„Die Aufgabe von Kunst wird mehr denn je sein, Menschen einander nahe zu bringen“ Kersten Flenter, Schriftsteller_ Hannover 9.5.2021

Lieber Kersten, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Vor der Pandemie habe ich zu ca. 60% von Lesungen und andere Auftritten gelebt. Da die Abendarbeit nun komplett wegfällt, arbeite ich tagsüber. Und entsprechend gesunken ist der Anteil intrinsischer Arbeit, ich muss nun mehr Auftragstexte in verschiedenen Bereichen schreiben. Meine Frau freut sich allerdings über den geänderten Tagesablauf.

Kersten Flenter, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht den Verstand zu verlieren – Gefahren bewusst einzuschätzen, Informationen mehr denn je zu filtern und zu hinterfragen. Soziale Medien meiden. An die frische Luft gehen. Und vor allem den Humor nicht verlieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, der Kunst an sich zu?

Für mich ist ganz wesentlich, dass Kunst, gerade Literatur und Musik, Begegnungen schaffen, Kommunikation, verzauberte Augenblicke. Die Aufgabe von Kunst wird mehr denn je sein, Menschen einander nahe zu bringen – Worte und Musik sind dafür essenziell. Wir dürfen die nun durch Pandemie und politische Maßnahmen geschaffenen Distanzverhältnisse nicht dauerhaft sich in unsere Seelen einnisten lassen. 

Was liest Du derzeit?

Abel Paz‘ eindrucksvolle Biographie über den legendären spanischen Anarchisten Buenaventura Durruti. Und nach und nach alles Verfügbare von Robinson Jeffers.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Du kannst einen Augenblick nicht reparieren.

Vielen Dank für das Interview lieber Kersten, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Kersten Flenter, Schriftsteller

Autor – Kersten Flenter

Foto_privat.

12.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir sind aufeinander angewiesen, voneinander abhängig und gemeinsam stark“ Zeynep Buyraz, Schauspielerin_ Wien 9.5.2021

Liebe Zeynep, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Dank unserer 6jährigen Tochter gibt es trotz des unbeständigen Zustands sehr viele Konstanten im Alltag. Es gibt einen wunderbaren Grund, um jeden Tag in der Früh aufzustehen, weiter zu machen. Homeschooling ist mir zum Glück erspart geblieben- nicht, weil ich mich ungern der Herausforderung gestellt hätte, sondern weil meine Tochter sich zum Glück generell  keine 5 Minuten von mir was erklären lässt, ohne zu hinterfragen und widersprechen. Wir wären also mit dem Lernstoff nicht sehr weit gekommen.. Zwischen Hände waschen, testen gehen und Desinfektionsflaschen auffüllen, war/ist über große Strecken Proben und Dreharbeiten möglich gewesen, wofür ich sehr dankbar bin. Die Abende sind ruhiger geworden. Dafür haben sich die Kochkünste zum Positiven entwickelt.

Zeynep Buyraz, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität und sozialer Ausgleich. Es war erstaunlich zu beobachten, wie schnell die finanziellen und sozialgesellschaftlichen Privilegien hinsichtlich dieser Pandemie jegliche Bedeutung verlieren konnten. Denn bekannterweise  existieren für das Virus keine Ländergrenzen, Gehaltchecks, Titeln oder Karrieren. Es unterscheidet nicht zwischen Pässen. Und keiner von uns wird es alleine loswerden können. Wir sind aufeinander angewiesen, voneinander abhängig und gemeinsam stark. Immer schon. Ob es unseren Egos oder politischen Ideologien passt, oder nicht. Schade, dass dies alles erst durch eine Pandemie so sichtbar geworden ist.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Wir werden die Prioritäten unseres gewohnten westlichen Lebensstils in Frage stellen und neu definieren müssen. Aus dem Traum erwachen, der uns vortäuscht, dass unsere geschützte Insel der Seligen namens Europa unantastbar ist. Lernen, dankbar zu sein. Andererseits wäre es für uns alle Kulturschaffenden, die – bis auf die ganz Wenigen unter uns – es immer schon gewohnt waren, mit Minimum das Maximum erreichen zu wollen,  vehement an der Zeit, sich von der romantischen Illusion zu verabschieden, dass Österreich eine Kunst und Kultur Nation wäre. Das ist nicht der Fall. Wir leben in einem neoliberalen Land. Um so wichtiger daher unsere Aufgabe, sichtbar zu werden. Sichtbar werden lassen. Laut sein… Ungemütlicher. Und ja, auch wütender. Denn es ist unerträglich zu erleben, wie die Last einer ganzen Pandemie auf Schultern der sozial Schwachen getragen wird, die zwar systemrelevant aber unterbezahlt sind,  während die eigentlichen Verantwortungsträger  mehr oder weniger mit Pressekonferenzen ihren Lohn  verdienen. Unerträglich zu sehen, dass hier geborene Kinder mitten in  der Nacht abgeschoben werden können, während im gleichen Atemzug uns erzählt wird, dass die Einreise ins Nachbarland hochriskant ist. Dass eine Regierung mehr Geld in Eigenwerbung investiert als in Impfstoffe. Die Rolle der Kunst und Kultur wird daher auch jetzt die gleiche bleiben: Nicht vergessen, nicht vergessen lassen. Den Finger in die Wunde legen. Ich persönlich freue mich auf den Austausch mit Publikum, auf den Ort des Zusammentreffens, des gemeinsamen Hinterfragens mehr denn je!

Was liest Du derzeit?

Den wunderbaren Roman „Buluşma“ von Mansur Ayik, den es momentan nur auf türkisch gibt. Ich durfte ihn persönlich vom Autor erhalten. Es ist die Auseinandersetzung mit den immer noch nicht aufgearbeiteten Folgen des 12. September Regimes in der Türkei… Es tut sehr gut, wieder mal in der Muttersprache zu lesen und zu fühlen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Aus taktischen Gründen leise zu treten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen.“ Johanna Dohnal

Vielen Dank für das Interview liebe Zeynep, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Zeynep Buyraz, Schauspielerin

Zeynep Buyraç | Schauspielerin Actress Oyuncu (zeynepbuyrac.com)

Foto_Alexander Gotter

14.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Live Ereignisse jeglicher Art werden sich massiv verändern“ Florian Lang, Bildender Künstler_Wien 8.5.2021

Lieber Florian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich würde sagen, die einzige Konstante in meinem Tagesablauf ist der Kaffee nach dem Aufstehen. Die Tagesplanung danach variiert extrem.

Florian Lang_Bildender Künstler


Im ersten Lockdown habe ich mich durch Arbeiten im Atelier von der Isolation abgelenkt. Anfang Jänner 2021 habe ich dann begonnen mein künstlerisches Arbeitspensum stark zurück zu drehen. Seit dem nutze ich diese Lockdownphase als Chance für ein körperliches und geistiges Komplettservice.

Mein Leben verlangte nach einer Entschleunigung, die ich mir erstmalig erlaube. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir vor Corona schon lange einen Stoppknopf gewünscht. Sicher konnte man sich auch schon vor der Pandemie zum Reparieren zurückziehen. Aber die Welt da draußen drehte sich weiter und es blieb immer dieses schlechte Gewissen etwas zu versäumen und doch etwas machen zu müssen. Dann kam Covid 19 und die Welt stand still.

First we had an apple now we eat the snake _ Florian Lang

Mein künstlerischer Output beschränkt sich im Moment fast ausschließlich auf die Aufarbeitung von all dem, was in den letzten Jahren in irgendwelchen Schubladen liegen geblieben ist und ich konnte schon den einen oder anderen Schatz bergen. Gleichzeitig nehme ich mir gerade viel Zeit, darüber nachzudenken, wohin damit.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß wirklich nicht was für uns alle wichtig ist. Ich bin total zufrieden wenn ich das für mich selber weiß. Aber wenn ich mich so umsehe, habe ich das Gefühl, dass nach über einem Jahr Covid und Co der Frühling und der Wahnsinn gleichzeitig in den Startlöchern stehen und ich bin total gespannt wer zuerst los starten wird.

Altar boys n girls _ Florian Lang

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Live Ereignisse jeglicher Art werden sich massiv verändern. Welche Rolle dabei die Kunst spielt, wird sich noch weisen. Betroffen ist sie auf jeden Fall. Als bildender Künstler kann ich in erster Linie nur für mein Umfeld sprechen. Viele bestehende Strukturen in der Präsentation so wie auch in der Vermarktung werden verschwinden oder besser gesagt abgelöst. Neues wächst sofort nach. Oder es war schon da und wird jetzt erst richtig sichtbar. Für mich persönlich bedeutet der kulturelle Stillstand keine Katastrophe. Im Gegenteil, es ist total spannend in dieser starren und doch so bewegten Zeit dabei zu sein und es als Spielplatz für Neues wahr zu nehmen. Anstatt für Vergangenes weinend Kerzen anzuzünden, feiere ich lieber das, was nachwächst.

Was liest Du derzeit?

Im Moment lediglich die Untertitel auf Netflix.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Bei meiner Leseliste sollte ich im Moment besser nichts zitieren.
Sonst kommen Sätze wie:

„Nur Super gibt es nur an der Tankstelle.“

Vielen Dank für das Interview lieber Florian, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Florian Lang, Bildender Künstler

http://www.florianlang.com

Alle Fotos_Florian Lang

14.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Man schreibt jetzt so, als wären die Worte auch die Dinge“ Alexander Rudolfi, Schriftsteller_Hannover 8.5.2021

Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ideal, würde ich sagen. Ich wache um Punkt halb acht Uhr auf, zehn Minuten bevor der Wecker klingelt und schaue durch das Dachfenster über mir in den Himmel.

Dann stehe ich auf, mache den immergleichen Kaffee und das immergleiche Yoga. Ich lese und schreibe eine Stunde und fahre mit dem Dachfenster in Gedanken zur Arbeit oder gehe die immergleiche Runde spazieren, bevor ich mit dem Homeoffice beginne.

Nachdem ich das erledigt habe bzw. wieder zu Hause bin, esse ich, schlafe über einem Buch ein, für genau eine Stunde, lese nach dem Aufwachen noch ein wenig und lese oder schreibe bis zum Abendessen. Später schaue ich einen Film und trinke ein Glas Bier oder Wein und schreibe bis ein Uhr. Dann gehe ich schlafen.

Um Punkt halb acht Uhr wache ich auf und denke, während ich durch das Dachfenster schaue, darüber nach, was alles passiert ist, das in meinen idealen Tagesablauf nicht gepasst hat, worauf ich aber nicht verzichten kann oder will: Telefonate mit Freunden und Kollegen, Kochabende, das schmutzige Geschirr, ein zweiter Film und die schmutzige Wäsche, das zweite, das dritte Glas Bier oder Wein, die Zebras im Zoo und mein Zeigefinger auf Instagram, etc.

Alexander Rudolfi, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube wir haben den Zirkus schon für so selbstverständlich genommen. Irgendwo auf dem Weg zwischen meinem Zuhause und meiner Arbeit. Er liegt jetzt aber wie hingefallen da, neben der Straße. Das Zelt aus Plastik steht fixiert vor einer grünen Fassade, gestreift in Gelb und in Rot, und davor kauern die grauen Gehege der Tiere. Im Vorbeifahren habe ich nicht begriffen, wozu das Zelt aufgestellt worden war. Aber später schien es mir logisch, ganz logisch.
Ein Schild stand an der Einfahrt zum Zirkus, das aussah wie eine Reklame. Darauf trauerte ein Clown hinter den Passanten her: Zirkus in Not, Bitte um Spende.
Ich bog auf den Kiesgrund des Parkplatzes. Ich stieg aus und ging durch die großen Abstände zwischen den vereinzelt stehenden Wagen in Richtung des Zirkus’. Ein Drehkreuz ansagte vor dem lichtlosen Eingang seine Schließung und eine Gruppe Kinder ging, hinter zwei Erwachsene geschart, vorüber. So war es jetzt immer, dachte ich, aber man konnte die Tiergehege besuchen. Dort standen wieder Erwachsene und Kinder, parallel in einer Reihe gegen die Zäune gelehnt, ihre Blicke durch die Umzäunung gerichtet und die Hände ausgestreckt, nach den Mäulern alter Tiere.

Hinter und zwischen den Gehegen gingen die Schausteller träge von einem Wohnwagen zum nächsten, und die Kamele drängten sich um das Futter. Ich fragte mich noch, woher das Geschrei und Geblöke und die wütenden Gesten kamen, unter den leuchtenden Farben des Zeltes, die immer die gleichen waren und im Affekt unsere Aufmerksamkeit fingen, bis ich die gestreiften Pferde entdeckte.
Die gestreifte Pferde befanden sich im abgelegensten Gehege, wo sie aufgingen und ab-, aufgingen und ab.  Und ich stellte mich an das Gitter und mein Blick ging durch die Stäbe. Weiß auf Schwarz, Schwarz auf Weiß und ihre violetten, fast schwarzen Augen. Und das Zelt war darin meine Neigung, mich nur dafür zu interessieren, was ich schon kenne und schon bin, das Immergleiche, das keine zehn Minuten zulässt, nur den Tagesablauf und das Ideal. Vielleicht, dachte ich, haben sie deswegen das Zelt aufgestellt. Aber dahinter gab es noch etwas anderes. Ich wollte das gestreifte Pferd zu mir locken und streckte die Hand durch das Gitter. Und während es näher kam, war mit einem Blinzeln das Zelt aus seinen Augen verschwunden und etwas neues tauchte auf.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu? 

Man schreibt jetzt so, als wären die Worte auch die Dinge: das Dachfenster und die zehn Minuten darunter und die Augen der Zebras, die violett waren, fast schwarz. Aber ich gehe über den Zirkus, und denke, wie Proust, dass alle guten Bücher in einer Art Fremdsprache geschrieben sind. Diese Fremdsprache wird immer nur eine tief persönliche sein. Und Kunst die Antwort einer vereinzelten Lebensrealität auf Fragen, die man ohne sie nicht beantworten kann. Mit allen dachfensterartigen Wunschvorstellungen und Widersprüchen, die sich dann in die zehn Minuten bis zum Weckerklingeln hineinschreiben. Das ist für eine Politik, die ideale oder utopische Verhältnisse schaffen möchte, natürlich eine Herausforderung, weil sie diese Erfahrungen nicht haben will oder haben kann. Die Kunst musste aus Platons idealem Staat verschwinden, weil er ein grundsätzlich totalitärer war: logisch, glückverheißend, unbewegt und eindeutig. Und seitdem ist die Kunst im Rechtfertigungszwang.

Im Gegensatz zur Politik oder Wissenschaft hat Kunst aber die Freiheit keine logische Position beziehen zu müssen, nicht widerspruchsfrei oder handlungsorientiert zu sein und auch keine endgültigen Antworten parat zu haben, die das Rätsel lösen, wie man leben soll. Und ich misstraue allen, die sie doch haben. Und das macht das Dachfenster und die zehn Minuten darunter für mich so entschieden angenehm.

Was liest Du derzeit?

Das wunderbare Mr. Potter von Jamaica Kincaid und das unwahrscheinliche Endlos-Haiku von Franz Dodel.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Der Kommunismus der Affekte bedeutet die Privatisierung des Kommunismus, und in diesem Sinne ist der Kommunismus nicht aus der Geschichte verschwunden, er wurde privatisiert und hat eine Gemeinschaft synchronisierter Emotionen erzeugt.“

– Paul Virilio in Die Verwaltung der Angst

Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Alexander Rudolfi, Schriftsteller

Alexander Rudolfi gewinnt Literaturpreis „Kurt 2019“ (haz.de)

Foto_privat.

11.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Alles neu zu denken, zu fühlen, zu handeln, uns zu begegnen, zu performen“ Judith Keller, Schauspielerin_ Wien 7.5.2021

Liebe Judith, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin es gewohnt, von frühster Jugend an, meine Freizeit selbst zu gestalten. Da ich mit sechs Jahren angefangen habe Violine zu spielen und anderes mehr, ist mir das tägliche Üben in den eigenen vier Wänden nie fremd gewesen. Während meiner Schauspielausbildung durfte ich verschieden Techniken und Methoden kennenlernen, um meinen Körper und meine Seele immer fit zu halten. Jetzt bin ich schon im letzten Drittel meines Lebens angelangt und immer noch absolviere ich mein tägliches Training für Stimme und Körper, unabhängig davon, ob ich bald einen Auftritt habe oder nicht.

Da ich mich in den letzten Jahren auch als Autorin versucht habe, dieser Beruf hat ja bekanntlich viel mit Sitzen zu tun, ist es für mich wichtiger, den je einen Ausgleich von Sitzen und Gehen, von Drinnen und Draußen zu schaffen. Jetzt, wo alle Theater geschlossen sind und ich erst wieder Ende Mai meinen ersten Auftritt haben werde, sind natürlich die Ziele außer Haus beschränkt. Und jetzt kommt mein geliebtes Fahrrad ins Spiel. Schon vor der Corona Krise habe ich meine Jahreskarte bei den Wiener Linien gekündigt. Dank der vielen Fahrradwege bin ich ein Fahrradfan geworden. Früher wäre das nur schwer möglich gewesen, da es mir zu gefährlich erschien.

Ich wohne im 6. Bezirk. Ich liebe es die Mariahilferstraße hinunterzufahren, durch
den ersten Bezirk zu streifen und dann entlang dem Donaukanal zu radeln, am
liebsten Richtung Nussdorf zum Kuchelauer Hafen. Dort kann ich meine geliebten
Boote bewundern. Ich segele für mein Leben gern und suche, wo immer ich bin,
die Nähe des Wassers. Sobald es etwas wärmer wird, in meinem Fall schon von April bis November, schwimme ich, wann immer ich kann, in der Donau. Beim Fahrradfahren mache
ich Sprech- und Gesangsübungen, lerne eine neue Sprache (im Moment Maltesisch), weil ich oft in Gozo/Malta bin.

Es klingt vielleicht komisch für den Leser, aber Corona hat, außer der finanziellen
Situation, nicht wirklich was in meinem Leben verändert. Ich fahre nicht U-Bahn,
ich gehe überhaupt nicht gerne Einkaufen, außer ich brauche wirklich dringend
etwas. Für mich hat Einkaufen nichts mit Freiheit zu tun, im Gegenteil. Da ich
lange Haare habe, muss ich auch nicht zum Friseur. Ich nehme Henna braun um
meine Haare nicht weiß werden zu lassen.

Ich habe in den letzten Monaten viel und gut und gerne gekocht. Ich liebe es auch, ins Restaurant zu gehen, aber es ist auch wunderschön anderen Menschen
mit einer Essenseinladung zu Hause eine Freude zu machen. Viele gute Gespräche
sind dabei entstanden und auch ich wurde als Dankeschön eingeladen.
Vielleicht noch zum Abschluss möchte ich ein neues Gefühl beschreiben, dass ich
in Wien, während der Corona-Krise erleben durfte: die Straßen und Plätze sind
plötzlich ein verlängerter Arm meines Wohnzimmers geworden. Ich habe zum
ersten Mal das Gefühl gehabt, dass die Stadt auch mir gehört. Ich nehme mir
einen Kaffee in der Thermosflasche mit und setze mich in den Loquaipark oder
auf die Bank vor dem Stephansdom und trinke, ohne ein schlechtes Gewissen
haben zu müssen, weil ich nicht konsumiere bzw. in ein Gasthaus gehe, meinen
selbst mitgebrachten Kaffee. Eine neue Freihet?

Judith Keller_ Schauspielerin, Regisseurin, Sängerin, Autorin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht in Angst erstarren, den Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass alles so
schnell wie möglich wieder so sein soll, wie es war. So schlimm diese Pandemie
für uns alle ist, ist sie doch auch eine Chance alles neu zu überdenken, gewohntes
zu überprüfen und in Frage zu stellen, denn ich befürchte, dass dies nicht das letzte
Virus ist, das uns besucht und dass uns bestimmt noch viele herausfordernde
Momente bevorstehen. Durch das Erwärmen der Weltmeere gerät unser Klima
immer mehr in Schieflage, ein großes Artensterben ist im Gange. Unser
Ökosystem verliert sein Gleichgewicht und wir unseres mit ihr. Wäre es nicht
endlich an der Zeit zu handeln? Nicht nur im Aufrüsten von neuen Impfstoffen,
sondern im Visualisieren von neuen Lebensinhalten. Was ist wichtig in unserem
Leben? Wir sollten anfangen uns jeden Tag gegenseitig viele Fragen zu stellen und
nicht einfach blind weiter machen wie bisher.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei dem Theater/Film/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Es wäre schön, wenn wir wirklich vor einem Neubeginn stehen könnten.
Alles neu zu denken, zu fühlen, zu handeln, uns zu begegnen, zu Performern….
Leider hat uns die Wirtschaft fest in ihren Klauen. Wirklich frei davon zu sein,
bedeutet verzichten zu wollen…….Was haben wir unserer Natur zugemutet, wie haben wir unserer Tiere versklavt
und vergewaltigt….
Die Aufgabe der Kunst war es schon immer, der Gesellschaft einen Spiegel vor zu
halten, in dem sie sich erkennt und dadurch handlungsfähig werden kann. Wir
dürfen uns nie in unserer Meinungsfreiheit einschränken lassen. Wir müssen für
die Freiheit der Kunst kämpfen und ohne zu beschönigen, der Wahrheit auf der
Spur bleiben.

Was liest Du derzeit?

Der Schwarm von Frank Schätzing


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Live is a pain – au chocolat

Vielen Dank für das Interview liebe Judith viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musik-, Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Judith Keller_Schauspielerin, Regisseurin, Sängerin, Autorin

Judith Keller.Schauspielerin.Regisseurin.Sängerin (judith-keller.at)

Foto_Nurith Wagner-Strauss

8.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Nicht nur im „Social Distancing“ entfernen wir uns derzeit voneinander“ Wenzel Beck, Musiker_Wien 7.5.2021

Lieber Wenzel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit meinem Single-Release „Ohne Angst“ Anfang März, habe ich vormittags fast jeden Tag Interviews und Pressearbeit. Dann beginnen meistens die Studio-Sessions, oft bis spät abends. Wenn noch bisschen Energie übrig ist, lese ich gerne noch ein bisschen und dann ins Bett.

Wenzel Beck_Musiker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Derzeit entfernen wir Menschen uns immer mehr voneinander. Nicht nur im „Social Distancing“, sondern auch in allen anderen Fragen. Ich glaube, es ist enorm wichtig, dass sich diese Bewegung in die andere Richtung umdreht.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Ich bin ein großer Fan von Musik. Als Kunstform, Ausdrucksmittel und vor allem als universelle Art der Kommunikation. Das verbindende, übermenschliche Element von Musik ist immer wichtig, und noch entscheidender in Situationen in denen alle zusammenhalten müssen.

Was liest Du derzeit?

Demian von Hesse.

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

For here
Am I sitting in a tin can
Far above the world
Planet Earth is blue
And there’s nothing I can do

Though I’m past
one hundred thousand miles
I’m feeling very still
And I think my spaceship knows which way to go
Tell my wife I love her very much
she knows

David Bowie – Space Oddity

Vielen Dank für das Interview lieber Wenzel, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Wenzel Beck, Musiker

Wenzel Beck | Singer-Songwriter

Foto_Karin Gruber

8.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst ist Vermittlerin zwischen Gegenwart und Zukunft“ Adisa Czeczelich, Künstlerin_Wien 6.5.2021

Liebe Adisa, wie sieht jetzt Ihr Tagesablauf aus?

Im Atelier ankommen und aufatmen hier ist die Welt eine andere.  Der restliche Tag ist eine Mischform  aus malen, schauen, lesen, teetrinken, Pinsel reinigen, vielleicht etwas essen, malen, denken, manchmal wollen die Bilder etwas, manchmal will ich etwas, dann der ewige Versuch die Farbe von den Fingernägel herunter zu kratzen, die Farbe aus den Haaren zu entfernen,  komme wie immer auf das gleiche Ergebnis, ist eh egal und fahre mit der U6 heim.

An anderen Tagen, versuche ich zwei pubertierende Jugendliche zu motivieren ein Schulsystem zu absolvieren, welches sie zutiefst in Frage stellen, sie zu motivieren Dinge zu lernen, welche sie niemals brauchen werden. Gleichzeitig gebe ich ihnen das Gefühl, dass sie eine wunderbare Zukunft vor sich haben, obwohl ihre Jugend unter den Corona Maßnahmen sehr leidet.

Adisa Czeczelich, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Trotz allen Einschränkungen handlungsfähig und autonom zu bleiben.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ich sehe die Kunst als Vermittlerin zwischen der Gegenwart und der Zukunft. Mit der Kunst gelingt es die Gegenwart zu verarbeiten, sichtbar zu machen, auch kritisch und frei zu hinterfragen und in die Zukunft zu tragen, natürlich immer in der besten Absicht, also in der Hoffnung auf eine weiterentwickelte Version von uns, gesellschaftlich wie auch persönlich.

Was lesen Sie derzeit?

„Die Würde ist antastbar“ vom Ferdinand von Schirach

in unserem Grundgesetzt steht, „die Würde des Menschen ist unantastbar“ und trotzdem wird unsere Würde jeden Tag angetastet. Gerade jetzt in der Zeit der Pandemie erleben wir dies tagtäglich.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchten Sie uns mitgeben?

Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen.

Friedrich Nietzsche

Vielen Dank für das Interview liebe Adisa, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Adisa Czeczelich, Künstlerin

About | Adisa Czeczelich

Fotos_1 Sonja Leisser; 2 Adisa Czeczelich

7.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass wir alle wieder lernen müssen, uns und anderen Menschen zu vertrauen“ Nadine Hentrich, Künstlerin_Wien 6.5.2021

Liebe Nadine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Familie und ich hatten Anfang April 10 Tage Quarantäne hinter uns gebracht (Ohne Garten oder Haus auf dem Land). Das waren besondere und für alle herausfordernde Tage. Aber wenn alles „normal“ ist, beginnt für mich nach dem Weg zum Kindergarten meine Schaffens- bzw. Kreativzeit. Ich gehe in mein kleines feines Arbeitszimmer, schaue nach E-Mails und was zu tun ist. Und dann suche ich mir ein Hörbuch oder einen Podcast raus und arbeite an meinen Collagen. Sei es frei oder nach Auftrag. Ein Tag ohne Collage ist kein guter Tag!

Nadine Hentrich, Illustratorin, Grafikerin, Künstlerin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe und Vertrauen aus sich selbst herausfinden. Diese Angst von außen macht
einen verrückt und hemmt das Leben und die Kreativität!

life is easy – Nadine Hentrich


Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?


Ich glaube, dass wir alle wieder lernen müssen nicht nur uns und unseren
Fähigkeiten zu vertrauen, sondern auch den anderen Menschen. Im Augenblick
ist für viele jede/jeder eine Art Bedrohung. Abstand, keine Berührungen all das
macht viel mit uns. Die Kunst schafft da eine Brücke, weil sie die Menschen
wieder für das Schöne im Leben öffnen kann und damit eine erste sanfte
Berührung mit dem Leben selber ist.

Vogel Pinie – Nadine Hentrich


Was liest Du derzeit?

Ameisenmonarchie von Romina Pleschko und als Hörbuch höre ich gerade
Homus Deus von Yuval Noah Harari

Yes – Nadine Hentrich

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

… nicht müde werden, sondern dem Wunder leise, wie einem Vogel die Hand
hinhalten. (Hilde Domin)

Vielen Dank für das Interview liebe Nadine, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Nadine Hentrich, Illustratorin, Grafikerin, Künstlerin

Impressum – guckschatz-design (guckschatz-design.de)

Fotos_1 und 5 Studio Kamenar; 2,3,4 Nadine Hentrich.

7.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es ist etwas ganz Großes eine Fassade abzulegen“ Magdalena Mikesch, Schauspielerin_Wien _50 Jahre Malina_6.5.2021

Wien, das bedeutet Diversität und Kunst. In jeder Gasse begegnet dies, das schätze ich sehr. Und ich liebe die Architektur der Stadt, diese ist einzigartig schön.

In einer Stadt lebst du ohne Stempel. Das lässt entfalten, entwickeln.

Magdalena Mikesch Schauspielerin

Ich bin im Waldviertel aufgewachsen und nach der Matura nach Wien gezogen. Jeder Platz hat eine Erinnerung hier. Schönheit und Traurigkeit liegt jetzt da, da ich beruflich die Stadt verlasse und umziehe.

Die Kaffehäuser werde ich vermissen, die Schanigärten. Die Atmosphäre der Stadt, die schönen Häuser, die Theater. Wir sind da verwöhnt.

Ausgewählte Möbel kommen beim Umzug mit. Derzeit ist ein Tisch in Bearbeitung, den meine Großeltern und Eltern schon hatten, der wird neu lackiert und kommt mit nach Kassel. Ich nehme Familienmitbringsel mit. Von jeder Stadt kommt dann was dazu. Ich habe gerne wenige Dinge, aber die mag ich dann richtig gern.

Alte Dinge sind schöner, ich mag, wenn Dinge alt sind.

Ich war schon im Bauch meiner Mutter auf der Bühne meiner Großeltern und bin dann da mitgewachsen.

Mein Opa war in der Bank angestellt und hat dann gemeinsam mit seiner Frau ein Theater aufgebaut – „Theater im Kloster“ (Wiener Neustadt). Es ist bis heute ein Familientreffpunkt. Das Theater hält meine Großeltern jung. Ein Theaterort, an dem man gerne hingeht, in dem etwas aufgebaut werden kann, das war, ist meiner Familie sehr wichtig.

Jetzt gibt es einen fahrenden Vorhang, Polsterstühle, es ist gewachsen, ich komme gerne zurück. Ich finde das Einspringen schön, sehe Videos und spiele dann mit, das ist ein Highlight im Jahr.

Es ist im Schauspiel immer ein Planen und Vorausblicken in den Engagements. Da ist sehr viel an Kommunikation und Organisation, auch Unsicherheit. Eine Probenphase ist sehr fordernd, das wird auch nachhause mitgenommen. Eine ständige Präsenz. Das schlaucht natürlich.

Mit der Pandemie war da plötzlich völliger Stillstand. Das war zunächst auch eine Erleichterung und eine Möglichkeit des „Aufladens“. Ich bin jetzt voller Lust auf die Bühne.

Die Natur hat mir in der Pandemie Kraft gegeben. Ich bin Spaziergängerin geworden. Es war auch ein menschlicher Weg vom gezwungenen Rhythmus zum eigenen Rhythmus.

Bei einem Drehtag stehst du um 4h morgens auf und kommst abends nachhause, das ist fern jedes persönlichen Rhythmus. Aber natürlich sehr spannend.

Der Weg im Schauspiel ist nie leicht. Es geht rauf und runter, gibt Rückschlage, wie jetzt in der Pandemie, aber auch immer Kraftquellen, um weiterzumachen.

Derzeit finde ich den Film beruflich sehr spannend. Dieses Unmittelbare darin.

Die Theaterstrukturen sind festgefahren. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für Veränderung, auch um Strukturen zu brechen.

Der Film ist weiter als das Theater was Struktur betrifft. Das Theater steht da still. Die Leitung, die Hierarchie, wer wo im Ranking ist, das steht fest. Da wird nicht viel hinterfragt. Das ist gesellschaftlich schon selten. Es gibt da einiges zu tun.

Der Generationenübergang in den Theaterleitungen wird spannend.

Es ist schön, wenn Theater nicht perfekt ist, perfekt sein muss

Malina – jeden Gedanken, den Ingeborg Bachmann im Roman in Worte fasst, den hat man selbst gedacht. Das erfordert ein großes Maß an Ehrlichkeit, Mut zu dem Nicht-Verbergen, Verstecken. Es geht in das Innerste, dorthin wo das liegt was niemals ausgesprochen wird.

Was ist Liebe? Ist man je nicht allein?  Der Roman stellt diese Fragen ganz direkt.

Menschen, die ich behalten will und dann sind sie es doch wieder nicht. Die Suche – was will ich, was tut mir gut? Das hört nie auf im Leben.

Das Nachdenken, das Gefühl was man der Welt geben will, wer man ist darin, das beschäftigt mich auch sehr. Erkenntnis und Wissen braucht Zeit. Es geht alles viel zu schnell heute.

Bachmann schreibt über den Versuch zu sein und dann doch wieder alles fallenzulassen.

Diese Zerbrechlichkeit. Jeder Mensch hat diese, auch wenn eine Fassade darüber gebaut ist.

Dass man in der Welt nicht zerfällt und sich nicht zerstören lässt von anderen Menschen. Das ist ein großer Punkt im Roman.

Man muss Menschen ziehenlassen und neue Begegnungen zulassen.

Social Media ist ein Fassadenbau. Menschen ohne Fassaden begegnen sich da nicht. Es ist etwas ganz Großes eine Fassade abzulegen.

Man schafft sich seine eigene Fassade, daher sieht es ganz anders aus.

„…nur hinter der Fassade ist kein Mensch lächerlich“ Ingeborg Bachmann

Auch in der Liebe gibt es immer Fassaden. Der Mensch verhält sich immer anders, wenn er nicht alleine ist. Egal wie gut du einen Menschen kennst wie lange du zusammen bist, immer gibt es eine Fassade, das war zu Malinas Zeit so wie heute.

Unsere Fassaden, Facetten sind auch Schutzwände.

Beim Malina lesen fällt nicht auf, dass der Roman vor über fünfzig Jahren geschrieben wurde. Das unmittelbare Verstehen geschieht sehr schnell. Heute nennen wir es toxische Beziehungen. Das ist leider die Realität.

Es wird in der Liebe immer Menschen geben, die eine Machtposition haben wollen und diese auch ausnutzen. Es gilt da gegenzusteuern, das Gespräch suchen, das Beziehungssystem zu ändern – ich sehe da etwas schwarz.

Immer wenn ich dachte, es sei Liebe auf den ersten Blick war es eine weniger gute Erfahrung.

Ein Aufbau zur Liebe über Freundschaft hatte immer etwas Standhaftes, Dauerndes. Es fällt da weg, perfekt sein zu müssen.

Liebe ist Arbeit. Es ist ein Aufbauen.

Je älter man wird, je mehr Erfahrungen, umso mehr Vorsicht, Skepsis gibt es in der Liebe. Vielleicht geht es dann in der Lebenszeit irgendwann wieder zurück (lacht). Und die Sicht wird wieder lockerer.

Verliebtheit auf den ersten Blick gibt es. Liebe ist da eine Vermutung und es ist leichtsinnig gegenüber dem Wort Liebe.

Liebe ist Vertrauen. Und Offenheit.

Vertrauen ergibt Liebe.

Bei Malina ist es Vernarrtheit – Ivan – ein in den Bann ziehen, verschwommene Realität, andere Tatsachen – unüberlegte Trance.

Ein Zusammenbauen von Realität.

Sie sucht Geborgenheit in Ivan. Auch ein Wegkommen, Loswerden. Es ist ein Reinstürzen-Wollen, um ein neues Leben zu führen, anders leben zu können.

Ivan ist Wunsch und Flucht. Diesen Reiz gibt es immer, Festgefahrenes zu verlassen.

Es ist auch schön in das Nichtwissen zu gehen, zu fallen. Das ist zweifellos Ivan.

Ein Wunsch ohne Reflexion ist eine Wiederholung. Da verändert sich nichts. Das wird auch heute gelebt. Der Roman hat seine Aktualität.

Wir denken zu wenig über uns nach.

Manche Menschen wollen in der Dreiecksbeziehung leben. Das passiert nicht nur im Roman.

Wir haben ein weites Spektrum in der Liebe heute.

Eine Verstrickung passiert schnell.

Mit Lügen wird es nicht besser in der Liebe. Da kommt man nicht mehr raus. So geht es vielen Menschen.

Menschen verändern sich in fünfzig Jahren nicht. Es ist wie damals.

Es gibt Menschen, die ihre Geschichte ansprechen. Diese bleiben meist unter sich.

Menschen mit Fassaden und Menschen in Offenheit. Da gibt es keine Vermischung.

Eine verlogene Menschheit ist ganz, ganz schrecklich. Deswegegen ist mir Vertrauen so wichtig.

Es gibt Männer, die nicht so sein wollen wie Männer vor fünfzig Jahren, die teilhaben wollen, aber vielen fällt es schwer ihre Machtpositionen abzugeben. Sie haben Angst etwas zu verlieren.

Vertrauen ist das Wichtigste. Respekt.  Darauf kommt es an.

Es gibt eine Hingezogenheit. Den Reiz zusammen zu sein.

Es gibt nie ein Nur-Zusammen. Es sind Individuen in der Liebe, diese müssen gemeinsam wie selbständig wachsen. Wenn nicht, ist es vorbei.

Es gibt nicht nur die eine Liebe. Auseinandergehen ist auch wichtig.

Das Unbewusste ist ein Teil von uns. Aufarbeitung ist wichtig, wenn es Belastendes gibt.

Du kannst im Leben nichts wegwerfen. Es ist immer ein Teil von Dir.

Ein Geheimnis kann persönlich eine Basis sein. Im Leben, in der Liebe.

Es braucht Erfahrungen, um Malina zu lesen.

Lebensentwürfe – ändern sich. Glücklichsein ist mir jetzt wichtig.

Ich habe Angst, dass ich eine Beziehung führe, die ohne Worte endet. Dass da nur mehr Hass ist. Ich kann es mir nicht vorstellen.

Ich hoffe, ich könnte die Reißleine ziehen, wenn sich der Mensch dreht. Die Kraft stop zu sagen, ist sehr wichtig!

Die Gesellschaft, eine Stadt muss ihre Angebote in Beziehungsdramen sichtbar machen und Hilfe anbieten.

Menschen muss in der Bildung vermittelt werden wo Grenzen des Verhaltens in Begegnung und Beziehung sind. Das ist eine wesentliche Aufgabe.

Ich hoffe, es gibt dauerndes Glück in der Liebe.

Umgeben Sein, lieben und geben. Das ist Liebesglück.

Magdalena Mikesch, Schauspielerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Magdalena Mikesch _ Schauspielerin _Wien.

Schauspielerin | Magdalena Mikesch (magdalena-mikesch.at)

„Ich bin kein Fan von halben Sachen“ Magdalena Mikesch, Schauspielerin_Wien 11.1.2021 | Literatur outdoors – Worte sind Wege

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Wien_3_2021

Walter Pobaschnig _ 5_2021

https://literaturoutdoors.com

„Kunst hat das Potential aufzurütteln“ Doris Uhlich, Choreografin_ Wien 5.5.2021

Liebe Doris, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag hat einen anderen Ablauf. Heute war Aufstehen, Telefonate führen, Mails schreiben und beantworten, Mittagessen kochen, Radiointerview aufnehmen, Telefonate führen, Mails schreiben und beantworten, Spazieren Gehen, meine Mutter besuchen, Abendessen, Schlafen gehen.

Doris Uhlich, Choreografin, Performerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig? 

Ich kann die Frage nicht beantworten. Es gibt nichts, was für alle gleich besonders wichtig ist. Was ich sagen kann – Gesundheit ist wohl am ehesten, was ich auf diese Frage antworten kann.

Doris Uhlich_Habitat

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanztheater, der Kunst an sich zu? 

Ich bin noch so verstrickt in die Dystopie der Gegenwart, dass Projektionen in die Zukunft sich verbergen. Was ich sagen kann – die Rolle der Kunst war, ist und soll bleiben Kunst zu sein. Kunst hat keinen Auftrag, aber sie hat das Potential aufzurütteln. Ich kann von meiner tänzerischen Pädagogik mehr erahnen – hier ist meine Vision, dass körperliche Einschreibungen wie Abstand halten hoffentlich wieder umgeschrieben werden können durch den Tanz. Wesentlich für alle Schritte in Richtung Leichtigkeit ist zunächst, dass wir die Impfung bekommen und keine Mutationen entstehen, die die Pandemie in die Länge ziehen und zu einem unzähmbaren Monster erwachsen lassen. Daher her mit den Nadeln!

Doris Uhlich_Habitat _ Pandemic Version

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Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten…. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? 

A body is a brain boom tschak. (Doris Uhlich)

Vielen Dank für das Interview liebe Doris, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Performanceprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Doris Uhlich, Choreografin, Performerin

Doris Uhlich

Fotos_1 Katarina Soskic; 2 Theresa Rauter; 3 Alexi Pelekanos

11.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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