„Ingeborg Bachmann ist ein Schutzschirm“ Melamar_Schriftstellerin _ Romanjubiläum Malina_Wien 5.8.2021

Melamar_Schriftstellerin _
Romanschauplatz Malina_Wien

Ich begann sehr früh zu schreiben. Als Teenager schrieb ich meine Gedanken in Notizhefte und in der Schule in das Mathematikbuch Gedichte (lacht).

Das Schreiben ging wie von selbst. Ich schrieb auch auf Wände, eine Art Graffiti.

Die Zusammenarbeit mit anderen Künstler*innen war und ist mir in meinem Schreiben sehr wichtig, etwa mit Musiker*innen. Mein Künstlername hat da auch seinen Ursprung, da mein erster social media Account by my space war. Um mich da als Schriftstellerin auszuweisen, kam zu Melamar eben Poetry dazu. Für facebook habe ich das dann übernommen. Der eigentliche Künstlername ist nur Melamar.

Ich war schon in der Kindheit an Sprache, dem Sprachspiel wie der Vielfalt von Sprachen interessiert. Wenn ich andere Sprachen gehört habe, habe ich immer die Ohren gespitzt und war neugierig (lacht).

Ich bin in Kärnten aufgewachsen und da hatte ich auch slowenisch sprachige Mitschüler*innen. Ich war entsetzt, dass sie das aber mehr als Geheimnis sahen – „Psst, sag´ das nicht weiter“. Ich konnte das als Kind überhaupt nicht verstehen. Für mich war das immer ein Schatz, wenn jemand mehr als eine Sprache beherrschte. Es ist sehr schlimm, wenn sich Menschen für eine Sprache schämen müssen.

Das Thema Kindheit kommt jetzt vermehrt in meinen Texten vor. Lange Zeit war dies nicht der Fall. Jetzt treten Kindheitserinnerungen und Reflexionen mehr künstlerisch zutage.

Ich bin in Wolfsberg, Kärnten, aufgewachsen, da lebt man zwischen Klagenfurt und Graz. Ich wusste aber schon früh, dass ich nach Wien wollte. Wien war ein Sehnsuchtsort für mich. Eine erste Begegnung gab es dann mit vierzehn auf der schulischen Wienwoche.

Ich bin ein Mensch, der sich gerne bewegt, der gerne weiterzieht aber auch gerne zurückkommt.

Orte haben ihre eigene Energie.

Wien kommt sehr viel in meinen Texten vor. Das war auch bei meinem letzten Roman „Bukurìe“ ein Thema im Lektorat – „Das ist ja nicht wichtig ob die Person bei der Josefstädterstraße aussteigt“, „Doch, es ist wichtig“, sagte ich. Ich bestand dann auf den Wiener Straßennamen im Text. Dieses Lokalkolorit habe ich sehr verteidigt, weil es nicht nur Namen sind sondern eine Bedeutung hat.

In „Bukurìe“ ist das Thema Identität zentral und es kommen der 8., 16. und 11. Bezirk Wiens als Schauplätze vor. Da spielt auch die soziale Buntheit einer Stadt eine Rolle, die verschiedenen urbanen Lebenswelten und auch deren Grenzen. Etwa dann die Bezirksgrenzen, den Sprung über den „Gürtel“ (Anm: der Gürtel ist eine Hauptverkehrsader Wiens um den Stadtkern.).

Die Einflüsse im Schreiben sind schwer festzumachen, weil einem alles was gefällt, beeinflusst. Da ich in Kärnten aufgewachsen bin, war Ingeborg Bachmann, Christine Lavant allgegenwärtig. Ich bin da sehr dankbar.

Ich wurde einmal in einem Interview gefragt ob es nicht schwierig war als Frau zu schreiben und man mir vielleicht suggeriert hätte „Schreiben ist Männersache“. Das war für mich nie ein Thema, weil es eben so starke Frauen in der Literatur wie Bachmann und Lavant von meiner Kindheit an gab. Ich war da gleichsam unter ihrem Schutzschirm (lacht).

Ein ganz starker Impuls der Poesie war für mich mit fünfzehn Jahren Erich Fried. Dann fiel mir etwa im „Wühlkistl“ einer Buchhandlung ein Charles Bukowski Gedichtband in die Hände. Und als ich diesen aufschlug, war da ein Gedicht über das „Sch….“. Ich dachte, wow, darüber kann man auch schreiben. Das kannte ich vom Schulunterricht noch nicht (lacht).

Das Interesse für Poesie war auch immer mit Musik verbunden. Ich hörte sehr gerne die Musik der DOORS und habe dann auch die zweisprachigen Poesiebände von Jim Morrison, dem Sänger der Band gelesen, der ja auch die Songtexte schrieb. Ich habe in Paris dann das Grab von Jim Morrison im Père Lachaise Friedhof besucht, das ich von Fotos mit Blumen, Graffitis, also sehr bunt kannte. Es war dann sehr versteckt, unscheinbar hinter Absperrungen, sehr grau, sehr traurig. Ich sprach dann mit einer Reiseleiterin vor Ort, die sagte, dass sich die anderen Besucher in ihrer Trauer von diesem bunten Grab und auch den Treffen der Jim Morrison Fans, die auf ihre Art gedenken, gestört gefühlt haben.

In der Prosa hat mich in meiner Jugend „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse sehr begeistert. Ich kannte ganze Kapitel auswendig.

Zu Ingeborg Bachmann kam ich erst in späteren Jahren. Das wäre mir wohl mit fünfzehn Jahren noch zu schwierig gewesen. Es braucht ja auch eine Zeit, bis gewisse Inhalte verstanden werden können.

Ein laufender künstlerischer Schwerpunkt ist jetzt mein Projekt „Poetisiaka“, das sind Gedichte, Aphorismen, Kurzprosa. Derzeit ist auch ein interdisziplinäres Kunstprojekt – „Bäume aus Licht“ im Fokus. Das ist ein Text-, Foto-, Musikprojekt zum Thema Bäume. Da arbeite ich mit dem Musiker Herbert Lacina zusammen, der in der Wiener Improvisationsszene sehr bekannt und aktiv ist.

Ich bin mit der Natur aufgewachsen und schätze auch in Wien die Nähe zur Natur sehr.

Gesellschaftlich gesehen, war zur Zeit des Romans Malina in den 1960, beginnenden 1970er Jahren, der Mann ja noch das offizielle Familienoberhaupt. Er konnte etwa den Job seiner Frau kündigen. Da hat sich Gott sei Dank doch einiges verändert. Eine völlige Gleichstellung ist heute nicht erreicht. Es gibt noch immer etwa diesen Gender-Pay-Gap.

Frauen waren jetzt in der Coronazeit als home-Organisatorin tendenziell stärker belastet als Männer und da traten diese Ungleichheiten doch massiv zutage.

Die Geschichte des Patriarchats ist eine jahrtausendelange. Das lässt sich nicht einfach von einer Generation auf die andere überwinden. Das liegt auf der Hand und heißt auch, dass wir wachsam sein müssen und Errungenschaften, die wir erreicht haben, verteidigen.

Es ist ein Schritt nach vor und zwei Schritte zurück in der Frage von gesellschaftlicher Gleichberechtigung. Dabei geht es nicht darum, dem Mann etwas wegzunehmen. Es geht einfach um Fairness.

Von sozialer Gerechtigkeit profitiert die ganz Gesellschaft. Es geht nicht darum, nur ein Stück vom Kuchen zu reichen.

Meine gesellschaftlichen Wahlmöglichkeiten sind natürlich mit jenen meiner Mutter und Großmutter nicht zu vergleichen. Ich bin froh jetzt Freiheiten zu haben. Etwa im individuellen Stil von Partnerschaft. Dies wäre ja vor Jahrzehnten nicht möglich gewesen. Da war es ja eine Verpflichtung zu heiraten und Kinder zu haben. Die Fragen waren da nur, wann und wen. Auch in dieser Reihenfolge, was ja viel aussagt. Die Frage ob stellte sich ja nur, wenn man ins Kloster ging.

Diese alte Mentalität der Rollenzuschreibung und Rollenvorschreibung für die Frau ist aber nach wie vor sehr lebendig. Da gibt es natürlich Unterschiede zwischen Stadt und Land.

Ich war vor kurzem wieder in Rumänien. Da ist die Rollenzuschreibung für eine Frau sehr stark. Wenn du in ein Schuhgeschäft gehst, dreht sich das Gespräch um Ehe und Kinder. Da kommt man schnell in eine Rechtfertigungsposition. Das erlebe ich zum Glück in Wien nicht so.

Ingeborg Bachmann ist eine Pionierin in vielem, in diesem großen Spannungsfeld, in dem sie gelebt hat und in dem wir auch heute leben. Malina ist da ein sehr lebendiger wie kritischer Impuls, auch nach 50 Jahren.

Melamar_Schriftstellerin _
Romanschauplatz Malina_Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Melamar_Schriftstellerin_Wien _

melamar (melamarpoetry.blogspot.com)

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_8_2020.

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„Es muss etwas entstehen, das wir noch nicht kennen“ Sibylle Helbich, Schriftstellerin _Bochum 5.8.2021

Liebe Sibylle, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich derzeit Ferien habe und meine Kinder verreist sind, ist da wenig Ablauf in meinem Tag. Heute bin ich nach dem Frühstück zum Schwimmbad geradelt, ein paar Bahnen geschwommen, kam dann sehr wach wieder nach Hause und habe versucht, aus dieser Wachheit mein tägliches Gedicht zu machen.

Ist mir nicht gelungen. Wahrscheinlich ist der Ansatz schon falsch. Aber darum geht es auch nicht. Immerhin gefiel das Ganze dem Rücken.

Den Rest des Tages werde ich später planen. Oder gar nicht.

Diese Ferien fühlen sich aus den bekannten Gründen für Lehrer, die gleichzeitig auch Eltern sind, eher wie eine Rehabilitation an als alles andere… und ich brauche noch ein wenig.

Sibylle Helbich, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Humor und Empathie.

Man muss sich das vorstellen: wir leben mitten in einer Pandemie, dazu sind hier ganz in der Nähe gerade ganze Dörfer kleinsten Bächen zum Opfer gefallen… ich brauche nicht aufzählen, was sonst noch alles ansteht… und was machen wir: wir fliegen mitten in dem ganzen Schlamassel irgendwo in die Sonne, wo wir das Handy vor ebenjene halten, weil man sonst so schlecht sehen kann, ob man gerade einen Rechtschreibfehler bei der Belehrung eines fremden Menschen auf den sozialen Netzwerken gemacht hat. Denn das wäre ja peinlich.

Das ist natürlich nichts Neues, ich wünschte mir nur einfach, dass jetzt gerade die Zeit wäre, in der wir so viel wie möglich gemeinsam lachten. Uns freuten, einander wieder zu haben. Unangemessen laut und dreckig lachend von mir aus. Gern über schlechte Witze, über taktlose, grenzüberschreitende, flache, dumme… einfach über alle Witze, die zum Lachen bringen. Denn nichts ist so verbindend, wie gemeinsames Lachen… und nichts brauchen wir gerade so sehr, wie das Gefühl von Verbundenheit. Das sollten wir doch eigentlich im Lockdown bemerkt haben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, eine sehr unbequeme.

Es gilt gerade, ein paar festgefahrene Strukturen zu zerbrechen. Vieles, das längst überholt ist, wurde in den letzten Monaten unter eine riesige Lupe gelegt. Angefangen beim System Schule, über die Prioritäten, die diese Gesellschaft vor langer Zeit gesetzt hat und die uns jetzt nicht mehr weiter bringen, bis zu der Wahrnehmung in jedem Einzelnen, dass das eigene Handeln für alle Relevanz hat.

Und mit unbequem meine ich nicht, dass wir alle voreinander stehen sollten, und uns mit dem Rohrstock auf die Finger hauen, wenn wir einmal einen Fehler gemacht haben, oder ein falsches Wort sagen. Das war didaktisch noch nie die beste Idee.

Mit unbequem meine ich, dass jeder in Bewegung gerät und andere mitreißt. Dass wir gemeinsam kreativ werden, ganz gleich, ob wir uns Künstler, oder Pädagogen oder Baggerfahrer nennen. Letztere waren die ersten, die in den Hochwassergebieten kreativ wurden. Es muss etwas entstehen, das wir noch nicht kennen. Und natürlich kann die Kunst da einen großen Beitrag leisten. Genau das ist ja Kunst. Ein bisschen weniger nur um sich selbst zu kreisen täte ihr dabei gut.

Was liest Du derzeit?

Vieles. Ich muss gerade mal wieder meine Zelte abbrechen und meine Bücher in Kisten verstauen. Da bleibt man einfach oft hängen, liest neu, bildet diese kleine „unbedingt bald“-Ecke, wo erst zwei Bücher liegen und dann plötzlich ein Turm steht. Dann mehrere.

Zuletzt habe ich André Gorz’ „Brief an D“ erneut gelesen. Wunderschön, immer wieder.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

The idea that you have to be protected from any kind of uncomfortable emotion is what I absolutely do not subscribe to.

John Cleese

Vielen Dank für das Interview liebe Sibylle, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Sibylle Helbich_Schriftstellerin

Foto_privat.

30.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich möchte den Mut nicht verlieren und immer das Schöne erkennen“ Lalena Hoffschildt, Schriftstellerin, München _4.8.2021

Liebe Lalena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich wache grundsätzlich ohne Wecker auf, frühmorgens.

Ich hänge ein wenig meinen Gedanken nach, bei einer Tasse Kaffee genieße ich den Tagesbeginn, meine liebste Zeit. Leise und unberührt, alles noch vor mir. Oftmals gehe ich joggen, nur wenigen Menschen begegne ich, Sportler, Hundebesitzer, der Fluss, die Isar bestimmt meinen Lauf.

Nach dem Frühstück radle ich am Fluss entlang zu der Buchhandlung, in der ich angestellt bin.

Dort ist das Gegenteil von leise und unberührt. 2500qm in zentraler Lage, da kann es schon leicht mal hektisch werden.

Ich liebe das Unvorhergesehene, liebe den Kontakt mit Menschen, die, wenn alles glücklich läuft, intensiven Gespräche über Bücher, das Zack Zack und freundlich an den Kassen und ebenso die alten Herrschaften, die Hilfe mit ihren Lesegeräten brauchen und nicht zu vergessen, ich liebe die herrlichen Gerüche nach Espresso und Zimt aus unserem Kaffee, die den ansonsten eher kühl gehaltenen Laden durchdringen.

Etwas benommen komme ich am Abend zurück in meine kleine Altbauwohnung, wenn ich mich nicht noch in der Stadt mit Freunden verabrede. Zuhause gehören meine freien Stunden den Büchern und mir selbst. Ich lese, mache mir Notizen, höre Musik, lasse meinen Gedanken freien Lauf.

Lalena Hoffschildt, Schriftstellerin

Gedichte drängen sich mir immer unvermutet auf, die schreibe ich sofort in mein Smartphone, Zeilen, Abschnitte oder auch ganze Texte in einem Rutsch. Das kann überall passieren und jederzeit.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann unmöglich für andere sprechen, denn jeder geht mit dieser Krise anders um und das steht jedem genauso zu.

Ich möchte den Mut nicht verlieren und immer das Schöne erkennen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Für uns alle erscheint es mir wichtig, uns weiterzubewegen und nicht vor weitreichenden Entscheidungen zurückzuscheuen.

Eine Krise bringt Veränderungen mit sich. Manches erscheint negativ, anderes positiv. Arrangieren wir uns und bleiben dennoch wachsam. Wir sollten bereit sein für die Chancen und Risiken.

Wir sollten keine Angst vor der Zukunft haben, ganz andere Herausforderungen haben doch schon Generationen vor uns gelebt.

Was liest Du derzeit?

Dreierlei, ich lese selten nur ein Buch…

1.Ganz und gar wunderbar, erhellend und klug:

Igor Levitt und Florian Zinnecker „Hauskonzert“,

2.Anne von Canal und Heikko Deutschmann „I get a bird“ (erscheint Ende August)

ein Briefroman-Experiment, in dem sich die Schriftsteller im Namen ihrer Protagonisten 2 Jahre lang, ohne weitere Absprachen, Briefe schreiben, faszinierend!

3. Francesco Petrarcas „Canzoniere“ – das Erstaunliche ist, wie unvergänglich die großen Themen der Menschheit sind, in diesem Falle die Liebe. Unvergänglich bedeutet auch, sie verlieren niemals an Aktualität. Im 14. Jahrhundert war die Nutzung der Sprache anders, die Themen waren aber dieselben. Die Sprache hat Zeit und ist aufwendig, es lohnt sich in jedem Fall, sich davon forttragen zu lassen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wir reisen herum wie wandernde Bettler

wie reiche Leute wie Aristokraten

wir sind die neuen Proletarier

wir sind die neuen Rebellen

wir sind die neuen Helden

wir sind die neuen Idioten

wir sind die neuen Bettler

wir sind die neuen Armen

wir sind die neuen Träumer

wir sind die neuen Politiker

wir sind die neuen Clowns

auf Facebook und im Radio

und im Fernsehen in den Zeitschriften und den Reklamekampagnen für uns selbst.

Wir sind es die die Wahrheit sagen

Über den Zustand und die Zukunft des Landes

Über Flüchtlinge über Kriege

Über Klimakrisen und Großpolitik

Über Feminismus über bedrohte Tierarten

Flutkatastrophen den mittleren Osten Ölförderung

Muslime Kapitalismus Religion

Über Philosophie Kunst und Literatur

wir sind es

wir sind die neuen Schriftsteller.“

Aus Tomas Espedal „Das Jahr“

Vielen Dank für das Interview liebe Lalena, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich bedanke mich für die Denkanstöße

5 Fragen an Künstler*innen:

Lalena Hoffschildt, Schriftstellerin

Foto_privat

18.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst hat immer dafür gesorgt, dass Menschen träumen“ Alexander Bruckner, Regisseur_ Los Angeles/USA 4.8.2021

Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Hallo & vielen lieben Dank für die Interview Einladung.

Zur Zeit arbeite ich bei der ORF Krimi Serie „Soko Linz“ als Assistent der Set Aufnahmeleitung.

Nach Drehschluss verbringe ich noch einige Zeit damit, E-Mails bezüglich dem von mir gegründeten Festival (https://www.viennainternationalfilmawards.com) zu beantworten und überarbeite mein Drehbuch (Spielfilm).

Alexander Bruckner_Regisseur, Produzent

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Aktiv bleiben, Zusammenhalt, Zukunftsvisionen und gesund bleiben.

The Passenger_2020_Alexander Bruckner_director, producer

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film/Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Nach der schwierigen Zeit mit der Pandemie ist es für uns alle wichtig, klare Ziele zu definieren, festzulegen wie wir unsere Zukunft gestalten wollen. Das wichtige Thema des Naturschutzes sollte wieder vermehrt in den Vordergrund rücken. Wir als Künstler sollten dazu beitragen, die Gesellschaft auf die kommenden Aufgaben vorzubereiten, als auch diverse Lösungsoptionen anzubieten. Kunst hat immer dafür gesorgt, dass Menschen träumen, wir brauchen zur Zeit definitiv Träume, und auch die Energie diese Träume in Wirklichkeit umzusetzen.

Was liest Du derzeit?

Ein Drehbuch zu einem FernsehFilm, an dem ich demnächst in der Funktion der ersten Aufnahmeleitung arbeiten werde.

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 Live Free. Live Film.

Alexander Bruckner_Regisseur, Produzent

Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Filmprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Alexander Bruckner_Regisseur, Produzent _ Los Angeles_Wien

Alle Fotos_Alexander Bruckner

2.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Kunst soll die Menschen auch wieder aus dem Alltag abholen“ Anna Zöch, Schauspielerin_ Wien 3.8.2021

Liebe Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

So unstrukturiert wie schon lange nicht mehr! (lacht) Eine Angewohnheit, die sich im Sommer- meiner Lieblingsjahreszeit – aber einfach nicht verhindern lässt. Das Einzige, das ich immer brauche, ist ein ruhiger Morgen mit ausgeprägtem Frühstück. Danach bekommen meine vielen Pflanzen und Kräuter am Balkon und in der Wohnung einen Check.

Ich versuche während der Woche so viel Bürokratisches wie nur möglich abzuarbeiten, um die Wochenenden für Kurzurlaube in Österreich mit Freunden und Familie freizuhaben. Generell werden bei mir vormittags Homeoffice-Tätigkeiten wie zB Mails, Bewerbungen, Zoomcalls, Recherchen etc. sowie der Haushalt erledigt. An heißen Tagen wie heute schnappe ich mir dann ab Nachmittag mein Rad und fahre auf die Donauinsel um mich abzukühlen – nachdem ich mich bei den Public Moves vom Impulstanzfestival ausgepowert habe. Zusätzlich schaue ich darauf, dass ich mich mit regelmäßigem Laufen und Home-Workouts fit halte.

Wenn spontan Engagements oder Castings reinkommen, sieht mein Alltag natürlich wieder vollkommen anders aus und er wird voll und ganz danach angepasst. Aber auch das liebe ich, denn so bleiben meine Tage immer frisch und lebendig.

Anna Zöch, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zusammenhalt – in welcher Form auch immer! Zusammenhalten und gemeinsam durchgehen. Keine Angst oder Scheu haben um nach Hilfe zu fragen, auch mal jemanden an der Hand nehmen und eine andere Perspektive zeigen. Ich glaube immer daran, dass man in der Gruppe viel mehr schaffen kann als alleine!

Und natürlich rausgehen und erleben! Ich spüre enorm, wie glücklich viele Menschen in meinem Umfeld an der wieder erlebbaren Freiheit sind und regelrecht aufblühen. Das ist sehr schön zu sehen und gibt mir selbst viel Energie!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, es ist gerade jetzt wahnsinnig wichtig einen guten Ausgleich zwischen Reflexion und Ablenkung in allen künstlerischen Medien zu schaffen. Einerseits müssen wir die Erfahrungen der Pandemie kritisch anfassen und aufarbeiten. Da darf nicht weggesehen werden, nur weil die Menschen die Corona-Themen satt haben. Wie haben wir uns als Menschen weiterentwickelt, was hat die Isolation mit uns, unseren Beziehungen und unseren Bedürfnissen gemacht? All das gibt genug Stoff für einen guten Film oder ein neues Theaterstück.

Auf der anderen Seite soll die Kunst die Menschen auch wieder aus dem Alltag abholen, sie ablenken, ihnen Unterhaltung und einfach große Freude schenken. Das würde ich mir für die nächsten Spielpläne wirklich sehr wünschen.

Dennoch gibt es noch sehr viele andere Themen, mit denen die Welt (aktiv) zu kämpfen und die Covid bisher in den Schatten gestellt hat. Vielleicht sollten wir endlich anfangen die Klimakatastrophe, vor allem politisch aber auch künstlerisch, zu thematisieren und in den Vordergrund zu stellen!

Persönliche merke ich, dass ich noch viel weniger Ressourcen zum Leben brauche als schon vor der Pandemie. Ich habe noch nie so extrem gespürt was mir wirklich wichtig ist im Leben, woher ich meine Energie schöpfe, was ich brauche und wonach ich strebe. Ich habe mich in dieser Zeit viel besser kennengelernt.

Was liest Du derzeit?

Auf meinem Nachttisch stapeln sich derzeit die Bücher „The Moment of Lift“ – Melinda Gates, „Hamster im hinteren Stromgebiet“ – Joachim Meyerhoff und „Adult Children of Alcoholics“ – Janet G. Woititz, die hoffentlich alle so bald als möglich verschlungen werden. Ich bin leider keine durchgehende Leseratte. Ich brauche dafür meine Zeit und Ruhe, um in die Bücher auch wirklich eintauchen und sie genießen zu können.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat, welches mich persönlich immer motiviert:

„If people aren‘t laughing at your dreams, then they aren‘t big enough!“

Anna Zöch, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Film-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Anna Zöch, Schauspielerin

Anna Zöch – Schauspielerin (annazoech.com)

Alle Fotos_David Schermann

30.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Eine Frau darf ja nicht aus ihrer Rolle fallen“ Tanja Raich, Schriftstellerin_ Romanjubiläum Malina _ Wien 3.8.2021

Tanja Raich, Schriftstellerin
am Romanschauplatz Malina _Wien

Wien ist meine Wahlstadt. Ich habe mich spätestens in diese Stadt verliebt als ich den Lesesaal der Haupt-Universität gesehen habe (lacht). Für mich war klar, dass ich hier leben möchte und nirgendwo anders.

Orte sind gerade beim Schreiben sehr wichtig für mich. Ich kann eigentlich nur in der Natur schreiben. Ein Ort macht etwas auf oder er schließt etwas. 

Je nachdem, wo ich schreibe, schreibe ich dann andere Texte. In meinem aktuellen Roman (Anm: „Jesolo“ Tanja Raich, Roman, 2019) spielt der Ort eine wesentliche Rolle. Ein Satz und eine Atmosphäre sind für mich der Beginn einer Geschichte, dann kommt der Ort dazu. Oder dieser ist schon gleichzeitig da. Was zuerst da ist, ist oft schwer zu sagen.

In meinem Roman „Jesolo“ war im ersten Satz „Wir liegen am Strand in Jesolo“ schon das „Wir“ da, die Passivität der beiden und der Ort, der auch metaphorisch für die Beziehung und das Leben, das sie führen, steht. Da war der Ort sehr zentral. Auch bei meinem nächsten Roman wird es so sein. Da wird eine Insel eine große Rolle spielen.

Beim Roman „Jesolo“ habe ich aus der persönlichen Erinnerung der Kindheit geschöpft. Aber natürlich auch von ähnlichen Orten. Ich hatte einen Schreibaufenthalt in Rom, es war so heiß, dass ich am Lido di Ostia geschrieben habe. Dort habe ich den Anfang des Romans geschrieben, die Strandszenen in vielen Details aufgenommen.

Beim aktuellem Romanprojekt habe ich einen Ort gesucht, der zum Roman passt und bin dann auf Sri Lanka gestoßen. Da habe ich sehr viel Inspiration vor Ort mitgenommen. Die Idee zum Roman kam aber nicht in Sri Lanka, sondern in Indien, und ich habe erst nachher überlegt, wo ich hinfahren könnte, welcher Ort mir noch etwas eröffnen könnte für den Roman. 

In meinem neuen Roman geht es auch viel um Licht und Schatten. Wie es ja  jetzt gerade hier im Innenhof zu sehen, spüren ist (lacht). (Anm: es wechseln Regen und Sonne und dessen Lichtspiel während des Interviews im Hof des Romanschauplatzes).

Beim Schreiben rufe ich Orte, Bilder aus der Erinnerung auf, das kann ein Blatt sein, das ich in Sri Lanka gesehen habe, oder das Rauschen der Blätter, das ich in einem Wiener Park beobachtet habe, ich arbeite das dann ein, aber es wird zu einem fiktiven literarischen Ort, in dem sich mehrere Ebenen, mehrere Zeiten, Orte, Realitäten miteinander verbinden.

Ich liebe es neue Orte zu entdecken. Für den Roman „Jesolo“ hatte ich das Glück öfters in Italien sein zu dürfen, insgesamt drei Monate habe ich in Paliano und Rom gelebt und geschrieben. Gerade Paliano ist ein Ort, ein Leben, das ich so nicht gekannt habe. Ich hatte ein ganzes Haus für mich, mit einem weiten Blick auf die Felder des Römer Hinterlands. In Rom bin ich nachts zum Forum Romanum spaziert und ich habe es sehr genossen, frei und ungebunden zu sein. Ich hatte viel Raum, um über mein Schreiben, meine Figuren nachzudenken, das war sicher die wichtigste Zeit, die mein Schreiben maßgeblich geprägt hat.

Wir sind auch 50 Jahre nach Malina in vielen Dingen gesellschaftlich stehengeblieben. Es gibt zwar gleichberechtigte Paare, aber das ist nicht die Norm. Es gibt noch diese traditionellen Rollenbilder und man wird schnell in diese hineingedrängt. Das hat einerseits mit Erwartungen der Gesellschaft, mit eigenen Erwartungen bzw. Erziehung, aber auch mit Strukturen zu tun. Es wird noch einige Jahre dauern, bis wir uns vollständig davon entfernt haben. Auch in der Literatur.

Ingeborg Bachmann war damals eine der wenigen Frauen, die geschrieben haben. Das hat sich heute verändert. Es gibt sehr viele Frauen, die publizieren und auch besprochen werden. Aber ich glaube, dass sie es nach vor schwerer haben, sich zu etablieren und wahrgenommen zu werden. Es sind dann doch die „großen“, „intellektuellen“ Autoren, die besprochen werden und größere Aufmerksamkeit bekommen, mehr Besprechungen, mehr Platz im Feuilleton, die auch gerne als Genies gehandelt werden. Frauen werden hingegen oft als „junge Wunder“ (wenigstens nicht mehr Fräuleinwunder) tituliert, verschwinden aber schnell wieder von der Bildfläche nach ein, zwei Büchern. Dies ist mein Eindruck.

Bei Autorinnen heißt es dann auch oft, dass sie sich mit „kleinen Themen“ auseinandersetzen, Alltäglichem, Beziehungen, Mutterschaft, während sich die Autoren mit den „großen Themen“ unserer Zeit auseinandersetzen. Alles, was mit dem Privaten zu tun hat, wird als „klein“ und „unwichtig“ gehandelt, das spiegelt sich dann auch in den Besprechungen wider.

In „Jesolo“ geht es um Rollenzuschreibungen und um Lebensentscheidungen, Lebensentwürfe. Es geht auch darum, wie wir mit Zuschreibungen von außen umgehen. Etwa in Bezug auf die Kinderfrage, mit denen doch hauptsächlich Frauen konfrontiert sind. Eine Frau wird erst dann als „vollständig“ gesehen, sobald sie ein Kind hat. Die Gesellschaft muss sich endlich davon lösen.

In „Malina“ ist die Protagonistin genauso mit Fragen der Freiheit und Lebensentscheidungen konfrontiert. Malina und Ivan sind besitzergreifend, drängen auch sie in ihre Rolle als Frau, haben Erwartungen, wie sie zu sein hat, wie sie sich zu verhalten hat. Da gibt es durchaus Ähnlichkeiten zu „Jesolo“. Georg drängt meine Protagonistin in ein Leben, das sie so nie führen wollte. In Träumen sucht sie nach Auswegen, denkt immer wieder daran auszubrechen, aber sie schafft es nicht. Bei Bachmann endet der Roman schließlich mit dem  Verschwinden in der Mauer und auch in Jesolo ist es ein „Untergehen“. Es ist ein ähnliches Ende. Eine Resignation.

Das Schöne 50 Jahre nach Malina ist, dass es eigentlich im Männerselbstbild alles gibt: im Positiven wie im Negativen. Es gibt Männer, die Feministen sind, ihr eigenes Rollenbild hinterfragen, und Männer, die noch in klassischen Rollenbildern feststecken, mit Kindererziehung wenig am Hut haben wollen und es selbstverständlich finden, dass die Frau sich um Kind und Haushalt kümmert. Jede Frau muss da sehen, wie sie ihr eigenes Leben gestalten kann, das sie gerne möchte. Darum geht es, die Möglichkeit zu haben, zu entscheiden als Frau.

Ich denke, man kann als Frau sehr viel erreichen und leben, da hat sich in 50 Jahren sehr viel verändert. Allerdings ist der Moment der Schwangerschaft mit Sicherheit ein Dreh- und Angelpunkt in der Partnerschaft. Oft bleiben dann die wirklich wichtigen Dinge, die Organisation des Lebens, doch bei der Frau hängen, weil der Mann doch nicht in Karenz gehen kann/will, weil er doch mehr verdient, etc. Es ist leider oft ein Scheitern ursprünglicher partnerschaftlicher Vereinbarungen. Die Frauen sind dann zwei-, dreifachbelastend, das war jetzt in der Pandemie ja besonders markant. Homeoffice, Homeschooling und Haushalt. Es fehlen da auch die Strukturen, die von der Politik geschaffen werden müssten. Da ist noch ein weiter Weg zu gehen.

Ich denke, es kommt in diesen Herausforderungen des partnerschaftlichen Lebens dann zu jenen Kriegen, kleinen Kriegen, von denen Bachmann spricht. Hier stellt sich durchaus die Frage: „Wer verzichtet auf seine Karriere“? Frauen gehen oft in Teilzeit, stecken zurück, geben klein bei. Männer verzichten selten auf ihre Karriere. Manchmal kommt es dann zu einem größeren Krieg und im schlimmsten Fall zur Trennung, die dann in manchen Fällen die Gleichberechtigung möglich macht, die vorher nicht möglich war.

Heute sind Frauen selbstbewusster und vieles ist selbstverständlicher im alltäglichen Leben geworden. „Was, du malst zu Hause deine Wände aus? Macht das nicht der Mann?“, fragt etwa meine Großmutter. Oder „Du bügelst nicht die Hemden von deinem Partner?“ Das sind dann Irritationen bei meiner Großmutter, weil ich das nicht bzw. selbst mache (lacht). Meine Urgroßmutter hat noch zu Hause in einer geblümten Schürze Gulasch gekocht und Apfelstrudel gebacken den ganzen Tag. Das mache ich jetzt nicht mehr (lacht). Einiges hat sich schon zum Positiven verändert. Lebensrealitäten in Partnerschaften gibt es natürlich wie Sand am Meer. Da ist Ebbe und Flut und viel dazwischen.

Ich denke, es wird heute mehr diskutiert in Partnerschaften, versucht zu verändern. Im schlimmsten Fall wird die Flinte ins Korn geworfen. Heutzutage ist es üblicher auszubrechen und in die nächste Beziehung zu wechseln. In meiner Großeltern-Generation war man verheiratet und das war`s. Da hat man sich nicht scheiden lassen. Das waren nur wenige Außenseiterinnen, die das gemacht haben.

Bei Ingeborg Bachmann spiegelt sich die Persönlichkeit der Figur in Ivan und Malina, zwei verschiedene Lebensmodelle, zwischen denen sie sich nicht entscheiden kann. Das ist auch in meinem Roman so. Man kann in Freiheitsgedanken schwelgen und das biederste Leben führen. Aber vermutlich zerbricht man irgendwann an diesen Widersprüchen.

Frauen sind gesellschaftlich von klein auf viel stärker mit Regeln konfrontiert. „Lach` nicht so laut, red` nicht so viel, zieh` dich ordentlich an …“ Jede Frau kann da wohl hundert Dinge aufzählen, die sie als Kind gehört hat. Als Frau versucht man immer zu gefallen, weil es antrainiert wurde. Eine betrunkene Frau etwa gilt als besonders hässlich, schlimm. Bei Männern wird das akzeptiert. Eine Frau darf ja nicht aus ihrer Rolle fallen und das Gesicht verlieren. Frauen, die nicht dem klassischen Bild entsprechen, werden dann oft abgestraft von öffentlichen Hasskommentatoren und medial durch den Kakao gezogen. Wenn irgendetwas anders ist, wenn eine Frau nicht ihre Rolle erfüllt, dann wird da viel kritisiert.

Je mehr wir uns auf Augenhöhe begegnen, umso fruchtbarer ist dies für eine Beziehung und umso mehr können beide voneinander lernen. Meine Vätergeneration sagt ja, ich habe alles verpasst und von meinem Kind nichts gesehen und sie holen es jetzt als Großväter nach. Gleichberechtigung ist eine große Chance für alle.

Tanja Raich, Schriftstellerin
am Romanschauplatz Malina _Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Tanja Raich_Schriftstellerin_Wien _

Tanja Raich | Autorin

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_6_2020.

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„Kunst geht alle an“ Stefan Hölscher, Schriftsteller_ Heidelberg 2.8.2021

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da muss ich zunächst unterscheiden zwischen Stefan Hölscher, dem Autor und Künstler und Stefan Hölscher, dem Managementcoach, Therapeut, Trainer und Moderator. Letzterer verdient das Geld. Er zahlt die Zeche, was aber nicht heißt, dass er allein auch die Musik bestimmt.

Gemeinsam ist beiden, dass sie auch in Pandemie und Lockdowns früh aufstehen (gegen 06.00 Uhr), irgendwann am Tag gut eine Stunde Sport (meistens Fitness) machen und auf regelmäßige Mahlzeiten wertlegen. Der Coach SH ist meistens stark mit Businessterminen durchgetaktet, ob nun in Präsenz, wie vor der Pandemie oder online, wie es jetzt deutlich mehr geworden ist. Der Autor und Künstler SH versucht am Tag mindestens zwei, aber auch nicht mehr als vier Stunden maximal zu schreiben und ein paar Stunden zu lesen. Während der Pandemie, als ich so viel zu Hause war wie die letzten 25 Jahre nicht (der Coach SH ist normalerweise ein Vielreisender), hat der Autor und Künstler mehr Zeit eingenommen als der Coach. Das war eine neue Erfahrung für mich. Neu war auch: ganz viel Haushaltsarbeit (ich bin bei uns, zumal ich nicht kochen kann und mag, für die niederen Arbeiten zuständig). Sehr positiv fand ich, dass wir als Familie mal wieder alle vier, meine Frau, unsere zwei Söhne (21 und 19) und ich für längere Zeit tagtäglich zusammen waren. Nicht zu vergessen Eddy, unser Dackel-Zwergpinscher-Mischling, der in der Pandemie extrem viel Zuwendung bekommen hat.  Schön war auch, dass ich meinen Long-Time-Sexpartner (das Wort passt besser als „Lover“), der in der Nähe wohnt, öfter als sonst treffen konnte (wenn auch sicher nicht täglich).  

Stefan Hölscher, Schriftsteller, Managementcoach, Therapeut, Trainer und Moderator.

    

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die großen Themen zu sehen: Rettung der Natur, Rettung des Planeten, Rettung von individueller Freiheit und Menschenwürde, die weniger hierzulande, aber in vielen Staaten immer schamloser bedroht und ausgehöhlt werden… Für solche Dinge konsequent aktiv zu werden und gleichzeitig Spontanität, Lust und Lebensfreude zu bewahren und vielleicht sogar zu steigern! Das scheint mir die Aufgabe von allen zu sein, denen daran gelegen ist, dass das Leben für uns und die, die uns nachfolgen, lebenswert bleibt. 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst ist systemrelevant, auch wenn unsere Politiker*innen während der Pandemie mit allergrößter Deutlichkeit klargemacht haben, dass sie das nicht verstehen, dass sie in einer Weise reduktionistisch denken, die im Zweifel sogar ein hochkomplexes Thema wie Gesundheit in absurder Weise auf eine einzige Zahl reduzieren möchte. Eine direkte Manifestation dieser geistigen Verarmung, die Kunst nur als Sonntagsschönwetterthema sieht, zeigt sich im Kernfeld der Politik selbst, nämlich in dem eklatanten Mangel langfristiger Visionen und dazu passender konsequenter Strategien und Umsetzungen. Politik ist ganz überwiegend ein in der Kurzfristigkeit verfangenes Durchwursteln geworden. Im günstigen Fall hilft uns das über den Tag. Im ungünstigeren, der aber alles andere als unwahrscheinlich ist, nehmen dabei langfristig Demokratie, Freiheit, Gestaltungsspielraum und die Natur als nicht ersetzbare Grundlage unseres Lebens massiven Schaden.

Freiheit, Menschenwürde, Kunst, Verantwortung, Innovationsgeist und Toleranz gehören aufs Engste zusammen. Sie sind der wirtschaftlichen Prosperität nicht nachgeordnet, sondern bilden zusammen mit ihr den Ermöglichungsgrund von Humanität und auch von ökologischem Handeln. Kunst und Literatur sollten sich m.E. wieder viel stärker ins Gesellschaftliche und Politische einmischen. Nicht als elitäre Veranstaltung, sondern mittendrin. Kunst geht alle an. Das heißt auch: sie muss alle angehen (fast hätte ich gesagt: anspringen). Und da sie seit Beginn der Pandemie so stark weggedrängt wurde, glt: jetzt erst recht!

Was liest Du derzeit?

„Meine Leben“, die gerade auf Deutsch erschienene Autobiographie von Edmund White. Ich werde eine Rezension für queer.de und das Signaturen Magazin dazu schreiben.

Außerdem – ich lese immer auch Lyrik – „Hundert Freuden“, Gedichte von Wislawa Szymborska. Und ich überlege aktuell, ob ich mal Michel Foucault lesen sollte. Es gibt da abgesehen davon, dass ich außer Psychologie auch Philosophie studiert und darin auch promoviert habe, viele thematische Affinitäten. Trotzdem habe ich um ihn bisher immer einen Bogen gemacht. Vielleicht hole ich ihn jetzt aber mal aus dem Regal. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Leben ohne Kunst ist wie Kaffee ohne Wasser.

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Berufsprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Stefan Hölscher, Schriftsteller

Foto_privat. Dieses Bild wird auf der Coverrückseite des in einigen Wochen erscheinenden neuen Lyrikbands von Stefan Hölscher zu sehen sein: „Ich sehe wirklich keinen Matrosen. Queerfeine Gedichte und weise Sprüche“ Geest-Verlag

1.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es wird nicht die gleiche Literatur sein“ Mieze Medusa, Schriftstellerin_Wien 1.8.2021

Liebe Mieze Medusa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Winter war hart. Die wenigen Auftritte, die möglich waren, nur virtuell. Gleichzeitig ein großes Glück: „Du bist dran“ mein dritter Roman ist im Residenz Verlag erschienen und wurde rezensiert. Mehr als das, auch die anderen Menschen haben ihr Leben ins Internet verlegt und mich getagged, Mails geschrieben und erzählt, wie ihnen das Buch gefällt. Ich habe mich gelesen gefühlt, dafür sage ich danke. Das war ein großes Glück.

Aktuell ist mein Tagesablauf normalisierter: Ich habe Lesungen, ich moderiere, ich treffe Freund*innen. Das Besuchen von den Lesungen und Veranstaltungen anderer hat mir genauso sehr gefehlt, wie die eigenen. Dazu kommt, die Gastgärten machen mir die Entscheidung leicht: Selbst kochen oder essen gehen?

Was gleich geblieben ist, Markus Köhle und ich sind mehr als in den Jahren davor in der gleichen Stadt und in der gleichen Wohnung. Das ist sehr schön.

Mieze Medusa, Schriftstellerin, Poetry Slammerin, Rapperin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Rücksicht nehmen, auf sich selbst UND auf andere achten. Aufpassen: Wer zahlt? Wem will der Bundeskanzler was kürzen? Wem nicht?

Dazu kommt: Wir leben digitaler als vor 2 Jahren. Datenschutz, Privatsphäre, Demokratie, das alles gilt es zu bewahren.

Ach ja, und das mit dem Weltretten ist ausgesprochen dringend geworden. Keine Ausreden mehr. Vor allem keine mehr von der Politik.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die gleiche Rolle wie immer, aber es wird nicht die gleiche Literatur oder Kunst sein. Das Digitale wird uns bleiben. Das ist dort, wo es gut ist, gut und dort, wo es bedauerlich, bedauerlich. Form und Inhalte werden sich ändern. Manchen Künstler*innen wird das Freude machen, anderen gar keine.

(Das wäre aber ohnehin passiert, ein bisschen langsamer vielleicht.)

Was liest Du derzeit?

Ingeborg Bachmann – „Malina“ (wiedermal). Zadie Smith (wiedermal und für einen sehr schönen Abend im Oktober in der Alten Schmiede in Wien). „Queenie“ von Candice Carty-Williams. „Zurück in die Herkunft“ von Markus Köhle, weil das Buch so ausgesprochen schön geworden ist (yeah, Sonderzahl Verlag), weil Markus da so ehrlich über Lesen und Leben erzählt und weil ich als Autorin jedes Mal wieder darüber staune: Wie viel mehr ein Buch ist als das Manuskript. Dabei war das Manuskript schon toll!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Sicherheit ist ein Prozess, kein Zustand.“

Das habe ich Eduard, einer der Hauptfiguren in meinem dritten Roman „Du bist dran“ in den Mund gelegt und Eduard hat damit nicht nur im Bereich der IT Recht. Das gilt auch für Beziehungen und für gesellschaftliche Prozesse.

Jetzt hab ich mich selbst zitiert. Das ist eigentlich peinlich. Wobei: Kurz gegoogelt, das sagen eh alle und es stimmt ja auch einfach.

Achtung, wenn jemand von Sicherheit als Zustand spricht, dann ist das ein Wolf, der Kreide gefressen hat.

Mieze Medusa, Schriftstellerin, Poetry Slammerin, Rapperin

Vielen Dank für das Interview liebe Mieze Medusa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Mieze Medusa, Schriftstellerin, Poetry Slammerin, Rapperin

mieze medusa :: liebt literatur, rap und poetry slam und lebt ihr leben danach

Du bist dran, Mieze Medusa, Mieze Medusa. Residenz Verlag

Fotos_Claudia Rohrauer

24.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Freiheit muss sich von einem Schuldgefühl lösen“ Ina Solea, Schauspielerin_ Romanjubiläum Malina_Wien 31.7.2021

Ina Solea_Schauspielerin _
Romanschauplatz „Malina“ Wien

Orte sind Möglichkeiten der Ruhe und Ideensammlung, der persönlichen Energiegewinnung.

Orte haben immer auch viel Erinnerung, ihre je einzigartige Geschichte. Ich erinnere mich etwa gerne an Frankreich, wo ich einen Teil meiner Schulzeit verbracht habe. Ich lebte da an der Cote d`Azur. Das war eine sehr schöne Erfahrung, die Welt sehen und erste Freiheit. Es ist ein starker innerlicher Bezug bis heute.

Ich suche mir immer wieder gerne neue Orte der Inspiration. Dabei geht es mir um Überraschung, um eigene Erfahrungen, das Entdecken von Orten, Wegen. Meist mache ich das ohne Reiseführer.

Ich bin in Wien Hernals aufgewachsen. Maturierte dann in Döbling an einem wirtschaftskundlichen Realgymnasium. Wir zogen dann nach Klosterneuburg. Ein wunderbarer Ort an der Donau.

Mit Wien verbinde ich den reichen Schatz von Kunst und Kultur. Wenn ich durch die Stadt gehe, denke ich auch an die Künstler*innen, die hier gelebt haben. Etwa an Stefan Zweig oder eben Ingeborg Bachmann und ihren Roman Malina, der ja ein Wien Weg ist. Literatur hat ein gutes Gedächtnis. Worte verschwinden nicht.

In der Freiheit der Frau hat sich in den letzten 50 Jahren einiges verändert. Gerade auch als Mutter. Zu arbeiten als Ehefrau und Mutter war ja zur Zeit der Romanentstehung praktisch nicht möglich. Auch die Möglichkeiten persönlicher Interessen, etwa Kultur waren eingeschränkt. Die Rolle war klar vorgegeben, der Mann bestimmte. Der Platz der Frau war Zuhause. Es gibt heute mehr Freiheit, Entscheidungsfreiheit für die Frau aber es ist noch viel gesellschaftlich zu tun.

Väter sind heute in der Kindererziehung präsenter. Das ist eine positive Entwicklung. Allerdings ist die Karriereentscheidung größtenteils beim Mann und die Frau muss da zurückstecken.

Das Selbstbewusstsein, die Selbständigkeit der Frau jagt den Männern oft Angst ein. Es geht darum ehrlich und authentisch zu sein, auf beiden Seiten. Das ist ein gemeinsamer Weg.

Frau und Mann brauchen sich gegenseitig.

Freiheit muss sich auch von einem Schuldgefühl lösen. Da lastet die patriarchale Geschichte schwer auf uns.

Ein Mann muss nicht immer stark sein. Er darf auch Schwäche zeigen. Ehrlich sollte es sein.

Jeder Mann und jede Frau haben eine Kindheit und Rollenbilder, Erfahrungen in sich. Daran kommt man nicht vorbei. Es gilt diesen offen ins Auge zu sehen.

Eine eigene Existenz aufzubauen war mir immer sehr wichtig. Da waren auch viele Anstrengungen, Widerstände dabei. Das Wirtschaftsstudium war nichts für mich. Da brauchte ich bei den Vorlesungen Zahnstocher für die Augen (lacht). Zum Theater, Schauspiel kam ich durch Zufall. Ich bin da reingerutscht.

Theater und Leben stehen einander sehr nahe. Empathie, Reflexion, Ausdruck, Interaktion. Vieles aus dem Alltag, aus Lebenssituationen finde ich auf der Bühne wieder. Das reflexive Arbeiten ist sehr wichtig.

Eine Rolle ist ein Hineinfühlen. Es ist zunächst das Auflegen einer Schablone für die Rolle. Dann beginnt die Arbeit daran. Da ist natürlich immer viel Persönliches dabei. Bekanntes und Unbekanntes.

Zur Zeit des Romans Malina war auch die Liebe ein Teil des vorgegebenen gesellschaftlichen Rollenbildes von Frausein. Liebe war ein von außen definierter Ort. Die Liebe selbst war für die Frau größtenteils unerfüllte Sehnsucht.

In der Liebe, in einer Beziehung müssen Erwartungen kommuniziert werden. Das ist oft schmerzvoll aber ganz wichtig, wenn es Zukunft haben soll.

Das Leben, die Liebe stellen immer Entscheidungsfragen. Wo geht es hin mit Ivan, oder Malina, oder alleine? Die Frau trifft eine solche im Roman.

Menschen haben oft eine scheinbare Unnahbarkeit. Es gibt dann Geschichten über sie, von nebenan. Auch darüber erzählt der Roman, auch mit viel Humor.

Jede Seite im Roman ist Zeugnis von einer Liebe zu Wien.

Ingeborg Bachmann ging mutig ihren Weg als Schriftstellerin und Frau. Sie hat viel eröffnet. Der Roman ist ihr Vermächtnis an Kunst, Leben und die Stadt. Und das Gedächtnis davon.

Ina Solea_Schauspielerin _
Romanschauplatz „Malina“ Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Ina Soléa_Schauspielerin_Wien 

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_6_2020.

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„Dass sich der Kunst- und Literaturbetrieb endlich öffnet“ Katharina Schaller, Schriftstellerin_Innsbruck 31.7.2021

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich vor allem dahingehend geändert, dass ich nicht mehr so viel persönlichen Kontakt mit Autor*innen und ganz generell mit Menschen habe. Ich arbeite in einem Verlag, und mittlerweile bin ich auch wieder die meiste Zeit im Büro. Aber: Die Reisen, um sich mit potentiellen Autor*innen usw. zu treffen, gehen erst langsam wieder los. Vieles fand in den letzten eineinhalb Jahren online statt. Auch das klappt. Trotzdem ist es schön, sich zu sehen und kennenzulernen. Ansonsten: schreibe ich abends, das ist auch nach wie vor so. Nur: Mir fehlt der menschliche Kontakt. Schreiben an sich hat zwar immer etwas Einsames, aber ich brauche den Austausch, die Nähe, Erlebnisse, Gespräche, Gerüche, Gefühle von anderen, die sich in meine eigenen mischen. Ich bin keine Autorin, die zwei Monate in einer Holzhütte sitzen könnte. Und ich spüre, gerade jetzt, da sich alles wieder öffnet, wie sehr mir das gefehlt hat.

Katharina Schaller, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, dafür gibt es keine pauschale Antwort. Wir sind verschieden. Eine Gesellschaft ist nie homogen. Was vielen Menschen in privilegierten Situationen abhandengekommen ist, ist die Sicherheit. Der Glaube daran, dass schon alles gut wird. Leute, die nicht so privilegiert sind, kennen dieses Gefühl. Deshalb empfinde ich das Gerede über Solidarität oft als anmaßend. Natürlich braucht es Solidarität. Aber es macht eben einen Unterschied, ob ich in meiner Wohnung mit Garten in Innsbruck sitze – oder ob eine Familie mit wenig Geld auf wenigen Quadratmetern eingesperrt wird. Deshalb macht es auch einen Unterschied, von wem wir diese Solidarität einfordern. Dieses „Wir sitzen alle in einem Boot“ ist dermaßen lächerlich, dass ich oft kaum glauben kann, dass manche Menschen wirklich dieser Ansicht sind. Jedenfalls: werden wir alle erst herausfinden, was für uns wichtig ist. Ich könnte jetzt sagen: ein Systemwechsel. Aber das scheint zu weit weg von der Realität. Trotzdem denke ich: Wir brauchen menschliche Politik. Und mit menschlich meine ich: wirklich nahe am Menschen. Nicht nur nahe an denen, denen es bereits gut geht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Für mich ganz wesentlich ist Empathie. Das Aushalten von Ambivalenzen in Menschen. Darüber habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht. Was braucht es, um empathisch sein zu können? Fähigkeiten? Bereitschaft? Wieso ist es für manche so schwierig, andere Positionen, Diskriminierung und Marginalisierung anzuerkennen? Gefühle sind immer valide. Mir ist bewusst, dass das Hineinfühlen in andere Menschen oft nicht nur schwierig, sondern auch anstrengend ist. Aber es ist etwas, was uns ausmacht, in gewisser Weise. Und ja, Empathie braucht es auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene.

Ich glaube nicht, dass es absehbar ist, was diese Krisenzeit wirklich für Folgen nach sich ziehen wird. Das war und ist eine Erschütterung auf allen Ebenen. Individuell bedeutet das auch, dass Menschen unterschiedlich darauf reagieren werden. Das sollten wir akzeptieren. Unsere eigenen Ansprüche nicht immer auf andere projizieren. Ich glaube, das ist wichtig. Und ich würde mir wünschen, dass diese Zeit wirklich einen Umbruch auslöst. Die Krise hat auf vieles ein sehr eindeutiges Licht geworfen. Und es wäre schön, würden wir das nutzen, um grundlegende Veränderungen loszutreten.

Literatur (und Kunst im Allgemeinen) wird dabei dieselbe Rolle zukommen, die sie schon immer innehatte – meiner Meinung nach. Gesellschaftliche Änderungen zeigen sich in kreativen Tätigkeiten, Prozessen, Werken. Deshalb ist es auch so essentiell, dass sich der Kunst- und Literaturbetrieb endlich öffnet (noch weitaus mehr als bisher). Dass wir verschiedene Perspektiven, Blickwinkel, Positionen abbilden. Literatur kann antreiben, aber vor allem kann man in ihr sehen, was in Menschen passiert, welche Veränderungen stattfinden. Literatur und Kunst sind immer auch politisch, egal in welcher Form. Wir müssen nur hinschauen. Deshalb bin ich unglaublich wütend über manche Feuilleton-Diskussionen zu Büchern, die als Identitätskitsch abgetan werden. Wie kann sich ein Kritiker so etwas herausnehmen? Fehlender Weitblick? Fehlende Empathie, vielleicht. Deshalb wieder zum Anfang: Wir brauchen Empathie auf allen Ebenen.

Was liest Du derzeit?

Gerade beendet habe ich „Lust“ von Elfriede Jelinek. Ich habe es geliebt, aber ich glaube, man könnte es noch zehnmal lesen und immer etwas Neues darin entdecken. Außerdem habe ich „Kink“ von den Herausgeber*innen R.O. Kwon und Garth Greenwell angefangen: Kurzgeschichten von mehreren Autor*innen, u.a. Roxane Gay, Kim Fu usw., in denen es um Liebe, Sex, Fetische geht. Das musste ich allerdings kurz zur Seite legen, da ich von Angela Lehner ihren neuen Roman „2001“ zugeschickt bekommen habe. Und ich freue mich sehr darauf, weil Angela Lehner, wie ich finde, eine der besten österreichischen Schriftstellerinnen ist. Und ansonsten stehen sowieso immer einige Manuskripte an.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe mich für eine Gedichtzeile von May Ayim entschieden. Es ist eine Zeile aus zeitenwechsel (aus: weitergehen, orlanda verlag), und ich glaube, sie passt wunderbar als Abschluss dieses Interviews:

um mitternacht

bröckelte hagel

aus den wolken herab

zerplatzte meine einsamkeitsstille

das echo klang bis zu dir

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Katharina Schaller, Schriftstellerin

Katharina Schaller – Haymon Verlag : Haymon Verlag

Foto_(c) emanuel aeneas photography

26.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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