Leander Fischer, Bachmannpreisnominierter 2019 (dritter von links)
Im Interview _ Leander Fischer, Schriftsteller _ Wien
Bachmannpreisnominierter 2019
Deutschlandfunkpreis
Leander Fischer, Schriftsteller _ Station bei Malina _ Romanschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 5/19, folgende
Lieber Leander, Du hast 2019 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Ich erinnere mich daran, mit Freunden, Familie und neuen Bekanntschaften im Garten des Landesstudios zu schwitzen, bei heißem Wetter den anderen Lesenden zuzuschauen und zuzuhören, natürlich auch der Jury, und mich regelmäßig mit Sonnenmilch einzucremen.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Als besonders habe ich auch in den Jahren, in denen ich den Bachmannpreis von zu Hause aus verfolgt habe, empfunden, dass man Autorinnen und Autoren entdecken kann, wie groß das Spektrum heutzutage geschriebener Prosa ist, und wie unterschiedlich auf Literatur geblickt wird. Live dabei zu sein war nochmal anders, da ich erleben durfte, wie schnell während des Bewerbs eine Gemeinschaft literaturbegeisterter Menschen entsteht.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Ich war sehr konzentriert, erst auf die Buchstaben des Textes vor mir und ihre Artikulation, dann auf die Stimmen der Jury und ihre Einschätzungen. Folglich habe ich von meinem Auftritt gar nicht so viel mitgekriegt.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Ich würde mir wenn überhaupt etwas dann ein anderes Jurymodell wünschen, das weniger über bleiben und ausscheiden und mehr über einen Pool einander jährlich oder zweijährig abwechselnder Kritikerinnen und Kritiker funktioniert in etwa nach dem Modell des Schweizer Literaturclubs. Das würde die Kombinationsmöglichkeiten unterschiedlicher Stimmen mit unterschiedlichen Blickwinkeln vervielfachen.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Wenig Blutdurst, viel Neugier
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Leander Fischer, Schriftsteller _ Station bei Malina _ Romanschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 5/19,
Zur Person: Leander Fischer, geb. 1992 in Vöcklabruck / Österreich, absolvierte ein Studium des Kreativen Schreibens und des Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Er veröffentlichte mehrfach in Zeitschriften und war Mitherausgeber der Jahresanthologie der Studierenden des Studienganges Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim (2018). 2019 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Preis teil und wurde dort mit dem Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet. 2020 gewann er für seinen Debütroman »Die Forelle« den Österreichischen Buchpreis für das beste Debüt.
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Foto: Leander Fischer _ Leander Fischer, Schriftsteller _ Station bei Malina _ Romanschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 5/19.
Kerstin Hensel, Schriftstellerin _ Bachmannpreisnominierte 1989 _ damals aus Berlin-Ost/DDR
Im Interview _ Kerstin Hensel, Schriftstellerin _ Berlin
Liebe Kerstin, Du hast 1989 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?
Ich war im Juni 1989 nach Klagenfurt geladen. Es war meine erste Reise ins „kapitalistische Ausland“, die mir von DDR-Seiten aus gestattet wurde. Keine drei Monate später sollte die Mauer fallen. Dass diese Reise ins Ingeborg-Bachmann-Land ging, war ein Glück für mich und nicht unwichtiger als der Preis-Wettbewerb selbst.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Für mich: das Neue, das Andere. Der über allem schwebende „Geist“ der verehrten Namensgeberin. Die Stadt. Die Landschaft. Menschen, die ich dort getroffen habe, mit denen ich heute noch befreundet bin. Widersprüche, die sich als produktiv erwiesen. Kluge Geselligkeit. Landübergreifendes. Das war, wie gesagt, vor 37 Jahren.
Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?
Das Los hat bestimmt, dass ich nach einer zechseligen Nacht früh morgens als erste an den Start musste. Ein Jurymitglied schlief in der ersten Reihe vor mir. Nach seinem Erwachen hatte es eine bewundernswert feste Meinung über das Nicht-Wahrgenommene. Unter dem ausgeschlafenen Publikum erinnere ich die Diskussion als lebhaft und mir zugewandt. Da mein Charakter nicht auf wetteifernde Konkurrenzveranstaltungen ausgerichtet ist, konnte ich alles weitere als spannendes Schauspiel genießen.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Anhaltende Liebe zur Literatur. Kenntnisse, die nicht vom Zeitgeist korrigiert werden. Humor. Spiel-Lust. Marktunabhängige Maßstäbe. Mut zur poetischen Wahrheit. Licht in verdunkelten Zeiten.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Den Teilnehmern: „Fürchtet euch oder fürchtet euch nicht!“
Dem Publikum: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar!
Der Jury: „Seht zu, daß ihr wachbleibt!“
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Kerstin Hensel, Schriftstellerin
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
im Interview _ Julia Schoch, Schriftstellerin _ Potsdam
Bachmannpreisnominierte 2005
Gewinnerin des Preises der Jury
Liebe Julia Schoch, Du hast am Bachmannpreis in Klagenfurt, dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen und was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Die Mehrtägigkeit. Die Urlaubsstimmung. Das südliche Flair des Ortes (von Berlin aus gesehen). Das gemütliche Ambiente des Studios mit Garten. Die angenehmen Seiten der Provinz. Die Heiligkeit der Literatur und die Heiterkeit des Drumherums.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Als eine große Anspannung davor und eine ebenso große Erleichterung danach.
Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?
Das Geld hat mich beruhigt.
Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?
Aufregende Texte und eine aufregende Jury.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Einfach machen. Auf die kommenden 50 Jahre!
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Zur Person: Julia Schoch wurde in Bad Saarow geboren und wuchs in Mecklenburg auf. Von 1992 – 98 studierte sie Romanistik und Germanistik in Potsdam, Paris und Bukarest. Sie lebt seit 2003 als Schriftstellerin und Übersetzerin in Potsdam und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Preis der Jury beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und den André-Gide-Preis. Zuletzt erschien ihr Roman Das Liebespaar des Jahrhunderts als zweiter Teil ihrer Biographie einer Frau bei dtv.
Bachmannpreis, Jury 2025, Vorsitzender Klaus Kastberger
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Humbert Fink, Autor, Journalist
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Klagenfurt/Lendkanal
Foto: Humbert Fink _ privat
Foto: Julia Schoch _ Jürgen Bauer
Motive: Bachmannpreis/Jurydiskussion/Klagenfurt-Lendkanal _ Walter Pobaschnig.
Im Interview _ Angelika Overath, Schriftstellerin _ Sent/CH
Bachmannpreisnominierte 2006 _ Gewinnerin des Ernst Willner Preises
Liebe Angelika, Du hast 2006 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Es war wunderbar. Wir hatten mit Freunden ein kleines Häuschen direkt am See gemietet und uns dort etwas eingestimmt. Mein damals 6-jähriger Sohn Matthias lernte mit meinem Lektor Thorsten Ahrend schwimmen. Zu den Lesetagen bin ich dann, wie die anderen Autoren, ins gemeinsame Hotel.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Ja, für mich schon auch der See! Ich weiß noch, wie ich mit meiner Agentin Karin Graf in Maria Loretto saß und sie mir ihren Badeanzug über den Tisch geschoben hat, damit auch ich schnell ins Wasser springen könne.
Ich finde die Atmosphäre in Klagenfurt schön. Schreiben ist ein einsames Geschäft, ich bin sehr gerne mit anderen Autoren zusammen. Auch wenn wir verschieden sind, verbindet uns doch das Lesen, das Schreiben. Unser gemeinsames Gegenüber ist die Sprache. Das verbindet. Und die Gastlichkeit Klagenfurts ist vermutlich einmalig.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Ich war aufgeregt, natürlich. Dann fand ich die Jurydiskussion gut. Ich meine, ich war schon damals selbst Kritikerin, ich kenne dieses Geschäft.
Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?
Das kann ich nicht sagen. Vermutlich hat mir Klagenfurt etwas Aufmerksamkeit gebracht. Ich habe nach Klagenfurt, trotz meines wunderbaren Lektors Thorsten Ahrend, den Verlag gewechselt, aber das war mir vorher schon klar.
Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?
Eigenständige Juroren, die sich für eine breite Palette von Literatur interessieren, und ein Publikum, das mit Freude dabei ist.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Ich wünsche dem Bachmannpreis weitere 50 Jahre! Ich bin dankbar, dass ich dabeisein durfte.
Klagenfurt ist ein Gesellschaftsspiel! Wer nicht verlieren kann, sollte nicht mitmachen. Und, so oder so, darf man Literaturwettbewerbe nicht zu ernst nehmen. Auch Erfolg und Misserfolg sind nicht unbedingt Indikatoren für gute oder schlechte Literatur. Goethes Schwager Christian August Vulpius war mit seinem Räuberroman „Rinaldo Rinaldini“ viel erfolgreicher als Goethe. Und die literarischen Stars dieser Zeit waren August von Kotzebue und August Wilhelm Iffland.
Wer schreiben muss, wird schreiben. Und wer nicht schreiben muss, könnte es auch sein lassen.
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
ORF Studio Klagenfurt Empfang der Stadt Klagenfurt/Schloss Loretto/Wörthersee
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Angelika Overath _ Franziska Barta
Fotos: Bachmannpreis/ORF Studio/Empfang Schloss Loretto/Wörthersee _ Walter Pobaschnig
Liebe Sabine, Du warst 1996 Jurorin beim Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?
Eine falsche Zahnarztentscheidung. Unbedingt sollte ein Backenzahn gezogen werden, obwohl der sich massiv wehrte. Meine Wange war danach extrem geschwollen, ich musste Antibiotika nehmen, die ich nicht vertrug. Mit diesen Voraussetzungen und viel Stress, ob ich nicht vor Kamera zusammenklappen würde, fuhr ich nach Klagenfurt und war die ganzen Tage schwer beeinträchtigt vom Verlust des Backenzahns. Folgewirkungen bis heute.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Aus Perspektive der Lesenden das Live Vortragen und Beurteiltwerden, sowie das zum Schweigen Angehaltenwerden und Dasitzenmüssen. Aus der Perspektive der Jury: Damals erhielten wir die Texte nicht vorab, wir mussten also spontan Kriterien ausfindig machen, nach denen wir über die Texte sprachen. Das war sehr viel schwieriger und anfälliger für Fehlurteile, da ein Text auch in die Zeit wirkt, also nach dem Lesen noch ein Verarbeitungsprozess stattfindet. Seit jedes Jurymitglied jeden Text vorab erhält, sind die Diskussionen auch profunder geworden, weniger ungerecht und subjektiv.
Wie hast Du als Juror/Jurorin die Lesungen, die Jurydiskussionen, die Preisverleihungen und die Begegnungen rundum erlebt?
Aufgrund der oben geschilderten gesundheitlichen Anstrengungen sehr ermüdend.
Wie gelingt es als Jurorin Objektivität zu bewahren?
Genaue Vorablektüre, siehe oben, hilft.
Wie hat sich diese Funktion auf Deinen weiteren beruflichen Weg ausgewirkt?
Null. Ich bin kurz darauf nach Chicago gegangen, um dort an der Universität zu unterrichten. In Klagenfurt konnte ich keine nennenswerte Verbindungen aufbauen, die mir in irgendeiner Weise weitergeholfen hätten. Es war sozusagen wie ein Sprung ins kalte Wasser des Literaturbetriebs, Schock und Rückzug. Österreich blieb ich danach bis 2019 fern…
Was braucht der Bachmannpreis für eine zukünftige gute Entwicklung?
Geld.
Was möchtest Du aktuellen Juroren:innen, Teilnehmer:innen und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Keep up. Der Wettbewerb ist nur eine Station im Leben des Schreibenden. Da kann noch viel nachkommen. Für Juror:innen gilt das gleiche. Wie gesagt, ich habe danach meine Arbeit als Lehrende an diversen Universitäten fortgesetzt, aber meist im Ausland, schreibe weiter Romane, Rezensionen, Essays.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Humbert Fink, Autors und Journalist
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Foto: Sabine Scholl _ privat.
Foto: Humbert Fink _ privat
Fotos: Bachmannpreis _ Studio/Jury/Wörthersee/Rathaus Klagenfurt _ Walter Pobaschnig
Lieber Markus, Du hast 2008 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Hurra! Ich hab was gewonnen!
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Es ist eine Möglichkeit gerade für unbekannte Autor:innen, Aufmerksamkeit zu erlangen; begleitet von einem großen Risiko des „öffentlichen Scheiterns“.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Überraschend gut! Aber es ging alles sehr schnell.
Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?
Das Schreiben an sich hat sich nicht geändert. Die Wahrnehmung vor allem im Ausland damals aber schon. Durch Bachmann goes Europe wurde das Buch Das Zimmermädchen in zehn Sprachen übersetzt.
Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?
Menschlichkeit, und eine Kritik, die nicht urteilt, sondern Texte begleitet, in Frage stellt, Möglichkeiten und Lesarten aufzeigt.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Mehr Existenzphilosophie: Dass hier Menschen miteinander Literatur und Kunst feiern und sich inspirieren und begegnen. Menschen sind lebendige Existenzen, denen es in ihrem Sein um ihr Sein geht. Menschen sind von Erfahrungen und Stimmungen geprägt, bringen sich selber zum Ausdruck und gelangen mit anderen Menschen und anderen Kunstschaffenden in einen kreativen und existenziellen Austausch. Das bedeutet: Kunst und Kultur ist eine wesentliche, äußerst wichtige Form menschlicher Weltwahrnehmung. Um dies zu bewahren und zu schützen, muss der gerade rasant um sich greifenden Vereinnahmung, Korruption, Verdinglichung und Technisierung der Kunst durch die sogenannte Künstliche Intelligenz mit aller Entschiedenheit etwas entgegensetzt werden: das Kunstwerk als prozesshafter Ausdruck eines gewachsenen Menschen und zugleich als Aufschlag zu einer tief reichenden existenziellen Kommunikation untereinander.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Markus Orths, Schriftsteller
Zur Person: Markus Orths wurde 1969 in Viersen geboren, studierte Philosophie, Romanistik und Anglistik und lebt in Karlsruhe.
Bislang erschienen sechzehn Romane und Erzählbände, unter anderem Lehrerzimmer, Das Zimmermädchen, Alpha & Omega, Max, Picknick im Dunkeln und Mary & Claire. Im Februar 2026 erschien Die Enthusiasten im Galiani Verlag.
Einige seiner Bücher wurden in insgesamt neunzehn Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Stipendium des Deutschen Literaturfonds. Orths hielt Poetikvorlesungen in Paderborn und Bamberg.
Das Stück Femme de Chambre gewann den Prix Théâtre 13. In Baden-Baden wurde Die Entfernung der Amygdala uraufgeführt. Das Zimmermädchen Lynn kam 2015 in die Kinos. WDR, NDR, SWR und HR produzierten acht Hörspiele.
Inspiriert durch seine eigenen Kinder entstanden zuletzt auch Kinderbücher. 2026 erscheint der fünfte Band der Crazy-Family-Reihe: Crazy Family – Die Hackebarts rocken die Schule! Das Kinderbuch Opa fliegt wurde vom Komponisten Michael Langemann vertont und im Juni 2024 in der Berliner Philharmonie uraufgeführt.
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Klagenfurt/Schubertpark
Foto: Markus Orths _ Olaf Kutzmutz
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/Studio/Klagenfurt _ Walter Pobaschnig
Birgit Kempker _ „Inge“/Trophäe des Ingeborg-Bachmann-Preises
50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt
Birgit Kempker, Schriftstellerin _ Basel
im Interview _ Birgit Kempker, Schriftstellerin _ Basel _
Bachmannpreisnominierte 1985 und 2000
Liebe Birgit, Du hast 1985 und 2000 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
IMeine Erinnerungen sind viel zu viele für so ein Interview. Vom zweiten Mal ist mir besonders der Eindruck einer undurchsichtigen Übertragung geblieben. Meine Person, mein Text und die Hintergründe des Textes aus dem echten Leben haben zu einer kollektiven Entgleisung geführt, fast wie eine Trance, mit dem Tabu, sich überhaupt mit meinem Text zu beschäftigen, aus meiner Sicht. Ich konnte nur noch ahnen, wer aus welche Motiven mit welchen Erfahrungen über was gesprochen hat. Als sässe ich vor einem archetypischen Stammtisch oder einem atavistischen Tribunal. Sehr sehr positiv ist mir Hardy Ruoss in Erinnerung, der mich eingeladen hatte. Er hat sich bis zum bitteren Ende enorm und auch entrüstet für mich ins Feld geschmissen, mit einer Standfestigkeit, Herzlichkeit und Zivilcourage, und mit guten Argumenten, danke Hardy Ruoss.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Das Besondere ist die Gruppendynamik, und dass wir live mit sehen können, wie es zu Urteilen kommt, oder zu Beschreibungen, Eindrücken. Die Jury ist genauso auf dem Prüfstand wie der Text, wenn nicht mehr, denn die Jury, das sind Menschen, der Text ist eine andere Kategorie. Der Text, wenn er gut ist, schützt sich selbst.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Zweimal. Das erste Mal skeptisch wohlwollend vermutlich. Das zweite Mal wie verhext.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Der Bachmannpreis ist ein hoch attraktives Schaurennen und das Schwimmen im See erfrischend. Die Jury solle viel diverser sein, aber könnte sie das?
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Humor, ganz viel Humor und eine Art sozioethnologische Nase. Damit ist es ein hoch anregendes und elektrisierendes Feld.
Herzlichen Dank für das Interview!
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Lesestuhl Bachmannpreis Jurydiskussion 2017 Empfang der Stadt Klagenfurt _ Schloss Loretto Abendstimmung Wörthersee _ Blick vom Schloss Loretto
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Birgit Kempker _ Eliane Rutishauser
Fotos: „Inge“ _ Bronzestatue, offizielle Trophäe des Ingeborg-Bachmann-Preises vom Bildhauer Helmut Machhammer seit 2023 _ Walter Pobaschnig.
Motive: Wörthersee/Schloss Loretto Empfang/Lesestuhl Bachmannpreis/Jurydiskussion _ Walter Pobaschnig.
Im Interview _ Nikola Anne Mehlhorn_Schriftstellerin _ Kronprinzenkroog/Nordsee D
Bachmannpreisnominierte 2013
Liebe Nikola Anne Mehlhorn! Du hast 2013 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?
Fleischbeschau und Tötungen.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Das enorme mediale Interesse, was Schreibenden und ihren Werken in der Regel fern ist.
Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?
Von genau dieser Medienpräsenz korrumpiert, die einen rohen Profilierungsdrang bei vielen Beteiligten auslöst. Da Notwehr von Lesenden unerwünscht ist, verbleibt alle Macht bei der Jury, die medial wirksam agieren muss, sonst wäre es kein Kulturevent … Eine fatale Dynamik, der zuallererst Respekt im Umgang und oft genug auch die Literatur zum Opfer fallen.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Den Fokus auf große Texte richten – weniger auf en vogue Schreibende. Die Anbiederung an Personenvorgaben des Zeitgeistes könnte reduziert werden.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Dass seine Existenz finanziell gesichert bleibt, solch ein kulturelles Spektakel wird gebraucht – auch wenn es nur der Erinnerung an die Bedeutung von Literatur diente!
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Im Interview _ Nikola Anne Mehlhorn, Schriftstellerin _ Kronprinzenkroog/Nordsee D
Liebe Nikola Anne Mehlhorn, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Unendlich viele — und zwar nicht nur zu ihrem Werk, sondern auch zu ihr als Frau und Autorin. Ingeborg Bachmann begleitet mich wie eine geistige Schwester: durch die Wüstheit patriarchaler Strukturen, dieses unsichtbar-sichtbare Koordinatensystem weiblicher Existenz. Sie weckt mich literarisch wie menschlich, fordert heraus und belehrt — dafür empfinde ich große Dankbarkeit.
Biblische Sprachbilder und Wortmusik sind uns beiden vertraut. Auch verbindet uns, dass die männlichen Figuren häufig ursächlich für das Leiden der weiblichen sind. Besonders deutlich wird unsere Verwandtschaft in den gemeinsamen Feindbildern: Faschismus, Krieg, Patriarchat, die „verrohte Welt“. Diese Kräfte fesseln uns im Leiden, in dem Versuch, Liebe inmitten eines zerstörerischen Systems zu leben, und der Intention, moralisch zu handeln.
Die Veröffentlichung des Briefwechsels „Wir haben es nicht gut gemacht“ empfinde ich deshalb als problematisch. Ich habe das Buch bewusst nicht gelesen — aus Respekt vor Bachmanns Wunsch, ihre Beziehung zu Max Frisch nicht öffentlich ausgestellt zu sehen. Für mich ist dieses Projekt pietätlos gegenüber einer Verstorbenen.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ihre mutige Thematisierung von Verletzlichkeit und Verletztheit. Ihr hoher moralischer Anspruch. Und die immense Denkschärfe trotz aller Emotionalität. Bachmann schrieb als Frau nicht distanziert über die Welt, sondern immer reflektiert im kulturellen und gelebten Kontext.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ihr Gedicht „Keine Delikatessen“ (Kursbuch 1968) begleitet mich seit meiner Jugend, so vertraut im Schmerz:
„Nichts mehr gefällt mir“, Bachmanns Verzweifeln an der Verzweiflung, ihr „ungereinigtes Schluchzen“ und Ringen mit jedem Wort.
Sollen Metaphern ausstaffiert werden, die Syntax gekreuzigt, angesichts einer Welt voller „Hunger Schande Tränen und Finsternis“? Oder müssten wir „unter dreihundertnächtigem Druck“ nicht vielmehr „das Papier einreissen“, die „angezettelten Wortopern“ vernichten?
Herzbitter bleibt auch ihre Feststellung: „Ich bin nicht mein Assistent.“
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Leider als hochaktuell. Die strukturelle Verbindung zwischen Faschismus und Patriarchat erscheint mir weiterhin erschreckend gegenwärtig. Trotz jahrzehntelanger Geschlechterkämpfe dominiert das androkratische Denken unsere Gesellschaften noch immer — mal subtil, mal offen aggressiv.
Diese Kultur wirkt beinahe archaisch, als könne sie erst mit der Menschheit selbst verschwinden. Und sie produziert nicht nur Femizide, sondern auch „unsichtbare Todesarten“: psychische Gewalt, Kränkung, Beziehungsdespotismus, Rohheit, Sexismus oder Machtmissbrauch — gegenüber Frauen UND Männern.
Besonders frappierend erscheint mir heute Bachmanns Erkenntnis, dass Sprache Wirklichkeit nicht nur beschreibt, sondern Denken formt. Ihre Figuren versuchen oft, durch eine neue Sprache eine neue Welt zu erschaffen — scheitern jedoch an der falschen Reihenfolge.
Dass wir nach Jahrzehnten feministischer Linguistik noch immer auf so massive Renitenz in Genderdebatten stoßen, macht mich fassungslos: dieser Versuch, Realität durch Nichtbenennung zu verhindern! Der gesellschaftliche Wandel hat längst stattgefunden; die Sprache hinkt ihm hinterher. Das generische Maskulinum zementiert patriarchale Strukturen weiter – natürlich wollen Männer keinen Deut „Deutungshoheit über die Frau“ abgeben.
Manchmal denke ich: Wir sollten für ein Jahr probeweise das generische Femininum einführen — selbstverständlich inklusive männlicher und diverser Personen. Vielleicht würde erst dann sichtbar, wie tief Sprache unser Denken prägt.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Die Männer haben sich durch ihr faschistoides Wertesystem vielfach selbst krank gemacht, zu Königen oder Sklaven deformiert, unter immensem Druck.
2026 erleben wir im westlichen Kulturkreis eine multiperspektivische Form des Liebens. Nach Jahrzehnten der Emanzipation scheint jedoch aktuell eine starke Gegenbewegung zu entstehen: Misogyne Strukturen und Denkweisen gewinnen weltweit wieder an Einfluss.
Viele Frauen hierzulande reagieren darauf leider reaktionär oder passiv. Zwar existieren heute dank Gleichberechtigung mehr Freiheiten – doch der Feminismus bleibt vulnerabel.
Gerade deshalb bin ich Bachmann dankbar. Sie hat das weibliche Erkranken an patriarchalen Verhältnissen in Sprache übersetzt und damit vom Schweigen befreit.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Für mich nicht. Die Einsamkeit des Schreibens ist eher meine natürliche Existenzform.
Literarisches Schaffen bedeutet für mich: der Welt entkommen, sie überschreiben, ihr Grauen in Sprache bannen. Brutal, wenn die Welt mich bis an den Schreibtisch verfolgen würde! Sie soll fernbleiben.
Auch darin empfinde ich Nähe zu meiner hundertjährigen Schwester. Ihr Satz „Mein Wort, errette mich!“ steht für mich neben meinem eigenen Gedanken: „Literatur als Religion.“
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Da ihr Werk gerade aus dieser Verbindung besteht, lässt sich das kaum trennen. Vielleicht möchte ich eher etwas über die Rezeption sagen — etwa über eine Rezension der Neuen Zürcher Zeitung zu „Malina“, die Bachmanns Komplexität wunderbar erfasst:
„Es ist das Buch des `Ichs´ – des `Ichs´, das zwischen Aufruhr und Gleichmut eben jenes Verhängnis erkundet, in welchem der Mensch das Ganze, das Vollkommene wohl zu erahnen, doch nicht zu erlangen vermag.“
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ob sie trotz allem Hoffnung für die Menschheit gehabt hat.
In ihrem Filmporträt „Ein Tag wird kommen. Gespräche in Rom“ aus 1973 sagt sie:
„Ich glaube wirklich an etwas, und das nenne ich `ein Tag wird kommen’. Und eines Tages wird es kommen. Ja, wahrscheinlich wird es nicht kommen, denn man hat es uns ja immer zerstört. Es wird nicht kommen, und trotzdem glaube ich daran. Denn wenn ich nicht mehr daran glauben kann, kann ich auch nicht mehr schreiben.“
Mich würde interessieren, worin für sie diese Hoffnung bestand — angesichts ihres gesamten „Todesarten“-Zyklus und ihrer glasharten Darstellung menschlicher Grausamkeit.
Und ich hätte sie gefragt, ob sie in einem Matriarchat die Alternative sähe — oder auch weibliche Machtstrukturen kritisch betrachten würde.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Derzeit arbeite ich an meinem ersten Kriminalroman — einem literarischen „Lynchmord“ am alten weißen Mann. Parallel entsteht eine utopische Dystopie über junge Idealist:innen, die auf einer nordischen Hallig versuchen, eine bessere Gesellschaftsordnung zu etablieren.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Dass Kunst und Literatur „die eigentliche Ausdrucksform menschlicher Erfahrung“ seien.
— aus den Frankfurter Poetikvorlesungen, Wintersemester 1959/1960
Im Interview _ Andreas Pittler, Schriftsteller _ Ferlach/Kärnten
Lieber Andreas, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich muss zugeben, dass meine Antwort noch vor kurzem gänzlich anders gelautet hätte. Erst durch „Literaturoutdoors“ habe ich nämlich erfahren, dass ich vier Jahre lang in jenem Haus in der Severingasse wohnte, in dem auch Ingeborg Bachmann ihre Bleibe in Wien gefunden hatte. Und ich bin ehrlich schockiert, dass es dort für sie nicht mindestens eine Gedenktafel gibt. Jedenfalls hat mich dieser Umstand dazu veranlasst, Bachmann in diesem Lichte neu zu lesen. Ich weiß noch sehr gut, wie überwältigt ich war, als ich Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts erstmals „Malina“ las. Ein Werk, das so vielschichtig ist, dass man bei jeder neuen Lektüre einen weiteren Aspekt entdecken kann, der einem zuvor entgangen ist.
Severingasse/Wien _ erster Wohnort von Ingeborg Bachmann in Wien. Die Büchnerpreisträgerin kam hier im Herbst 1946 bei Verwandten an und zog dann nach wenigen Wochen in die Beatrixgasse im dritten Wiener Gemeindebezirk, dem Sie mit dem „Ungargassenland“ ein literarisches Denkmal im Roman „Malina“ setzte. Walter Pobaschnig, 5/26, folgende
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Auch wenn Bachmann fast vier Jahrzehnte vor mir zur Welt kam, fühle ich mich ihren Grundgedanken sehr verbunden, was meiner eigenen Familiengeschichte geschuldet ist. Gerade der Themenkomplex „Nationalsozialismus“ mit all seinen Vorläufern hat mich (und damit auch mein eigenes Werk) sehr stark geprägt, da ich noch in einer Zeit aufwuchs, wo die damit verbundenen Fragen weitgehend tabuisiert waren und nach Möglichkeit totgeschwiegen wurden. Bachmann erweist sich in ihren Werken als eine Pionierin, wobei nicht vergessen werden sollte, dass die österreichische Literatur mit Hans Lebert, Albert Drach, Elfriede Jelinek, Peter Handke, Milo Dor, Reinhard Federmann und Paul Celan, um nur einige wenige zu nennen, eine Vielzahl an hervorragenden Werken geschaffen hat, die wir gerade angesichts der aktuellen politischen Situation mehr denn je zu Raten ziehen und propagieren sollten.
Dabei freilich möchte ich hervorheben, dass Bachmann eben nicht bei der sozio-politischen Analyse stehenbleibt, sondern auch die unmittelbaren Auswirkungen auf den Einzelnen in den Blick nimmt. Menschenverachtende Theorien wirken eben sehr lange nach, auch wenn sie schon längst überwunden scheinen. Bachmann erkennt diese „Krebszellen“ in uns, die, auch wenn sie vermeintlich keine akute Bedrohung (mehr) darstellen, dennoch beständig in uns schlummern. Der/die SchriftstellerIn ist somit der Arzt am Krankenbett unserer Gesellschaft, dessen/deren Werke die unumgänglichen Kontrolluntersuchungen sind, um einen neuerlichen Ausbruch der verderblichen Krankheit hintanzuhalten. Und in diesem Punkt erwies sich Bachmann als Primaria.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Neben „Malina“ hat mich persönlich „Die gestundete Zeit“ sehr beeindruckt, die wir noch in der Schule mit unserem sehr engagierten Deutschlehrer lasen. „Der Fall Franza“ wiederum eröffnete mir während meiner Studienzeit eine völlig neue Perspektive, da ich darin Themata angesprochen sah, die mich zuvor unbewusst beschäftigt hatten, ohne sie für mich noch artikulieren zu können. Für Bachmann ist die Angst die größte Bedrohung unseres Seins, sie zeigt aber auch, wie die Angst zu überwinden ist, oder, um eine andere ganz Große der deutschsprachigen Literatur, Christa Wolf, zu paraphrasieren: die Angst zeichnet uns, aber deswegen vermögen wir dennoch, selbst zu zeichnen.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich bin mir nicht sicher, ob es sich für einen „alten weißen Mann“ ziemt, sich zu dieser Frage zu äußern. Erschütternd finde ich jedenfalls, dass die von Bachmann thematisierten Aspekte auch nach mehr als einem halben Jahrhundert erschreckend aktuell sind. Persönlich denke ich, dass an dieser Stelle jede Antwort, und sei sie noch so ausführlich, kaum mehr als kursorisch ausfallen kann. Denn jeder Satz, den man hier schreibt, differenziert höchstens die Fragestellung und löst nachgerade automatisch weitere Fragen aus, die wiederum weitere Fragen ergeben – da capo al fine.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Man gestatte mir, diese Frage auszulassen. Denn wie auch die obige kann sie unmöglich verbindlich beantwortet werden. Wir lieben in jeder Phase unseres Lebens anders. Hoffnung, Wille, Vorstellung, Erfahrung(en), sie alle prägen uns an einem jeweiligen Punkt und legen einen neuen Pfad an, den wir nur mit Glück bewusst weitergehen, während wir zumeist fremdbestimmt weitertorkeln, ohne uns darüber im Klaren zu sein, was uns dazu veranlasst, was uns antreibt und warum wir tun, was wir schließlich tun. Und was die „Krankheit“ angeht, so möchte ich Bachmann – als Mann, wie ich zugebe – gerne korrigieren. Es ist unsere Gesellschaft, die unheilbar krank ist – und wir alle, Männer wie Frauen, sind es in ihr. Es kommt daher darauf an, die Gesellschaft zu ändern, wenn wir unsere eigene Krankheit überwinden und gesunden wollen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Als Autor von mittlerweile 30 Romanen würde ich sagen, es kommt immer auf die Thematik an, die man beschreiben will. Und in diesem Lichte kann die Darstellung des rumänischen Holocausts, ein Kapitel des Zweiten Weltkriegs, das hierzulande kaum bekannt ist, mehr Martyrium darstellen als eine autobiographische Schrift. Persönlich habe ich übrigens die Erfahrung gemacht, dass man allgemein gültige Literatur nur sehr selten für sich allein und aus sich heraus schaffen kann. In jedem Schreibprozess stehen einem eine Vielzahl an Menschen bei, von deren Erfahrungen die Schreibenden profitieren. Und wirklich allein ist man beim Schreiben nie. All die AutorInnen, die vor einem waren, aus deren Werken wir Kraft schöpfen und lernen, sie begleiten uns bei jeder Zeile, die wir selbst zu Papier bringen.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ich teile mit Bachmann nicht nur die Severingasse, wohne ich doch seit mittlerweile fünf Jahren in Ferlach, einen Steinwurf weit von der slowenischen Grenze (und auch nicht weit von Italien) entfernt. Die Reisen in diese beiden Staaten verschaffen mir immer wieder neue Erkenntnisse, die ich in meine eigenen Werke einfließen lasse. Bachmanns Werk hat sehr viel mit Grenzüberschreitungen zu tun, denn nur, wer über Grenzen geht, dringt zum Wesentlichen vor.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Wie oben bereits erwähnt, wohnte ich im selben Haus wie sie. Mir gefällt die Idee, sie zu mir in meine Wohnung (ich wohnte im 4. Stock) zu einem Frühstück hinaufzubitten. Und wie befruchtend wäre es gewesen, die Abende in diesem Haus gemeinsam zu verbringen.
Andreas Pittler, vor dem Wohnhaus in der Severingasse, in dem der Schriftsteller wie Ingeborg Bachmann wohnte _ folgende/Wohnung/Andreas Pittler
Blick in den Innenhof
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Im Herbst wird der Roman „Grenzwertig“ bei Kremayr & Scheriau erscheinen. Dabei handelt es sich um eine weitere Geschichte rund um meinen Polizisten Paul Zedlnitzky, die diesmal im Jahr 1990 angesiedelt ist. Denn so, wie ich mit David Bronstein die österreichische Geschichte zwischen 1913 und 1955 aufzuarbeiten versucht habe, will ich mit Zedlnitzky die jüngere Vergangenheit obduzieren. Und ich würde gerne sagen, dass ich mit dieser Art des Schreibens eigentlich auf den Spuren meiner Hausnachbarin wandle.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Es ist ein Klassiker: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Für mich ist dieser Satz die Richtschnur all meines Schreibens. Er begleitet mich seit den 70ern und wird es (hoffentlich) auch weiterhin tun. Denn Literatur ist nur dann dauerhaft, wenn sie wahr ist.