
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _
Udo Brückmann, Schriftsteller und Mentaltrainer
Lieber Udo, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann stellt für mich sowohl in der linearen Zeit ihres relativ kurzen, aber in allen Bereichen intensiven (Er-)Lebens als auch in ihren intensiven Werken einen Übergang dar, in welchem politisches Geschehen, gesellschaftliche Belange, Kunst und Kultur notwendigerweise in Frage gestellt werden, basierend auf den Schrecken und menschlichen Abgründen während der NS-Zeit in Europa, die ideologisch auch in die Nachkriegszeit hineinreicht. Macht beinhaltet Ohnmacht. Bachmanns Werk ist ein Weckruf, ein Aufbegehren gegen etablierte Strukturen; eine Aufforderung, alte Wahrnehmungen über Bord zu werfen.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Die Werke von Ingeborg Bachmann berühren mich in ihrer offenen Schonungslosigkeit, aber auch in ihrer hochsensiblen Verletzlichkeit. Ihr Schreiben ist oft eine Auseinandersetzung mit Themen, die über die normal erlebbare Realität hinausgehen, wie zum Beispiel die Traumwelt oder auch das Jenseits. Die Wechselwirkung, die dadurch entsteht, verleiht dem Werk Tiefe und ständig neue Perspektiven.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ihr erstes Hörspiel „Ein Geschäft mit Träumen“ (1952/53) fasziniert mich sowohl als Autor als auch als Mentaltrainer, der sich mit Themen wie „Bewusstsein“, „Dimensionen“, „Raumzeit“ und „Quantenphysik“ auseinandersetzt. Auch meine beginnende Arbeit als Schreibtherapeut ist davon berührt.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Die Gesellschaftskritik von Ingeborg Bachmann sehe ich im Hinblick auf das aktuelle Geschehen, das sich in Missbrauchsfällen auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen spiegelt, mehr als bestätigt. Gleichzeitig aber sehe ich im Bachmann’schen Sinne auch ein Überschreiten des Zenits, ein energetisches Sich-Auflösen alter, hierarchischer Machtstrukturen der patriarchalen Welt, zu der (energetisch betrachtet) sowohl männliche als auch weibliche „Führungspersönlichkeiten“ gehören. Alles, was jetzt aufgrund von Hochmut verbrennt, hinterlässt nicht einmal mehr Asche.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Wir lieben, indem wir als Grundlage das erkennen, was uns von Natur aus eigen ist: Das ist der freie Wille. Es geht nie um die vermeintliche endgültige Entscheidung, ob ich zur Rettung meiner Selbst „die blaue oder die rote Pille“ nehmen soll. Wenn wir wirklich lieben, sind wir wahre Schöpfer.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ganz so extrem würde ich es nicht betrachten, aber ansatzweise schon. Schreiben hat immer mit der persönlichen Existenz zu tun, mit der oftmals unbequemen Auseinandersetzung mit dem eigenen Inneren. Mit verborgenen Türen und völlig neuen Welten. Mich persönlich reizt das Abenteuer, das Erkunden unterschiedlichster Orte aus vorher nie gesehenen Farben und Formen, Klängen und Wesenszügen.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Absolut spannend finde ich ihre Zusammenarbeit mit dem Komponisten Hans Werner Henze, zu dessen Opern sie einige der Libretti verfasst hat.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte ihr gerne gesagt, dass sie geliebt wird.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ein weiteres Manuskript im Bereich der Phantastik ist abgeschlossen. Die Suche nach einem geeigneten Verlag läuft. Auch meine spirituellen Gedichte „Gedanken aus Licht“, die ich vor zwei Jahren in der Wiener Peterskirche vortragen durfte, werden 2026 ein Thema sein.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Das Libretto zu Hans Werner Henzes komischer Oper „Der junge Lord“ – basierend auf Wilhelm Hauff S „Der Affe als Mensch“ und 1965 uraufgeführt, zeigt auch die humorvolle Seite von Ingeborg Bachmann. Zitat:
„Oberjustizrat Hasentreffer – ärgerlich – während sein Schirm zusammenklappt und er vom Regen übergossen wird: Ich nehme kein Blatt vor den Mund, aber dieses ist ein Affront!“

„4. Februar 1992 – Sehr geehrter Herr Brückmann, mit Ihrem Brief haben Sie mir Freude gemacht. Seien Sie also herzlich bedankt. Für Ihre Zukunftspläne als Bühnenbildner viel Glück und Imagination. Beste Grüße, Hans Werner Henze“ _
Zum Brief _ die Fotografie eines Briefes von Hans Werner Henze aus dem Jahr 1992 an Udo Brückmann:
„Das war für mich eine Zeit, in der ich Bühnenbildner werden wollte; erste Erfahrungen mit dem Opernbetrieb konnte ich damals als Mitglied der Statisterie der Deutschen Oper Berlin sammeln, u.a. war dies die Zeit der Uraufführung von Henzes Oper „Das verratene Meer“ (1990) in der Regie von Prof. Götz Friedrich, der Kette rauchend und mit näselnder Stimme immer wieder neue Anweisungen gab. Auch Lucia Popp als „Arabella“ oder Karen Armstrong in „Die Sache Makropulos“ sind mir bis heute unvergessen.“ Udo Brückmann
Zur Person: https://www.udo-brueckmann.de/
Herzlichen Dank für das Interview!

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Fotos: Udo Brückmann/Portrait und Brief von Hans Werner Henze _ privat.
Walter Pobaschnig 22.2.26



































































