
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Kerstin Hensel, Schriftstellerin _ Berlin
Liebe Kerstin, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Die ersten Bachmann-Gedichte las ich 1980. Da war ich 19. In der DDR gab es zu dieser Zeit nur spärliche Veröffentlichungen ihrer Werke. Für den Zirkel subversiver Literaten und Künstler, die mir damals die Augen öffneten, war Ingeborg Bachmann eine enorme Stimme, die das uns verordnete optimistische Welt- und Selbstverständnis gnadenlos zu den Utopien legte. Sie geriet für uns zur Ikone, zum Mythos und war gleichsam eine von unerfüllbaren Träumen überwältigte und überwältigende Realistin.
Was macht das Besondere von Bachmanns Schreibens aus?
Das abgründig Poetische, die Tiefe ihre Suchbewegungen, das Existentielle, Trotzige, Kritische, Atemberaubende, Sinnliche, Visionäre.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Die Gedichte. Die Erzählungen.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Dito.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Nach wie vor lieben wir die „unheilbar kranken Männer“. Immer wieder. Mit den gleichen Fragen/Klagen an uns selbst. Immer weiter. Immer anders.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Keiner, dem das Schreiben eine ernste Leidenschaft ist, tut das aus tiefster Lebenszufriedenheit. Ich, die an keinen Gott, doch an die Wirksamkeit der Kunst glaubt, ziehe harte Arbeit, gepaart mit Lust/Erkenntnis dem Martyrium vor.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Dass sie „Dunkles sagt“, um dem Leser Hellsicht zu ermöglichen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Nichts. Die Antworten auf Fragen, die ich habe, stehen in ihren Texten.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Einen Roman schreiben, in dem die Abbruchkanten der Gesellschaft und der Liebe aufscheinen. Im Hintergrund wird die Ostsee rauschen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Kein Sterbenswort, ihr Worte!“
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person: Kerstin Hensel – Schriftstellerin – Autorin – Biographie
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Kerstin Hensel _ Renate von Mangoldt
Walter Pobaschnig, 4.5.26
































































































