„Ich nehme ich mir in der Früh eine „handylose“ Zeit und dann lasse ich mich aufs Chaos ein“ Fiona Ristl, Schauspielerin _ Wien 4.12.2021

Liebe Fiona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das weiß ich aktuell selbst nicht so genau, er variiert ziemlich –  wir leben in seltsamen Zeiten. Letzte Woche kam da schon mal ein Anruf in der Früh und ich hatte abends Vorstellung in einer abgeänderten Version gespielt. Aktuell befinde ich mich wieder in so einem Schwebezustand, indem ich nicht weiß wie und wann es weitergeht. Diese Unsicherheit nagt an mir. Deswegen versuche ich so gut es geht etwas Alltag reinzubekommen. Dazu nehme ich mir in der Früh eine „handylose“ Zeit, die ich mit Sport und Meditation verbringe – und dann lasse ich mich aufs Chaos ein.

Fiona Ristl, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich wünsche mir mehr Toleranz und Verständnis in einer Zeit, die polarisiert und damit Gräben aufwirft, die nur schwer zu schließen sind. Wir benötigen mehr Zusammenhalt und Respekt gegenüber unseren Mitmenschen. Besonders wichtig wäre jetzt eine Abkehr vom Egotrip unserer Gesellschaft hin zu einem nachhaltigen Denken und Verhalten, um uns allen eine Zukunftsperspektive zu ermöglichen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Kunst kann ein Nährboden für gesellschaftliche Veränderung sein in dem sie Ideen und Ansätze zum Nachdenken zur Verfügung stellt. Als systemrelevante Komponente berührt sie den Geist, nährt die Seele und lässt einen in andere Welten eintauchen.

Was liest Du derzeit?

Ernst Lothar – das Wunder des Überlebens

Textbuch – Tom Stoppard – Leopoldstadt

Und ich bin gerade im Schiller Fieber und verschlinge da „sämtliche Gedichte und Balladen“

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

F. Schiller („Einer“)

 „(…) Immer war mir das Feld und der Wald, und der Fels und die Gärten

Nur ein Raum, und du machst sie, Geliebte, zum Ort.

Raum und Zeit, ich empfind es, sind bloße Formen des Denkens,

Da das Eckchen mit dir, Liebchen, unendlich mir scheint.“

E. Lothar:

„ (…) dass jemand mich beaufsichtigte, wusste ich nicht, dass andere Leute außer mir da waren, verschwand, ich war glücklich. Davon, was auf der Bühne vorging, weiß ich nichts mehr, nur von dem Glücksgefühl. Und von einer willigen Bereitschaft, dem Wirklichen zu entlaufen.“

Vielen Dank für das Interview liebe Fiona, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Fiona Ristl, Schauspielerin

Foto_Harald Fischerlehner

28.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ganz wesentlich wird sein, dass wir uns nicht entmutigen lassen und wieder Freude am Leben finden sollten“ Reinhard Nowak, Kabarettist und Schauspieler _ Wien 3.12.2021

Lieber Reinhard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nachdem wir uns ja gerade, dank dem meiner Meinung nach völligem Versagen der Regierung, bereits im vierten Lockdown befinden, etwas eingeschränkt. Ich darf wieder nicht arbeiten, bin daher viel zu Hause und kümmere mich darum, dass meine Tochter nicht nur Tik-Tok Videos dreht, sondern auch etwas lernt. Wir haben uns aufgrund des aktuellen Infektionsgeschehens entschieden sie im Homeschooling zu lassen. Diesmal werde ich auch versuchen mich etwas weniger vollzustopfen und mich auch mehr zu bewegen als in den früheren Lockdowns, in denen ich enorm an Gewicht zugelegt habe. Da ja auch die Gastronomie geschlossen ist, kochen wir wieder mehr und werden neue Rezepte ausprobieren.

Reinhard Nowak, Kabarettist und Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir aus der Vergangenheit lernen, und nicht wieder bei sinkenden Inzidenzen auf alle Maßnahmen vergessen. Darum wäre es auch wichtig, dass seitens der Regierung nicht wieder die Pandemie frühzeitig für beendet erklärt wird. Jetzt ist die Situation leider so, dass es ohne Impfpflicht nicht zu schaffen sein wird, wieder ein halbwegs normales Leben zu führen. Dies ist nur möglich, wenn wir Alle an einem Strang ziehen und jeder Einzelne ohne egoistisch zu sein, an die Gemeinschaft denkt, auf die Wissenschaft vertraut und dementsprechend handelt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Kabarett, dem Theater/ Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ganz wesentlich wird sein, dass wir uns nicht entmutigen lassen und wieder Freude am Leben finden sollten, falls sie der Eine oder die Andere verloren hat.

Hoffentlich kommen die Menschen in absehbarer Zeit wieder ins Theater oder ins Kabarett, damit wir Künstler sie dabei unterstützen mögen! Und sie uns, damit wir wieder etwas verdienen können. Das wäre doch eine schöne Win-Win Situation J

Was liest Du derzeit?

Wenn Bücher gemeint sind, lese ich zur Zeit gar nichts. Ist zwar eine unspannende Antwort ist aber so. Verbringe leider zuviel Zeit auf Facebook. Hab aber schon einige Bücher in meinem Leben gelesen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein passender Spruch zur Pandemie und für die vielen Fehlgeleiteten die irgendwelche Fakenews und Verschwörungstheorien verbreiten, und gleichzeitig ein Aufruf zur Impfung:

„Lieber glaube ich an Wissenschaftler, die sich mal irren, als Irren, die glauben sie seien Wissenschaftler.“

Vielen Dank für das Interview lieber Reinhard, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kabarett-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Reinhard Nowak, Kabarettist und Schauspieler

Reinhard Nowak

Foto_Stefan Joham.

2.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Für die Notwendigkeit einer regen, vielseitigen und gut durchbluteten Kunstszene einzustehen“ Nora Romanoff-Schwarzberg _ Bratschistin_Veranstalterin _ Wien 2.12.2021

Liebe Nora, wie sieht dein Tagesablauf aus?

Im Jahresrückblick zunächst war der Sommer zum Glück konzertreich und mit vielen Auslandsreisen entsprechend intensiv und wunderschön. Allerdings hat es mich viel Kraft gekostet nach langer Pause wieder so viel unterwegs zu sein. Über die Corona-Zeit hat man sich an’s Daheim sein gewöhnt.

Im Herbst war ich dabei mit meinem Sohn Jascha wieder einen einigermaßen geregelten Tagesablauf einzuführen. Beruflich war sehr viel administrative Arbeit zu bewältigen, ich begann auch zu unterrichten und einige Reisen waren geplant und nun leider auch verschoben, aber es lichtet sich schon so langsam, hoffe ich, und die Planung wird wieder leichter bzw. möglich.

Nora Romanoff-Schwarzberg _ Bratschistin_Veranstalterin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Aus eigener Sicht würde ich sagen – die Ruhe und Besinnung auf sich, sowie die Flexibilität, die uns die erste Pandemiezeit hoffentlich gelehrt hat, zu bewahren. Ich habe es wohl einer guten Einstellung zu verdanken und schätze mich glücklich, dass mir die letzten 1,2 Jahre sehr viele positive Entwicklungen auf allen Ebenen gebracht haben.

Ich denke die meisten von uns Musikerinnen/Bühnenmenschen haben sich mittlerweile damit abgefunden – trotz der Freude über die Rückkehr auf die Podien – dass die „alte Normalität“, wenn überhaupt, nicht so schnell wieder einkehren wird. Für die einen wird es zu viel, für andere zu wenig Aktivität sein. So wähle ich jetzt beispielsweise bewusster und reflektierter die Tätigkeiten aus, die für mich Sinn machen und meine Energie wert sind.

Besonders wichtig wird es weiterhin sein bei jeder Gelegenheit, politisch und gesellschaftlich, für die Notwendigkeit einer regen, vielseitigen und gut durchbluteten Kunstszene einzustehen. Geduld, Wertschätzung und Dankbarkeit sind mir immer wichtig – jetzt noch mehr als früher.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Ich empfinde seit geraumer Zeit mehr als je das Bedürfnis zur Sinnfindung durch meine künstlerische Tätigkeit. Der Pandemie sei Dank ist es mir gelungen ein wunderbares Projekt für meine Community im Sankt-Elisabeth-Grätzel auf die Beine zu stellen – mit Unterstützung der Bezirksvorstehung und der Kirchengemeinde haben wir es in der warmen Jahreszeit 2020 und 2021 geschafft insgesamt etwa 70 Genre-übergreifende Musikveranstaltungen am Vorplatz der Kirche zu organisieren. Die Rezeption dieser frei zugänglichen Konzerte, die gesammelt vom Lauf- zum Stammpublikum so viel Dankbarkeit und Wertschätzung eingespielt haben, erfreuen durch eine Eigendynamik, die mich einer gesellschaftlichen Aufgabe als Künstlerin so nah gebracht haben wie sonst nichts zuvor. Ich wünsche allen Künstlerinnen eine solche Erfahrung. Vor und für Menschen spielen zu dürfen ist Privileg und Lebensaufgabe. Wir haben die Fähigkeit durch die eigene Freude am Auftritt der menschlichen Begegnung mit sich und anderen eine sinnstiftende Qualität zu schenken – das ist meiner Ansicht nach ein unbezahlbares, wunderschönes Gut.

Was liest Du derzeit?

Dies und das, zwischendurch. Erich Fromm „Vom haben zum Sein“, „Das Wunder der
Wertschätzung“ von Reinhard Haller und eine große Empfehlung – „Women who run with the
wolves“ von Clarissa Pinmkola Estés.
Gerne immer wieder Falter und Standard.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Das Gefühl kann viel feinfühliger sein als der Verstand scharfsinnig.“ Viktor Frankl

Vielen Dank für das Interview liebe Nora, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Nora Romanoff-Schwarzberg _ Bratschistin_Veranstalterin

https://www.noraromanoffschwarzberg.com/

Foto_Andrej Grilc

14.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es werden die letzten Tage eines langen Weges beschrieben“ Hannelore Schmid, Schauspielerin_Romanjubiläum Malina _ Wien 2.12.2021

Herzlichen Willkommen, liebe Hannelore Schmid, Schauspielerin, hier am Romanschauplatz „Malina“ in Wien III.!

Hannelore Schmid_Schauspielerin_
am Romanschauplatz_Malina _ Wien

Du lebst und arbeitest in Wien und Graz. Welche Bedeutung haben Orte für Dich?

Als Erstes fällt mir Erinnerung ein. In Wien bin ich aufgewachsen und wenn ich durch die Straßen gehe, ploppt an jeder Ecke eine Erinnerung auf. Manchmal genieße ich es, mich in die Atmosphäre hinein fallen zu lassen, aber dann hatte ich Sehnsucht nach einem Ort ohne Erinnerung. Das ist Graz für mich. Ein Ort wo Neues entstehen darf. Bis auch das zur Erinnerung wird.

Ingeborg Bachmann zog in jungen Jahren aus Kärnten nach Wien. Bei Dir gibt es die umgekehrte Bewegung in den Süden nach Graz. Was waren da für Dich Beweggründe?

Ich war vor zehn Jahren schon einmal eine Zeit lang in Graz, habe dort Schauspielunterricht genommen und mich in die Stadt verliebt. Diesmal kam der Impuls eigentlich von Freunden. Ich habe ein Wochenende mit ihnen in Graz verbracht um Geburtstag zu feiern, und mein bester Freund sagte: „Wenn du dich hier so wohl fühlst, nimm doch wieder einmal eine Auszeit und geh zum Schreiben nach Graz.“ Nach einem Monat Schreiben in der Stadt meines Herzens, war der Wunsch zu bleiben so vehement, dass ich seither einen zweiten Wohnsitz habe.

Wolfgang Bauer hat ja einmal gesagt: „Zum Schreiben brauche ich eine Stadt, in der es innerlich tobt, zum Beispiel New York oder Graz.“ Ich sehe das auch so (lacht). Graz ist eine hervorragende Stadt, um zu schreiben.

Was sind Deine aktuellen Schreibprojekte?

Aktuell arbeite ich mit dem Regiesseur Thomas Toppler an einem Theaterprojekt. Es handelt sich dabei um die in Österreich noch wenig bekannte Spielform des Bouffon Theaters. Wir arbeiten  gemeinsam am Text und sind zurzeit dabei Darsteller*innen zu casten. Premiere ist im März 2022 am TAG Theater.

Das gemeinsame Schreiben ist eine Herausforderung, bei der Thomas und ich uns gut ergänzen. Für mich geht es um die Aneignung eines neuen künstlerischen Genres und darum dem komplexen Aufbau des Stückes gerecht zu werden. Es gibt drei Spiel- und vier Handlungsebenen. Wir entwickeln die Handlung und schreiben Dialoge, lassen aber auch Platz für Szenen, die über Improvisation mit dem Ensemble entstehen sollen. Es ist in vielerlei Hinsicht neu und aufregend für mich.

Könntest Du das Konzept des Bouffon Theaters etwas näher vorstellen?

Bouffons sind clownähnliche Kunstfiguren, welche auf der Bühne die Ausgestoßenen einer Gesellschaft darstellen. Da sie auf der untersten Stufe stehen, dürfen sie dem Publikum gnadenlos den Spiegel vorhalten. Im Spiel mit dem Publikum testen sie Grenzen aus, bleiben dabei aber stets charmant, um die Gunst der Zuseher*innen nicht zu verlieren. Das Ausprobieren beginnt schon beim Schreiben. Was darf ausgesprochen werden, was nicht? Bereits das Verfassen der Projektbeschreibung für die Förderstellen war eine Gratwanderung. Ein sehr interessanter Prozess.

Ist diese Theater Konzeption auch mit dem Roman „Malina“ vergleichbar? Siehst Du da Berührungspunkte?

Schwierig, vielleicht am ehesten in der Form. Malina spielt auch mit unterschiedliche Textebenen. Es gibt den Bewusstseinsstrom, der durch Briefe, Interviews, Dialoge unterbrochen wird. Und man weiß nie genau: Was ist Realität, was Traum, was Gedanke, was ist Innen- oder Außenwelt? Die Frage, wer diese Figuren, die im Roman auftreten, eigentlich sind, bleibt letztlich offen. Sind das reale Menschen oder Anteile einer einzigen Person?

In unserem Bouffon Theaterstück gibt es auch mehrere Ebenen im Text und zum Beispiel Figuren, die als Personifikation eines Prinzips auftreten.

Ist die Ich-Erzählerin in ihrer Beziehung zu Ivan im Roman mit den Prototypen der Ausgestoßenen im Bouffon Theater vergleichbar? 

Ivan und die Ich-Erzählerin stoßen einander gegenseitig weg. Es ist keine Partnerschaft, sondern eine Affäre und sie beziehen beide etwas daraus. Sie interessieren sich nicht wirklich füreinander oder das Leben des anderen. Die Ich-Erzählerin schildert, dass sie einander niemals in der Stadt begegnen. Es gibt keine Berührungspunkte außer ihre Treffen zu zweit.

Ivan darf für sie nur der wunderbare Ivan sein und das soll, muss er bleiben. Sie möchte keinen Alltag mit ihm.

Die Ausgegrenztheit der Ich-Erzählerin sehe ich einerseits im Außen, wo sie in der Gesellschaft funktioniert aber untergeht und anderseits innerlich, wo sie die sensible, naive Seite abspaltet vom männlichen Part Malina.

Wie siehst Du den Weg der Ich-Erzählerin als Frau in diesen Gegebenheiten, denen sie ausgesetzt ist?

Für mich ist dieser Roman sehr interessant, weil ich schon einer anderen Generation angehöre und dadurch einen gewissen Abstand habe. Ich sehe vieles darin was immer noch stattfindet – nur auf einer subtileren Ebene – und kann mich gut einfühlen.

In ihrem Verhältnis zu den beiden Männern – wenn man Ivan und Malina als reale Personen betrachtet –  fragt man sich bald, warum die Ich-Erzählerin Ivan so sehr anhimmelt. Er ist eine eher uninteressante Figur ist und geht einem nach wenigen Seiten auf die Nerven. Ivan ist nicht empathisch oder unterstützend, er versteht sie nicht, sondern macht sie nieder und sagt Dinge wie: „Sei doch fröhlich!“ oder „Schreib doch einmal ein schönes Buch.“  Warum vergöttert sie ihn so, warum braucht sie dieses Vergöttern? Aber Ivan ist ihr Rausch, wenn Ivan da ist, ist alles gut. Ivan ist das Allheilmittel und sie gibt sich diesem hin. Es ist sehr interessant, dass der Roman diese Seite der Abhängigkeit, dieses Denken und Fühlen, zeigt, dies schildert und zugibt. Diese naive, verletzliche Seite, die ständig mit ihrem Selbstwert kämpft,wird schonungslos präsentiert.

Malina ist distanziert, aber immer für sie da. Wenn im Außen etwas zu erledigen ist, übernimmt Malina. Da ist diese Souveränität, die die verletzliche Seite beschützt.

Es ist nicht so, dass sie diesen beiden Männern ausgeliefert ist. Sie hat sich ganz gut eingerichtet zwischen den beiden, von dem Einem bezieht sie das Eine von dem Anderen das Andere. Und die beiden begegnen einander nie. So lebt sie, wie es anfangs wirkt, ganz gut. Bis dann alles auseinanderbricht. Malina verrät sie, der Beschützer wird zur inneren Bedrohung. Er beginnt sie zu kontrollieren, zuerst auch um sie zu retten, als er ihr beispielsweise die Tabletten wegnimmt. Aber nach und nach nimmt er alles, was sie ausmacht.

Wenn ich den Roman heute lese, dann merke ich, dass auch ich als Frau eine Seite in mir verstecke, beschütze, verdränge und dass auch ich mir etwas zugelegt habe, das nach Außen wirkt.

Ist die Ich-Erzählerin in ihrer zerbrechlichen Identität, dem Wechselspiel von Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit, auch heute ein Bild für das Frausein?

Der Roman schildert den Kampf um Identität der Ich-Erzählerin in schonungsloser Offenheit. Einen Versuch von Freiheit, der für mich misslingt. Es werden die letzten Tage eines langen Weges beschrieben.

Die Welt, in der sie es sich eingerichtet hat, stürzt zusammen, die Vergangenheit, holt sie alptraumhaft ein, sie kann nicht mehr zurück in das gesicherte Leben im Ungargassenland. Sie kann auch Ivan nicht mehr so ansehen wie früher. Sie sieht ihn jetzt „wie ein Arzt einen Lungenkranken“. Sie sieht die „Flecken am Röntgen vom Rauchen“ und nicht mehr den herrlichen Ivan. Die Droge wirkt nicht mehr.

Malina, der sie beschützt hat, wendet sich gegen sie.

Im Roman findet keine Befreiung statt. Das Ende ist das Ende.

Was sind die Gründe für dieses Ende, dieses Verschwinden der Ich-Erzählerin im dramatischen Romanfinale?

Die Situation der Ich-Erzählerin, ist aus dem Zusammenspiel ihrer persönlichen Geschichte und den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu sehen. Im zweiten Kapitel tritt diese zerstörerische Vaterfigur auf, die aus diesem System erwachsen und dafür sehr typisch ist.

Der Vater spielt seine Macht aus, die Mutter beschützt das Kind nicht. Und das nimmt es ein Stück weit mit in sein ganzes Leben. Auch wenn das Umfeld dann relativ freundlich und ungefährlich ist, reißt die Wunde immer wieder auf, wenn Abwertung geschieht.

Das Verschwinden oder die Auslöschung findet im Innen und Außen statt. Die Ich-Erzählerin ist persönlich geschwächt und findet keinen Platz in der Gesellschaft, keine Möglichkeit ihre Verletztheit zu überwinden und einen Sinn zu finden, der über etwas wie die Scheinfreude mit Ivan hinausgeht. Sie findet nichts in dieser Welt, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Wie siehst Du die Konzeption und inhaltliche Ausrichtung des Romans?

Der erste Teil liest sich zunächst recht schön in der Schilderung einer Lebens-, Liebesgeschichte. Schon zu Beginn sagt sie, dass sie  mit Ivan eigentlich kaum spricht. Auch die Telefonate sind Ausdruck davon. Es sind Satzfetzen, aus denen keine echte Kommunikation entsteht. Wirkliche Gespräche führt sie mit Malina. Die sind aber im Endeffekt Gespräche mit sich selbst sind. Es gibt keine Verbindung nach Außen, sie handelt alles innerlich ab.

Der Mittelteil im Rückblick auf Vergangenheit, Traumschilderung fällt deutlich heraus. Im dritten Teil stehen dann die inneren Monologe/Dialoge mit Malina im Vordergrund.

Am Interessantesten sind für mich die kleinen, konkreten Dinge. Etwa das Scheininterview, das da geführt wird und die Briefe, die sie als „die Unbekannte“ an Menschen schreibt, auf die sie wütend ist oder ihre Wut projiziert. Auch ihre Aggression lebt sie im Rückzug aus. Ihre Briefe zu lesen hat aber etwas sehr Befriedigendes. Denn diese naive, sensible Seite, die die Ich-Erzählerin zeigt, traut sich darin Sachen zu sagen, die zwar offensichtlich absurd sind, aber gleichzeitig möchte man sagen, ja, das ist vollkommen wahr, da hat sie vollkommen recht.

Der Roman ist ganz aus der Innensicht geschrieben. Nur ihre innere Welt wird geschildert.

Die Ich-Erzählerin ist Schriftstellerin. Gibt es da ein Wiederkennen im Ringen von Beruf und Leben als Künstlerin, Schauspielerin?

Ja, durchaus. Sowohl in der Verzweiflung wie im Umgang mit der Verzweiflung (lacht). Dass man vieles in Geschichten verpackt, ist mir sehr vertraut, auch diese inneren Monologe oder Dialoge zu führen. Briefe zu schreiben, die man niemals abschickt (lacht).

Über ein Thema ironisch zu reflektieren, es nicht zu ernst zu nehmen und aber dadurch auf Wahrheiten zu kommen, finde ich eine spannende Zugangsweise bei Bachmann.

Es sind viele einzelne Passagen, Sätze, die mir sehr gut gefallen. Etwa wenn sie sagt, „nein, ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir“. In meiner Kindheit und Jugend, habe ich alles gelesen, was mir in die Finger gekommen ist. Wenn sie schreibt, „ich lese in der Küche und am Gang…“, das ist mir alles sehr nah.

Ganz toll finde ich die Stelle, wo sie sagt „es gibt Bücher, die nehme ich nur vormittags zu mir“. Für mich war Malina ganz klar ein Buch, das ich am Morgen gelesen habe. Nur das Ende habe ich gestern Abend gelesen. Das hat mich dann auch ganz aufgewühlt. Zum Glück habe ich eine Freundin erreicht, mit der ich darüber reden konnte (lacht). Malina ist ein Roman, den man sich besser nur vormittags zuführt.

Warum ist für Dich der Vormittag die ideale Malina Lesezeit?

Am Morgen habe ich die Leichtigkeit, das Positive in dem Roman zu sehen. Nachmittags würde ich seine Schwere als bedrückend empfinden. Der Geist ist auch wacher in der Früh, Malina ist kein ganz einfaches Buch, man braucht Ruhe und Wachheit dafür.

Gibt es für Dich beim Lesen bestimmte Rituale, Settings? 

Momentan lese ich morgens, ich starte den Tag mit einem Buch. Und sonst in der U-Bahn (lacht). Und sehr gerne auch nachmittags in am Balkon in der Sonne. Ich habe auch immer ein Buch in der Küche. Während der Reis kocht, lese ich (lacht). Im Zug natürlich auch.

Wie war der Leseprozess für Dich jetzt bei Malina? Wie reflektierst, verarbeitest Du da?

Der Roman hat mich zum persönlichen Nachdenken angeregt. Natürlich hatte ich dabei im Hinterkopf, später darüber sprechen zu können. Ich fand es lustig, dass im Roman selbst eine Interview-Situation vorkommt. Oder der Herbstmantel der Ich-Erzählerin, den sie im Frühjahr ihren Frühjahrsmantel nennt. So wie der Mantel, den ich für´s Shooting gewählt habe. Parallelen sind auf so vielen Ebenen zu finden! Verarbeitet habe ich das Gelesene in Gesprächen und Tagebucheinträgen.

Als ich angefangen habe Malina zu lesen, hatte ich auch gerade „Ein eigenes Zimmer“ von Virginia Woolf begonnen. Ich habe die beiden Bücher parallel gelesen und fand die theoretische Ebene des Essays über Frauen und Literatur bei Virginia Woolf und die emotionale Innenschau von Ingeborg Bachmann sehr befruchtend.

Ist Malina ein Roman, der sehr direkt nach der eigenen Lebenswelt fragt und zum Nachdenken einlädt bzw. dies fordert?

Auf jeden Fall. Man vergleicht sich unwillkürlich mit der Ich-Erzählerin, findet sich in ihren Lösungsansätzen wieder oder ertappt sich bei dem Gedanken: Ich mache es genau so, und das ist keinesfalls eine Lösung!

Man nimmt viel mit, wenn man sich auf den Dialog mit dem Roman einlässt. Ich konnte ihn nicht von mir weghalten (lacht). Ich habe ihn aber auch mit der Absicht gelesen, mich davon berühren zu lassen.

Welche Zugänge gab es bisher von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Nicht viele, ihre Gedichte haben mich als Jugendliche sehr angesprochen, damals habe ich selbst Gedichte geschrieben. Natürlich war sie mir immer ein Begriff und ihre Lebensgeschichte bewegt mich.

Ich bin dankbar für den wunderbaren Anlass jetzt Malina zu lesen. Ich denke, dass ich jetzt im richtigen Alter für den Roman bin. Als Zwanzigjährige hätte ich nicht so viel daraus beziehen können.

Wie befinden uns am Weg zum Romanschauplatz, dem „Ungargassenland“ in Wien III.. Ist Dir dieses vertraut?

(lacht) Ja, es ist mir sehr vertraut. Ich habe meine ersten fünf Lebensjahre im südlichen Teil von Wien III. verbracht, wir haben zu fünft in einer Zimmer-Küche-Kabinett Wohnung gelebt.

Als Kind nimmt man alles über die Sinne wahr, die Stadt ist ganz Geruch, Lärm, Farbe.

Mein erster Kinderspielplatz war unter dem Flakturm des Weltkrieges im Arenbergpark. Als Kind hatte die Stadt etwas Bedrängendes und Bedrohliches an sich, ich habe mich nach dem Grün, dem Land gesehnt.

Als Erwachsene habe ich das Ungargassenland mit anderen Augen sehen gelernt, Freunde leben hier und ich habe in einem Espresso in der Gegend gearbeitet. Ich habe mich auf Spurensuche nach meiner Kindheit begeben und viel Schönheit gefunden, etwa das Grün versteckter Innenhöfe.

Hast Du im Roman Orte der Kindheit wiedererkannt?

Ja, die Straßen und Wege, die im Roman genannt sind, sind mir sehr geläufig. Damit und darin bin ich aufgewachsen, das ist und bleibt präsent.

Wie siehst Du als Wienerin das Wienbild im Roman?

Ich erkenne das Wien meiner Kindheit darin. Ingeborg Bachmann schildert die Orte mit viel Liebe, die Gesellschaft aber als sehr oberflächlich. Bei den Personen, denen die Ich-Erzählerin begegnet, stellt man sich die Frage, ob sie überhaupt real sind. Sie wirken wie Hüllen, sind nur Namen ohne Charakter. Vielleicht sind sie alle nur Ideen, Anteile ihrer selbst? Wien hat diese Schönheit, Faszination und Ungreifbarkeit.

Außerhalb der Sadt, etwa am Wolfgangsee, wird es sehr real, da wird eine selbstverliebte Gesellschaft bis ins Detail beschrieben. An beiden Orten gibt es keine Nähe zwischen den Menschen.

Das Ungargassenland ist im ersten Teil ganz ihr Zuhause, das sie liebt und nie verlassen will. Im dritten Teil beginnt sie zu überlegen wegzuziehen. In den dreizehnten oder neunzehnten Bezirk, aber bloß nicht auf die Hohe Warte (lacht). Das Ungargassenland hat keine Sicherheit mehr für sie.

Ingeborg Bachmann zog von Wien nach Rom und verfasste dort den Roman. Sie überlegte in den letzten Lebensjahren nach Wien zurückzukehren. Wie erlebst Du das Fortgehen und Wiederankommen in Wien?

Ich sehe es genauso, dass Wien mich nicht loslässt (lacht). Meine Familie und Freunde leben auch hier.

Für mich ist das richtige Nähe-Distanz Verhältnis zu Wien wichtig (lacht). Dann kann ich es auch genießen. Das ist wie in der Liebe (lacht). Ohne Nähe entsteht nichts und einander zu nahe treten wirkt auch zerstörerisch.

Was macht den Zauber von Wien aus?

Wien ist es der Ort meiner Kindheit und Wurzeln. Ich liebe die unterschiedlichen Plätze und Grätzl in Wien, die Architektur der inneren Stadt genauso wie den Charme der Vorstadt, die Donauinsel oder den Wiener Wald. Ich kann zu Fuß in den Wald gehen und bin trotzdem mit der U-Bahn gleich im Stadtzentrum. Wo hat man das sonst? Die soziale Durchmischung ist gut in den Wien, Gemeindebauten liegen neben Villenviertel.

Das öffentliche Verkehrsnetz ist toll.

Die Luft ist gut in Wien (lacht). Auch wenn sich alle über den Wind beklagen.

Wiener*inne zeigen ihre  Liebe auch dadurch, dass sie sich über alles aufregen. Das Grant´ln. Man weiß dabei aber auch, dass man selbst mitgemeint ist und die Aggression wird abgemildert durch Humor. Den Wiener Schmäh. Wiener Schimpfwörter sind sehr lustig und nicht nur verletzend.

Wienliebe und Wiener Schmäh gehören zusammen (lacht). Genauso die Melancholie und Sentimentalität.

Darf ich Dich zum Interviewabschluss zu einem Malina-Achrostikon bitten?

M Mein

A Abenteuer

L Lust

I Innenraum

N Nähe

A Aus

Hannelore Schmid_Schauspielerin_
am Romanschauplatz_Malina _ Wien

Herzlichen Dank, liebe Hannelore, für Deine Zeit in Wort und szenischer Darstellung hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Hannelore Schmid_Schauspielerin

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

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Walter Pobaschnig 12_21

„ned deppert sein, si ned anscheissen und liebe“ Robert Reinagl, Schauspieler_Wien 1.12.2021

Lieber Robert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

bewegen, frühstücken, üben, lesen, essen, schlafen, bewegen, proben, spielen, schlafen. in dieser o.ä.reihenfolge. aufnehmen, singen, büro als variable

Robert Reinagl, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

nix anderes als sonst. ich zitiere heini staudinger: ned deppert sein, si ned anscheissen und liebe

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

im wesentlichen auch hier dasselbe wie immer. die pandemische zwangspause hat auch zeit zum nachdenken, zum lernen, gebracht. kunst als reflexion über unsere existenz, als spiegel, aber auch als zweckungebundenen luxus unterscheidet uns vom vieh. listen ausfüllen kann man vermutlich auch einem pudel beibringen.

Was liest Du derzeit?

bücher von john cleese, werner schneyder, meinhard rauchensteiner, hans lebert und robert burns. liedertexte, die hermann leopoldi vertont hat.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

nichts gibt einem so sehr das gefühl der unendlichkeit als wie die dummheit.
(vorwort „geschichten aus dem wiener wald“ ödön von horvath

Vielen Dank für das Interview lieber Robert, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Robert Reinagl, Schauspieler

Start

Foto_Dieter Steinbach.

21.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Schönheit des Himmels“ Sarah Biasini. Zsolnay Verlag

5.0.2

Mai 2017. Paris. Da ist das Leben und da ist der Tod. Ruhelos. Die Nachricht vom werdenden Leben und die Nachricht von der Schändung des Grabes der Mutter. Sonne und Mond. Tag und Nacht. Gedanken. Zurück. Im Mai 1982 stirbt ihre Mutter Romy Schneider. Mit 43 Jahren. 1981 starb ihr Bruder David. Der Blick nach vor und der Blick zurück…jetzt aufschreiben, erzählen, zurück- und aufblicken…

„Es gibt nichts Schöneres, als sie „meine Mutter“ zu nennen. Niemand außer mir darf sie so nennen. Das lasse ich mir nicht nehmen…“

Sarah Biasini, Schauspielerin, Tochter von Romy Schneider, Schauspielerin, legt mit „Die Schönheit des Himmels“ eine eindringliche Reise zu Gedankenstationen im Leben einer jungen Frau und werdenden Mutter wie Tochter eines berühmten Filmstars vor, die in Offenheit und Direktheit im Lesen ganz still werden lassen und einladen gleichsam respektvoll zuzuhören und die Bilder im Erzählen wahrzunehmen.

Das Buch erinnert in seiner Bildkraft und existentiellen Szenenfolge eines Lebens und dessen Fragen und Herausforderungen an die Tradition französischen Films. Es ist eine Leinwand eines Lebens, Dunkelheit um lebendiges Bild,  und jedes Wort hat eine Wirkung im Erzählen einer jungen Frau wie Tochter, dass immer auch eine Ansprache, einen Dialog zur Lesenden/zum Leser hat.

Sarah Biasini setzt mit diesem Buch ihrer berühmten Mutter kein Denkmal stummen Steins sondern gibt mutigen, fragenden Leben in Erinnerung und Weg das Wort. Ein besonderes Lesereignis.

Walter Pobaschnig 11_21

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„Und jeden Tag versuche ich es aufs Neue“ Susanne Weins, StimmPerformerin _ Düsseldorf 30.11.2021

Liebe Susanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ein früher Morgen in meinem Haus. Gegen 6.00 Uhr stolpert es auf leisen Sohlen in die Küche, um den noch traumtrunkenen Blick in die heiß dampfende Kaffeetasse zu versenken. Drauf wird der Tochter ein lebensgeister-erweckendes Frühstück  gezaubert mit Zimt, Vanille, Kräutertee und viel Magie um den unverschämt frühen Schulbeginn mit etwas mehr Gelassenheit  begegnen zu können. Die Zeit für die künstlerischen Aufgabe beginnt nun. Warm up, Stimme und Bewegung, etwas  Klavier, Worte, Text, Sounds-, Recherchen— Inspirationen—-falls nicht doch noch der eine oder andere Unterrichtsteilnehmer vor der Tür steht; Oder ein weiterer Förderantrag mit entsprechend elend langen Bürokratien auf dem Schreibtisch wartet. Doch meist bleibt für jeden Bereich ein kleiner Moment. Eben jene kleinne Momente, die das sinnschaffende Überleben sichern.

Ab mittags wende ich mich wieder der Familie zu. Doch es gibt immer viel zu tun. Es ist ja so, dass ich als selbstständige Künstlerin für alles sorgen muss. Und alles heißt alles. Das immer wieder neu und frisch. Die Zeit läuft und wird schneller. Und schwieriger. Und jeden Tag versuche ich es aufs Neue. Die Zeit in eine etwas andere Form zu gießen. Mich langsam gegen Strom bewegen, oder in ihm luftanhaltend verharren. Einen anhaltenden Phrasierungsbogen gestalten.

Susanne Weins, StimmPerformerin, Performancekünstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Freundschaft, Solidarität, gegenseitige Unterstützung. Nur in der verwöhnten Welt des Kapitalismus scheint der/die FreundIn ein austauschbares ‚Extra‘ zu sein. Der Freundschaftsgedanke sollte nicht durch politische, weltanschauliche Konflikte erschüttert werden. Freundschaft findet Rückbindung in Intuition, einer tieferen Schicht Weisheit, dem Vorschuss, der Vertrauen schenkt. Zerbrechlich aber notwendiger denn je.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Weiter gehen. Genau wahrnehmen was geschieht. Um mich herum und in mir. Wir sind Seismographen. Mit unverstelltem Gespür aufmerksam durch das Dickicht dieser Zeit. Sich weiterhin trauen zu fühlen, zu denken, zu sagen, präsent zu sein. Präsent sein. Ja, ich plane einen Performance-Salon mit Freunden über das Thema Freundschaft. Ich hoffen es wird uns gelingen.

Was liest Du derzeit?

Natürlich zum Thema ‚ Freundinnen- Eine Kulturgeschichte ‚ von Marilyn Yalom, ‚Die Sichtbaren Seele der Dinge‘ von Kintsugi.  Ralf Peters ‚ In Gedanken: singen‘.  ‚The Fall of Faust‘ von Andrea Pagnes, und immer wieder die alten Wegbegleiter Frischs Tagebücher, Bachmanns Lyrik, Wolfs Prosa. Ein Blick— ein paar Sätze erinnern mich an stärkere Tage und geben mich mir wieder.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Schatten Rosen Schatten

Susanne Weins, StimmPerformerin, Performancekünstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Susanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Performanceprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Susanne Weins, StimmPerformerin, Performancekünstlerin

http://www.susanneweins.com/Susanne_Weins/HOME.html

Fotos_1 privat; 2 Rene Ruelke.

28.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Den Blick auf die Zukunft richten. Die Hoffnung nicht aufgeben“ Roman Israel, Schriftsteller _ Leipzig 29.11.2021

Lieber Roman, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach wie vor stehe ich jeden Morgen auf und gehe am Abend ins Bett, insofern ist vieles beim Alten geblieben. Mit dem Unterschied, dass die Nächte seit Pandemiebeginn gefühlt immer kürzer werden. Neben der Arbeit an diversen literarischen Projekten – u.a. wird im Frühjahr ein neuer Roman von mir erscheinen – und dem ehrenamtlichen Engagement in zwei literarischen Vereinen, unterstütze ich nach Kräften meine Lebensgefährtin und ihren Sohn. Pendele alle paar Tage zwischen zwei Städten hin und her, und werde, sofern es wieder dazu kommen sollte, wie zu Beginn dieses Jahres die Homeschooling-Betreuung übernehmen. Meine schriftstellerische Tätigkeit wird dann erneut zur schönsten Nebensächlichkeit der Welt.

Roman Israel, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Abstand halten. Ruhe bewahren. Sich nicht aufregen. Nachsicht zeigen, auch wenn es zunehmend schwer fällt. Den Blick auf die Zukunft richten. Die Hoffnung nicht aufgeben. Irgendwann ist das alles hier vorbei.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Literatur sollte zweifellos weiterhin als Mahnerin auftreten sowie den Istzustand sezieren und kritisieren, jedoch mit gleicher Inbrunst auch Trösten, Erfreuen, die dunklen Wolken vertreiben, Hoffnung auf bessere Zeiten machen.

Was liest Du derzeit?

Spektrum der Wissenschaft Spezial. Vom Quant zur Materie.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Urteile über diese Menschen – aber erst, wenn du eine Weile in ihren Mokassins gelaufen bist. (indianisches Sprichwort)

Vielen Dank für das Interview lieber Roman, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Roman Israel, Schriftsteller

www.romanisrael.de

Foto_Gert Mothes.

27.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mir ist das Kunsterleben als soziales Zusammenkommen sehr wichtig“ Esther Holland-Merten, künstlerische Leitung WUK performing arts _Wien 28.11.2021

Liebe Esther, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tatsächlich ist nur eine Routine unter der Woche wiederkehrend und das ist das Klingeln des Weckers um 6.30Uhr, damit die Tochter rechtzeitig in die Schule kommt. Dann ist tatsächlich jeder Tag anders, mal fängt er direkt mit beruflichen Zoom Meetings an, die dann bis in die Nachmittagsstunden hinein dauern, mal beginne ich den Tag mit Laufen, dann arbeite ich Emails ab, die ich unbedingt beantworten muss und dann kann ich mich auch den Anfragen widmen, die schon viel zu lange unbearbeitet im Posteingang liegen. Dann schaue ich, ob ich Veranstaltungen online am Nachmittag „besuchen“ kann, um mich immer wieder auch mit geistigem Input zu versorgen. Dann gibt es ab und zu private Telefonate, um im Familien- und Freund_innenkreis zu erfahren, wie es allen geht. Und am Nachmittag ist dann wieder Quality Time in Familie, wobei am Abend dann wieder online Veranstaltungen oder digitale Freund_innentreffen dran sind.

Mir geht ganz viel im Kopf herum, das ich sonst vor Ort in der Arbeit sofort immer mit den Menschen um mich herum teilen kann, was gerade eben durch den Lockdown und die räumliche Trennung nicht geht. Es fehlt mir sehr, nicht zielorientiert Gespräche führen zu müssen, sondern Gedanken miteinander zu teilen, die unfertig sind, die viele Fragezeichen mit sich bringen, die keine klare Position beziehen können, die nie eine Antwort erhalten werden.

Esther Holland-Merten_ Künstlerische Leitung WUK performing arts _Wien

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht für alle sprechen, ich kann das nur für mich tun. Mir ist es wichtig, alles zu tun, das Leben in und mit der Pandemie so verantwortungsbewusst wie möglich zu gestalten. Durch meine Arbeit als künstlerische Leiterin denke ich dabei nicht nur an meinen privaten Bereich, sondern vor allem auch an die Menschen, mit denen ich täglich arbeite und an die Menschen, die als Publikum zu uns kommen. Ihnen und uns über diese Zeit zu helfen, beieinander zu bleiben, sich zuzuhören, den Austausch nicht zu verlieren, das sind gerade die Dinge, die mich beschäftigen und die mir wichtig sind.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Musik, der Kunst an sich zu?

In meiner Arbeit als Kunstermöglicherin stehen immer die Menschen im Vordergrund, sowohl hinter als auch auf als auch vor der Bühne. Mir ist das Kunsterleben als soziales Zusammenkommen sehr wichtig. Ich erlebe es immer wieder, dass eben nicht nur das Anschauen von Kunst wichtig ist, sondern vor allem der Austausch. Und so dauern Events bei uns am Abend weitaus länger als nur die reine Vorstellung. Menschen bleiben beieinanderstehen, um miteinander zu sprechen, um miteinander Zeit zu verbringen, um ihre Erfahrungen zu teilen. Und darin sehe ich die große Chance des Kunstbereichs, um derzeitiger Vereinzelung, Verlorenheit etwas entgegen zu halten, nämlich das persönliche Miteinander. Dafür die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass es geteilte Erfahrungen geben kann, darin sehe ich gerade für mich die wesentliche Rolle als Veranstalterin und Kuratorin.

Was liest Du derzeit?

Ich lese von Emilia Roig „Why we matter. Das Ende der Unterdrückung”. Das Thema von Machtverhältnissen, von Ausschlussverfahren, von Abgrenzung, von Erniedrigung liegt mir sehr am Herzen, weil ich glaube, dass wir als europäische demokratische Gesellschaften immer noch unterschätzen, welche Mechanismen in unserem Alltag zu Kränkungen und zu Exklusion führen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Was ist das Mutigste, das Du jemals gesagt hast?“, fragte der Junge. „Hilf mir!“, antwortete das Pferd. „Was willst Du werden, wenn Du groß bist?“ „Freundlich“, sagte der Junge. (aus Charlie Mackesy: „Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd“)

Vielen Dank für das Interview liebe Esther, viel Freude und Erfolg weiterhin für die großartigen Kunstprojekte im WUK Wien und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Esther Holland-Merten, künstlerische Leitung WUK performing arts

WUK Werkstätten und Kulturhaus _performing arts _ Wien

https://www.wuk.at/

Foto_privat.

25.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Als KünstlerInnen müssen wir uns auch im Lockdown austauschen und in Verbindung bleiben“ Monika Mayer-Pavlidis, Tänzerin_ Bregenz/Cuneo 27.11.2021

Liebe Monika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich mich in einem Sabbatical Jahr befinde, hat sich nicht viel verändert.

Den Morgen nutze ich für mein Tanztraining im Wechsel mit Laufen in der Natur. Den Nachmittag und Abend verbringe ich mit dem Schreiben von Gedichten, Recherchen zum Gedichtschreiben einholen, lesen und Gesprächen mit meinem Partner oder über Zoom mit anderen KünstlerInnen.

Monika Mayer-Pavlidis_Tänzerin, Choreographin, Lyrikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Als besonders wichtig sehe ich den sozialen Zusammenhalt.  

Als KünstlerInnen müssen wir uns auch im Lockdown austauschen und in Verbindung bleiben. Wir müssen auch die Regierung immer erinnern, dass es uns (KünstlerInnen) gibt, und dass ohne Kunst und Kultur die Menschen innerlich absterben. Kunst ist ein Teil unseres Lebens.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Literatur, dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich denke, dass es wesentlich ist, zusammen zu halten und dadurch eine starke Einheit zu bilden, um bei der Regierung vorzusprechen. Schon im ersten Lockdown war spürbar, dass die Menschen sich nach den Kultureinrichtungen gesehnt haben. Das Strahlen in den Augen nach dem ersten Besuch einer Liveperformance war deutlich sichtbar.

Was liest Du derzeit?

Meine aktuelle Lektüre ist „Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“ von Peter Handke

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Etwas zu wagen bedeutet, vorübergehend den festen Boden zu verlieren. Nichts zu wagen bedeutet, sich selbst zu verlieren.

Soren Kierkegaard

Vielen Dank für das Interview liebe Monika, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanz-, Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Monika Mayer-Pavlidis_Tänzerin, Choreographin, Lyrikerin

Foto_privat.

23.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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