
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Im Interview _ Rose A. W. Diamond, Schriftstellerin _ Minderlittgen (Rheinland-Pfalz), D
Liebe Rose, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich lese Bachmann als Kontinuum.
Mein erster Zugang war sprachlich. Bachmann zeigt, was passiert, wenn ein Satz mehr aushalten muss als Alltag. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ – dieser Satz hat mich als Autorin erwachsen gemacht. In „Magica“ prüfe ich das Gegenteil: Ist dem Menschen auch die Magie zumutbar, mit allen Kosten? Bachmann gab mir den Mut, Figuren etwas zuzumuten.“
Ich kam zu „Malina“. Ich las es mit 20 und verstand zum ersten Mal, dass Verschwinden eine Form von Erzählen sein kann. Nicht jede Geschichte muss retten. Manche müssen bezeugen. Das hat mich befreit. Ich muss in „Magica“ niemanden retten. Ich muss nur ehrlich zeigen, was Macht mit Menschen macht. Bachmann hat mir erlaubt, unbequeme Enden zu schreiben.
Mein Zugang ist die Frage nach dem Ich. Bachmann zerlegt es in „Malina“ bis zur Unkenntlichkeit. Sie fragt: Was bleibt, wenn alle Rollen fallen? Ich drehe die Frage in „Magica“ um: Was entsteht, wenn man ein Ich aus Scherben neu baut? Beide Wege tun weh. Beide brauchen Sprache als Werkzeug und als Waffe. Ohne ihre Radikalität hätte ich meine nicht gefunden.
Wie alles zusammenhängt:
„Malina“ ist der Ort, an dem das Ich verschwindet. In der Ungargasse, zwischen Wänden und Sätzen, löst sich eine Stimme auf. Was bleibt, ist nur noch ein Name – mehr Behauptung als Person.
„Undine“ ist das Urteil, das darauffolgt. Wo „Malina“ im Trockenen erstickt, spricht „Undine“ unter Wasser: ohne Luft, ohne Lüge. Verrat hat zwei Gesichter, und der See nimmt, was keine Sprache mehr tragen kann. Zurück kommen nur Echos.
„Geht“ ist das Scharnier zwischen beiden. Nichts endet mit dem letzten Punkt. Trauer geht über in Verwandlung, Erinnerung nimmt, was der Text verliert. Hier kippt das Verschwinden in eine Möglichkeit.
„Ingeborg“ ist die Antwort darauf, warum überhaupt geschrieben wird. In jedem Riss wohnt eine Möglichkeit, und Narben sind die Schrift der Überlebenden. Ihre Waffe war Genauigkeit – gegen das Vergessen, gegen das Verschwinden. Ein Ich stellte sich der Welt, bis die Sprache brach und Wahrheit wurde. Ruhm war nie ihr Auftrag. Gedächtnis ist er.
So gelesen ist es ein Weg: vom Verstummen in „Malina“ über das Gericht der „Undine“ durch das „Geht“ der Verwandlung hin zu „Ingeborg“, die das Gedächtnis stiftet. Das eine bedingt das andere. Ohne das Zerbrechen gäbe es keinen Grund zu schreiben. Ohne das Wasser keine Prüfung. Ohne das Weitergehen kein Zeugnis. Und ohne das Zeugnis kein Grund, warum wir heute noch lesen.
So zeigt „Malina“ das Verschwinden. „Undine“ spricht das Urteil. „Geht“ verwandelt den Verlust. „Ingeborg“ gibt dem Ganzen einen Auftrag: Gedächtnis. Für mich ist das ein Kreislauf. Bachmann zerlegt, damit nichts vergessen wird. Ich schreibe „Magica“, um aus denselben Scherben etwas Neues zu bauen.
„Wenn ich gefragt werde „Wo ist „Magica“?
Antworte ich: „Magica steht zwischen den Zeilen. Jeder Band fragt: „Was geht, wenn ein Ich zerbricht? Was bleibt, wenn Wasser nimmt? Was schreibt, wenn niemand hört? Bachmann stellt die Fragen. Ich versuche eine Antwort in drei Bänden. Hoffnung geht durch alle drei! „Zumutbar“ ist Bachmanns Kernsatz, ich drehe ihn weiter. Ich gebe Bachmann Kredit für meinen Mut als Autorin. Ich stelle mich neben sie, nicht unter sie. Beide Wege tun weh.“
Wenn ich gefragt werde: „was muten Sie ihren Figuren zu? Halte ich den Bachmann- Maßstab ein? Oder ist „Magica“ nur Eskapismus mit Glitzer?“
Dann antworte ich: „Ich mute meinen Figuren zu, was Bachmann die Wahrheit nannte: dass jede Macht einen Preis hat. In „Magica“ kann niemand zaubern, ohne etwas zu geben. Manchmal ist es Erinnerung. Manchmal ein Körperteil. Manchmal die Liebe. Es gibt keine Rettung ohne Verlust. Das ist mein Gesetz. Weil die Wahrheit dem Leser zumutbar ist – auch in der Fantasy.
Meine Protagonisten können viel sehen. Damit meine ich wirklich sehen. Das klingt nach Geschenk. Ich mute ihnen zu, dass sie an jedem neuen Tag entscheiden: Wem von ihnen gebe ich heute meine Stimme? Wem nicht? Und mit jedem, den sie ignorieren, stirbt ein weiteres Mal. Diese Schuld trage ich ihnen auf. Weil Bachmann gezeigt hat: Schweigen ist auch eine Tat. Und Taten haben Folgen. Ich mute ihnen die Zumutung zu. In „Magica“ rettet Magie nie. Sie kostet. Zeit, Blut, oder die Wahrheit über sich selbst. Wer zaubert, wird.
„Magie kostet immer. Nichts ist ohne Preis. Wer Macht hat, hat Schuld. Wahrheit ist zumutbar. Schweigen ist Tat. Ein Satz muss sich rechtfertigen. Ich bin eine Autorin, die ihren Figuren nicht verzeiht., weil ich sie ernst nehme und weil Verzeihen hieße, ihre Schuld zu tilgen, ihre Taten zu verkleinern, sie zu schonen. Ich mute ihnen zu, die Konsequenz zu tragen. Ohne Ausrede. Ohne Erlösung von außen. Für Magica heißt das: Ich mute Max und Hannah Wagonwheel zu, im Reich der Zeiten allein zu stehen. Ich mute dem Hausschuldbold Bubblegum zu, Schuld zu tragen, bis er davon freigesprochen wird. Ich verzeihe nicht – ich lasse sie wachsen, indem sie es aushalten. Figuren, denen man verzeiht, bleiben Kinder. Figuren, denen man nicht verzeiht, werden Helden. Ich verzeihe ihnen nicht – weil nur so aus Schuld Verantwortung wird. Max und Hannah bekommen keine Absolution. Sie bekommen eine Aufgabe. Das bedeutet für Magica konkret:
- Max und Hannah: Ich verzeihe ihnen nicht, dass sie erst nach den Eltern suchen, als es zu spät ist. Ich lasse sie losziehen.
- Bubblegum: Ich verzeihe ihm nicht, dass er fremde Schuld trägt. Ich mute ihm zu, sie weiterzutragen, bis jemand anderes sagt: Du bist nicht schuld.
- Dunkler Magier.: Er bekommt kein tragisches Backstory-Pflaster. Er will Macht. Punkt. Tragen muss er das selbst!
Das ist kein Bachmann-Kult. Das ist Handwerk. Leser merken sofort, wenn ich meine Figuren schone. Und sie vertrauen mir nur, wenn ich es nicht tue. Bachmann? Nein. Das ist schlicht das, was Figuren brauchen, um lebendig zu werden: Konsequenz. Keine Absolution vom Autor!
Und trotzdem mute ich ihnen Bachmanns Gesetz zu: Die Wahrheit ist zumutbar. Übersetzt für „Magica“ heißt das: Jeder Zauber fordert Bezahlung.
Eine meiner Protagonisten, mit einer kleinen, aber entscheidenden Nebenrolle: ist Liora. Sie ist die Wächterin der verborgenen Kammer in „Magica“. Das klingt nach Macht. Ich mute ihr zu, dass sie jede Nacht entscheidet, welche Tür verschlossen bleibt. Und mit jeder Tür, die sie nicht öffnet, bleibt eine Wahrheit eingesperrt – manchmal eine rettende, manchmal eine zerstörende. Ihre Schuld ist nicht, was sie tut. Ihre Schuld ist, was sie „nicht“ tut. Weil Bachmann gezeigt hat: Auch Schweigen ist eine Tat. Und Wachen heißt wählen. Das ist Bachmanns „Genauigkeit unter Druck“,
„Schweigen ist eine Tat“ und „Wachen heißt wählen“
Liora bewacht die verborgene Kammer. Ich mute ihr zu: Sie muss Türen geschlossen halten, hinter denen Wahrheiten warten. Ihre Macht ist ihr Verzicht. Weil auch in „Magica“ gilt: Die Wahrheit ist zumutbar. Die Lüge nicht.“ Lioras Amt als Wächterin ist ihr Urteil. Ich mute ihr zu: Sie darf die Kammer nie betreten. Sie bewacht etwas, das sie selbst zerstören würde, wenn sie es ansieht. Ihr ganzes Leben ist Dienst an einer Wahrheit, die sie nicht kennen darf. Das ist der Preis für Macht in „Magica“: Wer schützt, verzichtet. Wer wacht, ist blind. Bachmann nannte das zumutbar. Ich nenne es notwendig.“
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Das Besondere an Ingeborg Bachmanns Schreiben ist die Genauigkeit unter Druck. Ingeborg Bachmanns Werk kann aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden, darunter biografische, literarische und thematische Zugänge.
Besonderheiten ihres Schreibens:
Sprachliche Eleganz: Bachmanns Prosa und Poesie zeichnen sich durch eine raffinierte Sprache aus.
Thematische Tiefe: Sie behandelt Themen wie Identität, Geschlechterrollen und das Trauma des Zweiten Weltkriegs.
Innovative Form: Sie experimentiert mit Erzählstrukturen und Gedichtformen.
Bachmanns Werk ist durch seine sprachliche Tiefe und thematische Vielschichtigkeit geprägt, was es zu einem zentralen Bestandteil der deutschsprachigen Literatur macht. Jeder Satz muss sich rechtfertigen – vor der Sprache, vor der Geschichte, vor dem Schmerz. Sie nennt das: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Das ist kein Trost. Das ist ein Auftrag. Sie schreibt Sätze, als würde jedes Wort über Leben und Tod entscheiden. Nichts ist beiläufig. ‚Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar‘ – das ist kein Spruch, das ist ein Gesetz, das sie ihren Figuren und sich selbst auferlegt. Diese Radikalität macht ihre Sprache unbestechlich. Auch 100 Jahre später kann man sich hinter keinem ihrer Sätze verstecken. Sie schreibt das Schweigen mit. Bei Bachmann ist das, was nicht gesagt wird, genauso laut wie der Text. In „Malina“ verschwindet ein Ich zwischen den Zeilen. In „Undine“ verurteilt das Wasser, nicht die Figur. Diese Leerstellen sind keine Lücken. Sie sind Orte, an denen der Leser arbeiten muss. Das macht ihr Schreiben besonders: Es traut uns zu, das Unausgesprochene auszuhalten. Bachmann verweigert den Trost. Wo andere Literatur Rettung anbietet, bietet sie Zeugenschaft an. Sie sagt: Ich zeige dir den Riss, heilen musst du selbst. Das ist grausam und ehrlich zugleich. Für mich als Fantasy-Autorin ist das wichtig: Auch wenn ich Welten mit Magie baue, darf ich nicht lügen. Die Kosten müssen stimmen. Diese Ehrlichkeit gegenüber dem Schmerz – das habe ich von ihr gelernt.
In der Lyrik zeigt sich das als Sprachmagie ohne Lüge. „Die gestundete Zeit“ gibt keine Idylle. Sie gibt Zeit, die nicht uns gehört.
In der Prosa wird es forensisch. „Malina“ protokolliert, wie ein Ich zwischen zwei Sätzen verschwindet. „Undine geht“ spricht ein Urteil: Wer liebt, zahlt. Wer verrät, ertrinkt.
Ihr Maßstab ist philosophisch: Beeinflusst von Wittgenstein fragt sie, ob Sprache Wahrheit tragen kann – oder ob sie Gewalt verschleiert. Darum schreibt sie das Schweigen mit. Die Leerstellen sind keine Lücken. Sie sind der Ort, an dem das Unausgesprochene arbeitet.
Für mich als Autorin von „Magica“ heißt das: Auch Magie muss sich rechtfertigen. Auch Fantasy darf nicht lügen. Die Kosten müssen stimmen. Bachmann hat gezeigt, was Sprache aushalten muss. Ich prüfe, was Sprache erschaffen kann, wenn sie ehrlich bleibt.
Bachmanns Werk ist kein Trost. Es ist „Zeugenschaft.“ Eine poetische Diagnose, die nach 100 Jahren nicht verjährt ist: Die stille Gewalt lebt in Sätzen. Und nur Sätze können sie benennen.
Bachmanns Suche nach dem Ich – im Dialog mit Freud
Ingeborg Bachmanns Texte lassen sich als literarisches Streitgespräch mit Sigmund Freud lesen. Nicht als Illustration seiner Theorie, sondern als Prüfung.
1. Das zerfallende Ich: In „Malina“ tritt das Ich nicht als Einheit auf, sondern als Kampfplatz. Zwischen der Ich-Erzählerin, Malina und Ivan wird verhandelt, was von einer Person übrigbleibt, wenn die „symbolische Ordnung“ – verkörpert im Vater der Albträume – zuschlägt. Das erinnert an Freuds Strukturmodell, aber Bachmann fragt weiter: Ist das Über-Ich nur Instanz oder schon Täter?
2. Das Unbewusste als Textverfahren: Träume, Sprachlosigkeit, wiederkehrende Bilder – Bachmann nutzt das, was Freud als Symptom beschrieb, als poetisches Mittel. In „Der Fall Franza“ verstummt die Sprache dort, wo die Gewalt beginnt. Das Unaussprechliche wird nicht erklärt. Es wird ausgestellt. Die Leerstelle im Text ist der Ort des Traumas.
3. Das Es – als Frage, nicht als Befund: In den „Frankfurter Vorlesungen“ bestimmt Bachmann das Schreiben als „Existenzweise“. Es geht um Begehren, um Wut, um den „Krieg und Frieden“ im Einzelnen. Ob das Es, das Ich und das Über-Ich je in Balance sein können, lässt sie offen. „Malina“ endet mit dem Satz „Es war Mord.“ Das ist keine Balance. Das ist Befund: Wenn eine Instanz die andere auslöscht, stirbt das Ich.
Der Maßstab für mich: Bachmann überführt Psychoanalyse in Poetologie. Sie fragt nicht: Wie werde ich gesund? Sie fragt: Wie kann Sprache wahr sein, wenn das Ich zerfällt? Diese Frage gilt auch in „Magica“: Meine Figuren haben Macht, also haben sie ein Es. Sie haben Gesetze, also ein Über-Ich. Zerreißt es sie? Oder erschaffen sie aus dem Riss etwas Neues? Bachmann hat mir verboten, dabei zu lügen.
Für mich sind es zwei Dinge, die für mich wichtig sind: Erstens ihre Genauigkeit unter Druck – jeder Satz bei Bachmann muss sich rechtfertigen. Zweitens schreibt sie das Schweigen mit. Die Leerstellen in „Malina“ sind genauso wichtig wie die Worte. Sie traut ihren Lesern zu, das Unausgesprochene auszuhalten. Das macht ihr Schreiben auch nach 100 Jahren unbestechlich. Und es ist der Maßstab, an dem ich „Magica“ messe: Stimmen die Kosten, die meine Figuren zahlen?
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Ich hebe mehrere hervor, weil sie eine Entwicklung zeigen, die auch meine Arbeit prägt:
1. „Undine geht“ – wegen des Urteils. Eine Frau spricht ihr eigenes Verschwinden aus. Kein Mann, kein Gott verurteilt sie. Sie selbst zieht die Grenze. Diese Selbstermächtigung im Untergang ist radikal. Und sie fragt: Was kostet es, geliebt zu werden? Eine Frage, die jede Figur in „Magica“ auch beantworten muss.
2. „Malina“ – wegen des Schweigens. Hier wird das Ich zwischen zwei Männern, zwei Sätzen, zwei Welten zerrieben. Bachmann schreibt das Verstummen nicht als Niederlage, sondern als Befund. Für mich als Autorin war das die Erlaubnis: Nicht jede Geschichte muss laut enden. Manche müssen bezeugen, was fehlt. „Malina“: nimmt das innere Leben einer Frau in den Fokus und thematisiert die Zerrissenheit zwischen zwei Welten.
3. Die Rede „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ – wegen des Auftrags. Das ist kein Essay, das ist ein Gesetz. Für Bachmann, für mich. Wenn ich Fantasy schreibe, schreibe ich nicht, um zu trösten. Ich schreibe, um zu zeigen, was Menschen einander zumuten. Sie hat mir den Satz geschenkt, an dem ich jeden Band von „Magica“ messe.
Fazit:
„Undine geht“ für das Urteil, „Malina“ für das Schweigen, und ihre Rede zur Wahrheit für den Auftrag. Die drei zeigen: Bachmann tröstet nicht. Sie bezeugt. Das ist mein Maßstab – auch für „Magica.“
Weitere hervorzuhebende Werke sind:
„Die gestundete Zeit“: Eine Gedichtsammlung, die existentialistische Fragestellungen behandelt.
„Das schönste Wort“: Ihre Erzählungen sind prägnant und zeigen ihre Fähigkeit, emotionale Intensität einzufangen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Dazu habe ich mehrere Antworten, da ich nicht weiß wie genau die Situation sich gestaltet hätte:
Ich hätte sie gefragt: „Wieviel von „Malina“ haben Sie beim Schreiben geahnt, und wieviel hat erst der Text gewusst?“
Gesagt hätte ich: „Danke, dass Sie die Kosten nicht verschwiegen haben. ‚Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar‘ – das ist ein Satz, an dem ich meine Figuren messe. Ohne den würde ich anders schreiben.“
Oder:
Ich hätte sie nichts gefragt. Ich hätte ihr „Magica“ Band 1 hingelegt. Auf die erste Seite hätte ich geschrieben: „Sie haben gezeigt, was Sprache aushalten muss. Ich versuche zu zeigen, was Sprache erschaffen kann.“
Dann wäre ich gegangen. Entweder sie zerreißt es oder sie versteht.
Oder:
Ich hätte sie gefragt: „Wer spricht, wenn das Ich schweigt? – Wie in „Malina?“
Dazu gesagt hätte ich: „Ihr Maßstab gilt. Auch 100 Jahre später. Auch in der Fantasy. Danke für diesen Maßstab. ‚Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.‘ Den Satz halte ich auch „Magica“ vor.“
Oder ich hätte Fragen gehabt zu ihren Werken:
In „Malina“ zerfällt ein Ich:
Ich hätte sie gefragt: „Glaubten Sie, dass ein Ich, das einmal in Sprache zerbrochen ist, sich durch Sprache wieder zusammensetzen lässt? Oder ist Schreiben nur Protokoll des Bruchs?“
Die „Frankfurter Vorlesungen“ und „Malina“ lesen sich oft wie ein Gespräch mit Freud.
Ich hätte gefragt: „Ist ein Mensch nur dann ganz, wenn sich Ich, Es und Über-Ich die Waage halten? Oder entsteht ein Ich erst im Kampf zwischen Es und Über-Ich – und die Balance wäre schon sein Tod?“
„Undine geht“ und „Malina“ erzählen von Verrat und von „Wahlen, die wehtun. Kann Literatur ein Ort sein, an dem diese Wahlen anders ausgehen? Oder muss sie gerade zeigen, dass manche Wunden nicht heilen?“
Und gesagt hätte ich: „Danke auch für diesen Maßstab. Sie haben gezeigt, dass Literatur nicht trösten muss. Sie muss wahr sein. Auch wenn es weh tut.“
Weitere Fragen, die mich interessiert hätten:
„Wie haben Ihre persönlichen Erfahrungen Ihre Ansichten über Geschlechterrollen beeinflusst?“
„Welche Rolle spielt die Sprache für Sie in der Verarbeitung von Trauma?“
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein nächstes Projekt ist der Abschluss der „Magica“-Trilogie. Band 3 erscheint 2026 mit Illustrationen von Erhard Sünder. Bachmann hat mir den Maßstab gegeben: Jeder Satz muss sich rechtfertigen. Bei Band 3 heißt das: Jede Szene, jede Figur, jedes Bild muss wahr sein – auch wenn es weh tut. Das bin ich ihr und meinen Lesern schuldig.
Bachmann zerlegt in „Malina“ ein Ich. Ich versuche, aus Scherben ein neues zu bauen. Erhard Sünder gibt den Scherben gerade Gesichter. 2026 wird man sehen, ob es hält. Mehr darf ich noch nicht verraten – außer: Der Maßstab ist derselbe wie bei ihr. Die Kosten müssen stimmen.
Bachmann hat gezeigt, was Sprache aushalten muss. Ich prüfe jetzt, was Sprache erschaffen kann. Das ist mein nächstes Projekt.
Bachmann hat mir den Maßstab gegeben: Wahrheit vor Trost. Daran messe ich jetzt jede Seite.
Alle drei Bände der Trilogie sind einzeln lesbar. Aber sie sind miteinander verwoben. Jeder Band schält ein anderes Ich aus derselben Welt. Band 1 fragt: Wer bin ich, wenn ich Macht bekomme? Band 2: Wer bin ich, wenn ich sie verliere? Band 3: Wer bin ich, wenn ich sie weitergeben muss. Bachmann hat gezeigt: Ein Ich ist kein Zustand. Es ist Arbeit. Genau das prüfe ich – Buch für Buch. Das ist mein „Wahrheit ist zumutbar.
Mein nächstes Projekt ist das Ende, vielleicht aber auch nicht. „Magica“ Band 3. Die Trilogie ist so gebaut: Jedes Buch steht allein. Aber alle zusammen sind ein Protokoll. Ein Ich wird nicht in einem Buch gefunden. Es zerfällt und setzt sich neu zusammen – von Band zu Band. Bachmann zerlegt das Ich in „Malina“. Ich versuche, es in drei Anläufen wieder zusammenzusetzen. Ob es hält, sieht man 2026 und in weiteren Projekten. Auch wenn man jeden Band einzeln lesen kann, erst zusammen erzählen sie, wie ein Ich reift: durch Macht, durch Verlust, durch Weitergabe. Bachmann sagte: Das Ich ist Arbeit. „Magica“ und auch weitere Bände ist meine Werkstatt dafür. Meine Gesamtwerke bilden ein Geflecht. Jedes neue Buch, greift sich ein „Ich“ aus „Magica“ und erzählt es weiter.
„Magica“ ist die Hauptstraße. Aus ihr zweigen Gassen ab. In jeder Gasse untersuche ich ein anderes Ich, das in der Trilogie nur kurz auftaucht. Ein Diener, eine Gegnerin, ein Schatten. Bachmann hat gezeigt: Ein Ich ist kein Zustand. Es ist Arbeit. Also gebe ich jeder dieser Stimmen ein eigenes Buch. Eine eigene Arbeit.
Ich schreibe nur ein Buch. Es heißt: Wie viele Ichs passen in einen Menschen? „Magica“ ist Band 1 bis 3. Jedes weitere Buch ist ein Teil davon. Ich greife mir eine Figur aus der Trilogie – manchmal hat sie dort nur einen Satz – und frage: Was ist ihr Maßstab? Was ist ihre Wahrheit? Was kostet sie? Bachmann zerlegt ein Ich. Ich versuche, alle Ichs zu sammeln, die daraus fallen.
Das heißt: Jedes meiner Bücher steht für sich. Und trotzdem gehören sie zusammen. Aus „Magica“ ziehe ich Figuren heraus und gebe jedem Ich ein eigenes Buch. Weil ein Ich nie zu Ende erzählt ist. Das habe ich von Bachmann gelernt.
„Wenn ich nun gefragt werde: Welches ich schreiben Sie als nächstes? Antworte ich darauf: Das entscheide nicht ich. Das entscheidet die Figur, die sich meldet. Nach Band 3 schreit gerade eine sehr leise. Ich höre noch hin. Ich höre meinen Figuren zu und jede erhält eine Chance! Solange bis ich alle Ichs zusammengesetzt habe.“
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
A. Das Aufrichtende: Aus der Dankrede zur Verleihung des Anton-WildganPreises 1972 aus der Rede: „Ein Ort für Zufälle“: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
Der genaue Kontext bei Bachmann:
Bachmann spricht über die Aufgabe des Schriftstellers nach Auschwitz, nach dem Krieg. Der Satz fällt in diesem Absatz:
„Ich glaube […]: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Die Zumutbarkeit der Wahrheit ist der Maßstab, an dem die Literatur gemessen wird, wenn sie nicht in der Dekoration, in der Affirmation stecken bleiben will.“
Warum dies für mich das aufrichtende Zitat ist?
1. Es verspricht keine Heilung. Es sagt nicht: Du wirst wieder ganz. Es sagt: Du wirst es aushalten. Das ist Bachmanns Ethik. Kein Trost, sondern Kraft.
2. Es ist ein Maßstab. Für Bachmann, für mich, für „Magica“. Jeder Satz, jede Szene, jede Zumutung an meine Figuren muss sich daran messen.
3. Es verbindet zerbrochenes Ich und Magie. Das zerbrochene Ich wird nicht gekittet. Es wird aufgerichtet, indem man ihm Wahrheit zumutet. Auch wenn diese Wahrheit magisch ist. Auch wenn sie kostet.
Mein Merksatz: Während Bachmann „aufrichtend“ sagt, antworte ich mit „zumutbar“. Das Wort ist der Schlüssel. Es klingt hart, aber es richtet auf, weil es den Menschen nicht belügt. Dieser Satz sagt nicht: Du wirst heil. Er sagt: Du wirst es aushalten. Das ist härter und ehrlicher. In „Magica“ mute ich meinen Figuren Magie zu – mit allen Kosten. Bachmann gab mir das Recht dazu. Wahrheit vor Trost. Auch in der Fantasy.
B. Das Kämpferische: Aus „Malina“, gegen Ende: „Es war Mord.“
Zwei Worte. Das kürzeste Urteil der deutschen Literatur. Es sagt: Das Verschwinden eines Ichs ist kein Unfall. Es hat Täter. Dieser Satz hat mich gelehrt, dass Magie in „Magica“ nie folgenlos sein darf. Wenn Macht nimmt, muss jemand es aussprechen. ‚Es war Mord.‘ Das ist der Satz, mit dem jedes zerbrochene Ich sich wieder aufrichtet: indem es benennt. Zaubersprüche benennen Macht.
C. Das Hoffnungsvolle trotz allem: Aus „An die Sonne“, letztes Gedicht: „Nicht an den Tod zu denken, uns zum Trost.“
Sie schreibt: ‚Nicht an den Tod zu denken, uns zum Trost.‘ Also: Trost ist kein Weg. Leben ist der Weg – trotz Wissen um den Tod. Das ist für mich Magie. Magie ist nicht Flucht vor dem Bruch. Magie ist der Versuch, mit dem Bruch zu leben und trotzdem zu erschaffen. Das zerbrochene Ich wird nicht ganz. Aber es schreibt weiter. Es zaubert weiter.
Aus ihrer Dankrede 1972: ‚Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.‘ Für mich ist das der Satz, der ein zerbrochenes Ich aufrichtet. Er verspricht keine Heilung. Er verspricht Kraft. Und genau das prüfe ich in „Magica“: Ist meinen Figuren – und meinen Lesern – auch die Magie zumutbar, mit allem, was sie kostet? Das ist Bachmanns Erbe für mich.
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person: Rose A. W. Diamond _ Schriftstellerin.
Rose A. W. Diamond ist das Pseudonym von Anke Wagner, Autorin, Illustratorin, Reittherapeutin, Examinierte Krankenschwester, Focussingbegleiterin.
Als examinierte Krankenschwester mit langjähriger Erfahrung in psychosomatischen Kliniken, als ausgebildete Reittherapeutin und Focussingbegleiterin verbindet sie therapeutische Tiefe mit literarischer Fantasie. Ihre Arbeit mit Menschen und Tieren prägt ihre Geschichten: geerdet, einfühlsam und voller innerer Transformation.
2024 debütierte sie mit „Magica – Die Reise durch die Zeit“, den Auftakt ihrer preisgekrönten Fantasy-Trilogie für Leser ab 12 Jahren. Der Roman wurde bei der Koblenzer Buchmesse ausgezeichnet und von Lesern durchgehend mit 5 Sternen bewertet. 2025 folgten „Magica – Die Reise durch die Welten“ Teil 1 & 2. Der Abschlussband erscheint 2026. Illustrator Erhard Sünder gestaltet die visuelle Welt der Reihe.

Rose A. W. Diamond lebt mit ihrem Mann, fünf Pferden, zwei Hunden und vier Katzen auf einem Aussiedlerhof in Rheinland-Pfalz.
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Rose A. W. Diamond _ Walter Pobaschnig, Station bei Malina/Wien 5/26
Foto: Buchinfo _ Rose A. W. Diamond.
Walter Pobaschnig, 16.4.2026





































































































