

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Dragica Rajčić Holzner, Schriftstellerin
Liebe Dragica, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich bekam mit dreißig Jahren 1989 ein Geschenk, Ingeborg Bachmanns Das dreißigste Jahr, und als ich es ausgelesen hatte, kaufte ich Malina auch wegen des kroatischen Namens im Titel, die Beere, dann kamen mehrere bekannte Worte „jaz in ti, ti in jaz“, slowenische Einsprengsel ja u tebi ti u meni , Dragi Bože.
Das Ich im Malina hatte nie sagen können ICH ohne Gewähr. Das Ich in Malina redet in Formeln, die etwas ganz anderes zu transportieren haben. Ich dachte schon beim ersten Lesen, so ein Buch gibt es nicht auf der Erde, sie transportiert in Rätseln die Substanz des Atems der Liebe^Lesen wird weiterschreiben beim jeden Satz, eine Sprache des nicht Gesagten mitdenken.
Frauen in Bachmanns Werk haben nur leere Stellen aber keinen eigenen ORT in sich, diese werden ihnen von Männer zugeschrieben und zugewiesen. Undine geht nach dem sie ihre Rolle begriffen hat. Hoffnung aber für mich und uns lag in Zuruf einer Stimme deren Worte nur Stimme hatten und keinen Inhalt und nur ihr galten,“…. in einer Sprache […], von der sie kein Wort verstand. Trotzdem wusste sie, dass die Stimme ihr allein galt und nach ihr rief [….].“ Ingeborg Bachmann, Malina. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971, S.63.
Wie gesagt, Malina gab mir ein Rätsel, das mein Leben und mein Schreiben in bislang dreißig Jahren ausmachte. Ich grub immer mehr in allem, was Ingeborg Bachmann geschrieben und wie sie gelebt hat, was andere über ihr Werk schrieben, um mich mir zu versichern, dass eine Geschwisterschaft in ihrer Schrift mich trägt
Vor fünf Jahren habe ich mich noch weiter gewagt, ich habe Ingeborg Bachmann als Vorlage für eine Figur in meinem Buch Liebe um Liebe gewählt. Eine Frau, wie sie sein könnte im „wirklichen“ Leben, um sie außerhalb ihrer Schrift in „meiner“ Schrift „wirklich“ zu ihrem Leben zu bringen, einem utopischen und nüchternen. Ihre Tragödie ist dem zweiten Weltkrieg geschuldet, Grauen, welche das Liebens- und Lebenskonzept der Frauen im 20. Jahrhundert, wozu auch ihr und mein Leben gehört, zerstört hat.
Als mein Buch erschien, merkte kaum jemand, dass ich die Figur der Ruth Keller nicht ausgedacht hatte, bei einer Autorin mit meinem Namen sucht man nicht nach Intertextualität .
Hier noch paar Zitate welche mich eben begleiten in meinem Schreiben.
.„ […] er bringe ihr etwas zurück, einen vermissten Geschmack, einen fehlenden Tonfall, ein geisterhaftes Gefühl von einem Daheim, das nirgends mehr für sie war.“ Ingeborg Bachmann, Simultan. In: I. B., Sämtliche Erzählungen. München-Zürich: Piper 1978, S.285.
„Sie dachte, nichts sei einfacher, als mit jemand aus demselben Land beisammen zu sein, jeder wusste, was er sagen durfte und was nicht und wie er es sagen musste, es war ein geheimer Pakt da […].“ Ingeborg Bachmann, Simultan. In: I. B., Sämtliche Erzählungen. München-Zürich: Piper 1978, S.303.
Sie sahen einander nur in die Augen, und in ihrer beider Augen schwamm ein ganz helles Blau. „Es gibt eine Grenze, an der einem das Herz fast stehen bleibt, und wenn du dann am Leben bleibst und nicht weißt was hat das Leben dir noch zu sagen du funktionierst nur und wirst krank.“
„die Männer sind unheilbar krank… sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich sehe ihre Gessellschaftkritik als absolut treffend und bei jeden Schritt die Welt zu verbessern stapfen wir in und durch die gleichen Attrappen der Vergangenheit und versuchen sie zu durchbrechen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ach, das ist so ein weites Feld und wenn Martyrium meint im marxistischen Sinne Selbstausbeutung im Dienste der Gemeinschaft, dann ist auch ein Taxichauffeur Märtyr:in -. Was Kunst und Schreiben an VerursacherInnen anrichten, kann ich nicht beantworten, weil ich nicht mal weiß, was schreiben und wozu gerade jetzt – Zeitgeist verstehen und sich hinauswagen – auch wenn Welt morgen unter geht.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Du lebst mehr als du je gedacht hast in deinem Weltverständnis des Utopischen und Herzbildenden in uns im 21. Jahrhundert mehr als du dir je erträumt hast.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ein Roman mit Arbeitstitel Täuschung und ich bin fertig mit dem Gedichtpoem „Eurydike will nicht zurück“ aus welchem eine Oper im Entstehen ist.
Herzlichen Dank für das Interview!

Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.
Foto: Dragica Rajčić Holzner _ Florian Bachmann.
Walter Pobaschnig 25.1.2026











































































