Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Martin Meyer, Schriftsteller _ Scheinfeld/D
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos _ Martin Meyer, Schriftsteller _ performing Malina _ Originalschauplatz Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 8/25.
Ingeborg Bachmann auf der Terrasse Ihrer Wohnung in Rom, Bocca de Leone _ um 1970
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Franziska Beyer-Lallauret, Schriftstellerin _ Avrillé bei Angers/F
Liebe Franziska, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Wie für viele andere Autorinnen war Bachmann für mich Vorbild und eine erste echte Identifikationsfigur in der Literatur. Ich hatte das Glück, eine Deutschlehrerin zu haben, die sie mir schon in der 9. Klasse in Markkleeberg bei Leipzig, kurz nach dem Mauerfall, nahegebracht hat. Ich war damals Feuer und Flamme, und habe auch sehr früh ihre beiden Lyrikbände „Die gestundete Zeit“ und „Anrufung des großen Bären“ gelesen. Ihr Schreiben hat mich elektrisiert und ermutigt, meine eigene Stimme zu finden.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
In der Lyrik auf jeden Fall die eindringlichen Bilder, die oft mysteriös bleiben und sich ins Gedächtnis eingraben. Einige der bekanntesten: Lösch die Lupinen, das Sonnenschiff im Hafen, Böhmen liegt am Meer, darin liegt eine Art Unnachgiebigkeit, die jeden Kitsch Lügen straft.
Und natürlich auch die politische Dimension, bei aller und in aller Schönheit der Sprache gleichzeitig das Aufrütteln. Der Ruf im Gedicht „Holz und Späne“: „Seht zu, dass Ihr wach bleibt!“
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Das Gedicht „Im Gewitter der Rosen“ habe ich mit 14 für den Deutschunterricht interpretiert und diese Arbeit sogar wiedergefunden. Schon als Neuntklässlerin habe ich in dem Gedicht die Ohnmacht gespürt, die das lyrische ich ausdrückt, die Angst, Veränderungen ausgeliefert zu sein. Auf das Schöne folgt immer das Schlimme, die Liebe zerbricht, der Krieg bedroht den Frieden. Das sind schon existenzielle Erkenntnisse: Der Mensch befindet sich eigentlich permanent im Gefühlschaos und ist mit Ängsten behaftet, Glück ist eine Illusion.
Später, während meines Germanistikstudiums in Leipzig, ist mir eine Seminarstunde über „Undine geht“ besonders im Gedächtnis geblieben. Ich konnte mich damals, als ganz junge Frau hundertprozentig mit diesem Text identifizieren. Ich habe den Text erfahren. Durchleibt sozusagen. Du weißt genau, Hans ist ein Ungeheuer, aber du kommst nicht von ihm los … das hat mich einfach umgehauen, in einen Text gebannt zu finden, was mich selber in dieser Zeit umtrieb, einerseits diese urweibliche Kraft, das Selbstbewusstsein, das Charisma, alle Eigenschaften, die aus dieser Frau in Nixengestalt sprechen, und andererseits die Tragik des Verfallenseins, ja des Verfluchtseins und Vergötterns des Gegenübers. Des Nicht-anders-Könnens. Das ewige Thema des Wartens auf Männer. Und dann das Losreißen, die Entscheidung zur Emanzipation. Ich muss den Text nun noch einmal anders ansehen, mit Ende 40 lese ich das vielleicht mit mehr Wut und weniger Resignation. Aber sie war ja auch selber jung, als sie das schrieb, Mitte 30. Und es war wohl ihr Dilemma: die eigene Handlungsunfähigkeit wider besseres Wissen in bestimmten Situationen des Lebens. Wobei der Text an sich ja ein Entschluss ist, ein Abgesang. Das schreibende Ich hat den Absprung geschafft. Zumindest in Gestalt von Undine. Und das schreibende Ich ist das Einzige, das zählt.
„Malina“, auch ein Buch über diese ewige Spaltung zwischen Gefühl und Verstand, war dann für mich auch noch einmal sehr wichtig, denn es stand auf dem Programm der französischen Agrégation, einem Lehrer-Auswahlverfahren, das ich mit Mitte 20 in Frankreich durchlief. Ich hatte Malina vorher bereits gelesen, aber nun musste ich mich durch alle Theorien und Interpretationen dazu durcharbeiten, und alles dazu auswendig wissen.
Und auch „Der gute Gott von Manhattan“, das hätte ich beinahe vergessen, da gibt’s auch eine Hausarbeit von mir darüber, da habe ich in der Uni ebenfalls sehr intensiv dazu gearbeitet. Interessant darin: Die (vor allem weibliche) Liebe als subversive Kraft gegen die gesellschaftliche Ordnung. Und das Scheitern, der Tod Jennifers, der Liebenden, weil die (patriarchale) Ordnung siegt und Jan, der Mann, ohne Blessuren und Trauma einfach aus der Geschichte herauskommen und sich wieder in den Alltag einfügen kann. Es war ein Thema, das Bachmann umtrieb: In der berühmten Rede „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, die ich großartig finde, sagt sie: „Es ist auch mir gewiß, daß wir in der Ordnung bleiben müssen, daß es den Austritt aus der Gesellschaft nicht gibt“. Aber wie immer gibt es auch diese Kehrseite bei ihr: „Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.”
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie ist aktueller denn je, und alle Ängste und Alpträume Bachmanns scheinen nur allzu real. Die Realität übersteigt sie noch, da, wo es Tyrannen und Herrscher gibt, die immer mehr und immer stärker werden, gegen die scheinbar kein Kraut gewachsen ist. Die aber auch von Frauen zum Teil gehypt, unterstützt und angebetet werden, was nicht vergessen werden darf.
An der Gegen-Utopie der Prinzessin von Kagran möchte ich trotzdem gerne festhalten, sie kann tröstlich sein, und war ja wohl auch als Selbsttrost und Ausweg für das Ich in „Malina“ gemeint.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Wie gesagt, sie war ja noch relativ jung, als sie starb und bleibt es ewig in unserem kollektiven Gedächtnis, mit ihrer Hochsensibilität und ihrer radikalen Auffassung von der Liebe, die eine sehr verzehrende und sehr subjektive gewesen sein muss. Sie suchte wohl, diesen Eindruck habe ich zumindest, die starken Gefühle des Hingerissenseins, die meiner Meinung nach auch ihr Schreiben nährten, es prägten. Ihre Ichs sind – wie sie selbst – auf emotionalen Achterbahnfahrten unterwegs und dadurch verletzlich, und vor allem psychischer von Männern ausgehender Gewalt oder Willkür ausgesetzt. Viele ihrer Texte könnten den Frauen zur Warnung dienen. Aber dieses lyrische Ich und diese Ich-Erzählerin lebt auch mit allen Fasern, lebt aus, mit dem ganzen Körper, und mit ganzer Seele: „Du lachst und weinst und gehst an dir zugrund – was soll dir noch geschehn –“
Eine klassische Familie oder Ehe wäre ja wahrscheinlich gar nichts für sie gewesen, das hätte sie in ihrer Freiheit und Inspiration beschnitten, die sie unbedingt als Kunstschaffende brauchte. In der Hinsicht gleicht sie Rilke, finde ich, aber der stand natürlich auf der anderen Seite als Mann und leistete sich den Egoismus einfach. Aber immer auch wie Bachmann in dem Dilemma, einsam sein zu müssen für das Schreiben und dennoch körperlich und geistig heftig lieben zu wollen und zu müssen.
Ich kann sie gut verstehen, sage aber heute aus eigener Erfahrung:
Es gibt schon auch Männer, die tragen. Die an unserer Seite leben, die Hausarbeit mit uns teilen, das Kind von der Schule abholen. Die es ertragen, wenn wir im Chaos sitzen und schreiben statt aufzuräumen und zu bügeln. Männer, mit denen wir fusionieren. Aber dann fantasieren wir vielleicht weniger und geraten gefühlsmäßig in ein ruhigeres Fahrwasser. Was immer bleibt, ist die Sehnsucht, und die war ja auch eine starke Triebkraft bei Bachmann.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich würde nicht bis zum Martyrium gehen; für mich persönlich ist Schreiben – da ich einen sogenannte Brotjob habe – eher das Gegenteil, Katharsis und Aufatmen, oft Flucht aus dem Alltag, aber in der Tat gibt es das Problem der Zeit, des sich selber für sich Zeitstehlens, und das des schlechten Gewissens anderen gegenüber, weil ich meine knapp bemessenen freien Stunden SO nutze und nicht anders. Und es ist, dessen bin ich mir sehr bewusst, Raubbau an der Gesundheit, denn ich knapse mir diese Schreibzeit oft nachts von der Schlafzeit ab. Und das wird immer mehr zum Problem für den Körper.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
In ihrer schon erwähnten Dankesrede für den Hörspielpreis der Kriegsblinden 1959 hat sie auch gesagt,“ dass unsere Kraft weiter reicht als unser Unglück“, und dass wir somit „enttäuscht, und das heißt ohne Täuschung zu leben“ vermögen. Trotz allem. Diese Aussage war mir in einigen Momenten ein Halt und tröstlich, zumal ich die Angst vor Blindheit gut kenne. Enttäuschung ist eines der schlimmsten Gefühle überhaupt, aber sie kann auch diese andere Seite haben, man kann ihr vielleicht auch Positives abgewinnen. Wer innerlich klarer sieht, lenkt den Blick im Idealfall irgendwann von sich selbst ab, daraus kann vielleicht ein Anflug von Weisheit oder Gelassenheit entstehen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte wirklich gern mit ihr bei einem Glas Wein einfach von Frau zu Frau geredet. Über Leidenschaften und Leiden daran. Und natürlich über Inspirationen. Mich interessiert auch der Übergang von der Lyrik zur Prosa, den sie vollzogen hat. Im Gegensatz zur heutigen Wahrnehmung, wo man uns Lyrikerinnen sagt, wenn wir auf einen grünen Zweig kommen wollen, sollen wir lieber einen Roman schreiben, hatte sie ja viel mehr Erfolg mit Gedichten als mit ihren Erzählungen und dem Roman.
Und ich hätte sie gern gefragt, ob sie mir ihre Lieblingsorte in Rom zeigen kann.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich arbeite parallel an meinem vierten Lyrikband, der wieder deutsch und französisch erscheinen soll. Und sporadisch schreibe ich an einem Prosatext über eine Frauenfreundschaft und die Landschaft des Luberon in der Provence.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Ich mag das Gedicht „Erklär mir Liebe“ sehr gern, vor allem das Ende.
„Muss einer denken? Wird er nicht vermisst?“ Natürlich in meinem Kopf auch in der weiblichen Form gelesen.
Monika Helfer,Schriftstellerin _ hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, dem Solothurner Literaturpreis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei Hanser ihre Romane »Vati« (2021), mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war, »Löwenherz« (2022) und »Die Jungfrau« (2023), »Wie die Welt weiterging« (2024) sowie »Der Bücherfreund« (2025). Monika Helfer-Köhlmeier | Hanser 3.8.2026
(von links) Monika Helfer, Milicia Theessink, Hans Theessink, Michael Köhlmeier
Im Interview: Hans Theessink, Gitarrist, singer-songwriter _ Wien
Lieber Hans Theessink, welche Erinnerungen gibt es für Dich an Monika Helfer?
Meine Bekanntschaft mit Monika Helfer ist eher privater Natur. Wir haben sie oft bei meinen gemeinsamen Auftritten mit Michael Köhlmeier getroffen. Ich erinnere mich noch sehr gut wie sie beim Fest für Michael Köhlmeier im Theater in Gmunden am 2.August 2018 zum ersten Male aus „Die Bagage“ gelesen hat.
Was macht für Dich das Besondere ihres Schreibens aus?
Monika Helfer ist eine unverwechselbare Erzählerin mit großer sprachlicher Kraft, Ehrlichkeit und menschlicher Tiefe. Ihre Sätze sind schmucklos, sparsam und leicht.
Möchtest Du bestimmte Bücher hervorheben und warum?
Die Trilogie „Die Bagage“, „Vati“ und „Löwenherz“. Da hat sie auf eine berührende schlichte Weise ihre Familien Geschichte aufgearbeitet und beschrieben.
Welche Bedeutung hatte Musik für Monika Helfer?
Die Musik war ihr sehr wichtig. Ich arbeite immer wieder mit Michael Köhlmeier zusammen; MK erzählt und ich spiele und singe. Wenn Monika bei so eine Veranstaltung anwesend war, war sie immer sehr begeistert und berührt von den Songs und den Texten.
Darf ich abschließend um ein Zitat/eine Textstelle aus Monika Helfers Werk bitten?
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Susanne Sommer, Schriftstellerin _ performing „Malina“ _ Originalschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 1/26, folgende _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Fotos: Susanne Sommer, Schriftstellerin _ performing „Malina“ _ Originalschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 1/26
Da die Schriftstellerei ja von jeher eher eine Nebentätigkeit von mir ist, hat sich da nach Fertigstellung des neuen Romans nicht viel geändert. Außer, dass ich mit der ein oder anderen abgeholten Seele nun etwas mehr Smalltalk halten kann, weil ich nicht noch Kapitel xy überarbeiten muss.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das neue Buch kaufen natürlich. Ist gerade in diesen wilden Zeiten auch eine Form der Vorsorge. Ich will nichts versprechen, aber wenn man mir beim finalen Haustürbesuch mein eigenes schriftliches Werk unter die Kutte hält, dann könnte es sein, dass ich spontan umdisponiere und erstmal beim Nachbarn klingeln gehe.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Aufbruch und Neubeginn sind schön und gut, aber die meisten vergessen, dass es dafür erstmal ein Ende braucht. Das nicht aus den Augen zu verlieren, wird meine Rolle bleiben. Ansonsten darf man sich auch nicht zu wichtig nehmen. Kunst hat schon immer die Aufgabe gehabt, nicht nur zu erfreuen, sondern auch zu hinterfragen und neue Anstöße zu geben. Möglichst so subtil, dass, zum Beispiel im Falle der Literatur, die Leserschaft den Eindruck hat, selbst auf diese Gedanken gekommen zu sein. Und manchmal klappt es auch nicht. Dann bleibt es beim Erfreuen. Was auch völlig genügt.
Was liest Du derzeit?
Die neuen Gesetze und Verordnungen der letzten Pflege- und Gesundheitsreform. Ich vermute, da kommen einige Überstunden auf mich zu.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Mein aktueller Roman spielt teilweise auf dem Alten Sankt Matthäus Kirchhof in Schöneberg. Dort gibt es auch ein Friedhofscafé mit dem Namen Finovo. Der Name des realen Cafés setzt sich aus »Fin« für Ende und »Novo« für Neubeginn zusammen. Trotzdem ist in Finovo nur ein einziges n enthalten. Weil jedes Ende bereits einen Teil des neuen Anfangs enthält. Dieser tröstlicher Gedanke ist ein guter Abschluss, wie ich finde.
Vielen Dank für das Interview!
Der Tod, Schriftsteller
Aktueller Roman: UPDEAD. Ein Death-Comedy-Roman _ Satyr Verlag
Über das Buch: Muss das Jenseits modernisiert werden? Wie steht es um die Zukunft des Todes? Hilft ein kleiner Tod, der überraschend als potenzieller Nachfolger auftaucht? Oder übernimmt auch das Sterben bald eine KI? – Eine schwarzhumorige Fantasysatire über den großen Traum der Menschheit: Unsterblichkeit. Der ewige Traum der Menschheit: die Abschaffung des Todes. Die bisherigen Versuche haben dem Sensenmann nur ein müdes Lächeln abgerungen. Doch nun entwickelt ein größenwahnsinniger Tech-Milliardär eine KI, die ewiges Leben verspricht. Was folgt, ist ein irrwitziger Kampf zwischen Sense und Server, zwischen Algorithmus und Apokalypse, zwischen Speicherplatz und Sanduhr. Als die KI beginnt, nicht nur den Tod, sondern die ganze Welt zu optimieren, formiert sich ein skurriles Widerstandsbündnis aus Apokalyptischen Reitern, Friedhofsgärtnern, Gruftis und Aktivisten, die spüren, dass eine Welt ganz ohne Ende auch nicht funktionieren kann. Der Erfinder der Death Comedy schreibt mit viel schwarzem Humor über Unsterblichkeit, künstliche Intelligenz und die beruhigende Tatsache, dass selbst für den Tod irgendwann mal Feierabend ist. (Pressetext Verlag)
Lesungen: 12.09.2026, Erfurt, DasDie Brettl 13.09.2026, Berlin, Theater Die Wühlmäuse
Monika Helfer,Schriftstellerin _ hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, dem Solothurner Literaturpreis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei Hanser ihre Romane »Vati« (2021), mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war, »Löwenherz« (2022) und »Die Jungfrau« (2023), »Wie die Welt weiterging« (2024) sowie »Der Bücherfreund« (2025). Monika Helfer-Köhlmeier | Hanser 3.8.2026
Monika Helfer (ganz links) als Nominierte bei derVerleihung des österreichischen Buchpreises 2025 in den Wiener Praterateliers
Monika Helfer und Michael Köhlmeier _ Österreichischer Buchpreis 2025
Im Interview: Verena Dolovai, Schriftstellerin_ Wien
Liebe Verena, welche Erinnerungen gibt es für Dich an Monika Helfer?
Denke ich an Monika Helfer, denke ich an einen warmen, sensiblen und klugen Menschen, der die österreichische Literatur schöner gemacht und enorm bereichert hat. Ein Fixstern der literarischen Welt. Monika Helfers Tod macht mich sehr traurig, wir haben eine große Schriftstellerin verloren. Sie fehlt.
Was macht für Dich das Besondere ihres Schreibens aus?
Möchtest Du bestimmte Bücher hervorheben und warum?
„Löwenherz“. Bereits nach wenigen Sätzen bin ich vertraut mit dem Bruder, habe ihn so deutlich vor mir, dass ich ihn unbedingt begleiten möchte.
Darf ich abschließend um ein Zitat/eine Textstelle aus Monika Helfers Werk bitten?
„Mein Bruder hatte den ganzen Tag über den ganzen Himmel in den Augen, …“ aus „Löwenherz“, Monika Helfer
Herzlichen Dank für das Interview!
Verena Dolovai, Schriftstellerin
Zur Person/über mich: Verena Dolovai * 1975 in Gmunden als Verena Obrovski, lebt und arbeitet in Klosterneuburg und Wien. Absolventin der Rechtswissenschaften & Dolmetsch- und Übersetzerwissenschaften (Englisch / Italienisch), Universität Wien. Schreibt Lyrik und Prosa. Vita » Verena Dolovai 11.8.26
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Im Interview _ Olivia Kleinknecht, Schriftstellerin_ Zürich
Liebe Olivia, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich kenne nur den Roman „Malina“.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Es ist eine Suada der Gefühle, ein Hinausrufen der Liebe, einer obsessiven Liebe, die umfassend vereinnahmt, gleichzeitig ein hellsichtiges Sezieren einer Beziehung zwischen ungleichen Partnern, die scharfe und zugleich spielerische Analyse einer ständigen Demütigung, die das „Opfer“ gleichzeitig genießt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich kenne ja nur Malina. Ich fand es am inspirierendsten, Malina in der Augusthitze zu lesen, die Schwüle wie in einem Moravia zu erspüren, der knapp unter der Haut seziert. Während es bei der Bachmann an die Eingeweide geht.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Die männliche Figur, z.B. Ivan oder auch Malina, verkleinert die weibliche Figur, setzt sie herab, nimmt sie nicht ernst, misst ihr keine Bedeutung zu, geht nonchalant mit ihren Gefühlen um, sie ist der intensiven Gefühlswelt der weiblichen Figur, die sich bis ins Hysterische steigert, nicht gewachsen, und dennoch unterschätzt sie die weibliche Figur. Ein archaisch anmutender Geschlechterkonflikt, der womöglich nichts von seiner Gültigkeit verloren hat.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Leidenschaftlich, anklammernd, obsessiv, wahnsinnig, zuweilen wahnhaft, sich aufgebend, ganz auf den andern bezogen, durch ihn lebend, sich zerstörend.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Häufig steht ein persönliches Leiden hinter einem Werk. Dostojewski litt an Spielsucht und Epilepsie, Thomas Mann an nicht gelebter Homosexualität, Dante am Exil und an einer Liebe, die für ihn unerreichbar war, Proust und Goethe litten an der Vergänglichkeit des Augenblicks, die „À la recherche du temps perdu“ sollte die Zeit zurückdrehen etc. Häufiger ist vielleicht das kommerzielle Schreiben, Balzac wollte anfangs vordringlich Geldprobleme aus der Welt schaffen. Wobei Geldprobleme Rilke als echtes Leid empfunden haben mag, als Herabsetzung, die ihn womöglich zu düsteren Texten wie den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ und zu jenseitig schönen Gedichten trieb. Fast jeder Autor besucht heute Creative-Writing-Kurse, lernt standardmäßig Texte aufzubauen, um die Verlage zum Kauf zu animieren. Vielleicht leidet heute niemand mehr und schafft daraus Kunst. Bevor es passiert, hat man schon Prozac geschluckt.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Die Intensität und den authentischen Transport des Gefühls.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Haben Sie mal in Erwägung gezogen, den Frisch zu vergiften?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich versuche einen Roman über meinen Großvater, der evangelischer Pfarrer und Nazigegner war, zu veröffentlichen. Pikanterweise wurden diese Leute nach 45 weiter verfolgt, auch darum geht es.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Ivan hat einen freien Nachmittag, nur für Ivan gibt es freie Nachmittage, eine freie Stunde, einmal auch einen freien Abend. Was mit meiner Zeit ist, ob ich freie und unfreie Stunden habe, Freiheit und Unfreiheit kenne, darüber wird nie geredet.“ Aus „Malina“
Herzlichen Dank für das Interview!
Olivia Kleinknecht, Schriftstellerin
Zur Person: Olivia Kleinknecht, wurde 1960 in Stuttgart geboren, studierte Rechtswissenschaft in München und promovierte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Weitere Studien an der Kunsthochschule Accademia delle Arti del Disegno in Florenz folgten; die Aquarelle und Ölbilder der Künstlerin wurden bei Ausstellungen in Lausanne, Florenz und Stuttgart gezeigt.
Seit 1994 ist sie freie Autorin und verfasst Romane und Sachbücher. Sie publizierte u.a. bei der Frankfurter Verlagsanstalt, S. Fischer und der Edition Epoca.
1998 nahm sie am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Olivia Kleinknecht ist Mitglied des Deutschschweizer PEN-Zentrums, des Verbandes „Autorinnen und Autoren der Schweiz“, des Syndikats e. V., Associate Member der ESSWE und lebt in Ludwigsburg und Zürich.
im Interview _ Nathalie Rouanet, Schriftstellerin, Übersetzerin, Slammerin _ Klosterneuburg/NÖ
Liebe Nathalie, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann ist mir kein Begriff, als ich 1989 als Masterstudentin an der Uni Toulouse nach Wien komme (Paul Celan sehr wohl, s. unten). Zuerst versuche ich die Prosa, Malina finde ich aber zu schwer, zu kryptisch. Vermutlich reicht meine Sprachkompetenz nicht. Später finde ich eher Zugang zu den Gedichten, in denen ich nach einem Echo auf Celans Gedichten suche. Wie bei anderen Autorinnen, die mich faszinieren (Yourcenar, Colette, Duras, Bouraoui, Debré …), ist es vielmehr der Lebensentwurf und die Persönlichkeit als das Werk selbst, die mich interessieren.
Vor zwei Jahren habe ich übrigens den Film von Margarethe von Trotta (Reise in die Wüste) ins Französische untertitelt und durfte einzelne Zitate selbst übersetzen oder adaptieren. Eine Ehre!
Vicky Krieps als Ingeborg Bachmann, Reise in die Wüste, folgendes
INGEBORG BACHMANN – REISE IN DIE WÜSTE
Schweiz/Österreich/Deutschland/Luxemburg 2023. R: Margarethe von Trotta
D: Vicky Krieps, Ronald Zehrfeld, Tobias Resch.
„…hier kam mir das Lachen zurück“
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Für mich das Rätselhafte. Vielleicht entsteht dadurch das Zeitlose. Ihr Werk lässt nach wie vor mehrere Interpretationen zu.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Dafür kenne ich ihr Werk zu wenig.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Leider ist diese Kritik heute noch notwendig, mehr denn je sogar, aber zum Glück wird die Debatte jetzt offen geführt, in allen Sparten der Kunst und in immer mehr Gesellschaftsschichten.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Mir scheint, es lassen sich heute viel mehr Lebensentwürfe als damals leben. Die Gesellschaft, in der Ingeborg Bachmann aufgewachsen ist und gelebt hat, war heteronormiert und patriarchal. Was ich allerdings nicht verstehe, ist warum sie sich ständig in solche – heute würde man sagen „toxische“ – Liebesbeziehungen hineinmanövriert hat (Frisch, Celan…).
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich glaube nicht, dass man als Kunstschaffende im 21. Jahrhundert noch abseits der Gesellschaft stehen kann. Im Gegenteil macht unser Schaffen nur Sinn, wenn es sich vom äußeren Geschehen nährt. Persönlich empfinde ich einerseits den körperlichen „Drang“ zum Schreiben als erregend, die dafür unumgängliche Einsamkeit jedoch als quälend.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Keinen Aspekt ihres Schreibens, sondern ihre Stimme. Liest man ihr Werk, ihre Reden oder Interviews auf Papier, hat man eine selbstbewusste, gesellschaftskritische, beinahe eisige Person vor Augen. Ihre Stimme aber, bei Interviews oder bei Lesungen ihrer Gedichte etwa, offenbart ihre ganze Verletzlichkeit, unterdrückte Wut, Unsicherheit, beinahe Schüchternheit. Diese Stimme bewegt mich zutiefst.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Wäre es mit einer Frau/Frauen nicht einfacher gewesen?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein nächster Roman Durch Nebel und Nacht über die französische Résistance erscheint Anfang September bei der Edition Atelier. Ich arbeite auch an zwei Auftragstexten (für eine NÖ-Anthologie und für die Zeitschrift der Theodor Kramer Gesellschaft Zwischenwelt). Außerdem nehme ich al Team (Barb’ra Ann!) an der österreichischen Poetry Slam Meisterschaft Anfang September in Klagenfurt teil! Mein Großprojekt wird wieder warten müssen.
Darf ich abschließend um einen Bachmann Text bitten?
1966 in Frankreich geboren, lebt und arbeitet seit 1990 in der Nähe von Wien. Sie ist Autorin (Romane, Kurzprosa, Aufsätze, Spoken Word), Übersetzerin für Film, Kunst, Theater und Literatur, sowie Slammerin unter dem Namen Ann Air. Doktorat an der Universität Wien. Diplomstudium an der Universität Toulouse. Veröffentlichungen in französischen und österreichischen Zeitschriften. Erschienen sind ihre Romane „Von Honig und Absinth“ (2019, edition pen, vergriffen), „Rouge indien“ (2023, Perspective cavalière, Paris) und „Indienrot“ (2024, Edition Atelier, Wien). Im September 2026 erscheint der Roman „Durch Nebel und Nacht“ bei der Edition Atelier. (Nathalie Rouanet, 6.8.26)
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.