Im Interview _ Patricia Brooks _ Schriftstellerin _ Wien
Liebe Patricia, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich habe großen Respekt vor Bachmanns literarischem Werk, es ist ein Meilenstein in der weiblichen/feministischen österreichischen Nachkriegsliteratur.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ihre messerscharfe Analyse politischer und gesellschaftlicher Strukturen, ihre klare, präzise Sprache, in der immer ein Schmerz mitschwingt und eine Leidenschaft glüht.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich schätze ihr Gesamtwerk, auch wenn ich nicht zu allen Texten einen Zugang finde. Im Band „Das dreißigste Jahr“ hat mich zum Beispiel „Undine“ als erste feministische Interpretation dieses Sagenstoffes beeindruckt. Sehr schön finde ich auch die Tonaufnahmen, auf denen sie selbst ihre Gedichte liest.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Brandaktuell. Schauen wir uns die politische und gesellschaftliche Lage der Welt 2026 an, beantwortet sich die Frage von selbst: Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, in Afrika, despotische Präsidenten, größenwahnsinnige Tech-Bros, weltweite Femizide, Gender-Pay-Gap, etc.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, , verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Das sehe ich für mich persönlich nicht so. Aber für manche Künstlerinnen und Künstler ist es vermutlich so. Ich denke, wie man mit den Schwierigkeiten im Schaffensprozess umgeht ist von Person zu Person verschieden und abhängig auch von Faktoren wie Lebenssituation, finanzieller Lage, etc.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Schön und wichtig, dass es ihr umfassendes Werk gibt.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich schreibe an einem neuen Roman.
Ich plane einen weiteren Lyrikband.
Ich bereite die Jubiläumsausgabe „Radio rosa 20“ vor – ein von mir vor 20 Jahren initiiertes Performance-Projekt – mit zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern, die in diesen Jahren an den verschiedenen Folgen teilgenommen haben.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Im Interview _ Jörn Birkholz, Schriftsteller, Musiker, Historiker
Lieber Jörn, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mein Zugang zu Ingeborg Bachmann ist eigentlich ein ganz einfacher: Ich war von ihrer sprachlichen Präzision fasziniert. Sie zwingt einen beim Lesen, genauer hinzuhören – auf die Zwischentöne, auf das, was nicht gesagt wird, auf das Ausgesparte. Das überzeugt mich bis heute mehr als jede große Geste.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ihre Sprache ist reif, sehr verdichtet und radikal ehrlich – immer noch.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Zuerst kam ich mit ihren Erzählungen in Berührung, die ich damals für sehr gut befunden hatte. Kürzlich und mit einem Abstand von etwa fünfzehn Jahren habe ich mir nochmals einige ihrer Novellen („Das dreißigste Jahr“, „Undine geht“, „Alles“, „Drei Wege zum See“ usw. ) vorgenommen und ich stellte fest: keine dieser Geschichten hat mich enttäuscht, bzw. sie haben tatsächlich nichts an ihrer Klarheit und Wucht verloren.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Was ich an Bachmann immer überzeugend fand: Sie zeigt nicht nur die offensichtliche Unterdrückung, sondern diese leisen, inneren Mechanismen – wie Sprache, Rollenbilder oder Beziehungsdynamiken einen klein machen können. Und ehrlich gesagt: Ganz verschwunden ist das ja nicht. Natürlich hat sich seit den Sechzigern viel verändert. Aber ihre Texte wirken heute weniger wie Anklage, sondern eher wie eine frühe, ziemlich klarsichtige Analyse – und vielleicht als Erinnerung daran, wachsam zu bleiben.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Bei Bachmann ist Liebe nie nur romantisch, sondern immer auch riskant. Sie kann beglücken, aber eben auch zerstören (Malina).
Nach oder mit Bachmann zu lieben heißt: nicht blind an die große Erlösung zu glauben, sondern aufmerksam zu bleiben, sich nicht selbst zu verlieren – misstrauisch sein.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Persönlich gefragt: nein. Vielleicht liegt das daran, dass ich langsam in ein Alter komme, in dem ich mich – und das Schreiben – nicht mehr überhöhen möchte (falls ich das je ernsthaft getan habe, ich hoffe nicht).
Vieles kann schnell künstlich, aufgesetzt oder aufgeblasen wirken, wenn man nicht aufpasst. Ich hadere auch nach knapp zwanzig Jahren noch mit der Bezeichnung „Schriftsteller“ und nenne mich, wenn es denn sein muss, lieber Autor. Und manchmal frage ich mich durchaus, wer das alles eigentlich noch lesen soll. Das aufrichtige Interesse scheint kleiner zu werden. Vielleicht wird es irgendwann, nur noch eine kleine Elite sein, die sich den ohnehin nicht allzu großen Kuchen teilt. Das wäre womöglich auch nicht das Schlechteste.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Neben ihrer existenziellen und gesellschaftskritischen Schärfe sagt mir zweierlei zu: Zum einen die Musikalität ihrer Sprache – selbst in der Prosa hört man den Rhythmus. Zum anderen die Radikalität der Innerlichkeit.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Wie war Ihr Spaziergang mit Gombrowicz 1964 durchs „fast menschenleere“ Berlin? Über was haben Sie sich ausgetauscht?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Unsere neue Platte (DAS LECK – „Die Wirtschaftsweisen“) erscheint im Mai. Immer eine entspannte Ablenkung von der Schreiberei – wobei die Songtexte im Grunde ja auch zur Schreiberei zählen. Manche bekommen für sowas ja sogar Nobelpreise 😉
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Kann mich schwer entscheiden, daher mal zwei, wenn es mir gestattet ist:
„Ich glaube an das Ungesagte zwischen zwei Menschen.“
„Wir schlafen nicht mehr ruhig. Es ist immer Krieg.“
Jetzt waren es sogar drei, und das letzte wird wohl immer aktuell bleiben.
Lieber Willi, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
… dass ich sehr schnell eine „erklärlose“ Nähe zu ihr und ihrer Verzweiflung und ihrem verzweifelten Anschreiben gegen diese Verzweiflung spüre und sie damit – so komisch es klingt – das Gefühl gibt, nicht allein auf der Welt zu sein. Vielleicht waren die Phasen, in denen sie schrieb, die einzige „gestundete“ Zeit war, in der sie sich nicht „verdammt“ fühlte.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
… dass sie nicht nur schreiben und dichten will, sondern muss!
… dass sie eine Getriebene und eine Verwundete ist, deren tiefe Seelenrisse nie verheilen werden, egal wie viel und worüber sie schreibt.
… dass sie niemals so zu sich kommen wird, dass sie das Gefühl hat, „bei sich zu sein“ – uns wenn es nur für einen Augenblick ist, für den es keine Sprache gibt.
… dass ihre Sprache solch eine Kraft entwickelt, als wolle die Bachmann tief in ihrem Herzen doch, dass sie erlöst wird.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
„Gefressen“ ob ihrer poetischen Wucht hab` ich von der ersten Zeile an die „Anrufung des Großen Bären“ und „Die gestundete Zeit“, während „Malina“ offen in ihre Seele blicken lässt, heute noch.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Das toxische Patriarchat als (strukturelle) Gewalt – unbestreitbar. Plakativ gesprochen, wer wird nicht wütend, wenn er um sich und vor allem auf die Welt blickt. Man fühlt sich ohnmächtig: ob dieser Macht, die den Weltenlauf bestimmt. Bachmanns Rückzug ins „Ich“ als mögliche Lösung des Atemholens hat mich diesbezüglich von Beginn an inspiriert, z.B. in meinem Roman „Lucile“, den ich versucht habe, aus Frauensicht zu schreiben. Eine feministische Weltsicht sollte natürlich vermeiden, patriarchale Strukturen nur unter anderem Namen weiterzuleben – aber das war der Bachmann sicherlich bewusst. Deshalb ja ihre tiefe Auseinandersetzung mit Liebe, Sprache, Begehren und Ausweglosigkeit.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank …“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Vielleicht schließt sich „lieben mit Bachmann“ aus? Vielleicht ist es, metaphorisch gesprochen, nur ohne sie möglich – insofern man ihren Namen als Synonym für die unmögliche Liebe bzw. für die Unmöglichkeit der Liebe versteht. Dass „die Männer unheilbar krank“ seien, ist möglicherweise eine von ihr gewollte „ungerechte“ Schuldzuweisung, die ihr guttat. Oder ist es gar eine inverse Spiegelung? Denn eigentlich ist sie ja unheilbar krank (ob ihrer unstillbaren Sehnsucht zu lieben und geliebt zu werden) — was freilich keinen Mann mit toxischen Anwandlungen freisprechen soll.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ja. Nur im oder aus dem Leiden heraus entstehen tiefe ehrliche Texte (der Rest ist oft jämmerliches Getue). Ihr Martyrium, ihre Verdammnis ist, dass sie dazu verurteilt ist, die Unmöglichkeit der Liebe zu verkörpern und sie leben zu müssen – dass ihre Sehnsucht, sich in einem Anderen aufgehoben zu fühlen bzw. sich fallen lassen zu dürfen, nie befriedigt und gestillt wird.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
… wie sie sich selbst im Weg steht.
… wie sie sich in ihrer Verdammnis einzurichten versucht.
… wie aus ihrem Scheitern ein ästhetischer Prozess wird.
… wie man ihr zuflüstern will: Du willst leiden – um sie provozieren, weil man will, dass sie aus ihrem „Gefängnis“ ausbricht. Sie will leiden, ohne leiden zu wollen – dieser Widerspruch in ihr selbst, als ihr Selbst, wird sie zuletzt zerreißen. Weil ihre Todessehnsucht einfach zu mächtig wurde.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
… welches Wort ihr gerade durch den Kopf geht?
… ob sie recht habe, wenn ich behaupte, dass sie eigentlich nicht nach einem richtigen Wort, sondern vielmehr nach einem „Geschmack“ suche, in dem das Sinnliche ihr Lebensgefühl berührt?
… ob sie einen Kuss oder eine Umarmung oder ein Lächeln oder einen einzelnen Sonnenschein genießen kann, eben als Kuss oder Umarmung oder Lächeln oder Sonnenschein, einfach so?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein neuer Roman „Hautlichkeit“ soll, wenn die Götter wollen, im September erscheinen.
Mein neuer Gedichtband mit „Wunderblöcken“ – dazu mit Werken einiger anderer Künstler, in einer Symbiose – wartet sehnsüchtig in der Pipeline (vorgesehen im März 2027 bei „Zwischen den Stühlen“ und Kai Beisswenger).
Mein neues Hörbuch (wieder ein sinfonisches Drama) mit dem Titel „Zersehnt – Poesie eines ambitionierten Fehlverhaltens“ (mit Magnus Tautz + Tobias Breyer) biegt gerade in die Zielgerade ein.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Dein Herz hat anderswo zu tun.“ (Erklär mir, Liebe)
„in einem fremden Wasser mein Schatten“ (Schatten Rosen Schatten)
„hätt ich nicht Disteln im Herz (schlüg ich die Sonne aus),
hätt ich nicht Gier im Mund (tränk ich das wilde Wasser nicht)“ (Curriculum vitae)
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Willi van Hengel, Schriftsteller
Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Foto: Willi van Hengel _ Tim Noack.
Fotos: Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien _ acting „Malina“ _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig, 10/21.
Im Interview _ Corinna Antelmann, Schriftstellerin
Liebe Corinna, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich habe Bachmann zu lesen begonnen, da lebte ich noch in Norddeutschland und kannte Österreich allein von der Durchreise nach Italien. Ich dachte, der Graben, von dem sie schrieb, sei ein Bach, und neulich erzählte mir ein Bekannter (beim Gang über den Graben), dass es eine Übersetzung ins Tschechische gebe, in dem die Wiener Einkaufsstraße tatsächlich mit dem tschechischen Wort für Bach bezeichnet werde.
Das Interessante jedoch ist, dass meine frühen Missverständnisse aufgewogen wurden durch ein tiefes Verständnis für das, was sie beschrieb und selbst die norddeutsche Neunzehnjährige anrührte. Ich konnte ohne Weiteres diese Welt betreten, sie war mir vertraut. Natürlich erreichte mich ihr Werk früher auf andere Weise als heute, wo ich in Österreich wohne und inzwischen Erfahrungen teile, die Bachmann auf ihre unvergleichliche Art zu beschreiben verstand. Als Schriftstellerin lese ich zudem anders, wenngleich ich noch immer in erster Linie zunächst zu erspüren versuche, was es ist, was dort nach einer Sprache sucht.
Corinna Antelmann, Schriftstellerin_ Romanschauplatz „Malina Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 5/22, folgende
Dass Ingeborg Bachmann es auf das Titelbild des Spiegels schaffte, als Frau, als Lyrikerin, ist jedenfalls mitverantwortlich dafür, dass ich – trotz aller Widrigkeiten – dachte: Du kannst es schaffen. Auch du kannst Schriftstellerin werden. Sie hat mich über die Schwelle gehievt, so kann ich sagen. Dass ebendies Aufgabe und Möglichkeit von Literatur sein kann, thematisiere ich, in anderem Kontext, in meinem neuen Monolog, der zugleich ein Brief an Ingeborg Bachmann ist und mir noch einmal einen anderen Zugang eröffnet hat. Auch von „Zugängen in die Literatur“ ist darin übrigens die Rede …
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ich sehe in ihrem Schreiben den unbedingten Versuch, präzise sein zu wollen und nach den passenden Worten zu fischen, um die Wahrheit aus den Tiefen der menschlichen Seele hervorzuholen und ihr Ausdruck zu verleihen. Es geht nicht um schnelle Urteile, sondern um die existentiellen Dilemmata, denen wir als Mensch ausgesetzt sind. Auf sie scharfsinnig zu reagieren, bleibt eine stete Herausforderung, der Ingeborg Bachmann sich – zumindest im Schreiben – gestellt hat.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Mein „Einstieg“ in Bachmanns Schreiben war Malina, da ich erst sehr spät angefangen habe, Lyrik zu lesen (vom Lyrik schreiben halte ich mich nach wie vor möglichst fern, und das ist gut so). Ich möchte den Roman auch deshalb hervorheben, weil er mich nach wie vor zu wiederholter Lektüre ruft. In einem Interview in der ZEIT sagte Bachmann einmal, „man müsse überhaupt ein Buch auf verschiedene Arten lesen können und es heute anders lesen als morgen.“ Nicht bei jedem Buch gelingt es mir, aber im Falle Malinas betrete ich beim (Neu-)Lesen – je nach Lebensalter – immer wieder verschiedene Ebenen. In der Doppelnatur, die Bachmann in Malina beschreibt, habe ich meinen Faust gefunden; nur ist mir das ICH näher als Goethes Gelehrter, weil es aus der weiblichen Erfahrung heraus schildert, die noch einmal anderen Begrenzungen unterworfen ist als allein (dies zusätzlich!) der allgemeinen Begrenztheit des Menschen.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Eine Gesellschaft, die ihre Frauen nicht mit einbezieht, mehr noch: nach wie vor unterdrückt, und, getrieben ist vom Gedanken an Ungleichheit, Expansion, Leistung, zerstört nicht nur jeden Gedanken an Gleichheit, Humanismus, Demokratie, sondern ebenso die Lebensgrundlagen selbst. Die Haltung, mit der das Patriarchat herrscht, geht nicht nur davon aus, dass die eine Art Mensch mehr wert ist als die andere (wohin das bereits geführt hat, sehen wir im Nationalsozialismus), sondern schreckt auch nicht vor der Zerstörung aller natürlichen Ressourcen zurück, indem alle Vorgänge des Lebensprinzips als überwindbar und damit zudem auf gewisse Weise als den Technologien unterlegen angesehen werden. Das Patriarchat verachtet das Leben (und verirrt sich dabei noch in dem Glauben, sich über es stellen zu können), so wie es diejenigen verachtet, die dieses Leben hervorbringen. Das Thema Mutterschaft wurde im Übrigen im Nationalsozialismus in ein Eck getrieben, in dem es noch immer steht, sodass die einzige Idee scheint, sich wiederum von der Mutterschaft befreien zu wollen. Dabei gäbe es durchaus andere Varianten, zum Beispiel die Väter oder den Clan in die Verantwortung zu holen, ohne in entweder die Heiligsprechung oder die Abwertung des Mütterlichen wandern zu müssen.
Allerorts fehlt die Achtung, vor der Umwelt, den Mitmenschen, den eigenen Sehnsüchten gegenüber, und kann somit nur in die Zerstörung führen. Kriege sind jedoch kein Naturgesetz, und ich sehe (will es sehen!) zarte Bestrebungen, es anders zu versuchen. Der Feminismus kann uns dabei einen Weg weisen, und jede und jeder, die oder der weiß, was Feminismus bedeutet, würde den Weg mitgehen, unabhängig vom Geschlecht.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Für mich ist das Schreiben kein Martyrium, sondern eine stete Auseinandersetzung mit mir selbst, die mir höchstes Glück bedeutet. Nur deshalb bleibe ich dem Schreiben noch immer treu, obwohl es mich – die ich es nicht auf das Titelblatt des Spiegels geschafft habe bisher – nicht selten an den Rand der Existenz drängt, der materiellen Existenz; meiner Existenz als Mensch rücke ich dagegen näher, so hoffe ich.
Martyrium hieße ja, das Schreiben auszuhalten, weil ich daran glaube, mit dem Schreiben etwas bewirken zu können. Dieser Glaube schwankt zunehmend, wenngleich ich davon überzeugt bin, dass die Wirkung von Literatur niemals unterschätzt werden sollte – nur müsste sie sich eben der Wahrheit verpflichten, wie oben beschrieben, statt auf den Zug der schnellen Urteile und verkürzten Thesen aufzuspringen, und müsste mehr Menschen erreichen können. Aber da streifen wir eine grundsätzliche Frage, nämlich: Was ist Literatur? Vielleicht kann so viel gesagt werden: Wenn sie zur Ware verkommt, wie es größtenteils geschieht, wird sie verzichtbar sein, fürchte ich und fände es zugleich äußerst dramatisch. Und zwar nicht allein für die Schreibenden.
„Und der Versuch heute, dem Schriftsteller die Notwendigkeit seiner Existenz abzusprechen, scheint mir daher sehr töricht zu sein“, schreibt Bachmann in „Wie müssen wahre Sätze finden“ (das Buch stellst du ja hier vor). Dem stimme ich zu.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Von meinem vierzigseitigen Monolog, in dem ich (in der Form eines fiktiven Briefes aus der Perspektive einer Neunzigjährigen) alles sage und frage, was ich ihr hätte sagen wollen, habe ich bereits berichtet. Deshalb hier der Verweis auf: Alle Zeit gestundet (Premiere am 7. Apil in der Tribüne Linz, Erscheinungstermin des „Briefes“ zeitgleich, Kollektiv Verlag). Hier nur eines: Danke.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Zusätzlich zu dem fiktiven Brief an Ingeborg Bachmann gibt es zwei weitere „Briefe“ an Franz Kafka und an Heinrich Böll, geschrieben von unterschiedlichsten Menschen, Männern und Frauen, auf der Schwelle in einen neuen Lebensabschnitt. Die Veröffentlichung steht noch aus.
Außerdem habe ich letztes Jahr ein Manuskript fertiggestellt, das die ehemalige Tötungsanstalt Schloss Hartheim zum Ausgangspunkt nimmt und ein Roman hatte werden sollen, sich jedoch in der Form verweigert hat und nun ein Text geworden ist, den ich „Eine Befähigung“ nenne. Die immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus teile ich ebenso mit Ingeborg Bachmann wie die Frage nach dem Entstehen von Faschismus – ein Prozess, den wir heute leider live in den sogenannten Sozialen Medien mitverfolgen können. Für das Manuskript suche ich nach dem passenden Verlag, was sich als schwerer erweist als angenommen. Ich bin dennoch froh, es geschrieben zu haben. Nicht nur beschäftigt sich die Geschichte mit dem Faschismus, sie nimmt zudem die Kunst in die Verantwortung, beziehungswiese attestiert ihr die Fähigkeit, verändern zu können, was wieder zu deiner oben gestellten Frage zurückführt ….
Noch einmal Bachmann (in ihrer Poetikvorlesung): „Und die verändernde Wirkung, die von neuen Werken ausgeht, erzieht uns zu neuer Wahrnehmung, neuem Gefühl, neuem Bewusstsein“
Corinna Antelmann, Schriftstellerin_ Romanschauplatz „Malina Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 5/22.
Aktuelles Buch von Corinna Antelmann:
Buchinfo:
Der fiktive Brief an Ingeborg Bachmann wird von der neunzigjährigen Anette geschrieben, als sie nach Klagenfurt reist. Der persönliche Rückblick berührt dabei Motive aus Bachmanns Leben und Anette findet, kaum zufällig, Übereinstimmungen, die sich offensichtlich aus dem Wirken einer Frau und Intellektuellen in einer noch immer männerdominierten Welt ergeben. Zugleich ermöglicht ihr das Schreiben des Briefes, einen versöhnlichen Abschied aus dem Leben zu finden, denn sie weiß bereits, dass sie bald sterben wird.
Hausregisseurin Cornelia Metschitzer inszeniert diesen kraftvollen Text von Corinna Antelmann als eingängiges Crossover aus Theater, Film, Hörspiel und Musik. Dabei wird Ihnen die fast 90-jährige Literaturprofessorin Anette aus ihrem Leben erzählen, von dem sie gerade Abschied nimmt. Ihrer Vergesslichkeit trotzend analysiert sie mit Humor und Scharfsinn, wie sie es schaffte, sie selbst zu werden. Ein feministisches Stück, das sich nicht nur dem Leben und Schreiben der bekannten Dichterin aus Klagenfurt widmet, die heuer 100 Jahre alt geworden wäre, sondern auch vielen universellen Frauenthemen: dem Spagat zwischen Familie und Beruf, dem Streben nach Unabhängigkeit, dem Mut, sich der Liebe ohne Knautschzone hinzugeben, dem Schmerz über das Zerbrechen von Beziehungen, dem Altern in Würde, dem Loslassen sowie der Suche nach Transzendenz. Es spielt für Sie unser wunderbares Ensemble-Duo Lisa Kröll und Jakob Griesser.
(Infos_ Corinna Antelmann)
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Fotos: Corinna Antelmann, Schriftstellerin_ Romanschauplatz „Malina Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 5/22, folgende
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Corinna Antelmann, Schriftstellerin _ Originalschauplatz Malina, Roman, Ingeborg Bachmann 1971 _ Wien _ Walter Pobaschnig, 5/22.
Die Erinnerung an die Kindheit zwischen Tal und Albtraum. Ein Sturm der Bilder im Kopf. Damals. Und jetzt hier. Wie ein Hineinstürzen in surreale Welten. Erlebnisse, Erfahrungen eigebrannt in Seele und Körper. Narben überall. Leben und Leiden wie Raumschiffe zwischen fremden Planeten, stürzenden Kometen und schwarzen Löchern. Hier gibt es kein Entkommen, kein Beamen, hier gibt es Schmerz, Tod, Verwesung mitten im Leben, davor und weit darüber hinaus. Bitter auch das Süße in der Konditorei „Patisserie Chaim Soutine“…
Büchnerpreisträger Josef Winkler stellt in seinem neuen Roman das Leben und die Beziehung zu seiner Schwester Maria in den Mittelpunkt und legt damit ein sensationelles episches Werk vor, das Leben, Gesellschaft, Leiden eine unvergleichliche literarische Form gibt, die ganz nah am existentiellen Todesort von Struktur, Macht und Ohnmacht eine surreale Erzählform kreiert, die in Sprache und Wort eine akrobatische Freiheit am Trapez zwischen Erde und schwarzem Himmel findet. Diese Wortkunst ist einzigartig und wohl am besten Wege zum Nobelpreis.
Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht. Josef Winkler. Roman. Suhrkamp Verlag.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.