„Dies ist kein traditionelles Geschichtsbuch. Es ist vielmehr eine Reise, deren Route ich entworfen habe und die uns durch die Jahrhunderte und quer durch Europa führt…“
So der Ausgangspunkt der Bestsellerautorin und Kulturhistorikerin Janina Ramirez, die u.a. in Oxford/GB lehrt.
Auf gut 500 Seiten folgt ein „Reisebericht“ zu Leben/Werk bedeutender europäischer Frauenpersönlichkeiten – etwa Johanna von Orléans, Lady Godiva oder Isabella von Kastilien, und weitere – der den aktuellsten Stand historischer Forschung mit kulturhistorischer und gesellschaftspolitischer Perspektive verbindet und diese nach Muster und Mechanismen der Interpretation, Manipulation und Aneignung von Frauenpersönlichkeiten in aktuellen politischen Kampagnen und Narrativen befragt.
Wie wurden und werden bedeutende wirkmächtige historische Frauenbilder im politischen Kontext und nationaler Farbe geformt und „übermalt“ und wie sieht nun die Ursprungsüberlieferung und der historische weiblich-emanzipatorische, feministische Ausgangspunkt und Kern aus?
Eine spannende Reise in exzellenter Expertise beginnt, begleitend von vielen historischen Abbildungen und einem ausführlichen Anhang mit Sach-, Personenregister.
„Ein historisch-kritisches Sachbuch zur Zeit, das politische Macht und Manipulation im Zusammenhang historischer Frauenpersönlichkeiten perspektivenreich öffnet und umfassend thematisiert.“
Heldinnen, Herrscherinnen, Heilige. Die wahren Geschichten der Frauen hinter Europas Nationalmythen. Janina Ramirez. Siedler Verlag.
Hardcover, mit Schutzumschlag, 544 Seiten, 15,0×21,5cm
Barbara Klein, Schauspielerin, Regisseurin, Theaterintendantin, Autorin _ Wien
Grandiose Frauen, zu oft gehindert
In Entwicklung, Reifung, Entfaltung
Verfickte Männerpolitik weltweit, die
Einsichtslos gockelt, abcasht, mordet
Proleten, ungebildet, senil, machtgeil,
Eigentore schießende, empathielose
Arschgeigen, Katastrophen wie
Climate Change ignorierend, leugnend
Ein paar Milliarden ganz nebenbei einstreifend
Atomare Vernichtung im Videospiel übend
Courage, ihr Frauen da draußen!
Holt euch, was längst euch gehört
Alles ist besser, als wie es ist
Nichts so cringe wie das Patriarchat
Chaos aus 5000 Jahren –
Eigentlich Zeit für ein Ende.
Barbara Klein, 2.10.2026
Barbara Klein, Schauspielerin, Regisseurin, Theaterintendantin, Autorin
Zur Person/über mich: Barbara Klein _ 1954 in Wien geboren, studierte Schauspiel am Max Reinhardt Seminar und war u. a. Ensemblemitglied am Wiener Volkstheater sowie Mitbegründerin feministischer Theater- und Kabarettprojekte. Sie führte Regie, u. a. für die Wiener Festwochen. 2000 gründete sie das Kosmos Theater in Wien, das sie bis 2018 als Intendantin leitete. Für ihre kulturpolitische Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, dem Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien und dem Wiener Frauenpreis. In ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigt sie sich seit Langem mit Erinnerungskultur, Geschlechterfragen und gesellschaftlicher Verantwortung.
Aktuelles Buch:
Barbara Klein
SOWEIT ALLES IN ORDNUNG
Meine rätselhafte jüdische Familie
In einer bürgerlichen Familie der Nachkriegszeit aufgewachsen, macht sich Barbara Klein auf die Suche nach deren verdrängter und verschwiegener jüdischer Herkunft und erzählt von Flucht und Exil, von Vernichtung und vom Überleben des Großvaters als letztem jüdischem »Krankenbehandler« im Nazi-Wien.
Dazu Elfriede Jelinek, Nobelpreisträgerin für Literatur:
»Eine Familiengeschichte, ein Rubens’scher Engelsturz, die einen landen auf den Füßen, die andren in den Krematorien der Nazis. Es stürzen die Opfer. Die Täter dürfen aufrecht bleiben und gehen in die Welt, als wäre nichts gewesen. Eine unglaublich präzise recherchierte Geschichte von so vielen Leben, und jedes Leben hat seine eigene. Und jede dieser Geschichten steht für unsere Geschichte, und sie müssen auch alle für sie einstehen. Rechenschaft wird nicht verlangt, das wäre schon zuviel des Guten. Was man nicht fassen kann, das muss man lesen.«
PICUS Verlag
gebunden, 208 Seiten
Format 13,5 x 21,0
ISBN 978-3-7117-2175-4
Ersch.Datum September 2026
€ 25,00
BUCHPRÄSENTATION
13.10.2026 (19.30 Uhr)
THEATER NESTROYHOF HAMAKOM
A-1020 Wien; Nestroyplatz 1; Tel: T +43 1 8908836, contact@hamakom.at
Barbara Klein, Schauspielerin, Regisseurin, Theaterintendantin, Autorin _ Wien
Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bewerbe derzeit mein Buch „Alles so weit in Ordnung – Meine rätselhafte jüdische Familie“, das soeben im Picus Verlag erschienen ist. Mein Ziel ist es, im gesamten deutschsprachigen Raum Lesungen und Publikumsgespräche zu veranstalten und auf diese Weise möglichst viele Menschen mit meiner Geschichte zu erreichen.
Drei Jahre lang habe ich anhand des Familiennachlasses die Geschichte meiner jüdischen Familie recherchiert. Dabei bin ich ihren Fluchten und Überlebensstrategien während der NS-Zeit nachgegangen und habe diese Geschichte mit meinen eigenen Erfahrungen als Nachgeborene verflochten.
Entstanden ist daraus ein sehr persönliches Buch über Erinnerung, Verdrängung, Flucht und Überleben – und darüber, wie die traumatischen Erfahrungen von Krieg und Faschismus über Generationen hinweg nachwirken können.
Mit dem Buch möchte ich einen Raum für Begegnung und Austausch schaffen und dazu beitragen, diese oft unsichtbaren Spuren der Vergangenheit sichtbar zu machen. Besonders wichtig ist mir dabei der Blick auf die nachfolgenden Generationen: darauf, wie unverarbeitete Erfahrungen von Gewalt, Verlust, Flucht und Angst weitergegeben werden und unser Leben bis in die Gegenwart prägen können.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Alle Kräfte sollten wir darauf verwenden, weltweit Vernunft einkehren zu lassen. Wir haben null Zeit zu verlieren in diesem gegenwärtigen Überfallen und Okkupieren von Ländern, der Verschwendung riesiger Summen für Rüstung, damit, Frauen in schwarze Stoffgefängnisse einzusperren und ihnen Bildung zu verwehren, Religionskriege wiederaufleben zu lassen oder alte weiße Männer über das Wohl und Wehe dieser Welt entscheiden zu lassen.
Wäre das weltweite Vermögen gerechter verteilt, müsste kein Mensch hungern oder verdursten. Wir könnten vielleicht die Klimakrise besser bewältigen, bezahlte und unbezahlte Arbeit gerechter verteilen und uns wieder stärker Bildung, Kultur und Lebensqualität zuwenden.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Wir sind alle aus einer Frau herausgeschlüpft. Niemand konnte sich aussuchen, aus welcher und in welchem Land. In diesem Punkt sind wir alle gleich. Diese Erkenntnis muss die Prämisse sein, die uns wegführt von dem Irrweg des Kapitalismus mit seinem Mantra „Survival of the fittest“ – und zurück zu „Cooperation over competition“, zur (Wieder-)Entdeckung der Solidarität.
Kunst kann sichtbar machen, was ist, aber auch, was sein könnte. Sie öffnet Denkräume, oft über die sinnliche Wahrnehmung, und bezieht den Körper, die Gefühle und das Unterbewusste mit ein. Insofern ist Kunst umfassend – und magisch.
Was liest Du derzeit?
„Schwindelfrei“ von Käthe Kratz. Sie war in den 1970er-Jahren die erste Regiestudentin an der Wiener Filmakademie. Der Frauenfeindlichkeit dort konnte sie nur über den Umweg des Studiums des Filmschnitts und ihren späteren Wechsel zu Kamera und Regie begegnen.
Ihre Lebensgeschichte ähnelt meiner insofern, als sie aus einer NS-belasteten Familie kommt und ich aus einer jüdischen. Die Erfahrungen sind natürlich sehr unterschiedlich, doch das Schweigen innerhalb der Familien und die Folgen, die daraus entstehen, sind durchaus vergleichbar.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Es war mir wichtig, meine Erfahrungen in Bezug zu setzen zur kollektiven Wahrnehmung, auch zum kollektiven Verdrängen und Vergessen. Das gibt dieser Geschichte ihre Relevanz. (Käthe Kratz in der Tiroler Tageszeitung, 11.9.2026)
Vielen Dank!
Barbara Klein, Schauspielerin, Regisseurin, Theaterintendantin, Autorin
Zur Person/über mich: Barbara Klein _ 1954 in Wien geboren, studierte Schauspiel am Max Reinhardt Seminar und war u. a. Ensemblemitglied am Wiener Volkstheater sowie Mitbegründerin feministischer Theater- und Kabarettprojekte. Sie führte Regie, u. a. für die Wiener Festwochen. 2000 gründete sie das Kosmos Theater in Wien, das sie bis 2018 als Intendantin leitete. Für ihre kulturpolitische Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, dem Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien und dem Wiener Frauenpreis. In ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigt sie sich seit Langem mit Erinnerungskultur, Geschlechterfragen und gesellschaftlicher Verantwortung.
Aktuelles Buch:
Barbara Klein
SOWEIT ALLES IN ORDNUNG
Meine rätselhafte jüdische Familie
In einer bürgerlichen Familie der Nachkriegszeit aufgewachsen, macht sich Barbara Klein auf die Suche nach deren verdrängter und verschwiegener jüdischer Herkunft und erzählt von Flucht und Exil, von Vernichtung und vom Überleben des Großvaters als letztem jüdischem »Krankenbehandler« im Nazi-Wien.
Dazu Elfriede Jelinek, Nobelpreisträgerin für Literatur:
»Eine Familiengeschichte, ein Rubens’scher Engelsturz, die einen landen auf den Füßen, die andren in den Krematorien der Nazis. Es stürzen die Opfer. Die Täter dürfen aufrecht bleiben und gehen in die Welt, als wäre nichts gewesen. Eine unglaublich präzise recherchierte Geschichte von so vielen Leben, und jedes Leben hat seine eigene. Und jede dieser Geschichten steht für unsere Geschichte, und sie müssen auch alle für sie einstehen. Rechenschaft wird nicht verlangt, das wäre schon zuviel des Guten. Was man nicht fassen kann, das muss man lesen.«
PICUS Verlag
gebunden, 208 Seiten
Format 13,5 x 21,0
ISBN 978-3-7117-2175-4
Ersch.Datum September 2026
€ 25,00
BUCHPRÄSENTATION
13.10.2026 (19.30 Uhr)
THEATER NESTROYHOF HAMAKOM
A-1020 Wien; Nestroyplatz 1; Tel: T +43 1 8908836, contact@hamakom.at
Ich arbeite seit 35 Jahren als freie Journalistin überwiegend für den NDR. Außerdem habe ich eine Reihe von Feature für den WDR, Deutschlandfunk und RBB produziert. Ich besitze sowohl die deutsche als auch die iranische Staatsbürgerschaft. Im April 2012 habe ich beim Staatlichen Sender IRIB in Teheran gearbeitet – später von Deutschland aus. Es folgten mehrere längere Aufenthalte, teilweise zusammen mit meiner Tochter Mina. 2014 lebten wir gemeinsam ein halbes Jahr in Teheran. 2015 fuhr ich mit meinem Mann und Mina sogar mit dem Auto von Braunschweig nach Teheran und wieder zurück. Danach entdeckte ich meine Leidenschaft fürs Schreiben. Inzwischen habe ich vier Bücher herausgebracht: „Mögen deine Augen leuchten – Meine Reise durch den Iran“ (Braumüller-Verlag, 2016), „Freiheit unterm Schleier – Frauen im Iran“ (Braumüller-Verlag, 2017), „Gebrauchsanweisung für den Iran“ (Piper-Verlag, 2018), „Schatten über Täbris“ (Braumüller-Verlag, 1. Oktober 2026)
Aktueller Roman:
1979 – Schah Reza Pahlavi verlässt das Land; die Islamische Revolution mit Ayatollah Khomeini an der Spitze übernimmt die Macht. Im darauffolgenden Jahr bricht der Iran-Irak-Krieg aus.
Amir, in oppositionellen Netzwerken aktiv, flieht mit seiner Frau Marzieh und ihren beiden Kindern aus Täbris ans Kaspische Meer, wo die Familie Zuflucht findet. Doch die vermeintliche Sicherheit trügt: Während Marzieh versucht, den Alltag zusammenzuhalten, verändert sich Amir. Er wird stiller, zieht sich immer mehr zurück und verschweigt, dass er von seiner politischen Vergangenheit nicht loskommt. Heimlich bleibt er im Untergrund verwickelt – und bringt damit nicht nur sich selbst, sondern auch seine Familie in Gefahr. Gleichzeitig erlebt ihr Sohn Ramin den Verlust seiner Kindheit und findet zugleich Halt in der Begegnung mit Pferden. Als Amir auf Listen des Geheimdienstes auftaucht, muss die Familie das Land verlassen. Eine Odyssee beginnt über Istanbul, London bis nach Hamburg.
Ein Roman über Flucht, Geheimnisse und die verheerenden Folgen des Schweigens. (Pressetext Verlag)
„Schatten über Täbris“ – Bita Schafi-Neya, Braumüller Verlag
Liebe Bita Schafi-Neya, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mal beschäftigt mich ein Interview, mal eine Szene, die mir beim Schreiben nicht aus dem Kopf geht. Ich bewege mich in meinem Alltag zwischen Journalismus und Literatur. Die ersten Begegnungen rund um meinen neuen Roman „Schatten über Täbris“ kommen gerade dazu. Nach der langen Zeit allein mit dem Manuskript freue ich mich darauf, zu hören, was andere darin entdecken.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Manchmal verändert sich ein Gespräch, sobald man ernsthaft nachfragt: Wie bist du zu dieser Überzeugung gekommen? Was hast du erlebt? Ich wünsche mir, dass wir uns dafür wieder mehr Zeit nehmen. Dass wir zuhören, bevor wir urteilen, und zugleich den Mut haben, für die Würde anderer einzustehen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Wissenschaft, der Kunst an sich zu?
Ein Neubeginn kann sich aufregend anfühlen, aber auch verunsichern. Wir müssen manches loslassen, ohne schon zu wissen, was danach kommt. Wissenschaft hilft uns, Zusammenhänge zu verstehen und Orientierung zu finden. Kunst kann uns erleben lassen, was Veränderung für einen einzelnen Menschen bedeutet. Wenn ich beim Lesen einer fremden Figur nahekomme, verändert das manchmal auch meinen Blick auf die Welt.
Was liest Du derzeit?
Gerade lese ich „Alles wird Asche“ von Nele Neuhaus. Nach einem Tag, an dem ich selbst viel mit Worten gearbeitet habe, genieße ich es, in eine andere Geschichte einzutauchen. Dann bin ich einfach Leserin und möchte wissen, wie es weitergeht.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich möchte einen eigenen Gedanken mitgeben: „Wir müssen nicht wissen, wohin der ganze Weg führt, um den nächsten Schritt zu wagen.“
Beim Schreiben kenne ich solche Momente: Ich komme erst weiter, wenn ich mich traue, etwas auszuprobieren. Vielleicht gilt das auch für die Neuanfänge im Leben.
Vielen Dank!
Bita Schafi-Neya, Schriftstellerin, Journalistin
Zur Person/über mich: Bita Schafi-Neya
Ich arbeite seit 35 Jahren als freie Journalistin überwiegend für den NDR. Außerdem habe ich eine Reihe von Feature für den WDR, Deutschlandfunk und RBB produziert. Ich besitze sowohl die deutsche als auch die iranische Staatsbürgerschaft. Im April 2012 habe ich beim Staatlichen Sender IRIB in Teheran gearbeitet – später von Deutschland aus. Es folgten mehrere längere Aufenthalte, teilweise zusammen mit meiner Tochter Mina. 2014 lebten wir gemeinsam ein halbes Jahr in Teheran. 2015 fuhr ich mit meinem Mann und Mina sogar mit dem Auto von Braunschweig nach Teheran und wieder zurück. Danach entdeckte ich meine Leidenschaft fürs Schreiben. Inzwischen habe ich vier Bücher herausgebracht: „Mögen deine Augen leuchten – Meine Reise durch den Iran“ (Braumüller-Verlag, 2016), „Freiheit unterm Schleier – Frauen im Iran“ (Braumüller-Verlag, 2017), „Gebrauchsanweisung für den Iran“ (Piper-Verlag, 2018), „Schatten über Täbris“ (Braumüller-Verlag, 1. Oktober 2026)
Aktueller Roman:
1979 – Schah Reza Pahlavi verlässt das Land; die Islamische Revolution mit Ayatollah Khomeini an der Spitze übernimmt die Macht. Im darauffolgenden Jahr bricht der Iran-Irak-Krieg aus.
Amir, in oppositionellen Netzwerken aktiv, flieht mit seiner Frau Marzieh und ihren beiden Kindern aus Täbris ans Kaspische Meer, wo die Familie Zuflucht findet. Doch die vermeintliche Sicherheit trügt: Während Marzieh versucht, den Alltag zusammenzuhalten, verändert sich Amir. Er wird stiller, zieht sich immer mehr zurück und verschweigt, dass er von seiner politischen Vergangenheit nicht loskommt. Heimlich bleibt er im Untergrund verwickelt – und bringt damit nicht nur sich selbst, sondern auch seine Familie in Gefahr. Gleichzeitig erlebt ihr Sohn Ramin den Verlust seiner Kindheit und findet zugleich Halt in der Begegnung mit Pferden. Als Amir auf Listen des Geheimdienstes auftaucht, muss die Familie das Land verlassen. Eine Odyssee beginnt über Istanbul, London bis nach Hamburg.
Ein Roman über Flucht, Geheimnisse und die verheerenden Folgen des Schweigens. (Pressetext Verlag)
„Schatten über Täbris“ – Bita Schafi-Neya, Braumüller Verlag
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Isobel Markus, Schriftstellerin _ Berlin
Carmen Pratzner_Choreografin, Tänzerin, Tanzpädagogin_ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto_Isobel Markus _ (c) Nathalie Claude.
Fotos:Carmen Pratzner_Choreografin, Tänzerin, Tanzpädagogin – performing Malina _ am Originalschauplatz_ Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 11/21
im Interview _Markus Grundtner, Schriftsteller _ Wien
Lieber Markus, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Meine ersten Zugänge fand ich während meiner Gymnasiumszeit, ganz klassisch zu ihren Gedichten. Ich suchte mir damals Lesestoffe mehr nach der Oberfläche, so hatte ich etwa ein Faible für Bachmanns Gedichte mit astronomischen und kosmologischen Motiven, etwa „Anrufung des großen Bären“, „An die Sonne“ oder „Sterne im März“. Gerade Bachmanns Lyrik offenbarte mir früh, dass Sprache nicht nur das Sichtbare beschreibt, sondern innere, politische und existentielle Räume öffnet. Ihr Werk war für mich eine Schule des Sichtbarmachens des Unsichtbaren.
Mit 15 oder 16 wurde ich auf den Ingeborg-Bachmann-Preis und die Tage der deutschsprachigen Literatur aufmerksam. Lange Zeit verband ich mit dem Namen Bachmann den Preis und die dazugehörige Veranstaltung. Durch die Jurybesprechungen, die immer wieder Parallelen zu Leben und Werk der Namensgeberin zogen, entdeckte ich auch ihre Prosa und ihre Biografie.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Bachmann schrieb mit einer Zartheit, die schneidet, und mit einer Härte, die tröstet. Ihre Sätze lesen sich, als wäre jedes Wort nach allen Ebenen hin geprüft worden, nach Wahrheit, Schmerz und Notwendigkeit.
Mich berührt besonders ihre Fähigkeit, innere Zustände als politische Zustände sichtbar zu machen. Sie zeigt, wie Sprache kaputt geht, wenn Menschen einander verletzen, und gleichzeitig wie Befreiung erst möglich wird, wenn man die zerstörerischen Muster erkennt, die in Geschichte, Gemeinsamkeit und Gesellschaft wirken. Diese Verbindung von poetischer Präzision und politischer Analyse macht ihr Werk bis heute unverwechselbar.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Zuerst einmal die Erzählungen der Sammlung „Das dreißigste Jahr“. Sie fußen auf dem Gedanken, dass es eine neue Welt braucht, es aber keine neue Welt ohne neue Sprache gibt. Gleichzeitig denkt Bachmann hier weiter, wozu es führen kann, wenn die Macht der Sprache missbraucht wird (oder sich verselbständigt). Diese Texte sind philosophische Versuchsanordnungen und intime Selbstbefragungen. Gleichzeitig abstrahieren sie Lebenserfahrungen, mit denen jeder Mensch zu ringen hat.
Außerdem möchte ich ihr letztes Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ hervorheben. Die Rahmenhandlung bildet ein Gerichtsprozess, in dem der titelgebende Gott sich rechtfertigt, absolute Liebe vernichtet zu haben, weil eine solche eine geordnete kapitalistische Gesellschaft in sich zusammenfallen lassen könnte. Der Text changiert zwischen Pathos, schrägen Momenten und schmerzhaften Passagen, die die patriarchale Struktur dieses absoluten Liebesverhältnisses entlarven.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Wie schon zu „Der gute Gott von Manhattan“ eben gesagt, ist diese Kritik erschreckend gegenwärtig. Bachmann beschreibt keine historischen Verhältnisse, sondern Strukturen: Macht, Sprachlosigkeit, Verdrängung und Gewalt im Privaten wie im Politischen. Vieles davon ist heute sichtbarer geworden, aber noch lange nicht überwunden. Ihre Kritik bleibt gültig, weil sie nicht moralisiert, sondern zeigt, wie Menschen einander beschädigen, und insbesondere, wie Sprache dabei als Waffe geführt wird.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in einer Vorlesung. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Mein Leben wäre bestimmt leichter, gäbe es nicht den Drang zu schreiben. Es ist ein Zustand erhöhter Wahrnehmung, der oft anstrengend ist, aber genauso oft befreiend. Bachmann beschreibt die Einsamkeit des Schreibens, aber auch seine Notwendigkeit: Ich muss etwas sagen, obwohl ich genausogut schweigen könnte, ja, es leichter wäre zu schweigen. Niemand zwingt einen dazu, außer man selbst. Und vielleicht ist das auch das Martyrium daran, denn vor einem selbst gibt es kein Entkommen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie gefragt, wie sie die Balance gehalten hat zwischen Verletzlichkeit und intellektueller Schärfe. Und vielleicht auch, wie sie die Kraft gefunden hat, trotz der Angriffe und Missverständnisse ihrer Zeit weiterzuschreiben.
Gesagt hätte ich ihr, dass ihre Texte Menschen noch immer verändern.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich habe 2026 ein Kapitel für einen Gemeinschaftsroman geschrieben (mit anderen deutschsprachigen AutorInnen), der 2027 in Deutschland erscheinen soll. Im Herbst schreibe ich einen Beitrag für eine niederösterreichische Anthologie über das Industrieviertel, denn dort bin ich aufgewachsen. Außerdem stelle ich aktuell meinen dritten Roman fertig und notiere schon erste Gedanken zum vierten Buch.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Christian Dörge_ Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Bildender Künstler, Theater-Schauspieler und -Regisseur
im Interview _ Christian Dörge_ Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Bildender Künstler, Theater-Schauspieler und -Regisseur _ München
Lieber Christian, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Der Weg zu Ingeborg Bachmann führte für mich anfangs über ihre Gedichte, die ich 1987 entdeckte – zu einem Zeitpunkt, an dem ich selbst die Möglichkeiten und Grenzen lyrischer Sprache auslotete. Diese Entdeckung war für mein eigenes Schreiben von erheblicher Bedeutung. Bachmann bedeutete für mich damals beinahe eine Rechtfertigung dessen, was ich selbst als Lyriker versuchte (oder – wagte): die Wirklichkeit nicht einfach abzubilden, sondern sie durch Sprache zu zerlegen, zu verschieben und neu zu konstruieren. Ihre Sprachskepsis, ihre Dunkelheit, das Verhältnis von Liebe und Zerstörung, später auch immer stärker die philosophische Dimension ihres Schreibens und jene gesellschaftliche Gewalt, die sich bei ihr bis in die intimsten Beziehungen hinein fortsetzt – all das waren und sind für mich wesentliche Zugänge zu ihrem Werk.
Sehr viel unmittelbarer wurde meine Beschäftigung mit Bachmann 1990. Damals entstand in Marburg ein Theaterprojekt über die Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, für das mir angeboten wurde, das Stück zu schreiben und auch Regie zu führen. Man wusste zu diesem Zeitpunkt natürlich längst von der Korrespondenz zwischen Bachmann und Celan, aber der Briefwechsel, den wir heute unter dem Titel Herzzeit kennen, war noch lange nicht enthüllt worden; die Briefe standen mir weder vollständig zur Verfügung, noch hätten sie einfach zitiert oder gar dramatisiert werden dürfen.
Aus diesen Umständen entstand für mich allerdings ein ungeheuer reizvoller künstlerischer Raum. Mein Bühnenstück Schrei-Papier und Schweige-Asche war keine Rekonstruktion oder Dramatisierung der Briefe, sondern ein fiktiv-dadaistisches Werk zwischen der dokumentierten Liebesbeziehung Bachmanns und Celans und einer Korrespondenz, die schon damals etwas beinahe Mythisches besaß: Man wusste, dass diese Briefe existierten, Spuren und Zusammenhänge waren bekannt, aber das eigentliche epistolarische Gespräch blieb unsichtbar. Mich interessierte deshalb weniger, dieses Gespräch szenisch zu rekonstruieren, als vielmehr einen imaginären sprachlichen Raum zwischen zwei Menschen zu schaffen, deren Schreiben und deren Beziehung auf außergewöhnliche Weise ineinandergriffen.
Das Projekt war im Frühjahr 1990 weit fortgeschritten: Die Besetzung stand, das Bühnenbild war entworfen und in Teilen bereits angefertigt, erste Leseproben hatten stattgefunden. Dann jedoch kam es zu Problemen mit dem Rechteinhaber, und die Inszenierung musste aufgegeben werden. Das empfinde ich bis heute als schmerzhaft, vielleicht auch deshalb, weil ich mich Bachmann und Celan während dieser umfangreichen Recherche und der anschließenden Theaterarbeit auf eine Weise angenähert hatte, die mit bloßer Lektüre nicht mehr vergleichbar war. Als Herzzeit schließlich viele Jahre später (2008) tatsächlich veröffentlicht wurde, existierte für mich gewissermaßen bereits eine andere, imaginäre Korrespondenz – jene, die ich 1990 aus ihren Spuren, Leerstellen und dem damals Zugänglichen für die Bühne konstruiert/imaginiert hatte.
Ich gehöre deshalb auch nicht zu jenen Lesern, die bei Bachmann Biographie und Werk möglichst sauber voneinander trennen möchten. Ihre Beziehungen, ihre Erfahrungen und ihre Verletzungen gehören für mich – im besten Wortsinne – zum Resonanzraum ihrer Literatur. Entscheidend ist allerdings, dass Bachmann daraus niemals bloße Bekenntnisliteratur macht. Persönliche Erfahrung wird bei ihr verwandelt, intellektuell durchdrungen, sprachlich neu organisiert. Darin fühle ich mich ihrem Verständnis von Literatur bis heute sehr nahe.
Diese Nähe bedeutet allerdings keine vorbehaltlose Verehrung. Es gibt bei Bachmann einen getragenen, bisweilen beinahe feierlichen Gestus, ein Pathos, gegen das ich mich behutsam sperre. Aber vielleicht ist auch dieser Widerstand ein Teil meiner Zugänge zu ihr. Eine Autorin, die einen über fast vierzig Jahre begleitet, muss nicht immer gefallen. Im Gegenteil: Interessant (und relevant) bleibt sie dort, wo Zustimmung und Widerspruch nebeneinander bestehen.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Als Leser beeindruckt mich an Bachmann zunächst die eigentümliche Spannung zwischen sprachlicher Schönheit und einem fundamentalen Misstrauen gegenüber eben dieser Schönheit. Ihre Sätze können von großer Eleganz, bisweilen geradezu musikalischer Geschlossenheit sein, und dennoch scheint unter ihrer Oberfläche beständig etwas gegen die Sprache selbst zu arbeiten. Das Wort ist bei Bachmann kein verlässliches Instrument, mit dem sich eine bereits vorhandene Wirklichkeit lediglich beschreiben ließe. Sprache ist selbst Teil dieser Wirklichkeit, mithin auch Teil ihrer Beschädigungen, ihrer Machtverhältnisse und ihrer Lügen. Dies verleiht ihrem Schreiben jene eigentümliche Unruhe, die selbst dort spürbar bleibt, wo ein Gedicht oder eine Prosapassage zunächst vollkommen gefügt und beherrscht erscheint.
Als Autor interessiert mich daran besonders, dass Bachmann die Beschädigung der Sprache nicht zum Anlass nimmt, auf deren Schönheit zu verzichten; das wäre zweifelsfrei die einfachere Konsequenz gewesen. Stattdessen setzt sie die Sprache gewissermaßen gegen sich selbst ein. Sie prüft ihre Begriffe, unterläuft Gewissheiten, verschiebt Bedeutungen und ist vehement geneigt, innerhalb eines bereits gesellschaftlich und historisch besetzten Materials einen anderen sprachlichen Raum herzustellen – eine Art Konjunktion literarischer Sphären, wenn man so will. Literatur bildet bei ihr Wirklichkeit deshalb nicht einfach ab; sie zerlegt deren sprachliche Ordnungen und setzt sie unter veränderten Bedingungen neu zusammen. Darin liegt für mich eine ihrer großen Modernitäten.
Hinzu kommt etwas, das ich bei Bachmann für mindestens ebenso wesentlich halte: ihre Fähigkeit, das Politische im scheinbar Privaten sichtbar zu machen. Liebe ist bei ihr niemals ausschließlich Liebe, eine Beziehung niemals lediglich die Geschichte zweier Menschen. In die intimsten Verhältnisse reichen gesellschaftliche Macht, tradierte Rollen, Geschichte und Gewalt hinein. Das ist besonders in Malina und im Komplex der Todesarten von ungeheurer Konsequenz. Die große historische Gewalt erscheint dort keineswegs als abgeschlossenes Ereignis, das sich hinter den Figuren verbirgt; sie hat ihre Erscheinungsform verändert und ist in ihre Gegenwart, ihre Beziehungen, ihre Körper und ihre Sprache eingedrungen. Das Verstörende daran ist, dass die Gewalt dadurch häufig vollkommen alltäglich aussieht.
Als Leser empfinde ich diese Verbindung von sprachlicher Präzision, Dunkelheit und intellektueller Schärfe noch immer als außerordentlich. Als Autor interessiert mich darüber hinaus das Risiko, das Bachmann eingeht: Sie erklärt ihre Gegenstände nicht restlos. Sie lässt Widersprüche bestehen, hält Leerstellen offen, verweigert dem Leser bisweilen jene psychologische Eindeutigkeit, die Literatur so angenehm konsumierbar machen kann. Ein Text muss bei ihr nicht beruhigen, und er muss seine Rätsel nicht ordnungsgemäß wieder einsammeln, sobald der Vorhang fällt.
Möglicherweise findet sich das Besondere ihres Schreibens deshalb für mich in einem Paradox: Bachmann zweifelt zutiefst an der Sprache und setzt zugleich ihre ganze Hoffnung auf sie. Sie weiß um deren Versehrtheit und besteht dennoch darauf, dass Literatur mit genau diesem unzuverlässigen Material etwas hervorbringen kann, das vorher nicht vorhanden war – eine andere Wahrnehmung, einen anderen Gedanken, möglicherweise sogar eine andere Vorstellung davon, was Wirklichkeit sein könnte. Als Leser kann ich mich dieser Spannung kaum entziehen; als Autor ist sie mir außerordentlich nah.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Sofern ich ein Werk hervorheben müsste, wäre es Malina. Nicht unbedingt, weil ich den Roman für eine Art poetologisch-ästhetische Summe Bachmanns hielte – solche Rangordnungen interessieren mich wenig –, sondern weil sich in ihm vieles auf eine beinahe beängstigende Weise verdichtet, was mich an ihrem Schreiben beschäftigt: Sprache und Sprachverlust, Liebe und Zerstörung, Identität und deren Auflösung, die Überlagerung privater Erfahrung durch Geschichte und schließlich die Frage, wie lange ein Mensch in einer Wirklichkeit bestehen kann, deren Ordnungen ihm zunehmend die Möglichkeit nehmen, sich selbst zu behaupten.
Malina ist für mich dabei weit mehr als die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern. Schon diese Beschreibung würde den Roman auf eine psychologische Dreieckskonstellation reduzieren, die er fortwährend überschreitet. Ivan und Malina sind in der Tat nicht lediglich Figuren einer äußeren Handlung; sie markieren zugleich unterschiedliche Möglichkeiten des Ichs, sich zur Welt und zu sich selbst zu verhalten. Da ist auf der einen Seite die Sehnsucht nach Liebe, Nähe, Unbedingtheit, vielleicht auch nach einer beinahe unmöglichen Erlösung durch einen anderen Menschen. Auf der anderen Seite stehen Ordnung, Vernunft, Kontrolle, Disziplin. Und dazwischen befindet sich dieses Ich, das schreibt, denkt, begehrt, sich widerspricht und allmählich aus der eigenen Existenz herausgedrängt wird.
Diese Konstellation berührt mich auch als Autor, weil ich die Spannung zwischen Entgrenzung und Kontrolle für einen elementaren Bestandteil künstlerischer Arbeit halte. Man muss sich einem Text ausliefern können und ihn zugleich beherrschen; man muss zulassen, dass Sprache den Dichter in Gebiete führt, die ihm vorher unbekannt waren, und im nächsten Augenblick unerbittlich entscheiden, welches Wort dort stehen darf und welches definitiv nicht. In Malina werden solche Gegensätze selbstverständlich existenziell und letztlich tödlich. Dennoch erkenne ich in dieser Unvereinbarkeit zweier Kräfte etwas wieder, das mir aus dem eigenen Schreiben vertraut ist: Kunst entsteht für mich häufig genau an jener Stelle, an der das Kontrollierte und das Unkontrollierbare aufeinanderstoßen.
Außerordentlich ist zudem, wie Bachmann in Malina das Persönliche und das Historische miteinander verschränkt. Die Gewalt des Romans kommt nicht ausschließlich von außen. Sie hat sich bereits in Sprache, Wahrnehmung, Begehren und Selbstverständnis eingeschrieben. Besonders in den Traumsequenzen des (zweiten) Kapitels Der dritte Mann bricht die historische Gewalt mit einer Radikalität in die private Existenz ein, die jegliche bequeme Trennung zwischen individueller Beschädigung und gesellschaftlicher Geschichte in einen Zustand der Unmöglichkeit überführt. Das Private besitzt bei Bachmann einen historischen Untergrund.
Und dann ist da natürlich das Ende. Das namenlose Ich verschwindet in einem Riss der Wand, Malina beseitigt die Spuren seiner Existenz, und schließlich steht dieser ungeheuerliche Satz: »Es war Mord.« Mich beschäftigt daran bis heute, dass Bachmann einen Mord behauptet, für den es im konventionellen Sinne keinen Mörder, keine Tatwaffe und keinen Tatort gibt, der sich kriminalistisch rekonstruieren ließe: Ein Mensch kann demzufolge vernichtet werden, ohne dass die Gesellschaft einen Mord wahrnimmt. Darin führt Malina unmittelbar in das Zentrum der Todesarten: zu jenen Formen der Zerstörung, die sich innerhalb nur scheinbar intakter Verhältnisse ereignen und gerade deshalb kaum als Gewalt durchschaut oder entziffert werden.
Malina ist für mich deshalb Bachmanns stärkstes Werk, weil der Roman keine Versöhnung zwischen seinen Gegensätzen erzwingt. Liebe rettet nicht, Vernunft rettet nicht, Sprache rettet nicht – und dennoch wird geschrieben: gegen die Sprache und zugleich mit ihr, in ihre Brüche hinein, ihre Gewissheiten demontierend, bis aus dem beschädigten Material eine andere Wirklichkeit hervortritt.
Diese nur bedingt bescheidene Zumutung empfinde ich als Leser als verstörend und als Autor als ungemein produktiv. Malina zeigt Literatur an einem Punkt, an dem sie nicht mehr erklären oder trösten muss, sondern etwas sichtbar macht, für das die gewöhnliche Sprache kaum einen Namen besitzt.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Wäre mir eine Begegnung mit Ingeborg Bachmann vergönnt gewesen, so hätte ich ihr kaum eine Frage gestellt, die sich mit Literaturwissenschaft beantworten ließe. Ich hätte sie auch nicht nach Celan, Frisch oder der Entstehung von Malina gefragt. Wahrscheinlich hätte mich etwas viel Grundsätzlicheres interessiert: Kann man sich durch Schreiben tatsächlich aus einer Erfahrung herausarbeiten – oder schreibt man sich mit jedem Text nur tiefer in sie hinein?
Diese Frage beschäftigt mich auch im eigenen Schreiben. Ich habe Literatur nie als nachträgliche Illustration dessen verstanden, was einem widerfahren ist. Sobald eine Erfahrung in einen Text gerät, wird sie zerlegt, verschoben, überhöht, mit Erfundenem kontaminiert; irgendwann gehört sie nicht mehr ausschließlich dem Menschen, der sie erlebt hat, sondern einer Kunstfigur, einem lyrischen Ich, einer Sprache, die ihre eigenen Gesetze entwickelt. Und dennoch bleibt etwas von ihrem Ursprung darin zurück.
Bei Bachmann interessiert mich genau diese gefährliche Zwischenzone. Sie hat Persönliches in Literatur verwandelt, ohne daraus bloße Selbstentblößungsprosa zu machen; zugleich scheint mir ihr Werk immer wieder die Frage zu stellen, ob diese Verwandlung tatsächlich Erlösung bedeutet. In Malina wird geschrieben, analysiert, geordnet, imaginiert – und dennoch verschwindet das Ich. Die Sprache kann sichtbar machen, was geschehen ist; ob sie denjenigen retten kann, dem es geschehen ist, bleibt eine ganz andere Frage.
Vielleicht hätte ich Bachmann deshalb sogar noch etwas Unhöflicheres gefragt: Ob sie jemals einen Text geschrieben habe, nach dessen Vollendung es ihr schlechter ging als zuvor. Ob es Erfahrungen gab, die durch ihre literarische Bearbeitung nicht kleiner und beherrschbarer, sondern größer und gegenwärtiger wurden. Mich würde interessieren, ob sie jene eigentümliche Vorstellung vom Schreiben als Katharsis überhaupt geteilt hätte – oder ob sie wusste, dass Literatur mitunter das genaue Gegenteil bewirkt: dass sie konserviert, verschärft und einem das vermeintlich Überwundene in einer neuen Gestalt zurückgibt.
Und gesagt hätte ich ihr vermutlich etwas sehr Einfaches: dass ihre Zweifel an der Sprache mich mehr überzeugt haben als manche ihrer Gewissheiten. Denn gerade darin liegt für mich ihre nachhaltigste Wirkung. Sie hat gezeigt, dass man der Sprache misstrauen kann, ohne sie aufzugeben – dass man sie beschädigen, befragen, gegen ihre eingeübten Bedeutungen wenden kann und trotzdem weiterarbeitet. Das ist ein Widerspruch, den ich als Autor sehr gut kenne, und zu dem ich gern – wenn ich so sagen darf – eine zweite Meinung eingeholt hätte.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein gegenwärtiges literarisches Projekt trägt den Titel Suspirium. Es handelt sich dabei um eine Sammlung von Texten, wobei mir der Begriff »Textsammlung« beinahe schon zu ordentlich erscheint für das, was dort geschieht. Suspirium versammelt unterschiedliche Formen – Lyrik, Prosa-Miniaturen, längere Prosatexte, dadaistische Sprachmontagen, autobiographische Splitter, historische und politische Versuchsanordnungen –, die sich einer eindeutigen Gattungszugehörigkeit möglichst erfolgreich widersetzen.
Mich interessiert dabei zunehmend, was geschieht, wenn Sprache nicht mehr lediglich Träger eines Inhalts ist, sondern selbst zum Schauplatz wird. Wörter geraten unter Druck, Grammatik wird beschädigt, Begriffe werden zerlegt, neu montiert oder miteinander kontaminiert. Mitunter entstehen daraus regelrechte Sprachkörper oder sprachliche Rotationsmaschinen, also eine Literatur, bei der gelegentlich der Eindruck entsteht, der Text habe begonnen, seine eigene Grammatik zu fressen.
Dabei ist Suspirium keineswegs ein rein sprachartistisches Projekt. Unter diesen Verformungen liegen sehr konkrete Gegenstände: Gegenwart, Geschichte, politische und gesellschaftliche Gewalt, Kunstbetrieb, Alter, Herkunft, Verlust, Liebe, die eigene Biographie. Der Reiz ist dabei weniger die autobiographische Nacherzählung als die Frage, was von einem Leben übrigbleibt, sobald Erinnerung, Zeitgeschichte, Popkultur, Privates und mediale Wahrnehmung gleichzeitig zu sprechen beginnen.
Ein anderer Teil von Suspirium beschäftigt sich mit Dada und der Weimarer Republik. Auch dort möchte ich Geschichte nicht museal rekonstruieren. Inflation, Versehrtheit, politische Radikalisierung, Charleston, Großstadt, Reklame und die ungeheure ästhetische Produktivität jener Jahre werden unter Strom gesetzt und ineinander montiert, bis historische Beschreibung in eine Art Gegenwartsdelirium umschlägt.
Eingedenk dieser Aspekte ist Suspirium für mich weniger ein Buch über bestimmte Themen als der Versuch, verschiedene Zustände von Wirklichkeit in verschiedene Zustände von Sprache zu überführen. Ein Text darf dabei erzählen, ein anderer stottern, ein dritter schreien, ein vierter seine eigene Syntax demontieren. Das Ich darf seine Verlässlichkeit verlieren, und selbst Subjekt, Prädikat und Objekt werden zu zerlegbarem Material; Sprache wiederum beschreibt diese Beschädigung nicht, sondern vollzieht sie an sich selbst.
Das alles klingt wahrscheinlich erheblich programmatischer, als ich während des Schreibens vorgehe. Suspirium entsteht nicht nach einem vorher aufgestellten ästhetischen Regelwerk. Eher entdecke ich beim Schreiben, welche Form ein Gegenstand von mir verlangt – und gelegentlich verlangt er eben, dass ich ihm zunächst die Grammatik kaputtschlage.
Im Augenblick empfinde ich Suspirium deshalb als ein sehr offenes und zugleich ausgesprochen persönliches Projekt. Vielleicht sogar als eine Bestandsaufnahme meines gegenwärtigen Schreibens: dessen, was davon noch verwendbar ist, was ich hinter mir lassen möchte und was erst jetzt beginnt, sprachlich an Bedeutung zu gewinnen. Ich weiß noch nicht, ob dieses Buch am Ende eine Sammlung, ein Trümmerfeld oder eine ziemlich schlecht erzogene literarische Maschine sein wird. Im günstigsten Fall ein wenig von allem.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann-Zitat/-Text bitten?
Ich habe mich für einen Satz aus dem Briefwechsel mit Paul Celan entschieden: »Und wir – ach Paul, Du weißt ja, und ich weiß nur jetzt kein Wort dafür, in dem ganz stünde, was uns hält.«
Vielleicht berührt mich dieser Satz gerade deshalb so sehr, weil Bachmann darin etwas tut, das für mich weit über die konkrete Beziehung zu Celan hinausweist: Sie sucht nach einem Wort und erklärt im selben Augenblick dessen Unmöglichkeit. Es gibt dieses eine Wort nicht, in dem »ganz stünde«, was zwei Menschen aneinander bindet. Liebe, Nähe, Begehren, Abhängigkeit, Vertrautheit, Schmerz – jedes einzelne dieser Wörter wäre bereits eine Verkürzung dessen, was gemeint ist. Also lässt Bachmann die Leerstelle bestehen.
Und dennoch schreibt sie. Das ist für mich das Entscheidende. Der Satz kapituliert nicht vor der Unzulänglichkeit der Sprache, sondern gewinnt gerade daraus seine Exaktheit. Bachmann findet kein Wort für das, »was uns hält«, und formuliert mit diesem Eingeständnis möglicherweise etwas Wahrhaftigeres, als es jede noch so vollkommene Liebeserklärung vermocht hätte.
Als Autor ist mir dieses Misstrauen gegenüber dem vermeintlich richtigen Wort sehr nah. Mich reizt und beschäftigt Sprache besonders dort, wo sie nicht mehr reibungslos funktioniert, wo Begriffe porös werden, wo ein Satz an ein Etwas gerät, das sich seiner Benennung widersetzt. Manchmal muss Literatur die Leerstelle eben stehenlassen, anstatt sie mit einem schönen Wort zu versiegeln.
Und natürlich lese ich diesen Satz auch ganz persönlich. Mich bewegt die Vorstellung, dass es zwischen zwei Menschen etwas geben kann, für das die Sprache keinen vollständigen Begriff besitzt und das dennoch – oder möglicherweise gerade deshalb – zu beider Wissensschatz gezählt werden kann. »Du weißt ja«: Gewiss sind das die drei unscheinbarsten und zugleich intimsten Wörter dieses Satzes. Der andere muss nicht erklärt bekommen, was gemeint ist. Er weiß es.
Das ist für mich eine sehr schöne Vorstellung von Liebe – und zugleich eine sehr präzise Vorstellung von Literatur.
Herzlichen Dank für das Interview!
Christian Dörge_ Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Bildender Künstler, Theater-Schauspieler und -Regisseur