„Ich fürchte, dass die Kunst „danach“ eine noch kleinere Rolle spielen wird“ Tex Rubinowitz, Schriftsteller_ Wien 10.4.2021

Lieber Tex, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

-Unspektakulär. Im Idealfall mit dem Rad auf die Donauinsel, 20 Km laufen, ins Wasser, auch im Winter, zurück, und sich von den Endorphinen fluten lassen, und produktiv sein, Schreiben, zeichnen, Sticken. Im schlechten Fall eine Kette von Prokrastinationen, Bares für Rares schauen, und sich in Schrott und Müll verlieren. Nichts essen, trinken, vor sich hin brüten. Warten.

Tex Rubinowitz_Schriftsteller_
Bachmannpreisträger 2014, Zeichner, Cartoonist, Künstler, DJ, Reisejournalist.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

-Warten. Und so tun, als sei nichts und sei nichts gewesen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

-Keine. Ich würde mir wünschen, dass Kunst, welcher Art auch immer, eine essentielle Rolle spielen würde, aber bezweifle es, und fürchte, dass sie „danach“ eine noch kleinere Rolle spielen wird.

Was liest Du derzeit?

-Nichts, ich bin ein sehr langsamer Leser, kann mich schlecht konzentrieren, aber ich hab die Kopenhagentrilogie von Tove Dietlevsen zuletzt wie in Trance gelesen, dh ich hab sie eher nicht gelesen, sondern sie hat mich eingesaugt, eine einfache, sehr moderne Sprache (auch wenn die Bücher schon viele Jahrzehnte alt sind) mit soviel Wucht und existenzieller Präzision findet man wohl selten, alles was davor war und danach kommen könnte, ist erstmal irrelevant.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

-„Weltmeister im Scheißereden“ (aus „Sherlock Holmes“, Auftragsstück für das Werk X, soll angeblich im Herbst Premiere haben.

Vielen Dank für das Interview lieber Tex, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tex Rubinowitz_Schriftsteller_Bachmannpreisträger 2014, Zeichner, Cartoonist, Künstler, DJ, Reisejournalist.

Aktuelle Ausstellung von Tex Rubinowitz _ im Spoerri Museum , Hadersdorf-Kammern, 3493, Niederösterreich.

Tex Rubinowitz – Kunst-Ausstellung – Stoff-Texte _Spoerri Museum_Hadersdorf

Tex Rubinowitz _ AUSSTELLUNGSHAUS SPOERRI | Hauptplatz 23 | A-3493 Hadersdorf am Kamp | +43 2735 20 1 94 | +43 664 884 547 87

Alle Fotos_Kunstausstellung _ Tex Rubinowitz_Spoerri Museum Hadersdorf – Tex Rubinowitz.

Alle Fotos_Porträt _ Walter Pobaschnig _ Wien_Ringradweg_9.4.2021

9.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Kunst ist unser Triebmittel“ Ruth Loosli, Schriftstellerin, Winterthur/CH 10.4.2021

Liebe Ruth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Diese Frage beantworte ich gerne mit diesem kürzlich geschriebenen Gedicht:

Persönliche Tagesschau; Spätausgabe

1 x Traum aufgeschrieben

(er gewährte mir Einblick in das

Buch der Verletzten)

1 x Linsen gekocht

(zuvor Kaffee getrunken)

1 x Laufgitter skizziert

(nach Iris von Roten)

1 x im Zug gesessen

(die Augen geschlossen)

Danach Brot gekauft

Briefe eingeworfen

Ausstellung besucht

Nachgedacht, gedacht, ge

laufen, laut klickklack, leise

durch das Wäldchen der Dachs

hörte mich trotzdem ich beugte mich

zu seinem Eingang und bedachte den

Bärlauch mit meinem Lob, dass er

wieder wächst; wächst

danach diese Orange geschält

Stimmen gehört das Durcheinander

erzeugt Kopfschmerzen, es ist 23:59,

liege wach, suche nach einer Technik

im Raum die mich den materiellen

Räumen entbindet. Also Traum.

Also Exodus.

(1 Tag in meinem Leben

Corona 2021)

Ruth Loosli, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir in eine Balance kommen. Als Weg zum Ziel. Das Ziel als Weg, ich weiß es nicht, aber das Ungleichgewicht – politisch und gesellschaftlich – ist derart groß geworden, dass es den Planeten gefühlt schier aus seiner Umlaufbahn spickt. Jedenfalls die Menschheit aus ihrem Menschsein. Das scheint mir eine Bedrohung, die auch auf die Natur übergreift. Natürlich kann die Natur ohne die Spezies „Mensch“ leben. Sie würde sich besser erholen als mit ihm. Aber welcher Reichtum würde verloren gehen. Daran glaube ich immer noch, dass das Experiment „Mensch“ in seiner Evolution etwas eigenartig Einzigartiges ist. Und: An das Ausbalancieren. Damit wir nicht vergessen, wie die Freiheit schmeckt.

Die Kunst hat dabei eine wichtige Aufgabe. Sie ist in sich bildend, ohne pädagogisch daherkommen zu müssen. Doch sie trägt eine Mitverantwortung, in welche Richtung wir uns als globale Gesellschaft entwickeln.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Grade finde ich es ganz schwierig einzuschätzen, welche Rolle die Kunst, die Literatur auch in Zukunft einnehmen wird. Es stellt sich sicher die Frage, ob die Menschen weiterhin genügend Geld zur Verfügung haben, sich Kunst zu leisten. Also von Seiten derjenigen, die Kunst kaufen möchten in Form von Veranstaltungen oder von denjenigen, die selber Kunst machen.

Die Kunst ist unser Triebmittel. Das schöpferische Tun ist auch in der Wissenschaft wichtig, wird wieder wichtiger werden, damit selbstvergessen sich neue Lösungsansätze finden lassen. Davon bin ich überzeugt. Das ist meine Hoffnung für die kommende Generation/ Generationen mit all den drängenden Fragen.

Was liest Du derzeit?

Dana Grigorcea, Romana Ganzoni, Dragica Rajcic, Martina Clavadetscher, Patricia Büttiker, Seraina Kobler, Ariela Sarbacher: alles Schweizer Autorinnen, die kürzlich oder brandneu ihr neues Werk herausgegeben haben. Daneben Sachbücher über Psychologie und welche über den Hahn. Da gärt ein neues Projekt (Kinderbuch) und ich muss noch mehr Bescheid wissen über das Sozialverhalten dieser Federvögel.

In der letzten Nacht habe ich den dritten Band, «Abhängigkeit», der Trilogie von Tove Ditlevsen gelesen. Ich konnte nicht mehr aufhören damit.

Und natürlich immer Gedichte. Da gab es im letzten Jahr geradezu eine Flut im deutschsprachigen Raum von ausgezeichneten Lyrikbänden. Ich habe selten so viele Bücher gekauft wie in den letzten Monaten.

Kommt dazu, dass ich eine grosse Bewunderin von Kate Tempest bin. Ihre Art, die Dinge beim Namen zu nennen, berühren mich direkt, ohne Umweg in mein Denken und Fühlen hinein. Dazu kommt ihr Sound, die musikalische Begleitung ihrer Band, die eine Mixtur erschafft, die auf mich wie eine Droge wirkt. Ich kann alles ringsum vergessen. Ganz nebenbei und praktisch: Die Bände im Suhrkamp Verlag sind zweisprachig erschienen: deutsch/englisch. Laut lesend im Original, kann ich mit dem anderen Auge auf die Übersetzung schielen. Und lerne englisch dabei.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wer kennt Ko Un in unseren Breitengraden? Oder Rumi? Der erste schöpft aus dem buddhistischen Gedankengut und der zweite aus dem islamischen. Beiden ist eine Hingabe an das Kleinste eigen, das sich im Grössten (im Geliebten, im Unnennbaren) spiegelt. Da verliert der Name der religiösen Tradition seinen dogmatischen Machtanspruch. Das ist ein zentrales Anliegen in meinem Denken und Schreiben, denn nur so finden wir in ein Miteinander, Synonym „Solidarität“, das wir dringend benötigen; jede(r) mit ihrem Talent.

Und dann gibt es natürlich wiederum die Dichterinnen und Denkerinnen der heutigen Zeit. Sie begleiten und ermutigen mich täglich.

Zitat 1: „Mein Herz schlägt so stark, dass die Außenwelt wackelt.“ Maria Lassnig

Zitat 2: „Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht.“ Rosa Luxemburg

Zitat 3: „Worte nicht in giftige Buchstaben wickeln.“ Meret Oppenheim

Vielen Dank für das Interview liebe Ruth, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ruth Loosli, Schriftstellerin

Vita • Ruth Loosli

Foto_Vanessa Püntener

14.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wie auf einer Zeitreise in die 1950er, wie ein Heimchen am Herd“ Eva-Lena Lörzer, Schriftstellerin, Berlin 10.4.2021

Liebe Eva-Lena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Einen klassischen Tagesablauf gibt es nicht. Den hatte ich durch meine verschiedenen Brotjobs und freien Projekte aber auch vorher nicht.

Eva-Lena Loerzer, Schriftstellerin Foto_Miriam Zepp

Verändert hat sich nur der Radius, in dem ich mich bewege. Seit Monaten ist meine Außenwelt bis auf seltene Treffen mit Freunden und Interviewtermine auf Spaziergänge im benachbarten Wald und Naturschutzgebiet reduziert.

So kontemplativ, wie das klingt, ist es nicht: Ich hatte seit Mitte Dezember tagsüber insgesamt hochgerechnet 20 Stunden für mich, musste Brotarbeit und Schreiben mit den Bedürfnissen meiner Tochter vereinbaren und habe mich dabei oft gefühlt wie auf einer Zeitreise in die 50er, wie ein Heimchen am Herd.

Das Flanieren und Beobachten von menschlichem Treiben, aus dem ich sonst Inspiration ziehe, fiel weg. Ich wohne am Berliner Stadtrand. In unmittelbarer Nähe meiner Wohnung gibt es nur Wildschweine, Schafe und Rehe. Das Streifen durch die Natur war immer mein Ausgleich. Nun ist es mein Alltag. Statt Außeneindrücke aufzusaugen, höre ich in mich rein. Und bin dankbar, durch „Berlin Viral“, eine Corona-Kolumne der taz, ein Outlet für das zu haben, was ich an mir und meinem direkten Umfeld in dieser Pandemie wahrnehme.

Foto_Christian Lindner für FEZ-Berlin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität und Gemeinschaft. Humor. Ein Bewusstsein dafür, dass die Pandemie endlich ist. Dass wir alle an einem Strang ziehen und achtsam uns selbst und anderen gegenüber sind. Ansprüche und Erwartungen runterschrauben. Die Dinge nehmen, wie sie kommen. Sich aufs Wesentliche besinnen und an kleinen Dingen freuen. An Schnee, Frühlingsknospen, einem Austausch mit Freunden. Akzeptieren, dass wir Teil eines Ganzen sind. Nicht nur aufs unmittelbare Umfeld und aufs eigene Land gucken. Die eigenen Privilegien checken. Und nicht die Menschen aus dem Blick verlieren, die von der Pandemie ungleich härter getroffen werden wie beispielsweise Menschen in Flüchtlingslagern, Wohnungslose, Behinderte, Alte, Alleinerziehende.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wenn wir nicht wachsam sind und aktiv gegensteuern, verschärft die Pandemie das soziale Ungleichgewicht und den Rechtsruck sowie die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, die Errungenschaften der Emanzipationsbewegung. Gerade jetzt gilt es, sich zumindest im Kleinen zu engagieren. Das Verfolgen der Infektionszahlen darf nicht von Menschenrechtsverletzungen und Klimawandel ablenken. Kunst und Kultur können als gesellschaftlicher Spiegel dienen, Zeitgeist, Missstände und Möglichkeiten eines besseren Miteinanders aufzeigen, marginalisierten Stimmen Gehör verschaffen, andere Blickwinkel bieten, zum Nachdenken anregen. Gerade jetzt im Lockdown ist Kunst wichtig, als Ausgleich zu Arbeit und Lernen. Als Gedankenfutter. Inspiration. Utopie in einer dystopischen Realität. Was würden wir ohne Bücher, Filme, Serien machen? Wie sehr fehlen Galerien, Museen, Konzerte, Lesungen, Theater? Dennoch würde ich von der Kunst nichts verlangen: Kunst muss frei sein. Um Kunst machen zu können, müssen Künstler*innen allerdings auch adäquate Rahmenbedingungen haben. Die Frage sollte meines Erachtens nach daher eher lauten: Wie lässt sich gegensteuern, dass Kultursterben nicht zum Kollateralschaden der Pandemie wird?

Was liest Du derzeit?

Dadurch, dass ich meine Tage mit meiner siebenjährigen Tochter verbringe und die Nächte zum Schreiben nutze, lese ich mehr vor, als selber zu lesen. Dabei habe ich die Klassiker meiner Kindheit wiederentdeckt: alles von Astrid Lindgren und Erich Kästner. Das letzte Erwachsenenbuch, dass ich zu Lesen geschafft habe, war „Ein Spalt Luft“ von Mischa Mangel, gerade bei Suhrkamp erschienen und bislang seltsamerweise noch nicht groß besprochen. Eine ehemalige Kommilitonin hat es mir lieberweise geschickt. Ich habe es sofort verschlungen und wünsche dem Buch sehr viele weitere Leser*innen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Was sind das für Zeiten wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“

Aus: „An die Nachgeborenen“ von Bertolt Brecht

„Alles, was an Großem in der Welt geschah, vollzog sich zuerst in der Phantasie des Menschen.“                                                                                                

„Und man muss ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“                                                                                                                      

Astrid Lindgren

Vielen Dank für das Interview liebe Eva-Lena, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen Dank!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eva-Lena Lörzer, Schriftstellerin

Lörzer, Freie Journalistin, Journalismus (evalenaloerzer.de)

Fotos_Eva-Lena Lörzer; andere gekennzeichnet.

14.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wenn Kunst Lebenspraxis ist, kann sie zumindest immer zumindest ein Denken ändern“ Rudi Nuss, Schriftsteller_ Berlin 9.4.2021

Lieber Rudi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, versuchen, wach zu bleiben, und nicht bis zum Ende der Pandemie zu schlafen, einen langen, wilden Traum zu träumen von schönen, neuen Wesen an digitalen Küsten.

Rudi Nuss, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Keine Ahnung! Ich fürchte nur, dies wird nicht die letzte Pandemie sein, sondern der Anfang einer Kargheit, die wir uns trotz aller dystopischen Fantasie der Gegenwart noch gar nicht wirklich vorstellen können oder wollen, weil wir zu hoffnungsvoll sind, mit all dem durchzukommen. 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Zwar kann ich es nicht mehr hören, aber: Leben neu denken. Es kommt mir immer illusorisch vor, der Kunst so große Bedeutung zu zuschreiben, weil wohl die Hoffnung bei mir zuerst stirbt. Doch wenn Kunst Lebenspraxis ist, kann sie zumindest immer zumindest ein Denken ändern, das der Künstler*in, von mir selbst! Das ist ja schon mal was…

Was liest Du derzeit?

T Fleischmann – Time Is The Thing A Body Moves Through

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Empathy connects us beyond our physical form. It feels like the unhinged body — like a slight, warm sadness, at seeing two clocks set to the same time, and knowing they slowly tick apart.« (T Fleischmann)

Vielen Dank für das Interview lieber Rudi, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Rudi Nuss, Schriftsteller

rudi nuss – ÜBER

Foto_Dave Grossmann

14.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass wir nicht allein sind mit diesem kleinen Leben“ Susanne Wawer, Schriftstellerin, Berlin 9.4.2021

Liebe Susanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Weil die Kinder im Moment noch kaum zur Schule und zur Kita gehen, begleiten sie mich meist durch den Tag und ich versuche, wenn sie ins Spiel vertieft sind, zu arbeiten und zum Schreiben zu finden. Die Tage sind dahingehend seit Wochen eintönig. Aber es gibt vereinzelt Lichtpunkte, wenn wir etwa draußen sind und neue Wege und Orte entdecken oder Spiele erfinden. Das hilft dabei, sich gegen die eigene Horizontverengung zu stemmen.

Susanne Wawer, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Früher war es das Schlimmste für mich, gewöhnlich zu sein. Ich wollte mich abgrenzen, einen möglichst exquisiten Geschmack entwickeln und guten Gewissens auf andere hinabschauen. Heute denke ich: Wie gut, dass wir Menschen einander so ähnlich sind, wie gut, dass fast alle leiden, wenn sie sich unverstanden und allein fühlen. Denn dadurch, dass viele unserer Bedürfnisse so menschlich und gewöhnlich sind, sind wir in der Lage, uns gegenseitig zu verstehen, zu helfen und der Tatsache zu versichern, dass wir nicht allein sind mit diesem kleinen Leben, aus dem wir versuchen, das Beste zu machen. Von daher ist es jetzt und immer besonders wichtig für uns alle, uns verstanden zu fühlen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich stelle mir die eigene Welt gern wie von einem Tuch umspannt und von ihm begrenzt vor. Am Anfang des Lebens bilden unsere Eltern dieses Tuch, aber jeder Blick in fremde Welten, jede Erfahrung, die über diese Grenze hinausweist, dehnt das Tuch und weitet die eigenen Möglichkeiten, das Denken und das Verständnis. Nicht nur der Welt, sondern auch der Innenwelten. Kunst ist deshalb eine wichtige Schule für unser Fühlen, Denken und unsere Bereitschaft, Rücksicht zu nehmen, zu geben, zu helfen und dafür Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Die Berührung durch fremde Welten weitet unseren Blick und unser Fühlen, im Grunde die Voraussetzung für ein gelingendes Leben und für die Bewältigung derzeitiger gesellschaftlicher Missstände.

Was liest Du derzeit?

„Fühlen lernen. Warum wir so oft unsere Emotionen nicht verstehen“ von Dr. Carlotta Welding

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Der Mensch geht immer nur so weit, wie er glaubt, dass die Welt geht.“ —  Thomas Bernhard, Buch Frost

Vielen Dank für das Interview liebe Susanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Susanne Wawer, Schriftstellerin

BEZIEHUNGSKILLER KIND? von Susanne Wawer – faltershop.at

Foto_privat

14.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir müssen so leben wie die Astronauten – vielleicht sogar ohne alles, aber im All“ Stefan Feinig, Schriftsteller_Wien 8.4.2021

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Recht überschaubar. Zurzeit werde ich um 6 Uhr früh von meiner Tochter geweckt (ein Jahr alt!). Sie wird von mir eine Zeit lang bespaßt (inklusive Essen). Je nachdem, wie meine Partnerin und ich uns die Erziehung zeitlich einteilen, kann das auch stark variieren. Wir sind beide gerade zu Hause bzw. arbeiten von zu Hause aus. In meiner „kinderfreien“ Zeit schreibe ich primär Beiträge für das Wiener Online Magazin WARDA. Wenn es sich ausgeht, arbeite ich an einem neuen literarischen Text. Wenn es sich ausgeht…

Stefan Feinig, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Hm… Ich suche gerade nach passenden Schlagworten. Dann nach einem grandiosen Zitat. Mir fällt keines ein! Ich vermute einmal, dass es einstimmig für alle wichtig ist, (so erscheint mir das zumindest), dass der Lockdown endlich vorbei ist und das Problem „Corona“ endlich gelöst ist. Doch glaube ich, dass, nachdem dieses Problem gelöst sein wird, andere wichtige Themen auf uns zukommen werden. Es hat sich ja aufgrund von Corona sehr vieles verändert und ich habe so das Gefühl, dass es „danach“ nicht mehr wirklich so sein wird wie „davor“ – vor allem in der Arbeitswelt (u.a. Thema Homeoffice etc.). Man darf nur gespannt sein, was die Zukunft noch so bringt… „Sicherheit“, jetzt ist mir so ein Wort doch noch eingefallen, mit dem jeder und jede etwas anfangen kann. Was für ein tolles Wort! Das finden wir alle bestimmt besonders wichtig, das Gefühl von Sicherheit. Schon ein starkes Wort, in einer Welt in der vieles so unsicher geworden ist. 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Vor allem das Wort „Aufbruch“ wirkt so groß und gut und so positiv besetzt. Zurzeit wirkt es eher so, als versuche die Welt nicht im Chaos zu versinken. Niemand scheint so recht zu wissen, in welche Richtung es gehen wird. Vom Globalen zum Regionalen? Oder dann doch, sobald das Reisen wieder möglich ist, die exzessive Aufsuchung des Fernen, einfach nur aus Prinzip, weil man es wieder kann und etwas kompensieren muss oder weil die Flugtickets so katastrophal billig sein werden. Ich glaube nicht, dass die Menschheit „danach“ auf einmal besinnt sein wird. Ich glaube nicht, dass das ein „Aufbruch“ ist. Die Dinge werden sich nur ändern, haben sich schon geändert. Die Menschen werden jedoch versuchen, das Alte wieder heraufzubeschwören, das „davor“. Doch ist es zurzeit nicht absehbar, ob es dieses „davor“ jemals wieder so geben wird können. Das Gefühl der Angst scheint sich festgesetzt zu haben. Es ist natürlich genau das, was die Menschen mit Einfluss auch bewirken wollten. Angst. Wesentlich wird sein, sich eben nicht von Angst oder anderen Emotionen leiten zu lassen und aus diesen heraus die falschen Entscheidungen zu treffen.

Naja… Und die Kunst? Ich kann dazu nicht wirklich viel sagen. Kunst ist für mich einfach alles! Doch scheint mir das eine Minderheitenmeinung zu sein. Wie wichtig Kunst wirklich ist, scheinen nur Menschen nachvollziehen zu können, die selbst künstlerisch tätig sind oder in deren Welt Kunst relevant ist. Ich fürchte fast, dass Kunst nicht wirklich eine Rolle spielen wird. Was schade ist.

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer mehrere Sachen gleichzeitig. Was mich gerade in seinen Bann zieht, ist ein Buch über Bruegel – seine Bilder, vor allem aber die Ideen hinter seinen Werken, finde ich sehr anregend. Dann lese ich „Der Honigverkäufer im Palastgarten und das Auditorium Maximum“ von Peter Waterhouse. Waterhouse schafft es, meiner Meinung nach, wie sonst keine/r, der oder die mir bekannt ist, Räume zu öffnen und Klangwelten entstehen zu lassen. Dann lese ich auch einiges vom slowenischen Autoren Ludvik Mrzel. Die Beobachtungen in seiner Kurzprosa aus den 1930er Jahren finde ich sehr aktuell.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vielleicht eine lustige Passage aus „Der Honigverkäufer…“ , die meiner Meinung nach gerade sehr passend ist, da sich gerade alles sehr um Geld dreht, wie eigentlich immer schon. Doch gerade jetzt sehr erschreckend – vor allem wenn man den Kauf billiger Impfungen bedenkt. Es wird eigentlich oft an den falschen Enden gespart. Wie dem auch sei, hier ein Zitat von Waterhouse:

„Wir müssen so leben wie die Astronauten – ohne Geld. Die Raketentechnik und die Raumkapseln und Raumstationen und die Satelliten mögen ja teuer sein, doch die Astronauten leben  in den Stationen ohne Geld, vielleicht sogar ohne alles, aber im All.“

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Stefan Feinig, Schriftsteller

Mohorjeva – Hermagoras | Verlag | Autor: Stefan Feinig

Foto_Jennifer Freund

13.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„In der Kunst fällt die Illusion des Getrennt-Seins“ Isabella Minichmair, Bildende Künstlerin, OÖ 8.4.2021

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich grundlegend verändert. Ich gehe zeitig schlafen. Das liegt wohl daran, dass ich mir allgemein mit meinem Leben mehr Zeit lasse und auch versuche anderen diesen Raum zu geben. Ich wache dementsprechend früh auf und genieße den heraufziehenden Morgen. Noch bevor ich irgendetwas anderes angehe, schreibe ich. Manchmal entsteht eine Ideenskizze. Wenn möglich gleich noch im Bett. Vormittags arbeite ich dann in meiner kleinen Werkstatt oder ab und zu in der Glasmalerei Stift Schlierbach. Hin und wieder sind nun auch Termine auswärts möglich. Mittags oder am frühen Nachmittag, je nach Auftrag oder Arbeitsvorhaben, koche ich für mich und meine Familie. Am späten Nachmittag schreibe ich wieder, beantworte Mails, spanne Leinwände auf und grundiere sie oder kümmere mich um anfallende Arbeiten im Haus und Garten. Den Tag schließe ich mit Yoga oder kugle einfach auf der Matte herum und lasse den Tag an mir vorbeiziehen.

Isabella Minichmair_Bildende Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Respekt, Wertschätzung und Achtung gegenüber dem scheinbar anderen. Menschen stehen in verschiedenen Lebensrealitäten und erleben unterschiedliche Herausforderungen. Was dem einen logisch und klar erscheint, ist dem anderen unverständlich. Was dem einen große Kraft abverlangt, bedeutet für den anderen Entspannung. Zuversicht trifft auf Angst, Lebensfreude auf Trauer, Besonnenheit auf Wut, Stärke auf Verletzlichkeit. Zuhören, den anderen in seiner Lebensrealität annehmen und über die eigene Klarheit erlangen, sind Punkte, die uns stärken können.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Die systematische Abwicklung des Ausbildungs- und Arbeitslebens, sowie die planmäßige Gestaltung des privaten Bereichs haben in den vergangenen Jahrzehnten (eigentlich sind es mehr als zwei Jahrhunderte) an Fahrt zugelegt. Das Aufrechterhalten des hohen Tempos verlangt derzeit viel ab und stößt aufgrund der fehlenden Anbindung an ein lebendiges Miteinander an seine Grenzen. Trotz technischem Brückenschlag werden nun grundlegende Systemfehler sichtbar. Insofern die Planmäßigkeit und Kontrollierbarkeit in der Abwicklung, Lösung oder Vermittlung eines Inhalts bedeutender geworden sind als der Inhalt selbst. Diese Sichtbarkeit sehe ich als große Chance. Sie rückt das Leben an sich und die Werte, die wir davon ableiten, in den Fokus.

Die Kunst birgt ja das Element der Vergegenwärtigung. Sie holt den Menschen sowohl beim Schaffen als auch beim Rezipieren zu sich selbst zurück und lässt ihn das andere als Teil des eigenen erkennen. Die Illusion des Getrennt-Seins fällt. Das halte ich noch immer für eine ihrer wesentlichen Aufgaben.

Was liest Du derzeit?

Erneut Erich Fromm „Haben oder Sein“ und „Wege aus einer kranken Gesellschaft“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Rainer Maria Rilke in einem Brief an Franz Xaver Kappus

Worpswede bei Bremen, am 16. Juli 1903

Über die Geduld

Man muss den Dingen die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann, alles ist austragen – und dann gebären…

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben.

Mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.

Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabella Minichmair, Bildende Künstlerin

malerei – www.farbebekennen.at

www.farbebekennen.blog

Foto_Martin Eder

14.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kulturelles Erleben ist eine Notwendigkeit“ Ramona Schnekenburger, Künstlerin _Wien 7.4.2021

Liebe Ramona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es hat sich, bis auf den Wegfall diverser Termine, nicht so viel an meinen Tagesabläufen verändert. An den Tagen, wo ich mit den Künstler/innen aus Gugging arbeite, stehe ich sehr früh auf und unterstütze die Künstler/innen im offenen Atelier. Eine klare Tagesstruktur- für sie, aber auch für mich!

 An den restlichen Tagen bin ich mir selbst überlassen. Ich stehe später auf, rede mit meinem Freund viel über Nahrungsaufnahme und andere, noch wichtigere, Gedankenkonstrukte und Ideen.

Vormittags arbeite ich am Computer und ab ca. 16 Uhr gehe ich in mein Atelier, das zum Glück nur zwei Stockwerke entfernt ist. Das geht dann bis in die Nacht. Dort kann ich gut fokussieren, und egal wie groß die Motivation ist, es geht immer etwas weiter. Ein magischer Ort.

Ramona Schnekenburger_Künstlerin

Immer wieder sehe ich die Menschen, die mir wichtig sind, per Zoom und im real life, ich war auch schon auf einem ‚Soft-Opening‘ einer Ausstellung und interessant daran war, dass es sich so viel mehr anfühlt durch die Seltenheit.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist schwierig eine Aussage für alle zu treffen, da es besonders derzeit so unglaublich viele, verschiedene Lebenssituationen und Betroffenheiten gibt. Und gleichzeitig gilt diese Pandemie tatsächlich ALLEN, nämlich der ganzen Welt.

Trotzdem: Die Hoffnung und den Mut nicht zu verlieren, und den eigenen Fähigkeiten im Umgang mit dem Leben zu vertrauen, scheint mir eine wichtige Sache zu sein im Moment. Und damit meine ich nicht verdrängen, auch Gefühle wie Wut, Verzweiflung und Unverständnis brauchen ihren Raum.

Ramona Schnekenburger_Dickhäuter,80x120cm, Öl, Bleistift und Asche auf Leinwand,2021

Das Leben wird weitergehen und es wird ein ‚nach Corona‘ geben. Dieses Danach wird anders sein, ganz einfach deshalb, weil wir alle jetzt diese neue Erfahrung der kollektiven Verletzbarkeit haben.

Und vielleicht, also ich persönlich glaube fest daran, werden wir aus dieser Erfahrung Erkenntnisse gewinnen, die die Zukunft bereichern und uns alle im Umgang mit dem eigenen Leben und der Welt, die uns umgibt, klüger machen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

In dieser Pandemie, und auch der Reaktion der jeweiligen Regierungen auf die Pandemie, sind einige Realitäten ans Licht gekommen.

Dinge, die wir bereits gespürt und geahnt haben, sind zu Fakten geworden.

Wie zum Beispiel die Wertschätzung und Wichtigkeit unterschiedlicher Arbeits- und Lebensbereiche.

Der Kulturbereich wurde geopfert und als verzichtbar bewertet, ebenso wissen jetzt alle, dass die in der Pandemie für die Basisversorgung unabdinglichen Arbeitsbereiche wie der Gesundheitssektor insgesamt, aber auch der Handel, genau die sind, die schlecht bezahlt werden. Die Nationalstaaten ziehen sich in einer Notlage wieder auf sich zurück, die Meinungsdiversität in der Bevölkerung wird nach dem Motto ‚Augen zu und durch‘ abgeblockt, obwohl sie einen grundlegenden Wert der Demokratie darstellt.

Positiv fällt mir auf, dass durch die Pandemie als Folge unseres weltweiten Umgangs mit der Natur, nun EIGENTLICH niemand mehr sagen kann, dass es ihn/sie nichts angeht. Es braucht diesbezüglich einschneidende Veränderungen, die auch jedem/r Einzelnen ein bisschen weh tun werden.

Auch im persönlichen Bereich, unsere Beziehungen und Lebensgestaltung betreffend, haben sich durch die Erfahrung der Isolation und gleichzeitig höchster Dichte an Nähe (zu den Haushaltsangehörigen) viele Verschiebungen ergeben. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie wir weiterleben werden. Ich könnte mir vorstellen, dass mein Leben insgesamt etwas langsamer und ausgewählter wird.

Nun zur KUNST AN SICH: Ich hätte es sehr begrüßt, wenn genau dieser Kunst- und Kulturbereich in Zeiten der Pandemie geöffnet und sogar forciert geworden wäre. Es wäre eine Chance gewesen, dass auch die, die sonst nie ins Theater, Museum oder in eine Lesung gegangen sind, auf die Idee gekommen wären.

Für mich ist das kulturelle Erleben eine Notwendigkeit und die Verbindung zur tieferen Beschäftigung mit den großen Menschheitsthemen (das heißt auch mir selbst). Immer wieder, wenn ich zum Beispiel eine gute Ausstellung sehe oder einen Beitrag im Radio höre, der mich zum Denken und/oder Handeln anregt, sage ich laut in den Raum: ‚Ich bin so dankbar für diese Tausendheit an Menschen, die mir ihr Wissen und ihre Beschäftigung mit den Dingen, die sie interessieren, zur Verfügung stellen. Was wären wir ohne Kultur!‘

Die Erkenntnisse aus der Pandemie sollten uns Kunstschaffende nicht resignieren lassen, sondern ganz im Gegenteil dazu anregen uns mehr selbst zu organisieren, uns UND ANDEREN zu begegnen und zu zeigen was Kunst und Kultur eigentlich kann, nämlich Kraft und Verbindung schaffen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese wieder seit der Pandemie!

Und zwar ‚Die Eroberung Amerikas‘ von Franzobel.

Kann es gar nicht mehr aus der Hand legen. Eine wundervolle Möglichkeit gedanklich in eine andere Welt und Zeit abzutauchen und immer wieder laut aufzulachen dabei.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

‚Es gibt nichts Gutes, außer man tut es‘

Erich Kästner

Für einen entscheidungsschwachen Menschen wie mich ein wichtiges Mantra.

Vielen Dank für das Interview liebe Ramona, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ramona Schnekenburger, Künstlerin

Ramona Schnekenburger – Portfolio

Fotos_1 Mascha Dabic; 2 Ramona Schnekenburger; 3_Alexandra Kontriner.

12.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Geduld und den Verstand behalten“ Kabarettduo Flüsterzweieck_ Wien 7.4.2021

Liebes Duo Flüsterzweieck, wie sieht jetzt Euer Tagesablauf aus?

Ulrike: Aufstehen, Essen, Mails beantworten, Yoga, Arbeit (falls vorhanden), Essen, spazieren, wieder essen, Wein.

Antonia: Eigentlich ist eh alles wie immer, nur am Abend gibt’s zur Zeit weniger Scheinwerferlicht, dafür mehr Online-Biertrinktreffen.

Flüsterzweieck_Kabarettduo_Wien

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ulrike: Geduld. Und den Moment mit Inhalt füllen. Und nett zueinander sein, wir habens grad alle nicht leicht.

Antonia: Den Verstand behalten. 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Kabarett, der Kunst an sich zu?

Ulrike: Es wird weder schlecht noch gut werden, das was passiert, differenziert zu beleuchten, halte ich für wesentlich. Und das Kabarett soll das, was differenziert oder nicht differenziert wird, noch differenzierter benennen.

Antonia: Die Ungerechtigkeiten auf globaler und nationaler Ebene, die durch die Pandemie unvertuschbar geworden sind, ernsthaft beheben versuchen. Und die Kunst soll dabei ungemütlich bleiben und sich nicht zum Kaschieren hinreißen lassen. 

Was lest Ihr derzeit?

Ulrike: Paul Auster „The New York Trilogy“

Antonia: „Weiber“ von Toyah Diebel und die Take-Away-Speisekarte von meinem Lieblingsgasthaus Automat Welt

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Ihr uns mitgeben?

Beide: „Warum nicht?“ (Unser Regisseur Dieter Woll)

Vielen Dank für das Interview liebe Ulrike, liebe Antonia, liebes Duo Flüsterzweieck, viel Freude weiterhin für Eure großartigen Kabarettprogramme und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Flüsterzweieck, Kabarettduo

„Flüsterzweieck“ sind ein mehrfach ausgezeichnetes Theaterkabarett-Duo aus Österreich. 

Ulrike Haidacher  und Antonia Stabinger gründeten Flüsterzweieck im April 2009 im Zuge ihrer Teilnahme beim Kleinkunstwettbewerb „Grazer Kleinkunstvogel“. Bereits nach ihrem ersten gemeinsamen Auftritt, der ihnen den 1. Preis der Jury einbrachte, titelte die Presse: „Klarer Sieg mit skurrilem Sprach-Stakkato“. Seitdem haben sie vier Programme auf die Bühne gebracht, die erfolgreich in Österreich, Deutschland, Italien und der Schweiz gespielt werden. Außerdem arbeiten sie für Radio und Fernsehen. 2017 wurden sie mit dem Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet. Bei ihrem fünften Bühnenprogramm “Kult” führt Dieter Woll Regie.

Flüsterzweieck (fluesterzweieck.at)

Foto_Jasmin Schuller

12.3..2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Stärkerwerden ist eine Entscheidung“ Elisabeth Blutsch, Schauspielerin_Wien – 50 Jahre Malina _6.4.2021

In der Schulzeit begegnete mir Ingeborg Bachmann als Fixpunkt deutschsprachiger Literatur. Sie war und ist eine sehr starke Frau in allem. Es braucht Frauen wie sie jetzt und zu aller Zeit.

Elisabeth Blutsch_Schauspielerin, Sängerin

Der Roman „Malina“ spielt in Wien und hat ein sehr gutes Auge für Orte, Menschen dieser Stadt. Da ist sehr viel Aufmerksamkeit, sehr viel Kritik wie Liebe drin. Da ist Bachmann ganz „Wienerin“.

Und natürlich sehr viel Kultur, Kunst, Gespräch. Wien ist ja eine Kulturhauptstadt. In Geschichte und Gegenwart. Das begleitet bei jedem Schritt. Real wie im Wien_Roman Malina.

Wien wird immer meine Lieblingsstadt sein. Ich bin in Ottakring aufgewachsen und lebe auch heute hier. Da ist auch sehr unmittelbar das alte Wien zu spüren. Etwa die 10er Marie, einer der ältesten Heurigen. Ich liebe auch die Wiener Art, das legere wie das grantige.

Ich liebe auch die „Bachmann Stadt“ Klagenfurt. Ich spielte am wunderschönen Stadttheater. Und die Wege, Straßen, Plätze – die Bahnhofstraße, Radetzkystraße, Parkanlangen und den See, liebe das. Da geht mein Wiener-Herz auf bzw. fremd (lacht).

Die unmittelbare Publikumsbühne des Theaters steht ja derzeit leider still. Ich hatte im Februar/März Projekte mit der ORF Produktion „starmania“ wie Werbedrehs, darüber war/bin ich sehr froh. KollegInnen am Theater proben in der Ungewissheit der Premiere. Die Generalprobe findet statt und dann ist die Abreise. Das ist sehr schwierig und unangenehm.

Ich habe Projektplanungen für den Sommer und hoffe, dass diese stattfinden können – ich glaube fest daran, dass sie stattfinden.

In der Besetzung von Theaterrollen ist es oft sehr oberflächlich. Eine gewisse Typologie ist gefragt. Du kannst singen, tanzen, schauspielen aber dann ist die Haarfarbe, Größe, Körpergewicht wesentliches Kriterium. Das ist ärgerlich.

Bei Auditions geht es dann oft ab einen gewissen Level nicht darum wer am Besten spielt, singt sondern ob der Typ passt. Ich versuche dann positiv nach Vorne zu blicken und sage mir, dann soll es jetzt in dieser Produktion nicht sein. Ich akzeptiere es.

Bei den großen Häusern, den großen Produktionen weiß ich oft schon, dass einfach ein gewisses Aussehen gefragt ist, das über der künstlerischen Qualität steht, und ich bewerbe mich dann gar nicht mehr. Da suche ich lieber kleinere Häuser, Produktionen, wo in den Auditions/Gesprächen schon merke, da geht es um die Person, um die Kunst, nicht wir groß ich bin und ob ich blonde Locken habe oder nicht.

Das Showbusiness funktioniert so. Wenn ich ein Teil davon sein will, muss ich mitspielen. Das war wohl auch zur Zeit Bachmanns so, auf der Literaturbühne.

Eine gute Beziehung zu den eigenen Emotionen ist in unserem Beruf ganz wesentlich. Emotionen sind die Basis unserer Arbeit. Das Spiel mit Emotionen. Da geht es um Dramatik. Es ist ein Dialog mit eigenen Erfahrungen, Erlebnissen und dem künstlerischen Text. Selbstreflexion ist dabei sehr wichtig. Für jeden Menschen.

Wir wenden uns sehr oft nur der Schönheit von Emotionen zu. Aber es gibt auch das Dunkle, Verdrängte. Und das Eine gibt es nicht ohne das Andere.

Wir dürfen Emotionen fühlen, hell und dunkel. Diese Gegensätze sind zu akzeptieren und zuzulassen. Emotionen sind nicht wegzuschließen.

Ich liebe weinen.

Ich weine oft, hauptsächlich wenn ich gerührt bin. Da weine ich sehr schnell. Ich finde weinen hervorragend. Weinen würde ich nie als etwas Negatives empfinden. Es ist etwas Befreiendes wie Lachen. Ein Ventil vor der Explosion von Emotionen.

Mentale Gesundheit gewinnt immer mehr an Bedeutung und das ist sehr wichtig.

Ich freue mich auch sehr gerne über Alltägliches. Das fällt auf und mir fällt dann auf, dass es nicht so häufig ist.

Wir alle haben die Angst negativ aufzufallen. Da wird das angepasste  „Mitschwimmen“ vorgezogen.

Menschen trauen sich oft nicht „aus sich rauszugehen“ obwohl sie es gerne würden in Freude und Traurigkeit. Es ist schade, dass dies nicht zugelassen wird. Ingeborg Bachmann geht da in „Malina“ einen ganz anderen Weg. Der Roman ist ein Feuerwerk, eine Achterbahn der Emotion. Da bleibt nichts verborgen.

Sich aus einer „toxischen“ Beziehung zu lösen, war zur Zeit der Romanentstehung sehr schwer möglich. Die finanziellen Abhängigkeiten waren etwa bei einer Ehescheidung sehr groß.

Vieles hat sich gesellschaftlich zum Besseren verändert. Aber auch heute gibt es Abhängigkeiten in der Liebe.

Es betrifft heute Frauen und Männer, die sich aus toxischen Beziehungen nicht lösen können.

Eine toxische Beziehung ist immer ein Hineinschlittern. Am Anfang zeigen wir nur die besten Seiten von uns. Es ist eigentlich eine Show, eine Bühne. Dahinter beginnt dann das tägliche Leben abseits des Scheinwerferlichts des ersten Verliebtseins. Dann kann das Toxische Raum greifen und erdrücken. Das Gewalttätige, Manipulative, das Drama. Bachmanns Roman Malina erzählt eindringlich davon.

Besser betrogen, belogen zu werden als allein zu sein. Auch diese emotionale Abhängigkeit ist Alltag heute, 50 Jahre nach Malina.

„Ich behandle dich jetzt so, weil es für dich das Beste ist!“ – da heißt es (spätestens) Ciao zu sagen.

Zu erkennen was gerade passiert in einer Beziehung ist ein harter, schwerer Weg.

Ich habe einen Wert und ich weiß das. Allein oder in einer Beziehung. Ich bin ich. Damit gehe ich in oder aus einer Beziehung.

Dass wir einen Wert haben, als Frau und Mann, kann und darf uns niemand wegnehmen. Genau darum geht es ja auch in „Malina“.

Selbstbewusstsein ist Beziehungsvoraussetzung.

Jede Frau, die aus einer toxischen Beziehung entkommt, hat meinen größten Respekt.

Das ist grundsätzlich ein gesellschaftlicher Auftrag. Aber oft ist es der Weg allein in die Wand, wie im Roman von Bachmann. Durch die Wand hin zur Realität. Eine „Todesart“ wie Bachmann es nennt.

In einer Beziehung ist immer auch emotionaler „Waschtag“. Fein- und Kochwäsche des Täglichen, das ist gut so. Leider kann aber auch massive Gehirnwäsche dabei sein  – da braucht es dann die Stopptaste.

Die hohe gegenwärtige Scheidungsraten ist auch eine Errungenschaft.

Die Rolle der Frau ist immer eine anerzogene. Niemand wird für den Herd geboren.

Erziehung ist immer ein Stück Freiheit oder eine Kette der Unfreiheit.

Wir müssen an diesem vorgegebenen  „mindset“ der gesellschaftlichen Rolle arbeiten – ob Frau oder Mann.

Liebe auf den ersten Blick gibt es nicht. Es gibt Anziehung aber Liebe entsteht.

Ich konnte noch nie am Anfang einer Beziehung sagen, ich liebe dich. Es kommt zuerst das Kennenlernen. Liebe muss entstehen, davon bin ich überzeugt.

Wie lange es braucht, um „Ich liebe dich“ zu sagen? Das ist nicht genau zu sagen, es kommt auf das Zusammenspiel an. Wenn ich um eine Zeitangabe gefragt werde – so rund ein halbes Jahr.

„Ich liebe dich“ auszusprechen ist für mich ein Miteinander von Empfindung und Wort. Ich empfinde es früher als ich es sage. Das mache ich bewusst, weil ich es da noch für mich behalten möchte. Dass es wachsen und mich erfüllen kann bis es zur Welt, zur Welt der Sprache kommt. Bis es raus muss in die Welt. In all der Schönheit aber auch Herausforderung und Verantwortung.

Wir sollten alles mit Empfindung und Bewusstsein tun. In der Liebe und im Leben.

Eine Fernbeziehung ist eine Beziehung zum Handy.

In der Liebe muss Gegenwart und Zukunftsausblick passen.

Liebe muss Geborgenheit vermitteln.

Das Warten auf einen Anruf, eine Nachricht charakterisiert eine Beziehung. Da hat sich seit Malina nichts verändert. Nur die Technik.

Da sind diese vielen Gedanken im Warten – Was macht er gerade? Warum meldet er sich nicht? – und dann kommt der Anruf und es geht einem gut. Da ist eine Freude aber auch eine Wahrnehmung von Abhängigkeit.

Glücklich bist du immer allein. Das ist ein Wert, gerade auch in einer Beziehung.

Beziehung ist für mich Bestimmung.

In der Beziehung müssen alle Karten auf den Tisch. Ich hasse betrügen.

Wenn dem Partner etwas fehlt und er spricht es aus, ist das ganz wichtig. Auch wenn es schwer ist für beide. „Dieses, es reicht nicht was wir haben“ auszusprechen und zu benennen, ist eine große Herausforderung aber unumgänglich.

Ich möchte in einer Partnerschaft immer die Möglichkeit zum Reagieren haben. Eine Affäre nimmt die Möglichkeit der Reaktion. Das ist unfair.

Polygamie und Beziehung funktioniert für mich nicht. Da ist es wichtig zu sagen, du hättest es gerne so aber ich schaffe es nicht.

Es ist sehr wichtig voreinander, miteinander zu weinen. Männer können, dürfen, müssen weinen.

Männer haben es schwer in ihrem Selbstbild. Darüber wird zu wenig gesprochen.

Männlichkeit wie Weiblichkeit muss authentisch sein. Der Roman ist dabei ja wie ein Lehrbuch.

Mann und Frau müssen nichts können. Nichts muss – alles kann, darf sein.

Ingeborg Bachmann lesen heißt, an die eigene Stärke zu glauben.

Ingeborg Bachmann lesen heißt – sich nichts dreinreden lassen.

Stärkerwerden ist eine Entscheidung.

Elisaberth Blutsch_Sängerin, Schauspielerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Elisabeth Blutsch, Schauspielerin, Sängerin _Wien.

„Kunst ist schon immer ein Ort gewesen, an dem die Leute auch Emotionen verarbeiten können“ Elisabeth Blutsch, Schauspielerin_Wien 7.1.2021 | Literatur outdoors – Worte sind Wege

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Wien_27.2.2021

Walter Pobaschnig _ 4_2021

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