Im Interview _ Karsten Krampitz, Schriftsteller, Historiker, Journalist _ Berlin
Bachmannpreisnominierter 2009, eingeladen von Jurorin Hildegard Elisabeth Keller, Gewinner des Publikumspreises und damit des Stadtschreiber Preises Klagenfurt 2010. Bis heute gibt es aus dieser sehr produktiven Zeit zahlreiche kulturelle Verbindungen zu Klagenfurt. Seit 2021 ist der in Berlin lebende und so vielseitige Schriftsteller, Historiker, Journalist Lehrbeauftragter an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und regelmäßig beim Bachmannpreis mit Studenten:innen vor Ort im ORF Garten.
Karsten Krampitz mit Seminargruppe im ORF Garten _ Bachmannpreis 2025
Lieber Karsten, Du hast 2009 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?
Beim „Bewerb“ 2009 habe ich einen Text über den Feuertod eines ostdeutschen Pfarrers gelesen. Eigentlich wollte ich mich im Vortrag an Rainald Goetz orientieren und einfach mal eine gute Performance liefern. Doch dann wurde mir von den Veranstaltern bedeutet, ich möge es bitte nicht übertreiben. Es war der erste Lesetag. Vor mir war Philipp Weiss dran, der am Ende der Lesung seinen Text verspeiste. Danach sind wir uns im Gang begegnet. „Das geht gar nicht“, habe ich zu Philipp gesagt. „Mir verbieten sie die Selbstverbrennung, aber du darfst dein Manuskript essen!“
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Der Literaturbetrieb lässt hier mal kurz die Zugbrücke herunter, auch für Schriftsteller, die nicht in großen Verlagshäusern veröffentlichen.
Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?
Ein Juror sagte sinngemäß: „Dieser Text interessiert mich jetzt nicht so brennend.“ Am Ende haben sogar einige aus dem Publikum mitgeredet. Aber man hat es in der Aufzeichnung nicht gehört, weil sie kein Mikro hatten.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
In Klagenfurt erstmal einen neuen Bürgermeister. Es ist ein Unding, dass hier jedes Jahr vor laufender Kamera der Träger der Jörg-Haider-Medaille der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin die Hand schüttelt.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Erstere sollen jede Minute in Klagenfurt genießen, und die Jury soll sich nicht so ernst nehmen. Dem einheimischen Publikum wünsche ich auch weiterhin Freiheit von Freiheitlichen.
Die unglaubliche Geschichte einer gelebten Utopie mitten in der DDR: die »Krüppelkommune« von Hartroda
„Arnstadt, Thüringen, Ende der 70er Jahre. In einem Heim für behinderte Jugendliche beschließen vier Freunde, die sich kaum bewegen können: Wir brechen aus. Von Rente und Pflegegeld wollen sie sich Pfleger finanzieren, ein Haus bekommen sie von der Kirche – das alte Pfarrhaus in Hartroda, im Altenburger Land. So beginnt die Geschichte einer Kommune, die völlig aus der Zeit und aus dem Land gefallen ist. Die einen bekommen Hilfe, die anderen Asyl – vor der Schinderei im Staatsbetrieb, vor einem Leben im stupiden Kreislauf von Arbeiten, Saufen, Schlafen. Eine Gemeinschaft der Gleichen, in der alles geteilt wird – Geld und Bücher, Platten und Bier, aber auch alle Gebrechen. Eine Gemeinschaft der Aussortierten, die sich mit Witz und Chuzpe das Undenkbare erkämpft: ein selbstbestimmtes Leben, vielleicht sogar Freiheit. Unter dem Schirm der Kirche wird sie, so scheint es zumindest, vom DDR-Apparat in Ruhe gelassen. Intellektueller Kopf der Gemeinschaft ist Gruns. Er wird vom schweigsamen Mozek gepflegt, der vom Dachboden aus internationale Fernschachturniere bestreitet und sich über seine Vergangenheit bedeckt hält. Denn Mozek, ehemaliger Grenzer, ist auf der Flucht vor der eigenen Schuld. Ich hab meine Sache auf nix eingestellt / auf gar nix, überhaupt nix, heißt es in einem Lied der Band Mischpoke, die zum Freundeskreis der Kommune gehört. Als die DDR zusammenbricht, wird deutlich, dass es auch die Mauer war, die die Gemeinschaft von Hartroda zusammengehalten hat.“ (Pressetext Verlag)
Karsten Krampitz, Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung. Roman. Edition Nautilus.
Gebunden, 200 Seiten
ISBN 978-3-96054-469-2
22,00 €
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Lesestuhl Bachmannpreis Studiosetting _ Blick auf Jury
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Karsten Krampitz _ Nane Diel
Fotos: Bachmannpreis/ORF Studio _ Walter Pobaschnig
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
„Zwei Menschen sind in mir“ Ingeborg Bachmann. Die Biografie | Zum 100. Geburtstag der Dichterin. Andrea Stoll. Piper Verlag, 2026.
im Interview _ Andrea Stoll, Autorin _ Frankfurt am Main
Liebe Frau Stoll, was waren die größten Herausforderungen im Schreiben dieser umfassenden Biografie Ingeborg Bachmanns?
Tatsächlich habe ich Ingeborg Bachmann ja schon während des Studiums entdeckt. Nach einer Dissertation über die Bedeutung von Erinnerung durfte ich 1992 einen Malina Materialienband herausgegeben, später 2008 den Briefwechsel Herzzeit zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan initiieren und mit herausgegeben. 2013 dann habe ich schon einmal eine Biografie verfasst. So viel persönliches Wissen ist Fluch und Segen zugleich. Angesichts der in den letzten Jahren neu hinzugekommen Briefe und Tagebücher, hat es mir zum einen die Dringlichkeit einer neuen Biografie vor Augen geführt und mir die Chance gegeben, die Spreu vom Weizen zu trennen. Zum anderen aber bestand meine größte Herausforderung darin, auch eigene lieb gewordene Denkmuster zu überwinden und sich alles noch einmal so vorzunehmen, als sähe ich es zum ersten Mal. Das war durchaus herausfordernd, aber auch spannend: eine unvergessliche Reise.
Wie würden Sie die „Zwei Menschen/Gesichter“ Ingeborg Bachmanns beschreiben?
Der Titel geht auf ein Bachmann Zitat zurück, was sie sehr jung in Briefe an Felician aufgeschrieben hat.
»Zwei Menschen sind in mir, einer versteht den anderen nicht. Ich fürchte den das Leben so alles liebenden sehr. Er wird übermächtig. Und ich weiß, daß doch für den andren die Zeit kurz werden könnte. Ich müßte beten lernen. Ich habe keinen Gott.«
Was Bachmann da schon in ihrer Jugend umreißt, ist ein schmerzlich empfundener Konflikt zwischen Emotion und Ratio, den sie auch in ihrem berühmten Gedicht „Erklär mir Liebe“ in Verse gebannt hat. Dieser Kampf zwischen Herz und Kopf, geht aber tiefer als das, was wir alle kennen, dass wir manchmal zwischen Verstand und Gefühl entscheiden müssen. Bei Bachmann geht es um den unbedingten Willen als Schriftstellerin schöpferisch tätig zu sein, bei gleichzeitigem Wissen, dass sich ein normales Leben mit dem Ausgesetztsein eines zutiefst poetisch empfindenden Menschen nur schwer verbinden lässt. Das galt umso mehr für ihre Existenz als schreibende Frau, die sich in einem historischen Niemandsland bewegte. Sie hat da einen Riss in ihrem Inneren empfunden, den sie erst im Romanende von Malina in letzter Konsequenz ausformt.
Ist mit diesen knapp 500 Seiten alles gesagt, entschlüsselt was Leben und Werk der heuer weltweit gefeierten Schriftstellerin betrifft oder wo gibt es noch Leerstellen?
Sagen wir, ich habe mich nach Kräften bemüht. Und da Ingeborg Bachmanns Leben und Werk bei mir tatsächlich ein Lebensthema ist, bin ich guten Mutes, nichts Grundlegendes übersehen zu haben. Einzelne Briefwechsel mit Freunden, vielleicht auch der eine oder andere Liebhaber werden noch aufzuspüren sein, aber die großen Linien ihres Lebens, die tiefen Zusammenhänge zwischen ihrem Werk und ihrem Schreiben, die familiären Hintergründe wie die existentiell bedeutsamen Lieben, hoffe ich doch erschöpfend dargelegt zu haben.
Sind die Umstände des tragischen Todes endgültig geklärt und wie lauten die Annahmen dazu?
Wenn man mit Menschen sprach, die nicht zum engen Kreis der Bachmann Forscher: innen gehörten, fiel irgendwann immer der Satz „Ach, das ist doch die Schriftstellerin, die in Rom verbrannt ist“. Nein, das ist sie nicht.
Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom an den Folgen von Verbrennungen, die sie sich beim Einschlafen mit einer Zigarette in der Hand zugezogen hatte. Dem war ein wochenlanges Martyrium vorausgegangen, denn sie war, wenn auch reichlich spät so doch einen Tag nach dem Brandunfall in eine römische Klinik gekommen, wo ihre Brandverletzungen nach Maßgabe der damaligen Medizin sorgsam behandelt wurden. Erst später wurde klar, dass die Ursache ihres Todes nicht allein in ihren Verbrennungen zu suchen war. Seit den sechziger Jahren hatte sich bei Bachmann eine Tablettenabhängigkeit eingestellt, die eine weitgehende Schmerzunempfindlichkeit verursacht hatte. Bachmann realisierte die Schwere ihrer Verletzungen wohl zu spät. Vor allem aber gaben die für die unkontrollierte Verabreichung des Medikamentes Seresta Verantwortlichen, ein Medizinerpaar, diese Information nicht an die behandelnden Ärzte in der Klinik weiter. Es kam bei Bachmann zu schweren Krämpfen, also Entzugserscheinungen, die die Ärzte nicht zu deuten wussten. Sprich: die eigene Reputation war wichtiger als die Rettung der angeblich so geliebten Freundin. Eine Tragödie.
Via Giulia/Rom _ letzte Wohnung Ingeborg Bachmanns in Rom _ hier ereignete sich der Brandunfall. Rom/Ospedale Sant’Eugenio _ Ingeborg Bachmann starb hier am 17.10.1973Isabel Belherdis, Künstlerin_Graz _ Intervention/Friedhof Annabichl/Klagenfurt _ Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig, folgende
Was waren die persönlichen Kraftquellen der Büchnerpreisträgerin?
Die tiefe Verbundenheit mit ihrer Kärntner Kindheitslandschaft war ganz sicher einer der persönlichsten Kraftquellen von Ingeborg Bachmann. Beständig dort leben aber konnte sie als erwachsene Frau wohl nicht mehr, obwohl sie hin und wieder daran dachte es Thomas Bernhard gleichzutun und sich auch ein Bauernhaus als Refugium zu erwerben. Spätestens seit ihrer dauerhaften Übersiedlung nach Rom blieb ihr ganzer Lebensentwurf an ein urbanes Umfeld gebunden. Aber ein Jahr ohne die Kärntner Sommerfrische war auch nicht denkbar. Schon als kleines Mädchen liebte sie das Schwimmen in den Seen, was sie dann in Italien natürlich auch mit dem Meer verband. Das Eintauchen in „ihr Element“, das Wasser, schenkte ihr ein persönliches Freiheitsgefühl. Das Motiv aus der gleichnamigen Erzählung „Undine geht“ kommt also nicht von ungefähr.
Ingeborg Bachmann rudert im Pressegger See/Kärnten
„Drei Wege zum See“ _ szenische Wanderung am Weg der Erzählung von Ingeborg Bachmann _ Christina Wuga, Schauspielerin_ Idee/Regie: Walter Pobaschnig 2018
Wie sah ein typischer Tag Ingeborg Bachmanns in Rom aus?
Wenn man von typischen Bachmann Tagen sprechen will, muss man vor allem die typischen Nächte in den Blick nehmen. Sie arbeitete bevorzugt nachts, was bekanntermaßen ja auch zu großen Kollisionen mit anderen Lebensrhythmen führte, vor allem im Zusammenleben mit Max Frisch. Es hatte natürlich auch zur Folge, dass sie morgens oft zerschlagen war, Kopfweh hatte, sich tagsüber nur schlecht konzentrieren konnte und dann lieber in ihr bevorzugtes Café das Greco, ging, zum Friseur oder zu römischen Couturiers, wenn sie nicht gleich zu Tabletten griff, um wenigstens ein paar Stunden durchzuschlafen. Und so haben vor allem die Männer ihres Lebens wie Frisch oder Henze die Legende erschaffen, dass Ingeborg Bachmann eigentlich nie gearbeitet hat oder dass man sie, wenn überhaupt, zum Arbeiten treiben musste. Das Gegenteil aber ist der Fall. Heute wissen wir, dass sie eigentlich immer geschrieben hat, offensichtlich aber nicht dann, wenn die andern um sie herum waren. Neben einem mehrere 1000 Seiten umfassenden Prosawerk, unzähligen Gedichtentwürfen und Tagebüchern, ist es vor allem ein außerordentlicher Briefwechsel, der dichtgewebte Zusammenhänge von Leben und Werk sichtbar werden lässt. Da entstand nichts einfach so. Bachmann war eine akribische Arbeiterin, die vor allem an sich selbst die höchsten Maßstäbe anlegte und jeden Textentwurf wieder und wieder überarbeitete, bis er ihren eigenen Ansprüchen genügte.
Bocca de Leone/Rom
Welche Feiernde war Ingeborg Bachmann?
Trotz ihrer immensen Geistesarbeit war Bachmann auch eine lebenslustige Frau, die gerne tanzen ging, das römische Gesellschaftsleben schätzte, mit Freunden nächtelang in Trattorien saß und diskutierte. Heinz Bachmann erinnert da eine hinreißende Szene, wie er als junger Mann seine große Schwester in Rom besuchte und sie in den damals angesagten Piper Club tanzen gingen. Plötzlich stürmte Sammy Davis Junior mit seinen Musikern hinein, alle gerieten außer Rand und Band vor Begeisterung. Da war Bachmann mittendrin, da gab es keine Empfindlichkeiten und keine Migräne mehr. Da war sie einfach eine lebenssprühende Frau, die den Moment genoss.
„Drei Wege zum See“ – welche Bedeutung hatte das Spazieren für Ingeborg Bachmann?
Das Laufen, das Wandern, das war seit ihrer Kärntner Jugend ein Teil von ihr. Es war auch etwas, was sie mit dem geliebten Vater verband, ein innerer Gleichklang, der umso wichtiger war, als es im Leben der beiden ja schmerzliche Punkte gab, über die sie nicht wirklich gut miteinander sprechen konnten. Allen voran, die nationalsozialistischer Vergangenheit des Vaters. In „Drei Wege zum See“ greift sie dieses Laufen auf. Der Vater ist nun schon alt. Es ist nicht mehr das dynamische Laufen. Es ist das Spazierengehen, eine stille Kraftquelle sowohl für sie als auch für den Vater. Die ganze Erzählung greift unterirdische Verbindungslinien zu ihrem geliebten „Haus Österreich“ auf, spielt mit Traditionen, sowohl historischen als auch persönlichen, umkreist beim Laufen aber auch die neuralgischen Punkte, etwa die inzestuöse Tiefengrundierung der Vaterfigur, wenn sich Elisabeth daran erinnert, dass sie als junges Mädchen eifersüchtig auf die Mutter war und ihr zurief, der geliebte jüngere Bruder hätte auch ihr eigenes Kind sein können. Ob sich in solchen Sätzen eine noch heftigere Wahrheit verbirgt, die wir heute erst ermessen könnten, lässt sich nicht mehr klären. Festhalten können wir, das Spazierengehen bei Bachmann immer mit Erkenntnisgewinn verbunden ist. Die Gedanken fliegen, im scheinbar absichtslosen Laufen kommen die Dinge ans Licht.
„Drei Wege zum See“ _ Marilene Novak, Sopranistin/Velden/Wörthersee _ performing
Heinz Bachmann und Marilene Novak
Was ist für Sie das existentielle und gesellschaftspolitische Erbe Ingeborg Bachmanns?
Wenn sich eine Schriftstellerin in ihrer Existenz als Schreibende der Wahrheit so verpflichtet fühlt wie Ingeborg Bachmann, geht es um alles. Die hohen Moralansprüche, die ihr der Vater in Kindheit und Jugend vermitteln wollte und die er selbst in seinem Leben aus Bachmanns Sicht bitterlich verraten hat, indem er sich zum Nationalsozialismus bekannte, waren ihr Auftrag und Verpflichtung, hinter die sie nie mehr zurückgehen konnte. Nachdem sie ihre eigene Sprachbegabung erkannte hatte, war es ihr ein innerer Auftrag mit ihrem Schreiben die Scham und Schuld, die der Vater und mit ihm die ganze Generation der „Herren Erzieher“ über Österreich, Deutschland und Europa gebracht hatten, zu überwinden. Mit ihrer poetischen Sprache wollte sie eine neue Sprache begründen, die den Menschen wieder Hoffnung gab. In ihrer hochsensiblen Wahrnehmung, mit ihrem seismographischen Sprachbewusstsein für das, was sich unter der Oberfläche verbirgt, erkannte Bachmann sehr viel früher als andere, dass der Nachkriegsfrieden das Gewaltpotenzial in den Menschen nur übertüncht, aber nicht ausgelöscht hatte. Hier wachsam zu sein und in unserer Zivilgesellschaft verborgene faschistische Strukturen zu erkennen, die sich im Umgang miteinander, vor allem aber auch im Verhältnis zwischen Männern und Frauen zeigen, ist ihr bleibender Apell ans uns alle. Angesichts der jüngsten europäischen und weltweiten Entwicklungen können wir nur staunen, wie aktuell sich Bachmann heute liest. Mit ihrem unerschütterlichen Schreibenmüssen hat sie ihre persönlichen Kräfte zermalmt, uns in ihrer Dichtung aber auch eine Botschaft geschenkt, an der wir uns alle messen lassen müssen.
Was ist Ihr Lieblingstext Bachmanns?
Das ist für mich fast unmöglich zu beantworten, da fällt mir die Wahl zu schwer. Zweifellos hat Malina eine außerordentliche Bedeutung für mich. Einzelne Gedichte sprechen immer noch in mir. Vielleicht hat hier der Zyklus „Lieder auf der Flucht“ die größte Bedeutung für mich. Das radikalste poetische Denken, das Ausgesetzte ihrer Existenz, aber auch das Aufgehobensein in Sprache: all das finde ich in diesen Versen.
Dagmar Bernhard, Schauspielerin _ Wien _ performing „Malina“ _ Originalschauplatz Wien _ Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig 5/21 folgende
HUMAN (Ich bin Mensch) aktionstheater ensemble _ URAUFFÜHRUNG 31. MAI 2026 _ Theater am Werk/Wien
Wer bin ich?
Die KI Künstliche Intelligenz weiß Bescheid und stellt aus virtuellen Datenmengen eine Definition her. Du bist, Wir sind. Alles klar am Bildschirm. Das Smartphone ist immer griffbereit…
Doch wie sieht es im realen Leben aus? Ist es da auch so schnell und fix festellbar, wer ich bin, was ich will? Zwischen Schwangerschaft, Berufswegen, Anerkennung und Gesehen-Werden? Wie sieht das tägliche Ringen im Menschsein real aus?
Wer bin ich? Jetzt? In meinem Weg zwischen Virtualität und Realität im Lebensschrei, wer hört mich? Wie werde ich gehört?
Das aktionstheater ensemble lädt in seiner aktuellen Produktion HUMAN (ICH BIN MENSCH) zu einem virtuellen roadtrip der ganz besonderen Art. In einem genialen Kunstgriff werden ganz unmittelbare Lebens- und Identitätsfragen expressiv artikuliert und so gegenüber generierten Chatbot Modellen gleichsam zurückerobert. Schmerz, Gefühl, Hoffnung, Angst, all das ist Fleisch und Blut und fordert täglich von Mensch zu Mensch in Reflexion, Kommunikation und Selbstbehauptung heraus, macht das Menschsein aus…ein Weg zwischen Kraft und Kraftlosigkeit…bis das Licht erlischt…
Expressiv und melancholisch, ein mitreißendes Requiem des modernen Menschen zwischen KI und Lebensschrei, ein Theaterabend der Sonderklasse, der mit großem Applaus belohnt wird!
Blitzlichter:
Iracema Engel, Schriftstellerin und Daniel Landau, Theaterkritiker, Autor
INSZENIERUNG UND KONZEPT: MARTIN GRUBER | TEXT: MARTIN GRUBER UND ENSEMBLE | DRAMATURGIE: MARTIN OJSTER | BÜHNE und Kostüme: VALERIE LUTZ, Martin Platzgummer | MUSIK: ANDREAS DAUBÖCK | VIDEO: RESA LUT | REGIEASSISTENZ: SANNA HUFSKY | GRAFIK: MARTIN PLATZGUMMER | MEDIENKONTAKT: GERHARD BREITWIESER
MIT Andreas Jähnert, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Benjamin Vanyek sowie Andreas Dauböck, Jean Philipp Oliver Viol, u.a.