Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Siegfried Völlger, Schriftsteller_ Augsburg/D
Sarah Zaharanski, Schauspielerin _Wien
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Foto: Siegfried Völlger _ privat.
Fotos: Sarah Zaharanski, Schauspielerin_performing „Malina“ _ am Original-Romanschauplatz_Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 6/21
Lieber Siegfried, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Gedichte. Vor Jahrzehnten die Entdeckung der Gedichte, alles andere später.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Der mutige Gebrauch der Worte, das Zulassen, Einlassen auf Wortmehrdeutigkeiten. Realismus und Absurdität dicht nebeneinander – was beidem guttut.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Wieder die Gedichte. Die Entdeckungen vieler Düsterkeiten und dazwischen die glitzernden Splitter, die man manchmal erst nach genauerem Lesen/Bedenken findet. Reiche Beute ist da zu machen. Und einige der Erzählungen, der Überlegungen zu Dichtern und Werken – jede Menge Anregungen fürs Weiterdenken.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Es gibt grauenhafte Entwicklungen und gleichzeitig immer auch Widerstand. Bachmann passt da gut: den Widerständischen Unterstützung, den grauenhaften Kerlen Gegenrede. Aufklärung, wenn es denn nützt, in der Welt die Lüge und Dummheit als oberstes Ziel ausgibt, oftmals.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Ich glaube nicht an pauschale Besserung durch Dichterin/Dichter. Aber jede Leserin, jeder Leser, kann im Werk Hinweise, wenn nicht Anweisungen, finden, die zur Selbstprüfung, zur Selbstbetrachtung anregen, zwingen, kann man sagen, wenn man sich drauf einlässt. So wie Bachmann eine Einzelne war, müssen auch Leserin und Leser sich ihre eigenen Wege suchen – die immer noch recht viel Arbeit erfordern, aber nützen (- so der optimistische Gedanke).
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Immer nicht. Ich halts mit H.C.Artmann: Von der Wollust des Dichtens
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Es gibt Sätze, die mich treffen, und die bleiben. „Böhmen liegt am Meer“ – ist einer der Sätze, die mir klargemacht haben, dass ich etwas, das ich nicht verstehe, verstehen kann. Dass ich, die Absurdität, das Unverständliche, ein wenig die Welt, und ihre Wirrungen verstehen kann.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Das ist eine schwierige Frage. Was fragt man eine Dichterin, eine Musikerin, die man sehr verehrt? Man muss nicht übers Werk reden, das spricht selbst, und für eine schnelle Frage sollte man Künstler nicht belästigen. Würde man sie/ihn ein bisschen näher kennen, wäre vielleicht ein Gespräch möglich. Ich erinnere mich an einen Beitrag auf einer Seite über Bob Dylan auf der ein Besucher eines Konzerts sagte: Und da steht Dylan vor mir, er gibt ausnahmsweise Autogramme, und ich, Fan seit vierzig Jahren, bringe kein Wort heraus.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Nachdem im letzten Jahr zwei Gedichtbände erschienen sind, muss ich damit etwas bremsen. Laut Verleger erscheint mein Roman demnächst, es gibt noch keinen Termin. Ein Band mit Erzählungen ist sehr weit. Aber natürlich, das ist unaufhaltsam: Gedichte entstehen immer.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelhaft der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört, nach dem Rechten zu sehen.“
Aus: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden
Im Interview _ Marion Margarethe Kecht, Dichterin _ Wien
Liebe Marion, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Einer meiner ersten Eindrücke entstand in etwa so: Ich war 19 und machte am Bodensee Urlaub, es war Mai, ich lag im Gras unter Apfelbäumen und habe zum ersten Mal ‚Malina’ gelesen.
Diese Kulisse war idyllisch – und stand in einem merkwürdigen Kontrast zu dem, was ich da gelesen habe. Der Text hat mich sofort hypnotisiert — und verstört. Gerade die Albtraumkapitel, die sich mir entzogen, haben mir ins Mark gesprochen. Ich war fasziniert, begriff jedoch wenig.
Was geblieben ist, war also kein Verstehen, sondern ein Eindruck von Härte, von etwas Unausweichlichem.
Erst später, mit mehr Erfahrung – auch als Frau – habe ich begonnen, dieses Buch anders zu lesen. Nicht mehr als Rätsel, sondern als Beschreibung von Strukturen: von Unterwerfung, von Sprachlosigkeit, von Beziehungen, in denen etwas systematisch verschwindet.
Mein Zugang zu Bachmann ist deshalb kein kontinuierlicher. Ich lese sie nicht „gern“, sondern aus Notwendigkeit.
Sie hat mich nie mehr losgelassen – und ich sie auch nicht.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Das Streben nach Vollkommenheit – und die Fähigkeit, auf unnachahmliche Weise tiefgreifende Fragen an den Menschen und die Gesellschaft zu stellen und ihnen auf die Spur zu kommen, vielleicht durch die Sprache selbst – sowie ihr philosophischer Hintergrund.
Ingeborg Bachmann kam ja nicht aus einer rein literarischen Tradition. Ihre Dissertation über Martin Heidegger war bereits eine kritische Auseinandersetzung mit existenzialistischem Denken, gleichzeitig stand sie unter dem Einfluss des Wiener Kreises um Viktor Kraft.
Wesentlich scheint mir aber ihre Nähe zu Ludwig Wittgenstein zu sein: die Frage nach den Grenzen der Sprache, nach dem Sagbaren und dem, was sich entzieht. Das ist keine Theorie geblieben. Es prägt ihr Schreiben unmittelbar. Ihre Texte balancieren auf der Grenze des Sagbaren: sie sagen, während sie zugleich zeigen, dass so manches sich der Sprache widersetzt.
Für mich liegt darin ihre eigentliche Radikalität. Sprache wird bei ihr nicht verwendet, sondern überprüft. Und vielleicht ist das der Punkt, an dem ich mich ihr am nächsten fühle: Schreiben heißt nicht ausdrücken, sondern freilegen – auch dort, wo Sprache an ihre absolute Grenze kommt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Selbstverständlich ihre Gedichte, vor allem die ‚Anrufung des Großen Bären‘, aber auch ihre Erzählungen, die ich immer wieder zur Hand nehme, ‚Malina‘, weil dieser Text noch einen Schritt weiter geht: Er zeigt nicht nur Verletzung, sondern ihr System dahinter. Der Satz „Es war Mord“ ist dabei weniger Anklage als Diagnose. Und ganz wichtig: ‚Der Fall Franza‘ aus den Todesarten.
Dass Bachmanns Prosa mitunter als bieder oder banal bezeichnet wurde, ist für mich kaum nachvollziehbar. Diese Lesart verkennt, wie präzise ihre Texte konstruiert sind – und wie kompromisslos, aber auch wie ungeschützt sie an die Grenzen von Sprache, Obsession und Bewusstsein rühren.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie hat nichts an Schärfe verloren – im Gegenteil. Was Bachmann beschreibt, sind keine rein historischen Zustände, sondern Muster: Macht, die sich als Intimität tarnt, Sprache, die entzogen oder manipuliert wird.
Heute offenbaren sich diese Strukturen unverhüllt: Entwertung, Grenzüberschreitung, Gewaltformen, die unsichtbar bleiben und doch spürbar tödlich wirken.
Bachmann hat diese Zusammenhänge früh erkannt, noch lange bevor sie gesellschaftlich benannt wurden. Und vielleicht ist gerade diese Klarheit heute wieder schwer auszuhalten.
Die Liebe ist bei Bachmann oft mit Zerstörung verbunden. Wie lieben wir nach ihr?
Vermutlich weniger naiv. Bachmann nimmt der Liebe ihre Unschuld. Sie zeigt, dass sie kein geschützter Raum ist, sondern von Machtverhältnissen durchzogen. Das bedeutet nicht, dass Liebe unmöglich ist, aber dass man ihre Bedingungen nicht ignorieren kann.
Für mein eigenes Schreiben heißt das: Mich interessiert nicht die Oberfläche von Gefühlen, sondern das, was darunter wirkt – das, was Beziehungen formt und auch deformiert – und was sich oft erst im Nachhinein als solches erkennen lässt.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunstimmer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Vielleicht nicht Martyrium, aber es ist eine Form von Konsequenz. Bei Bachmann bedeutet Schreiben, sich keiner Illusion zu überlassen – auch nicht über sich selbst. Das hat einen Preis.
Es gibt eine Anekdote aus ihrer Zusammenarbeit mit Hans Werner Henze auf Ischia: dass er sie zeitweise regelrecht eingeschlossen haben soll, damit sie schreibt und liefert. So zugespitzt das klingt – es zeigt etwas sehr Konkretes über die Bedingungen, unter denen ihre Texte entstanden sind.
Ich erkenne darin auch etwas wieder: dieses Gefühl, mit dem Rücken zur Wand stehen zu müssen, damit eine Arbeit ihre nötige Schärfe erreicht. Echte Qualität entsteht selten aus Bequemlichkeit. Mir selbst fällt das Schreiben eher schwer.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Nichts. Ich glaube nicht, dass ihre Texte eine Ergänzung brauchen. Eher im Gegenteil: Sie fordern dazu auf, selbst genauer zu werden.
Aber ich wäre gerne mal mit ihr einkaufen gegangen, um gemeinsam über die „unheilbar kranken“ Männer zu lästern. Sie war ja bekanntlich sehr modeaffin und ein gebranntes Kind – und das bin ich auch.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Noch bevor mein erster Lyrikband veröffentlicht ist, arbeite ich bereits an einem neuen Projekt.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Das Gesetz von der Erhaltung der Energie ist nicht anwendbar auf mich. Ich bin die vollkommene Vergeudung, ekstatisch und unfähig, einen vernünftigen Gebrauch von der Welt zu machen.“ (aus „Malina“)
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Marion Margarethe Kecht, Dichterin _ Wien
Ingala Fortagne _ Sopranistin, Schauspielerin_ Wien
Lieber Andreas, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich lese immer wieder einzelne Gedichte, und vor allem kehre ich oft zu ihren Briefen zurück, die sind für mich ein wichtiger Teil ihres Werkes. Einerseits sind das natürlich intime Texte, die nicht für die Veröffentlichung bestimmt waren, zugleich aber sind sie Literatur und, wie auch Lyrik und Prosa, sowohl an einen (hier: ganz konkreten) Adressaten gerichtet als auch eine Art von vergewisserndem Selbstgespräch. Und Themen wie Liebe, Nähe, das Scheitern von beidem, die Verquickung von beidem mit Gesellschaft und Politik sind in ihren Briefen so präsent wie in der Erzählprosa und den Gedichten.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Privates und Gesellschaftliches sind eins, sind untrennbar miteinander verbunden: alles gleichermaßen intensiv, hautnah und oft genug schmerzhaft. Direktheit und Komplexität sind im selben Maße Charakteristika ihrer Ästhetik: Alles ist heftig präsent, nichts wird plakativ ausgestellt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Gedichte, Malina (wenig überraschend, ich gebe es zu) – aber auch: der Briefwechsel mit Paul Celan (als „Herzzeit“ publiziert).
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Hellsichtig war sie – oder dunkelsichtig –, sie hat aber nicht prophetisch Themen vorausgesehen, die uns heute noch massiv beschäftigen, sondern Gesellschaft (mit ihren Machtverhältnissen und Verkrustungen) immer schon als den großen Schmerz beschrieben, den sie am eigenen Leib erfahren hat. Wie wir alle.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Vielleicht lieben wir schmerzbewusster, macht- und ohnmachtbewusster. Vielleicht lieben wir aber auch offener, empfänglicher, mit mehr Wissen um unsere ständige Verletzbarkeit und Verletztheit.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Auf eine Weise vielleicht schon. Aber das Schreiben ist ja nicht nur Begegnung mit Leid oder Schmerz, sondern auch deren produktive, manchmal spielerische Anverwandlung. Literatur ist eine Glücksmaschine, weil sie sich dem Unglück stellt, es verwendet und verwandelt. Angstfrei von der eigenen Angst zu erzählen, das ist sehr ermutigend.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Die Feier der Sprache, die Feier der Liebe – wenn es auch oft eine Feier im Trauergewand ist.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Wie geht es Ihnen heute?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Gerade ist mein Erzählband „Kummerflimmern“ erschienen, ich bin also noch in der Annäherungsphase an etwas Neues. Gedichte, aber wohl auch ein Roman.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
[…]
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.
[…]
Er wird verliehen
für die Flucht vor den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.
(„Alle Tage“)
Herzlichen Dank für das Interview!
Andreas Lehmann, Schriftsteller
Zur Person: Andreas Lehmann, geb. 1977 in Marburg, dort aufgewachsen, hat Buchwissenschaft, Amerikanistik und Komparatistik in Mainz studiert, lebt in Leipzig. Er war zweimal Teilnehmer des Open Mike-Wettbewerbs der Literaturwerkstatt Berlin und hat Werkstattstipendien der Jürgen-Ponto-Stiftung, der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin und der Romanwerkstatt im Literaturforum des Brecht-Hauses Berlin erhalten. Robert Gernhardt Preis 2022, Bad Godesberger Literaturpreis 2023. 2018 erschien sein Debütroman Über Tage, 2021 der Roman Schwarz auf Weiß, 2023 der Erzählband Lebenszeichen und 2026 der Erzählband Kummerflimmern, alle im Karl Rauch-Verlag, Düsseldorf.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse in Macht und Zerstörung. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Isobel Markus, Schriftstellerin _ Berlin
Florian Raphael Schwarz, Schauspieler _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto_Isobel Markus _ (c) Nathalie Claude.
Fotos: Florian Raphael Schwarz _ Schauspieler _ acting _ Malina – Roman_Ingeborg Bachmann, 1971_ Romanschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 4/22.
Im Interview _ Isobel Markus, Schriftstellerin _ Berlin
Liebe Isobel Markus, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich wurde durch Ingeborg Bachmanns Werke aufmerksam über Gewaltformen nachzudenken, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind: patriarchale, sprachliche, psychische Gewalt, die sich in ganz normalen Beziehungen, Dialogen, Berufs- und Familienkonstellationen zeigt. Dazu fasziniert mich, wie sie mit Brüchen, Wiederholungen, Auslassungen, inneren Monologen arbeitet. Besonders in „Malina“ und ihren Erzählungen. Interessant ist, wie sich durch Leerstellen oft viel mehr zeigt als durch eine Auserzählung.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ingeborg Bachmann zeigte die Zerstörungskraft von Beziehungen in ihrer Einsamkeit, ohne dabei eine Grenze zwischen innerem Erleben und gesellschaftlicher Gewalt zu trennen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich mag „Malina“ und die Erzählbände „Das dreißigste Jahr“ und „Simultan“ sehr.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich finde sie hochaktuell. Die zerstörerischen Muster von psychischer, sprachlicher und struktureller Gewalt haben teilweise ihre Formen geändert, aber nicht das Prinzip. Noch immer sind Körper, Biografien und Möglichkeiten von Frauen und queeren Personen von diesen Machtverhältnissen durchzogen. Das Patriarchat schreibt sich überall ein. In Beziehungen, in unsere Sprache und in die Bilder von uns selbst.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Ihre Texte zeigen, wie Liebe Menschen groß machen kann, aber eben auch, wie durch Liebe Selbstverlust und Sprachlosigkeit entstehen.
Ich persönlich versuche gerade, Liebe nicht mehr vor allem romantisch zu idealisieren, so wie es uns auf allen Ebenen immer wieder eingetrichtert wurde. Stattdessen wach mitzudenken, welche Rollenbilder, Verletzungen und historische Lasten in einer Beziehung mitschwingen. Mein Wunsch ist, eine nicht zerstörerische Form der Liebe zu leben.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Schreiben verlangt manchmal, sich Wahrheiten auszusetzen, die man im Alltag lieber verdrängen würde. Insofern bedeutet es eine Zumutung, sich beständig auch mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen.
Für mich gibt es dabei aber immer zwei Seiten: Selbstaussetzen und Zumutung auf der einen bzw. Rettung auf der anderen Seite. Schreiben kann hart und herausfordernd sein, weil man oft eigene Schutzmechanismen öffnen muss, und zugleich ist das Schreiben der Ort, an dem ich frei atmen und komplett nur Ich sein kann. Wenn es ein Martyrium darin gibt, dann weil man sich dem nicht mehr entziehen kann, wenn man einmal damit angefangen hat. 😉
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Bachmann schrieb auf eine politische Weise von persönlichen und historischen Traumata, die sich überlagern und ihre Texte zeigen, wie Sprache wehtut und Machtstrukturen transportiert. Das finde ich hochinteressant.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie gerne gefragt, ob sie mit der fast schon mythischen Figur, zu der man sie gemacht hat, überhaupt etwas hätte anfangen können. (Ich glaube eher nicht.)
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich mache derzeit bis zum Herbst eine Lesepause, um mich ganz auf das Schreiben zu konzentrieren. 2027 wird es dann ein neues Buch von mir geben, auf das ich mich schon sehr freue.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Alles ist eine Frage der Sprache.“
Aus der Erzählung „Alles“. In: „Das dreißigste Jahr“
Udine/Italien _ Gedenktafel für den Widerstand der Frauen 1943-45
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
UNDINE GEHT _ Akrostichon
Text _ Dragica Rajčić Holzner, Schriftstellerin
Fotos _ Walter Pobaschnig
UNDINE GEHT
Undine erinnerte mich an Udine 1946
Nostalgie der Grenzkämpfer
Dein Jäger traf sich in Venecia mit Nachkommenden
Indessen sind wir nur Wortmunition ohne Zukunft
Niemand forscht über
Eine Frau welche nie nach Udine allein kam
Gerede sagst du macht krank
Eine neue Sprache
Heilt die Grenzsprenger
Teetasse hat er nicht übersehen
Dragica Rajčić Holzner, 25.1.2026
Zu Udine _Gedenken an den Frauenwiderstand/Italien
Eine Gedenktafel, die an die Frauen des Friaul erinnert, die sich – ganz ohne Waffen – den deutschen Besatzern widersetzten und die zur Deportation Bestimmten unterstützten, befindet sich an der Fassade des Bahnhofs (in der Nähe des Taxistandes). Eine weitere kleine Gedenkstätte für die Frauen, die sich im Friaul am Widerstand beteiligten, befindet sich vor der Schule an der Piazzale Cavedalis.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Kerstin Ablasser, Schauspielerin, Model _ Wien _ performing „Undine geht“ _ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 6/24, folgende _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
Undine geht _ Akrostichon
Text _ Heinz Kröpfl, Schriftsteller
Performance _ Kerstin Ablasser, Schauspielerin, Model
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Kerstin Ablasser, Schauspielerin, Model _ Wien _ performing „Undine geht“ _ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 6/24, folgende _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.
UNDINE GEHT
Unterhalb
Namentlicher Zuversicht
Dräut
In einem fort
Neuerlich die jederzeitige
Einnahme durch das verwünschte Ungeheuer Angst
Geradewegs
Erfassend mich
Heftig und hart
Trifft sie vom Ursprung bis in mein Überall
Heinz Kröpfl, 26.1.2026
Kerstin Ablasser, Schauspielerin, Model _ Wien _ performing „Undine geht“ _ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 6/24 _ _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
Undine geht _ Akrostichon
Text _ Heinz Kröpfl, Schriftsteller
Performance _ Kerstin Ablasser, Schauspielerin, Model
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Ingeborg Bachmann Rom 1962 _ Foto: Heinz Bachmann
Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.