„Diskurs passiert ganz oft über die künstlerische Arbeit, weil sie Fakten und Emotionen verbinden kann“ Christine Teichmann, Schriftstellerin, Graz 24.1.2021

Liebe Christine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Abgesehen davon, dass ich zu keinen Auftritten unterwegs bin, nicht viel anders als sonst. Ich verbringe viel zu viel Zeit mit Organisatorischem und komme dann oft gar nicht zu meiner „eigentlichen“ künstlerischen Arbeit. Die findet in erstaunlich kurzen „Anfällen“ statt, und rückblickend bin ich dann meist selbst ganz beeindruckt, in wie wenig Stunden dann zB ein neues Bühnenstück oder andere Texte entstehen. Was wahrscheinlich damit zu tun hat, dass ich die Ideen ständig mit mir herum trage und sie ohnehin Zeit zum Reifen brauchen. Möglichst täglich bin ich in der Natur unterwegs, wenn geht mit Schiern, aber da fehlt gerade ein Meter Schnee, um das von zu Hause aus gut machen zu können. Gar nicht wenig Zeit geht mit kulinarischer Versorgung der Familie, die großteils im Homeoffice ist, drauf, aber zum Glück bin ich nicht alleine zuständig, habe aber (siehe oben) die meiste frei einteilbare Zeit dafür. Ich bin in der luxuriösen Situation, ein eigenes Arbeitszimmer zu haben, was mir ungestörtes Schreiben ermöglicht. Das laute Proben von Bühnentexten untersage ich mir momentan, da warte ich, bis ich wieder Zeiten alleine zu Hause habe. Aber man kann mich beim Spazierengehen laut Texte vor mich hin sagend antreffen.

Christine Teichmann, Schnriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eine komplette Überarbeitung der gesellschaftlichen Struktur, besonders was die Verteilung von Arbeit und Vermögen betrifft. Und ein Besinnen auf was wir wirklich brauchen und wie wir das für möglichst alle bewerkstelligen können, ohne mehr Ressourcen zu verbrauchen als uns zustehen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich stelle immer wieder auch an mir selbst fest, dass man sich nicht einfach hinsetzen und über Dinge nachdenken kann. Für eine Auseinandersetzung mit den großen Themen braucht es Diskurs und der passiert ganz oft über die künstlerische Arbeit, weil sie Fakten und Emotionen verbinden kann und Einsichten in andere Realitäten als die eigene gewährt ohne zu belehren oder zu moralisieren.

Was liest Du derzeit?

Jetzt gerade Charles Dickens. Erstaunlich aktuell.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Einen Ausschnitt aus einer meiner Kabarettnummern:

Solange wir nichts für soziale Gerechtigkeit tun wollen, gehen uns die Argumente nicht aus, warum wir gegen die Umweltzerstörung nichts machen können.

Cjristine Teichmann, Schriftstellerin, Kabarettistin

Vielen Dank für das Interview liebe Christine, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Kabarettprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christine Teichmann, Schriftstellerin, Kabarettistin

Christine Teichmann

Foto_Porträt_Martin Schneider _ Kabarett_Kabarettfoto.

3.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Bereitschaft das zu ändern, was sich jetzt ändern lässt, ist notwendig“ Marie Blum, Performance- und Sprachkünstlerin_Wien 24.1.2021

Liebe Marie, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag ist anders – insofern ist eigentlich alles wie immer. Kunstwerke und Bücher sind von jeher enge Vertraute für mich, das hat sich auch in der Pandemie nicht geändert. Aber es gibt sehr viele Menschen, die ich vermisse. Als Künstlerin fehlen mir die Besuche in den Ateliers von Freund*innen und Kolleg*innen am meisten. Ein Atelier ist für mich der privateste Raum, den es gibt. Es ist als wäre man eingeladen durch die Seele eines Menschen zu spazieren. Neben allem, was mir fehlt, überwiegt aber die Dankbarkeit darüber, dass es meiner Familie und meinen Freund*innen im Großen und Ganzen gut geht.

Marie Blum_ Performance- und Sprachkünstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich persönlich versuche mich im Moment mit dem Naheliegenden vertraut zu machen: globale Solidarität. Das bedeutet auch darüber nachzudenken was man aufzugeben bereit ist. Ich habe sehr großen Respekt vor Menschen, die das besser können als ich. Ich hoffe, dass ich mir in der Kunst Räume öffnen kann, in der ich mich als solidarischen Teil einer globalen Gemeinschaft erlebe – auch wenn der Kunstbetrieb selbst strukturell sehr stark durch Konkurrenz geprägt ist.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir leben in einer ökonomistischen Gesellschaft, die uns ständig signalisiert, dass es keine Alternative zu dem gäbe, wie unser Zusammenleben heute funktioniert – nämlich global betrachtet zum Nachteil der meisten Menschen. Die Freiheit der Kunst lädt uns ein in ihr alles zu denken und manches zu tun, was außerhalb dieses Feldes immer schwieriger wird. Die Aufgabe von Künstler*innen besteht für mich darin, diese Freiheit zu nutzen um poetische Alternativen zu entwickeln und mit anderen zu teilen. Die Möglichkeiten der Kunst sind in mancherlei Hinsicht begrenzt. Aber sie hält uns beweglich.

Gleichzeitig darf über die Freiheit der Kunst die Freiheit der Künstler*innen nicht vergessen werden. So frei und wendig viele von uns in ihrem Werk sind, so unfrei sind sie in ihrem Leben. Die Arbeitsbedingungen sind für die meisten Künstler*innen so schlecht, dass sie ein hohes persönliches Risiko auf sich nehmen müssen, um ihre Arbeit machen zu können. Konkret bedeutet das für viele ein Leben unter der Armutsgefährdungsgrenze – die lag in Österreich im Jahr 2019 bei einem Monatseinkommen von 1286,0 Euro für einen 1-Personen-Haushalt. Ich kenne sehr viele Künstler*innen, die mit weit weniger leben müssen.

Alle, die in der Kunst und Kultur arbeiten, müssen sich überlegen, ob sie ihre Veranstaltungen weiter durch die strukturelle Ausbeutung von Künstler*innen finanzieren wollen oder ob Solidarität und Mut für andere Lösungen da sind. In der Bildenden Kunst würde das zum Beispiel bedeuten, dass Veranstalter*innen Ausstellungshonorare zahlen, obwohl das gesetzlich noch nicht vorgeschrieben ist. Es gibt auch in Österreich Veranstalter*innen, die das bereits freiwillig tun, zum Beispiel die Galerie 5020 in Salzburg. Natürlich muss überlegt werden, wie Veranstalter*innen dabei unterstützt werden können diese Transformation in Zeiten knapper Budgets zu schaffen – es braucht eine Lösung, die für alle machbar ist. Dieser Lösung muss aber der Konsens vorausgehen, dass die Situation so wie sie jetzt ist für alle Beteiligten nicht länger tragbar ist. Die Bereitschaft das zu ändern, was sich jetzt ändern lässt, ist notwendig. Das wäre für mich ein wichtiger Schritt, der zeigt, dass Kapitalismuskritik nicht nur ausgestellt, sondern auch gelebt wird.

Was liest du derzeit?

„Formen des Vergessens“ von Aleida Assman, „Dora Bruder“ von Patrick Modiano und „Roma und Sinti im Gau Tirol-Vorarlberg“ von Oliver Seifert.

Welches Zitat, welchen Textimpuls, möchtest du uns mitgeben?

„Das Kunstwerk ist die Umwandlung einer Erschütterung, die der Künstler weitergibt. Das Publikum verfügt darüber, doch Liebe ist nötig.“ Odilon Redon

Vielen Dank für das Interview liebe Marie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marie Blum, Performance-Sprachkünstlerin

Marie Blum – Kunst von Esther Strauß (estherstrauss.info)

Foto_©MArie Blum 2021

11.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Welt ist keine bessere, keine gerechtere, friedlichere geworden“ Erec Schumacher, Schriftsteller_Berlin 24.1.2021

Lieber Erec, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin mir gerade nicht sicher, ist es noch die zweite Welle oder bereits die dritte? Mein Alltag ist jedenfalls noch kleinteiliger geworden. Ständiges Abwägen zwischen Brotjobs, aktivistischem Engagement, Organisation von digitalen Lesereihen, eigenen Schreibprojekten – und all das mit Familienleben, mit zwei Kindern in Einklang zu bringen. Da reichen schon minimale Shifts, um an anderer Stelle Gegenwellen zu erzeugen. Freelancer*innentum ist per se fragil. Unter Pandemiebedingungen und mit geschlossenen Schulen verschärft sich der Spagat. Der Tagesablauf ist stark an den Bedürfnissen der Kinder ausgerichtet. Längeres konzentriertes Arbeiten tagsüber eher schwierig. Fragen der Zeitsouveränität müssen diffizil ausgehandelt werden, um zu einem fairen Ausgleich zu kommen. Das führt mitunter zu Reibereien unter uns Eltern, auch weil wir uns mehrmals in Quarantäne begeben mussten. Die neuen Routinen der Pandemie haben für mich immer noch was Surreales. Ich vermisse es, Menschen in jeder Situation ins Gesicht schauen zu können. Es fällt mir als Asthmatiker schwer, Maske zu tragen, sehe mich mental außerstande, einfach mal nichts zu tun, mich treiben zu lassen, ich vermisse die Möglichkeit, unbeschwert auszugehen, auf Lesungen zu sein, mich unter ein Publikum zu mischen, den Puls der Stadt zu spüren. Ansonsten versuche ich aus den Einschränkungen das Beste zu machen. Ich bin dankbar, dass wir nicht unter Existenzängsten leiden. Insbesondere meinen 9-jährigen Sohn binde ich in möglichst viele Aktivitäten ein, wie Yoga, Fitnessübungen, Haushalt, Lesen oder die Zubereitung von Mahlzeiten. Die Zeit abends ab halb 9 bis ungefähr 1 Uhr nachts ist für die eigene Arbeit reserviert und dann stecke ich auch am tiefsten im Schreib- und Arbeitsflow. Durch die Verdichtung vielleicht sogar intensiver als zuvor.  

Erec Schumacher, Schriftsteller, Veranstalter und Aktivist,

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Menschen kommen sehr unterschiedlich mit der Krise klar, sind unterschiedlich betroffen und vulnerabel. Als soziale Wesen sind wir aufeinander angewiesen. Das Mindeste was wir tun sollten, ist, Freundlichkeit, Empathie und Hilfsbereitschaft zu praktizieren. Sich in dieser Ausnahmesituation gegenseitig zu stressen, macht keinen Sinn. Viele stehen beruflich oder auch persönlich vor einem Scherbenhaufen, wissen nicht, wie es weitergeht, sind extrem dünnhäutig geworden, depressiv, innerlich verhärtet, vereinsamen. Viele kommen gerade so über die Runden, andere können das hingegen mehr oder weniger entspannt aussitzen – und nicht wenige profitieren sogar von der Krise. Ich würde mir eine gerechtere Verteilung der finanziellen und gesellschaftlichen Lasten wünschen. Der wieder verstärkt debattierte Einstieg in ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre ein wichtiger Schritt gewesen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Pandemie hat uns massive Veränderungsprozesse abgetrotzt. Es hat mich frappiert, auf was die Menschen zu verzichten bereit gewesen sind. Es gab schon viel Solidarität und spontane Hilfsbereitschaft. Aber wir sollten ehrlich sein. Die Welt ist keine bessere, keine gerechtere, friedlichere geworden. Wenn wir aber die Dringlichkeit, mit der uns die Pandemie ein verändertes Denken und Handeln zumindest temporär aufgezwungen hat, als Maßstab für andere nicht minder dringliche Belange annehmen, dann wäre viel gewonnen. Millionen Menschen sterben Jahr für Jahr an Unterernährung, leben in tiefster Armut, sind Opfer von Krieg und Gewalt, von Diskriminierung und Unterdrückung, sind auf der Flucht, leiden unter dem Klimawandel, usw. Als vegan lebender Mensch erschüttern mich neben dem großen Leid, das die Pandemie verursacht hat, die milliardenfachen Tötungsexzesse in den Fleischfabriken für eine tierische Ernährungsweise, für die es heutzutage keine Notwendigkeit mehr gibt. Dass man bereit war, aus Furcht vor einer Covid-Mutation Millionen Nerze zu töten, spricht Bände für unser fehlgeleitetes Verhältnis zur Natur und zu unseren Mitgeschöpfen. Die Klimakatastrophe wird immer augenfälliger, spürbarer. All das tangiert uns genauso wie die Pandemie – und noch viel mehr. Wir können die Welt verändern, wenn wir uns selbst verändern und unsere politischen Vertreter*innen dazu drängen, endlich eine gerechtere, nachhaltigere Politik umzusetzen. Die Pandemie hat uns gezeigt (und das ist das Positive), dass wir in der Lage sind, unsere Lebenseinstellungen zu ändern, unsere Verhaltensweisen, unsere Konsumgewohnheiten, dass wir uns ein stückweit frei machen können von dem Toxischen, dem wir täglich ausgesetzt sind. Kunst ist für mich im besten Fall immer auch eine soziale Praxis, Schweigen zu brechen, sich eine Stimme zu geben, Stimmen zu vereinen. Kunst ist der prägnanteste Nachweis, dass wir als denkende und (mit)fühlende Wesen existieren und über uns hinausdenken und -wachsen können. Eine Einfühlung in das Andere, scheinbar Undenkbare, Experimentierfeld des Utopischen, Alternativlosigkeiten zu hinterfragen, Widerständigkeit einzuüben, Befreiung von Konsum und Fesseln des eigenen Egos, Altruismus zu leben. Eine Schule des Sehens. Genau hinzusehen, zu sehen, was da ist, schon immer da war, das Wegsehen verlernen, das Filtern und – irgendwann hoffentlich auch wieder – das Masketragen.

Was liest Du derzeit?

Mein Leseverhalten ist notorisch chaotisch. Ich lese täglich bis zu zehn Bücher gleichzeitig, immer nur ein paar Seiten, selten mal ein Buch zu Ende. An „Unruhig bleiben“ von Donna Haraway bin ich etwas hartnäckiger dran. Chris Kraus, Leslie Jamison gehören zu meinen aktuellen Favorites, und als ständiger Begleiter vor allem das Shobogenzo.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

All you need is less (Nico Paech). Gerade für sogenannte Wohlstandsgesellschaften halte ich eine Auseinandersetzung mit Grundsätzen einer Postwachstumsökonomie für unabdingbar: wie wir sozial verträglich einen Ausstieg aus dem Wachstumsparadigma gesellschaftlich organisieren können, neue Formen solidarischen Wirtschaftens etablieren.

Vielen Dank für das Interview lieber Erec viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Erec Schumacher, Schriftsteller, Veranstalter und Aktivist

www.erecschumacher.com

Foto_privat

13.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Man geht zurück an den Ursprung, als seine Kunst noch einem selbst gehört hat“ Maja Loewe, Schriftstellerin_Lübeck 23.1.2021

Liebe Maja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich wach werde, checke ich erstmal die Coronazahlen, dann drehe ich mich meistens nochmal um, kuschle meinen Mann an. Ich komme gerade sehr schlecht aus dem Bett. Es fühlt sich an, als wäre ich in einem endlosen Sonntag gefangen, ein bisschen so wie in „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Die Kinder schlafen auch lange, um 11 sitzen wir dann endlich am Frühstückstisch. Es gibt frische Pfannkuchen, selbstgebackene Bretzeln, Smoothiekreationen, alles wofür im normalen Arbeitsalltag sonst keine Zeit bleibt. Dann arbeiten wir uns durch Berge von Hausaufgaben.

Im ersten Monat des Lockdowns in Deutschland, im November, hab ich meinen unvollendeten Roman aus der Schublade geholt, 200 Seiten. Überarbeitet habe ich bis Seite 97, dann hat mich die Motivation verlassen … Ich liebe Lyrik, bin keine Frau der langen Texte, viel zu akribisch, beiße mich andauernd fest und verbreite dann schlechte Laune. Daraufhin habe ich meine Farben und Bastelkram rausgeholt, bepinsele die Küche mit Wüstenmotiven, die Lampe habe ich mit Konservendosen umgestaltet, LED-Leisten verklebt … der Tisch steht noch aus.

Im Vorgarten wachsen seltsame Skulpturen, ich habe ein völlig übertriebenes Meerschweinchengehege aus alten Schränken gebaut. Nachdem meine Mutter nach ihrem letzten Besuch ganz geschockt war, habe ich mir eine neue Beschäftigung gesucht. Mein Mann ist Punkrocker, Eike Rustikal. Der kann ja momentan auch nicht Proben oder Konzerte geben. Wir haben uns Mikros bestellt, einen Laptop, Software und den Podcast „Punk & Poetry“ ins Leben gerufen. Die erste Folge ist schon auf Portalen wie Spotify, Google Podcast, Anchor etc. abrufbar. Jetzt stehen wir in Kontakt zu vielen Lyrikern und Bands, denen wir in den nächsten Folgen eine Plattform bieten. Die Berliner Künstlerin und Poetin Sabine Rahe aus Berlin ist in der nächsten Folge mit dabei  und die Gladbecker Punkband „Der Behörde“, eine Kombo aus Pfleger, Sozialpädagoge und Polizist. Wir erschaffen gerade unsere eigenen Arbeitsroutinen und unsere Kinder können unseren Podcast zum Einschlafen hören. Das bringt gleich etwas Licht ins Corona-Dunkel. Jetzt heißt es „Und täglich grüßt der Podcast“. Das ist doch was.

Maja Loewe, Schriftstellerin, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Situation in ihrer Ungewissheit akzeptieren, Ruhe bewahren. Ich hab am liebsten immer tausend Pläne, gerade wenn etwas wackelt, aber jetzt kann man eben nicht wie gewohnt planen. Da muss man Aushalten lernen. Wichtig ist, dass wir solidarisch bleiben, uns nicht gegenseitig zerhacken. Wir können gerade sehen, was Angst mit einer Gesellschaft macht. Die Menschen werden plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen, das ist eine Herausforderung. Jetzt können wir zeigen, dass wir aus Adorno gelernt haben, der konstatierte, dass Zivilisation jederzeit in Barbarei umschlagen kann. Wir müssen unsere Egos ausschalten und lernen, für das große Ganze zu denken.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das Interessante ist, dass man das Gefühl hat, Kultur würde verschwinden, ein Gefühl von Mangel. Aber es gibt keinen Mangel, nur das gewachsene System funktioniert nicht mehr. Auch hier werden die Künste auf sich selbst zurückgeworfen. Ich habe viel reflektiert in letzter Zeit. Nur weil ich keine Lesung machen kann, heißt das nicht, dass das Schreiben keinen Sinn mehr macht. Nur weil ich keine Ausstellungen geben kann, heißt es nicht, dass ich nicht mehr Malen kann. Nur weil es keine Konzerte gibt, verschwindet die Musik nicht. Man geht zurück an den Ursprung, als seine Kunst noch einem selbst gehört hat. Die Frage jetzt ist, wie kann ich meine Gabe gebrauchen, um meine kleine Welt im Hier und Jetzt zu bereichern. Verändert sich meine Kunst, wenn plötzlich kein Markt mehr da ist. Kunst wird ökonomisch entkoppelt. Das kann sie auch befreien. Das heißt nicht, dass ich die Existenzängste der Künstler wegwische. Aber kulturwissenschaftlich betrachtet, ist das ein spannender Prozess.

Was liest Du derzeit?

Das happinez-Magazin für meinen Seelenfrieden und ganz viele Gedichteinsendungen für den Podcast. Wenn es hier Leserinnen und Leser gibt, die Lyrik schreiben, sorgt gerne für meinen neuen Lesestoff unter punk_und_poetry@gmx.de. Mein Mann freut sich über Musikeinsendungen aus dem Punkbereich.

Hier könnt ihr in die erste Folge reinhören:

Anchor:

Spotify:

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Zeile „Am schwärzesten Fluß der Welt lernt man erkennen, welche Menschen leuchten“ von Else Lasker-Schüler begleitet mich sehr intensiv. Jetzt ist es an der Zeit zu leuchten – mit allem was wir haben.

Vielen Dank für das Interview liebe Maja, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Maja Loewe, Schriftstellerin, Künstlerin

Maja Loewe | Autorenwelt

18.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst ist der einzige Weg, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen“ Sondos Abdelmalak_ Künstlerin _Wien 23.1.2021

Liebe Sondos, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Sondos Abdelmalak, Künstlerin, Architektin

Mein Tagesablauf ist eine Balance zwischen meiner Rolle als Mutter von zwei kleinen Kindern und meiner Arbeit als Architektin und Künstlerin.

Am Ende des Alltags lese ich mindestens zwei Stunden, bevor ich schlafe.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist eine Zeit der Ungewissheit. Wir sind uns über nichts sicher. Wir wissen nicht, wie sich die Dinge ändern werden und wann all dieses Durcheinander enden wird. Für den Moment ist es für uns alle wichtig, gesund zu bleiben und an das Ende zu glauben Tunnel ist sehr bald .. um diese Situation auszunutzen, um die Reise in Richtung uns selbst zu machen, da wir nicht in der Lage sind zu reisen, um andere wie in normalen Tagen zu treffen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Kunst ist unter allen Umständen wichtig und das Bedürfnis wird dringender und notwendiger, besonders in schwierigen Zeiten wie jener, in der wir jetzt leben. Wir können nicht einmal daran denken, einen Lockdown-Tag zu verbringen, ohne Musik zu hören, einen Film zu sehen oder zu malen. Kunst hilft uns, unsere Sorgen und Ängste auszudrücken, ihnen vielleicht auf schöne Weise zu begegnen. Sie macht unser Leben weniger monoton. Ich denke, wir müssen uns immer allen Arten von Künsten aussetzen. Es ist der einzige Weg, diese Welt zu einem besseren Ort zum Leben zu machen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese “Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares”, Fernando Pessoa.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“Zwischen Schlaf und Traum, Zwischen mir und was in mir ist Und was ich vermute zu sein, Fließt ein unendlicher Fluss.“ Fernando Pessoa

Vielen Dank für das Interview liebe Sondos, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sondos Abdelmalak, Künstlerin, Architektin

Sondos Abdelmalak Art

Foto_Ferass El-Thalji

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Vor einem Aufbruch stehe ich permanent, seit ich mich für das Künstlerinnen-Dasein entschieden habe“ Barbara Deißenberger, Schriftstellerin_Wien 23.1.2021

Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich schreibe nach wie vor vormittags, nur dass jetzt währenddessen mein 12jähriges Kind zu Hause distance-learning hat. In diesem Alter versteht er aber schon, dass er mich nur in Ausnahmefällen unterbrechen darf.  Die erste Pause mache ich immer, wenn ich die Kaninchen im Außengehege versorgen gehe. Dann arbeite ich weiter bis zum Mittagessenkochen. Auch das ist gleich geblieben, weil mein Kind immer nachmittags von der Schule heimkommt. Am Nachmittag kümmere ich mich um Kind, Haushalt und bereite gegebenenfalls Volkshochschulkurse bzw. Literaturworkshops vor, die ich ein- bis zweimal in der Woche gebe. Wann immer möglich, schaue ich, dass ich nachmittags auch zu ein wenig Bewegung im Freien komme.

Barbara Deißenberger, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Angstfrei leben, ausreichend Bewegung, vor allem, wenn man Kopf- und Schreibtischarbeit macht und Aktivitäten an der frischen Luft, möglichst in der Natur, um dem Gefühl der Beschränkung und Einengung des Aktionsradius im Außen etwas entgegen zu setzen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst sind immer Möglichkeitsspielräume. Insofern erweitern sie im Idealfall – wenn man sich darauf einlässt –  den geistigen und seelischen Aktionsradius. In der Kunst kann man ausprobieren und ausloten, sowohl auf der produktiven als auch auf der rezeptiven Seite. Genaueres vermag ich nicht zu sagen. Wie Aufbruch und Neubeginn für Künstlerinnen und Künstler, die mit ihrer Kunst bis jetzt Geld verdienen konnten, aussieht, ist doch eine höchst individuelle Sache, wo sich meine idealistischen Sprüche aufhören. 

Ich persönlich stehe vor keinem Neubeginn. Vor einem Aufbruch stehe ich permanent, seit ich mich für das Künstlerinnen-Dasein entschieden habe. Mir fehlt zum Beispiel noch Pensionsversicherungszeit. Ich bin fünfzig und habe bis jetzt noch nicht genug Versicherungsjahre, um überhaupt Anspruch auf Pension zu haben. – Meine Schuld, weil ich unbedingt schreiben und dazu noch für mein Kind da sein wollte und will. In der Volkshochschule und auch im DaF-Bereich, wo ich tätig war, verdiene ich zu wenig, um mich versichern zu können. Damit bleibt nur mehr die Mitversicherung beim Mann – ein Hoch auf das 21. Jahrhundert …

Was liest Du derzeit?

Marjana Gaponenko „Das letzte Rennen“, Paul Auer „Fallen“ und Peter Handke „Immer noch Sturm“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich hatte nichts und doch genug: Den Drang nach Wahrheit und die Lust am Trug.“ (Goethe, Faust)

Das ist für mich immer noch die schönste Metapher für Dichtung und Kunst überhaupt: Der Wahrheit will man mit ihr wohl auf den Grund gehen, sie erkennen und ihr eine erkennbare Form geben. Das alles aber mit den Mitteln von Mimesis, Nachahmung, Vorspiegelung, Verfremdung, Ver- und Vorstellung, kurzum: mit Spiel, womit wir auch bei Schiller angelangt wären: „Der Mensch (…) ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen) 

Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Barbara Deißenberger, Schriftstellerin

Foto_Peter Kos

11.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir werden versuchen müssen, uns wieder einander zu nähern und gemeinsame Nenner zu finden“ Florian Gantner, Schriftsteller_Wien 22.1.2021

Lieber Florian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe ein Kind, das derzeit viel Aufmerksamkeit benötigt. Ich mache Dinge, die ich seit langem nicht mehr getan habe: Ich fahre Mario Kart (zuletzt in Studien/WG-Zeiten), spiele Brettspiele (das letzte Mal in meiner Kindheit), spiele Fußball im Käfig (was ich zuvor nur einmal getan habe, besoffen um 4 Uhr morgens).

Florian Gantner, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das ist schon eine sehr weite Frage (bzw. fühle ich mich unwohl, wenn ich für „uns alle“ sprechen soll). Ein paar Schlagworte könnte ich aber doch anführen: Kritisch sein/bleiben/werden. Die Zeit nutzen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Egal, ob man auf Gesellschaftspolitik oder Wirtschaft blickt, momentan scheint jede*r durch seine/ihre Privatrealität zu taumeln. Wir werden versuchen müssen, uns wieder einander zu nähern und gemeinsame Nenner zu finden. Kunst hilft dabei, indem sie Sichtweisen gegenüber stellt, Möglichkeiten formuliert. Kunst/Literatur sollte sich darum breitschultrig aufstellen: Sie nimmt eine wichtige Rolle ein – und wird dies auch weiterhin tun.

Was liest Du derzeit?

Ich bin auf den letzten Seiten von Juan S. Guses „Miami Punk“ und Verena Stauffers „Ousia“, daneben liegen bereit: „Triceratops“ von Stephan Roiss, „Radicalized“ von Cory Doctorow und „Paper Girls“ von Vaughan/Chiang

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat aus Juan S. Guses „Miami Punk“, als Textimpuls unkommentiert: „Und im Umland lassen sie munter leere Züge ihre Runden drehen, mit angekleideten Strohpuppen drin, um den Eindruck zu erwecken, das Leben gehe weiter, man müsse sich vor nichts verstecken, alles werde in Ordnung sein.“

Vielen Dank für das Interview lieber Florian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Florian Gantner, Schriftsteller

Home – Florian Gantner

Foto_Markus Zahradnik

7.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Bücher wirken Wunder“ Andrea Wolfmayr, Schriftstellerin_ Gleisdorf/Stm. 22.1.2021

Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Kaum anders als sonst. Ein langer Morgen, den ich zelebriere, mit Lesen, Gymnastik, Tarot und Schreiben bis in den Nachmittag. Zwischendurch Hausarbeit, Kochen, Spaziergänge mit meiner Tochter. Abends Schreiben, Fernsehen, Facebooken, Häkeln, Patiencen legen, Nachdenken. Was sich verändert hat zum Guten: weniger Unterbrechungen. Zum Schlechten: zerbröselnde Sicherheiten. Aber vielleicht gehört auch das zum Guten.

Andrea Wolfmayr, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was TUN, irgendwas, das einem Freude macht, neben dem, was man beruflich oder familiär machen muss. Aushalten. Durchbeißen. Bewusst das erleben, was sich jetzt neu anfühlt, was einen vielleicht auch plagt und ärgert. Es annehmen und nicht verneinen, gar hassen. Die Nerven nicht verlieren. Geduld üben. Kleinräumiger, zugleich größer und weiter denken. Struktur in den Alltag bringen – und Kultur, Kunst, so viel wie möglich Farbe, Bilder, Musik. Mit lieben Menschen sein, wann immer es möglich ist. Genießen, Spüren, Achtung und Aufmerksamkeit für Kleinigkeiten, Details.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Botschaft verstehen, die uns von der Natur vermittelt wird. Wir SIND Natur, aber das haben wir vergessen oder verdrängt. Wir sind Sklaven der Zeit, Handlanger der Wirtschaft und des Profits geworden, ratlos Konsumsüchtige, nervös und ängstlich.

Wir müssen uns von diesen Abhängigkeiten befreien, mit viel Geduld und Hoffnung. Und dem Glauben daran, dass wir es schaffen können. Wir müssen dem Geist wieder Raum geben, die Seele fliegen lassen. Lesen hilft. Bücher wirken Wunder.

Was liest Du derzeit?

Ilka Piepgras (Hg.) Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben, Piper Verlag

Barbara Stollberg-Rilinger: Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit, C.H.Beck

Catherine Gray: Vom unerwarteten Vergnügen, nüchtern zu sein. Frei und glücklich – ein Leben ohne Alkohol, mvg verlag

Und ich lese gerade meine eigenen Provinzromane (Weiße Mischung, Roter Spritzer, Ausnüchterung, Rückfall) noch einmal, da ich an einem fünften Teil arbeite und mein Personenapparat inzwischen ziemlich umfangreich geworden ist …

Wolfmayr, Andrea – Edition Keiper

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein indianisches Sprichwort, das mich schon lebenslang begleitet:

Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Andrea Wolfmayr, Schriftstellerin

3.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es braucht eine Ästhetik des radikal Guten, der Berührung und von Sinn.“ Nina-Alexandra-Kupczyk- Regisseurin, Berlin 21.1.2021

Liebe Nina Alexandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, Mails beantworten beim Kaffee, Tagesnachrichten checken, Telefonate, Erledigung von Büroarbeiten, Literatur für Promotion lesen, recherchieren, an den Stückaufträgen arbeiten, Musik oder Repertoire hören, einkaufen mit Spaziergang oder Sport, kochen und neue Filme entdecken. Nachdenken und reflektieren.

Nina-Alexandra-Kupczyk- Regisseurin_Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Neue Perspektiven und Haltungen entwickeln auf Grundlage unserer kulturgeschichtlichen Evolution wie Aufklärung und Aufarbeitung unserer nationalsozialistischen Vergangenheit. Nachdenken über die Frage nach dem Menschenbild. Neuordnung von sozialer Gerechtigkeit und Frage nach Solidarität.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Wesentlich ist das Nachdenken über eine Orientierung an welchen Werten. Was wollen und brauchen wir jetzt als Gesellschaft, wo liegt unser Unbehagen, und was sind unsere Utopien.

Bedenklich derzeit: Selbst während der zwei Weltkriege waren die Theater, Konzert-, Opern- und Operettenhäuser geöffnet. Jetzt wurden als erste Intuitionen die Theater gezwungen, trotz Hygienekonzepte zu schließen. Es geht derzeit dabei natürlich um Umsatzeinbußen und Berufsverbot, aber es geht auch um die Schließung und damit Wegfall eines Ortes, an dem kollektive Katharsis und Entlastung und Symbolisierung als gemeinschaftliches Live-Erleben von Unbewusstem und Bewusstem stattfindet.

Was das derzeitige Ausweichen auf rein digitale Formate mit uns machen wird, lässt sich für mich noch nicht absehen.

Kunst und Theater haben die Aufgabe, ein Nachdenken über die Orientierung zur guten Gestalt zu dynamisieren. Die Zeit der Beliebigkeit mancher Performances mit Statisten, die Flüchtlinge spielen, nachgeahmter Psychosen und abgerissener Plastik-Köpfe als Gesellschaftskritik ist vorbei.

Es braucht eine Ästhetik des radikal Guten, der Berührung und von Sinn.

Was liest Du derzeit?

Der Prozess Adolf Eichmann vor Gericht.

Geschichte der Psychiatrie: Krankheitslehren, Irrwege, Behandlungsformen

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Theaterschaffende
Wir sind Gefühls- und Erlebens-Spezialisten,

wir zeigen These und Antithese der Arten des Seins/Variation und Utopie.

Die Synthese maßen wir uns nicht an, denn wir wissen nicht,

was richtig und falsch ist.

Wir sind Dienende im Prozess in Greifbares, bauen Gefäße für das Erleben,

das sich in Symbolen zeigen kann,

denn ein Symbol kommt aus der Tiefe der Seele und ist Klang,

der Wirkung erzeugt,

und die Wirkung lässt sich nicht messen,

sie bleibt dem Zuschauer überlassen.

Das ist Freiheit.

Es braucht kein Ich, nur Charakter.
(Nina Kupczyk)

Vielen Dank für das Interview liebe Nina Alexandra, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Nina-Alexandra-Kupczyk, Regisseurin_Schriftstellerin

Nina Kupczyk I Regie und Text

Foto_Max van der Rose

30.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Stehen wir vor einem Aufbruch? Ich fürchte, es wird eher sowas wie der Neustart nach einem Computerabsturz“ Markus Liske, Schriftsteller, Berlin 21.1.2021

Lieber Markus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit dem ersten Shutdown im letzten Frühjahr bin ich viel häufiger draußen als früher. Morgens – meist gegen sieben Uhr – schleppe ich mich 30 bis 40 Minuten lang ungekämmt und mit noch halbgeschlossenen Augen durch den Theodor-Wolff-Park gegenüber. Gegen Mittag lungere ich dann eine Stunde auf dem kleinen Sandplatz zwischen den Wohnblöcken herum, wobei ich hin und wieder gegen ein halbzerfetztes Etwas trete, das irgendwann mal ein Ball war. Um 16 Uhr beschließen meine Frau und ich unseren Arbeitstag mit einem bis zu zweistündigen Kiezspaziergang. Und um 23 Uhr gibt es noch eine kurze Kontrollrunde – meist am Jüdischen Museum vorbei.

Diese neue Leidenschaft für das, was man in Berlin frische Luft nennt, ist jedoch nur eine scheinbare und hat auch nur indirekt mit der Corona-Pandemie zu tun. Der Shutdown und die damit einhergehenden Absagen unserer geplanten Lesetouren hatten mir einfach mein stärkstes Argument gegen die von meiner Frau seit Jahren gewünschte Anschaffung eines Hundewelpen geraubt. Also leben wir jetzt seit April zu dritt und somit nach gängiger Auffassung auch viel gesünder als früher. Wobei ich mir allerdings kürzlich beim Fußballspielen mit unserem Frodo das Knie so böse verdreht habe, dass ich jetzt erst mal zu diversen Arztterminen humpeln muss.

Ansonsten hat sich nicht viel verändert. Als Schriftsteller hockt man ja eh den Großteil des Tages vorm Laptop und trinkt am Abend gern mal ein Glas zu viel. Zugegeben, bei letzterem vermisse ich zuweilen die Kneipenrunden mit Freunden und Kollegen. Andererseits gibt es in unserer Hausbar besseren Whisky, und dank Zoom, Jitsi oder Skype muss man auf feuchtfröhlichen Austausch mit anderen ja nicht völlig verzichten. Ein ziemlich privilegiertes Leben also, im Vergleich zu Leuten, die tagtäglich ihre Gesundheit riskieren müssen, weil sie in der Pflege oder im Verkauf arbeiten, oder zu denen, die in ihrer beruflichen Existenz ernsthaft bedroht sind. Bei uns geht es sich – toi, toi, toi – bislang ganz gut aus.  

Markus Liske, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten, solidarisch sein und nicht an der Blödheit und Ignoranz der Mitmenschen verzweifeln. Letzteres fällt mir manchmal schwer. Und das meine ich nicht in erster Linie in Bezug auf diese 10 bis 15 Prozent esoterisch entgrenzter Vollspacken, verschwörungsgläubiger Wutbürger und Nazis, die in den letzten Monaten die Schlagzeilen bestimmt haben. Es sind die Anderen, die mich wütend machen. Diejenigen zum Beispiel, die sich zwar in Umfragen zur Sinnhaftigkeit der Pandemiemaßnahmen bekennen, im privaten Rahmen aber jedes Regelschlupfloch ausnutzen und sich dabei noch gewitzt vorkommen. Oder die, die die aktuelle Lage zu verantworten haben: Ministerpräsidenten, Gesundheits- und Bildungsminister, die selbst in einer solchen Krise nur an die eigene Karriere denken, deshalb entweder ihren Job grob vernachlässigen oder gar sehenden Auges (und gegen jeden wissenschaftlichen Rat) katastrophale Fehlentscheidungen treffen. Und wenn ich dann noch sehe, dass das Komplettversagen dieser Leute ihnen tatsächlich wachsende Zustimmungsraten einbringt, dann ist meine Wut schon mal kurz davor, in Verzweiflung zu kippen. Zum Glück ist mein früh erlernter Kulturpessimismus schon vor vielen Jahren einer gepflegten Kulturdepression gewichen. Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden. 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ist das so? Stehen wir vor einem Aufbruch? Ich fürchte, es wird eher sowas wie der Neustart nach einem Computerabsturz. Die letzten Dateiänderungen sind vielleicht verloren, aber die Oberfläche sieht aus wie immer und alle Programme laufen wie gehabt. Sicher werden viele vertraute Gastronomiebetriebe und privat finanzierte Kulturorte die Krise nicht überleben. Weil es aber großen Bedarf nach Kultur und Unterhaltung geben wird, werden zweifellos bald neue Läden entstehen. Eventuell geht damit auch ein Generationswechsel einher. Die ausbezahlten Hilfsgelder indes wird die Regierung in den kommenden Jahren wieder eintreiben wollen, indem Kultursubventionen gekürzt, Investitionen in Bildung oder Infrastruktur gestrichen und Sozialleistungen weiter beschnitten werden. Nach dieser neoliberalen Doktrin agieren unsere politischen Vertreter schon seit Jahrzehnten, und ich habe bislang nichts gehört oder gelesen, was mich daran zweifeln ließe, dass es genauso weitergehen wird.

Auch sonst werden alle das tun, was sie bisher taten. Schriftsteller werden Bücher schreiben, Maler malen und Musiker musizieren. Einen echten Aufbruch könnte es nur geben, wenn die Menschen aus der Erfahrung dieser Krise heraus die politischen und ökonomischen Grundlagen unserer Gesellschaft ernsthaft in Frage stellen würden. Danach sieht es derzeit jedoch nicht aus.

Die Kunst kann und muss das Bewusstsein wachhalten, dass dies nicht die beste aller möglichen Welten ist. Sie muss Menschlichkeit und Solidarität gegen scheinbare ökonomische Sachzwänge verteidigen und utopische Räume öffnen. Das wird sie auch weiterhin tun. Aber wen erreicht sie damit? Die von ihrem entfremdeten Verbraucherdasein in partiellen Irrsinn getriebenen Menschen, die gerade wieder trotz Shutdown in die Skigebiete strömen? Die sich unter Freiheit nichts anderes mehr vorstellen können als ungehemmten Konsum und Entertainment? Ich fürchte, nein. Aber kulturelle Entwicklung hat noch nie linear funktioniert. Kunst ist ein Saatgut, das oft sehr lange braucht, um zu keimen, und niemand kann sagen, welche Früchte am Ende daraus wachsen.

Was liest Du derzeit?

Gerade lese ich „Die letzte Blüte Roms“ von Peter Heather. Römische Geschichte ist ein Steckenpferd von mir, und die hier beleuchtete spätantike Phase ist besonders faszinierend in Hinblick auf gesellschaftliche Transformationsprozesse. Danach nehme ich mir Katharina Rutschkys „Der Stadthund. Von Menschen an Leinen“ vor. Vielleicht finde ich darin Tipps, wie sich Sportverletzungen beim Spiel mit unserem Hund künftig vermeiden lassen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wer den Glauben an die Zukunft der Freiheit hat, wird ihn sich durch die Einwendungen der handfest praktischen Gegenwart nicht rauben lassen.“ (Erich Mühsam)

Vielen Dank für das Interview lieber Markus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Markus Liske Schriftsteller

www.markusliske.de

Foto_Christoph Voy

3.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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