
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Stefan Heyer, Schriftsteller _ Augsburg
Lieber Stefan, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Nachdem ich mich durch die Trümmerliteratur von Böll, Lenz und Co. gelesen hatte, bin ich 1982 als jugendlicher Leser auf Bachmann gestoßen. Der Band „Simultan“, Erzählungen, in der Ausgabe bei dtv. Weitere Erzählungen und die wunderbaren Gedichte folgten. Kurz vor dem Abitur gab es dann die Werkausgabe. Für das Abitur war das nicht nötig, aber es hat dann die Studienwahl mit beeinflusst.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ihr Schreiben und Leben war das Suchen. Das Suchen nach der wahren Sprache, den wahren Sätzen und dem wahren Leben. Nach dem Massaker des Zweiten Weltkrieges, nach dem Holocaust eine Sprache, einen Weg im Leben zu finden, eine Hoffnung und Utopie, dies ist die Grundlage ihrer Literatur.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Wichtiger als zum Beispiel der Briefwechsel mit Max Frisch sind mir die Frankfurter Poetikvorlesungen. Bachmann war die erste Dozentin der damals neuen Reihe. Über die „Probleme zeitgenössischer Dichtung“ sprach sie in fünf Vorträgen. Sie beschäftigte sich darin mit Lyrik (Eich, Enzensberger), mit dem schreibenden Ich und dem Umgang mit der Utopie. Bachmann, die Autorin, die immer auch Philosophin war, sich immer an Heidegger und Wittgenstein abarbeitete, ebenso sich aber Heidegger auch immer wieder annäherte. Literatur als Plage als auch Literatur als Utopie.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Im Roman „Malina“ geht Bachmann im zweiten Kapitel auf den Nationalsozialismus und die Shoa ein. Die Welt erscheint als eine einzige, riesige Gaskammer, ein unendlicher Albtraum, der hauptsächlich durch Männer herbeigeführt wird. Die Ich-Erzählerin erschreibt sich den eigenen Tod. Die toxische Männerwelt richtet sie zu Grunde. Für Hoffnung ist da wenig Platz. Diese Ausweglosigkeit ist verstörend.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Die Liebe ist ein schwieriges Feld, doch was wären wir ohne die Liebe? Ohne Liebe ist das Leben nicht vorstellbar. Das Glück und das Unglück der Liebe ist dem Menschen beigegeben.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Schreiben hat viel mit Verlassen des Gewohnten, des sichern Bodens zu tun. Immer wieder muss man sich die Sprache abwringen, das Schreiben erkämpfen. Dies muss aber nicht im Leid geschehen. Schreiben ist auch Utopie, Schreiben ist auch Hoffnung. Es muss kein einsamer Kampf sein. Wir können auch gemeinsam kämpfen. Man darf sich einen Schriftsteller als glücklichen Menschen vorstellen.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Natürlich liegt Böhmen am Meer. Wie könnte es anders sein? Nur so finden wir das Lachen wieder, nur so die Liebe. Wir alle müssen Böhmer sein. An das Meer glauben. Nicht weniger. Nicht mehr.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Macht das Leben in Rom glücklich?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Neben einer Sammlung von kleinen Prosastücken über das Glück arbeite ich vor allem an einen größeren Prosatext, der in München spielt. Eine Art polyphones Nachtstück.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.“
Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden (1959)
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person: Stefan Heyer wuchs am linken Niederrhein auf. Nach dem Abitur und dem Zivildienst studierte er Germanistik und Philosophie in München. 1994 erwarb er den akademischen Grad des Magister Artium an der Ludwig-Maximilians-Universität München. An der Universität Essen wurde er 2000 bei Manfred Schneider mit einer Arbeit über das Kunstkonzept von Gilles Deleuze und Felix Guattari promoviert. Zweitbetreuer war Joseph Vogl. Die Dissertation „Gilles Deleuze und Felix Guattaris Kunstkonzept. Ein Wegweiser durch Tausend Plateaus“ erschien 2001 im Passagen Verlag, Wien.
Zusammen mit der Buchhandlung Amalienstraße 71 veranstaltete und kuratierte er in München verschiedene Vortragsreihen, u.a. zu den Themen Postmoderne, Gedächtnis, Körper, Liebe.
Heyer verfasst Kurzprosa und Lyrik. Zahlreiche Texte sind in Literaturzeitschriften und Literaturportalen erschien, z.B. in „Mosaik“, „Poesiealbum neu“, „Fixpoetry“, „Podium“, „Signaturen-Magazin“, „neolith“, „Die Rampe“, „Ausreißer – Grazer Wandzeitung“, „Sylste“, „entwürfe“, „Prolog – Zeichnungen und Texte“ u. a. Das Gedicht „Lob der Faulheit“ wurde 2017 von Joachim Hofmann verfilmt.
2019 erschien sein Lyrikdebut „Resonanzen/Korrespondenzen“ beim Passagen Verlag, Wien. Beim Epubli Verlag erschien 2021 die Gedichtssammlung „Schwarzer Kaffee auf der müden Zunge“. 2023 erschien „Form und Struktur“ im Passagen Verlag. Der Lyrikband „Das Alphabet von Deleuze & Guattari“ erschien 2025 ebenfalls im Passagen Verlag erscheinen.
Im Frühjahr 2027 erscheint ein Prosaband zum Thema Glück im Passagen Verlag.
Stefan Heyer lebt mit seiner Familie in Augsburg. (Stefan Heyer, 2.8.26)
Website: Autor Lyrik Gedichte Schriftsteller | Stefan Heyer | Augsburg
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Fotos: Stefan Heyer _ privat
Walter Pobaschnig, 2.8.26
































































