„Kunst muss erlebbar, präsent und außerdem niederschwellig sein können“ Bettina Scheiflinger, Schriftstellerin _ Wien/Wil (Schweiz) _ 16.10.2021

Liebe Bettina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Geprägt von Gegensätzen: Zum Ende der Semesterferien versuche ich einerseits, meine Tage wieder mehr zu strukturieren, andererseits möchte ich die verbleibende Zeit noch auskosten und spontan sein.

Diese Ambivalenz passt ganz gut zu meiner aktuellen Hauptbeschäftigung, dem Hineinfinden in ein neues Textprojekt. Dazu muss ich in mir drin suchen, genauso wie die Außenwelt erleben und beobachten.

Meine Formel ist, den Vormittag zuhause mit Lesen und Schreiben verbringen, am Nachmittag raus gehen.

Bettina Scheiflinger, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es war schon immer wichtig: aufeinander Acht geben, einander zuhören, bedeutsame Beziehungen leben, lesen.

Grundlegendes tritt wieder stärker in mein Bewusstsein.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das Aufbrechen und die Bewegung des „sich konstant an Neues anpassen“ sind schon in Gange, beobachte ich. Wenn ich in mich und in meinen Freundeskreis schaue, ist da auch der Wunsch durch zu atmen und anzukommen in der neuen Normalität.

Kunst und Literatur sollen weiterhin herausschälen, was unsere Realitäten sind und sein können. Dafür muss Kunst erlebbar, präsent und außerdem niederschwellig sein können.

Was liest Du derzeit?

Gestern beendet: „Der Freund“ von Sigrid Nunez. Gerade begonnen: „Die Atemschaukel“ von Herta Müller. Danach: „Das Ereignis“ von Annie Ernaux.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zitate fühlen sich für mich immer unvollständig an, immer denke ich dabei, dass doch das Ganze drumherum diese eine Passage erst zu dem macht, was so gewichtig daran ist.

Trotzdem drei Sätze aus Herta Müllers Atemschaukel, weil ich sie gerade eben mehrmals gelesen habe: „Das Richtige hat man nicht, man improvisiert. Das Falsche wird zum Notwendigen. Das Notwendige ist dann das einzig Richtige, nur weil man es hat.“

Vielen Dank für das Interview liebe Bettina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Bettina Scheiflinger, Schriftstellerin

Foto © Tina Tomovic

30.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Eine Frau ist heute als Frau stark“ Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Romanjubiläum Malina_Wien 16.10.2021

Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien

Liebe Julia, herzlichen Dank für Dein Interesse am szenischen Malina Projekt zum 50jährigen Erscheinungsjubiläums des Romans von Ingeborg Bachmann teilzunehmen.

Du kommst jetzt aus Deinem Wohnort in unmittelbarer Nähe des Romanschauplatzes Malina im Dritten Wiener Gemeindebezirk. In der Vorbereitung hast Du den Roman (Malina, Ingeborg Bachmann, 1971) gelesen wie auch den Film (Malina, 1991. Regie: Werner Schroeter. Drehbuch: Elfriede Jelinek)  gesehen.

Mit welchen Augen siehst Du jetzt das „Ungargassenland“ Bachmanns in Deinen täglichen Wegen?

Erstmal vielen Dank für die Einladung!

Ja, ich wohne seit ca. 1.Jahr im Umfeld des „Ungargassenlandes“. Es ist sehr spannend jetzt im Lesen die Straßennamen, Orte des Romans, etwa den Stadtpark, wiederzufinden, die ja jetzt das eigene Zuhause sind. Und auch eine andere Geschichte zu hören als die eigene vor Ort.

Gibt es topographische Romanbezüge, die Du jetzt im persönlichen Erleben, Gehen hervorheben möchtest?

Wenn man einen Roman liest, stellt man sich ja im Kopf vor, wie es aussehen könnte. Spannend war es jetzt, meine Vorstellungen ganz direkt auf bekannte Orte beziehen zu können.

Etwa das Gehen der Ich-Erzählerin durch die Beatrixgasse/Ungargasse. Das sind ja meine Wege, die ich täglich betrete. Beim Lesen ploppen da meine eigenen Bilder im Kopf auf. Es war toll zu lesen und dies auch zu fühlen.

Wie darf man sich dieses Lebendigwerden und Verbinden literarischer Ortsbezüge im unmittelbaren Lebensraum vorstellen?

Wenn ich jetzt durch die Ungargasse in Richtung Stadtpark gehe, dann ist jetzt auch der Roman mit dabei (lacht).

Was bedeuten Dir Orte an sich?

Mir bedeuten Orte sehr viel. Ich bin ein Mensch, die ihre Lieblingsorte hat. Orte, an denen man zur Ruhe kommen, sich entspannen kann und Orte, die im täglichen Leben und der Arbeit vertraute Bezugsorte sind.

Ich bin ein Mensch, die Orte sehr schnell in Kategorien einteilt. Etwa den Stadtpark als einen Ort der Ruhe. Das ist immer entspannend und ich bin einfach glücklich dort zu sein.

Im Weg durch die Ungargasse, da bin ich meist auf dem Weg zu Besorgungen, das ist nicht immer entspannend (lacht).  

Ich bin ein Mensch, die gerne in ihrem gewohnten Umfeld ist und sehr viel Bedeutung in einen bestimmten Ort legen kann. Ich bin kein Mensch, die von heute auf morgen für ein Jahr verreisen und an einem anderen Ort bleiben würde. Mir würde da dieses Gefühl von Zuhause in einem gewissen Rahmen fehlen.

War der Dritte Bezirk Wiens ein bewusstes Wohnziel von Dir oder Zufall?

Das war relativ zufällig, dass es der Dritte Bezirk geworden ist. Ich und meine Familie haben uns viele Wohnungen angesehen und es hat da einfach gepasst. Ich habe aber nie bewusst an den Dritten Bezirk in der Wohnungssuche gedacht.

Im Enddefekt ist der Dritte Bezirk perfekt für mich und ich bin froh, dass es dieser geworden ist (lacht).

Im Roman wird vom „Königreich Ungargassenland“ gesprochen. Ist es für Dich auch schon ein Königreich?

Der Dritte Bezirk hat schon etwas Besonderes. Es ist einerseits sehr ruhig hier, man kann da gut für sich sein, und andererseits ist um die Ecke viel los.

Der Bezirk ist auch sehr groß, aber trotzdem sehr zentral mit vielen schönen Ecken, etwa dem Belvedere oder dem Arsenal mit ganz anderer Eigenart. Es ist wahnsinnig vielseitig hier. Ja, man könnte es schon als Königreich bezeichnen (lacht).

Gibt es schon Lieblingspunkte, Wege im „Ungargassenland“?

Das sind die schon auch im Roman genannten Wege der Ungargasse, Beatrixgasse, Neulinggasse. Auch durch die Landstraße spaziere ich sehr gerne. Ich spaziere auch gern durch die Salesianergasse mit den schönen Durchgängen am Weg.

Ich genieße mein näheres Wohnumfeld im Spazieren sehr.

Gibt es auch die Geschäfte, oder etwa das Postamt, noch, welche im Roman erwähnt werden?

Ich kenne diese jetzt nicht.

Bist Du in Wien aufgewachsen und was bedeutet Dir diese Stadt?

Ich bin meine ersten fünf Lebensjahre in Wien aufgewachsen und dann nach Perchtoldsdorf/Niederösterreich gezogen. Ich fühle mich in Niederösterreich Zuhause, aber jetzt ist Wien wieder dieses Zuhause geworden und es bedeutet mir sehr viel.

Meine Familie mütterlicherseits hat in Wien gewohnt, wohnt zum Teil immer noch dort, und es ist für mich wie ein Zurückkommen. Mir sind die familiären Treffpunkte noch in sehr guter Erinnerung. Da sind viele kleine Dinge, die sehr schön waren. Besonders die ersten Lebensjahre sind ja prägend. Und ich gehe auch sehr gerne die Wege von damals.

Wien ist für mich die schönste Stadt. Ich glaube auch, dass ich jetzt sehr lange in Wien bleiben werde.

Welche Berührungspunkte gibt es von Dir bisher zu Werk und Leben Ingeborg Bachmanns?

Ingeborg Bachmann und auch der Bachmannpreis sind mir ein Begriff. Meine Zeit des Lesens in den letzten Jahren bezog sich aber wesentlich auf Literatur, Fachliteratur im Zusammenhang mit meinen Ausbildungen.

Im Lesen des Romans Malina jetzt, habe ich erstmals einen direkten, unmittelbaren Bezug zu Ingeborg Bachmann bekommen.

Ich war vom Roman sehr begeistert und sehr schnell im Lesen (lacht). Man ist gefesselt von diesem Buch.

Da ich jetzt noch mehr über die Romanorte wie die Lebensorte Ingeborg Bachmanns weiß, wird es sicherlich weitere Zugänge geben.

Die Ich-Erzählerin ist wie Du eine Künstlerin. Wie siehst Du Deinen Beruf?

Künstler*in zu sein, ist generell ein wunderschöner Beruf. Ich strebe diesen ja auch als Schauspielerin und darstellende Künster*in an.

Im Roman ist in der Ich-Erzählerin eine Zwiespältigkeit zu erkennen, ein „Hin und Her Gerissensein“, ein Gefühlschaos. Was ich auch jetzt persönlich mitbekommen habe im Kunstbereich ist, dass es oft schwierige Zeiten aber auch phantastische Zeiten gibt, Zeiten, in denen es viel zu tun gibt und dann wieder weniger. Dieser Zwiespalt der Romanfigur in einem Künsler*innenleben kommt wohl oft vor. Aber ich bin natürlich keine Schriftstellerin und einen anderen künstlerischen Weg gegangen. Ich kann aber schon Bezugspunkte erkennen.

Wie siehst Du die Situation als Frau und Künstlerin heute – 50 Jahre nach Erscheinen des Romans?

Im Roman ist die Ich-Erzählerin in großer Abhängigkeit zu ihren Männern. Wenn sie gerufen wurde von Ivan, „springt“ sie. Ich finde schon, dass sich das bei den meisten Frauen heute geändert hat.

Die Frau ist heute viel selbstbewusster und eigenständiger geworden. Nicht nur die gesetzliche sondern auch die psychische, emotionale Gleichberechtigung ist heute da. Im Buch ist es, wie wohl zu der Zeit so, dass sie nicht sagt „Ich bin jetzt Ich und eigenständig und ziehe mein Ding durch“. Da ist es eher ein Hinterher-Laufen nach den Männern. Da hat sich das Bild der Frau schon stark geändert im Vergleich zu damals.

Wie siehst Du das Bild der liebenden Frau heute?

Die Frau ist heute als Frau stark. Eine Beziehung ist natürlich ein Geben und Nehmen und eine Frau ist da nicht immer der Boss.

Die Frau ist, in unseren Bezugsräumen, eine selbstbewusste, starke Persönlichkeit und geht nicht mehr in der Gesellschaft unter. Und das ist schön zu sehen. Auch das alle Wege für eine Frau offenliegen und man als Frau, das erreichen kann, was man sich erträumt.

Wie siehst Du die Situation, Konstellation der Ich-Erzählerin zwischen Ivan, dem Liebhaber, und Malina, dem Wohnungspartner?

Mich hat diese Konstellation etwas überrascht. In meinem Bild, das ich von der damaligen Zeit hatte, war es ungewöhnlich, dass eine unverheiratete Frau mit einem Mann zusammenlebt.

Ich war mir auch im Lesen bis zum Schluss nicht sicher, ob sie jetzt mit Malina zusammen ist und eine Affäre mit Ivan hat, oder ob Malina ein Hirngespinst ist. Oder ob Malina ein Mitbewohner, ihr bester Freund ist und einfach da ist, wenn sie ihn braucht. Im Verlauf des Romans habe ich mir oft diese Gedanken gemacht und es hat mich verwirrt und verwundert.

Ich finde generell, dass alle Beziehungen im Roman untypisch waren für die Zeit. Für mich ist das Bild der Frau in dieser Zeit tendenziell eher in Heirat-Kinder-Hausfrau zu sehen oder gewissen Berufen, wie Frisörin. Im Roman ist es aber nicht so und es sind sehr spezielle Beziehungen, zu Ivan etwa.

Ist die Beziehungskonstellation des Romans auch heute vorstellbar?

Ich glaube, dass es heute tatsächlich auch öfter vorkommt, dass Frauen Liebhaber haben. Die Frau im Roman ist aber am Boden zerstört, wenn sich Ivan, der Liebhaber, nicht gemeldet hat. Und wenn Ivan angerufen hat, war sie wieder voller Freude und das Leben hat wieder Sinn ergeben.

Ich glaube, dass diese Extreme heutzutage nicht mehr oft vorkommen, weil die Menschen reflektierter, auch vielleicht realistischer sind.

In meinem Umfeld gibt es viele, die fixe Beziehungen haben oder schon heiraten und viele, die nicht auf so etwas aus sind. Ich glaube, es gibt mehr ungezwungene Liebhaber*in Beziehungen heute als damals.

Ich würde die Romankonstellation des Liebhabers mehr in die Gegenwart, vielleicht in abgewandelter Form, geben, als in die Zeit des Romans.

Glück ist heute nicht zwingend mit Partnerschaft verbunden.

Ist eine Affäre heute unkomplizierter, einfacher zu leben?

Eine Affäre ist nie unkompliziert zu leben. Ich stelle mir das immer schwierig vor, weil irgendwann einmal kommen Gefühle, Emotionen dazu und dann ist der Punkt erreicht, wo man das nicht mehr unkompliziert leben kann.  Für eine gewisse Zeit mag das möglich sein und es ist heute einfacher als früher aber trotzdem schwierig. Eine Situation, die in keiner Zeit auf Dauer angenehm ist.

Was braucht Liebe, um zu wachsen, zu blühen, zu dauern?

Ich finde, Liebe braucht Vertrauen, Gleichberechtigung, Wertschätzung. Und es  muss einfach passen, man muss gemeinsam Glücklichsein können. Humor ist da auch wahnsinnig wichtig. Wenn man nicht gemeinsam lachen, reden, sich intensiv austauschen kann, finde ich es ganz schwierig.

Ich finde, dass nicht einmal die Interessen gleich sein müssen, aber man muss Glücklichsein können. Und Akzeptanz ist auch wichtig.

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, eine Beziehung zu beenden?

Dann, wenn man mit der Beziehung unglücklich ist, wenn es einem selbst nicht mehr gut geht. Wenn man einfach merkt, ich fühle mich nicht mehr wohl in diesem Umfeld.

Ich glaube, man spürt es sehr schnell und deutlich, wenn eine Beziehung an ihr Ende gekommen ist, wenn es so weit ist.

Welcher ist der beste Weg, um eine Beziehung gut zu beenden?

Persönlich, im Gespräch auf jeden Fall. Und wenn es gut geht im ruhigen Gespräch (lacht).

Ich persönlich löse Probleme grundsätzlich lieber im Gespräch. Ich mag es auch nicht, wenn man Beziehungen über SMS oder social media beendet.

Kommunikation bzw. Nichtkommunikation in der Liebe spielt im Roman eine große Rolle? Wie siehst Du dies heute?

Ich sehe da im Roman sehr viele Parallelen zur Gegenwart. Etwa in diesem innerlichen emotionalen „Fertigmachen“, wenn sich Ivan nicht meldet. Das war ja für sie ganz, ganz schlimm, wenn Ivan etwas zu tun hat und sich nicht meldet.

Aufgrund der sozialen Medien ist die im Roman angesprochene Problematik in Bezug auf Kommunikation noch schwieriger geworden, weil Kommunikation ja etwa auf whatsapp sichtbar ist – ich weiß dann, die Person hat es also gelesen, weiß, dass die Person online ist und Fragen stellen sich:

warum ist die Person jetzt auf facebook online und schreibt mir nicht zurück?

Postet gerade etwas auf Instagram und meldet sich nicht?

Man bekommt viel mehr Einblicke in das Leben eines Anderen und bekommt viel mehr mit – ok, er hat jetzt Zeit für andere Dinge aber für mich nicht?

Zur Zeit des Romans war Kommunikation nicht so sichtbar und man konnte sich denken, er ist gerade bei Arbeit oder verreist. Man weiß es nicht. Die Gedanken waren da mehr im Kopf und es gab weniger diese realistischen Anhaltspunkte moderner Kommunikation. Das ist heute mit social media schon schwieriger.

Das Positive moderner Kommunikation ist, dass man heutzutage nicht immer zwingend beisammen sein muss, um Kontakt haben zu können. Das eine Liebe nicht zur Voraussetzung hat, in der Nähe zu wohnen.

Ich glaube, dass Fernbeziehungen aufgrund moderner Kommunikation viel einfacher geworden sind. Man kann über skype, facetime, whatsapp Videotelefonie machen und da sieht man sich ja auch. Das hat sich schon vereinfacht.

Eine social media Fernbeziehung kann gut oder schlecht sein.

Wird Kommunikation selbst in modernen Beziehungen auch thematisiert?

Ich finde es grundsätzlich wichtig, wenn einem etwas stört, dies zu thematisieren. Man muss aber in einer Beziehung bedenken, dass man auch sein eigenständiges Leben, seinen Beruf hat und ich finde, dass man in einer guten Beziehung Lebensbereiche sehr gut trennen kann und nicht gleich verrückt wird, wenn jemand nicht antwortet. Da gibt es Verständnis, Vertrauen, wenn man im Stress nicht gleich antwortet. In einer gesunden Beziehung ist dies kein Thema.

Wenn eine Beziehung ungesund wird, muss Kommunikation thematisiert und reflektiert werden.

Die Charaktere im Roman hatten keine gesunden Beziehungen (lacht).

Ich bin grundsätzlich jemand, die sich in Kommunikation Zeit nimmt.

Wie nimmst Du die Charaktere im Roman wahr?

Ivan stelle ich mir als sehr erfolgreichen Mann vor, der gut aussieht, gut bei Frauen ankommt und weiß, dass die Frau im Roman ihm nachläuft und das auch gerne ausnützt.

Ich stelle mir Ivan auch arrogant und als sehr von sich überzeugt vor.

Ich könnte mir vorstellen, dass er gewissenhaft im Job ist aber nicht in der Beziehung.

Ivan setzt Prioritäten im Leben und weiß, was er im Leben will.

Malina – ich bin da noch immer unschlüssig, wo/wie ich ihn einordnen soll (lacht) – kommt mir vor wie der beste Freund, der nicht ganz das sein kann, was er sich wünscht.

Ich denke, Malina würde es schon stören, wenn ein anderer Mann in ihr Leben tritt. Das kommt ja darin zum Ausdruck, dass sie darauf achtet, dass beide nichts voneinander wissen.

Malina tut viel für sie. Kümmert sich liebevoll um sie, steht ihr bei Albträumen bei.

Malina wäre eigentlich der viel bessere Mann für Sie gewesen als Ivan. Ja, wo die Liebe hinfällt (lacht).

Der Frau im Roman geht es psychisch nicht gut. Sie hat sehr viel, wie in den Träumen zu sehen ist, aufzuarbeiten. Das häufige, intensive Träumen und die Figur des Vaters darin belasten sie. Da kommt viel Ungelöstes aus der Kindheit auf. Die Probleme in ihren Beziehungen hängen wohl damit zusammen.

Sie sieht realistisch nicht, dass die Beziehung mit Ivan nichts für sie ist, denn sie ist nur das Mädchen, das vorbeikommen kann, wenn er Lust hat.

Sie merkt auch, dass Malina ihre Nähe sucht, aber sie ist unschlüssig in der Liebe.

Sie schreibt auch, Malina versteht mich, Ivan nicht. Aber am Ende des Tages wird Malina immer der Zweite in der Reihe sein, egal was Ivan macht, egal wo Ivan gerade ist.

Welche Varianten siehst Du für die Romanfigur Malina?

Ich habe drei Theorien dazu (lacht).

Für am Unwahrscheinlichsten halte ich die Theorie, dass Malina und die Frau ein Paar sind. Zweitens, Malina könnte auch ihr Wohnungspartner sein. Dies halte ich vom Verständnis in der Zeit her für unrealistisch.

Die dritte Theorie hat sich vor allem auf den letzten zehn Seiten des Romans gebildet, dass Malina nur in ihrem Kopf, ein Hirngespinst ist. Besonders dieses „töte ihn, töte ihn“ verweist für mich darauf und dass es kein Mensch sein kann. Malina ist wie ihre innere Stimme, die sie versucht wieder auf den richtigen Weg zu bringen, ihr versucht zu helfen, das zu tun, was sie vorhat zu tun. Dieser starke Konflikt dann zwischen ihr und Malina, da hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass Malina ein Mensch ist. Dafür spricht auch, dass es ihr psychisch nicht gut geht und sie sehr zwiespältig ist.

Wie siehst Du das Ende des Romans?

Ich sehe es sehr dramatisch. Sie ist da so verzweifelt, dass sie einfach nicht mehr konnte. Diese Zuspitzung sehe ich psychologisch. Sie war psychisch fertig und durcheinander und hatte keinen Ausweg mehr gewusst aus ihrer Situation. Dass sie dann befreit wurde von ihrer inneren Last, auch ihrem Wahn. Ich hätte nicht ein so dramatisches Ende erwartet.

Sie tötet sich selbst und gibt Malina die Schuld, auch wenn sie noch versucht aufzuschreiben, dass es nicht seine Schuld ist.

Für sie ist dieses in der Wand-Verschwinden ein „Jetzt ist es vorbei, das wars“. Die Wand öffnet sich ja und sie geht hinein.

Es war Selbstmord und der Malina_Teil in ihr trägt da wesentlich Schuld.

Das zweite Romankapitel trägt den Titel „Der dritte Mann“ und stellt das Ringen mit dem Unbewussten, dem Vaterbild in den Mittelpunkt. Wie liest Du dieses Kapitel?

Es drücken sich da vor allem ungelöste Probleme aus. Die Theorie der Psychoanalyse Freuds ist da auch zu erkennen.

Sie war ein Mensch, in deren Leben wahnsinnig viel und dies wahnsinnig früh passiert ist, viel auch mit der Vaterfigur falschgelaufen ist und ich habe das Gefühl, dass sie mit dem einfach nicht abgeschlossen hat. Ich habe das Gefühl, dass sie da nie wirklich Unterstützung hatte. Heutzutage gibt es da zum Glück viele therapeutische Angebote.

Im Roman wird vom „Friedhof der ermordeten Töchter“ gesprochen und damit die übermächtige Vaterrolle thematisiert. Wie siehst Du diese Kritik?

Die Macht des Vaters ist Realität der Zeit, dazu kommt der Krieg, was sie ja auch beschreibt. Töchtern wurde da viel genommen. Heutzutage ist das Vaterbild anders. Ein liebevoller Vater, der im Nachhausekommen mit den Kindern spielt, das gab es damals ja so nicht immer. Der Vater war oft das Oberhaupt der Familie und dem hat man zu gehorchen. Bei ihr war dies ganz extrem, in welchem Extrem auch immer. Ich glaube, dass sie keinen guten Bezug zum Vater hatte und dass in ihrer Kindheit sehr viel passiert ist.

Heute hat sich das Vaterbild, in den Breiten, in denen wir leben, gewandelt. Es gibt Väter, die zum Beispiel in Karenz gehen und auch generell für ihre Kinder wirklich, auch emotional, da sind und nicht nur das Geld nachhause bringen und meinen, damit hat es sich erledigt.

Es gibt heute auch eine Gleichberechtigung zwischen Vätern und Kindern. Kinder habe da viele Rechte. Das hat sich sehr gewandelt.

Im Roman ringt die Erzählerin um ihr Selbstbild. Wie siehst Du diesen Prozess der Identitätsfindung als junge Frau und Künstlerin heute?

Es gibt heute mehr Möglichkeiten der Selbstbildentwicklung und auch seinen Interessen nachzugehen. Früher war es ein vorgeschriebener Weg, den man gehen musste.

Mir persönlich standen alle Wege offen und meine Eltern haben mich sehr unterstützt und unterstützen mich heute noch. Aber es brauchte eine Zeit, bis ich herausgefunden hatte – wie sehe ich mich und was will ich eigentlich erreichen?

Jeder Mensch braucht Zeit, um sein Selbstbild zu entwickeln und zu wissen – ok, das bin jetzt ich und so möchte ich sein, das ist mein Leben und so bin ich glücklich. Dazu braucht es auch eine gewisse Reife.

Heutzutage kann man das sein, was man möchte. Man kann sein Ich ausleben. Das ist sehr schön.

Im künstlerischen Bereich ist es so, dass es nur eine Handvoll gute Künstlerjobs gibt. Daher ist auch ein Plan B wichtig. Meine Eltern legten da auch immer Wert auf eine weitere Berufsausbildung.

Man muss im künstlerischen Beruf immer fokussiert bleiben und sich weiterentwickeln. Ich bin aber auch sehr froh, eine weitere berufliche Absicherung zu haben. Ich habe eine pädagogische Ausbildung gemacht und das ist auch ein wunderschöner wie gefragter Beruf.

Man muss sich das Leben leisten können. Und das Leben ist teuer, das merke ich jetzt gerade im Leben in Wien. Es ist auch nicht mehr einfach eine Gemeindewohnung zu bekommen oder Wohnförderungen.

Wie war/ist Dein Weg zum Schauspiel?

Das Interesse gab es sehr früh. Ich war in der Kindheit ein großer Sissi Fan. Ich war dann mit meiner Mutter im „Elisabeth“ Musical und ich war total begeistert, ich habe das Theater geliebt. Ich habe dann in der Volksschule Musikinstrumente spielen gelernt, später kam der Tanz, auch der Chor dazu.

Ich wusste immer, ich möchte eine künstlerische Ausbildung machen und mit zwanzig Jahren habe ich dann mit Ausbildungen in Gesang, Tanz und Schauspiel begonnen. Ich wusste, ich kann dies nicht zur Seite schieben. Es ist ein großer Wunsch von mir und ich finde, man soll solche Träume und Wünsche leben.

Jetzt, fünf Jahre später, fühle ich mich auch bereit, die staatlichen Prüfungen im Schauspiel- und Musicalberuf zu machen. Es war sehr lange ein „ich will es schaffen“ und jetzt, insbesondere durch all die Erfahrungen, die ich in den fünf Jahren sammeln konnte, durch meine Zielstrebigkeit und dank meiner tollen Lehrer*innen, weiß ich, ich kann es schaffen.

Was sind Deine Ziele und Visionen im künstlerischen Beruf?

Ich will einfach auf der Bühne stehen. Ich will in Rollen eintauchen und das genießen. Für mich ist das Theaterflair mit Live-Publikum ganz besonders. Ich will glücklich sein und Spaß haben auf der Bühne. Ich freue mich auf diese Zeit sehr und hoffe, dass es ohne Einschränkungen bald möglich ist.

Was kannst Du aus dem Roman auf dem künstlerischen Weg wie Lebensweg mitnehmen?

Dass ich darauf schaue, dass ich glücklich und nicht abhängig von einer anderen Person bin.

Ich will ein selbständiges, glückliches Leben führen, sei es mit Familie, sei es mit Freunden, sei es in einer Beziehung, sei es, wenn ich meinen Weg allein gehe.

Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien

Herzlichen Dank, liebe Julia, ich wünsche Dir viel Glück, Freude und Erfolg auf allen beruflichen und privaten Wegen!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_10_2021.

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Walter Pobaschnig 10_21

„Die Institutionen in der Kunst sollten nicht gleich funktionieren wie all das, was sie anprangern“ Constanze Sophie Passin, Schauspielerin_Wien 15.10.2021

Liebe Constanze Sophie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe eigentlich gar keinen regelmäßigen Tagesablauf, ich glaube das war noch nie so – im Theater ist ja jeder Probentag anders…ich finde es eher schwierig, wenn jeder Tag so wie der kommende ist und man ein Gefühl von „Täglich grüßt das Murmeltier“ hat. Es hat sich sehr viel für mich verändert seit dem 1.Lockdown, aber ich habe nie das Gefühl, dass ich mal zur Ruhe gekommen wäre, es war immer irgendwas los.

Im ersten Lockdown habe ich die Zeit genutzt, um zu Hause zu renovieren, oder eine Webserie mit meinen Kolleginnen zu machen („Die Massnahme- eine Webserie mit Laura Hermann, Alev Irmak, Anna Kramer, Claudia Kottal, Suse Lichtenberger und mir).

Dann kam eine komische Zeit, wo man wieder spielen durfte, aber gefühlt mit angezogener Handbremse, weil man nicht wusste wie es weitergeht- ein paar Vorstellungen, ohne geöffnete Kantinen, die oft durch Coronafälle dann doch abgesagt wurden-ziemlich trostlos.

Im 2. Lockdown habe ich dann ein Jobangebot bekommen, das ich mit Freuden angenommen habe, weil es sehr gut mit meinem Beruf als Schauspielerin kombinierbar ist. Ich arbeite jetzt auch beim Mozarthaus St.Gilgen und kann da sehr kreativ sein und auch sehr viel Neues kennenlernen. Somit ist mein Tagesablauf jetzt entweder im Mozarthaus arbeiten zu gehen, oder in Wien Theater zu machen. Ich habe gerade Premiere mit „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin in der Regie von Ali M. Abdullah am WerkX. Wir haben nur eine ganz kurze Wiederaufnahmen-Probenzeit und da war ich wieder ganz drinnen im Theater – mein „alter“ Tagesablauf.

Ich weiß nicht, ob ich jemals einen geregelten Tagesablauf haben werde, aber ich mag es, dass jeder Tag anders ist.

Constanze Sophie Passin, Schauspielerin, Musikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde ganz wichtig ist Toleranz und Verständnis in diesen Zeiten, ich habe das Gefühl, dass es ganz schön brodelt unten drunter. Ich finde Toleranz und Akzeptanz grundsätzlich sehr wichtig für unsere Gesellschaft, aber jetzt besonders. Lockerheit und Humor, miteinander lachen oder auch weinen, authentisch sein – den Mut haben bei sich zu bleiben aber sich auch nicht immer ganz so ernst zu nehmen. Sich auf alles Neue zu freuen und seinen Impulsen zu folgen und das am Besten in Liebe zu seinem Umfeld…und wenn schon nicht Liebe, dann immerhin mit Offenheit…und noch mal : Humor.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich weiß nicht, ob jede*r das Gefühl eines Aufbruchs und Neubeginns hat, weil viele das „Alte und Gewohnte“ zurückhaben wollen. Unsere Gesellschaft ist ja sehr starr in ihren Werten und Vorstellungen, wie was zu sein hat und ich glaube diese Kraft ist sehr stark. Aber ich hoffe, dass viele den Neubeginn tatsächlich wagen, all ihren Impulsen folgen und etwas mitnehmen aus dieser Zeit. Ich finde die Kunst kann da immer wieder hinzeigen, kann ein anderes Modell vorleben, soll auch immer ein Spiegel sein, mit einem möglichen Ausweg bzw anderen Weg, einem anderen Umgang miteinander.

Die Institutionen in der Kunst sollten nicht gleich funktionieren wie all das, was sie anprangern. Hier könnten doch mal die alten festgefahrenen Hierarchien in Frage gestellt werden, das heißt nicht, dass nicht am Ende Eine*r entscheiden darf. Ich finde es immer besonders lustig, wenn Theater Stücke von Bertold Brecht spielen und es intern genau so abläuft- so etwas muss in Frage gestellt werden. So etwas sollte sich tatsächlich schleunigst ändern.

Und wenn wir schon dabei sind: ich glaube Mirjam Unger hat bei ihren Dreharbeiten auf Plastikwasserflaschen verzichtet, weil diese Plastikflaschen nach einer Produktion einen ganzen LKW füllen könnten- sowas finde ich toll. Es ist nur ein kleines Zeichen, aber zeigt Wirkung. Man muss da auch nicht zu pathetisch werden als Künstler*in in unserer „Aufgabe“- letzten Endes ist es ein Job, aber wir haben die Möglichkeit, die so viele nicht haben. Ich muss mich auch immer wieder da hinstupsen und mutig sein, meinen Mund aufzumachen, aber das ist ein großes Geschenk und wir sollten es nicht für selbstverständlich nehmen. Es geht nicht um Selbstverwirklichung, sondern um einen Auftrag. Der Staat subventioniert Kunst, wir bekommen Geld damit wir machen können, was wir für wichtig halten, das ist doch unglaublich. Und das sollte man weise nutzen.

Was liest Du derzeit?

Ich habe schon lange nicht mehr gelesen, weil meine Tage so voll sind seit Monaten, aber ich möchte jetzt Faserland von Christian Kracht lesen, das hat mir eine Freundin empfohlen. Da sollte man sich einen Abend frei nehmen, sein Handy ausschalten, eine Flasche Rotwein aufmachen und das ganze Buch in einem durchlesen. Darauf freue ich mich unglaublich.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich bin ganz schlecht in Zitaten. 

Vielen Dank für das Interview liebe Constanze Sophie, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Constanze Sophie Passin, Schauspielerin, Sängerin

http://www.constanzepassin.com/

Foto_Steffi Henn.

14.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Reh-Ragout-Rendezvous“ Rita Falk. dtv Verlag.

Jetzt wird Weihnachten gefeiert. Die Susi stimmt das Lied an. So muss es sein. Das gehört dazu. Wie die Oma, die sich auch freut. Alle anderen singen mit oder bewegen die Lippen. Wie es sich gehört am Weihnachtsabend…

Und auch die Geschenke sind da. Direkt aus dem Saustall. Und jetzt landen sie unter dem Christbaum – „Topsecret-Aktion sozusagen“….

Und natürlich das Essen – „Die Oma hat uns ein Ganserl gebraten mit Knödel und Blaukraut, so wie sie es jedes Jahr tut, und der Duft hat sich längst in alle Ritzen der Räume verteilt“…

Und so klingt oder klingelt der Weihnachtsabend aus…aber der Morgen danach hat es in sich…

Da wird gesucht und nicht immer gefunden…zum Beispiel der Steckenbiller Lenz….und jetzt steht alles Kopf…und ein Suchen beginnt…wie geheimnisvolle Entdeckungen….

Die Bestsellerautorin Rita Falk legt mit „Reh-Ragout-Rendezvous“ den elften Fall aus ihrer Eberhofer Krimireihe vor und begeistert erneuert mit einem Feuerwerk an Sprachwitz im alltäglichen Zusammentreffen allzumenschlicher Eigenheiten und Abgründe. Hier wird das Krimi-Genre zur ganz feinen Psychologie des Lebens.

„Ein Krimi, der ganz nah am Menschen in Humor, Empathie und Geheimnis ist“

Walter Pobaschnig 10_21

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„Der Kreativität einen Platz geben und offen für Neues sein“ Janine Hickl, Schauspielerin_Wien 14.10.2021

Liebe Janine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In meinem Leben gibt es kaum einen Tag, der dem anderen gleicht. Ich genieße diese Freiheit sehr und bin dankbar dafür, mir jeden Tag neu gestalten zu können, allerdings erfordert dieser unregelmäßige Alltag viel Flexibilität und vor allem Disziplin, um Routinen zu integrieren.

Janine Hickl, Schauspielerin, Sängerin

Während des Lockdowns habe ich mir viel Zeit für mich genommen und jeden Tag mit einer Yogaeinheit, einer kurzen Meditation und einer großen Tasse Kaffee gestartet. Diese Morgenroutine habe ich beibehalten, denn besonders an Konzert- und Drehtagen aber auch bei Proben und anderen Tätigkeiten hilft es mir, Fokus zu finden und konzentriert zu arbeiten.

Als freischaffende Künstlerin nimmt die Planung und Organisation des „Alltags“ ebenso viel Zeit in Anspruch wie üben, Trainingseinheiten und allgemeine Vorbereitungen, denn der künstlerischen Arbeit sind keine Grenzen gesetzt.

Meine freien Tage verbringe ich liebend gerne auf der Tanzfläche, wo ich mich beim Swing- und Salsa tanzen austoben und den Kopf frei bekommen kann aber auch bei Spaziergängen, stundenlangen Gesprächen mit Freunden und Familie, Konzert- und Theaterbesuchen und gutem Essen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Empathie, Solidarität und ein respektvoller, wertschätzender Umgang miteinander. Dazu gehört ehrliche Kommunikation und Vernetzung, denn nur so kann es uns gelingen zusammenzuhalten und gemeinsam zu wachsen. Was für jedes Individuum meiner Meinung nach besonders wichtig ist, ist behutsam mit sich umzugehen, immer wieder in sich hineinzuhören und sich zu fragen, was im Leben wirklich wichtig ist und zu guter Letzt, natürlich den Humor nicht zu verlieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Musik, der Kunst an sich zu?

Ich hätte tatsächlich gehofft, dass wir vor einem Neubeginn stehen, dass sich unser Leben nach dem Lockdown etwas entschleunigt und wir mit mehr Dankbarkeit und Solidarität durch die Welt gehen können. Ich habe das Gefühl, dass das Gegenteil der Fall ist.

Ich bezweifle auch, dass wir in der Kulturszene vor einem großen Neubeginn stehen aber ich hoffe sehr, dass das vergangene Jahr mehr Bewusstsein für uns Künstler und unsere, ohnehin schon filigrane, Tätigkeit geschaffen hat.

Die Kunst und damit meine ich die darstellende sowie bildnerische Kunst und alles was dazugehört, ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens – nämlich ein emotionales Ventil und ein individueller Raum der Kreativität, der unser Leben farbenfroh macht.

Als Künstler*in hat man die Möglichkeit, das Publikum abzuholen und gemeinsam in andere Welten einzutauchen. Wir können Geschichten erzählen und eine ganz besondere Verbindung zu Menschen aufbauen, mit denen wir zuvor noch nie kommuniziert haben. Diese Verbindung spielt sich auf einer emotionalen Ebene ab, die durch nichts ersetzt werden kann und soll. Wesentlich ist, dass wir weiterhin reflektieren, die Neugierde nicht verlieren, der Kreativität einen Platz geben und offen für Neues sind.

Was liest Du derzeit?

The Artist’s Way – Julia Cameron

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das Leben ist eine große Leinwand, bemale sie so bunt du kannst.

– Danny Kaye

Janine Hickl, Schauspielerin, Sängerin

Vielen Dank für das Interview liebe Janine, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Janine Hickl, Schauspielerin, Sängerin

https://www.janine-hickl.com/

Fotos_1-3, 7 Walter Pobaschnig; 4-6 Doris Himmelbauer.

18.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Frau im Atelier“ Elke Steiner. Roman. Edition Keiper.

Da ist die Leinwand. Da ist Marius. Und da ist die Farbe. Und das Bild im Kopf und in der Bewegung des Pinsels über dem alles umfassenden Weiß vor ihm. Er sieht jetzt die Umrisse der Frau bevor er sie malt. Und er hat Angst…

„Er hat Angst, dass sie ihr Gesicht zeigen könnte, und deshalb wird er sie nur von hinten malen, von der Seite vielleicht, aus allen möglichen Perspektiven. Nur nicht von vorne. Nur nicht so, wie er sie zuletzt gesehen hat…“

Hier ins Atelier hat er sich zurückgezogen. Er absolviert nur die notwendigsten Wege nach draußen. Einkaufen, Behörden…

Er ringt hier mit seinen Bildern. Denen auf der Leinwand und denen im Kopf. Erinnerungen wie Hirnwindungen. Unsichtbar und präsent, fordernd. Das Kindsein. Die Mutter. Das Dunkle….

Und da ist Colette. Und die Sehnsucht ganz zu werden. Wie geflochtenes Haar. Wie jenes der Mutter…

Die Wiener Schriftstellerin Elke Steiner legt mit ihrem neuen Roman „Die Frau im Atelier“ eine hintergründige wie mitreißende Spurensuche nach dem Menschsein in Verlust und Neubeginn vor. Es ist beeindruckend wie fein und aufmerksam hier Gedanken, Erinnerungen im persönlichen Ringen gleichsam sprachlich gewoben werden und einen leuchtenden Sprachteppich wie ebenso ein umfangendes Spinnennetz in Spannung und Neugierde ergeben. Da trifft in einzigartiger Weise eine Kraft und Zärtlichkeit der Sprache auf das Leben in aller Zerbrechlichkeit wie gemeinsamer Kraft der Schönheit.

„Elke Steiner fasst und erfasst das Herz von Sprache und Menschsein in einzigartiger Weise – tiefgründig, spannend, mitreißend!“

Walter Pobaschnig 10_21

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„Musik fängt wieder an interessanter zu werden“ David Poglin, Musiker _ Wien/Graz 13.10.2021

Lieber David, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Grundsätzlich wohl gleich wie bei jedem anderen Künstler. In meinem Fall wahrscheinlich etwas geregelter, weil ich eine gewisse Ordnung in meinem Leben brauche. Weil sonst fällt alles auseinander (lacht).

David Poglin, Musiker

Aufstehen meist zwischen 8h und 9.30h, das kommt darauf an, ob ich vorher ein Konzert hatte oder Studiotermine, anderes. Dann Kaffeemachen, Zähneputzen, Morgentoilette. Dann setze ich mich am frühen Vormittag in ein Cafè und erledige alle organisatorischen Sachen, das heißt, Anfragen beantworten bzw. Anfragen stellen, Informationen einholen über verschiedenste Projekte. Am frühen Nachmittag dann etwas Technik üben oder Songs auschecken, je nachdem, zwischendurch einen Kaffee machen.

Am Nachmittag fangen dann die Proben an. Da sind die meisten Musiker schon munter (lacht). Dann wird dann an Projekten gearbeitet wie derzeit mit Lisa Schmid, Musikerin, oder der Band Kitsch Royal.

Am Abend hängt es dann davon ab, ob es Studiotermine gibt. Mit Lisa Schmid derzeit abends und mit Kitsch Royal dann tagsüber. Manchmal gehen wir dann was trinken. Ich schaue auch, dass ich regelmäßig eigene musikalische Übungseinheiten, individuelle Vorbereitungen mache – an Songs arbeiten, verschiedenste Musikstücke anhören, die ich unbedingt hören oder auch spielen können möchte. Oder technische Sachen probieren, wo ich höre, wow, das ist cool.

Mein Tagesablauf hängt auch von den Wochentagen ab. Ich bin als Lehrer an zwei Musikschulen tätig und koordiniere da meine Musikschüler*innen. Montag, Dienstag bin ich an den Musikschulen tätig und da sind meist auch zusätzlich Projektproben. Am Mittwoch ist meist Studioarbeit in Wien, davor Probe. Donnerstag und Freitag ebenso. Am Freitagabend fahre ich dann meist nach Graz und habe am Abend, dem Wochenende mit anderen Bands Konzerte oder ich nütze den Proberaum, um mit Equipment zu experimentieren.

So sieht mein Tages-, eigentlich Wochenablauf aus und dieser ist in der Regel auch relativ gleich. Sicher gibt es da Ausreißer, aber eigentlich dreht sich alles um die Musik.

David Poglin und Musikpartnerin Lisa Schmid

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das ist schwer zu beantworten und sicherlich individuell. Manche Menschen brauchen mehr Ruhe und Rückzug und andere müssen sich in den Tag/Abend stürzen, um im Kopf  sauber zu bleiben.

Ich persönlich bin ein Mensch, der Freunde und Lieblingsmenschen um sich hat und auch braucht. Diese Zeit des Miteinander, diese Art von quality time ist mir persönlich sehr wichtig.

Es ist immer, aber gerade auch in einer Pandemie wichtig, seinen Platz zu kennen und zu finden, an dem man glücklich sein kann. Ich denke, viele haben jetzt ihr prototypisches Verhalten dahingehend hinterfragt – was macht mich glücklich?

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Kunst und Musik haben immer eine kritische gesellschaftliche Bedeutung. Das wurde, meiner Meinung nach, in den letzten Jahren etwas abgeblockt, weil das Musikgeschäft auch eine Maschinerie geworden ist. Da hat es geheißen, alle drei Monate muss eine Single rauskommen, ein Album einmal im Jahr, damit man dem Algorithmus von Spotify und anderen gerecht wird und das Jahr nicht verloren geht.

Aber trotzdem glaube ich, dass Musik jetzt wieder einen Aufschwung erlebt und Menschen wieder Musik anders erleben und genießen. Ich finde es gut, wie es im Moment geht. Es ist zu spüren, dass Menschen die Live Erfahrung eines Konzertes, die wir alle sehr vermisst haben, jetzt wieder intensiv miterleben wollen. Ich finde das schön, auch wenn im Moment alle Musiker*innen Bäume ausreißen wollen und man sich etwas in die Quere kommt.

Ich habe auch das Gefühl, dass Musik wieder individueller wird. Es ist nicht mehr dieser Einheitsbrei, es fängt wieder an interessanter zu werden. Derzeit gibt es etwa wieder mehr Funk-, Blues-Bands, der Indierock wird auch wieder erdiger und ehrlicher. Es ist nicht mehr so überproduziert, weil Musiker*innen jetzt wieder mehr auf eigene Faust etwas machen. Sie machen genau das, auf was sie Bock haben und das spüren die Leute. Diese Ehrlichkeit, die in der Musik einmal da war, kommt zurück und das ist sehr schön.

Was liest Du derzeit?

Ich bin derzeit so in klassische Romane und deren besondere Sprache reingerutscht.Das ist im Moment „Das Bildnis des Dorian Grey“ von Oscar Wilde.

David Poglin am Mozartgrab_Wien _St.Marx

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol. Wer unter die Oberfläche dringt, tut es auf eigene Gefahr. Wer dem Symbol nachgeht, tut es auf eigene Gefahr. In Wahrheit spiegelt die Kunst den Betrachter und nicht das Leben.“

Das Zitat stammt aus dem Vorwort von Oscar Wilde „Das Bildnis des Dorian Grey“.

David Poglin, Musiker

Vielen Dank für das Interview lieber David, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

David Poglin, Musiker

Alle Fotos_Walter Pobaschnig_Friedhof St.Marx_Wien _9_2021.

30.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Undine bekommt durch Ingeborg Bachmann zum ersten Mal eine eigene Stimme“ Anna Anderluh, Musikerin_Wien_Undine geht_12.10.2021

Anna Anderluh_Musikerin_Wien _
Undine geht

Statt dem hier üblichen Interview beschreibe ich, wie sich mir der Zugang zu „Undine geht“ durch den Prozess dieses Fotoshootings und Interviews gezeigt hat. Ich möchte erzählen, warum genau das viel mehr über meinen Bezug zu Bachmanns Text aussagt, als es das Interview könnte.

Ich bedanke mich bei Dir, Walter, für den offenen und wertschätzenden Dialog und für das Verständnis für meine eventuell überrumpelnde Aktion und freue mich, wenn du trotzdem bereit wärst den Text zusammen mit den Fotos zu veröffentlichen.

Ich beginne in Klagenfurt, im Garten meiner Eltern, dort lese ich zum ersten mal die Erzählung von Undine. Obwohl ich mit dieser Thematik vertraut sein könnte, dockt der Text zunächst bei mir nicht wirklich an. Die Vorstellung, dass ich in einem Interview etwas dazu sagen müsste stößt auf gähnende Leere in mir. Natürlich könnte ich etwas über die Kampfansage an das Patriarchat loswerden, oder weiterführend Undine als weibliche Kraft und die Natur selbst, oder die Sexualität bezeichnen. Mit diesen generischen Zuschreibungen von „weiblich ist mystisch, naturverbunden, im Untergrund“..etc., möchte ich aber sehr vorsichtig sein, weil diese leider nur zu oft missbraucht wurden und werden um Frauen im Hintergrund zu halten und mit angeblichen „Naturgesetzen“ argumentiert wird, um die Unterdrückung von Frauen zu rechtfertigen.

Am meisten kann ich mit Undine anfangen, wenn ich sie als ein neutrales Wesen sehe, welches die Abhängigkeiten und Verhaltensmuster der Menschen erkennt, sowohl die der Menschenmänner, sowie auch die der Menschenfrauen.

Am Abend vor dem Fotoshooting lese ich noch einmal den Bachmann Text und finde unter anderem bei Recherchen ein Zitat in dem Bachmann sich selbst als „Hans“ bezeichnet und Undine als „die Kunst“ beschreibt. Es sei ein Missverständnis wenn man diese Erzählung als autobiographisch und Bachmann als Undine deuten würde. Wir alle sind Hans. Langsam kommt mir der Text näher, denn auch ich, als Mensch, bin eher ein Hans als eine Undine. Es ist mir schlagartig unangenehm wenn ich mir vorstelle mich am nächsten Morgen als Undine zu inszenieren. Ich möchte mich aber auch nicht plakativ als Hans darstellen. Mit einer Krawatte und einem Männerhemd wäre es ja wohl nicht getan. Außerdem ist die Gegend um die Mauerbachschleuse, die ich ausgesucht habe, prädestiniert für die unterschiedlichen Welten in denen Undine sich bewegt. Vielleicht findet sich die Verbindung zu ihr/them im Laufe des Shootings.

Während des Shootings fällt mir auf, wie viele Posen bereits besetzt sind. Wie viele mir bekannt sind, und Assoziationen auslösen, die einer langen patriarchalen Geschichte entspringen und dem entsprechen wie Frauen von Männern dargestellt wurden und werden. Das süße Rehlein von oben herab fotografiert – hol mich hier raus; einmal in die Haare gegriffen – Germanys Next Topmodel;

Nachdenklich in die ferne blickend – wenigstens denkend;

Den Hals hinhalten – ich gebe mich hin, hoffentlich Beißhemmung beim Gegenüber;

Irgendwo herumliegend – als wäre das die Hauptbeschäftigung von Frauen.

Ich erinnere mich an ein Zitat von Hannah Gadsby: “The history of Western art is just the history of men painting women like they’re flesh vases for their dick flowers.”

Walter macht den Vorschlag ich könnte meine Hände verschränken und breitbeinig dastehen, weil Bachmanns Undine eine selbstbewusste Seite hat, die ich damit zeigen könnte. Ich stelle mich in dieser Weise hin und komme mir gleich ziemlich lächerlich dabei vor.

Bei „Körpersprache Guru“ Samy Molcho habe ich als Jugendliche gelesen, dass es Angst und Unsicherheit signalisiert, wenn man die Hände verschränkt.

Ungefähr zur selben Zeit habe ich mir viele Talkshows im Fernsehen angeschaut. Eines der damaligen Lieblingsthemen war „Ich bin fett und finde mich geil“. Dort musste sich eine der Talkshow Teilnehmerinnen von Talkshowhost Jörg Pilawa anhören, dass sie sich ja gar nicht so geil finden kann, weil sie mit vor dem Bauch verschränkten Armen da saß, was ihre Unsicherheit offenlegt. Damals habe ich Konsequenzen daraus gezogen und beschlossen meine Hände nicht mehr zu verschränken, damit keine Samy Molchos oder Jörg Pilawas denken könnten ich versuche mich vor ihnen zu schützen und ihnen das das Gefühl geben könnte sie stünden über mir.

Nun wird Undine für mich doch zur Frau, und steht für alle Frauen, die durch männliche Interpretationen dargestellt wurden und nicht selbst für sich sprechen konnten. In den ausschließlich von Männern bearbeiteten Versionen des Mythos bekommt Undine nur dann eine Seele, wenn sie sich mit einem Mann verbindet, diesen muss sie aber töten, wenn er ihr gegenüber untreu wird. Sie hat keine Entscheidungsfreiheit und muss sich größtenteils passiv fügen. Von den männlichen Undine – Autoren wird dies durch die Natur dieses Wasserwesens gerechtfertigt, womit wir wieder bei meinem Anfangsgedanken wären. Nach Bachmann sind übrigens auch wieder alle Autoren, die sich mit diesem Thema beschäftigen, und über Undine schreiben, männlich.

Wie ist es für mich möglich aktiv meine Rolle zu bestimmen und nicht durch die männliche Brille dargestellt zu werden, obwohl ich von einem Mann fotografiert werde? Was ist denn überhaupt das Problem? Walter lässt mir doch die komplette Freiheit in diesem Setting und folgt mir durch eine Umgebung, die ich bestimme und choreografiere und ich kann frei entscheiden ob ich seine Vorschläge annehme oder nicht. Die männlich geprägten Darstellungen von Frauen wären aber auch nicht plötzlich inexistent, wenn ich von einer Frau fotografiert werden würde. Diese zu überwinden setzt ein Bewusstsein beider Parts für die Thematik voraus. Egal ob die daran Beteiligten männlich oder weiblich sind.

Fürs Erste halte ich es für das Beste nicht zu posieren, die Linse zu ignorieren und einfach etwas zu machen. Bei Aktionen gibt es kein Posieren.

Das funktioniert ganz gut, und ich habe großen Spaß Plätze zu erkunden, die ich von dieser Gegend noch nicht kannte und den Ort in Verbindung mit der Undine Geschichte in Szene zu setzten. Selbstverständlich gehört für mich auch das „ins Wasser gehen“ am Schluss zu dem Märchen und so besuchen wir eine Stelle am Fluss, wo ich gerne durchs Wasser wate und weiß, dass ich dort tiefere Stellen finden werde.

Als ich am Ende des Shootings wieder aus dem Wasser komme, fällt mir auf, dass sich meine Nippel durch das nasse Kleid abzeichnen und somit vermutlich auch auf den Fotos sichtbar sind. „Hätte ich doch meinen BH angelassen, aber dadurch hätten sich die Kissen so mit Wasser vollgesogen, dass ich monströse Brüste auf den Fotos gehabt hätte, oder die Kissen unförmig runtergehangen wären“, geht es mir durch den Kopf. Soll ich Walter sagen er soll denn Nippel rausretuschieren? Und warum schreibe ich hier überhaupt einen ganzen Absatz über meine Nippel, sie würden vermutlich nicht einmal auffallen, oder ich könnte die Fotos auch einfach vermeiden.  Stört es mich überhaupt selbst, oder stört es mich nur, wenn ich mir vorstelle, dass das jetzt alle Jörg Pilawas sehen, die sich denken könnten „kein Wunder dass sie die Arme vor der Brust verschränkt hat. Sie wollte ihre Nippel vor mir verbergen“.

Ein paar Tage nach dem Shooting bekomme ich von Walter das transkribierte Interview, welches wir in einer Pause geführt haben. Es sind meine Aussagen, aber sie sind so formuliert, dass sie sich nicht mehr nach meinen anfühlen. Für mich transportieren sich Aussagen oft mehr durch die Form der Sprache, als durch ihren Inhalt. Durch die Kombination der Ästhetik der Fotos und der blumigen Sprache, fühle ich mich als mystisches, romantisiertes Wesen präsentiert – wie durch einen rosaroten Filter gezeigt – genau das was ich vermeiden wollte. Auch ist alles was ich gesagt habe in einem Gespräch entstanden und nicht einfach aus dem Nichts gekommen. Was davon waren meine Gedanken und was davon Bestätigungen von Walters Gedanken, die jetzt als meine geschrieben stehen, weil Walters Part in dem Interview nicht mehr vorkommt? Wo sind Verneinungen, Momente in denen ich widersprochen habe? Ich kann mir die Intention dahinter vorstellen – Er möchte sich rücksichtsvoll rausnehmen, aber genau dadurch verschwimmen seine und meine Meinung.

Undine bekommt durch Ingeborg Bachmann zum ersten Mal eine eigene Stimme. Ist es ein Rückschritt, wenn nun sechzig Jahre später meine Bezüge zu dem Thema von einem Mann bearbeitet und gefiltert werden? Es kann aber auch nicht die Lösung sein, dass sich Männer keinen feministischen Themen widmen dürfen. So stammle ich auch beim Telefonat, welches ich danach mit ihm führe „du kannst ja nix dafür dass du ein Mann bist..“ Und beschreibe ihm meine Bedenken und den Prozess, den das Ganze in mir ausgelöst hat. Er hört geduldig und verständnisvoll zu und bedankt sich für diese Offenheit.

Auf die Frage wie wir dieses Format gemeinsam verändern könnten, so dass wir beide nicht in die Falle tappen, uns wieder auf der Straße zurück zu Friedrich de la Motte Fouqué (Undine 1811), weg von Bachmann zu bewegen, entgegnet er, dass es spannend wäre, etwas Neues zu entwickeln, aber es viel Zeit und Auseinandersetzung bedürfen würde, ich sei aber gerne ganz frei den Text zu verändern und umzugestalten. Mir ist auch bewusst, dass dieses Vorhaben aufwendig wäre, vor allem für einen Artikel, außerdem gibt es Deadlines und plötzlich finde ich mich wieder im „Hans“. Wir haben zu funktionieren, es sollen ja auch Leute lesen und die sollen das interessant finden, nicht zu sperrig, außerdem haben wir das Interview schon gemacht und es wäre schade es wegzuwerfen, es hat schließlich Zeit gekostet und von der haben wir alle nicht viel, und dann hat sich Walter auch bereits die Mühe gemacht es zu transkribieren und ich habe auch gar keine Kapazitäten alles komplett umzuwerfen und neu zu schreiben usw..

Trotzdem kann ich mich von dieser Ebene, die mittlerweile zum Kern meiner Verbindung von „Undine geht“ geworden ist, nicht lösen und so ist es auch für mich nicht ausreichend das Interview marginal zu verändern, oder mit einem Kommentar zu versehen und abzudrucken.

So stehen wir nun da ohne Interview und mit diesem Text. Mit dieser Situation, in welcher ich Walter seine Journalistenrolle entrissen habe, um selbst für mich zu sprechen, sowie auch Bachmanns Undine für sich selbst sprechen ließ. Mit Dankbarkeit dafür, dass ich „Undine geht“ auf diese Weise kennenlernen durfte.

Anna Anderluh_Musikerin_Wien _
Undine geht

Liebe Anna, herzlichen Dank für Deine Teilnahme am Projekt „Undine geht“!

60 Jahre_Undine geht _Erzählung _ Ingeborg Bachmann _

Anna Anderluh_Musikerin_Wien

https://www.annaanderluh.com/

Text_Anna Anderluh

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

Station bei Ingeborg Bachmann_Wien.

https://literaturoutdoors.com _ Wien _9_21

„Freundlichkeit als Trend, das wär doch mal was“ Vanessa Payer Kumar, Schauspielerin_Wien _12.10.2021

Liebe Vanessa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mit Schulbeginn in Wien im September muss ich familientechnisch wieder früher aufstehen und eine gewisse Regelmäßigkeit kehrte wieder ein. Im August habe ich zwar intensiv gearbeitet, aber meistens mit „freier Zeiteinteilung“. Das liegt daran, dass ich zur Zeit viel schreibe und Produktionen vorbereite.

Vanessa Payer Kumar_Schauspielerin, Regisseurin, Autorin, Producer

Jeder Tag sieht da etwas anders aus. Meistens fang ich bald nach dem Aufstehen an, alles das abzuarbeiten- oder auch „abzuleben“- falls man so eine Wortschöpfung brauchen kann- was eben gerade ansteht:  sei es im Kreativen, im Organisatorischen, im Haushalt oder in Belangen der Familie. Gegessen wird in einem solchen Tagesablauf meistens locker und irgendwann – auch Treffen mit Freunden oder Bewegung und Ausflüge finden meist eher kurzfristig geplant statt.  Wenn ich allerdings für meine- „Theaterminiaturen“ oder andere Auftritte probe oder die Aufführung vorbereite, stehe ich früh auf und bin dann den ganzen Tag auf Achse;

Ich bin eigentlich ein gut organisierter Mensch und plane auch gerne, aber in dieser letzten Zeit war der Tagesablauf sehr viel offener und flexibler als gewöhnlich, was ich genieße. Fast täglich stand aber eines auf dem Programm:  mich hier irgendwo im 22. Bezirk, wo ich wohne, zwischendurch in eines der vielen Naturgewässer zu hauen!

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Hm, mit der Frage tu ich mir a bisserl schwer, denn es wird doch wirklich für jede/n etwas anderes besonders wichtig sein und wie ist „uns“ hier definiert? Die Lebenssituationen sind so unterschiedlich…

Möglichst umfassend beantwortet, würde ich sagen, die Welt braucht Empathie und das ist wirklich für alle und auch für alles wichtig.

Empathie äußerst sich ja in vielen Formen, eine davon ist echtes Zuhören; die Bereitschaft, Inhalte einmal in aller Ruhe zu erfassen und das Gegenüber und das Gesagte auch in seinem Kontext wahrzunehmen; Wir leben in einer derart hysterisch reaktiven Zeit, es kommt mir wie ein gedankliches Hecheln vor.

Ich lese oder höre oft Reaktionen auf Äußerungen eines anderen Menschen, die beinahe gar nichts mit dessen ursprünglicher Aussage zu tun haben. Man schreit dann nur mehr seine eigenen Projektionen heraus. Das vergiftet das gesellschaftliche Klima schon sehr. Ein Bemühen, den anderen wirklich zu erfassen- also dieses empathische Zuhören- halte ich für sehr wichtig; sonst sind wir überhaupt nicht mehr in der Lage zu einem klaren gesellschaftlichen Diskurs und zu klarsichtiger Differenzierungsfähigkeit. Und DAS ist dann tatsächlich eine Gefährdung in einer Demokratie. (wobei ich nicht der Ansicht bin, dass man sich- gerade jetzt- auf jede noch so absurde Diskussion einlassen sollte. Freundlich schweigen?)

Empathie äußert sich auch in Wohlwollen; ein altmodisches Wort, aber gut zu gebrauchen. Ich würde es mir vor allem für Politiker und Führungskräfte wünschen und es als zu Grunde liegende Motivation ihres Handelns ansehen.  (ich halluziniere nicht, bin immer noch bei der Beantwortung der Frage)

Empathie ist natürlich vor allem die Fähigkeit, sich in die Situation eines/r  Anderen hineinzuversetzen und die nächste Stufe ist dann Mitgefühl. Wenn wir die Verrohungstendenzen auf politischer und gesellschaftlicher und medialer Ebene nicht bald in den Griff kriegen, können wir uns meiner Meinung nach von unseren vielgeliebten europäischen Werten verabschieden. Denn dann gibt es dieses Europa nicht mehr. Also Empathie als wichtiger Kulturerhalt, würde ich sagen.

Auch hier, im Kleinen, auf unseren Strassen. Soll ja vorkommen, daß z.B. ein Mensch stolpert, ein Kind sich verlaufen hat…wenn dann alle Umstehenden oder -gehenden sich überhaupt nicht betroffen fühlen und keine/r seinem natürlichen Instinkt zu helfen folgt – dann frage ich mich schon. Echt jetzt?

Also ein sehr wesentlicher Ausdruck von Empathie ist auch die einfache, ganz simple Freundlichkeit.  Ein schönes Wort übrigens.

Freundlichkeit als Trend, das wär doch mal was..

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das ist ein optimistischer Ansatz und ich hoffe, es stimmt; dass die Gesellschaft einen Neubeginn erkennt und der einzelne Mensch einen Aufbruch. (und nicht einfach „nur“ eine Rückkehr zur alten Normalität)

Wesentlich wird dabei eine Art von Evaluierung sein, nehme ich an, eine persönliche und gesellschaftliche Reflexion.  Welche Werte und Gegebenheiten gehören unbedingt wiederhergestellt und bewahrt, weil sie unsere Gesellschaft ausmachen, aber welche Errungenschaften und positiven Impulse gab und gibt es auch in dieser Zeit? Was können wir uns an Erkenntnis und Entwicklungspotential mitnehmen?

Theater und Kunst sind immer Nahrungsmittel der Seele und Spiegel der Gesellschaft. Gerade jetzt erfüllen sie diese Funktionen umso mehr. Die Menschen haben ein Bedürfnis nach der unmittelbaren Erfahrung des Theaters an sich; das allein nährt schon. Natürlich kann und wird Kunst das kollektive Erleben verarbeiten, künstlerisch umsetzen und formal darauf reagieren. Sei es durch neu entstehende Projekte und Spielformen oder durch die Erkenntnis archetypischer menschlicher Erfahrung in klassischen Werken.

Mich interessieren Theater und Kunst mit einer Vision. Das bedeutet weder das Aussparen von Tragik noch von Komik, noch von Wahrheit- aber ich möchte die Menschen mit einem Gefühl von Inspiration aus einem Stück kommen sehen, mit einer Aussicht, einem Funken, einer Möglichkeit, die sie für sich selbst empfinden.  Aus dem Theater zu kriechen mit dem Gefühl- es ist eh alles sinnlos- what for? Ich glaube an das menschliche Bedürfnis, einander zu stärken. Theater und Kunst können das ohne Kitsch und auf vielen Ebenen bringen.

Was liest Du derzeit?

Mehreres gleichzeitig (mir fällt da natürlich ein, daß meine Eltern immer gesagt haben, dass man das nicht tun soll- „schlecht für die Aufmerksamkeit“. Angesichts der Info-Häppchen, die man sich heutzutage über social media reinzieht, eine fast rührende Erziehungsmaßnahme)

Den siebenten Band aus der Krimireihe „Flavia de Luce“ von Alan Bradley, ein Geschenk meiner Schwester.

Etwas eingerostet schmökere ich durch einen informativen französischen Ausstellungkatalog über Eileen Gray und Le Corbusier- aus beruflichen Gründen, aber auch aus privatem Interesse.

Eva Sternheim-Peters „Habe ich denn allein gejubelt?“ Eine Jugend im Nationalsozialismus. Ein Buch, das einen länger begleitet.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt immer Spielraum.         (Claus Ofczarek)

Vanessa Payer Kumar_Schauspielerin, Regisseurin, Autorin, Producer

Vielen Dank für das Interview liebe Vanessa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Vanessa Payer Kumar_Schauspielerin, Regisseurin, Autorin, Producer

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Fotos_Anna Stöcher; still – Fernsehinterview;

12.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Vielfalt als bereichernden Wert schätzen“ Roberta Cortese, Schauspielerin, Theatermacherin_Wien 11.10.2021

Liebe Roberta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Kaffee, Chanten, Spaziergang mit den Hunden, ein wenig Yoga, wieder Kaffee, dann kann die Arbeit beginnen: E-Mails erledigen, schreiben und planen, meistens am Computer – bis die Zeit reif ist, mit dem Geschaffenen auf die Bühne zu gehen. Und wenn abends kein Theater ist, gemütlich mit meinem Mann essen, bei einem Glas Wein und einem guten Film oder auch einer Fernsehserie. Man lernt immer noch etwas dazu.

Roberta Cortese 2020 _ Schauspielerin, Theatermacherin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Uns nicht zu verlieren und Dialog eine Chance zu geben. Hinhören, zuhören, immer versuchen, anderen mit Respekt und Mitgefühl gegenüberzustehen, auch wenn man anderer Meinung ist, damit keiner auf der Strecke bleibt. Und lernen, Einheit in der Vielfalt zu finden, Vielfalt als bereichernder Wert zu schätzen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Für mich sind Theater und Kunst immer schon ein kräftiges Mittel gewesen, vor allem soziale Dynamiken kritisch anzugehen, auch wenn man scheinbar von etwas anderem erzählt. Man soll verkrustete Denkweisen in eine neue Perspektive setzen, dann kann man sie mit neuen Augen betrachten.

Sex, Lügen und Odysseus_Szenenfoto _
Roberta Cortese in szenischer Lesung als Nausikaa, eine Sirene und Polyphem.
 

Was liest Du derzeit?

Auf meinem Nachtkästchen steht Homers Odyssee – die ich zum hundertsten Mal lese, aber diesmal in der englischen Übersetzung von Emily Wilson, ein Meisterwerk der Lyrik an sich. Gleichzeitig lese ich aber viele anderen Texten für meine aktuelle Recherche über Autorinnen, die eben die Odyssee neu erzählen: darunter viel Lyrik, aber auch Romane und Essay. Und ganz oben auf meiner Liste steht zurzeit natürlich Sex, Lügen und Odysseus der Britin Judith Kazantzis, ein poetic drama, das ich am 18.10. und 7.11. in der TheaterArche als szenische Lesung mit Musik präsentiere (Infos darüber hier).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In diesem Sinne, der allerletzte Satz aus dem Monolog die letzte odyssee von Miroslava Svolikova, den ich gerade das Glück habe, in der TheaterArche Produktion Odyssee 2021 zu sprechen: „der weg ist nie zu ende“. Also Ärmel hoch.

Vielen Dank für das Interview liebe Roberta, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Roberta Cortese – Schauspielerin und Theatermacherin

Fotos_Portrait_Larryy RR Williams; Produktion_Roberta Cortese.

4.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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