
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
im Interview _ Michael Augustin, Schriftsteller _ Bremen.
Lieber Michael, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich habe ihre Gedichte ja schon als Schüler gelesen, Ende der Sechzigerjahre in Lübeck, wo sie übrigens im März 1966 mal für den Norddeutschen Rundfunk öffentlich aus dem Manuskript ihrer Todesarten vorgetragen hat. Die Aufnahme gibt es noch im Deutschen Rundfunkarchiv und im Archiv des NDR. Aber da war ich als fast 13jähriger noch nicht wirklich fit für Veranstaltungen solcher Art, obwohl mir unvergessen ist, wie just in jener Zeit Bachmanns Kollege Hans Erich Nossack bei uns in der Schule gelesen hat aus seinem ungeheuerlichen Buch Der Untergang. Darin ging es zwar um den verheerenden Feuersturm nach der Bombardierung der Stadt Hamburg 1943, wovon ich natürlich aus den Erzählungen meiner Hamburger Großtante Grete wusste, aber was der Bombenkrieg in meiner Heimatstadt Lübeck angerichtet hat, das habe ich first hand aus den Erzählungen meiner Mutter erfahren, die ja dabei gewesen ist als Kind. Auch in den Sechzigerjahren waren die Kriegsspuren für jeden lesbar im Stadtbild. Aus dem Fenster meines Klassenzimmers in der Schule, in der Nossack uns damals vorlas, konnten wir auf die Trümmer einiger Backsteinmauern blicken, die zu noch längst nicht wiederaufgebauten Teilen des Lübecker Doms gehörten. Und obendrauf, das seh ich noch vor mir, waren seit Kriegsende ein paar Bäumchen gewachsen. Warum erzähle ich das? Weil diese eigenen Beobachtungen damals, die verbliebenen Trümmer, die noch frischen Erinnerungen meiner Mutter und meiner Großeltern, das Holzbein eines Nachbarn, die für Kriegsversehrte reservierten Plätze in den Stadtbussen und die spärlichen, nur widerstrebend abgegebenen Kriegsberichte meines (wie Ingeborg Bachmann 1926 geborenen) Vaters, der als 18jähriger noch Soldat werden musste und seine ostpreußische Heimatstadt Tilsit nie wiedergesehen hat – weil all das mein Bewusstsein als Nachkriegskind, als Nachgeborener geprägt hat und mir damit Tür und Tor geöffnet hat zu den Gedichten Ingeborg Bachmanns. Was mir aber möglicherweise erst viel später in dieser Deutlichkeit bewusst geworden ist. Wohl noch nicht in Lübeck damals. Aber doch schon in Kiel, wo ich 1972 mein Abitur gemacht habe und wo mir klar wurde, dass für mich ein Leben ohne Gedichte nicht infrage kommt.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Der Sound, ja, es ist der Sound, der Ton, der Klang, auch der Rhythmus. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich ihre Gedichte wohl gelesen haben mag, bevor ich sie zum ersten Mal im O-Ton hören konnte. Gedichte habe ich immer laut gelesen zu Hause, wenn ich mir einen Lyrikband aus der Bibliothek geholt oder vom Taschengeld zusammengespart hatte. Angefangen mit Brecht, Günter Eich, Johannes Bobrowski, Ilse Aichinger, Johannes Schenk, Enzensberger, auch Günter Grass, Marie Luise Kaschnitz, Günter Kunert, Sylvia Plath, Reiner Kunze, Rolf Dieter Brinkmann, Richard Brautigan, Ferlinghetti und eben Ingeborg Bachmann. Für die Jüngeren heute kaum vorstellbar, dass man damals nicht einfach Youtube oder Lyrikline konsultieren konnte, wenn einem der Sinn nach einer O-Ton-Autorenlesung stand. Der helle Wahnsinn, als ich im Kieler Amerikahaus zum ersten Mal auf nicht ausleihbarer Schallplatte gehört habe, wie T.S.Eliot sein Gedicht The Waste Land liest! Und Dylan Thomas erst! Was für ein akustischer Vulkanausbruch! Wir hatten Glück in Kiel, denn der Buchhändler Cordes war berühmt für die von ihm in schöner Regelmäßigkeit veranstalteten Autorenlesungen. Erich Fried, Peter Handke, Günter Grass, Elias Canetti, Peter Bichsel, Uwe Johnson, sogar Haldor Laxness durften wir mit roten Ohren lauschen. Viel Prosa, aber eben auch viel Lyrik, Gedichte vom Allerbesten. Ingeborg Bachmann war nicht darunter. Vielleicht habe ich sie verpasst? Jedenfalls habe ich sie niemals live erlebt, auch Celan nicht oder Jandl. Ich muss also noch ziemlich lange meinen eigenen, meinen selbstgemachten Bachmann-Sound in Kopf und Mund gehabt haben, wenn ich ihre Gedichte vom Blatt las. Ich weiß nicht mehr, wann ich dann zum ersten Mal ihre Stimme gehört habe. Aber ich weiß, dass ich diese Stimme niemals wieder aus dem Kopf bekommen werde. Egal, welche Seite ihrer wohlfeilen Werkausgabe ich auch aufschlage: es ertönt, eindringlich und klar ihre Stimme, die alles verrät über sie, über ihre Prosa und über ihre Gedichte, die ich so nicht missen möchte aus meinem Leben. Für viele Jahre, für mehrere Jahrzehnte, habe ich bei Radio Bremen Lyriksendungen produziert, Lesungen aufgenommen, Poeten moderiert und gelegentlich befragt in ungezählten Sendungen und mit ihnen gemeinsam gelesen. Und ich weiß, dass nicht jede Autorin, jeder Autor ein Performancekünstler sein muss, um das Geschriebene vom Papier an das Ohr der Lauschenden zu befördern. Ich glaube auch nicht, dass Ingeborg Bachmann eine Performancekünstlerin war oder dass es sich bei ihrer Art zu lesen um eine auf Effekt spekulierende Selbstinszenierung handelte. Um also vielleicht die Frage nach dem Besonderen ihres Schreibens zu beantworten: es ist diese Stimme – die aus den Gedichten durch sie spricht.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Ja, für mich ist es Die gestundete Zeit, erschienen als Band 12 der Reihe studio frankfurt, herausgegeben von Alfred Andersch, mit dessen Lebensgeschichte und dessen unfassbarer Wirkung im Radio der Nachkriegszeit ich mich vor einigen Jahren intensiv beschäftigt habe in einem Projekt für Radio Bremen. Was mich an diesem schmalen Bachmann-Bändchen so reizt, ist die Tatsache, dass es 1953 herausgekommen ist, 8 Jahre nach Kriegsende, genau im Jahr meiner Geburt. So wie es ja Schlüsselromane gibt, ist es für mich in diesem Fall gewissermaßen ein Schlüsselgedichtband, den ich jedesmal neu lese, wenn ich ihn lese, und ich habe ihn oft gelesen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte wahnsinnig gern von ihr, aus ihrem Munde erfahren, wie sie 1964 in Rom Anna Achmatova erlebt hat. En detail!
Und ich wüsste gern, wie der Tag im März 1966 in Lübeck für sie verlaufen ist, als sie in meiner Heimatstadt aus den Todesarten vorgelesen hat.
Ihr sagen würde ich gern, dass es mir ziemlich auf den Keks geht, wie jeder Editoren-Hans-und-Franz sich mit Sabber vor dem Schnabel an ihrem Liebesleben zu schaffen macht.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mit dem vor Fantasie strotzenden Illustrator Andreas Röckener arbeite ich gerade an einem neuen Kinderbuch, das höchst merkwürdig kurze Prosagedichte enthalten wird. Und ich harre der Publikation meines irrwitzigen Collagepostkartenwechsels mit meinem Freund, dem 2019 verstorbenen Dichter Günter Kunert.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Ja, gern, aber sorry, es werden zwei Zitate aus Die gestundete Zeit:
Das erste aus dem Gedicht Alle Tage, in dem sie ja mitteilt, für was in den finsteren Zeiten als Auszeichnung der armselige Stern der Hoffnung verliehen wird. Nämlich dafür:
Für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.
Und das zweite Zitat stammt aus dem Gedicht Holz und Späne
Zuerst abgedruckt in Die Neue Zeitung, München, am 11.Juni 1953.
Zwei Tage vor meiner Geburt.
Seht zu, dass ihr wachbleibt!
Herzlichen Dank für das Interview!
Es ist mir eine große Freude!

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Fotos: Michael Augustin _ privat.
Walter Pobaschnig, 11.4.26































































































