
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Annabel Herkströter, Schriftstellerin _ Prad am Stilfersjoch/Südtirol/I
Liebe Annabel, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Während des Studiums habe ich zum ersten Mal einen Text von Ingeborg Bachmann gelesen – das ist jetzt ungefähr zehn Jahre her. Es war die Erzählung „Undine geht“, zu der ich damals gemeinsam mit einer Kommilitonin ein Referat vorbereitet habe. Natürlich taucht der Name Bachmann, wenn man sich mit Literatur beschäftigt, immer wieder auf.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Einzigartig an ihrem Schreiben finde ich die Darstellung der inneren Zerrissenheit ihrer Figuren sowie des Scheiterns an und in unserer Gesellschaft. Zwischenmenschliche Konflikte sind fein nuanciert herausgearbeitet.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
An die vorherige Frage anknüpfend, fällt mir ihr Roman „Malina“ ein. Die Protagonistin ist in dem undankbaren Zustand gefangen, einen Mann, welchem sie im Grunde gleichgültig ist, zum Glücklichsein, ja, zum Überleben zu benötigen. Genauso braucht sie eine weitere männliche Figur, Malina, der Rationalität in ihr Leben bringt. Diese Figur wurde oftmals als männlicher Anteil der weiblichen Hauptperson interpretiert. Das Tragische an der Geschichte ist, dass die Protagonistin außerstande ist, sich aus ihrer selbst gewählten Unmündigkeit zu befreien, was letzten Endes auf ihren Tod hinausläuft.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich glaube, Bachmanns Kritik an der patriarchalen Welt ist nach wie vor aktuell und wird es auch bleiben, solange Frauen durch patriarchale Strukturen in prekäre Situationen geraten. Ein wichtiger Faktor ist in diesem Zusammenhang sicherlich das ökonomische Ungleichgewicht, welches noch immer zwischen Frauen und Männern besteht. Beispielsweise leisten Frauen einen Großteil der unbezahlten Care-Arbeit, können jedoch im Alter oftmals kaum von ihrer Rente leben. Hinzu kommen überholte Rollenzuschreibungen, die sich hartnäckig halten und leider – oft unbewusst – von den Frauen selbst mitgetragen werden.
Auf politischer Ebene lässt sich festhalten, dass es toxische Männlichkeit ist, die derzeit auf der Welt für viel Unruhe sorgt; männliche Politiker, die ihre Macht und Zerstörungswut bis ins Monströse zelebrieren.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Solange unsere Gesellschaft und auch Beziehungen unter dem Vorzeichen des Patriarchats stehen, kann die Liebe ihr Potenzial nicht richtig entfalten und nur in Enttäuschung und Desillusionierung münden. Die Männer sind gewissermaßen selbst Opfer des Patriarchats, das sie ihrer Zärtlichkeit beraubt, sie auf Männlichkeitsstereotype reduziert hat, welche sie zu erfüllen gezwungen sind, um Mann zu sein. Würden sie sich jedoch zu ihrer liebevollen, zarten und empathischen Seite bekennen, wäre eine Erfüllung durch Liebe eventuell möglich – das suggeriert zumindest Bachmanns Erzählung „Undine geht“.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Das Einsame am Schreiben ist für mich weniger ein Problem, da ich immer wieder die Stille suche. Ich benötige sogar ein gewisses Maß an Einsamkeit, um kreativ sein zu können. Dennoch kann das Schreiben unter Umständen ein Martyrium sein. Mir fällt keine andere Tätigkeit ein, bei der man sich derart intensiv mit dem In-der-Welt-Sein und zwangsläufig auch dessen einsamen und schwierigen Aspekten auseinandersetzt. Andererseits kann das Schreiben auch äußerst befriedigend und heilsam sein. Das Schreiben eines Textes erlebe ich auch immer als eine Art Läuterung. Man geht durch Höhen und Tiefen, es gibt Durststrecken, man wird auf die Probe gestellt und bestenfalls gelangt man irgendwann an ein einigermaßen zufriedenstellendes Ende. Durch jeden Text, den ich schreibe – vielleicht auch unvollendet lasse –, lerne ich etwas für mein künftiges Schreiben.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ihre Texte, die nicht immer leicht zugänglich sind und Elemente enthalten, welche mitunter rätselhaft bleiben, entfalten beim Lesen eine ganz eigene Sogwirkung. Ihre Werke müssen jedoch nicht einmal bis in den letzten Winkel erschlossen werden, um mit ihren Charakteren mitfühlen und die Welt durch deren Augen wahrnehmen zu können.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Glauben Sie, dass Männer und Frauen es schaffen können, sowohl auf privater als auch auf gesellschaftlicher Ebene, miteinander glücklich und in gegenseitigem Verständnis zu leben?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
In meinem Kopf flirren momentan einige Ideen und Vorhaben herum. Ich würde gerne in absehbarer Zeit einen Gedichtband veröffentlichen. Außerdem arbeite ich seit einiger Zeit an einem Roman.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Hinter der Welt wird ein Baum stehen
Mit Blättern aus Wolken und einer Krone aus Blau.
In seine Rinde aus rotem Sonnenband
Schneidet der Wind unser Herz
und kühlt es mit Tau.
(Strophe aus „Die Welt ist weit“)
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person: Annabel Herkströter wurde 1995 in Südtirol geboren. Nach der Matura studierte sie Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Innsbruck. Sie war u.a. in Bibliotheken sowie in einem Bergführerbüro tätig. Seit ihrer Kindheit widmet sie sich mit großer Hingabe dem Schreiben von Geschichten. Beiträge von ihr erschienen im „Komplex Kulturmagazin“ (Innsbruck), in der St. Pöltener Literaturzeitschrift „etcetera“ sowie in der Schweizer Online-Zeitung „DMZ“.
Im Herbst 2024 erschien ihr Kurzgeschichtenband Tragisch bis heiter bei BoD. Tragisch bis heiter
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garbaldi Schwarze
Foto: Annabel Herkströter _ privat
Walter Pobaschnig, 14.10.2026





































































