„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse in Macht und Zerstörung. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Hubert Maria Moran, Schriftsteller, Künstler
Sylvia Caba, Künstlerin _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto:Hubert Maria Moran _ privat.
Fotos: Sylvia Caba, Künstlerin _ Wien _ performing Undine geht _ Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961 _ Walter Pobaschnig 10/23.
Im Interview _ Ferdinand Schmatz, Schriftsteller _ Wien
Bachmannpreisjuror 1995/96
Lieber Ferdinand, Du warst von 1995 bis 1996 Juror beim Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?
Franzobel und Gundi Feyrer, die ich eingeladen habe, sind mit Preisen versorgt worden
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Medienspektakel, dennoch hin und wieder Literatur, die Literatur ist, der mediale Raum ist herausfordernd
Wie hast Du als Juror/Jurorin die Lesungen, die Jurydiskussionen, die Preisverleihungen und die Begegnungen rundum erlebt?
Überschätzungen rundum, innerhalb der Lesungen und Diskussionen Respekt, Verantwortung, immerhin
Wie gelingt es Objektivität zu bewahren?
Eigene wertende Automatismen zu relativieren, unvoreingenommenes Umgehen mit dem vorliegenden Text, höchste Maßstäbe anlegen
Wie hat sich diese Funktion auf Deinen weiteren beruflichen Weg ausgewirkt?
Überhaupt nicht
Was braucht der Bachmannpreis für eine zukünftige gute Entwicklung?
Unbestechlichkeit (auf beiden Seiten)
Was möchtest Du aktuellen Juroren:innen, Teilnehmer:innen und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Bei sich bleiben, (Selbstironie nicht hintanstellen)
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Ferdinand Schmatz, Schriftsteller
Zur Person: Ferdinand Schmatz, schreibt Gedichte, Prosa, Essays und Hörspiele, lebt in Wien. Von 2012 bis 2020 Leitung des Instituts für Sprachkunst an der Angewandten.
(2004 Georg Trakl-, H.C. Artmann-, Ernst Jandl-Preis, u.a.)
Veröffentlichungen – Auswahl:
o auf SÄTZE. Essays zur Poetik, Literatur und Kunst (2016)
o das gehörte feuer. orphische skizzen (prosa gedicht) (2016)
o STRAND DER VERSE LAUF. GEDICHT (2022)
o Schielen ist Erkenntnis. Essays (2026)
Bachmannpreis 2026
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Wörthersee/Pörtschach
Fotos: Ferdinand Schmatz _ privat
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/Wörthersee _ Walter Pobaschnig
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Im Interview _ Olav Amende, Schriftsteller _ Leipzig
Lieber Olav, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann gehört zu den ersten Lyrikerinnen, denen ich begegnet bin. In der Schule hatten wir einige Gedichte von ihr behandelt. Jahre später las ich ihre Erzählsammlung „Das dreißigste Jahr“, dann „Malina“. Und einmal hörte ich während einer Autofahrt den Ausschnitt eines Hörspiels, dessen Sprache mich ungemein an sich zog. Daheim suchte ich im Netz nach dem Titel. Es waren „Die Zikaden“ von Ingeborg Bachmann.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ich habe den Eindruck, als oszilliere ihre Sprache zwischen den Zeiten und Räumen. Zuweilen könnte sie in der Antike angesiedelt sein oder im Fin de Siècle; gleich darauf wirkt sie auf mich, als seien die Texte nicht einmal in den 50ern bis 70ern verfasst worden, sondern erst in den 80ern, 2000ern, morgen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Auf jeden Fall „Die Zikaden“. Ihre Gedichte sowieso. „Das dreißigste Jahr“, „Undine geht“. Und nun auch ihre Rede zum Büchner-Preis – dieses herrlich groteske Bild Berlins. Heiner Müllers Rede ist ja schon wild, aber diese hier … Berlin in den 60ern (oder von heute?) mit den Augen Lenz‘ auf den Kopf gestellt!
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie hat es allein schon in „Undine geht“ auf den Punkt gebracht. Sie hat sie treffend beschrieben, diese feigen, großmäuligen Typen in ihren Lederjacken, die sich ihre Frauen nehmen, um das Geld zusammenzulegen, um, wie Bachmann es schreibt, die Zukunft zu erhärten. Die Paarbeziehung als Unternehmerisches Selbst …
Auch muss ich an die Gewalt in „Malina“ denken, gleich zu Beginn, wenn die beiden Jungs den guten Glauben des Mädchens ausnutzen und es schlagen. Das ging mir ins Mark, dieses „Da, du, jetzt hast du es!“. Oder die Gewaltorgien des Vaters. Die Ich-Erzählerin spuckt dem Vater ins Gesicht, aber sie hat keinen Speichel; er ist unberührbar. Das schmerzt! Und letztlich die psychische und intellektuelle Unterdrückung, das Abdrängen bis hin zum Verschwinden in die Wand.
Zugleich formuliert sie, was oder wie sogenannte Männlichkeit sein könnte – wieder in „Undine geht“: „Zu loben sind eure Hände, wenn ihr zerbrechliche Dinge in die Hand nehmt, sie schont und zu erhalten wisst …“
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
In demselben Interview sagt Bachmann, die Krankheit und die Folter in „Malina“ ist die Krankheit unserer Gesellschaft, unserer Zeit. Die gilt es, auszukurieren. In der Interviewsequenz, in der Bachmann zu ihrem männlichen Gegenüber lächelnd sagt: „Die Männer sind unheilbar krank – wussten Sie das nicht?“ wird sie mir sehr sympathisch, weil sie ihm damit auf eine geschickte und charmante Weise auch sagt: Der toxische Mann leidet an seinem eigenen Toxikum. Das einzusehen, wäre ein erster Schritt hin zu einem Lieben.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ja und nein. Ich kann Bachmanns Ausspruch „Ich existiere nicht, wenn ich nicht schreibe“ nachvollziehen und glaube ihr, dass sie es eben so empfunden hat. Oft finde ich aber, dass dieses „Man kann nur wahrhaft kreativ sein, wenn man leidet“ zur hohlen Phrase verkommt. Natürlich ist Schreiben, ist Kunst viel zu häufig mit prekärer Existenz verbunden; heute mehr denn je, wenn ich mir anschaue, wo derzeit als Erstes der Rotstift angesetzt wird. Aber das ist ja kein idealer Zustand; ganz im Gegenteil!
Zugleich hat das künstlerische Schaffen, hat das Schreiben etwas ungemein Erhebendes. Ich kann mit Worten erschaffen und mein Gegenüber – auf welche Weise auch immer – berühren, es zum Nachdenken bringen, oder zum Lachen …
Kurz: Kunst verstehe ich als Leiden-Schaft im doppelten Sinne.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ein Aspekt, der mich an ihrer Art zu schreiben und auf das Schreiben zu blicken, fasziniert, ist der, dass sie Literatur als einen nicht abgeschlossenen Prozess begreift. „Was wir das Vollendete der Kunst nennen, bringt nur von neuem das Unvollendete in Gang“, sagt sie und betrachtet damit Literatur – und sicherlich die Kunst im Allgemeinen – vielleicht als etwas Zyklisches, jedenfalls nicht in der kapitalistischen Logik einer Linearität. „Es gibt in der Literatur keine Zielbänder“, sagt sie, „kein Überholen und kein Abfallen.“
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Gefragt hätte ich sie gern: Hätten Sie Ihre „Todesarten“ vollenden können, welches Vorhaben hätten Sie als Nächstes im Sinn gehabt?
Gesagt hätte ich ihr gern, dass ihr Schreiben ansteckend wirkt.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Gerade schreibe ich Texte für ein Musiktheaterkollektiv zum Themenkomplex Kernkraft / Kernwaffen / Kernfamilie. Zudem habe ich eine Sammlung kürzerer lyrischer Prosa begonnen und recherchiere für einen neuen, dann wieder längeren lyrischen Text, für ein neues Buch.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Wem es ein Wort nie verschlagen hat, / und ich sage es euch, / wer bloß sich zu helfen weiß / und mit den Worten – // dem ist nicht zu helfen. / Über den kurzen Weg nicht / und nicht über den langen.“ Wahrlich, Ingeborg Bachmann (1964)
Herzlichen Dank für das Interview!
Olav Amende, Schriftsteller
Zur Person/über mich: Olav Amende ist Schriftsteller, Regisseur und Performancekünstler. Er hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Leipzig studiert. Er schreibt und inszeniert Theaterstücke und veröffentlichte Texte in diversen Literaturmagazinen. Im Sommer 2022 erschien sein Langgedicht „abwesenheiten“ in der parasitenpresse. Im Sommer 2024 erschien sein Langgedicht „Flurstück 3587/3588. Gedicht auf ein Haus.“ bei hochroth. Im Frühjahr 2025 folgte sein Langgedicht „erosion“ in der parasitenpresse. Im Sommer 2026 erschien sein Buch „Gegengefälle“, das er gemeinsam mit Jascha Riesselmann verfasst hat, bei Trottoir Noir. Das Buch war für die Hotlist 2026 nominiert.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse in Macht und Zerstörung. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Im Interview _ Alida Bremer, Schriftstellerin _ Münster/D
Liebe Alida, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Für „Što je klasik?“ („Was ist ein Klassiker?“) – eine sehr beliebte Kultursendung im Kroatischen Fernsehen – habe ich vor 2 Jahren ein Porträt von Ingeborg Bachmann ausgearbeitet und dabei bemerkt, dass ihr Werk immer noch enorm inspirativ ist Što je klasik? Ingeborg Bachmann – HRT
Zum Beispiel beschäftigt mich seit vielen Jahren das bisweilen submissive Verhältnis von Übersetzerinnen (Frauen) zu berühmten Autoren (Männern). Zu solchen Beziehungen hat Bachmann wichtige Einblicke hinterlassen, die zu folgen sich auch literarisch lohnen würde. Ich kann mir einen Roman über eine Übersetzerin vorstellen, die sich durch eigenes Schreiben auf Bachmanns Spuren aus einer solchen Verbindung löst.
Einige von Bachmanns Beobachtungen sind wieder aktuell geworden, etwa jene über den männlichen Willen zur Dominanz oder über der weiblichen Neigung zur Selbstverleugnung und Selbstaufgabe.
Aber vor allem finde ich ihre Sprachphilosophie wichtig samt ihrer beständigen Hoffnung, dass die Literatur eine sprachliche Selbstermächtigung ermögliche, die die Grenzen der vorgegebenen Welt aufzulösen imstande sei.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Mir kommt es vor, als habe Ingeborg Bachmann die Perspektive – den Standpunkt, aus dem gedacht, gesehen, gesprochen, gezweifelt wird – zu so etwas wie einer vierten Dimension der Literatur erkoren. Diesen essenziellen Gebrauch der Perspektive können wir in allen ihren Textarten beobachten, in der Lyrik, Prosa und Essayistik.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ja, die Erzählung Undine geht.
Übrigens: Bei der Anrufung „Ihr Ungeheuer mit Namen Hans!“ muss ich an die stürmische See im deutschen Norden denken, die man dort „Der blanke Hans“ nennt. Das ist ein freier assoziativer Rahmen, ich weiß. Das letzte Kapitel meines Romans Tesla oder Die Vollendung der Kreise spielt sich in der Stadt Husum ab, in der „grauen Stadt am Meer“, wie der Dichter Theodor Storm seine Heimatstadt nannte, in der „Der blanke Hans“ waltet.
Alles in der Welt ist verbunden, alle Gewässer miteinander sowieso, und durch sie auch alle Landmassen, schließlich liegt auch Böhmen am Meer. Ob es in der Nordsee Undinen gibt, kann ich nicht mit Sicherheit wissen, aber vermutlich schon.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Im gegenwärtigen rechtsextremen politischen Spektrum gibt es Frauen, die bereitwillig die antiemanzipatorische Haltung ihrer männlichen Mitstreiter akzeptieren. Es handelt sich um die Wiederkehr der allmächtigen Ordnung der Väter, die Bachmann so gut kannte.
Doch angesichts des aktuellen Antisemitismus, der nicht nur von rechts, sondern auch von links und von den weltweit hyperaktiven Islamisten kommt, frage ich mich, ob Bachmann heute den Faschismus aus den Geschlechterverhältnissen auf ähnliche Art herauslesen würde wie damals. Mit ihrem Ägyptenbild und mit dem Fragment Der Fall Franza ist ihr keine Glanzleistung gelungen. Was ein Versuch war, der Dominanz der weißen Männer zu entgehen, ist doch zu einer orientalistischen Fantasie geworden, die die konkreten Frauen (und Männer) des Orients in ihrer Realität verfehlte.
Ein zentrales Motiv in Malina ist, dass das Opfer (die Erzählerin) die Schuld des Täters (des Vaters) internalisiert. Im heutigen westlichen akademischen Milieu ist der Gedanke ebenfalls verbreitet, dass der Westen mit seinen Vätern die Quelle allen Übels auf der Welt sei. Aber ausgerechnet Frauen übernehmen diese Schuld auf sich! Dieses Paradoxon ist ebenfalls in Malina angelegt, doch Bachmann konnte die fatale Weiterentwicklung der letzten Jahre nicht vorausahnen.
Um sich von der vermeintlich eigenen Schuld des Kolonialismus reinzuwaschen, verschließen diese selbstkritischen Frauen die Augen vor der misogynen Machtlust der islamistischen Männer. Sie übernehmen die Verantwortung und imaginieren diese Männer als Opfer ihrer selbst, weil sie ja „weiß“ seien. Das ist ein Schritt weiter von der Position, in der Bachmann den kolonialisierten Orient sah: In ihrer Vorstellung waren der Orient und die weißen Frauen zusammen Opfer der weißen Männer.
Auf dem rechten Spektrum wird indessen behauptet, die Geschichte und die Ideologie der weißen Männer samt ihrer ewigen Machtbestrebungen seien immer schon ganz richtig gewesen – und es gibt Frauen, die der These zustimmen.
Die Soziologin Karin Stögner hat auf die Blindheit der westlichen Akademikerinnen verwiesen, die den Frauenhass der Islamisten nicht wahrnehmen wollen. Ich befürchte, dass auch Ingeborg Bachmann nicht frei von den Illusionen bzgl. der orientalischen vs. weißen Männer war. Die westlichen Feministinnen ignorieren die Misogynie im Globalen Süden, um ihr eigenes postkoloniales Weltbild zu schützen – sie ähneln der Mutter aus dem Roman Malina. In ihrer Wut auf weiße Männer hat auch Bachmann ein romantisiertes exotisches Ägyptenbild erschaffen, das man durchaus als kolonialistisch verblendet bezeichnen kann.
Für mich, die ich mit den Literaturen des Balkans sozialisiert wurde, mit den Volksepen, die von den Kämpfen gegen die osmanischen Eroberungen handeln sowie von dem notorischen Sklavenhandel am Mittelmeer, bei dem sich weder Christen noch Muslime mit Ruhm bekleckert haben, hört sich diese westeuropäische Illusion, die unsere südosteuropäische Erfahrung wie üblich vollständig ausblendet, befremdlich an. Ich wundere mich, wie wenig man in Österreich über die Geschichte und die Traumata der benachbarten Südosteuropäer weiß. Hätte Bachmann sich damit auseinandergesetzt, dann wäre sie bei ihrer Vorstellung von der Heilung in die nordarabischen Wüste weniger enthusiastisch. Sie hätte gewusst, dass das Patriarchat viel internationaler ist, als es aus der selbsthassenden westlichen Position aussieht.
In meinen balkanischen Lektüren gab es vor allem Werke, die von (weißen alten) Männern geschaffen wurden, die Frauen haben ja wenig schreiben können. Es war allerdings überall so; Virginia Woolf hat diesen Tatbestand in der Gestalt von Judith, einer fiktiven früh verstorbenen Schwester Shakespeares symbolisch verarbeitet.
Apropos Judith: Die kroatische Literatur beginnt mit dem Epos Judita (geschrieben 1501, veröffentlicht 1520) des Dichters und Gelehrten Marko Marulić aus meiner Geburtsstadt Split. Mit der Erinnerung an die biblische Witwe Judith, die den feindlichen Heerführer Holofernes tötet und die belagerte Stadt Betulia rettet, wollte er die christlichen Kroaten im Kampf gegen die vordringenden muslimischen osmanischen Eroberer stärken.
Diese Heldin Judita würde die heutigen postkolonialistischen Feministinnen nicht interessieren, da sie sich gar nicht vorstellen können, welche gewaltige Eroberungsmacht die Osmanen darstellten und da für sie die Christen per se den Westen und das Übel bedeuten. Genauso würde sie das Schicksal der Shakespeares Schwester Judith aus Woolfs Essay vermutlich nicht erschüttern, ist sie doch nur ein westliches Mädchen, das sich zudem der Zwangsheirat widersetzt (und nach London flüchtet, wo sie ein Theatermacher schwängert und sie Selbstmord begeht) – und gegen Zwangsheirat sagen sie selten ein Wort.
Wenn wir uns heute solidarisch mit den Flüchtlingen aus muslimischen Ländern zeigen, müssen wir dennoch nicht die Augen vor den historischen Eroberungen im Namen des Islams etwa in Byzanz oder auf dem Balkan verschließen, sonst denken wir kontrafaktisch und ahistorisch. Und wir sollen in unseren Sympathien für Migranten ihr Patriarchat dennoch nicht übersehen. Mathematisch ausgedruckt, wenn wir über die heutigen Geschlechterverhältnisse sprechen, sollen wir anstelle der Binarität von Westen und Globalen Süden ein Dreifaktorenmodell anwenden.
In den 400 Jahren nach jener imaginären britischen Zwangsheirat haben jedoch Frauen (und manche Männer) im Westen einiges bzgl. der gerechten Geschlechterverhältnisse erreicht. Das anzuerkennen wäre dringend notwendig. Die heutigen manichäistischen – und reichlich naiven – postkolonialistischen Narrative, die leider von vielen Frauen bedient werden, darunter auch Schriftstellerinnen, bestürzen mich. Es kommt mir vor, als wären die emanzipatorischen Leistungen der Vergangenheit, um die sich auch Bachmann trotz ihrer orientalischen Verblendung mit ihrer Gesellschaftskritik verdient gemacht hat, aktuell gefährdet.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Ich kann gut nachvollziehen, warum Ingeborg Bachmann die Männer ihrer Zeit als unheilbar krank betrachtete, das war damals vermutlich eine treffende Diagnose. Es hat sich inzwischen zwar einiges geändert, es gibt Partnerschaften, die auf Respekt gebaut werden, aber es gibt leider immer noch viele Männer, die Ingeborg Bachmann als liebesunfähig betrachten würde.
Für Liebe und für Glück braucht es allerdings beide Seiten. Denn in diesem Zusammenspiel sind Frauen nicht ohne Verantwortung. Bachmanns Erforschung der weiblichen Ohnmacht und Mittäterschaft und der irrationalen Bereitschaft zur Unterwerfung kann uns helfen, das Verhängnis der unmöglichen Liebe besser zu verstehen.
Wir leben in einer Welt voller Widersprüche, in der es gewiss liebevolle Partnerschaften gibt, aber auch die verrücktesten Auswüchse der patriarchalen Muster, die nach links, rechts und zu den religiösen Traditionen ausschlagen, welchen ich nichts abgewinnen kann.
Das Verhalten von Frauen, die die misogynen Verhaltensweisen von Männern unterstützen, erinnert zuweilen an Mädchen auf dem Schulhof, die über die obszönen Witze ihrer Mitschüler lachen, damit sie zur Clique gehören dürfen; einige beeilen sich sogar, noch hässlicher über ihre Mitschülerinnen zu sprechen und sie zusammen mit den lautesten Jungs als Nutten oder als Nonnen zu verspotten – je nach dem, was in diesem von pubertierenden Hormonen strotzenden Milieu gerade als witzig gilt. Das kann man auch in der Hip-Hop- und in der Rap-Szene beobachten, in der sexistische Texte voller Vergewaltigungsfantasien keine Seltenheit sind und die angeblich auch von jungen Frauen gerne gehört werden – was ich mir eigentlich schwer vorstellen kann. Es handelt sich m.E. um eine Selbstverleugnung, die dem Mord am Ende von Malina entspricht.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich habe gerade in dem Essay Leuchtende Orangen. Rhodos – Insel des Helios von Lawrence Durrell einen Satz gelesen, der mir universell zu sein scheint: „Durch nichts kann man sich bei einfachen Leuten mehr Respekt verschaffen als durch Gedrucktes. Christ in die ärmste Aristokratie der Welt aufgenommen.“ (Christ ist ein griechischer Zeitungsdrucker, der spontan eine Glosse geschrieben hat, die in dieser Zeitung gedruckt wurde. „Am nächsten Morgen hatte sich sein Ruhm schon über das ärmliche Viertel, in dem er lebte, verbreitet.“)
Ich würde die künstlerische und vor allem die schriftstellerische Existenz nicht als ein persönliches „Martyrium“ bezeichnen, ganz im Gegenteil, ich denke, dass es sich einerseits um eine privilegierte – aristokratische, um es mit Durrell zu sagen – Tätigkeit handelt, die vom Wunsch nach Ruhm oder gar von narzisstischer Selbstliebe und Eitelkeit niemals ganz frei ist; das Negative äußert sich eher in der finanziellen Seite dieser Tätigkeit, die Durrell deutlich detektiert hat.
Ich glaube, dass der Wunsch, sich der Welt mitzuteilen und auf sie Einfluss zu nehmen, jene Kraft ist, die Künstlerinnen und Künstler bewegt. Das ist eher eine Form der Selbstermächtigung als des Märtyrertums.
Dass Ingeborg Bachmann sich so einsam fühlte, lag vielleicht nicht nur an ihrem schriftstellerischen Beruf, in dem sie anerkannt und erfolgreich war, sondern an ihren unerfüllten Sehnsüchten, die sie auch dann gequält hätten, wäre sie zum Beispiel Philosophieprofessorin geworden, mit einer geordneten akademischen Laufbahn.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Die Naturbilder, die mehr als Metapher sind, weil sie zur puren Mystik voller Wahrheit und Wirklichkeit werden.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie gerne bei einem Glas Wein über ihr Rom ausgefragt. Sie hat viel über Rom geschrieben, aber nicht nur ist diese Stadt ewig, sondern die Möglichkeit des Erzählens über sie ist unendlich.
Im Jahr 1984/1985 habe ich mit einem Stipendium der italienischen Regierung bei Giuliano Manacorda an der La Sapienza zeitgenössische italienische Literatur studiert, und von dort bin ich nach Deutschland gekommen, zuerst nach München und dann nach Münster.
Münster war damals eine düstre und spießige Stadt, die sich inzwischen positiv verändert hat, so dass ich mich am Ende an sie gewöhnt habe, darüber habe ich hier geschrieben https://deburen.eu/magazine/op-zoek-naar-het-water (der Text ist auf Deutsch, Niederländisch und Englisch zu lesen) und ich hätte den Text gerne auch Ingeborg Bachmann vorgelesen, weil sie sich in Rom sowie mit Wanderungen, Grenzen, Grenzüberschreitungen, Fremde und Heimatlosigkeit auskannte.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich arbeite gerade an einem Roman, in dem es um Sommer und Sommerlieben in Dalmatien geht, aber betrachtet aus der Perspektive der Nachsaison. Es ist ein Roman über Nostalgie, die Adria, das Mittelmeer, Gezeiten, Liebe, Leben und Tod – das Übliche halt.
Dem Roman stehen zwei Motti voran, eines von Homer und eines von Shakespeare, das wunderbar zu der letzten Frage – zu dem von mir ausgesuchten Bachmann Zitat – passt:
Viola: „Welch Land ist dies, ihr Freunde?“
Schiffshauptmann: „Illyrien, Fräulein.“
Viola: „Und was soll ich nun in Illyrien machen?“
(Aus: Was ihr wollt)
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser, und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen
Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal, wie ich mich irrte und Proben nie bestand, doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Robert Petschar, Schriftsteller _ Feldkirch/Vorarlberg
Robert Petschar, Schriftsteller
Lieber Robert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Regelmäßigkeit im Ablauf, gerne nach der Arbeit in der Natur; in den Bergen. Schreiben, malen,…
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Eine lebenswerte Umwelt, die Jahreszeiten in der Natur zu erleben. Reflektierte Mitmenschen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Sich und sein Tun zu hinterfragen, Haltung zu zeigen.
Kunst und insbesondere Literatur kann Positionen aufzeigen.
Was liest Du derzeit?
Durs Grünbein „Der Komet“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Schauder“ Christian Morgenstern
Jetzt bist du da, dann bist du dort.
Jetzt bist du nah, dann bist du fort.
Kannst du’s fassen? Und über eine Zeit
gehen wir beide die Ewigkeit
dahin – dorthin. Und was blieb?…
Komm, schließ die Augen, und hab mich lieb!
1906
Vielen Dank!
Zur Person/über mich:Robert Petschar, geboren 1971 in Bludenz, aufgewachsen und wohnhaft in Feldkirch, Mitglied bei der Johann-August-Malin-Gesellschaft, schreibt autobiografische Texte, Prosa, Haikus, Feuilleton und Gebrauchstexte für Zeitungen. Seine Themenschwerpunkte sind Identität und Entwicklung. Literatur Vorarlberg | Petschar Robert 10.9.2026
Marilyn Monroe _ Valentina Himmelbauer, Schauspielerin_Wien _ performing _ _Marilyn Monroe, Filmschauspielerin, Filmproduzentin, Model * 1. Juni 1926 Los Angeles/USA +4. August 1962 ebenda_ Schloss Schönbrunn/Wien _ Walter Pobaschnig 7/26, folgende
100.Geburtstag Marilyn Monroe _
Text & Performance _ Schloss Schönbrunn/Wien
DIAMONDS _ Akrostichon
Text & Performance _Valentina Himmelbauer, Schauspielerin_Wien
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
DIAMONDS
Diamant
Im
Auge
Marilyns
Ohne
Namen
Dein
Strahlen
Valentina Himmelbauer,3.8.2026
Marilyn Monroe _ Valentina Himmelbauer, Schauspielerin_Wien _ performing _ _Marilyn Monroe, Filmschauspielerin, Filmproduzentin, Model * 1. Juni 1926 Los Angeles/USA +4. August 1962 ebenda_ Schloss Schönbrunn/Wien _ Walter Pobaschnig 7/26
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Karl Johann Müller, Schriftsteller
Zur Person:Karl Johann Müller, geb. 1960 in Bludenz, lebt in Vorarlberg, schreibt Kurzgeschichten und Lyrik seit 2013, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, Hauptpreisträger Hildesheim 2017 und Lyrik Preis International 2024, 2. Preis Lyrik beim Landschreiber Wettbewerb 2025, Einzelveröffentlichung: „Da war doch noch. Prosa trifft Lyrik – Edition ArtScience 2024