„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Lorena Pircher, Schriftstellerin,Übersetzerin, Dolmetscherin _ Wien
Zur Person/über mich:Lorena Pircher wurde 1994 in Südtirol, Italien, geboren. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften, Englisch und Französisch in Wien und Frankreich. Veröffentlichung zweier Gedichtbände sowie mehrerer Erzählungen und Gedichte in Literaturzeitschriften und Anthologien. Sie übersetzt und dolmetscht aus dem Italienischen, Spanischen und Französischen ins Deutsche. Für ihre Werke erhielt sie Stipendien und wurde mehrmals ausgezeichnet.
Im Interview _ Lorena Pircher, Schriftstellerin,Übersetzerin, Dolmetscherin _ Wien
Liebe Lorena, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Meine ersten Lektüren beliefen sich auf Ingeborg Bachmanns Frankfurter Poetikvorlesungen, die ich ausgesprochen faszinierend finde, deren Erkenntnisse mich stets aufs Neue überwältigen. Auch Die gestundete Zeit, Das dreißigste Jahr und Malina, Texte, die ich immer wieder lese, treffen mich tief in ihrer emotionalen Radikalität, in ihrer Weitsichtigkeit, mit ihrem gesellschaftskritischen Blick, dem Sezieren patriarchaler Strukturen. Es existiert eine solche poetische, essayistische, literarische Dichte in Ingeborg Bachmanns umfassendem Werk, dem ich mich über die Jahre erst sukzessive angenähert habe und von dem es für mich noch so viel zu lesen, erneut zu lesen, versuchen zu verstehen gibt.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Für mich liegt das Besondere von Ingeborg Bachmanns Schreiben in der Feinfühligkeit, mit der sie Sprache abwiegt, ihrer Nuanciertheit, dass in ihren Sätzen unterschwellig eine zweite Bedeutung mitgetragen wird. Für mich ergibt sich eine Spannung in ihrer sprachlichen Präzision und dem Wissen, dass die Sprache beschädigt ist, und in der Art und Weise, wie sie poetische Überschreitungen im Schreiben gestaltet. Ihre Motivik, Verflechtungen von semantisch leicht verschobenen Wiederholungen, die Vielschichtigkeit und gleichzeitig karge Schönheit ihrer Sprache, all das berührt mich.
Möchtest du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Neben all ihren lyrischen Werken und poetologischen Entwürfen, die mich unaufhörlich beschäftigen, möchte ich gerne Malina und Undine geht hervorheben, da diese beiden Werke für mich nicht nur Sprache aufbrechen, sondern und insbesondere auch Rollenbilder, gesellschaftliche Zuschreibungen sprengen, die Frage nach der Möglichkeit eines anderen Lebens ausloten und patriarchale Gewalt in verschiedenen Formen aufzeigen. Wie Bachmann-Expertinnen wie Sigrid Weigel und Monika Albrecht unterstreichen, durchzieht Bachmanns Werk eine kompromisslose Analyse von Machtverhältnissen, eine präzise Untersuchung und Dekonstruktion derselben, eine Diagnose struktureller Gewalt und Entfremdung. Diese Aspekte werden meiner Meinung nach in Malina und Undine geht besonders sichtbar; die beharrliche Weigerung, gewisse Konstrukte für alternativlos zu erachten und die Bedeutsamkeit diesen entgegenzutreten.
Was hättest du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte ihr so gerne zugehört, sie lesen, ihre Werke vortragen gehört. Und mich so gerne bei ihr bedankt, für ihr Schaffen, dafür, welche Inspiration und literarische Begleitung sie so vielen Autor:innen ist.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich arbeite derzeit an einem neuen lyrischen Band, der einige narrative Langgedichte vereint, die im Laufe des letzten Jahres entstanden sind. Außerdem arbeite ich kontinuierlich an Übersetzungen aus dem Italienischen für verschiedene Projekte und dolmetsche viel aus dem Italienischen, Französischen und Spanischen ins Deutsche.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
»Alles ist eine Frage der Sprache.«
Aus der Erzählung Alles, in: Das dreißigste Jahr
Herzlichen Dank für das Interview!
Danke Dir, lieber Walter!
Lorena Pircher, Schriftstellerin,Übersetzerin, Dolmetscherin _ Wien
Zur Person/über mich: Lorena Pircher wurde 1994 in Südtirol, Italien, geboren. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften, Englisch und Französisch in Wien und Frankreich. Veröffentlichung zweier Gedichtbände sowie mehrerer Erzählungen und Gedichte in Literaturzeitschriften und Anthologien. Sie übersetzt und dolmetscht aus dem Italienischen, Spanischen und Französischen ins Deutsche. Für ihre Werke erhielt sie Stipendien und wurde mehrmals ausgezeichnet.
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Lorena Pircher _ Projekt „Undine geht“ 8/25 _ Walter Pobaschnig
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Ingeborg Bachmann auf der Terrasse in ihrer Wohnung in der Bocca de Leone _ Rom, um 1970
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Lisai Luftvogel, Schriftstellerin _ Ferrara/I
Liebe Lisei, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Bei mir in der Schule in den 80ern in Westdeutschland war Ingeborg Bachmann leider kein Thema, auch nicht später in der Universität in Perugia. Ich glaube, gerade in der Schulzeit wäre es für mich persönlich spannender gewesen als zum Beispiel die Konfrontation mit Brecht, wieder ein Mann. Daher ist mein Zugang kein akademischer, sondern eher ein persönlicher und vielleicht auch ein historischer. Ich befasse mich derzeit mit den Lebensbedingungen meiner Familie vor, während und kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Besonders schwer hatten es die Frauen. Mich erschreckt die Vorstellung, wie furchtbar es gewesen sein muss, sich als intellektuelle Frau in der Nachkriegszeit zu behaupten. In Ingeborg Bachmanns Texten spürt man die dunkle, einengende Atmosphäre einer Gesellschaft, die noch von zutiefst patriarchalen Strukturen geprägt war. Sie war eine mutige Wortkämpferin, die gegen diese männlichen Widerstände an-schreiben musste. Ihre Worte machen mich betroffen, aber auch ziemlich wütend, vor allem, wenn ich mir heute vorstelle, selbst in solchen Verhältnissen leben zu müssen.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Für Ingeborg Bachmann war Schreiben existenzieller Einsatz und zugleich Aufbegehren gegen das Schweigen. Sie war der Ansicht, dass der Faschismus 1945 nicht einfach vorbei war, dass er in den Köpfen der Menschen und den Beziehungen weiterlebte. Deshalb glaubte sie auch, dass es notwendig war, eine neue Sprache zu finden. Was ihr Schreiben für mich besonders macht, ist die radikale Verknüpfung von poetischer Schönheit und existenzieller Schärfe.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Unter Mördern und Irren. Die für mich damalige gruselige Männerwelt kommt besonders an der Beschreibung des Stammtischs zum Vorschein: „…wenn sie abends beieinander sind, trinken und reden und meinen. Wenn sie zwecklos reden, sind sie auf ihrer eigenen Spur, wenn sie meinen und ihre Meinungen mit dem Rauch aus Pfeifen, Zigaretten und Zigarren aufsteigen und wenn die Welt Rauch und Wahn wird …“ Nach außen hin waren sie kultiviert, die Professoren, Verleger und Beamten, doch hinter der Fassade versteckten sich die alten Täter und Mitläufer des NS-Regimes und ihre Frauen saßen eingesperrt zu Hause, mit ihren weiblichen Aufgaben: Kinder und Herd, vielleicht auch noch Kirche. „Keiner mochte daran denken, dass ihre Frauen jetzt zu Hause die Betten aufschlugen und sich zur Ruhe begaben, weil sie mit der Nacht nichts anzufangen wussten. (…) Mit den Gefühlen des Opfers lagen die Frauen da, mit aufgerissenen Augen in der Dunkelheit, voll Verzweiflung und Bosheit.“
Auch Das dreißigste Jahr, in der jemand aufweckt und begreift, dass seine Jugend vorbei ist und er in den Zwängen der Gesellschaft feststeckt, hat mich zur Reflexion angeregt:
„Ich wollte, ich könnte all denen, die an ihre einzigartigen Köpfe und die harte Währung ihrer Gedanken glauben, zurufen: seid guten Glaubens! Aber sie sind außer Kurs gesetzt, die Münzen, mit denen ihr klimpert, ihr wisst es nur noch nicht. Zieht sie aus dem Verkehr mitsamt den abgebildeten Totenköpfen und Adlern. (…) Gebt zu, dass ihr nur ein von den Alten möbliertes Land bewohnt, dass eure Ansichten nur gemietet sind, gepachtet die Bilder eurer Welt.“
Ich finde, dieser Abschnitt ist heute noch aktuell. Wer sind wir, woher stammen unsere Gedanken und Gewissheiten? Sind wir nicht bloß ein Konstrukt unserer eigenen Geschichte und der unserer Vorfahren? Abstand nehmen, das hat auch Ingeborg Bachmann versucht, als sie ihren Lebensmittelpunkt nach Rom verlegte. Aber funktionierte es? Teilweise sicher. Ich spreche aus eigener Erfahrung.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte zuerst meine Solidarität ausgedrückt und ihr gesagt, dass ich es unerhört finde, wie man sie behandelt hat, als Dichterfräulein. Dass ich noch heute bei dem Wort Fräulein oder Signorina an die Decke gehe. Zum Glück sagt das jetzt niemand mehr zu mir, mit allem, was es beinhaltet. Die Inszenierung Ingeborg Bachmanns als scheue, zarte und schutzlose junge Frau finde ich zutiefst abstoßend. Würde ein Mann so beschrieben werden? Sicher nicht. Bei einem Mann zählt weniger das Aussehen als der Geist, noch heute. Was bei Denkerinnen und Dichterinnen genauso sein sollte. Als Fräulein wollte auch Ingeborg Bachmann nicht gesehen werden, sondern als Schriftsteller, ohne den weiblichen Anhang, sie wollte für ihre Arbeit wahrgenommen werden, ohne dass ihr Geschlecht thematisiert wurde.
In ihrem Roman Malina ging Ingeborg Bachmann sogar so weit, dass das weibliche Ich am Ende des Buches verschwindet und nur das männliche Ich (Malina) übrigbleibt.
Ich hätte sie gefragt, wie sich gefühlt hat unter all den intellektuellen Männern, die sich so aufbauschten und redeten und meinten, und hätte sie gebeten, mir unverblümt von ihren Erfahrungen zu erzählen. Leider ist sie ja viel zu früh gestorben.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich habe einen Roman über eine junge Künstlerin geschrieben, die nach Perugia auswandert und dort in einer fremden und verwirrenden Alternativwelt landet, in der die Menschen auf kreative Weise leben und überleben. Der Roman spielt Anfang der Neunziger und handelt von Fremdheit, Kunst und Wahnsinn – im Hintergrund der zerfallende Ostblock und die europäische Wendezeit. Im Roman benutze ich bewusst unübersetzte italienische Dialogpassagen, die die Fremdheitserfahrungen unmittelbar in die Sprache hineintragen.
Jetzt bin ich gerade auf Verlagssuche.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Vielleicht einfach nur der letzte Satz aus Malina: „Es war Mord.“
Johanna Wagmeier, Kabarettistin und Autorin _ Graz
Liebe Johanna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der hat sich Mitte September radikal geändert. Die ganze Familie muss jetzt in die Schule, wir stehen also früh auf, damit wir rechtzeitig fertig sind. Dann fahre ich mit dem E-Bike in die Schule und unterrichte. Am Nachmittag beschäftigen sich unsere Kinder sehr viel selbst, deshalb hab ich meist ein bisschen Zeit, um alles zu erledigen, was sonst so liegenbleibt. Außerdem muss ich ca. eine Stunde für die Irrigation einplanen – ich mache mir einen Einlauf mit warmem Wasser um meinen verbliebenden Dickdarm zu leeren, damit ich die übrige Zeit im Idealfall kontinent bin. Abends bringen mein Mann und ich die Kinder abwechselnd ins Bett und haben dann noch Zeit zum Lesen oder um einen Film zu schauen.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Seit meiner Krebserkrankung bin ich der Meinung, dass für uns alle Gesundheit das Wichtigste im Leben ist. Davor konnte ich das nicht nachvollziehen, weil Gesundheit für mich selbstverständlich war. Aber wenn sie fehlt, dann versteht man erst die Wichtigkeit. Abgesehen davon finde ich es wichtig, in jeder Situation das Beste aus dem eigenen Leben zu machen – und zwar sowohl für sich als auch für andere. Für mich ist das Schreiben und auf der Bühne stehen daher eine Synergie: Es ist für mich ein wunderbares Erlebnis und ich kann andere zum Lachen und zur Koloskopie bringen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Mein persönlicher Aufbruch war meine Krebsdiagnose, das war der Startpunkt einer langen Reise. Mir war rasch klar, dass ich diese Reise nicht alleine schaffen werde, daher habe ich begonnen, über meine Krankheit zu reden und zu scherzen – um viele andere „ins Boot zu holen“.
Gesellschaftlich ist mein Eindruck, dass die Entwicklung für viele auch in diese Richtung geht. Es wird heute zum Glück mehr über Krankheiten, Tabuthemen und Unperfektes gesprochen. In meiner Kindheit war es noch so, dass es sehr viele Normen gab, denen man entsprechen musste und wie man zu funktionieren hatte. Ich habe heute in vielen Bereichen das Gefühl, das Ziel ist, jeder soll das Beste aus sich machen können und zwar auf seine eigene Art. Es wird zum Glück verstärkt Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse genommen und Unterschiede werden oft als Bereicherung gesehen. Ich hoffe, dass sich diese Sichtweise durchsetzt und die Menschen erkennen, dass es viele verschiedene Wege gibt, um eine gute und wertvolle Person zu sein.
Was liest Du derzeit?
Die „That’s life in dystopia“ Trilogie von Johanna Grillmayer. Außerdem die Deutschmatura des Herbsttermins 2026.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wenn man nur einmal lebt, sollte man vielleicht so sehr Mensch sein, wie es möglich ist.
Ich wurde 1987 in Linz geboren und wuchs in Oberösterreich auf. Nach der Matura 2005 am BG/BRG Auhof folgte das Lehramtsstudium Deutsch und Chemie an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Anschließend arbeitete ich erst zwei Jahre an einer ländlichen Mittelschule dann an einem Grazer Gymnasium. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Im Herbst 2022 wurde bei mir ein Rektumkarzinom diagnostiziert. Während der Behandlungen entdeckte ich mein Talent dafür, schwierige Situationen mit Humor zu meistern und hatte mein Debüt als Kabarettistin beim Grazer Kleinkunstvogel. Mir ist es wichtig, offen mit meiner Krankheit umzugehen und ich habe festgestellt, dass dies nicht nur von meinem Umfeld, sondern auch in der Öffentlichkeit gut aufgenommen wurde. Inzwischen bin ich in der onkologischen Nachsorge. Drei Jahre, ein Buch und ein Soloprogramm später hat sich im Grunde nichts geändert: Ich bin immer noch der Meinung, Krebs ist eine zu ernste Diagnose, um sie nicht mit Humor zu nehmen. Daher plädiere ich weiter für Offenheit im Umgang mit Schicksalsschlägen und zaubere meinem Publikum ein Lachen ins Gesicht, egal wie ernst das Thema ist.
Zuletzt erschien mein Buch „Donauschwabe und Mostschädel. Die Geschichte meines Großvaters“ ebenfalls im Verlag am Rande. Es handelt von meinem Großvater der als Sechsjähriger im Zweiten Weltkrieg im Zuge der Aussiedelung der Donauschwaben von Kroatien nach Österreich kam.
„Mein Leben war das ganz normale Alltagschaos einer berufstätigen Mutter von zwei Kleinkindern. Ich war 35 Jahre alt, als ich unerwartet die Diagnose Darmkrebs erhielt, die alles veränderte.
Schnell wurde mir klar: „Über den Scheiß sollte mal jemand reden.“ Im folgenden Jahr durchlief ich mehrere Behandlungen, die mein Leben in vielerlei Hinsicht auf den Kopf stellten. Dabei erlebte ich viele absurde Momente, in denen mir nicht klar war, ob ich besser lachen oder weinen sollte. Ich entschied mich (meist) für das Lachen.
Dies ist ein Buch über Krebs – und trotzdem ein lustiges Buch. Und es geht gut aus, versprochen.“
Johanna Wagmeier, Kabarettistin und Autorin _ Graz
Zur Person/über mich: Johanna Wagmeier
Ich wurde 1987 in Linz geboren und wuchs in Oberösterreich auf. Nach der Matura 2005 am BG/BRG Auhof folgte das Lehramtsstudium Deutsch und Chemie an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Anschließend arbeitete ich erst zwei Jahre an einer ländlichen Mittelschule dann an einem Grazer Gymnasium. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Im Herbst 2022 wurde bei mir ein Rektumkarzinom diagnostiziert. Während der Behandlungen entdeckte ich mein Talent dafür, schwierige Situationen mit Humor zu meistern und hatte mein Debüt als Kabarettistin beim Grazer Kleinkunstvogel. Mir ist es wichtig, offen mit meiner Krankheit umzugehen und ich habe festgestellt, dass dies nicht nur von meinem Umfeld, sondern auch in der Öffentlichkeit gut aufgenommen wurde. Inzwischen bin ich in der onkologischen Nachsorge. Drei Jahre, ein Buch und ein Soloprogramm später hat sich im Grunde nichts geändert: Ich bin immer noch der Meinung, Krebs ist eine zu ernste Diagnose, um sie nicht mit Humor zu nehmen. Daher plädiere ich weiter für Offenheit im Umgang mit Schicksalsschlägen und zaubere meinem Publikum ein Lachen ins Gesicht, egal wie ernst das Thema ist.
Zuletzt erschien mein Buch „Donauschwabe und Mostschädel. Die Geschichte meines Großvaters“ ebenfalls im Verlag am Rande. Es handelt von meinem Großvater der als Sechsjähriger im Zweiten Weltkrieg im Zuge der Aussiedelung der Donauschwaben von Kroatien nach Österreich kam.
„Mein Leben war das ganz normale Alltagschaos einer berufstätigen Mutter von zwei Kleinkindern. Ich war 35 Jahre alt, als ich unerwartet die Diagnose Darmkrebs erhielt, die alles veränderte.
Schnell wurde mir klar: „Über den Scheiß sollte mal jemand reden.“ Im folgenden Jahr durchlief ich mehrere Behandlungen, die mein Leben in vielerlei Hinsicht auf den Kopf stellten. Dabei erlebte ich viele absurde Momente, in denen mir nicht klar war, ob ich besser lachen oder weinen sollte. Ich entschied mich (meist) für das Lachen.
Dies ist ein Buch über Krebs – und trotzdem ein lustiges Buch. Und es geht gut aus, versprochen.“
And never looking back at the chaos left behind. It took me a while to see:
Caring is not a synonym for hurting.
Hope is not supposed to follow
„Abandon all“.
Now, I have stopped praying. But
Caring? Oh, I will care. Until the bitter
End.
Lilith Noah, 25.9.2026
Lilith Noah, Schriftstellerin
Zur Person/über mich: Maria Rohnefeld ist Lyrikerin und Künstlerin, sie schreibt und veröffentlicht unter dem Pseudonym Lilith Noah. Ihr erster Lyrikband „receipts“ wurde 2021 veröffentlicht, ihre Gedichte erschienen unter anderem in „Der Standard“ und waren Teil von Ausstellungen in Wien und Basel. 2024 erhielt sie das Startstipendium Literatur für ihr Projekt „die angst, dass alles anders wird die angst, dass alles so bleibt wie es ist“ – erschien 2026 im Czernin-Verlag und ist ihr deutschsprachiges Debüt.
Lilith Noah
die angst, dass alles anders wird | die angst, dass alles bleibt, wie es ist
Gedichte _
Czernin Verlag
ISBN: 978-3-7076-0913-4
Seiten: 80
Ausstattung: Softcover mit offenem Rücken und Fadenheftung Format: 12,5 x 19 cm
Preis Buch: Euro 20,00
»die angst, dass alles anders wird, ist unvermeidlich wie der sonnenaufgang oder kebabflecken auf der frisch gewaschenen bettwäsche«, notiert das lyrische Ich von Lilith Noah.
In ihren Gedichten, die auf Instagram mehr als 90.000 Menschen erreichen, gibt sie dem Lebensgefühl der Generation Z Ausdruck und schafft eine starke emotionale Nähe zu ihren Leser*innen, die sie mit Slogans wie »build your own poem« miteinander ins Gespräch bringt und zu Kompliz*innen ihrer Kunst erklärt.
Zu entdecken ist eine Autorin mit großer Sprachlust und einem unverwechselbaren Sound, die ein neues Publikum für Lyrik begeistert und zugleich einen überraschenden Blick auf die Zumutungen und Zukunftsängste unserer Gegenwart eröffnet.
Liebe Lilith Noah, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich stehe viel zu früh auf, vergesse zu frühstücken und radle in die Arbeit. Esse dort vor lauter Hunger eine Packung Kekse und mache am frühen Nachmittag Feierabend. Dann setze ich mich irgendwann an den Laptop und versuche zu schreiben, mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg. Am Abend dann mit Liebesg’schichten und Heiratssachen oder anderen leicht verdaulichen Dingen ins Bett. Dazwischen manchmal ein bisschen Kultur und eine Prise Sport und ein gigantischer Stapel Bücher.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Eine riesige Menge an Empathie. Ein kleines bisschen Optimismus. Auch mal Zeit zum Weinen nehmen. Kebap mit extra scharfer Sauce bestellen. Sich selbst für Fehler vergeben (die Flecken, die man damit macht).
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Kunst und Literatur dürfen experimentieren, von der Norm abweichen, sollen Existenzberechtigung haben, ohne sich ständig beweisen zu müssen. Und was für die Kunst und Literatur gilt, sollte auch für Menschen gelten.
Was liest Du derzeit?
Ich bin gerade fertig geworden mit „Fiasko“ von Tony Tulathimutte – eine Sammlung an Kurzgeschichten, eine schockierender und sonderbarer als die andere, aber trotzdem habe ich diese einzigartigen Erzählungen geradezu verschlungen. Außerdem lese ich „Famesick“, die Memoiren von Lena Dunham, und als nächstes „Die Dichterin“, ein Roman von Özge Inan.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Einen Auszug aus einem Gedichtband namens „Bright Dead Things“ von Ada
Limón, das Gedicht heißt „Miracle Fish“:
(…)There was a sign and it said, This earth is blessed. Do not play in it. But I
swear I will play on this blessed earth until I die. (…)
Vielen Dank!
Lilith Noah, Schriftstellerin
Zur Person/über mich: Maria Rohnefeld ist Lyrikerin und Künstlerin, sie schreibt und veröffentlicht unter dem Pseudonym Lilith Noah. Ihr erster Lyrikband „receipts“ wurde 2021 veröffentlicht, ihre Gedichte erschienen unter anderem in „Der Standard“ und waren Teil von Ausstellungen in Wien und Basel. 2024 erhielt sie das Startstipendium Literatur für ihr Projekt „die angst, dass alles anders wird die angst, dass alles so bleibt wie es ist“ – erschien 2026 im Czernin-Verlag und ist ihr deutschsprachiges Debüt.
Lilith Noah
die angst, dass alles anders wird | die angst, dass alles bleibt, wie es ist
Gedichte _
Czernin Verlag
ISBN: 978-3-7076-0913-4
Seiten: 80
Ausstattung: Softcover mit offenem Rücken und Fadenheftung Format: 12,5 x 19 cm
Preis Buch: Euro 20,00
»die angst, dass alles anders wird, ist unvermeidlich wie der sonnenaufgang oder kebabflecken auf der frisch gewaschenen bettwäsche«, notiert das lyrische Ich von Lilith Noah.
In ihren Gedichten, die auf Instagram mehr als 90.000 Menschen erreichen, gibt sie dem Lebensgefühl der Generation Z Ausdruck und schafft eine starke emotionale Nähe zu ihren Leser*innen, die sie mit Slogans wie »build your own poem« miteinander ins Gespräch bringt und zu Kompliz*innen ihrer Kunst erklärt.
Zu entdecken ist eine Autorin mit großer Sprachlust und einem unverwechselbaren Sound, die ein neues Publikum für Lyrik begeistert und zugleich einen überraschenden Blick auf die Zumutungen und Zukunftsängste unserer Gegenwart eröffnet.
Helmut Qualtinger als „Herr Karl“, Kleines Theater im Konzerthaus, 1962
40. Todestag Helmut Qualtinger
Helmut Gustav Friedrich Qualtinger * 8. Oktober 1928 in Wien +29. September 1986 ebenda _ Kabarettist, Schauspieler, Schriftsteller.
Literatur outdoors
Im Interview _ Georg Biron _Schriftsteller, Reporter, Drehbuchautor, Schauspieler, Regisseur und Fernsehproduzent _ Wien.
Lieber Georg, welche Gedanken bewegen Dich zum 40.Todestag von Helmut Qualtinger?
Ich habe es schon oft gesagt: Ich bin kein Experte, ich war nie ein Freund von Helmut Qualtinger, sondern immer ein Bewunderer. Wir waren immer per Sie, nie per Du. Zu seinem ersten Todestag plante der Verlag Kremayr & Scheriau ein Buch mit Fotos aus den Archiven von Franz Hubmann und Barbara Pflaum als Würdigung herauszubringen. Prof. Ulrich Schulenburg vom Sessler Verlag hat mich als Autor empfohlen, und als ich im Frühjahr 1987 den Auftrag erhielt, gemeinsam mit Qualtingers Freund Michael Kehlmann den Text zu verfassen, war ich mehr als glücklich.
Mir wurde es in den folgenden Jahren ein großes Bedürfnis, in der Öffentlichkeit auf Qualtingers viel zu wenig beachtete Bedeutung als politischer Schriftsteller hinzuweisen, und so habe ich immer wieder entsprechende Texte von ihm vorgetragen oder bei Lesungen – u. a. mit den Schauspielern Karl Merkatz, Karlheinz Hackl, Erwin Steinhauer, Robert Reinagl und Hanno Pöschl – mitgewirkt.
Unglaublich, dass er jetzt schon seit 40 Jahren tot ist.
Gab es persönliche Begegnungen?
Persönlich kennengelernt habe ich ihn Mitte der 1970er Jahre, als ich als junger Reporter die „Alpensaga“-Dreharbeiten in Oberösterreich besuchte. Später sind wir einander oft im Club Gutruf, im Kaffee Alt Wien, in der Wunderbar und im Restaurant Oswald & Kalb begegnet. Er erzählte mir wunderbare Geschichten, zum Beispiel über eine adelige russische Häuslfrau im Jugendstil-Klo am Wiener Graben – und ich wusste oft nicht, ob die Berichte seiner Fantasie entsprangen oder nicht.
Was macht für Dich den so vielseitigen Künstler Helmut Qualtinger aus? Welche Projekte möchtest Du hervorheben?
1961 sorgte er mit dem Fernseh-Monolog „Der Herr Karl“, den er mit Carl Merz verfasst hatte, für Begeisterungs- und Entrüstungsstürme und wurde zum Star.
In den folgenden Jahren veröffentlichte er mehr als ein Dutzend Bücher und spielte auf vielen Theaterbühnen in Österreich und Deutschland in Stücken von Ödön von Horváth, Frank Wedekind, Fjodor Dostojewski, Heinrich von Kleist, Ferdinand Raimund oder Johann Nestroy.
Legendär sind seine Solo-Lesungen: z. B. „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus und Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Qualtingers faszinierende Solo-Lesungen wurden zu einem Fixpunkt seiner einzigartigen Karriere.
Ist seine Paraderolle, der „Herr Karl“, auch heute noch der typische homo austriacus?
Das war er nie. „Jeder einzelne Satz ist irgendwann einmal von irgendwem in Wien gesprochen oder gedacht worden“ – davon war Helmut überzeugt. „Aber den Herrn Karl gibt es überall. In Italien könnte er Carlo heißen. Zuerst war er überzeugter Monarchist, danach sehr von Mussolinis berühmter Rede auf der Piazza Venezia beeindruckt. Heute ist er ein glühender Verteidiger der Republik. Und in Frankreich war Monsieru Charles wechselweise für Clemenceau, Poincaré, Léon Blum, Laval, Pétain – und de Gaulle. Die Wahrheit ist leider, dass sich kleine Leute nicht viel Zivilcourage leisten können…“
Merz empfand für diese Figur wegen des trostlosen, weggeworfenen Lebens so etwas wie Mitleid. Helmut war anderer Ansicht: „Alles, was er wollte, waren Sicherheit und ein verhältnismäßig komfortables Leben. Und eine Hetz. Er bekam, was er wollte. Nicht mehr, nicht weniger.“
Darauf Merz: „Glücklicherweise ist dieser Typ eine aussterbende Gattung…“
„Aber überhaupt nicht“, ereiferte sich Qualtinger. „Ich kann dir sofort einen 25-jährigen Herrn Karl vorspielen!“ Im nächsten Moment hielt er einen kurzen Stehgreifmonolog und verjüngte sich scheinbar um Jahre: ein Karli. Merz musste ihm leider recht geben. In manchen Punkten duldete Helmut Qualtinger keinen Widerspruch.
Wie hätte denn Helmut Qualtinger auf die gegenwärtigen politischen Entwicklungen in nah und fern künstlerisch reagiert?
Das Tagesgeschehen interessierte ihn schon am Ende seines Lebens nur wenig, ihn interessierte der Mensch. Der Bürger. Den Kleinbürger gab es damals nicht mehr. Es hatte sich mittlerweile eine andere Schicht entwickelt … Und das war der Konsumbürger. Diesen neuen Typ wollte er zeigen. „Politik ist für den gar nicht mehr interessant“, sagte er. „Wir sind mit Teams, mit Massenmenschen, mit einer Apparatewelt konfrontiert. Das Grauenhafte des Alltags, darum geht es mir.“
Wie hast Du den privaten Helmut Qualtinger erlebt?
Helmut Qualtinger sprach ungern über Privates. In solchen Fällen verbarg er sein Gesicht hinter den feingliedrigen Händen und hielt sich die Augen zu. Manche Kinder glauben, sich auf diese Weise verstecken zu können – als würde man von den anderen nicht gesehen werden, wenn man selbst sie nicht sieht. Im Grunde, so glaubte ich, sei er immer ein Kind geblieben. Ein altes, einsames, depressives, verletzliches und nach innen gekehrtes Kind. Das war vielleicht auch einer der Gründe, die ihn so sorglos mit seinem Körper umgehen ließen. Vielleicht wollte er unbewusst das Kind in sich befreien, indem er seinen massigen Körper zerstörte, der ihm im Weg stand.
Von Freunden immer wieder ermahnt, mit Alkohol doch nicht dermaßen exzessiven Raubbau an seinem Körper zu betreiben, entgegnete er: „Mein Körper ist mir wurscht!“ Das Private war ihm ein Tabu, bei dessen Verletzung er leise durch die schützen wollenden Hände sagte: „Hört doch damit auf. Das ist doch peinlich! Diese persönlichen Sachen … Wen soll denn das interessieren?“
Was kann, muss Kunst und Gesellschaft von Helmut Qualtinger in die Gegenwart mitnehmen?
Helmut sah ein, dass seine Absichten, die Menschen zum politischen Handeln zu bringen, gründlich gescheitert waren. Dennoch blieb er ein Mensch mit Haltung, mit gesellschaftspolitischen Überzeugungen. Qualtingers spirituelle Batterie war der Antifaschismus, der sein ganzes künstlerisches wie privates Leben bestimmte. Er biederte sich nirgends an, er war unbestechlich – all das machte ihn aus. So etwas ist selten geworden …
Vielen Dank!
Georg Biron _ Schriftsteller, Reporter, Drehbuchautor, Schauspieler, Regisseur und Kulturproduzent.
Zur Person:Georg Biron
Der Wiener Schriftsteller, Reporter und Drehbuchautor – Jahrgang 1958 – hat u. a. für „Playboy“, „Die Zeit“, „Frankfurter Rundschau“, „Wiener“, „Krone“, „Kurier“ und ORF gearbeitet. Er hat unzählige Kulturprojekte realisiert (z. B.: „Qualtinger lebt!“, „Die Janis Joplin-Story“) und Preise (u. a. Theodor-Körner-Preis für Literatur) sowie diverse Literaturstipendien erhalten.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.