„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Anne Mai, Schriftstellerin
Rebecca Celine Richter, Schauspielerin, Sängerin
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Anne Mai _ privat.
Fotos:Rebecca Celine Richter, Schauspielerin, Sängerin _ Wien _ acting Undine geht_Roman Ingeborg Bachmann _ Walter Pobaschnig 5/21
Liebe Anne, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Es gab eine frühe Begeisterung für ihre Gedichte, die ich bis heute herausragend finde. Als ich selbst dreißig wurde, las ich „Das dreißigste Jahr“ und fand darin meine „damalige“ Empfindung bestätigt, dass dieser Geburtstag den Anspruch, sich weiterhin jung zu nennen, konterkarierte. Zu „Malina“ kam ich nach Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ und las das Buch jetzt zum zweiten Mal. Besonders der mittlere Teil „Der dritte Mann“ mit seiner albtraumhaften Vaterfigur und seiner intensiven Bilderflut im gespenstischen Nachkriegswien ging mir nahe.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Neben der philosophischen Klarheit ihrer Gedanken und dem hohen literarischen Ton ist Ingeborg Bachmanns Schreiben auch eine wiederkehrende „Anrufung der Großen Liebe“, deren rauschhafter Beginn in Enttäuschung mündet, die wiederum eine Art Abrechnung zur Folge hat. Ich denke aber, dass sie wusste, dass eine so besitzergreifende Liebesbeziehung unvereinbar sein würde mit ihrem eigenen künstlerischen Anspruch.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Natürlich ihre Gedichte, deren hohe Wortkunst ungeschmälert fesselt.
Beeindruckt hat mich ihr preisgekröntes Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ (1957), in dem sie die Aussichtslosigkeit einer absoluten Liebe thematisiert. Deren Intensität steigt mit den Stockwerken eines New Yorker Hotels, in welchem Jan und Jennifer Quartier bezogen haben, und endet auf der höchsten Etage mit einem Mordanschlag des guten Gottes. Jan flieht in ein gesellschaftlich sanktioniertes Leben und entgeht im Gegensatz zu Jennifer dem Tod. Da der gute Gott mit seiner Tat das geltende Ordnungssystem verteidigt hat, wird er freigesprochen.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Betrachtet man die gesellschaftlichen Strukturen der letzten hundert Jahre, so ist Ingeborg Bachmanns Stimme nicht wegzudenken. Sie vermutet den Ursprung männlicher Machtstrukturen auch in den Familien. Von dort nehme er seinen Weg in Gesellschaft und Politik und treibe die weltweite Kriegsmaschinerie an, um nach kriegerischen Handlungen in die Familien zurückzukehren. Besonders die Töchter seien die Leidtragenden der durch dieses System veränderten Väter. Es ist anzunehmen, dass auch Ingeborg Bachmann dieses erfahren hat. In Malina ist es kaum verschlüsselt nachzulesen.
Was unsere heutige Zeit betrifft, denke ich, dass das Patriarchat dabei ist, zurückzukehren, wenn es denn jemals weg war.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Vielleicht löst der Wunsch nach Verschmelzung mit einem anderen Menschen vor allem bei Männern Ängste aus und wird als Bedrohung der eigenen Identität empfunden. So ergeht es auch Jan in „Der gute Gott von Manhattan“. Er flieht vor dem Grenzübertritt in das anarchische Reich der bedingungslosen Liebe.
In Bachmanns Todesjahr 1973 erlebte die Frauenbewegung einen Höhepunkt. Inzwischen sehe ich das weltweite Erstarken der Rechten auch in Verbindung mit der Aufwertung des Patriarchats, das sich weiter die Deutungshoheit erobert.
Letztendlich glaube ich, dass sich die Liebe nach wie vor ihrer Beherrschung entziehen wird. Sie geschieht uns. Und wird uns nichts erklären, wie auch wir sie nicht erklären können. Wunderbar ausgedrückt in Bachmann Gedicht „Erklär mir, Liebe“.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ganz sicher hat Ingeborg Bachmann am unlösbaren Dilemma gelitten, das Leben mit allen Sinnen (einschließlich Familie, Beziehung, weiblicher Alltag) zu wollen und dennoch das Werk an erster Stelle zu belassen. Ein ständiger Konflikt, an dem sie auch innerlich verbrannt ist.
Ich selbst empfinde das Schreiben als positiven Schaffensprozess, kenne aber durchaus den Zwiespalt, gerade dann nicht schreiben zu können, wenn sich der Wunsch oder ein Flow einstellt.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Für Bachmann war Schreiben nicht nur materielle Existenz und gesellschaftliche Anerkennung, sondern ein fundamentales Bedürfnis, ihr inneres Erleben in Sprache zu transformieren. Sprache war ihre Brücke nach außen und ihr vielstimmiges Instrument. Sie hat ihr mit großer Begabung und Hingabe gedient.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Wie positiv es ist, dass insbesondere ihr Prosawerk bis heute die Diskurse um Macht und Normen der gesellschaftlichen Strukturen befeuert.
Vielleicht hätte ich sie gefragt, warum sie sich ab 1957 ihrer grandiosen Lyrik verweigert hat, so wie auch Undine sich verweigert. Vielleicht wollte sie durch den fehlenden ständigen Vergleich die Themen ihres Prosawerkes in den Fokus zu rücken. Dieses wurde von der (weitgehend männlichen) Kritik gerne an zweite Stelle gesetzt.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Zurzeit bin ich mit meinem neuen Gedichtband beschäftigt. Er wird im Sommer beim Athena Verlag erscheinen, voraussichtlich unter dem Titel „Mond in den Fischen“.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„So gewiss ist’s, dass nur die Liebe und einer den andern erhöht.“(Römisches Nachtbild – 1956)
„So weit im Leben und so nah am Tod, dass ich mit niemand darum rechten kann, reiß ich mir von der Erde meinen Teil;“ (Strömung – 1957)
Herzlichen Dank für das Interview!
Sehr gerne. Ich habe ebenfalls zu danken, an diesem schönen Projekt teilnehmen zu können.
Liebe Andrea, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Schon sehr früh habe ich „MALINA“ gelesen und war begeistert. Die namenlose, gefühlsbetonte Ich-Erzählerin und Malina, ihr kopflastiger, vernunftbetonter Geliebter, das Gegenüber dieser beiden Figuren, mit all den Höhen und Tiefen dieser fast als Collage dargestellten Beziehung, haben mich schwer beeindruckt. Ebenso der feministische Anspruch ihres Werkes.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ingeborg Bachmann prägte die Nachkriegsliteratur ausnahmslos und nachhaltig. Ihr ging es um die großen philosophischen Themen und ebenso um die Frage, ob Worte, Wörter und die Sprache an sich, überhaupt vermögen das Gedachte, das Erlebte, das Beobachtete, den Schrecken und die Schönheit zu vermitteln. Sie war sowohl Lyrikerin als auch Poetin. Die Symbolik ihrer Sprache und die von ihr verwendeten Metaphern verdeutlichen die bildhafte Gewalt ihrer einzigartigen Schreibkunst.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
„MALINA“ war als erstes Buch einer Triloge mit dem Namen „TODESARTEN“ vorgesehen, zwei weitere sollten folgen. „DER FALL FRANZA“ blieb unvollendet und erschien erst nach ihrem Tod in fragmentarischer Form, ebenso der dritte Teil: „REQUIEM FÜR FANNY GOLDMANN“. Und ich versinke jeweils aufs Neue in ihrem wunderbaren Gedicht: „ANRUFUNG DES GROßEN BÄREN“. Die von ihr geschaffenen intensiven Sprachbilder lassen mich nicht los.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Schade, dass der Romanzyklus nicht zustande kam, ich hätte auch die anderen beiden Romane sehr gerne gelesen. In meinem Buch „111 Orte…“ bin ich vielen deiner Wege am Kreuzbergl gefolgt, bis hin zum Wörthersee.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Im März ist „Grado im Traum“, mein Grado-Krimi um die Commissaria Maddalena Degrassi, erschienen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein“
Aus „ANRUFUNG DES GROßEN BÄREN“
Herzlichen Dank für das Interview!
Ich danke für das Interview.
Andrea Nagele, Schriftstellerin
Zur Person: Andrea Nagele leitete über ein Jahrzehnt ein psychotherapeutisches Ambulatorium. Heute arbeitet sie als Autorin und betreibt in Klagenfurt eine psychotherapeutische Praxis. Sie pendelt zwischen Klagenfurt am Wörthersee, Grado und Berlin.
Aktuelles Buch: Andrea Nagele, Grado im Traum. Ein Adria Krimi Broschur _ Emons Verlag 2026
Ingeborg Bachmannist 1946 in Wien angekommen und lebte hier bis 1953. In dieser Lebensphase kommt es zu wesentlichen Begegnungen, Inspirationen ihrer Texte. Ebenso ist es die Zeit erster Anerkennung als Schriftstellerin. Mit Wien bleibt die später in Rom lebende Schriftstellerin zeitlebens verbunden. Ihr einziger Roman Malina, den sie in Rom abschließt, spielt in Wien. Das „Ungargassenland“ im III.Wiener Gemeindebezirk ist dabei topographischer Bezugs- und Mittelpunkt. Ebenso nehmen viele Gedichte auf Wien Bezug.
Susanne Sommer, Schriftstellerin _ performing „Malina“ _ Originalschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 1/26 _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Fotos: Susanne Sommer, Schriftstellerin _ performing „Malina“ _ Originalschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 1/26
„Über die via Alemagna nach Padova zu Ingeborg Bachmann“
Im Dorf Toblach, wo die via Alemagna abzweigt, Sehnsuchtsstraße hinunter in die Ebenen, hinunter zur Serenissima, hat eine junge Frau beschlossen, den vorgegeben Weg zu verlassen, den, geheiratet zu werden oder an der Haus-und Hof-Universität Innsbruck zu studieren.
Diese Frau ist als sogenanntes Options -Kind in Bad Ischl geboren, Tochter eines ukrainischen Gefangenen, Offizier der Roten Armee, und einer Südtiroler Bauerntochter, die im Salzkammergut als Hotel Bedienstete gearbeitet hat. Der gewählte Studienort war die Universität Padova, die Studienrichtung Lingue e letterature straniere e moderne mit „Deutsche Sprache und Literatur“ als Hauptzweig. Es mag abenteuerlich klingen, dass eine deutsche Muttersprachlerin Deutsche Sprache und Literatur an einer italienischen Uni studiert. Es war aber die beste Entscheidung meines Lebens dies zu tun, weil ich einen ganz anderen Zugang zu eben dieser Literatur gefunden habe, dies vor allem deshalb, weil dort Italiens renommiertester Germanist – Giuliano Baioni – neben Ladislao Mitterer- unterrichtet hat. Baioni ist vor allem Kafka Spezialist, hat aber auch zu Goethe und E.TA. Hoffmann und zu vielen anderen geforscht.
Meine Wahl über Ingeborg Bachmann zu schreiben, hat er gut geheißen, mehr nicht, er hat, vermute ich, selbst erst angefangen sie genauer zu lesen. Hat mir dann die Höchstnote gegeben – summa cum laude – für meine Arbeit mit dem Titel: Die Lyrik der Ingeborg Bachmann -Utopie und Sprachverzweiflung facolta` di lettere e filosofia Universita` degli studi di Padova -anno accademico 1971-72.
Waltraud Mittich und Norbert Conrad Kaser
Es gibt viele Anekdoten zum Professor, zum Studienort, zur Abschluss Arbeit. Ich habe die Arbeit auf einer kleinen Olivetti getippt mit zwei Kohlepapier Durchschlägen und das Ganze auf dem Gepäcksträger meines alten Fahrrades montiert. Das Rad war alt, ich jung und wild; als ich die Arbeit abgeben wollte im Germanistik Institut, war sie nicht mehr da. Bin verzweifelt die Strecke zurück geradelt, habe alle verstreuten Blätter wieder gefunden, samt Autoreifen Abdruck, alles gut, ein Meisterstück wurde gerettet.
Zu Malina steht in meiner Arbeit ein lapidarer Satz, ich habe das Buch gelesen, die Wichtigkeit des Textes nicht erfasst, erst viel später.
Dass meine kleine Geschichte die Geschichte Südtirols wieder gibt. Dass ich ein Buch über meinen ukrainischen Vater geschrieben habe „Ein Russe aus Kiew“, es wurde 2022 ins Ukrainische übersetzt – Verlag booksXXI Czernowitz- mit dem Titel Brief an die Ukraine, dass ich eng verbunden bin mit diesem Land, jeden Tag chatte mit vielen Menschen, dass ich nur einmal dort war und vielleicht nie wieder.
„Ein Russe aus Kiew“ Roman, Waltraud Mittich. Edition Laurin.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Isa Tschierschke, Autorin und Buch-Bloggerin auf Lightning-bug.de
Raphael Steiner_ Schauspieler _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Isa Tschierschke _ privat.
Fotos: Raphael Steiner_ Schauspieler _ Wien _ acting Malina „Ivan“ _ Romanschauplatz _ Malina _ Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig, 2/22
Malina. Das ist der große und einzige Roman der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, deren 100.Geburtstag 2026 weltweit gefeiert wird.
Und ganz besonders auch im Berliner Suhrkamp Verlag, in welchem der Roman 1971 erschienen ist. Die in Klagenfurt geborene Schriftstellerin (*25.6.1926, erstes Kind von Matthias und Olga Bachmann) entwirft darin ein einzigartiges Kaleidoskop menschlicher Existenz, Liebe und Gesellschaft in allen Facetten von Grund und Abgrund in Erinnerung und Gegenwart.
Xiting Shan_Schauspielerin_Wien _ acting Malina _ Walter Pobaschnig 5/21 folgende
Ingeborg Bachmann, am 17.Oktober 1973 in Rom tragisch verstorben (Brandunfall), geht in Malina inhaltlich und formal mutige neue Wege, kombiniert, jongliert Textsorten und lässt im Ungargassenland Wiens eine amour fou in Sehnsucht, Glück und Drama zwischen anonymer Ich-Erzählerin und Malina/Ivan im Spiegel von Geschichte, Macht und Gewalt explodieren. Es gibt kein Entkommen…
Beeindruckend ist neben der literarischen Avantgarde, der Suche nach einer neuen Sprache im Benennen, Berichten, Erzählen und Hinausschreien von Erlebtem, Erlittenem, auch die Wucht und Spannung der Erzähldynamik, die bis zu einem der berühmtesten Schlusssätze der Literaturgeschichte „Es war Mord“ nicht loslässt.
Die sehr gelungene Neuauflage bietet wunderbare Ästhetik (Wortspiel am Cover) wie ergänzend ein Nachwort der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Jelinek schrieb auch das Drehbuch zur Malina Verfilmung (1991) von Werner Schroeter mit Isabelle Huppert.
„Ein wunderbares Geburtstagsgeschenk des Verlages, der 1971 den Mut zur Erstveröffentlichung dieses bahnbrechenden Werkes hatte.“
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Melitta L. Roth, Schriftstellerin
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Melitta L. Roth _ privat.
Fotos: Xiting Shan_Schauspielerin_Wien _ acting Malina _ Roman Ingeborg Bachmann _ Walter Pobaschnig 5/21.
im Interview _ Melitta L. Roth, Schriftstellerin und Bloggerin
Liebe Melitta, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
In einer Zeit, in der Frauen nur als Beiwerk galten, hat sie ein eigenes Werk geschaffen. Und was für eins. War es Glück, wars Charisma, war es die Wirkung auf andere, sie konnte sich jedenfalls durchsetzen mit ihrem Können. Das bewundere ich. So viele andere sind untergegangen.
Ich habe ihre Dichtung eher spät kennengelernt. Leider. Wünschte, ich hätte sie mit zwanzig schon entdeckt.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Sie erfindet nicht, sie kommt zum Kern. Für mich wirkt es als gäbe es darin kein Beiwerk, aber Kristallsätze.
Sie bringen etwas in Schwingung.
Wie wenn sie eine Bildhauerin wäre, die aus einem unbehauenen Stück Holz oder Stein etwas herausarbeitet, indem sie etwas abschlägt. Bis die Essenz hervorscheint. Nicht aufbauen, sondern etwas wegnehmen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Nein. Aber in ihren Gedichten scheint immer etwas durch, das mich berührt. Selbst nach so vielen Jahren noch. Ihre Poesie spricht mich eher an als die Prosa.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich würde sie gern fragen, wie es war genau in dieser Familie aufzuwachsen, nach dem Krieg, mit diesem Vater. Was es mit ihr gemacht hat.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Im Moment arbeite ich mich am Thema Wohnen ab, am Wohnen und seiner Krise, am Unbehaustsein. Es entstehen längere Passagen, kurze Texte. Prosa, keine feinsinnigen Gedichte. Und fast dadaistische Wuttexte, die sich deklamieren lassen. Aber mehr so Brecht oder Majakowski als Bachmann.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
aus „Was wahr ist“
„Du haftest in der Welt, beschwert von Ketten, doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand. Du wachst und siehst im Dunkeln nach dem Rechten, dem unbekannten Ausgang zugewandt.“
aus „Lieder auf der Flucht“ (XV)“
„Die Liebe hat einen Triumph und der Tod hat einen, die Zeit und die Zeit danach. Wir haben keinen.“
Beide aus „Anrufung des Großen Bären“, Gedichte, Ingeborg Bachmann, 1956 (Piper)
Im Interview _ Gunna Wendt, Schriftstellerin _ München.
Liebe Gunna, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mein erster Zugang führte über die Gedichte – da ging ich noch zur Schule. Mein intensivster wurde jedoch später ausgelöst durch eine andere Künstlerin: Maria Callas. Vor 20 Jahren habe ich eine Ausstellung zur Diva assoluta in München und Wien kuratiert, dabei hat mich Ingeborg Bachmanns Hommage an Maria Callas leitmotivisch begleitet. Sie sagt darin: „Es werden so viele unsinnig geweint, aber die Tränen, die der Callas gegolten – sie waren so sinnlos nicht. Sie war das letzte Märchen, die letzte Wirklichkeit, deren ein Zuhörer hofft teilhaftig zu werden.“
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Der weibliche Blick auf die Welt, wie ihn Fassbinders Protagonistin Maria Braun repräsentiert, wenn sie ihrem Vorgesetzten und Geliebten erklärt. „Und ich möchte nicht, dass Sie denken, Sie hätten was mit mir. Weil die Wahrheit ist, dass ich etwas mit Ihnen habe.“ Dieser Perspektivwechsel bewirkt einen großen Unterschied, wie man bei Ingeborg Bachmann erleben kann.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Die Erzählungen, allen voran „Undine geht“. Darin zeigt sich Ingeborg Bachmann als Frau, die sich mit Hilfe von Fluchtlinien im Sinne von Deleuze/Guattari selbst erfindet. Am Anfang steht der Drang, etwas – eine Lebenssituation und die damit verbundenen Bezüge – zu verlassen, aufzubrechen. Dabei nimmt man das Verletzen, den Abschied, den Schmerz, auch den eigenen, in Kauf. Die Fluchtlinie ist eine Absage an Konventionen, festgeschriebene Lebensläufe und Lebensformen. Sie führt in die lebendige Wirklichkeit.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Maria Callas hat gesagt, sie liebe die Kunst, nicht den Betrieb. Was halten Sie von einer Aussage wie dieser – auch angesichts des Ihnen gewidmeten Wettbewerbs.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein neues Buch „Frauen von morgen“ in Lesungen und Veranstaltungen präsentieren. Allmählich mit dem nächsten Projekt beginnen, eine Anthologie über „Berühmte Liebespaare“. Sowohl Ingeborg Bachmann als auch Maria Callas werden darin vorkommen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Deine Einsamkeit werde ich nie teilen, weil da die meine ist, von länger her, noch lange hin.“ (aus: „Undine geht“)
Herzlichen Dank für das Interview!
Gunna Wendt, Schriftstellerin
Zur Person: Gunna Wendt, geboren in Jeinsen bei Hannover, studierte Soziologie und Psychologie an der Universität Hannover und schrieb ihre Magisterarbeit bei Oskar Negt zum Thema “Paula Modersohn-Becker. Zur Situation einer Künstlerin um die Jahrhundertwende in Deutschland”.
Seit 1981 lebt sie als freie Schriftstellerin in München. Neben ihren Arbeiten für Theater und Rundfunk veröffentlichte sie Kurzgeschichten, Gedichte, Essays und literarische Biographien. Viele ihrer Protagonistinnen sind Frauen, die ihren eigenen Weg gehen und sich selbst neu erfinden. Ruth Klüger schreibt dazu: „Das eigentlich Neue und Fesselnde ist der weibliche Blick auf weibliches Leben und weiblichen Ehrgeiz.“
1989 wurde sie mit dem Hörfunkpreis der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien ausgezeichnet.
2011 wurde sie in den Kreis der Münchner Turmschreiber berufen.
2017 wurde sie mit dem Schwabinger Kunstpreis ausgezeichnet.
2024 erhielt sie ein Arbeitsstipendium Literatur des Bayerischen Staatsministeriums.