„Shakespeares sämtliche Werke leicht gekürzt“ Inszenierung: Christoph Prückner Mit: Anais Marie Golder, Viktoria Hillisch, David Stöckl _ Theater-Center-Forum Wien _ 11. – 28. Februar 2026 – Forum II _ Walter Pobaschnig, folgende
Es ist ein sensationeller Theaterabend, in dem britischer Humor wie seine Wiener Schwester des Dunklen, Absurden in allen Registern moderner Bühnenkunst zu einem sensationellen Shakespeare speed dating einladen, das rundum begeistert!
Das britische Kultstück der 1980er Jahre erfährt eine grandiose Neuinszenierung, in der Regisseur und Ensemble in höchster variantenreicher Inszenierungs- und Schauspielvirtuosität brillieren!
Walter Pobaschnig 11.2.2025
„Shakespeares sämtliche Werke leicht gekürzt“
Inszenierung: Christoph Prückner
Mit: Anais Marie Golder, Viktoria Hillisch, David Stöckl
Liebe Dana, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mein Zugang zu Ingeborg Bachmann ist erstmal ein biografischer: Ich entdeckte sie in den 90er-Jahren, den Wendejahren, als ich Schülerin war an der Deutschen Schule Bukarest. Der deutschen Sprache war ich kaum mächtig, musste jedes zweite Wort im Wörterbuch nachschlagen, und die rumänische Sprache war sehr floskelhaft, nach der 40-jährigen Diktatur, also drückte ich mich darin immer etwas antiquiert aus, wie in der Literatur der Zwischenkriegszeit. Ingeborg Bachmann wurde für mich sofort eine Schwester, über Zeiten und Landesgrenzen hinweg, denn auch für sie war die Sprache kein verlässliches Instrument, sondern oft ein schneidendes, dass ihre Verletzlichkeit preisgab. Zugleich hatte sie einen unbedingten Willen, der Sprache etwas abzuringen – das hat auch mich befeuert im Kampf mit dem Ausdruck, auf Deutsch wie auf Rumänisch.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Das Besondere an ihrem Schreiben ist das Kreisen um Machtverhältnisse, um Gewalt, die oft leise und unsichtbar ist, und um die Frage, wie sehr Sprache selbst Teil dieser Gewalt sein kann. Sie hat eine radikale Ernsthaftigkeit, einen tiefen moralischen Anspruch an die Literatur. Diese Haltung empfinde ich heute als besonders herausfordernd und nötig.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ja, die Erzählungen aus „Das dreißigste Jahr“, vor allem die Texte „Unter Mördern und Irren“ und „Alles“. Hier zeigt sich Bachmanns präziser Blick auf Nachkriegsgesellschaften, auf Verdrängung, Anpassung und stille Brutalität. Ich interessiere mich stark für diese Zwischenzonen der Freiheit: dort, wo keine offenen Diktaturen herrschen, aber Freiheit dennoch beschädigt ist – durch Konvention, Angst, Schweigen.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich kann mir vorstellen, wie Ingeborg Bachmann rauchend und mit Sonnenbrille dies sagte. Dass sie die patriarchale Welt ihrer Zeit kritisieren wollte, ist völlig legitim, gewiss, aber sie wollte mit radikalen Aussagen auch provozieren, von sich zu reden geben – fast sehe ich ihren Instagram-Account …
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Für sie ja, für mich nicht. Ich bin dankbar, dass ich zur Literatur gefunden habe, mein Leben lesend und schreibend verbringe. Ich muss beim Schreiben immer auch lachen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich wäre gerne mit ihr spazieren gegangen, durch Wien, Kärnten oder durch Rom. Sie war, wie ich, eine leidenschaftliche Spaziergängerin. Gespräche hätten sich im Bewegungsfluss ergeben, sicher gute.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein neuer Roman, «Tanzende Frau, blauer Hahn» erscheint jetzt im März, ein Roman über Liebesvariationen. Ich freue mich auf die Lesungen daraus und überhaupt auf die Orte, an die mich die Lesereise bringen wird. Im April ist zudem das Literaturfest München, dessen aktuelle Ausgabe, zum Thema «Freiheit», ich kuratiere.
Constanze Sophie Passin, Schauspielerin_ Salzburg _ acting „Malina“ _ Romanschauplatz _ Wien _ Walter Pobaschnig 12/21, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
MALINA_ Akrostichon
Text _Dana Grigorcea, Schriftstellerin
Performance _ Constanze Sophie Passin, Schauspielerin
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Constanze Sophie Passin, Schauspielerin _ Salzburg _ acting „Malina“ _ Romanschauplatz _Wien _ Walter Pobaschnig 12/21, folgende
MALINA
Mehr als gesagt
An den Rändern gedacht
Lustvoll durch die weiten Räume
Immer weiter, wenn ich säume
Nah dem Ende strahlt das Licht
Auf dem Weg verlier‘ mich nicht!
Dana Gigorcea, 6.2.26
Constanze Sophie Passin, Schauspielerin _ Salzburg _ acting „Malina“ _ Romanschauplatz _Wien _ Walter Pobaschnig 12/21, folgende
Constanze Sophie Passin, Schauspielerin _ Salzburg _ acting „Malina“ _ Romanschauplatz _ Wien _ Walter Pobaschnig 12/21, folgende
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Undine geht_ Clara Montocchio, Sängerin, Schauspielerin_acting _ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 5/24, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Wort & Bild
INGEBORG _ Akrostichon
Text _ Harald Darer, Schriftsteller
Performance_ Clara Montocchio, Sängerin, Schauspielerin
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
INGEBORG
Im
Nebel
Gleichen
Engel
Bettlern
Oder
Räudigen
Geliebten
Harald Darer, 8.1.2025
Undine geht_ Clara Montocchio, Sängerin, Schauspielerin_acting _ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 5/24, folgende
Ingeborg Bachmann ist 1946 in Wien angekommen und lebte hier bis 1953. In dieser Lebensphase kommt es zu wesentlichen Begegnungen, Inspirationen ihrer Texte. Ebenso ist es die Zeit erster Anerkennung als Schriftstellerin. Mit Wien bleibt die später in Rom lebende Schriftstellerin zeitlebens verbunden. Ihr einziger Roman Malina spielt in Wien, ebenso nehmen viele Gedichte darauf Bezug.
Ingeborg Bachmann auf der Terrasse ihrer Wohnung/Bocca di leone, Rom um 1971
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Harald Darer, Schriftsteller
Lieber Harald, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Zunächst über die persönliche Biografie, die ja sehr spannend ist, später über ihren Umgang mit Sprache und Form und ihrem Zweifel an allem.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Obwohl die Sprache lyrisch ist, liegt in ihr – meiner Meinung nach – ein starker Realismus, Konflikte, die in persönlicher und gesellschaftlicher Zerrüttung begründet sind.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Malina, und die Briefwechsel mit verschiedenen Zeitgenossen (zB „halten wir einander fest und halten wir alles fest!“)
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Da ist freilich nach wie vor einiges im Argen beziehungsweise, kommt mir vor, dass wir schon mal weiter gewesen sind. Die Angst vor tatsächlicher Gleichberechtigung scheint immer noch eine große Bedrohung für manche Männer zu sein, man hat sich schließlich gemütlich eingerichtet im patriarchalen Wohnzimmer, ich miteingeschlossen. Alles was damit zu tun hat, wird sofort als woker Faschismus beweint. Aber man kann die derart Beunruhigten leicht beruhigen: Schlagen sie die Zeitung auf und lesen vom x-ten Frauenmord des Jahres, können sie sich mit dem guten Gefühl, dass sich manche Dinge zum Glück nie ändern, entspannt zurücklehnen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich glaube, das hat viel mit der individuellen Verfasstheit des Einzelnen zu tun, der Sicht auf die Welt, Verlust, das Scheitern, das eigene Leben und den eigenen Tod, unabhängig von der beruflichen Tätigkeit. Was weiß man schon vom Leid des nächsten Menschen, der einem auf der Straße begegnet und wie er es erträgt?
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte ihr gerne etwas von ihrer Traurigkeit genommen.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich habe gerade mit der Arbeit an einem neuen Roman begonnen.
Herzlichen Dank für das Interview!
Harald Darer, Schriftsteller
Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.
Fotos: Harald Darer _ „Station bei Jandl“ _ Walter Pobaschnig 8/25
Sigrid Redl, Schauspielerin _ Wien _ acting _ Originalschaupltz Wien _ Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Fotonovel am Originalschauplatz _ „Malina“ Roman/ Ingeborg Bachmann im III.Wiener Gemeindebezirk „Ungargassenland“_ Walter Pobaschnig f.,
Ingeborg Bachmann kam 1946 in Wien an und lebte hier bis 1953. Später bezeichnet sie den Weg von ihrer Heimatstadt Klagenfurt nach Innsbruck, Graz und schließlich Wien als „längsten“ und beschreibt damit die Suche nach Beruf, Identität und Auseinandersetzung mit Geschichte und Herkunft. Diese Themen werden auch zur Mitte ihres Schreibens, besonders im Roman „Malina“ (1971), der topographisch am Hauptschauplatz „Ungargassenland“ des III.Wiener Gemeindebezirk angesiedelt ist, der auch der Lebensmittelpunkt der Schriftstellerin war.
„Mein Königreich, mein Ungargassenland, das ich gehalten habe mit meinen sterblichen Händen, mein herrliches Land“Malina, 1971
INGEBORG
Io sono detta, non intera
Nächte, die Sprache führen
Namen im Mund des Wassers
Gegen das Meer eine Taube
Es ist Nacht, Mond wächst
Bocca ferita, dire o scomparire
Ohne Antwort der Gedanke
Rottura senza ritorno
Gegen das Meer die Taube, unbehaust
Martina Caluori, 27.1.2026
Sigrid Redl, Schauspielerin _ Wien _ acting _ Originalschaupltz Wien _ Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Fotonovel am Originalschauplatz _ „Malina“ Roman/ Ingeborg Bachmann im III.Wiener Gemeindebezirk „Ungargassenland“_ Walter Pobaschnig f.,
Ingeborg
Text/Performance _ Originalschauplatz
Martina Caluori_ Text/Akrostichon
Sigrid Redl _ acting
Walter Pobaschnig _ Idee/Regie/Fotos
Martina Caluori, Schriftstellerin
Sigrid Redl, Schauspielerin _ Wien _ acting _ Originalschaupltz Wien _ Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Fotonovel am Originalschauplatz _ „Malina“ Roman/ Ingeborg Bachmann im III.Wiener Gemeindebezirk „Ungargassenland“_ Walter Pobaschnig f.,
100.Geburtstag von Ingeborg Bachmann – was macht für Dich das Besondere Ihres Schreibens aus?
Gibt es das? Böse gesagt, ist die Lyrik nicht herausragend, um nicht zu sagen banal, und die Prosa prätentiös. Verglichen mit der Lavant oder der Mayröcker sind ihre Gedichte bieder. Und der vielgelobte Roman Malina ist verquaste Prosa ohne Spannung.
Aber es gibt auch eine Unbedingtheit und Unmittelbarkeit in der Sprache, die fasziniert, weil man das Ringen um Wahrhaftigkeit spürt, das Kämpfen um den richtigen Ausdruck, den Willen zur Schönheit. Das Phänomen Bachmann hängt an ihrer Person, ihrer unbedingten Suche nach Liebe. Weigel, Celan, Henze, Frisch, Enzensberger, … sie hat niemanden ausgelassen, der bei drei nicht auf den Bäumen war.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich finde die Briefwechsel mit Celan und Frisch am interessantesten.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden undzerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Die Bachmann war das erste IT-Girl der Nachkriegsliteratur, ein erstes Fräuleinwunder, mit allen Nachteilen, als sie älter wurde. Der Literaturbetrieb war damals komplett in Männerhand, geprägt von machoiden Rollenbildern. Heute hat sich das gedreht, wird man als alter weißer Mann benachteiligt, was ich persönlich jetzt nicht so prickelnd finde.
Ingeborg Bachmann als erste Schriftstellerin am Cover des Hamburger Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ _ August/1954, Foto: Herbert LIst
Die Welt wird natürlich noch immer von Männern an Abgründe geführt, was auch nicht toll ist. Aktuell tanzen wir noch auf dem Vulkan, aber das Brodeln der heißen Lava ist schon zu spüren, die giftigen Dämpfe sind bereits in der Luft.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in einer Vorlesung. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich empfinde das nicht so drastisch. Natürlich gibt es Momente des Zweifels, Phasen, in denen die Diskrepanz zwischen Wollen und Ungenügen einen fast zerreißt. Hinzu kommt, dass man als Schriftsteller sein Werk nie wirklich beurteilen kann. Ein Maler tritt vor sein Bild, ein Komponist kann sich im Konzertsaal zurücklehnen, aber als Romanautor braucht man Tage, um das Geschriebene überhaupt nur zu lesen.
Schreiben ist zeitintensiv, extrem fordernd, sozialen Kontakten eher abträglich, aber es gibt auch das Glück der Stimmigkeit, wenn sich Stoffe und Motive zu einem Ganzen fügen, etwas funktioniert, das so nicht geplant war, man vom Material belohnt, Sprache lebendig wird.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Bestimmt etwas Banales. Vielleicht nach ihrem Lieblingsort in Rom. Sie muss faszinierend und inspirierend gewesen sein. Sehr intensiv. Eine Affäre hätte ich schon gerne gehabt mit ihr, aber das ist sich nicht ganz ausgegangen. Obwohl? Vor ein paar Tagen hat jemand zu meiner Freundin gesagt, dass sie ausschaut wie die Bachmann …
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Gerade arbeite ich an einem sehr heiklen, schwierigen, aber auch interessanten Projekt – einem Roman über den Nationalsozialismus aus Sicht der Eva Braun. Ein Buch, das ich vielleicht gar nicht schreiben will, aber muss, weil es angesichts der überall aus dem Kraut schießenden Faschisten notwendig ist, um das langsame Abgleiten in den Wahnsinn nachvollziehen zu können.
Danach kommt ein historischer Abenteuerroman, und zwischendrin erscheint aktuell noch eine kleine witzige Kulturgeschichte des Klos.
Herzlichen Dank für das Interview!
Franzobel, Schriftsteller _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Foto: Franzobel _ Walter Pobaschnig im Prater/Wien 5/2022.
Lieber Lojze, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Nach dem Aufstehen ein Häferl warmes Wasser, danach kommt der Kaffee, dazwischen eine Suppe oder ein Müsli, Zeitungen durchblättern, dann die Mails durchsehen und beantworten; waschen, anziehen oder, wenn Dringendes ruft, am Laptop das Dringende erledigen. Es drängt sich, zwei Jahre nach der aktiven Verlegerzeit, immer noch Einiges auf. Vorarbeiten dazu finden nächtens, in den Phasen des Munterseins, am Samsung statt. Weiters Recherchieren, Organisatorisches das Archiv betreffend erledigen. Der Vormittag wird mit diesen Dingen verbracht. Mit Barbara gemeinsam Mittagessen kochen und essen. Danach ein wenig ruhen. Luft schnappen, Heimtrainer für eine halbe bis dreiviertel Stunde treten, später noch Chi Gong Übungen. Ab späterem Nachmittag lesen und schreiben. Nachrichten schauen. Film im TV finden. Ein Glas Wein trinken. Im Bett wieder lesen. Schlafen, meist unruhig, in der Nacht ein bis zweimal zum Klo wanken. Zwischen sieben und halb acht aufstehen. Nach dem Aufstehen – siehe oben.
Lojze Wieser, Verleger, Autor
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Für uns? Kann ich das so überhaupt sagen, wo ich im Selbstzweifel nicht einmal über die Geschehnisse der Zeit für mich nicht immer weiß, was wichtig ist. Vieles erscheint zeitgleich und ist laut und man hat das Gefühl, dass sich nur die Lauten und ihre Behauptungen durchsetzen. Sie stehlen uns die Zeit, darüber nachzudenken, was tatsächlich vorgeht und auf uns zukommt.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literatur und Kunst: Beobachten, Notieren, Finden, (Be)fragen, Ausloten …
Was liest Du derzeit?
Ivan Cankar, Na klancu; Peter Handke, Ponovitev slowenische Ausgabe, 1988 (Die Wiederholung), und Innere Dialoge an den Rändern, 2016 – 2021; Dimitré Dinev, Zeit der Mutigen; Eveline Hasler, Ibicaba; Carlo Levi, Christus kam nur bis Eboli; France Prešeren, Pesmi (Gedichte); »Lesezirkel« der Wiener Zeitung aus dem Jahre 1987 und historische Kochbücher.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich zitiere hier aus der Vorlesung einen entlegenen Satz von Ingeborg Bachmann („Umgang mit Namen“, nach Sigrid Weigel, Ingeborg Bachmann, Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses, Wien 1999). Im Zauberatlas ihrer Welt spielt das Galizien der K & K-Monarchie hinein. Als Synonym für Mehrsprachigkeit, das auch ihr Schreiben seit den Anfängen im Honditschkreuz, als 17jährige, begleitet, die sie in ihren Figuren – wie in Das Buch Franza – auferstehen lässt. Im Interview, nach Reisen durch Osteuropa (Prag 1964, Polen Mai 1973, Auschwitz und Birkenau) findet sie sich gewissermaßen wieder:
„Ich war vor kurzem in Polen, zum ersten Mal habe ich wieder bemerkt, wo ich hingehöre. Denn ich bin ja eine Slawin und Slawen sind anders (…)“. (Weigel, in: Elisabeth Soos, Ingeborg Bachmann und das Gailtal, S. 318)
Gerade im Gedicht Prag Jänner 1964 findet sich dieses Hingehören.
„Seit jener Nacht / gehe ich und spreche ich wieder, / böhmisch klingt es, / als wäre ich wieder zu Hause, // wo zwischen der Moldau, der Donau / und meinem Kindheitsfluß / alles einen Begriff von mir hat.“
Lojze Wieser, Verleger, Autor
Vielen Dank für das Interview, lieber Lojze,viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Lojze Wieser, Verleger, Autor
Zur Person/über mich:Lojze (Alois) Wieser, * 9. Juni 1954 Klagenfurt, Verleger.
Biografie
Wieser wuchs im Südkärntner Ort Tschachoritsch (Čahorče), Teil der zweisprachigen Gemeinde Köttmannsdorf (Kotmara vas) auf. Nach der Volksschule besuchte er das slowenische Gymnasium in Klagenfurt. In weiterer Folge absolvierte er eine Buchhandelslehre und gründete eine eigene Druckerei in Wien. Von 1981 bis 1986 leitete der Kärntner Slowene den Drava Verlag, der sich auf slowenische Bücher bzw. Übersetzungen slowenischer Literatur ins Deutsche spezialisierte. 1987 gründete er den Wieser Verlag, den er bis 2024 leitete. 2016 übernahm dieser auch den Drava Verlag.
Ausgehend von der Überzeugung, dass Literatur Vorurteile abbauen und Brücken zwischen Kulturen errichten kann, begann er, slowenische, kroatische, serbische, albanische, bulgarische, rumänische, ungarische, tschechische, slowakische und polnische Belletristik in deutschen Übersetzungen zu publizieren und damit fremdsprachige Klassiker im deutschen Sprachraum bekanntzumachen. Er begründete die Reihen „Europa erlesen“, das Kulinarikjournal „Der Geschmack Europas“ und die „Wieser Enzyklopädie des Europäischen Ostens“. Laut Verlagswebsite verlegte Wieser fast 1.000 Werke, darunter rund 350 Übersetzungen aus dem ostmittel- und südosteuropäischen Raum. Er ist selbst Autor und Herausgeber einer Vielzahl an Publikationen zur Kultur im weitesten Sinn (inklusive der Kulinarik).
Von 2013 bis 2024 betrieb Lojze Wieser in ORF und 3sat die eigene Sendereihe „Der Geschmack Europas“. In deren Rahmen er durch europäische Länder und deren Küchen streift, auf außergewöhnliche Menschen trifft und unerwartete Blicke auf Geschichte und Kultur Europas eröffnet. Er zehrt aus eigenen Reiseerfahrungen, erforscht kulturgeschichtliche Hintergründe, gewürzt mit Anekdoten eines weitgereisten Feinschmeckers und Hobbykochs.
Für seine Verdienste um die Kultur-, insbesondere Literaturvermittlung, wurden der Verleger und seine Werke mehrfach ausgezeichnet. Wieser war aber auch das Ziel von Morddrohungen und Anschlägen. 1994 war er einer der Adressaten einer von Franz Fuchs im Zuge dessen Anschlagserie verschickten Briefbombe.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Liebe, Leben und Gesellschaft in Erinnerung und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Liebe Eva, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Lieber Walter, Deine Fragen zu Ingeborg Bachmann erreichen mich in Rom, wo sie ja jahrelang gelebt hat und schließlich auch gestorben ist. Es freut mich, dass ich nun die Gelegenheit habe, hier, vor Ort, schreibend über sie nachzudenken.
Rom, Tiber _ Eva Schörkhuber, 1/26, weitere
„Gelernt habe ich etwas von den Italienern, das ist schwer zu erklären. Denn man kann von ihnen etwas lernen, wenn man alles wegwirft, jede Vorstellung, die man sich vorher gemacht hat davon. Es sind nicht die Schönheiten, nicht die Orangenbäume und nicht die herrliche Architektur, sondern die Art zu leben. Ich habe hier leben gelernt.“ Ingeborg Bachmann im Interview mit der Wiener Journalistin Gerda Haller im Juni 1973 in Rom. „Ein Tag wird kommen“ Jung und Jung Verlag, 2004.
Ingeborg Bachmann zog im Frühjahr 1954 nach Rom und blieb hier bis zu ihrem Tod *17.10.1973. In zahlreichen Texten, Interviews nimmt sie auf „ihr erstgeborenes Land“ Bezug.
Das erstgeborene Land In mein erstgeborenes Land, in den Süden zog ich und fand, nackt und verarmt und bis zum Gürtel im Meer, Stadt und Kastell. Vom Staub in den Schlaf getreten lag ich im Licht, …. Und als ich mich selber trank und mein erstgeborenes Land die Erdbeben wiegten, war ich zum Schauen erwacht. Da fiel mir Leben zu. Da ist der Stein nicht tot. Der Docht schnellt auf, wenn ihn ein Blick entzündet.
aus „Anrufung des Goßen Bären“ Ingeborg Bachmann, 1956
Das Werk von Ingeborg Bachmann hat für mich insofern eine große Bedeutung, als sie und ihr Schreiben zu den allerersten Weggefährtinnen meines eigenen Schreibens zählen – ein sprachlicher Leuchtturm, an dem ich mich, schwankend und schaukelnd auf der aufgewühlten See der Worte, zu orientieren begonnen habe; das in diesem Werk immer wieder mutig und leidenschaftlich aufgenommene Unterfangen, das zu verhandeln, was Lesenden und Denkenden zugemutet werden muss, um tatsächlich Unzumutbares zu verhindern – das ist mir bis heute Vorbild und Fluchtpunkt.
Eva Schörkhuber am Romanschauplatz „Malina“ (Ingeborg Bachmann, 1971) im dritten Wiener Gemeindebezirk, Walter Pobaschnig 7/25, folgende
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Genau darin liegt für mich auch die Besonderheit von Ingeborg Bachmanns Schreiben: Die Schönheit ihrer Sprache verschließt sich nicht vor der Welt, vor einer Wirklichkeit, die sowohl ihre Gedichte als auch ihre Prosa heimsucht.
Der Einsatz von Rhythmen, die Mischungen sprachliche Farbtöne und schillernde Wortschöpfungen passieren in ihrem Schreiben nicht um ihrer selbst Willen, sondern als Akt der Annäherung, als Akt der Auseinandersetzung – nicht in einem sezierenden, brutalen und zersetzenden Sinn, sondern als Hin- und als Zuwendung an die Welt und Verstörungen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Es fällt mir schwer, einzelne Werke hervorzuheben – ich würde lieber einen bestimmten sprachlichen, aber auch inhaltlichen Zug in ihren Texten hervorheben, und zwar den widerspenstigen, den häretischen: In ihren Rom-Texten hat sie sich auch dezidiert auf den auf dem Campo de’ Fiori verbrannten Häretiker Giordano Bruno bezogen – unter anderem wurde er dafür verurteilt, dass er daran festhielt, dass die Erde nicht der einzige, von Gott auserkorene Planet sei, auf dem Leben möglich ist, sondern dass um die Sterne, die „wie andere Sonnen“ sind, ebenfalls belebte Planeten kreisen könnten.
Diese Art, sich zentralisierenden, allumfassenden Paradigmen, die immer – und zwar wirklich immer – zu verheerender Gewalt führen, zu widersetzen, entdecke ich sowohl auf sprachlicher als auch auf thematischer Eben im gesamten Werk von Ingeborg Bachmann.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ingeborg Bachmann hat sich in dem leider unvollendet gebliebenen Todesarten-Zyklus, für den sie Malina als Ouvertüre verfasst hat und zu dem auch die Romanfragmente Der Fall Franza und Requiem für Fanny Goldmann zählen, mit, wie sie es nannte, „privatem Faschismus“ befasst: Dabei ging es darum, wie sich die verdrängten, zum allergrößten Teil nicht aufgearbeiteten faschistischen bzw. nationalsozialistischen Denk- und Handlungsweisen in den privaten Räumen fortsetzen und mit viel älteren patriarchalen Strukturen ‚kollaborieren‘.
Die Symptome dieser seit Jahrhunderten pandemischen „Krankheit“ treten heute wieder auf besonders offensichtliche Weise zutage: Sie greifen global um sich und setzen ein Vernichtungswerk fort, zu dem Kolonialismus und Genozide ebenso zählen wie struktureller und so genannter alltäglicher Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Ableismus, Klassismus etc.
Die argentinisch-brasilianische Anthropologin Rita Segato spricht von einem „toxischen Mandat der Männlichkeit“, das sowohl trans- als auch intergenerationell weitergegeben wird – ein (selbst)zerstörerischer Auftrag, das Andere (etwa in Form weiblicher, brauner und schwarzer Körper) einzuhegen und darüber unter Einsatz repressiver, gewaltvoller Mittel zu verfügen.
Diese zeitgenössische feministische Analyse mit Ingeborg Bachmanns literarischer Analyse zu verbinden, halte ich für sehr fruchtbar – und wesentlich, denn die konkreten Ausprägungen in all ihren Dimensionen zu verstehen ist ebenso wichtig für einen Kampf gegen diese „Krankheit“ wie die Kritik ihrer strukturellen Auswüchse.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich bin sehr vorsichtig gegenüber einer einfachen Verschränkung von Schreiben bzw. einer schriftstellerischen Existenz und „Martyrium“: Es stimmt, dass das Schreiben selbst eine Tätigkeit ist, die eine:r meistens alleine durchführt, aber sie speist sich unweigerlich aus sozialen Zusammenhängen und Erfahrungen und stellt auf ganz unterschiedliche Weisen soziale Beziehungen her.
Schreiben experimentiert immer mit unterschiedlichen Beziehungsweisen – zur Sprache, zu etwas oder jemand Anderem (zu anderen Lebewesen, zu Natur, Landschaften, Orten, Räumen usw.), in erzählerischen Formen auch zu Figuren.
Wenn das „Martyrium“ darin besteht, eine widerspenstige, ketzerische Haltung gegenüber einer allumfassenden, zentralisierende Gewalt einzunehmen und dafür mit Ausschluss, Ächtung, Exil oder Gefängnis bestraft zu werden, kann ich diesen Ausdruck bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen – er ist mir allerdings dann doch zu metaphysisch, das heißt allzu sehr an einem göttlichen Übermaß und an einem Jenseits orientiert, an das ich nicht glaube.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ingeborg Bachmanns Biografie wird bis heute oft als eine sehr tragische erzählt – die geniale Dichterin mit unglücklichen, komplizierten Männerbeziehungen, die schließlich alkohol- und medikamentensüchtig elend zugrunde geht bzw. „verbrennt“.
Ich würde sie sehr gerne fragen, wie sie sich die Erzählung ihres Lebens wünscht; was die hellen und heiteren Momente waren, die ausgelassenen, übermütigen.
Ich würde ihr gerne sagen, dass ich gemeinsam mit ihr die tragische Ikone der deutschsprachigen Dichtung von ihrem steinernen Sockel stoßen würde, um sie durch ein vielschichtigeres und auch lebendigeres Bild zu ersetzen.
Ingeborg Bachmann mit ihren Eltern _ Rom, folgendes
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich bin gerade dabei, ein Prosamanuskript abzuschließen und arbeite aktuell an einem Theaterstück über die Wiener Psychiatrie in den Jahren 1945 bis 1947: In diesen unmittelbaren Nachkriegsjahren sind die psychischen und physischen Beschädigungen und Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus sehr deutlich sichtbar – da sie, wie wir heute wissen, gesellschaftlich nicht bzw. viel zu wenig behandelt werden, wuchern sie weiter, münden in dem, was Ingeborg Bachmann eben den „privaten Faschismus“ nennt und setzen sich in den Köpfen und Körpern auch der nachfolgenden Generationen fest.
Herzlichen Dank für das Interview!
Eva Schörkhuber, Schriftstellerin _ Wien
Fotos: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann, 1962.
Fotos: Rom, Eva Schörkhuber, 1/26.
Fotos: Eva Schörkhuber am Romanschauplatz „Malina“ (Ingeborg Bachmann, 1971) im dritten Wiener Gemeindebezirk, Walter Pobaschnig 7/25.