Dana Grigorcea (links) _ 3sat Preis _ Tage der deutschsprachigen Literatur 2015
im Interview: Dana Grigorcea, Schriftstellerin _ Zürich
Bachmannpreisnominierte 2015
Gewinnerin des 3sat Preises
Liebe Dana, Du hast 2015 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?
Der Raum, kleiner als ich ihn mir vorgestellt hatte, eine Mini-Arena, rappelvoll, und alle blättern gleichzeitig um.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Die Bereitschaft aller Anwesenden, sich auf neue Textsorten einzulassen, und die geselligen Literaturrunden auf Terrassen, Treppen, in Cafés und am Wörthersee.
Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?
Wie im Rausch. Es war intensiv, aber auch viel zu schnell vorbei. Zum Glück sind mir die Freundschaften geblieben.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Es braucht nicht-thematische und unbedingt auch stilistisch experimentellere Texte, Überraschendes, und eine anhaltende Begeisterung für die Literaturkritik.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Ich wünsche allen, dass sie sich zum Genuss ertüchtigen!
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Foto: Dana Grigorcea _ Gabi Hirit
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/ORF Studio_ Empfang der Stadt Klagenfurt/Schloss Loretto _ Walter Pobaschnig
Bachmannpreisjury _ 2025 _ Vorsitzender Klaus Kastberger (Mitte)
Im Interview _ Klaus Kastberger, Graz (A), Vorsitzender der Bachmannpreisjury
Seit 2015 Bachmannpreisjuror, seit 2024 Juryvorsitzender
Professor für neuere deutschsprachige Literatur am Franz-Nabl-Institut der Universität Graz und Leiter des Literaturhauses Graz.
Österreichischer Staatspreispreisträger für Literaturkritik 2023
Bachmannpreisjury 2015, ganz links Klaus Kastberger Bachmannpreisjury 2025, Vorsitzender Klaus Kastberger (Mitte)
Lieber Klaus, die Spannung steigt, in weniger als drei Wochen beginnt der Bachmannpreis. Wie gehst Du persönlich auf das große Jubiläum in Klagenfurt zu und was erwartet das Publikum seitens der Jury zum runden Geburtstag?
Das Publikum erwarten diesmal ganz besonders interessante Texte, zumindest lassen das die Namen der Teilnehmer:innen vermuten. Die Jury ist gleichgeblieben. Und zumindest für mich ist es heuer das letzte Mal, dass ich Teil dieser Jury bin. Ich habe aber gar keine sentimentalen Gefühle. Ganz im Gegenteil freue ich mich heuer extra auf dieses letzte Mal. Jubiläen sind ja auch immer ganz besondere Zonen. Und viele meinen: Heuer könnte auch was ganz Besonderes passieren!
Du bist seit 2015 Juror und seit 2024 Vorsitzender der Bachmannpreisjury und damit das längstdienende Jurymitglied. Was waren und sind für Dich die schönsten und schwierigsten Erfahrungen, Erlebnisse auf diesem Weg?
Am schwierigsten war die Pandemie. Und es ist ausschließlich der damaligen Jury zu verdanken, dass es auch in dieser Situation mit dem Bachmannpreis weitergegangen ist. Hätten wir das damals nicht durchgesetzt, gäbe es diese Veranstaltung und auch das heurige Jubiläum gar nicht mehr.
Bachmannpreis online _ 2020 Moderator Christian Ankowitsch im ORF Studio _ 2020
„Es war Mord“ ist der letzte Satz und „Glücklich mit Ivan“ der Beginn in „Malina“. Wann ist eine Jurykritik geglückt und wann „Mord“?
Ich habe in den letzten elf Jahren in Klagenfurt keinen einzigen Mord erlebt. Von einem Klagenfurter Tribunal sprechen auch nur Menschen, die seit Jahrzehnten nicht mehr dabei waren und nicht wissen, was da eigentlich passiert. Peter Handke hat solche Menschen einmal die „Fernfuchtler“ genannt. Insgesamt habe ich während den Veranstaltungen auch viel mehr glückliche als unglückliche Menschen erlebt.
Was hat Literatur was der Fußball nicht hat?
Oft finden parallel zum Bachmannpreis große Fußballereignisse statt, was mit dem Termin zu tun hat. Das ergänzt sich im Normalfall perfekt. Die Österreicher gewinnen aber eher in der Literatur als beim Kicken. Mit der nationalen Euphorie aber ist es oft genau umgekehrt. Ich selbst glaube ja ganz fest an die Überlegenheit der österreichischen Literatur.
Was wünscht sich der Juryvorsitzende zum Bachmannpreisgeburtstag?
Dass Kärntner auch von dem wunderbaren Literatur-Troß, der sich hier Jahr für Jahr niederlässt, einmal in seiner ganzen Substanz als ein zweisprachiges Land wahrgenommen wird. Auch alle utopischen Vorstellungen von Ingeborg Bachmann und die Hoffnung, die sie bis zum Schluss hatte, basieren ja gerade auf den slawischen Elementen innerhalb der österreichischen Traditionen. Nicht das deitsche Kärnten, sondern das slowenische dient hier als kulturelle Referenz. Man könnte auch sagen: Bei Bachmann liegt mit Böhmen immer auch Celovec am Meer.
Bachmannpreistrophäe
Ingeborg Bachmann _ Pressegger See (Gailtal)
Isabel Belherdis, Künstlerin/Graz _ Intervention _ Walter Pobaschnig
Herzlichen Dank für das Interviewund alles Gute!
Klaus Kastberger, Graz (A), Vorsitzender der Bachmannpreisjury
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
(von links) Klaus Kastberger, Natascha Gangl (Bachmannpreisträgerin 2025), Max Höfler, Verena Stauffer (Nominierte 2026)
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Im Interview: Perikles Monioudis, Schriftsteller, Verleger _ Zürich
Bachmannpreisnominierter 1995
Lieber Perikles, Du hast am Bachmannpreis in Klagenfurt, dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum, teilgenommen. Was sind spontan Deine ersten Erinnerungen?
Ich war 1995 dort, also vor mehr als 30 Jahren. Es war eine andere Welt. Die Texte dockten noch einigermaßen an die deutsche Nachkriegsliteratur an, Gruppe 47 und Folgejahrzehnte, die Kritik war rigide und unverblümt selbstgefällig, die Jury überaltert.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Die Begegnungen.
Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?
Hm, als abgekartetes Spiel, aber das war ok so.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Diversität, Inklusion, Tiefe.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Geht alle hin, für mindestens weitere 50 Jahre.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Perikles Monioudis, Schriftsteller
Zur Person:Perikles Monioudis, 1966 in Glarus/Schweiz geboren, promovierte an der Universität Zürich in Kulturwissenschaft und lebt nach zwölf Jahren in Berlin mit seiner Familie wieder in Zürich. Für seine vielfach übersetzten zwanzig Romane und Erzählbände («Land»,«Palladium», «Eis», «Frederick», «Die Forstarbeiter am Bergrand» u.a.) wurde er zahlreich ausgezeichnet, so mit dem Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis.
Der tiefblaue Traum, Monioudis, Perikles_Roman, Rimbaud Verlag
Ein Liebesroman, ein Unternehmerroman: Die Kunst hat ihren großen Platz in diesem klug erzählten, beziehungsreichen Roman, dessen Handlung in Zürich, Berlin, Boston und in China angesiedelt ist. Ein junger Mann und eine junge Frau, Aimée, Tochter eines bekannten Kunstmalers, ziehen am Ende der 1980er-Jahre einen florierenden Computerhandel mit PC-Clones aus Fernost auf. Sie betreiben den Handel nach den Regeln des Handwerks, verkaufen ihre Ladenkette dann aber doch, um Kunst zu sammeln und die bedeutende Privatsammlung des Kunstmalers zu betreuen. Die beiden gehen später fest davon aus, dass die Maschinen in hundert Jahren alles übernommen haben werden und die einzige Möglichkeit, etwas Menschliches hinüberzuretten, darin besteht, jetzt Kunst zu sammeln, die nicht maschinenlesbar ist. Kunst also, die auch von den Künstlern selbst nicht verstanden wird – so wie die Liebe.
Ein hinreißender Roman über sich wandelnde Haptik, sich verändernde Träume und die stete Suche nach dem Eigentlichen. (Pressetext Verlag)
312 S., broschiert, 2024
ISBN 978-3-89086-944-5
€ 34 ,-
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Foto: Perikles Monioudis _ (c) dtv
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/ORF Studio_ ORF Garten _ Walter Pobaschnig
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Cornelia Travnicek, Schriftstellerin
Isabella Jeschke, Schauspielerin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Cornelia Travnicek _ Walter Pobaschnig
Fotos: Isabella Jeschke, Schauspielerin_ Wien _ acting Malina _ Ungargasse/Romanschauplatz Malina _ Wien Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 9/21
Im Interview _ Cornelia Travnicek, Schriftstellerin _ Wien
Liebe Cornelia, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Als Poetin, als Lyrikerin lese ich Bachmann seit 25 Jahren, wieder und immer wieder. Ihre Erzählungen habe ich später für mich entdeckt, als die Bedeutung von Texten wie „Undine geht“ bereits hervorgehoben wurde von gelebter Realität.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Dass sie es als Frau mit ihrer sprachlichen und kritischen Radikalität schaffte, in der männerdominierten Nachkriegsliteratur bereits sehr jung als ernstzunehmende Stimme wahrgenommen zu werden.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Das Psychogramm der Protagonistin in „Malina“ hat mich nie mehr losgelassen.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Wir leben in einer seltsam bipolaren Welt, in der Bachmanns Texte heute von ebenso großer Bedeutung sind wie vor 50 Jahren.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Und dankbar.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Vielleicht verwechseln wir Ursache und Wirkung daran – das Schreiben ist nicht das Martyrium, es ist der einzige Ausweg daraus, aber wir schreiben gegen Treibsand an.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ihr ansprechend argloser Blick, das feierliche Staunen in der frühen Lyrik – das sind erhebende Elemente, die sich gleichzeitig anfühlen, als hätte das Mädchen mit den Streichhölzern eben für einen kurzen Moment Licht und Wärme gehabt.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ob sie die Weigels, die Frischs und wie sie alle hießen, nicht lieber vergessen will, und gemeinsam mit ein paar anderen Schriftstellerinnen auf eine Reise gehen, weit, weit weg. (Rom war noch nie eine gute Idee.)
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Nachdem der Roman „Ich erzähle von meinen Beinen“ eben erst erschienen ist, stecke ich bereits mitten in der Arbeit an einem neuen Lyrikband in meinem Sylvia Plath-Projekt, dieser soll dann im Herbst 2027 bei Limbus Lyrik erscheinen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Ein Zapfen: eure Welt. Ihr: die Schuppen dran.“
Herzlichen Dank für das Interview!
Cornelia Travnicek, Schriftstellerin
Aktueller Roman von Cornelia Travnicek:
Wallys Familie funktioniert – meistens. Ihr Mann, ihre Tochter, das Haus, die Laufenten: Sie hat alles im Griff, bis: sie eines Tages zusammenbricht und sich im Krankenhaus wiederfindet. Alles, was davor geschah, bekommt so eine verschobene Bedeutung. Bei ihrer Tochter wurde ADHS diagnostiziert – aber wie ist es mit ihrer eigenen Unkonzentriertheit, der Unmöglichkeit, Begonnenes abzuschließen, ihrer Hyperaktivität? Ihren irrationalen Ängsten und kleinen Neurosen? Wallys Zusammenbruch und die fast zeitgleiche Überschwemmung ihres Hauses bilden gleichermaßen die Klimax einer Überforderung – und die Erlösung daraus.
Wie sich das Leben mit Neurodivergenz anfühlt, verarbeitet Cornelia Travnicek eindrucksvoll zu einem literarisch raffinierten Roman, der einen immer wieder zum Schmunzeln bringt. (Pressetext/Verlag)
„Ich erzähle von meinen Beinen“ Cornelia Travnicek. Roman. Picus Verlag.
Geboren 1983 in Ungarn. Eingeladen von Brigitte Schwens-Harrant.
Kinga Toth _ Sprachwissenschaftlerin, Visuell-Klang-Poetin, Illustratorin und Kulturmanagerin
Liebe Kinga, herzliche Gratulation zur Bachmannpreisnominierung! Wie hast Du davon erfahren und was war Deine erste Reaktion? Wie sieht jetzt Deine Vorbereitung aus?
Vielen Dank für die Gratulation, wie auch für die Einladung fürs Interview! Es ist ein Wahnsinn! – das sage ich noch immer laut, ein Kindheitstraum, eine riesige Ehre! Viele wissen von mir wahrscheinlich nicht, dass ich aus einem sehr kleinen Dorf in Westungarn (Nyőgér) und aus bescheidenen Bedingungen stamme, aber ja, mit großen Träumen😊 und meine Gefühle sind momentan unbeschreibbar – ich bin enorm dankbar und freue mich – und ja, aufgeregt bin ich auch😊Den Text lese ich oft vor, probiere, wie er schmeckt, wo ich atmen kann, wie wir uns nähern – aber die Vorbereitung besteht momentan eher darin, wie ich Zeit schaffe. Die Universitätssemesterzeit läuft noch und Gottseidank habe ich einige Lesungen/Performances im Juni, und auf die Gesundheit muss ich auch immer achten, also es ist jetzt „ein bissi a Juggling“ momentan, ich versuche mein Bestes!
Wie war Dein Weg zum Schreiben und was ist Dir in Deinen so vielfältigen Literatur/Performance/Kunst-Projekten wichtig?
Hujé, ja, also wie gesagt, alles fing im Kleindorf an mit viel lesen und schreiben (von Anfang an wollte ich Schriftstellerin und Schauspielerin werden) und träumen, aber der Weg war/ist nicht einfach. Es gab aber damals (wir sprechen über die „vorOrbanZeit“) Literaturorganisationen wie József Attila Kreis (wo ich auch später gearbeitet habe) und die Literaturworkshoptage in Sárvár, wo wir uns mit berühmten Literaten treffen und an unseren Texten arbeiten durften – da habe ich viel gelernt und den Mut genommen, meine Texte an Zeitschriften und Verlage zu schicken. Da ich lange noch nicht in Budapest wohnte und ganz andere Alltagsjobs hatte, aus dem Rande und ohne persönliche Bekanntschaften war dieser Weg langsamer. Aber dann erschienen schon meine ersten Bücher – von Anfang an mit meinen Zeichnungen und später auch mit Musik.
Seit langem schrieb ich auch auf Deutsch, aber erst 2012 habe ich meine Texte an deutschsprachige Magazine – und später Verlage geschickt. Der Weg im Ausland war also „the same“, mit dem Unterschied, dass ich schon mit der Undergroundszene einige Konzerte in Ungarn, in Deutschland und in Österreich hatte, also Bühnenerfahrung hatte ich ein wenig – und die Residencyprogramme, die mein Exil aus Ungarn und aus der Existenzkrise waren, eröffneten mir ein neues Tor für internationalen Austausch und ein bisschen Freiheit. Ich arbeite also seit mehr als 20 Jahren in diesem Bereich, aber der Weg war nie eindeutig, deswegen versuche ich auch KollegInnen weiterzuhelfen: Ich weiß, wie es ist, von ganz unten anzufangen.
Du schreibst in drei Sprachen (Deutsch/Ungarisch/Englisch). Welche Möglichkeiten bietet Vielsprachigkeit in Literatur/Kunst für Dich?
Die Möglichkeit für Kommunikation und Verbindung. Ganz einfach, die Illusion oder doch(!) einige Momente der Freiheit zu erleben, neue Kulturen, Länder kennen zu lernen-aber am wichtigsten: sich mit anderen Menschen zu verknüpfen und das Gemeinsame zu erleben. Das alles klingt hochutopisch und banal, aber nach und in solchen Zeiten, wo unsere Gesundheit, Existenz, Leben (es herrscht doch immer noch Krieg in der Nachbarschaft!!) finde ich nichts anders wichtig mehr.
Was macht den Bachmannpreis einzigartig und auf was freust Du Dich besonders?
Auf dieses Treffen! Das Format ist natürlich einzigartig und meine Füße werden auch kälter, wenn ich daran denke😊aber es ist auch spannend und selbstverständlich freue ich mich auf die Kolleginnen, auf ihre Texte und Geschichten, sowohl „fachlich“, als auch persönlich. Ich freue mich auf nicht-offizielle Gespräche, obwohl ich auch betonen möchte, wie dankbar ich hier bin, auf Fremdsprache und mit der Prosaformat – meine zwei großen Herausforderungen – zu kommen und lesen und Diskussionen zu führen. Ich hoffe, dass mein Text gut ankommt, I do my best!
Was würdest Du mit dem hoch dotierten Preisgeld machen?
Uhhh😊 ich werde ein bisschen in meine Gesundheit investieren 😀 und vielleicht ein bisschen Zeit für mich kaufen, wo ich schreiben darf. Ich arbeite momentan an einem Roman über das Thema meines Bachmanntextes und es braucht Recherche – und natürlich Zeit und Ruhe. Und ich könnte für eine neue Mietwohnung (die jetzige wird umgebaut) ein bisschen sparen. Also kleine Träume, aber viele! Und natürlich mit der Familie ein kleines Feieressen😊
Das Jubiläum des 50.Bachmannpreises fällt heuer mit dem 100.Geburtstag der Namensgeberin Ingeborg Bachmann zusammen. Welche Zugänge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann, was schätzt Du besonders an Ihrem Werk?
Viele Verbindungen finde ich mit ihr und ihren Werken: Grenzgebietsein, Aufdemwegsein, Reisen, Gesundheit, Politik, der Schwung deren Sprache, die Musikalität, Wortschöpfungen – falls ich Stichwörter schreiben möchte. Ich sehe eine mutige, kräftige Frau, die Welten mit ihren Wörtern schöpft, deren Mut und Glaube an der Kraft der Literatur wir ziemlich sehr brauchen.
Welches Buch und welche drei weiteren Dinge kommen unbedingt mit in die Reisetasche für Klagenfurt?
Das Buch weiß ich noch nicht: Natascha Gangls, Mara Genschels und Muri Daridas Bücher streiten momentan miteinander, wen ich zuerst beenden sollte 😀 die innere Burg von Teresa von Avila kommt noch sicher und meine Steine bzw. Steine aus Nyőgér- sehr wichtig😊!
Vielen Dank für das Interview, viel Freude und Erfolg beim Bachmannpreis!
Danke schön😊!
„Inge“ _ Hauptpreis _ Bachmannpreis
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Kinga Toth _ Verena Mayrhofer
Fotos: Bachmannpreis/Wörthersee _ Walter Pobaschnig
im Interview _ Sabine Peters, Schriftstellerin _ Hamburg
Bachmannpreisnominierte 1989
Liebe Sabine, Du hast 1989 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Die Literaturredakteurin Gisela Lindemann vom NDR Hannover hatte mich eingeladen. Es war mein zweites oder drittes öffentliches Auftreten; entsprechend unsicher fühlte ich mich. Gisela Lindemann nahm sich rund um Klagenfurt, auch in Briefen danach die Zeit, mit mir über Literatur und den Literaturbetrieb zu sprechen. Sie starb noch 1989. Aber die Erinnerung an ihre außerordentliche Intellektualität und Empathie für Menschen und Texte ist mir immer noch lebendig.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Das kann ich nicht beurteilen, denn ich verfolge die Veranstaltung nicht im Netz; lese allerdings viele Texte.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Daran erinnere ich mich kaum. Bei einigen Kolleg:innen ging es in den Jurydiskussionen hoch her; und es ist für Autor:innen kaum eine Freude, sich, von Publikum und Kamera beobachtet, die Kritiken anzuhören.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Es braucht immer helle Köpfe auf allen Seiten, die auch jenseits eingefahrener Muster wahrnehmen, denken, reden und schreiben können.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Die Rolle eines Botschafters oder Ratgebers ist mir drei Nummern zu groß. Ich habe allerdings seit 1989 Zweifel an dem Wettbewerbscharakter der Veranstaltung. Literatur ist kein sportevent, bei dem sich der oder die Beste mit der Stoppuhr ermitteln lässt. Der öffentliche Hype, der kurzfristig um oft sehr junge Kolleg:innen gemacht wird, tut vielen von uns nicht gut. Man könnte auf die einzelnen Preise für diesen oder jenen Menschen verzichten und sämtliche Gelder an alle Autor:innen gleichmäßig verteilen. Damit würde sich die Aufmerksamkeit auf die Texte und ihre Kritik richten.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Sabine Peters, Schriftstellerin
Zur Person: Sabine Peters, geboren 1961 in Neuwied/ D. Soziales Jahr in Tübingen. Studium der Literaturwissenschaft, Philosophie u Politik in Hamburg. Lebt dort als freischaffende Autorin.
Letzte Veröffentlichungen: „Ein wahrer Apfel leuchtete am Himmelszelt“, Wallstein 2020. „Die dritte Hälfte.“ Roman. Wallstein 2024
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Foto: Sabine Peters _ privat.
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/ORF Studio_ Empfang der Stadt Klagenfurt/Schloss Loretto _ Walter Pobaschnig
im Interview _ Klaus Kastberger, Graz (A), Vorsitzender der Bachmannpreisjury
Professor für neuere deutschsprachige Literatur am Franz-Nabl-Institut der Universität Graz und Leiter des Literaturhauses Graz.
Österreichischer Staatspreispreisträger für Literaturkritik 2023
Seit 2015 Bachmannpreisjuror, seit 2024 Juryvorsitzender
Bachmannpreisjury 2023, Klaus Kastberger (ganz links)
Lieber Klaus, wie feiert man literarische Geburtstage richtig?
Man nutzt den medialen Schwung und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Texte. Auch wenn die ganze Welt bei der Bachmann derzeit genau das Gegenteil tut: Biographische Hintergründe, letzte Begegnungen, lange gesperrte Briefwechsel, private Details, Krankheitsbilder und persönliche Abgründe füllen die Klatschspalten und machen sich auch im Literaturbetrieb und im offiziellen Gedenken breit. Stattdessen sollte man schlicht und einfach die Texte lesen. Vor allem die letzten Prosaarbeiten, Todesarten-Projekt. Da begegnet einem eine durch und durch hellsichtige und hoch politische Autorin.
Station bei Malina_ Johanna Hainz, Schauspielerin_Wien_ performing. Malina, Ingeborg Bachmann. Roman, 1971, Walter Pobaschnig 7/22, folgende
Wann und wie war Deine erste Begegnung mit Texten Bachmanns?
Die erste intensive Begegnung war ein Proseminar an der Universität Wien. Der Dozent, der das abhielt, hatte ein Bild der Autorin auf seinem Schreibtisch stehen. Ich habe dann eine Arbeit über das gleichbleibende Netz von Figuren im Prosawerk der Bachmann geschrieben. Musste dazu alles von ihr lesen. Das hat mir sehr gutgetan.
Was ist das Besondere am Werk Bachmanns und welche Bedeutung hat dieses für die moderne deutschsprachige Literatur?
Bachmann hat gezeigt, dass Krieg und Faschismus im Verhältnis der Geschlechter weiterwirken und wie schwer man sich davon befreien kann. Mit dieser Erkenntnis stand sie in der deutschsprachigen Literatur eine gewisse Zeit ganz alleine da und war im besten Sinn des Wortes eine feministische Pionierin. Die anfänglich durchgehend männlich geprägte Rezeption ihres Werkes hat ihr das dann auch mit untergriffigsten Mitteln heimgezahlt und manche Exegeten führen dieses infame Manöver, das aus der Autorin eine Krankheit und aus ihrem Werk aufgrund der Komplexität der Probleme, die es behandelt, ein ästhetisches Unvermögen macht, tatsächlich bis heute fort.
Ingeborg Bachmann sprach von der Literatur als „verzweiflungsvolles Unterwegssein zur Utopie von Sprache“ (Frankfurter Vorlesungen), was bedeutet dies für das Schreiben und die Gegenwart heute?
Die Utopie kommt bei Bachmann aus den slawischen Traditionen, die es in Österreich gibt. Daran sollte man in jeder Sekunde der in jüngster Zeit so beliebt gewordenen Bachmann-Hagiografie gerade auch in Kärnten denken. Nicht das deitsche Kärnten, sondern das slowenische hatte die Autorin im Sinn, wenn es darum ging, nach 1945 nach gangbaren Lebensformen zu suchen. Die meisten ihrer Figuren gehen dann auch gerade am Weiterwirken des deitschen Wesens zu Grunde.
Darf ich Dich abschließend noch um ein Bachmannzitat bitten?
Aus Malina: „Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich über die Natur des Feuers.“
Jasmin Avissar, Tänzerin, Choreographin _ Wien _ performing _ Romanschauplatz Malina Wien. Walter Pobaschnig, folgende
Herzlichen Dankfür das Interview!
Klaus Kastberger, Graz (A), Vorsitzender der Bachmannpreisjury
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Klaus Kastberger _ Konstantin Tzivanopoulos
Fotos: Station bei Malina_ Originalschauplatz _ Malina, Ingeborg Bachmann. Roman, 1971 _ Johanna Hainz, Schauspielerin_Wien_ performing; Jasmin Avissar, Tänzerin, Choreographin _ Wien _ performing _ Idee/Regie/alle Fotos _ Walter Pobaschnig 22/25
Foto: Jury Bachmannpreis _ ORF Studio/Bachmannpreis _ Walter Pobaschnig, 2023.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Volkmar Mühleis, Schriftsteller, Philosoph
Dagmar Bernhard, Schauspielerin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.
Fotos: Volkmar Mühleis, Schriftsteller, Philosoph _ Brüssel _ acting Ivan _ Original-Romanschauplatz Malina _ Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 5/26
Fotos: Dagmar Bernhard, Schauspielerin _ Wien _ acting _ Original-Romanschauplatz Malina _ Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 9/21.
Im Interview _ Volkmar Mühleis, Schriftsteller, Philosoph _ Brüssel
Lieber Volkmar, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Als Leser begleitet mich ihr Werk seit ich zwanzig Jahre alt war und in Hamburg meinen Zivildienst machte, 1992 und 1993. Ihr Erzählband Das dreißigste Jahr, insbesondere die Schlusserzählung Undine geht, wie auch ihr Roman Malina haben mich damals tief beeindruckt – ihr Tonfall, ihre scharfe, lakonische, Wahrheit zumutende Beobachtungs- wie Formuliergabe. Die Gedichte habe ich später kennengelernt, mit dem Band Die gestundete Zeit für mich weiterhin als einprägsamsten. Voriges Jahr erst las ich ihre Zusammenstellung von Giuseppe Ungarettis Gedichten und empfand die Auswahl wie einen Gedichtband ihrer selbst, als traumhaftes Zusammenspiel beider poetischer Verständnisse.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
„Wo Deutschlands Himmel die Erde schwärzt, / sucht sein enthaupteter Engel ein Grab für den Haß / und reicht dir die Schüssel des Herzens“ – der assoziativ banale Schlüssel zum Herzen wird zu einer Schüssel, das Herz auszugießen, und statt Zugang zu ihm zu suchen, indirekte Wege zu finden, mit dem in seiner groben Direktheit überschattend Grausamen der deutschen Geschichte umzugehen. Ihre Kunst der Verschiebung prägt Lyrik wie Prosa gleichermaßen. Dass sie das eine für das andere aufgegeben hat, erscheint mir nicht zwingend.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Die in meiner ersten Antwort genannten und eben ihre bereits angedeutete Rede Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Dass die Ehe die Keimzelle des Faschismus ist, halte ich für übertrieben. Meine Frau und ich etwa erfahren und leben unsere Beziehung nicht so, das mögen andere bestätigen. Zugleich ist deutlich, wie wutentbrannt regressive Männertypen reagieren, sobald ein Fünkchen Vernunft ihren Narzissmus zu beeinträchtigen versucht, und was den Stammtisch früher beherrschte, flutet heute das Internet, strömt in die Politik, als entfesselte Wahnwitze der Geschichte, siehe die Leugner des Klimawandels und Kriegstreiber. Ein Student von mir an der Kunsthochschule LUCA School of Arts in Gent schreibt seine Abschlussarbeit gerade über das Thema Männlichkeit. Er fragte mich, was ich darunter verstehe. Ich meinte: ein guter Partner, ein guter Freund, ein guter Vater zu sein, was auch immer gut hier im einzelnen bedeuten mag. Das Gute ist dem Menschen zumutbar, das gehört auch zur Wahrheit.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Anders als Bachmann, würde ich sagen. Das haben in ihrer Zeit Yoko Ono und John Lennon versucht, zum Beispiel. Totalen Aussagen gegenüber bin ich skeptisch, sie sind selbst gefährlich.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Die Formen des Schreibens sind so vielfältig wie die Charaktere der Schreibenden, ihre Erfahrungen und Biographien. Die Verabsolutierung des einen käme mir auch in diesem Fall verdächtig vor. Hans Arp kam aus dem Elsass, bewegte sich zwischen Frankreich und Deutschland, der Lyrik und bildenden Kunst, und orientierte sich an der Leichtigkeit dieses Zwischen. Das Zwischen selbst kann ortlos sein, auch das Zwischen-den-Menschen. Es braucht die Stille zum Schreiben, denn auf Worte muss man hören können, und das gelingt nicht im ständigen Reden. Man kann auf Ideen und Redewendungen dabei kommen, aber nicht auf den Widerhall der inneren Stimme, als Echoraum von Poesie, Imagination und Wahrnehmung. Einsamkeit ist nicht asozial, sondern Mitbedingung gelungener Begegnung – was hätten wir uns sonst zu erzählen, wären wir nicht auch allein?
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Schlichtweg die Prägnanz ihrer Formulierungen, ihr Ernstnehmen der ihr innewohnenden Folgen für das weitere Schreiben. „Ich habe einen Mann gekannt, der hieß Hans, und er war anders als alle anderen. Noch einen kannte ich, der war auch anders als alle anderen. Dann einen, der war ganz anders als alle anderen und er hieß Hans, ich liebte ihn.“ Mit der Genauigkeit einer Stichprobe wird das Ernstzunehmende und Absurde in seiner Verstrickung verfolgt, bis hin zur Überblendung desselben Namens und dem Siegel: ‚ich liebte ihn‘, das etwas abzuschließen vorgibt, was es in seiner Fragwürdigkeit im gleichen Moment eröffnet. Ich hatte ihre Kunst der Verschiebung erwähnt, sie wäre ohne ihren Sinn für diese Prägnanz nicht denkbar.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ob wir in Rom über ihren Ungaretti-Band sprechen könnten.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Gerade ist mein vierter Gedichtband Moderne Seher in der edition exemplum erschienen und im März beim Passagen Verlag ein poetisch-philosophischer Essay über das Zusammenleben mit einer Katze, unter dem Titel De anima.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Ein Brausen von Worten fängt an in meinem Kopf und dann ein Leuchten, einige Silben flimmern schon auf, und aus allen Satzschachteln fliegen bunte Kommas, und die Punkte, die einmal schwarz waren, schweben aufgeblasen zu Luftballons an meine Hirndecke, denn in dem Buch, das herrlich ist und das ich also zu finden anfange, wird alles sein wie ESULTATE JUBILATE.“ (Aus Malina, Taschenbuchausgabe im Suhrkamp Verlag, 1991, S. 53)
Herzlichen Dank für das Interview!
Volkmar Mühleis, Schriftsteller, Philosoph
Zur Person: Volkmar Mühleis, geboren 1972 in Berchtesgaden, lebt in Brüssel, wo er an der LUCA School of Arts Philosophie und Ästhetik unterrichtet. Im Frühjahr 2026 sind von ihm der Gedichtband ‚Moderne Seher‘ (edition exemplum) und der poetisch-philosophische Essay ‚De anima“ (Passagen Verlag) erschienen. Des Weiteren hat er Gedichtbände, Novellen und Tagebücher veröffentlicht.
Er ist Mitglied im PEN für deutschsprachige Autoren im Ausland und der Else Lasker-Schüler- Gesellschaft. Mehr Infos auf www.volkmarmuehleis.eu