
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Eva Schörkhuber, Schriftstellerin
Liebe Eva, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Lieber Walter, Deine Fragen zu Ingeborg Bachmann erreichen mich in Rom, wo sie ja jahrelang gelebt hat und schließlich auch gestorben ist. Es freut mich, dass ich nun die Gelegenheit habe, hier, vor Ort, schreibend über sie nachzudenken.

Eva Schörkhuber, 1/26, weitere
„Gelernt habe ich etwas von den Italienern, das ist schwer zu erklären. Denn man
kann von ihnen etwas lernen, wenn man alles wegwirft, jede Vorstellung, die man sich vorher gemacht hat davon. Es sind nicht die Schönheiten, nicht die Orangenbäume und nicht die herrliche Architektur, sondern die Art zu leben. Ich habe hier leben gelernt.“
Ingeborg Bachmann im Interview mit der Wiener Journalistin Gerda Haller im Juni 1973 in Rom. „Ein Tag wird kommen“ Jung und Jung Verlag, 2004.

Ingeborg Bachmann zog im Frühjahr 1954 nach Rom und blieb hier bis zu ihrem Tod *17.10.1973. In zahlreichen Texten, Interviews nimmt sie auf „ihr erstgeborenes Land“ Bezug.
Das erstgeborene Land
In mein erstgeborenes Land, in den Süden
zog ich und fand, nackt und verarmt
und bis zum Gürtel im Meer,
Stadt und Kastell.
Vom Staub in den Schlaf getreten
lag ich im Licht,
….
Und als ich mich selber trank
und mein erstgeborenes Land
die Erdbeben wiegten,
war ich zum Schauen erwacht.
Da fiel mir Leben zu.
Da ist der Stein nicht tot.
Der Docht schnellt auf,
wenn ihn ein Blick entzündet.
aus „Anrufung des Goßen Bären“ Ingeborg Bachmann, 1956

Das Werk von Ingeborg Bachmann hat für mich insofern eine große Bedeutung, als sie und ihr Schreiben zu den allerersten Weggefährtinnen meines eigenen Schreibens zählen – ein sprachlicher Leuchtturm, an dem ich mich, schwankend und schaukelnd auf der aufgewühlten See der Worte, zu orientieren begonnen habe; das in diesem Werk immer wieder mutig und leidenschaftlich aufgenommene Unterfangen, das zu verhandeln, was Lesenden und Denkenden zugemutet werden muss, um tatsächlich Unzumutbares zu verhindern – das ist mir bis heute Vorbild und Fluchtpunkt.

Walter Pobaschnig 7/25, folgende

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Genau darin liegt für mich auch die Besonderheit von Ingeborg Bachmanns Schreiben: Die Schönheit ihrer Sprache verschließt sich nicht vor der Welt, vor einer Wirklichkeit, die sowohl ihre Gedichte als auch ihre Prosa heimsucht.
Der Einsatz von Rhythmen, die Mischungen sprachliche Farbtöne und schillernde Wortschöpfungen passieren in ihrem Schreiben nicht um ihrer selbst Willen, sondern als Akt der Annäherung, als Akt der Auseinandersetzung – nicht in einem sezierenden, brutalen und zersetzenden Sinn, sondern als Hin- und als Zuwendung an die Welt und Verstörungen.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Es fällt mir schwer, einzelne Werke hervorzuheben – ich würde lieber einen bestimmten sprachlichen, aber auch inhaltlichen Zug in ihren Texten hervorheben, und zwar den widerspenstigen, den häretischen: In ihren Rom-Texten hat sie sich auch dezidiert auf den auf dem Campo de’ Fiori verbrannten Häretiker Giordano Bruno bezogen – unter anderem wurde er dafür verurteilt, dass er daran festhielt, dass die Erde nicht der einzige, von Gott auserkorene Planet sei, auf dem Leben möglich ist, sondern dass um die Sterne, die „wie andere Sonnen“ sind, ebenfalls belebte Planeten kreisen könnten.

Diese Art, sich zentralisierenden, allumfassenden Paradigmen, die immer – und zwar wirklich immer – zu verheerender Gewalt führen, zu widersetzen, entdecke ich sowohl auf sprachlicher als auch auf thematischer Eben im gesamten Werk von Ingeborg Bachmann.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ingeborg Bachmann hat sich in dem leider unvollendet gebliebenen Todesarten-Zyklus, für den sie Malina als Ouvertüre verfasst hat und zu dem auch die Romanfragmente Der Fall Franza und Requiem für Fanny Goldmann zählen, mit, wie sie es nannte, „privatem Faschismus“ befasst: Dabei ging es darum, wie sich die verdrängten, zum allergrößten Teil nicht aufgearbeiteten faschistischen bzw. nationalsozialistischen Denk- und Handlungsweisen in den privaten Räumen fortsetzen und mit viel älteren patriarchalen Strukturen ‚kollaborieren‘.
Die Symptome dieser seit Jahrhunderten pandemischen „Krankheit“ treten heute wieder auf besonders offensichtliche Weise zutage: Sie greifen global um sich und setzen ein Vernichtungswerk fort, zu dem Kolonialismus und Genozide ebenso zählen wie struktureller und so genannter alltäglicher Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Ableismus, Klassismus etc.

Die argentinisch-brasilianische Anthropologin Rita Segato spricht von einem „toxischen Mandat der Männlichkeit“, das sowohl trans- als auch intergenerationell weitergegeben wird – ein (selbst)zerstörerischer Auftrag, das Andere (etwa in Form weiblicher, brauner und schwarzer Körper) einzuhegen und darüber unter Einsatz repressiver, gewaltvoller Mittel zu verfügen.
Diese zeitgenössische feministische Analyse mit Ingeborg Bachmanns literarischer Analyse zu verbinden, halte ich für sehr fruchtbar – und wesentlich, denn die konkreten Ausprägungen in all ihren Dimensionen zu verstehen ist ebenso wichtig für einen Kampf gegen diese „Krankheit“ wie die Kritik ihrer strukturellen Auswüchse.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich bin sehr vorsichtig gegenüber einer einfachen Verschränkung von Schreiben bzw. einer schriftstellerischen Existenz und „Martyrium“: Es stimmt, dass das Schreiben selbst eine Tätigkeit ist, die eine:r meistens alleine durchführt, aber sie speist sich unweigerlich aus sozialen Zusammenhängen und Erfahrungen und stellt auf ganz unterschiedliche Weisen soziale Beziehungen her.
Schreiben experimentiert immer mit unterschiedlichen Beziehungsweisen – zur Sprache, zu etwas oder jemand Anderem (zu anderen Lebewesen, zu Natur, Landschaften, Orten, Räumen usw.), in erzählerischen Formen auch zu Figuren.
Wenn das „Martyrium“ darin besteht, eine widerspenstige, ketzerische Haltung gegenüber einer allumfassenden, zentralisierende Gewalt einzunehmen und dafür mit Ausschluss, Ächtung, Exil oder Gefängnis bestraft zu werden, kann ich diesen Ausdruck bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen – er ist mir allerdings dann doch zu metaphysisch, das heißt allzu sehr an einem göttlichen Übermaß und an einem Jenseits orientiert, an das ich nicht glaube.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ingeborg Bachmanns Biografie wird bis heute oft als eine sehr tragische erzählt – die geniale Dichterin mit unglücklichen, komplizierten Männerbeziehungen, die schließlich alkohol- und medikamentensüchtig elend zugrunde geht bzw. „verbrennt“.
Ich würde sie sehr gerne fragen, wie sie sich die Erzählung ihres Lebens wünscht; was die hellen und heiteren Momente waren, die ausgelassenen, übermütigen.
Ich würde ihr gerne sagen, dass ich gemeinsam mit ihr die tragische Ikone der deutschsprachigen Dichtung von ihrem steinernen Sockel stoßen würde, um sie durch ein vielschichtigeres und auch lebendigeres Bild zu ersetzen.


Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich bin gerade dabei, ein Prosamanuskript abzuschließen und arbeite aktuell an einem Theaterstück über die Wiener Psychiatrie in den Jahren 1945 bis 1947: In diesen unmittelbaren Nachkriegsjahren sind die psychischen und physischen Beschädigungen und Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus sehr deutlich sichtbar – da sie, wie wir heute wissen, gesellschaftlich nicht bzw. viel zu wenig behandelt werden, wuchern sie weiter, münden in dem, was Ingeborg Bachmann eben den „privaten Faschismus“ nennt und setzen sich in den Köpfen und Körpern auch der nachfolgenden Generationen fest.
Herzlichen Dank für das Interview!

Fotos: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann, 1962.
Fotos: Rom, Eva Schörkhuber, 1/26.
Fotos: Eva Schörkhuber am Romanschauplatz „Malina“ (Ingeborg Bachmann, 1971) im dritten Wiener Gemeindebezirk, Walter Pobaschnig 7/25.
Walter Pobaschnig 31.1.26



























































































