Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Christa Prameshuber, Schriftstellerin
Dagmar Strobl, Model, Performerin, Make Up Artist_
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Christa Prameshuber _ privat
Fotos: Dagmar Strobl, Model, Performerin, Make Up Artist_ Wien _ performing _ Walter Pobaschnig 4/22.
Ingeborg Bachmann auf ihrer Terrasse in Rom, Bocca de Leone, um 1970
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Christa Prameshuber, Schriftstellerin _ Zürich
Liebe Christa, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich bewundere Bachmann nicht nur wegen ihrer Texte, sondern wegen der Haltung dahinter bewundert. Sie erschien früh als eine, die sich etwas zu sagen zutraut, und die zugleich ihre Verletzlichkeit nicht verbirgt. Diese Verbindung von Stärke und Offenheit hatte in ihrer Zeit etwas Ungewöhnliches, vielleicht sogar Widerständiges.
Berührt hat mich auch ihr Weg nach Rom. Diese Bewegung ins Offene, in eine andere Sprache, ein anderes Leben. Für mich ist das nicht abstrakt: Meine Schwester lebt dort, und ich bin oft durch die Straßen gegangen, die auch Bachmann kannte. Bachmann sagte 1973 « Es sind nicht die Schönheiten der Architektur, nicht die Orangenbäume und nicht die herrliche Architektur, sondern die Art zu leben. Ich habe hier leben gelernt»
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus? Sie ist
Bei Ingeborg Bachmann ist Sprache nie bloß ein Mittel, sondern ein riskanter Raum. Sie weiß um ihre Gefährdung, um ihre Geschichte, um ihren möglichen Missbrauch. Gerade deshalb arbeitet sie mit einer äußersten Genauigkeit. Ihre Sätze sind verdichtet, klar, rhythmisch, oft von fast musikalischer Strenge. Jedes Wort scheint geprüft, abgewogen, als müsste es sich rechtfertigen.
Gleichzeitig stehen ihre Figuren, ebenso wie das lyrische Ich, unter einem inneren Druck. Sie bewegen sich in Spannungsfeldern zwischen Nähe und Distanz, Anpassung und Widerstand, Liebe und Verletzung. Diese Konflikte sind bei Bachmann nie rein privat. Sie zeigen, wie Macht und Gewalt in Beziehungen hineinwirken, wie sie sich in Sprache, in Gesten, im Unsichtbaren festsetzen. zwischen innerer Zerrissenheit und äußerer Gewalt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ihr Gedicht „eine Art Verlust“ finde ich grossartig. Und natürlich «Malina»
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute? Sie wäre heute moderner denn je und ihr Stimme würde gehört werden
Bachmann kritisiert nicht nur das Patriarchat als Begriff, sondern eine tiefere Struktur: eine Welt, in der Macht sich in Sprache, Beziehungen und scheinbar Privatem festsetzt. In Malina zeigt sie, dass Gewalt nicht nur physisch, sondern auch psychisch und sprachlich wirkt, erschreckend aktuell.
Heute haben wir Begriffe für vieles, was sie freigelegt hat. Diskurse über Machtmissbrauch und strukturelle Gewalt sind sichtbarer, etwa durch #MeToo, das genau jene verborgenen Mechanismen ans Licht bringt, die Bachmann literarisch gestaltet hat.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Bachmann zeigt Liebe nie als bloßes Glücksversprechen. Sie legt offen, wie sehr sie von Macht, Sprache und Geschichte durchzogen ist. Der oft zitierte, zugespitzte Satz über die „unheilbar kranken“ Männer ist weniger biologische Feststellung als Diagnose eines Systems: einer beschädigten, gewaltförmigen Ordnung von Beziehungen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Wenn Ingeborg Bachmann das Schreiben als „verdammt“ beschreibt, meint sie eine existentielle Erfahrung: sich der Wahrheit auszusetzen, sich nicht zu schonen und auch das Unsagbare anzurühren. Darin liegt etwas Schmerzhaftes, aber ebenso Widerstand und Selbstbehauptung – ein Zwang zur Wahrhaftigkeit.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ihre Texte leben von ihrer Musikalität, von Rhythmus und Klang, von starken Bildern, die zwischen Traum und Realität vermitteln, und von einerradikalen Reduktion: Vieles bleibt offen, Leerstellen werden zum eigentlichen Raum der Bedeutung.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich würde ihr sagen, dass viele ihrer Fragen noch immer nicht erledigt sind.
Und ich hätte sie gefragt: Ob sie je das Gefühl hatte, dass ein Text „genug“ ist. Und ob sie geglaubt hat, dass Schreiben nicht nur freilegt, sondern auch heilt, zumindest für einen Moment.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich habe dieses Jahr bereits eine Anthologie herausgegeben: „Wannst net fort muasst, so bleib?“ mit 32 oberösterreichischen Autorinnen, die über Identität, Heimat sowie das Bleiben oder Gehen nachdenken.
Fast zeitgleich ist eine weitere Anthologie erschienen, bei der ich Mitherausgeberin bin: „Ich erröte vom Schaft bis zur Sohle. Schuhgeschichten“. Eine Sammlung von Texten, in denen sehr unterschiedlicher Schuhe die Hauptrolle spielen.
Pia Schiel, Schauspielerin _ Wien _ performing „Beatrixgasse“ _ Originalschauplatz Wien _ Lebensort von Ingeborg Bachmann in Wien 1946-49 _ Walter Pobaschnig 6/26
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance am Originalschauplatz
LIEBE _ Akrostichon
Text & Performance _ Pia Schiel, Schauspielerin _Wien.
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Pia Schiel, Schauspielerin _ Wien _ performing „Beatrixgasse“ _ Originalschauplatz Wien _ Lebensort von Ingeborg Bachmann in Wien 1946-49 _ Walter Pobaschnig 6/26
LIEBE
Lass
Ich
Endlich
Bitte
Ein.
Pia Schiel, 1.7.2026
Pia Schiel, Schauspielerin _ Wien _ performing „Beatrixgasse“ _ Originalschauplatz Wien _ Lebensort von Ingeborg Bachmann in Wien 1946-49 _ Walter Pobaschnig 6/26
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance am Originalschauplatz
LIEBE _ Akrostichon
Text & Performance _ Pia Schiel, Schauspielerin _Wien.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin – BEATRIXGASSE _ lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Pia Schiel, Schauspielerin _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Pia Schiel, Schauspielerin _ Wien _ performing „Ingeborg“ _ Originalschauplatz Wien _ Lebensort von Ingeborg Bachmann in Wien 1946-49 _ Walter Pobaschnig 6/26
Liebe Birgit, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Momentan lebe ich so, dass ich selten und wenn vor allem wochenends literarisch schreiben kann. Dann gehe ich mit meinem alten Laptop in mein Lieblingscafé hier in der Heidelberger Altstadt. Dort gibt es Licht, schwere Vorhänge, ein wunderbares Frühstück und sicherlich das, was solche Orte ausmacht: Geheimnisse. Natürlich liebe ich eh Cafés mit Charme und Tradition. Vor vielen Jahren habe ich in Prag gelebt und im Café Slavia am Moldauufer geschrieben. Damals traf ich dort auch Schriftstellerfreunde. Heute ist das Schreiben eine kleine Kostbarkeit, da ich als Wissenschaftlerin arbeite und mich aufgrund von großen gesundheitlichen Sorgen innerhalb der Familie viel um meine Liebsten kümmere.
Wir müssen die Demokratie verteidigen. Diese steht durchaus weltweit und allerorten unter Druck. Dazu ist es nötig, gegen Rechtsradikalismus, aber auch gegen Islamismus und jene Linken, die mit diesem in Schulterschluss gehen, vorzugehen. Unsere Städte, unsere europäischen Staaten müssen wieder ein sicherer Ort für Juden sein. Gegen steigenden Antisemitismus, aber auch Antiziganismus und gegen Menschenfeindlichkeit generell muss eingeschritten werden. Zentral ist, dass wir jenseits politischer Grabenkämpfe Gemeinsames finden und in der Gesellschaft wieder miteinander sprechen können. Gleichzeitig kommt es aber nicht nur auf das Wortefinden an, wir müssen auch handeln und, das sage ich bewusst pathetisch, das Gute unterstützen, etwa die Proteste im Iran, die mir Hoffnung machen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wie viele Dichter und Dichterinnen vor ihr hat Ingeborg Bachmann immer darüber nachgedacht, wie eine neue Sprache, eine, die uns Wege aufzeigt, nicht als Instrument außerhalb unserer selbst jedoch, sondern als genuin zu uns gehörig, aussehen könnte. Sie hat das beispielsweise in einer Kurzgeschichte verarbeitet, wo ein Vater sein Kind nicht in der Sprache der Täter, in und mit einer kontaminierten Sprache, erziehen möchte – jedoch an diesem großen Vorhaben zu scheitern scheint. Mir bedeutet in diesem Zusammenhang auch ihr Gedicht „Was wahr ist“ sehr viel: Hier treibt das „Wahre“ „Risse in die Wand“. Literatur kann einen Ort hinter dem Bestehenden aufzeigen, einen stets auch utopischen Ort, den wir nie erreichen, aber als Ziel ansteuern, anstreben können. Dialektisch kann sie zeigen, was noch nicht ist, aber sein könnte. Zum Purismus, zur Ideologie, darf dieses Vorhaben aber nicht gerinnen, wir haben im 20. Jahrhundert gesehen, was dies bedeutet. Es geht nicht darum, gegen das scheinbar schlechte Bestehende totalitär eine neue Reinheit etwa der Sprache zu proklamieren. Vielmehr ist das Ziel, dass Literatur uns Räume – des Denkens, Fühlens, Erfahrens – eröffnet, Türen aufstößt, uns staunen lässt, ohne dabei alles radikal dekonstruieren und zunächst zerstören zu müssen.
Was liest Du derzeit?
Oft lese ich mehrere Bücher parallel, so auch jetzt. Ich lese Han Kangs „The white book“, Miniaturen zur Farbe Weiß. Neben dem Bett liegen die Gedichte von Louise Glück, die große U.S.-amerikanische Lyrikerin, die man hierzulande nicht so kennt bisher. Dann lese ich noch ein älteres kleines Buch, Vilma Link, Vorzimmer, eine Art Novelle über das Büro aus weiblicher Perspektive. Das lese ich auch aus historischem Interesse, da ich mich für die Literatur, die Ideen und Vorstellungen der 1970er-Jahre sehr interessiere, vermutlich auch, weil ich in diesem Jahrzehnt geboren wurde. Christian Kracht, „Air“ habe ich ferner auf der Liste. Und gerade kam das Buch eines guten Freundes an, Olaf Dittmann, „Die Federn schwarz“, das werde ich natürlich auch lesen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Dann nehme ich doch gern etwas von der großartigen Louise Glück: In ihrem Gedicht „Iris“ heißt es:
„At the end of my suffering
there was a door.“
Dieses Bild finde ich wundervoll, da es das Leiden nicht negiert, uns jedoch buchstäblich eine Tür zeichnet und zeigt.
Vielen Dank für das Interview, liebe Birgit,viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Birgit Hofmann, Schriftstellerin, Wissenschaftlerin
Zur Person/über mich:Birgit Hofmann (*1975) lebt und arbeitet als Wissenschaftlerin in Heidelberg. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft. Für ihre Promotion über den „Prager Frühling“ erhielt sie den Hans-Rosenberg- Gedächtnispreis. Sie war Stipendiatin u.a. der Heinrich-Böll-Stiftung in Heidelberg und Wien und des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds in Prag, arbeitete als freie Journalistin und ist zertifizierte Online-Redakteurin. Für ihr literarisches Schreiben erhielt sie mehrere Auszeichnungen. So war sie eingeladen zum „Klagenfurter Literaturkurs“, mehrmals vertreten in der Endauswahl zum Publikumspreis beim „Wiener Werkstattpreis“, auf der Longlist beim Deutschen Kurzgeschichtenwettbewerb und Finalistin des Würth-Literaturpreises. Sie war Stipendiatin des Förderkreises deutscher Schriftsteller Baden-Württemberg und der Scout-Finch-Stiftung. Zuletzt stand sie auf der Shortlist des Heidelberger Autor:innenpreises. Über B. Hofmann: https://www.pigeonpublishing.de/authors/birgit-hofmann
Ingeborg Bachmann am Schreibtisch, Bocca de Leone, Rom, um 1970
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Elizabeta Lindner/Kostadinovska, Schriftstellerin, Künstlerin _ Berlin
Liebe Elizabeta, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Als Germanistin war es für mich schon während des Studiums selbstverständlich, an Bachmanns Werk zu kommen. Insbesondere weil sie eine der wenigen Frauen ist, die es geschafft hat, aufs große, von Männern beherrschte Feld der Literatur, gleichberechtigt mitzumachen. Ihre Präsenz in der deutschsprachigen Literatur ist wie Teilnahme aller Schriftstellerinnen, sie war damals schon unsere Stimme. Bachmann, wie alle guten und zeitlosen Schrifsteller:innen, kann man immer wieder lesen – und deswegen freue mich über dieses Interview, weil ich einfach in mein Buchregal greifen musste und wieder problemlos in ihr Werk eintauchen. Eine eigene Hausbibliothek ohne Bachmann ist, denke ich, immer noch undenkbar.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Das, was das gute Schreiben im Allgemeinen ausmacht: ehrlich, direkt und tiefgreifend, aber dennoch spontan und verspielt, mit einer besonderen Leichtigkeit, die sich sprachlich und stilistisch so wunderbar liest, egal ob es Schmerz, Trauer oder Witz darin vorkommt, sehr guter „Flow“, obwohl es sich um keine einfache Textmaterie handelt. Und das ist die Kunst des Schreibens: fließend und fesselnd. Da meine ich die Prosa, die für mich poetisch genug ist. Bei den Gedichten ist es manchmal zu viel, zu dicht, zu strukturiert, zu ernst – passend für den schriftstellerischen Durchbruch,- einige Gedichte mag ich sehr, aber ich muss manchen noch eine konzentrierte Chance geben*.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Viele ihrer Erzählungen mag ich, ich habe die Gesamtausgabe und es fehlt mir schwer, mich festzulegen. Fast alle haben ihren eigenen Wert. Aber „Malina war so ein unvergesslicher „Lesetrip“, denn es ist definitiv ein Meisterwerk. Deswegen wollte ich den Roman unbedingt ins Mazedonische übersetzen, aber eine meine Kollegin war schneller… zumindest habe ich mir den Wunsch erfüllt, Meisterwerke von Thomas Bernhard zu übersetzen. Aber es kann immer noch sein, dass ich irgendwann einige Geschichten oder Essays auswähle und sie übersetze. Ich will mich unbedingt mit ihren Essays mehr beschäftigen*. Die Briefe zwischen ihr und Paul Celan (den ich ins Mazedonische übersetzt habe) finde ich interessant, aber dennoch sehr privat und ich bin mir nicht sicher, ob Menschen das wirklich wollen, ihre intimen Worte und Gedanken publik machen. Ich glaube alle Autor:innen haben etwas, was sie nicht veröffentlichen wollen… Vielleicht muss man dann Sachen mit einem Testament regeln oder vielleicht sie doch verbrennen, bevor sie als Nachlass bleiben.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie ist leider immer noch sehr aktuell und zutreffend. Heutzutage wäre so eine Schriftstellerin wie Bachmann womöglich runtergespült, denke ich, weil wir viele schreibende Frauen haben und man sich heutzutage eher mit einfacheren und oberflächlicheren Themen beschäftigt, Themen die nicht reizen und eher eine Wohlfühlatmosphäre vermitteln – oder Themen aus der Geschichte oder der zeitgenössischen Geschehnissen (Geschlechtsumwandlungen, Nicht-Binarität, Hipsterismus) schildern, oder sich mit langweiligen Familien- oder Coming-of-Age-geschichten oder pseudo-intellektuellem Unterhaltungskramm auf dem Büchermarkt platzieren, denn Schreiben wird heutzutage an Instituten gelernt und mit ChatGPT betrieben… natürlich gibt es nebenbei auch was Gutes, aber wir haben immer noch das Problem der Ignoranz gegenüber starken und intelligenten Frauen. Man beachtet heutzutage Frauen als Quoten und nicht als Qualität. Damals war Bachmann vielleicht sogar besser am Platz als heute, heute würde sie eventuell in der belanglosen Quantität des Büchermarkts untergehen. Und das wäre großer Verlust, denn der Mangel an starken kritischen Frauenstimmen ist leider einer der Gründe, warum das Patriarchat unter der Regenbogenflagge weiterhin problemlos existiert, weil die Quotenquantität erfüllt ist, aber dadurch kein Fortschritt entsteht. Die Nachfolger:innen Bachmanns (mit wenigen Ausnahmen) werden unter den Teppich gekehrt oder eben aussortiert. Damals gab es keine große Mainstream-konkurrenz und Bachmann war einfach die beste – und bleibt auch für immer eine literarische Größe. Aber das zähe Patriachat müssen wir weiterhin bekämpfen, weil Kritik heute noch viel mehr verpönter ist als damals und die festen patriarchalen Strukturen bestehen weiterhin und bringen neue Kriege – auch wenn die Quotenfrauen manchmal als StrohmännerInnen eingesetzt werden. Dass wir nichts aus der Geschichte lernen, ist auch klar. Bachmann wäre heute zutiefst empört und enttäuscht. Aber Frauen wie Francesca Albanese, Greta Thunberg, Kirsten Hilbig – und viele andere, machen zumindest politisch einen Unterschied und sorgen für Balance.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Liebe, genau, die Treibkraft des gesamten Lebens… die uns in viele Zustände versetzt. Starke Frauen wie Bachmann lieben ganz stark, obwohl sie extrem empfindlich in ihrem Inneren sind – und diese Liebe können (nicht alle) Männer verkraften… und das macht sie leider eben „unheilbar krank“, weil sie immer das Falsche machen oder eben obwohl unglücklich, lieber im sicheren Nest oder auf dem sicheren Terrain bleiben, keine Risiken mit Künstler:innen eingehen. Frauen wie Bachmann sind nur Geliebten und „unerfüllte Lieben“, weil der Mut dazu fehlt, sie ganz und richtig zu lieben. Frau muss sich damit abfinden und keine Erwartungen von der großen Liebe haben. Falls sie doch passiert, hat man/frau vielleicht ein Geschenk vom Universum bekommen und das wäre auch schön. Ansonsten kann man immer über die unglücklichen Lieben schreiben oder sich davon inspirieren lassen. Liebe ist überall, genauso wie der Schmerz, wir sind Sensoren und Katalysatoren – und das hat nur manchmal mit der Sexualität zu tun. Die Liebe ist stärker als der Körper, deswegen muss man sehr gut auf sich aufpassen. Sowohl Bachmann als auch Paul Celan (und viele Künstler:innen) hatten einen tragischen und mysteriösen Tod, nachdem sie ihren Körper / Gesundheit vernachlässigt haben – weil ihr Geist vorher von zu viel Liebe geschwächt wurde… Denn Liebe an sich kann eben „unheilbar krank“ machen, und eines Tages, eher früher, stirbt man daran…
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Künstler:in zu sein ist tatsächlich eine seltsame, absonderliche Art zu existieren. Und wenn man sich dafür entscheidet, diese Existenz nicht aufzugeben, muss man bereit sein das „Martyrium“ zu akzeptieren, bzw. sich dann damit abzufinden und das Beste daraus zu machen. Man muss verstehen, dass dieses Leben gleichzeitig verdammt und gesegnet ist, die dunkle Seite als Begleiterin zu haben, auf dem Weg zum un-erreichbaren Licht. Und das ist genau, was die Kunst ausmacht, aus der Dunkelheit ans Licht zu kommen, also sie und das Leben verschmelzen und leiden gemeinsam – ab und zu unterbrochen von magischen Momenten, wenn das Licht sich bemerkbar macht. Aber Kunst ist gleichzeitig auch die bessere Psychotherapie, also das Leiden wird dadurch gelegentlich gemildert, aber man kann sich natürlich in der Kunst auch auflösen oder sich ihr vollkommen ergeben, dann ist das Leben auch egal…und damit auch die Realität und der eigene Körper.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Der sprachliche Aspekt – oder der Aspekt der Sprache. Wittgenstein ist auch für mich eine sehr große Inspiration und freue mich, dies mit Bachmann zu teilen. Ein Langgedicht von mir, das auf Veröffentlichung wartet, lehnt an Wittgensteins „Philosophische Untersuchungen Bachmann schafft eine hervorragende Darstellung der Persönlichkeiten durch ihre eigene Sprache.. Für mich als Linguistin, mehrsprachige Autorin und Übersetzerin sind die Aspekte der Sprache und der Mehrsprachigkeit sehr spannend. Die meisterhaft eingesetzte oder komponierte Sprache, die die Persönlichkeiten ihrer Protagonist:innen entblößt – die eigene Sprache als Dasein, nicht die Beschreibung der Charaktere (auch großartig). Dann auch ihre Worte und Sätze aus anderen Sprachen oder auch die Kombinationen und Assoziationen sind reizend, weil sie oft auch psychologisch eingesetzt werden. Wenn man eine Erzählung mit „Bože moj“ anfängt, dann muss das sprachlich und inhaltlich dramatisch sein: In der Erzählung „Simultan“ finde ich eben diesen verspielten Umgang mit Sprachen so großartig: lost in translation goes Babylon, oder: eine Sprache für jede Laune. Da ist die Protagonistin mehrsprachige Dolmetscherin, ein Beruf, den man nur wegen des Geldes machen würde, und ich finde ihre alltäglichen mehrsprachigen Gedanken bzw. Gespräche mit dem Begleiter und die geistige Erschöpfung in ihrem Dasein als Dolmetschen sehr authentisch und verspielt dargestellt – und als Gegensatz dann die langen Gedankenmonologe – und wie in allen ihren Geschichten, kann man auch hier Vieles zwischen den Zeilen und zwischen den Sprachen lesen und eventuell auch verstehen. Das Unbekannte der Fremdwörter, die für ihre Bedeutung und nicht nur für ihre Melodie und Lautmalerei in einen Text eingesetzt werden, finde ich spannender und verspielter, aber auch mysteriös und reizend – manchmal ist es ärgerlich, denn man will alles verstehen und keine Lücken haben. (Heutzutage sind wir gut aufgehoben mit DeepL, um schnell was übersetzt zu bekommen).
Mehrsprachigkeit ist ähnlich wie das künstlerische Dasein: Fluch und Segen gleichzeitig… Weil es nicht mainstreamtauglich ist, wird es ignoriert oder anders klassifiziert, wenn Menschen mehrere Sprachen in Wort und Schrift beherrschen. Dann verliert sich das Nationale (deutsche, österreichische … Schriftstellerin). Ob Bachmann auf Italienisch geschrieben hat, weiß ich nicht, aber ich denke, sie könnte sich bestimmt auch in der anderen Sprache literarisch gut ausdrücken – das wäre vielleicht eben die italienische Bachmann gewesen. Auf jeden Fall war sie als Übersetzerin tätig, hat Gedichte von Ungaretti ins Deutsche übersetzt und kennt sich mit Sprachen aus – denn Bachmann hat in diesem Text (Simultan) auch sehr deutlich gemacht, dass die Fähigkeit zum Dolmetschen und zum Übersetzen eine andere ist, und dieser Moment hat mir besonders gut gefallen, als die Dolmetscherin beim kurzen Bibelzitat auf italienisch ins Schwanken kommt und nur mühsam Worte findet, um es (mündlich) ins Deutsche zu übertragen – und dabei findet sie sich „nutzlos“. Mehrsprachige Personen sind sehr selbstkritisch, wenn es um Sprache geht, aber das liegt auch am tieferen Denken, das damit in Verbindung steht – es ist das Gegenteil von dem, was man mit Worten sonst macht, wie wir in der heutigen Welt sehen: je einfacher, dümmer und gefährlicher sie sind, desto lauter werden die Worte rausgeschrien, aber dennoch stiehlt uns die Propaganda die schönen Worte – schon wieder. Die Sprache ist Teil des Systems, aber der Kontext und die Mehrsprachigkeit, die durch Übersetzung und Assoziationen präsent ist, geben den „eroberten“ Worten (und Gedanken) die Möglichkeit, ihre Grenzen noch mehr zu erweitern.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Mit solchen Persönlichkeiten kann man sich über Vieles austauschen. Über Sprache, über das Leben, über den (Welt)Schmerz, über Wittgenstein, über Thomas Bernhard. Über das heutige Patriarchat und die Fehler der Frauen. Über das Gesundheitssystem (darüber schreibe ich gerade einen Essay) und die Rückschritte der „modernen“ Welt. Aber auch über Liebe, ihr Unglück und über unsere Gesundheit. Ich hätte sie gefragt, ob sie mit der Veröffentlichung der Briefe einverstanden wäre.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
In Wien in der Nationalbibliothek läuft eine Sonderausstellung Thomas Bernhard heute, und begleitend dazu werden 40 seiner Übersetzer:innen mit spannenden Interviews Teil davon und der Publikation dazu – ich freue mich eine von denen zu sein! Leider konnte ich nicht zur Eröffnung kommen, aber Ich warte sehnsüchtig auf die Publikation und plane meinen nächsten Wienbesuch zur Ausstellung und vielleicht performe ich wieder im Wiener Underground (es gibt noch Zeit, die Ausstellung läuft bis Februar 2027).
In Berlin ist eine internationale Gruppenausstellung (Fresh Legs 2026) im Juni, wo zwei abstrakte Gouache-Zeichnungen von meiner neuen Kunstserie zu sehen sein werden; einige kleinere Gruppenausstellungen danach. Im Winter eventuell auch meine erste Einzelausstellung in Berlin (um meine 20 Jahre Berlin zu feiern).
Momentan schreibe ich neue Texte: Prosa auf Deutsch (Essay, beunruhigende Geschichte), aber auch Gedichte auf Englisch zu manchen der abstrakten Zeichnungen (und übersetze sie dann in mehrere Sprachen). Und natürlich als „Nebenjob“ verwalte ich die Veröffentlichung des Langgedichts.
Ab Herbst plane ich wieder mehr im Tonstudio zu sein, neues Material für mein avantgardistisches Multimediaprojekt Wortschmerz ‡ noisedestotrotz vorzubereiten – mehrere Auftritte ab Oktober sind bereits geplant.
Im Winter plane ich eine neue spezielle Ausgabe des interdisziplinären text-visual-sound Art Happening SlovoKult :: intersession 2026 zu organisieren; denn neben dem Jubiläum 20 Jahre Berlin sind für mich auch 25 Jahre Deutschland und 10 Jahre SlovoKult :: mehrsprachige Online-Zeitschrift für Text- und bildende Kunst und ihre ersten Veranstaltungen (in Skopje).
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Ingeborg Bachmann/Ein Schritt nach Gomorrha (Auszug)
Nein, erst wenn sie alles hinter sich würfe, alles verbrennte hinter sich, konnte sie eintreten bei sich selber. Ihr Reich würde kommen, und wenn es kam, war sie nicht mehr meßbar, nicht mehr schätzbar nach fremdem Maß. In ihrem Reich galt ein neues Maß. Es konnte dann nicht mehr heißen: sie ist so und so, reizvoll, reizlos, vernünftig, unvernünftig, treu, untreu, anständig oder skrupellos, unzugänglich oder verabenteuert. Sie wußte ja, was zu sagen möglich war und in welchen Kategorien gedacht wurde, wer dieses oder jenes zu sagen fähig war und warum. Immer hatte sie diese Sprache verabscheut, jeden Stempel, der ihr aufgedrückt wurde und den sie jemand aufdrücken mußte – den Mordversuch an der Wirklichkeit. Aber wenn ihr Reich kam, dann konnte diese Sprache nicht mehr gelten, dann richtete diese Sprache sich selbst. Dann war sie ausgetreten, konnte jedes Urteil belachen, und es bedeutete nichts mehr, wofür jemand sie hielt. Die Sprache der Männer, soweit sie auf die Frauen Anwendung fand, war schon schlimm genug gewesen und bezweifelbar; die Sprache der Frauen aber war noch schlimmer, unwürdiger – davor hatte ihr schon gegraut, seit sie ihre Mutter durchschaut hatte, später ihre Schwestern, Freundinnen und die Frauen ihrer Freunde und entdeckt hatte, daß überhaupt nichts, keine Einsicht, keine Beobachtung dieser Sprache entsprach, den frivolen oder frommen Sprüchen, den geklitterten Urteilen und Ansichten oder dem geseufzten Lamento.
*Fußnote
Noch während des Interviews, begann ich nach „verpassten“ Büchern und Schriften von ihr zu suchen, und habe dann einige Essays, Reden und kurze Schriften gelesen, die mich absolut ansprechen und begeistern. Etwas würde ich gerne übersetzen, aber ich werde mich auch anders damit weiterbeschäftigen. Auch ihre unveröffentlichte Poesie habe ich gelesen, die noch in Notizbüchern war, und erst 2000 erschienen ist, mit Fotos von der Originalschrift. Diese Gedichte waren mir sehr nah, einfach großartig…Manchmal fand ich sogar, dass wir ähnlichen Stil haben, mit meinen 2020 veröffentlichten Gedichten. Im Unterschied zu den frühen Gedichten, merkt man hier die „reife“ Bachmann, die ihre eigene poetische und besondere Denkweise und den entsprechenden Ausdruck sehr gut kennt. Und manche dieser Gedichte würde ich auf jeden Fall übersetzen wollen.
Das Interview hat mich sehr inspiriert (deswegen so lang geworden), und ich habe auch „Alle Tage“ ins Mazedonische übersetzt. Herzlichen Dank für die Einladung!
Herzlichen Dank für das Interview!
Elizabeta Lindner/Kostadinovska, Schriftstellerin, Künstlerin
Zur Person: Elizabeta Lindner / Kostadinovska
Übersetzerin, Herausgeberin, Kuratorin / mehrsprachige Autorin, visuelle, interdisziplinare und experimentelle Künstlerin und avantgardistische Multimedia Performerin
geboren in Skopje, Mazedonien, Studium der Germanistik und Slawistik in Skopje (Dipl. Phil., 2001) und Regensburg (M.A., 2005). Im Wintersemester 1999/2000 war sie DAAD-Semesterstipendiatin an der TU Dresden. Seit 2001 in Deutschland, seit 2006 lebt und arbeitet sie in Berlin.
E. Lindner: vielfach ausgezeichnete Literaturübersetzerin (mehr als 30 Titel Prosa und Poesie), Herausgeberin (Bücher, Anthologien), Gründerin von SlovoKult (Portal 2007/8-2016), ab 2016 zweisprachigen Online-Zeitschrift für mehrsprachigen Text und visuelle Kunst, und Kuratorin für alle Projekte in Skopje, Berlin aber auch andere Städte, mittlerweile als interdisziplinäre + Multimedia Echtzeit-Art-Sessions als Polyphonie aus mehrsprachigem Text und improvisiertem Sound sowie Videoausstellung als Projektion.
E. Kostadinovska: mehrsprachige Autorin (Deutsch, Mazedonisch, Englisch), die in (Online) Zeitschriften, Anthologien und eigenständigen Publikationen: Gedichte, Essays, Kurzgeschichten und experimentelle Texte (und Bilder) veröffentlichte; visuelle und interdisziplinäre Künstlerin, die mit abstrakten (Gouache und Stift) und experimentellen (Collagen, mixed media mit Text) Kunstwerken an verschiedenen Gruppenausstellungen und Veranstaltungen (in Berlin, Skopje, Gevgelija, Riga, Düsseldorf) teilgenommen hat. Sie verbindet drei Künste miteinander und experimentiert interdisziplinär: Text- + Bild- + Klangkunst – und seit 2017 präsentiert sie live in Multimedia Performance, seit 2022 mit avantgardistischen Elementen: mehrsprachige Polyphonie + Kunstvideo + Klang/Noise live mit ihrem Projekt Wortschmerz ‡ noisedestotrotz (div. Kollaborationen mit Soundkünstler:innen), seit 2025 auch Solo (Klang: Tocante, Gitarre, Electronics).
Nora Krehan, Schauspielerin, Model _ Wien _ performing „Undine geht“ Donau/Wien _ Undine geht, Ingeborg Bachmann, Erzählung 1961 _ Walter Pobaschnig 8/25, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance _ Donau/Wien
UNDINE GEHT _ Akrostichon
Text_ Elizabeta Lindner/Kostadinovska, Schriftstellerin, Künstlerin _ Berlin
Performance _ Nora Krehan, Schauspielerin, Model _ Wien
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Nora Krehan, Schauspielerin, Model _ Wien _ performing „Undine geht“ Donau/Wien _ Undine geht, Ingeborg Bachmann, Erzählung 1961 _ Walter Pobaschnig 8/25, folgende
Nora Krehan, Schauspielerin, Model _ Wien _ performing „Undine geht“ Donau/Wien _ Undine geht, Ingeborg Bachmann, Erzählung 1961 _ Walter Pobaschnig 8/25, folgende
UNDINE GEHT
Unterm Wasser kann man besser denken
Niemand da, der mit Worten Herzen bricht
Der sich verstellt und verirrt im Drang
Immer verlogen unterwegs, der
Niemals sich selbst sein muss, aber:
Es ist endgültig Schluss. Abgang.
Gedanken neugestalten
Endgültig entscheiden
Heuchelei und Liebelei vom
Traum unbedingt unterscheiden
Elizabeta Lindner, 13.5.2026
Nora Krehan, Schauspielerin, Model _ Wien _ performing „Undine geht“ Donau/Wien _ Undine geht, Ingeborg Bachmann, Erzählung 1961 _ Walter Pobaschnig 8/25, folgende
Nora Krehan, Schauspielerin, Model _ Wien _ performing „Undine geht“ Donau/Wien _ Undine geht, Ingeborg Bachmann, Erzählung 1961 _ Walter Pobaschnig 8/25, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance _ Donau/Wien
UNDINE GEHT _ Akrostichon
Text_ Elizabeta Lindner/Kostadinovska, Schriftstellerin, Künstlerin _ Berlin
Performance _ Nora Krehan, Schauspielerin, Model _ Wien
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse in Macht und Zerstörung. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Maja Loewe, Schriftstellerin, Künstlerin Natalie Campbell, Schriftstellerin, Tänzerin, Künstlerin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Maja Loewe _ privat
Fotos: Natalie Campbell, Schriftstellerin, Tänzerin, Künstlerin _ Wien _ performing Malina _Originalschauplatz Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 8/23, folgende
Im Interview _ Maja Loewe, Schriftstellerin, Künstlerin _ Lübeck
Liebe Maja Loewe, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich habe sofort ihre Stimme im Ohr, wenn ich an sie denke. Manchmal, in besonderen Stimmungen, poetisiert sie in meinem Kopf aus dem Off.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ihre Sprache, die Bilder, der Rhythmus – es ist ein eigener Kosmos, in dem ich mich gerne bewege und verliere.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich liebe ihre Gedichte, wie „Die große Fracht“ und höre sie mir gerne und immer wieder auf Lyrikline.org an. Irgendwie gehört für mich ihre Art zu sprechen, dazu… Ich mag auch ihre Erzählungen. „Ein Schritt nach Gomorrha“ hat mich sehr fasziniert, weil sie da für mich eine neue Perspektive auf Weiblichkeit aufgemacht hat, die mich nachhaltig beschäftigt hat.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Für mich reicht ihre Stimme bis in die Gegenwart und hat nichts an ihrer Kraft verloren. Vielleicht weil sie über die Essenz der Dinge schreibt. Ihr Werk schlägt etwas an, dass keinen immanenten Zeitkern hat – wie eine Ur-Wahrheit als Hintergrundfolie ihres Schreibens.
Ihre Worte sind eine universelle Mahnung an die Menschlichkeit.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Vorsichtiger, achtsamer… Darauf bedacht, sich nicht selbst zu zerstören.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
In einer bestimmten Lebensphase ‚ja‘. Schreiben und dabei die Welt sezieren, erdet nicht. Als hätte man Luftwurzeln und sucht ständig in Worten nach Halt. Doch die sind mitunter flüchtig. Ich denke, es ist wichtig, zu lernen und zu erkennen, wer man ist. Vielleicht darf man sich und seine Identität nicht mit dem Schreiben verwechseln, sich nicht gänzlich darin auflösen… der Schmerz von Ingeborg Bachmann ist bis ins Heute spürbar.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ihren Sprachkosmos und die eigentümliche Magie, die ihren Texten innewohnt. Durch sie verwandelt sich eine einfache Möwe, in einen Schrei, der bis in die Gegenwart hallt…
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte gerne mit ihr beieinandergesessen und mit ihr geschwiegen.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Momentan beschäftigte ich mich mit den Schnittstellen von Lyrik und den Möglichkeiten von KI. Ich habe die virtuelle Person „Frida Frei“ erschaffen, die als gesellschaftskritisches Sprachrohr funktioniert – ein Versuch künstlicher Intelligenz eine Seele einzuhauchen, zur universellen Projektionsfläche zu machen – im foucaultschen Sinne, ein mächtiges mediales Werkzeug für ‚das Gute‘ zu gebrauchen.
Zu Frida Frei & aktueller Song _ open spotify
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Claudia Freund, Schriftstellerin
Dagmar Strobl, Model _ Ungargasse/Wien
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.
Foto: Claudia Freund _ privat.
Fotos: Dagmar Strobl, Model_ Wien _ performing Malina _ Originalschauplatz „Malina“ Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 11/21
Ingeborg Bachmann auf der Terrasse ihrer Wohnung in Rom/Bocca de Leone, um 1970
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _Claudia Freund, Schriftstellerin
Liebe Claudia, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mein erster Kontakt mit Ingeborg Bachmann war ihr Buch “Malina”. Ich musste es in der Schule lesen. Es war allerdings keine Qual, sondern es wurde ein Vergnügen. Später habe ich mich auch mit ihrer Lyrik beschäftigt
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Besonders bei ihrer Lyrik ist mir aufgefallen, dass ihre Zeilen einen Rhythmus haben, fast einen musikalischen Klang, der aber oft im Gegensatz zum Inhalt steht, der oft nicht das Schöne in der Welt hervorhebt.
Ihre Sprache im Allgemeinen ist sehr philosophisch. Sie arbeitete auch mit Bildern. Ihre Sätze sind oft abgehackt. Niemals benutzte sie mehr Worte als nötig. Trotzdem hatte sie die Gabe alles auf den Punkt zu bringen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Obwohl ich “Malina” zwar richtig gut fand, aber auch sehr anstrengend, ist es das Werk, das mich am meisten beeindruckt hat. Die eigentliche Aussage ist, dass Frauen durch Kriege, aber auch durch Sprache und Ignoranz getötet werden. Am Ende wird das weibliche Ich ausgelöscht, damit sie überleben kann. Das hat mich sehr beeindruckt und nachdenklich gemacht. Bis heute beschäftigt mich die Aussage dieses Buches
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Kann man bei all dem tiefen Wissen um die Menschen glücklich sein?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein derzeitiges Projekt ist die Arbeit als Redakteurin bei den “literatur-fetzen”, einem großartigen Literaturmagazin
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?