen Text mit Motiven aus dem Leben Anna Freuds verfasste. Und kaum schlage ich eines der Werke von Freud auf, fühle ich mich augenblicklich zurückkehren zu dem, was mir einst vertraut war, vertraut wie der Wunsch, tiefer in den Menschen hineinzudringen und hervorzuholen, was dort vor sich geht. Das kann Literatur besser als alles andere: ein Schlüssel zum Unbewussten sein, und da sind wir wieder bei Christa Wolf, die sich diesem Schlüssel bedient hat, wie viele andere es ebenfalls getan haben, ohne es so zu bezeichnen. Auch Bachmann.

Auch für Geschichte interessiere ich mich in erster Linie unter diesem Aspekt: Welche Auswirkungen hat die Geschichte auf uns, also wieder auf das Gefühlsleben auch späterer Generationen, auf die Selbstwahrnehmung, das Verständnis von Welt, von Gut und Böse.

In diesem Sinne folgt HINTER DIE ZEIT der Idee einer systemischen Aufstellung, um ein transgenerationales Trauma aufzudecken.

Der Roman „Hinter der Zeit“ hat auch ein bemerkenswertes Coverfoto. Wie kam es dazu?

Mein damaliger Verleger Jürgen Schütz und ich sind beim Surfen im Internet darauf gestoßen. Bei dem Versuch, ein geeignetes Cover zu finden, telefonierten wir, während wir uns durch etliche Bilder klickten, und bei dieser Fotografie von Heather Evans Smith innehielten. Glücklicherweise konnte ich ihn überreden, die Rechte daran für die Verwendung als Buchcover zu erwerben.

Ich wollte es unbedingt!

Für mich bildet die Fotografie den Zustand meiner Protagonistin bestmöglich ab, als sei sie eigens auf den Text hin produziert. Das zeigt somit vermutlich wieder nur, dass die Zustände eines einzelnen Menschen eben keine Einzelerscheinungen sind.

Wie war Dein Weg zur Literatur und welche Schwerpunkte gibt es da?

Seit ich schreiben kann, schreibe ich bereits Geschichten, ohne in erster Linie Geschichten erzählen zu wollen als vielmehr eine innere Reise, die Gefühle, Gedanken, Erfahrungen miteinschließt. Lange Zeit fürchtete ich, dass ein Schreiben, das nicht in erster Linie „erfindet“, sondern beschreibt, nicht möglich und „erlaubt“ ist, sondern ich so schreiben müsse wie andere (Männer) es taten.

Eine eigene Sprache zu finden und mich dem Sichtbarmachen psychologischer Vorgänge zu widmen, das war mir immer Wunsch und Antrieb. Die Entwicklung meiner Figuren, ihr ganz eigener Weg und Erleben bildet sich jeweils in der äußeren Handlung ab.

Das, was mich am Schreiben interessierte, fand ich dann in der Literatur von den bereits genannten Schriftstellerinnen wieder, aber auch bei Borges, Kafka, den Romantikern, hier vor allem ETA Hoffmann, deren Subjektempfinden nicht zufällig die Entdeckung des Unbewussten durch die Psychoanalyse Freuds begreifen und erklären hilft. Überall dort, wo sich der Ausdruck menschlicher Zerrissenheit findet.

Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?

Ich habe begonnen, an ersten Entwürfen zu einem Manuskript zu arbeiten, aus dem sich wohl ein Roman entwickeln wird. Ich erzähle hier aus der Perspektive eines jungen Mannes vom Oszillieren zweier Menschen zwischen Nähe und Distanz.

In diesem Text gibt es übrigens einen konkreten Ort, der auch für mich eine Bedeutung hat: Mein Protagonist zieht sich in die Einsamkeit des nordfriesischen Wattenmeers zurück und versucht über die Entfernung hinweg in einen stummen Dialog mit seiner Freundin zu treten – ein Gegensatz, der sein Verhältnis zu ihr widerspiegelt und ihn während der einsamen Spaziergänge im Watt nicht nur der Flut entgegentreibt, sondern auch dem Schmerz um den Verlust der Beziehung zu seinem Bruder.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Wien?

Bevor ich von Hamburg, beziehungsweise aus dem Ammerland, nach Linz zog, war ich weder einmal in Wien noch überhaupt je in Österreich gewesen. Nun lebe ich bereits seit sechzehn Jahren in Oberösterreich und der Liebe wegen zieht es mich auch regelmäßig nach Wien, in die Museen, ins Burgtheater.

Seither lese ich die Texte österreichischer AutorInnen wieder, es kommen neue hinzu, und beim Arbeiten an dem Freud-Text bin ich erstmals auch in der Berggasse 19 gewesen. Und jetzt in der Ungargasse. So finde ich sie wieder, die alten Bekannten. Und neue finde ich durch Workshops, die ich im Auftrag von FC Gloria abhalte – Thema: weibliche Rollenvorbilder …

Welche Eindrücke nimmst Du vom „Ungargassenland“ Ingeborg Bachmanns mit?

Von der Höhe in die Tiefe in die Höhe. Und vom Gewölbe in Ivans Haus staubige Schuhe. Aber: „Ein Tag wird kommen, an dem die Menschen schwarzgoldene Augen haben, sie werden die Schönheit sehen, sie werden vom Schmutz befreit sein und von jeder Last.“

Eigentlich wollte ich mir noch die Himbeere pflücken und sie mitnehmen, damit sie bei mir wohnt, aber der Regen war zu stark.

Und: Hinter dem Riss gibt es Licht.

Darf ich Dich abschließend zu einem Ingeborg Akrostichon bitten?

Inwendige

Neugier

Geht

Einher mit dem

Bemühen, die Welt zu verstehen

Oder auch den

Riss zu kitten, der uns zu töten

Gedroht hat

Corinna Antelmann_Schriftstellerin _
Romanschauplatz _ Malina _Ingeborg Bachmann _ Wien 

Vielen Dank, liebe Corinna, für Deine Zeit in Wort und Bild bei „Malina“, alles Gute für alle Projekte!

Station bei Malina_Roman Ingeborg Bachmann_Wien_1971

im Interview und Fotoportrait_

Corinna Antelmann_Schriftstellerin

Startseite – Corinna Antelmann bloggt (corinna-antelmann.com)

Interview und alle Fotos__Romanschauplatz _ Malina_Wien _Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 5_22

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„Theater als ein Ort der Möglichkeiten und Utopien, der uns ein bisschen aus der Hoffnungslosigkeit und Schwere reißt“ Miriam V.Lesch, Schriftstellerin _ Wien 25.5.2022

Liebe Miriam, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Letzte Woche war ich mit meinem Theaterstück „Wald“ beim Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Es war sehr intensiv jeden Tag zwischen zwei bis drei Theaterstücke und Lesungen zu besuchen und sich mit den anderen Künstler:innen auszutauschen.
Normalerweise ist mein Alltag aber ziemlich ruhig: Ich stehe früh auf, trinke Kaffee, lese ein bisschen und setze ich mich dann an den Schreibtisch. Die ersten Stunden am Tag sind meine kreativen Stunden. Wenn ich an einem Text arbeite, fällt es mir schwer notwendige Pausen einzulegen, mein Hund erinnert mich zum Glück in den richtigen Abständen daran. Wir sind da ein eingespieltes Team.

Miriam V.Lesch, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ganz allgemein brauchen wir, glaube ich, einen Perspektivenwechsel, bzw. mehr Achtsamkeit, Solidarität und Respekt für alle (Menschen, Tiere und Pflanzen), die keine oder zu wenig Plattform und Sprache in unserer Gesellschaft haben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich glaube nicht, dass Theater oder Kunst einen Krieg beenden oder die Erderwärmung stoppen kann. Dafür ist politischer Einsatz und politische Arbeit notwendig.
Für mich kann Kunst aber etwas Anderes schaffen: neue Perspektiven eröffnen, Blickwinkel verändern, uns in einen visionären Raum einladen. Das finde ich wirklich besonders, denn was wir nicht denken oder uns nicht vorstellen können, können wir sicher nicht umsetzen. Theater, unter anderem, als ein Ort der Möglichkeiten und Utopien, der uns ein bisschen aus der Hoffnungslosigkeit und Schwere reißt, das fände ich jetzt wichtig.

Was liest Du derzeit?

Ich recherchiere gerade für einen neuen Text und lese deshalb ganz viel Fachliteratur.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Erschrick nicht, Birk“, sagte Ronja. „Jetzt kommt mein Frühlingsschrei!“
aus Ronja Räubertochter von Astrid Lindgren

Vielen Dank!

Sehr gerne!

Vielen Dank für das Interview liebe Miriam, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur,- Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Miriam V.Lesch, Schriftstellerin

Foto_privat.

16.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gierend wartet er unterm Häuserblock“ Björn Bischoff, Schriftsteller _ Give Peace A Chance _Erlangen 25.5.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gierend wartet er unterm Häuserblock

In seiner Kammer lagern schwarz die Winde

Von dort unten zieht er los, vertilgt Frau, Mann und Kinder

Eine Fratze, an die sich niemand erinnert



Prompt greifen seine Finger nach ihnen

Er greift und frisst und frisst und frisst

Alle Kinder dieses Krieges

Chancenlos

Er kommt, um sie zu holen.



Aber aber.



Chancenlos?

Hat ihn nicht einst wer zurückgeschlagen? Ihn untern Häuserblock gebracht?

A call to arms.

Niemand wartet, niemand schweigt

Chaos regiert. Nur eine Hoffnung. Auf

Endlich Frieden


Björn Bischoff, 15.5.2022

Björn Bischoff, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Björn Bischoff, Schriftsteller

Foto_Julien Fertl Photography

Walter Pobaschnig _ 15.5.2022.

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„Ich wünsche der Kunst, dass sie reflektiert, sich nicht Fördersystemen unterordnet und frei bleibt“ Hannes Starz, Regisseur _ Wien 24.5.2022

Lieber Hannes, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Manchmal geordnet, selten strukturiert und meist planlos. Eine gewohnte Regelmäßigkeit und Ordnung ist die Ruhe der Nacht, die ich zum Lesen, Nachdenken und Schreiben nutze.

Hannes Starz, Regisseur, Drehbuchautor und Editor

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht nur jetzt sondern immer: Zusammenhalt! Pandemie, Kriege und Politik stören uns in unserem geschützten Europa in den letzten Jahren in einer Form, die wir bis jetzt nur aus der Geschichte und der Ferne kannten. Die Angst um das eigene Wohl wird unangenehm groß und wichtig. Da darf man* den Blick auf das allgemeine Wohl nicht verlieren. Sprachlosigkeit über aktuelle Geschehnisse darf schon mal zu Stillstand und Verwirrung führen und ich bemühe mich, dass dies nicht zu einer grauslichen Spaltung leitet, die mich über andere Menschen in meinem Umfeld urteilen lässt und ich zwischen Gut oder Böse abwiegen anfange.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Kunst an sich zu?

Ich wünsche der Kunst, dass sie reflektiert, sich nicht Fördersystemen unterordnet und frei bleibt. Vor allem ein Film- oder Musikvideodreh ist für mich ein Beispiel für ein gelebtes Miteinander. Sich ständig behaupten müssen und Filmfestivals als Wettbewerbe zu sehen, ist anstrengend genug, da wünsche ich auch der Kunst, den Künstler*Innen und mir selbst ein Miteinander, fern von Neid und Konkurrenz.

Ich muss an ein Zitat von Patti Smith denken, das mir Valerie Pachner geschickt hat, als wir am Voice Over für den Film Another Coin for the Merry-Go-Roundgearbeitet haben: „… keep lots of tickets in your pocket. It’s a ride for sure.”

Was liest Du derzeit?

Seit einer gefühlten Ewigkeit, endlich wieder ein Buch. Zum Glück kam die Anfrage jetzt, sonst hätte ich was erfinden müssen: GESiCHTER von Tove Ditlevsen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„True Love Will Find You in the End” (Daniel Johnston)

Vielen Dank für das Interview lieber Hannes, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Film-, Video-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Hannes Starz, Regisseur, Drehbuchautor und Editor

Foto_Marianne Andrea Borowiec.

8.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gedicht, vor dem Griff zur Waffe zu lesen“ Kersten Flenter, Schriftsteller _Give Peace A Chance _ Hannover 24.5.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gedicht, vor dem Griff zur Waffe zu lesen

Gehen wir“, sagt der König zum Untertan, „um meine Herrschsucht zu finanzieren,

In einen neuen Krieg. Für dein Gewissen finde ich auch einen Grund.“ Die Kunst der

Verbrecher ist es, Feinde zu schaffen und das Schwarz bunt zu lügen, und in

Einklang zu bringen mit den Ängsten der Idioten.



Phantasien von Herrschaft über andere passen sich niemals der Wirklichkeit an und

Enden immer im Verlust der Herrschaft über sich selbst.

Ach, hätten sie den Verstand, Irrwege zu verlassen. Stattdessen erfinden sie einen

Casus Belli, des es niemals gibt, und wir glauben ihnen, dass am

Ende eines Krieges tatsächlich Frieden steht. Wer ist hier der Dumme?



Ach, hätten wir ein Werkzeug, um aufzuhören, vielleicht die Gabe der Vernunft!



Charakter ist der Mut und Genuss, selbst zu entscheiden.

Hab keine Angst, nicht zu gehorchen. Dann brauchst du keine

Ausreden mehr. Denn wenn du einmal standhaft zu dir hältst und

Nachdenkst, ist der simple Schluss: Der nicht zu besiegenden

Chance für und der Möglichkeit zum Frieden

Entkommt kein Mensch.


Kersten Flenter, 10.5.2022

Kersten Flenter, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Kersten Flenter, Schriftsteller

https://www.flenter.de/

Foto_privat

Walter Pobaschnig _ 11.5.2022.

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„Kohlrabi, Wassermelone und viele Fragen“ Lisa Kröll, Schauspielerin _ Give Peace A Chance _ Wien 23.5.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Kohlrabi, Wassermelone und viele Fragen


Grad’ zum sechsten Mal den Standard-Livebericht zum Ukraine-Krieg aktualisiert –

In den letzten dreißig Sekunden nichts Neues erschienen.

Verhältnismäßig interessanter Content in meinem Insta-Feed:

Eine Infuencerin zeigt fünf nachhaltige Produkte, die sie abends im Bad benutzt; ein Känguru-Baby klammert sich an das Bein eines Mannes.



Plötzlich sammeln alle (auch die Nachbarn) Sachen für die Ukraine.

Einige wollen »den Ramsch von der Wohnungsauflösung ihrer Oma loswerden«,

Andere bringen auch nützliche Dinge vorbei (glaube ich).

Chaotisch vollgestopft ist die Nachbars-Garage schon am späten Vormittag, trotzdem deponieren die Leute weiter Säcke unter dem Schild »Wir sind voll, bitte nichts mehr abstellen« und blockieren die Einfahrt.

Ein Kohlrabi, eine halbe Wassermelone, ein Liter Milch mit 1,5 % Fett und eine Tafel Schokolade kosten mich heute zehn Euro im Supermarkt (falls es jemanden interessiert).




Abends zieht im Fenster gegenüber eine junge Familie ein. Sie beobachten mich beim Kohlrabischneiden, winken aber nicht.



Corona-News,

Halbleere Theatersäle und der

Apfelstrudel mit Vanillesauce, der immer kleiner wird, lenken uns aus (sicherer) Entfernung ab. Ob Österreich

Neutral bleiben soll, fragt die Titelseite der Presse. Später,

Chillend auf der Couch, fragen wir uns:

Erscheint heute die neue Staffel von »Stranger Things« auf Netflix?


Lisa Kröll, 22.5.2022

Lisa Kröll_Schauspielerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Lisa Kröll_Schauspielerin

https://www.lisakroell.com/

Foto_Walter Pobaschnig _1_22 _ Wien_Cafe Prückel.

Walter Pobaschnig _ 22.5.2022.

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