„Glück – erhofft, gerufen“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Text & Performance _ Anita Hollauf/Sylvia Caba _ Wiener Neustadt/Wien 3.5.2026

Undine geht _
Sylvia Caba, Künstlerin  _ Wien _ performing _ Donau/Wien _
_ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _
Walter Pobaschnig 10/23

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance _ Wien/Donau

UNDINE GEHT _ Akrostichon

Text  Anita Hollauf, Schriftstellerin _ Wiener Neustadt

Performance _  Sylvia Caba, Künstlerin  _ Wien 

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

Undine geht _
Sylvia Caba, Künstlerin  _ Wien _ performing _ Donau/Wien _
_ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _
Walter Pobaschnig 10/23

UNDINE GEHT


U ngeheuer

N ähern sich

D och entschwinden wieder

I n dieser Weite –

N iemals sein und bleiben

E ndloses Rufen


G lück – erhofft, gerufen

E insamkeit ohne Sprache

H ingabe und Abwendung

T rost und Trostlosigkeit im Wasser

Anita Hollauf, 20.4.26

Undine geht _
Sylvia Caba, Künstlerin  _ Wien _ performing _ Donau/Wien _
_ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _
Walter Pobaschnig 10/23

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance _ Wien/Donau

UNDINE GEHT _ Akrostichon

Text  Anita Hollauf, Schriftstellerin _ Wiener Neustadt

Performance _  Sylvia Caba, Künstlerin  _ Wien 

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.

„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.

Anita Hollauf, Schriftstellerin,
Schreibwerkstattleiterin nach den Methoden der Poesie- und Bibliotherapie

Fotos: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Anita Hollauf _ Sophie Leitner.

Fotos: Undine geht _
Sylvia Caba, Künstlerin  _ Wien _ performing _ Donau/Wien _
_ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _
Walter Pobaschnig 10/23

Walter Pobaschnig, 20.4.26

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„Bachmann romantisiert Liebe nicht“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Anita Hollauf, Schriftstellerin _ Wiener Neustadt 3.5.2026

Ingeborg Bachmann _ Anita Hollauf

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Anita Hollauf, Schriftstellerin.

Liebe Anita, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

In meiner Gymnasialzeit habe ich begonnen, ihre Gedichte zu lesen. „An die Sonne“ hat mich haltlos fasziniert, ich habe es auswendig gekonnt. Dieses Loblied an die Sonne zeigt so viele, oft unbemerkte Facetten ihrer Wirkung auf, geballte Schönheit. Im Satz „Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein“ habe ich oft Trost gefunden. Hier wird das Sein an sich als Vollendung im Schönen gesehen.

Als Lyrikerin liebe ich vor allem ihre Gedichte.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ich verliere mich in ihrer Sprache. Ihre Worte lassen Empfindungen entstehen, die tief in die Seele gehen – Unausgesprochenes wird sinnlich wahrnehmbar.

Bachmann romantisiert Liebe nicht, zeigt sie in all ihren Facetten, in Leichtigkeit und Schwere, in Freude und Schmerz, im Untergang.

Bemerkenswert ist ihr sprachlicher Umgang mit Gewalt, oft versteckter und alltäglicher, vielfach familiärer Gewalt. Sie greift tiefe Gefühle wie Angst, Einsamkeit, kommunikatives Scheitern und Verletzlichkeit auf, verpackt sie wiederholt in einprägsame Bilder und bündelt dies letztlich in der Aussage „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Herzzeit – Briefwechsel

Neben den Briefen zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan finden sich hier auch Briefe zwischen Paul Celan und Max Frisch, sowie zwischen Ingeborg Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange.

Es ist einfach schön, auf diese Art in ihr Leben einzutauchen.

Besonders ist auch der darauf aufbauende Film von Ruth Beckermann: „Die Geträumten“.

Und natürlich fasziniert mich ihre Lyrik, ausnahmslos.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Diese Kritik ist auch heute dringend nötig. Es hat sich nicht viel geändert. Im Gegenteil, es scheint, als ob die Frau wieder mehr zurückgedrängt wird, Emanzipation verloren geht. Manch politische Strömungen sehen die Frau wieder „hinter dem Herd“, grenzen sie aus. Es gibt unaufhaltsam Femizide.

Gerade jetzt hat im Weltgeschehen patriarchalische Macht die Oberhand. Sich selbst verherrlichende, zerstörerisch agierende, ja sich als messianisch heilig erklärende Politiker halten die Welt in Atem.

So wie Ingeborg Bachmann sich mit der Tragik des Nationalsozialismus in „Der Fall Franza“ und im „Requiem für Fanny Goldmann“ auseinandergesetzt hat, ist diese Gesellschaftskritik auch heute noch aktuell.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Wir leben die Liebe weiterhin mit Höhen und Tiefen, in Ekstase, Freude und Schmerz. Für Ingeborg Bachmann war Freiheit ein großes Thema, sie selbst hat es auch gelebt. Heute eröffnet sich diese Möglichkeit in unserem Kulturkreis allen Frauen, egal ob sie in einer Beziehung leben oder allein.

Ich möchte den Gedanken „die Männer sind unheilbar krank …“ nicht allgemein sehen. Neben „unheilbar kranken Männern“ gibt es auch genügend „unheilbar kranke Frauen“.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Beeinflusst durch meine Ausbildung als Schreibwerkstattleiterin im Sinne der Poesie- und Bibliotherapie sehe ich im Schreiben einen heilsamen Prozess. Es tut der Seele gut, stärkt das Selbstbewusstsein, macht frei. Gleichzeitig kann es jedoch durch das Aufkommen und zur Sprache bringen von Verletzungen großen Schmerz verursachen, also zum „persönlichen Martyrium“ werden. Es ist also beides: Martyrium und Erlösung.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich würde gerne wissen, ob es ihr möglich war, in anderen Ländern mit fremder Sprache ein bisschen Heimatgefühl zu entwickeln – grundsätzlich auch, was Heimat für sie bedeutet hat, ob sie jemals irgendwo Heimat gefunden hat. Ob Beziehungen für sie – vorübergehende – Heimat waren.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

In einigen Wochen wird mein erster Lyrikband veröffentlich: „Buntes Lebensknäuel“. Nachfolgend plane ich ein Buch mit Kurzgeschichten. So wie in meinen lyrischen Texte steht auch hier die Natur im Vordergrund.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Vom hohen Trapez im Zirkuszelt

spring ich durch den Feuerreifen der Welt…“ (Aus: Die blaue Stunde)

„Die Spezialisten, die Experten mehren sich. Die Denker bleiben aus.“ (Aus: Poesie wie Brot – Vorlesung in Frankfurt 1959/60)

Jeder, der fällt, hat Flügel.“ (aus: Das Spiel ist aus)

Herzlichen Dank für das Interview!

Anita Hollauf, Schriftstellerin,
Schreibwerkstattleiterin nach den Methoden der Poesie- und Bibliotherapie

Fotos: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Anita Hollauf _ Sophie Leitner.

Walter Pobaschnig, 20.4.26

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„Ihre Widerspenstigkeit“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Ingeborg Gleichauf, Autorin _ Freiburg/Breisgau 2.5.2026

Ingeborg Bachmann _ Ingeborg Gleichauf

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Ingeborg Gleichauf, Autorin _ Freiburg/Breisgau

Liebe Ingeborg, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Immer wieder neu lesen. Offen sein für Lesarten

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ihre Widerspenstigkeit.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

„Malina“, die Gedichte und Briefwechsel.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Sie ist absolut aktuell.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Bachmann hat keine Liebes-Handreichung geschrieben. Fiktion und Wirklichkeit sind unauflösbar verbunden.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Bedeutende Kunst ist auf andere Weise nicht möglich. Allerdings fehlen auch bei Bachmann Ironie und Humor nicht.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Dass sie sich selbst immer auch widersprochen hat.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Was sie in ihrem Leben am meisten amüsiert hat.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Schauen, was sich ergibt.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

„Mein Irrtum war wohl, zu glauben, dass man für einen Gedichtband und fast zwei Jahre blödsinnige Arbeit dran mehr als 600 DM bekommt“ (aus dem Briefwechsel mit Heinrich Böll)

Herzlichen Dank für das Interview!

Ingeborg Gleichauf, Autorin

Aktuelles Buch von Ingeborg Gleichauf:

Ingeborg Bachmann – Die Widerspenstige

Ein Essay zum 100. Geburtstag am 25. Juni 2026

Wie kann man sich Ingeborg Bachmann heute noch nähern? Sind ihr nicht allzu viele auf der Suche nach dem, was Person und Werk ausmachen, allzu nahe gekommen? Als »Diva der Dichtkunst« wird sie bezeichnet und als »Ikone« verehrt.

Es ist an der Zeit, solche Festlegungen zu vergessen und eine Neu-Entdeckung Bachmanns zu wagen! Bachmanns Werk steckt voller Widersprüche, Rätsel und Bezüge und verschließt sich einem eindimensionalen Lesen. Es ist ein widerspenstiges Werk. Und auch die Dichterin selbst trägt entschiedene Züge von Widerspenstigkeit in sich.

Anlässlich des 100. Geburtstags der Schriftstellerin erkundet Ingeborg Gleichauf in ihrem Essay diese spezifische Bachmann’sche Widerspenstigkeit. Im Gang durch Bachmanns Werk wie auch durch ihre Briefwechsel, die in den letzten Jahren nach und nach erschienen sind, lässt sich eine Dichterin entdecken, die immer wieder irritiert und überrascht. Genauso verhält es sich auch mit der Person. Sie agiert und reagiert kaum vorhersehbar. Person und Werk fordern heraus. Die Begegnung mit beiden bleibt ein Abenteuer – sowohl für diejenigen, die sie neu entdecken, als auch für diejenigen, die ihre Texte schon kennen.

Gleichauf, Ingeborg: Ingeborg Bachmann – Die Widerspenstige. Aviva Verlag.

144 Seiten, 18 €

Broschur

ISBN 978-3-949302-34-3

Kommende Lesung in Wien:

Do 7.5. 19.15h _ Buchhandlung analog, Otto Bauer Gasse 6/10,

Weitere Lesungstermine: Ingeborg Gleichauf | Autorin

Zur Person: Ingeborg Gleichauf, Philosophin, Schriftstellerin und Lyrikerin, wurde 1953 geboren und ist im Schwarzwald aufgewachsen. Sie studierte Germanistik und Philosophie und promovierte über Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“ und Elfriede Jelineks Drehbuch zum gleichnamigen Film von Werner Schroeter. Sie veröffentlichte erfolgreiche Biographien über Schriftsteller*innen, Philosophinnen und Dramatikerinnen, darunter „Hannah Arendt“ (2000), „Sein wie keine andere. Simone de Beauvoir“ (2007) und „Denken aus Leidenschaft“ (2008). 2010 erschien bei Nagel und Kimche „Jetzt nicht die Wut verlieren. Max Frisch – eine Biografie“.

Als Essayistin überprüft sie in „Homezone“ (2012) den vielgedeuteten und widersprüchlichen Begriff Heimat anhand von skurrilen, witzigen und ehrlichen Alltagsepisoden. Ihr Lyrikband „Danebengeschrieben“ erschien 2016 im Drey-Verlag.

„Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin“ wurde 2017 bei Klett Cotta verlegt. Im gleichen Jahr erschien die Reiseerzählung „Wilde Wälder und Gedankenflieger“.

Ingeborg Gleichauf lebt in Freiburg.

Ingeborg Gleichauf | Autorin

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Ingeborg Gleichauf _ privat.

Walter Pobaschnig, 30.4.26

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„Meine“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Wort&Bild _  Gabriele Vasak, Schriftstellerin _ Wien 2.5.2026

 Gabriele Vasak, Schriftstellerin _ Wien

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Wort & Bild

MALINA _ Akrostichon

Text _   Gabriele Vasak, Schriftstellerin

Fotos _ Gabriele Vasak

Idee/Regie _ Walter Pobaschnig

MALINA

M eine

A bgründige 

L iebe

I st

N achklang und

A bgesang zugleich

Gabriele Vasak,   15.1.26

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962
 Gabriele Vasak, Schriftstellerin _ Wien

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.

Fotos: 1-3 Gabriele Vasak; 4 Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig   1_26

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„eine Sprachliebende, eine Wahrheitssuchende“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Daniela Enigst, Schriftstellerin _ Freiburg im Breisgau 1.5.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Daniela Enigst, Schriftstellerin _ Freiburg im Breisgau

Liebe Daniela, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Angefangen hat alles mit dem Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“. Ich hatte irgendwo gelesen, das sei der Text gewesen, der Frisch dazu veranlasst habe, mit der jungen Dichterin Kontakt aufzunehmen. Es interessierte mich damals, was den Mann da wohl gelockt haben könnte. Mein Zugang zu Bachmann ist nicht nur deswegen wohl eher untypisch, sagen wir mal, radikal persönlich. Ich nehme mir dreist das heraus, was mich angeht. Bachman-Fans und Leute, die sich wissenschaftlich mit ihr beschäftigen, mögen das verwerflich finden. „Meine“ Bachmann ist eine Sprachliebende, Sprachforschende, eine Wahrheitssuchende, jemand, der dem Aufruf des späten Wittgenstein (der in den Philosophischen Untersuchungen einfach alles, was er Jahre vorher im Tractatus systematisch formuliert hatte, wieder in die Luft jagte), dass man doch einfach selbst denken solle, mit Vehemenz und Lust gefolgt ist. Und „meine“ Bachmann ist vor allem eine Prosaschriftstellerin.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Für mich? Ihre scharfe Intellektualität und die Weigerung, sich festzulegen oder festlegen zu lassen. Mir scheint, „schreiben“ heißt für sie „in Frage stellen“. Das entspricht mir sehr.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Die erste der Frankfurter Vorlesungen, „Fragen und Scheinfragen“. Dann „Der gute Gott von Manhattan“ natürlich, das müsste dringend mal neu aufgenommen werden mit einer weniger piepsigen Frauenstimme. ‚Wenig überraschend, die Erzählungen „Das dreißigste Jahr“, „Undine geht“. Und „Malina“, vor allem der Vorspann und das erste Kapitel „Glücklich mit Ivan“.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ich weiß nicht, ob man „patriarchal“ einfach mit „zerstörend/zerstörerisch“ gleichsetzen kann. Die Grundausrichtung des Patriarchats ist doch eher erhaltend und zementierend, wenn auch die falschen Dinge, etwa die strukturelle Benachteiligung der Hälfte der Menschheit. Übrigens glaube ich nicht, dass Bachmann grundsätzlich gegen „die Männer“ war oder „die Frauen“ für etwas Besseres hielt.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Immer noch wie Goethe: „Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt.“

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Vielleicht ist das nur ein Mythos oder gar eine Pose? Das Martyrium des Schriftstellers, seltener der Schriftstellerin, erscheint mir häufig als eine Art Selbsterhöhung. Wenn nicht gerade eine ernsthafte psychische Erkrankung dahintersteckt. Ich kenne welche, die treten in der Öffentlichkeit als einsamer Wolf auf, und zu Hause mähen sie den Rasen, laden die Nachbarn zum Grillen ein oder machen Campingurlaub mit der Familie wie Herr und Frau Mustermann auch. Was fast alle Schreibenden heute martert, sind existenzielle Fragen, weniger existenzialistische, also: wie vom Schreiben leben, statt warum fürs Schreiben leben?

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Ihren Humor.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Es tut sich was für die Frauen, aber der Weg ist noch weit und immer nochmal weiter, als man denkt. Es wird sich nämlich auch was für die Männer tun müssen.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Im Juni erscheint eine Erzählung von mir namens „Hundert Jahre“. Der Titel scheint auf Bachmann zu verweisen, aber im Grunde ist es eine falsche Fährte, auch wenn ich ihr den Text zum Geburtstag gewidmet habe. Die Geschichte spielt mit bewusst aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten, etwa „das Briefgeheimnis muss gewahrt werden“, oder Anspielungen auf weitverbreitete klischeehafte Lesarten des Verhältnisses von Frisch und Bachmann. Erzählt wird von einem Schriftsteller, dem die Ideen ausgehen und der eine Affäre mit einer Literaturdozentin eingeht, um seiner Fantasie wieder auf die Sprünge zu helfen. Das rächt sich natürlich am Ende. Ein besonderer Briefkasten spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

„… darauf, meine ich, kommt es an: daß wir uns orientieren an einem Ziel, das freilich, wenn wir uns nähern, sich noch einmal entfernt.“

Herzlichen Dank für das Interview!

Daniela Engist_Schriftstellerin

Kommende Veranstaltung mit Daniela Engist und Ingeborg Gleichauf zum 100.Geburtstag von Ingeborg Bachmann: https://veranstaltungen.freiburg.de/freiburg/events/detail/herdermer-sommerlesungen-ingeborg-gleichauf-ingeborg-bachmann-die-widerspenstige

Aktuelle Bücher von Daniela Engist:

LICHTE HORIZONTE, Edition Hubert Klöpfer bei Kröner, 2021

MEIN BASEL – DIE BEWEGTE STADT, Literarisches Porträt _ 8 grad verlag, 2024

Daniela Engist | Bücher

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Daniela Engist _: Anja Thölking

Walter Pobaschnig  30.4.26

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„Macht, Malina und abgezirkelte Liebe“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Text & Performance _ Martin Meyer/Ina Solea _ Scheinfeld/D/Wien 1.5.2026

MALINA
Martin Meyer, Schriftsteller _ Ina Solea, Schauspielerin, Model _
performing

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance am Originalschauplatz

MALINA _ Akrostichon

Text & Performance _  Martin Meyer, Schriftsteller _ Scheinfeld/D

Performance _ Ina Solea, Schauspielerin, Model _ Wien

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

Martin Meyer, Schriftsteller _ Ina Solea, Schauspielerin, Model _
performing

MALINA

Macht, Malina und

Abgezirkelte

Liebe.

Ich, ivanumnebelt,

Nicht frei und vor allem

Allein.

Martin Meyer, 2.4.26

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance am Originalschauplatz

MALINA _ Akrostichon

Text & Performance _  Martin Meyer, Schriftsteller _ Scheinfeld/D

Performance _ Ina Solea, Schauspielerin, Model _ Wien

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.

Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.

Martin Meyer, Schriftsteller _ Scheinfeld/D
Ina Solea, Schauspielerin, Model _ Wien

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Alle Fotos _ Walter Pobaschnig 2/23

Walter Pobaschnig 4/26

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„Eine poetische Genauigkeit, die glüht.“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Hannah Dübgen, Schriftstellerin _ Berlin 30.4.2026

Ingeborg Bachmann _ Hannah Dübgen

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Hannah Dübgen, Schriftstellerin, Dramaturgin.

Liebe Hannah, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Lesen, wieder lesen, neu lesen. Vor allem die Gedichte, und ihre Briefe – mit den entsprechenden Antworten.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Eine poetische Genauigkeit, die glüht.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?

„Das dreißigste Jahr“ – weil wir alle es irgendwann erreichen.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Was sie von dem Wort „wehleidig“ hält.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Arbeit an einem Opernlibretto und einem neuen Roman.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

„Der Glaube hat nur einen Berg versetzt.“

Herzlichen Dank für das Interview!

Hannah Dübgen, Schriftstellerin, Dramaturgin

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Hannah Dübgen_ Susanne Schleyer /autorenarchiv.de

Walter Pobaschnig  23.4.26

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„Metalle“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Text & Performance _ Hannah Dübgen/Lisa-Marie Bachlechner _ Berlin/Wien 30.4.2026

 Lisa-Marie Bachlechner, SchauspielerinWien _
acting Malina am Originalschauplatz Wien _
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _
Walter Pobaschnig 7/21

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance Originalschauplatz „Malina“ Wien.

MALINA_ Akrostichon

Text Hannah Dübgen, Schriftstellerin, Dramaturgin _ Berlin.

Performance _ Lisa-Marie Bachlechner, SchauspielerinWien

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

 Lisa-Marie Bachlechner, SchauspielerinWien _
acting Malina am Originalschauplatz Wien _
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _
Walter Pobaschnig 7/21

MALINA

M
E T A L L E

A B G R U N D

L U F T

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N I R G E N D W O

A L S

Hannah Dübgen, 23.4.2026

 Lisa-Marie Bachlechner, SchauspielerinWien _
acting Malina am Originalschauplatz Wien _
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _
Walter Pobaschnig 7/21
 Lisa-Marie Bachlechner, SchauspielerinWien _
acting Malina am Originalschauplatz Wien _
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _
Walter Pobaschnig 7/21
Originalschauplatz Malina _ Wien

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance Originalschauplatz „Malina“ Wien.

MALINA_ Akrostichon

Text Hannah Dübgen, Schriftstellerin, Dramaturgin __ Berlin.

Performance _ Lisa-Marie Bachlechner, SchauspielerinWien

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

Ingeborg Bachmann Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.

Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.

Hannah Dübgen, Schriftstellerin, Dramaturgin _ Berlin
Lisa-Marie Bachlechner, SchauspielerinWien _
Romanschauplatz Malina _ Wien

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Hannah Dübgen_ Susanne Schleyer /autorenarchiv.de

Fotos:  Lisa-Marie Bachlechner, Schauspielerin_ Wien _
acting Malina am Originalschauplatz Wien _
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _
Walter Pobaschnig 7/21

Walter Pobaschnig  23.4.26

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„Zwei Menschen sind in mir“ Ingeborg Bachmann. Die Biografie | Zum 100. Geburtstag der Dichterin. Andrea Stoll. Piper Verlag.

Es ist eines der ganz großen, nicht nur literarischen, Jubiläen in diesem Jahr – der 100.Geburtstag von Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin, geboren am 25.6.1926 in Klagenfurt, gestorben an einem tragischen Brandunfall am 17.Oktober in Rom, beigesetzt im Familiengrab im Friedhof Annabichl/Klagenfurt.

Ingeborg Bachmann ist zu einer Chiffre von Freiheit und Mut in allen Lebens-, Liebes-, Gesellschaftsbereichen geworden. Es ist ein Name, ein Werk, ein Leben, das weit über das Wort ausstrahlt und wesentliche Parameter moderner Existenz-, Gesellschaftskritik und -analyse, in sich birgt und in Diskussion weiterträgt. Eine Stimme, die Wahrheit in Denken und Sein einfordert und dies in jeder Generation neu inspiriert. Ein Frauenleben das Beziehungsschalen, -gitter zertrümmert und diesen eine Vision von Liebe als Utopie entgegenstellt „ein Tag wird kommen“. Eine Sprachvirtuosin, die das Aufbrechen in neue Worte als wesentliche Mitte jeder Gesellschaft in Emanzipation und Freiheit postuliert.

Andrea Stoll legt nun eine umfassende Biographie Ingeborg Bachmanns vor, die in der Familie, Kindheitstagen ansetzt und über die weiteren Stationen von Leben und Werk einen beeindruckenden Bogen an Information zu Existenz-,  Familien-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte spannt, der vor allem in seiner narrativen Zusammenschau einzigartig ist. Es entsteht einem Gemälde gleich eine Zusammenfügung unterschiedlichster Farbtöne eines Lebens und die sehr versierte Autorin setzt dazu einen Rahmen, der sich in großer Sensibilität und Zuwendung auszeichnet. Es geht hier nicht um die Sensation, um neue Schlussfolgerungen und Interpretationen, Spekulationen zu biographischen Leerstellen, vielmehr ist es gleichsam ein zur Ruhe kommen eines literarischen und persönlichen Lebens im Sturm, auch des Nachlebens, das hier zum großen Gedenkjahr gerundet wird.

Zahlreiche Fotos begleiten die in 22.Kapitel gut strukturierte Biographie und ein ausführlicher Anhang bietet Erklärungen, Erläuterungen wie weiterführende Infos.

„Andrea Stolls Bachmann Biographie beeindruckt in Wissen und Sensibilität in außerordentlicher Erzählkraft!“

„Zwei Menschen sind in mir“ Ingeborg Bachmann. Die Biografie | Zum 100. Geburtstag der Dichterin. Andrea Stoll. Piper Verlag.

480 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

Abmessungen 13,8cm x 22cm

Erscheinungsdatum 30.04.2026

EAN 978-3-492-07275-5

26,00 EUR

E-Book 25,99 EUR

Walter Pobaschnig 4/26

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„es ist diese Stimme“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Michael Augustin, Schriftsteller _ Bremen 29.4.2026

Ingeborg Bachmann _ Michael Augustin

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

im Interview  _ Michael Augustin, Schriftsteller _ Bremen.

Lieber Michael, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ich habe ihre Gedichte ja schon als Schüler gelesen, Ende der Sechzigerjahre in Lübeck, wo sie übrigens im März 1966 mal für den Norddeutschen Rundfunk öffentlich aus dem Manuskript ihrer Todesarten vorgetragen hat. Die Aufnahme gibt es noch im Deutschen Rundfunkarchiv und im Archiv des NDR. Aber da war ich als fast 13jähriger noch nicht wirklich fit für Veranstaltungen solcher Art, obwohl mir unvergessen ist, wie just in jener Zeit Bachmanns Kollege Hans Erich Nossack bei uns in der Schule gelesen hat aus seinem ungeheuerlichen Buch Der Untergang. Darin ging es zwar um den verheerenden Feuersturm nach der Bombardierung der Stadt Hamburg 1943, wovon ich natürlich aus den Erzählungen meiner Hamburger Großtante Grete wusste, aber was der Bombenkrieg in meiner Heimatstadt Lübeck angerichtet hat, das habe ich first hand aus den Erzählungen meiner Mutter erfahren, die ja dabei gewesen ist als Kind. Auch in den Sechzigerjahren waren die Kriegsspuren für jeden lesbar im Stadtbild. Aus dem Fenster meines Klassenzimmers in der Schule, in der Nossack uns damals vorlas, konnten wir auf die Trümmer einiger Backsteinmauern blicken, die zu noch längst nicht wiederaufgebauten Teilen des Lübecker Doms gehörten. Und obendrauf, das seh ich noch vor mir, waren seit Kriegsende ein paar Bäumchen gewachsen. Warum erzähle ich das? Weil diese eigenen Beobachtungen damals, die verbliebenen Trümmer, die noch frischen Erinnerungen meiner Mutter und meiner Großeltern, das Holzbein eines Nachbarn, die für Kriegsversehrte reservierten Plätze in den Stadtbussen und die spärlichen, nur widerstrebend abgegebenen Kriegsberichte meines (wie Ingeborg Bachmann 1926 geborenen) Vaters, der als 18jähriger noch Soldat werden musste und seine ostpreußische Heimatstadt Tilsit nie wiedergesehen hat – weil all das mein Bewusstsein als Nachkriegskind, als Nachgeborener geprägt hat und mir damit Tür und Tor geöffnet hat zu den Gedichten Ingeborg Bachmanns. Was mir aber möglicherweise erst viel später in dieser Deutlichkeit bewusst geworden ist. Wohl noch nicht in Lübeck damals. Aber doch schon in Kiel, wo ich 1972 mein Abitur gemacht habe und wo mir klar wurde, dass für mich ein Leben ohne Gedichte nicht infrage kommt.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Der Sound, ja, es ist der Sound, der Ton, der Klang, auch der Rhythmus. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich ihre Gedichte wohl gelesen haben mag, bevor ich sie zum ersten Mal im O-Ton hören konnte. Gedichte habe ich immer laut gelesen zu Hause, wenn ich mir einen Lyrikband aus der Bibliothek geholt oder vom Taschengeld zusammengespart hatte. Angefangen mit Brecht, Günter Eich, Johannes Bobrowski, Ilse Aichinger, Johannes Schenk, Enzensberger, auch Günter Grass, Marie Luise Kaschnitz, Günter Kunert, Sylvia Plath, Reiner Kunze, Rolf Dieter Brinkmann, Richard Brautigan, Ferlinghetti und eben Ingeborg Bachmann. Für die Jüngeren heute kaum vorstellbar, dass man damals nicht einfach Youtube oder Lyrikline konsultieren konnte, wenn einem der Sinn nach einer O-Ton-Autorenlesung stand. Der helle Wahnsinn, als ich im Kieler Amerikahaus zum ersten Mal auf nicht ausleihbarer Schallplatte gehört habe, wie T.S.Eliot sein Gedicht The Waste Land liest! Und Dylan Thomas erst! Was für ein akustischer Vulkanausbruch! Wir hatten Glück in Kiel, denn der Buchhändler Cordes war berühmt für die von ihm in schöner Regelmäßigkeit veranstalteten Autorenlesungen. Erich Fried, Peter Handke, Günter Grass, Elias Canetti, Peter Bichsel, Uwe Johnson, sogar Haldor Laxness durften wir mit roten Ohren lauschen. Viel Prosa, aber eben auch viel Lyrik, Gedichte vom Allerbesten. Ingeborg Bachmann war nicht darunter. Vielleicht habe ich sie verpasst? Jedenfalls habe ich sie niemals live erlebt, auch Celan nicht oder Jandl. Ich muss also noch ziemlich lange meinen eigenen, meinen selbstgemachten Bachmann-Sound in Kopf und Mund gehabt haben, wenn ich ihre Gedichte vom Blatt las. Ich weiß nicht mehr, wann ich dann zum ersten Mal ihre Stimme gehört habe. Aber ich weiß, dass ich diese Stimme niemals wieder aus dem Kopf bekommen werde. Egal, welche Seite ihrer wohlfeilen Werkausgabe ich auch aufschlage: es ertönt, eindringlich und klar ihre Stimme, die alles verrät über sie, über ihre Prosa und über ihre Gedichte, die ich so nicht missen möchte aus meinem Leben. Für viele Jahre, für mehrere Jahrzehnte, habe ich bei Radio Bremen Lyriksendungen produziert, Lesungen aufgenommen, Poeten moderiert und gelegentlich befragt in ungezählten Sendungen und mit ihnen gemeinsam gelesen. Und ich weiß, dass nicht jede Autorin, jeder Autor ein Performancekünstler sein muss, um das Geschriebene vom Papier an das Ohr der Lauschenden zu befördern. Ich glaube auch nicht, dass Ingeborg Bachmann eine Performancekünstlerin war oder dass es sich bei ihrer Art zu lesen um eine auf Effekt spekulierende Selbstinszenierung handelte. Um also vielleicht die Frage nach dem Besonderen ihres Schreibens zu beantworten: es ist diese Stimme – die aus den Gedichten durch sie spricht.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?

Ja, für mich ist es Die gestundete Zeit, erschienen als Band 12 der Reihe studio frankfurt, herausgegeben von Alfred Andersch, mit dessen Lebensgeschichte und dessen unfassbarer Wirkung im Radio der Nachkriegszeit ich mich vor einigen Jahren intensiv beschäftigt habe in einem Projekt für Radio Bremen. Was mich an diesem schmalen Bachmann-Bändchen so reizt, ist die Tatsache, dass es 1953 herausgekommen ist, 8 Jahre nach Kriegsende, genau im Jahr meiner Geburt. So wie es ja Schlüsselromane gibt, ist es für mich in diesem Fall gewissermaßen ein Schlüsselgedichtband, den ich jedesmal neu lese, wenn ich ihn lese, und ich habe ihn oft gelesen.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich hätte wahnsinnig gern von ihr, aus ihrem Munde erfahren, wie sie 1964 in Rom Anna Achmatova erlebt hat. En detail!

Und ich wüsste gern, wie der Tag im März 1966 in Lübeck für sie verlaufen ist, als sie in meiner Heimatstadt aus den Todesarten vorgelesen hat.

Ihr sagen würde ich gern, dass es mir ziemlich auf den Keks geht, wie jeder Editoren-Hans-und-Franz sich mit Sabber vor dem Schnabel an ihrem Liebesleben zu schaffen macht.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Mit dem vor Fantasie strotzenden Illustrator Andreas Röckener arbeite ich gerade an einem neuen Kinderbuch, das höchst merkwürdig kurze Prosagedichte enthalten wird. Und ich harre der Publikation meines irrwitzigen Collagepostkartenwechsels mit meinem Freund, dem 2019 verstorbenen Dichter Günter Kunert.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Ja, gern, aber sorry, es werden zwei Zitate aus Die gestundete Zeit:

Das erste aus dem Gedicht Alle Tage, in dem sie ja mitteilt, für was in den finsteren Zeiten als Auszeichnung der armselige Stern der Hoffnung verliehen wird. Nämlich dafür:

Für die Flucht von den Fahnen,

für die Tapferkeit vor dem Freund,

für den Verrat unwürdiger Geheimnisse

und die Nichtachtung

jeglichen Befehls.

Und das zweite Zitat stammt aus dem Gedicht Holz und Späne 

Zuerst abgedruckt in Die Neue Zeitung, München, am 11.Juni 1953.

Zwei Tage vor meiner Geburt.

Seht zu, dass ihr wachbleibt!

Herzlichen Dank für das Interview!

Es ist mir eine große Freude!

Michael Augustin, Schriftsteller

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann

Fotos: Michael Augustin _ privat.

Walter Pobaschnig, 11.4.26

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