

40. Todestag Helmut Qualtinger
Helmut Gustav Friedrich Qualtinger * 8. Oktober 1928 in Wien +29. September 1986 ebenda _ Kabarettist, Schauspieler, Schriftsteller.
Literatur outdoors
Im Interview _ Georg Biron _Schriftsteller, Reporter, Drehbuchautor, Schauspieler, Regisseur und Fernsehproduzent _ Wien.
Lieber Georg, welche Gedanken bewegen Dich zum 40.Todestag von Helmut Qualtinger?
Ich habe es schon oft gesagt: Ich bin kein Experte, ich war nie ein Freund von Helmut Qualtinger, sondern immer ein Bewunderer. Wir waren immer per Sie, nie per Du. Zu seinem ersten Todestag plante der Verlag Kremayr & Scheriau ein Buch mit Fotos aus den Archiven von Franz Hubmann und Barbara Pflaum als Würdigung herauszubringen. Prof. Ulrich Schulenburg vom Sessler Verlag hat mich als Autor empfohlen, und als ich im Frühjahr 1987 den Auftrag erhielt, gemeinsam mit Qualtingers Freund Michael Kehlmann den Text zu verfassen, war ich mehr als glücklich.
Mir wurde es in den folgenden Jahren ein großes Bedürfnis, in der Öffentlichkeit auf Qualtingers viel zu wenig beachtete Bedeutung als politischer Schriftsteller hinzuweisen, und so habe ich immer wieder entsprechende Texte von ihm vorgetragen oder bei Lesungen – u. a. mit den Schauspielern Karl Merkatz, Karlheinz Hackl, Erwin Steinhauer, Robert Reinagl und Hanno Pöschl – mitgewirkt.
Unglaublich, dass er jetzt schon seit 40 Jahren tot ist.
Gab es persönliche Begegnungen?
Persönlich kennengelernt habe ich ihn Mitte der 1970er Jahre, als ich als junger Reporter die „Alpensaga“-Dreharbeiten in Oberösterreich besuchte. Später sind wir einander oft im Club Gutruf, im Kaffee Alt Wien, in der Wunderbar und im Restaurant Oswald & Kalb begegnet. Er erzählte mir wunderbare Geschichten, zum Beispiel über eine adelige russische Häuslfrau im Jugendstil-Klo am Wiener Graben – und ich wusste oft nicht, ob die Berichte seiner Fantasie entsprangen oder nicht.
Was macht für Dich den so vielseitigen Künstler Helmut Qualtinger aus? Welche Projekte möchtest Du hervorheben?
1961 sorgte er mit dem Fernseh-Monolog „Der Herr Karl“, den er mit Carl Merz verfasst hatte, für Begeisterungs- und Entrüstungsstürme und wurde zum Star.
In den folgenden Jahren veröffentlichte er mehr als ein Dutzend Bücher und spielte auf vielen Theaterbühnen in Österreich und Deutschland in Stücken von Ödön von Horváth, Frank Wedekind, Fjodor Dostojewski, Heinrich von Kleist, Ferdinand Raimund oder Johann Nestroy.
Legendär sind seine Solo-Lesungen: z. B. „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus und Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Qualtingers faszinierende Solo-Lesungen wurden zu einem Fixpunkt seiner einzigartigen Karriere.
Ist seine Paraderolle, der „Herr Karl“, auch heute noch der typische homo austriacus?
Das war er nie. „Jeder einzelne Satz ist irgendwann einmal von irgendwem in Wien gesprochen oder gedacht worden“ – davon war Helmut überzeugt. „Aber den Herrn Karl gibt es überall. In Italien könnte er Carlo heißen. Zuerst war er überzeugter Monarchist, danach sehr von Mussolinis berühmter Rede auf der Piazza Venezia beeindruckt. Heute ist er ein glühender Verteidiger der Republik. Und in Frankreich war Monsieru Charles wechselweise für Clemenceau, Poincaré, Léon Blum, Laval, Pétain – und de Gaulle. Die Wahrheit ist leider, dass sich kleine Leute nicht viel Zivilcourage leisten können…“
Merz empfand für diese Figur wegen des trostlosen, weggeworfenen Lebens so etwas wie Mitleid. Helmut war anderer Ansicht: „Alles, was er wollte, waren Sicherheit und ein verhältnismäßig komfortables Leben. Und eine Hetz. Er bekam, was er wollte. Nicht mehr, nicht weniger.“
Darauf Merz: „Glücklicherweise ist dieser Typ eine aussterbende Gattung…“
„Aber überhaupt nicht“, ereiferte sich Qualtinger. „Ich kann dir sofort einen 25-jährigen Herrn Karl vorspielen!“ Im nächsten Moment hielt er einen kurzen Stehgreifmonolog und verjüngte sich scheinbar um Jahre: ein Karli. Merz musste ihm leider recht geben. In manchen Punkten duldete Helmut Qualtinger keinen Widerspruch.
Wie hätte denn Helmut Qualtinger auf die gegenwärtigen politischen Entwicklungen in nah und fern künstlerisch reagiert?
Das Tagesgeschehen interessierte ihn schon am Ende seines Lebens nur wenig, ihn interessierte der Mensch. Der Bürger. Den Kleinbürger gab es damals nicht mehr. Es hatte sich mittlerweile eine andere Schicht entwickelt … Und das war der Konsumbürger. Diesen neuen Typ wollte er zeigen. „Politik ist für den gar nicht mehr interessant“, sagte er. „Wir sind mit Teams, mit Massenmenschen, mit einer Apparatewelt konfrontiert. Das Grauenhafte des Alltags, darum geht es mir.“

Wie hast Du den privaten Helmut Qualtinger erlebt?
Helmut Qualtinger sprach ungern über Privates. In solchen Fällen verbarg er sein Gesicht hinter den feingliedrigen Händen und hielt sich die Augen zu. Manche Kinder glauben, sich auf diese Weise verstecken zu können – als würde man von den anderen nicht gesehen werden, wenn man selbst sie nicht sieht. Im Grunde, so glaubte ich, sei er immer ein Kind geblieben. Ein altes, einsames, depressives, verletzliches und nach innen gekehrtes Kind. Das war vielleicht auch einer der Gründe, die ihn so sorglos mit seinem Körper umgehen ließen. Vielleicht wollte er unbewusst das Kind in sich befreien, indem er seinen massigen Körper zerstörte, der ihm im Weg stand.
Von Freunden immer wieder ermahnt, mit Alkohol doch nicht dermaßen exzessiven Raubbau an seinem Körper zu betreiben, entgegnete er: „Mein Körper ist mir wurscht!“ Das Private war ihm ein Tabu, bei dessen Verletzung er leise durch die schützen wollenden Hände sagte: „Hört doch damit auf. Das ist doch peinlich! Diese persönlichen Sachen … Wen soll denn das interessieren?“
Was kann, muss Kunst und Gesellschaft von Helmut Qualtinger in die Gegenwart mitnehmen?
Helmut sah ein, dass seine Absichten, die Menschen zum politischen Handeln zu bringen, gründlich gescheitert waren. Dennoch blieb er ein Mensch mit Haltung, mit gesellschaftspolitischen Überzeugungen. Qualtingers spirituelle Batterie war der Antifaschismus, der sein ganzes künstlerisches wie privates Leben bestimmte. Er biederte sich nirgends an, er war unbestechlich – all das machte ihn aus. So etwas ist selten geworden …
Vielen Dank!

Zur Person: Georg Biron
Der Wiener Schriftsteller, Reporter und Drehbuchautor – Jahrgang 1958 – hat u. a. für „Playboy“, „Die Zeit“, „Frankfurter Rundschau“, „Wiener“, „Krone“, „Kurier“ und ORF gearbeitet. Er hat unzählige Kulturprojekte realisiert (z. B.: „Qualtinger lebt!“, „Die Janis Joplin-Story“) und Preise (u. a. Theodor-Körner-Preis für Literatur) sowie diverse Literaturstipendien erhalten.
Weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Biron 25.9.26
Homepage: Georg Biron Literatur 25.9.2026
Aktuelle Veranstaltung zum 40.Todestag von Helmut Qualtinger mit Georg Biron:
09.10.2026 | 19:00 Uhr Breitenseer Lichtspiele _ Wien
Breitenseer Straße 21, 1140 Wien
HELMUT QUALTINGER: Kurzer Prozess
Michael Kehlmann, BRD 1967, 101 Min. Breitenseer Lichtspiele

Der Abend wird mit einleitenden Worten von Georg Biron eröffnet.
19:15 Uhr Eröffnung Georg Biron
19:30 Uhr Filmstart

Fotos: Helmut Qualtinger _ ONB
Foto_Georg Biron/Portrait _ Nikolaus Similache; mit Buch _ privat.
Walter Pobaschnig, 25.9.2026
























































































