
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Catrin George Ponciano, Schriftstellerin, Portugalexpertin, Kulturaktivistin
Liebe Catrin, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Für mich ist es eine Rückkehr zu Ingeborg Bachmann. Ich arbeite selbst als Publizistin, lebe im Ausland und besitze hinsichtlich Europa eine runderneuerte Perspektive auf historische und gesellschaftspolitische Kontext. Ihr Werk lese ich, als wären wir uns erst kürzlich in Rom begegnet. Zwei Fremde, die die ewige Stadt fraglos in ihren Schoß aufgenommen, hätten wir auf einer lauschigen Piazza sitzend Wein getrunken und uns unterhalten. Darüber wie schwer es für Schriftstellerinnen auch heute noch ist, publiziert und anerkannt zu werden, über das Frausein und über die teilweise befremdliche Wahrnehmung von schreibenden Frauen.

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ingeborg Bachmanns Lektüren führen mich ausschließlich in Ingeborg Bachmanns Denkwelten und Gefühlskosmos, aus deren Konklusionen ihre Texte auferstehen. Dadurch fordert sie mein unbedingtes Einfühlungsvermögen ein, frei nach dem Motto, krieche unter meine Haut bis hinab in meinen Abgrund.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ingeborg Bachmanns zum Teil impulsiv verfasste Notizen fassen mich vom ersten Satz an und leiten mich durch ihren selbstreflektierenden Entwicklungsprozess, der sie zu etwas Starkem und gleichzeitig Fragilen formt. Es sind Sätze wie dieser; Ich glaube, daß die Enge des Tals und das Bewußtsein der Grenzen mir Fernweh eingetragen hat – der mir die Bandbreite ihrer Sehnsucht offenbart und mich verstehen lässt, was Ingeborg Bachmann später dann in Rom empfunden hat, wenn sie sagt, Rom habe sie Leben gelehrt. Rom nahm ihr symbolisch die im Tal empfundene, aufgebürdete von außen erzeugte Enge (Grenzen) und stillte ihr Fernweh nach sich loslösen davon, dass sie, so verstehe ich es, in der Anonymität der Stadt vollzogen hat. Als Frau statuiert sie zudem ein literarisches Exempel, das gesellschaftliche Defizite hinsichtlich Gleichberechtigung und für Frauen (un)mögliche Selbstbestimmung offenlegt.

„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten Sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich glaube, wir laufen als westliche Welt insgesamt Gefahr, dem von Ingeborg Bachmann symbolisierten Unheilbarem zu verfallen. Was in den 80er Jahren eher noch eindimensional eingegrenzt auf die den Männern zugeschriebene Rolle des Patriarchen gepasst hat, dehnt sich meines Erachtens nun mehrdimensional auf all diejenigen Menschen aus, die mit Blick für das Wesentliche durch Geldgier und Geltungsbedürfnis getrübt, sich dem Materiellen unterwerfend nicht bemerken, dass sie sich im Prinzip selbst unterwerfen. In einer alarmierend kollektiv um sich greifenden Kritiklosigkeit am Konsum, an digitaler Kontrolle, an ungesunden Nahrungsmitteln, schaffen ganze Gesellschaften ihren eigenen Willen ab und degradieren sich zu Mitmachern, die ernsthaft alles glauben, was ihnen von der omnipräsent auftretenden immer stärker künstlich generierten Machtstruktur vorgegaukelt wird. Die einst übliche über Menschen generell und über Frauen insbesondere hinwegschauende und handelnde männliche Machtstruktur wird allmählich von einem körperlosen alle moralischen und ethischen Grenzen verwischenden System abgelöst. Der Satz könnte demnach heute so lauten: „die Menschen sind unheilbar krank…sie sind es, wussten Sie das nicht? Alle…“
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Die Bejahung zur Selbstbestimmtheit vorausgehend, geboren aus dem Wunsch meine Seele weder den Erwartungen anderer noch dem Geldaltar zu übereignen, möchte ich mich keinem wie auch immer gearteten patriarchalen oder künstlich generierten System unterwerfen – müssen, und scheue deswegen jegliche Form von Abhängigkeit, was in der Liebe prekär sein kann und es mir erschwert, Freundschaften zu schließen, die (meistens) auf Erwartungen und Kompromisse aufbauen.
Das ist insofern absonderlich, weil ich mich tatsächlich physisch und geistig von der Masse absondere, mute ich mir durchaus zu, die allgemeine Komfortzone zu verlassen, in dem ich an Werten festhalte, die denken, fühlen und handeln voraussetzen, anstatt mich sogenannten modernen Möglichkeiten zu bedienen, um mich bedienen zu lassen.
Verhaltensregeln, die lediglich einer unaufrichtigen Aneinanderreihung von Etiketten folgen und nicht einem aufrichtigen zwischenmenschlichen Miteinander, widerstehe ich vehement. Dass mich mein Widerstreben in den Augen anderer oftmals ins sozial nicht kompatible Abseits befördert, nehme ich in Kauf, ertrage Konnotationen wie unangepasst, aufwieglerisch und asozial.
Mich davon nicht beirren zu lassen, ja, das ähnelt einem Martyrium, erzeugt jedoch im Umkehrschluss Bruchstellen, aus denen ich Erkenntnis schöpfe. Einfacher machen könnte ich es mir, glauben andere. Ich glaube das nicht. Literatur, die Menschen wahrhaftig berührt, entsteht nicht in einer Blase im Schutz von Komfort und selbsteingebildeter Geltung, nein, Literatur und Poesie nährt sich aus der Wahrhaftigkeit in uns. Fazit, ich stimme Ingeborg Bachmann voll und ganz zu.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Liebe Ingeborg, wir, die jeden Tag unbeirrt in unserer Wirklichkeit bleiben und selbstbestimmt in Verdammnis treten, hören nicht auf darüber zu schreiben und zu sprechen. Versprochen!
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich lade dazu ein, mich in Portugal auf literarischen Fährten bis in die Moderne zu begleiten.
Am Schreibtisch wächst ein Romanprojekt über weibliche Selbstbestimmung und ihre (un)möglichen Grenzen, wofür ich momentan auf Verlagssuche bin.
Ohne Projektziel notiere ich autobiografisch Anekdoten über persönliche Trigger – ob sich daraus eines Tages eine Publikation ergibt, bleibt abzuwarten.
Herzlichen Dank für das Interview!
Lieber Walter Pobaschnig, ich möchte Dir für die wunderbaren Fragen danken, die mich in meinem Sein als Schriftstellerin auf willkommene Weise herausgefordert haben.

Catrin George Ponciano
Schriftstellerin – Speakerin – Dozentin – Literaturreisen Management
Aktuell: „Alles – bloß nicht vage!“ – AvivA Verlag; Literarisches Porträt über die portugiesische Dichterin Florbela Espanca
Wittwer-Thalia-Debütpreis »Stuttgarter Kriminächte 2021« mit >Leiser Tod in Lissabon< – emons
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Fotos: Catrin George Ponciano: Gudrun Hindersin
Walter Pobaschnig 1_26































































