„Ich will“. Begeisternde Uraufführung des E3 Ensemble, Wien. 22.3.2019

„Ich will“. Begeisternde Uraufführung des E3 Ensemble, Wien. 22.3.2019

Es ist eine Maskerade in Gold. Eine Hochzeit. Die Kleider (müssen) sitzen. Die Choreografie von Fest und Tradition ist vorgegeben. Das erleichtert zunächst die Teilnehmenden im Anspruch von täglicher Rolle, Sorge und Selbstzweifel. Hier ist jetzt alles anders. Fröhlichkeit wird zelebriert, ein Meister geht voran, Sekt und Musik lassen schnell in eine rasende Ordnung finden…

 

 

Doch in den Leerstellen, wenn die Musik stoppt, tauchen Fragen auf – Liebe, Treue, Existenz, Zukunft. Jetzt wird am Gold gekratzt bis die Seele blutet. Ein Wettlauf der Emotionen beginnt, in dem nichts mehr an seinem Platz bleibt. Offene Fragen regieren, die aufeinander und gegeneinander prallen lassen und stumm offen bleiben bis es Dunkel wird…

Das E3 Ensemble packt in seiner zehnten Produktion beeindruckend komödiantisch wie tiefsinnig Zeit und Leben am (vermeintlichen) goldenen Kragen und stellt in einer fulminanten grotesk-tragischen Revue Grundfragen gegenwärtiger Lebenswirklichkeit in Sinn und Perspektive. Rollenbilder, Rollenzuschreibungen und die Frage nach existentieller Authentizität, Zukunft und persönlicher Kraft werden in einmaligem Spieldialog zelebriert. Die Generation der Gegenwart im permanenten Druck von Präsentation und Darstellung, Glanz und Perfektion in allem, wird auf die Bühne gehoben und das Publikum folgt diesem ästhetischen Kunstgriff gebannt.

Das innovative wie experimentierfreudige Wiener Ensemble zeigt dabei eine ganz außergewöhnliche Spielpräsenz und Ansprache, welche das Publikum in absurder Komik mitreißt wie in Traurigkeit still innehalten lässt. Dieser Kunstgriff gelingt einmalig und es sind ganz besondere Momente dieses Theaterabends im Dialog von Erschütterung und Erkenntnisanspruch zwischen Bühne und Publikum. Ebenso kommt einmalig die Wiener Seele in Musik, Melancholie und nihilistischem Schwung in den Schauspielblick. Die implizite Reflexion von An- und Abwesenheit in Sinnfrage und Weltverständnis knüpft inhaltlich an Traditionen des Absurden Theaters an und auch hier gelingt ein ästhetisch-kritischer Transfer in Aktualität und Aufmerksamkeit.

Das E3 Ensemble regiert wieder Wien. Das steht außer Zweifel.

Weitere Spieltermine: 28., 29., und 30.März 2019. Off.Open.Box, 1070 Wien.

 

Alle Fotos: Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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„Frühlingserwachen“ Regie und Schulensemble der HLMW9, Wien begeistern mit selbstbewusster Theaterinszenierung, 21.3.2019.

mde

Ein Klassenraum, Schulsessel, ein Standspiegel, ein Mantel und ein Klavier. Ein reduziertes, klug gesetztes Bühnenbild – dem Inhalt des Stückes wie dem Ort der Inszenierung und dem spielenden Ensemble entsprechend – empfängt das Publikum. Dann der Morgen. Das Ankommen in der Klasse. Laut, leise, Aufmerksamkeit suchend oder still Platz nehmend. Die Hausübung, die Eltern und vor allem der Wochenendausblick mit Partytreffen werden zu Themen in Gruppe und Freunden. Da gibt es Lachen wie Gehässigkeiten, Rivalität und Mitgefühl, Interesse und Ignoranz. Es ist eine tägliche Bühne und eine Suche wie ein Versteck von Erwartungen, Sorgen und Erfahrungen zwischen Wunsch und Angst – unser Heute und Morgen, aber wie?

sdr

Melchior und Wendla kommen sich in der Partynacht näher. Sehnsucht wird zum Traum der Nacht, dem sie sich leidenschaftlich hingeben. Am Morgen stehen sie vor dem Spiegel der Nähe. Vor Grenzen, Erwartungen und Sprüngen. Melchior ist von Wendlas Wunsch nach Schmerzerfahrung überrascht und stimmt widerwillig zu. Er spricht mit seinem besten Freund Moritz darüber und auch dieser versucht sein Innerstes zu öffnen, aber es gelingt ihm nicht. Zu viel steht im Weg für ihn. Sein Ausweg bleibt nur das Dunkel. Die Verzweiflung und die Ratlosigkeit der SchülerInnen bleiben. Lichter erinnern jetzt an Moritz. Wortlose Stille von Nacht umgeben und dann das Aufstehen, Weitergehen in den oft so ungewissen, unverständlichen nächsten Morgen…

sdr

Regisseur Alexander Hoffelner, Schauspieler, Theaterpädagoge und Professor am Aufführungsort der HLMW9 (Höhere Lehranstalt für Mode und wirtschaftliche Berufe, 1090 Wien) begeistert mit dem großartigen Schulensemble das zahlreich erschiene Premierenpublikum. Das Drama „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind (1906 Uraufführung) kommt in dem dialogischen Erarbeitungsprozess zwischen Ensemble, Stück und Regie als fulminante authentische Lebensreise zu Erlebnis, Anforderung, Sinn und Tragik zeitlos am Bühnenboden der Schule an. Es gelingt Ensemble und Inszenierung begeisternd und in Gänsehaut Inhalt und Dramaturgie mitreißend seelengenau in die authentische jugendliche Erfahrungswelt in Anforderung wie individuellen Lebensträumen und –bausteinen zu setzen und zu reflektieren. Dazu ist Regisseur und Ensemble in höchster Anerkennung zu gratulieren. Besonders auch unter den Voraussetzungen eines laufenden Schuljahres, in dem Erarbeitung und Proben in anspruchsvoller Balance zu Prüfungen und Tests im Fächerkanon zu leisten waren und sind.

Hervorzuheben ist neben der inhaltlichen und dramaturgischen Qualität der Inszenierung das schauspielerische Niveau des Ensembles, welches in Körper- wie Sprachpräsenz überzeugt. Ebenso ist die Textsicherheit wie das dialogische und gruppensynchrone Spiel in Bewegung und Ansprache (Großes Kompliment auch an Technik und Musik) äußerst beachtlich. Das Ensemble und Regie zeigen was Bereitschaft, Begeisterung und Teamwille zustande bringen können und es ist diesem großartigen Schulprojekt weiterhin viel Erfolg und Freude zu wünschen – vielen Dank und Gratulation zu diesem wunderbaren Theaterabend!

 

 

 

 

sdr

 

 

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, HLMW9

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„Vor der Flut“ Corinna T.Sievers. Roman. Neuerscheinung Frankfurter Verlagsanstalt

Vor der Flut _ Cover

 

„Vor der Flut“ Corinna T.Sievers. Roman. Neuerscheinung Frankfurter Verlagsanstalt

Sie lebt auf der Insel. Und diese ist immer nahe daran verschlungen zu werden. 1850 gab es eine Katastrophe, 1962 eine Sturmflut und jetzt rückt der Eisberg in den Wintermonaten bedrohlich nahe. Im stillen Eheozean mit Hovard, ihrem Ehemann, ist auch sie täglich nahe daran in Demütigung unterzugehen. Ihr Beruf hält sie. Die Aufmerksamkeit für Menschen, die proportional mit der Distanz und Ignoranz Hovards zunimmt. Ihre Aufmerksamkeit in allem steigert. Von Kopf bis Fuß. Besonders auf die Männer. Und diese holt sie sich – wie das Meer die Insel. Im Sturm. Und wirft sie zurück. Mit Liebe hat das nichts zu tun hier. Nur mit Lust. Und die hat einen Zweck…

Dann betritt Erik ihre Zahnarztpraxis. Er ist verheiratet. Das Interesse beider ist geweckt. In seinem Haus kommt es zum Akt. Er will ein Wiedersehen. Will, dass Sie über Nacht bei ihm im Hotel bleibt. Doch der bestimmende wie gegenüber den Affären seiner Frau tolerante Hovard ist irritiert. Stürzt im gemeinsamen Haus und ist hilflos am Boden. Doch Sie bricht auf. In einem Abend voller Ungewissheiten, Begegnungen und Katastrophen, die alles verändern werden…

Corinna T.Sievers, Schriftstellerin und Kieferorthopädin, Bachmannpreisteilnehmerin 2018, legt mit ihrem dritten Roman „Vor der Flut“ eines der tiefsinnigsten und radikalsten Bücher vor, die je über den Anspruch von modernem Frau- wie Mannsein geschrieben wurden.

Es geht im mitreißenden spannungsgeladenen Erzähltempo um die selbstbewusste innere Befreiung einer Frau im Ehealltag. Transzendenz, im Sinne persönlicher Mitteilung und Bewegung mit- und zueinander, ist zum Loch an der kahlen Ehewand über der Analyse-Wohnzimmercouch geworden. Nichts füllt diese Leerstelle, die auch symbolisch auf den kulturgeschichtlichen Prozess von Wert zu Nihilismus verweist. Darin findet sich das selbstbewusste Ringen von Judith gegen die völlige persönliche Auflösung im subtilen wie hilflosen Machtanspruch des Mannes wieder. Lust als (imaginierte) Ekstase vollzieht Judith jetzt in Selbstbewusstsein wie Distanz und der Bloßstellung des Mannes als (gespiegeltes) Sexualobjekt.

Die Autorin legt eines der besten Bücher zu Vision und Realität von Frau und Mann in schonungsloser wie beeindruckender Analyse und sprachlicher Raffinesse vor. Es ist eine erzählerisch fulminante humorvoll radikal feministische Ansprache an moderne Beziehungswirklichkeiten im fordernden Entwicklungs- wie Verfallsprozess von Körper und Geist. Wie dezidiert ein An- wie Aufruf an den modernen Mann – seid aufmerksamer, poetischer, denkt, redet und vor allem versucht nicht einer Frau eine Mütze aufzusetzen. Denn die fliegt sofort aus dem Fenster. Und der Mann hinterher.

Ein Buch zur Zeit über weibliche Selbstbehauptung, Widerstand und Ekstase und ein Weckruf gegen das Ende von Poesie in der Gegenwart im entschiedenen Abgrenzen von modernen subtilen Formen männlicher Gewalt und Macht. Aber auch ein Buch über den Weg des Alters, der Macht der Natur, der Ohnmacht und Angst des Menschen wie der unendlichen Hoffnung und Geduld der Liebe.

 

„Ein literarisches Ereignis, das in sprachlicher wie inhaltlicher Raffinesse und Tiefsinnigkeit einzigartig beeindruckt und Mann und Frau der Gegenwart radikal anspricht.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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„Die Stühle“ Eugene Ionesco. Inszenierung und Ensemble begeistern am Akademietheater Wien, 16.3.2019.

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„Die Stühle“ Eugene Ionesco. Inszenierung und Ensemble begeistern am Akademietheater Wien, 16.3.2019.

Es ist eine kahle dunkle Zimmerflucht mit einem Stuhl und vielen Türen, in der sich ein älterer Herr und seine Frau, Semiramis, wiederfinden. Das Rauschen des Meeres ist zu hören. Sie sind auf einer Insel. Paris ist zerstört und auch sonst hat sich das Land völlig verändert. Er steht jetzt starr auf der Leiter und blickt zum Meer. Fenster gibt es keine. Wie überhaupt keine Ausblicke in ihrem gemeinsamen Leben. Nur Rückblicke. „Was du nicht alles hättest werden können“ – wiederholt seine Frau im dröhnenden Stakkato. Er denkt an seine Mutter, an den Schmerz des Verlustes, den er bis heute nicht erträgt. Doch jetzt erwarten sie Gäste. Und die erwarten eine, seine Rede. Sie sind angespannt. Tür um Tür öffnet sich und die Schöne, der Oberst, der Redakteur und viele mehr nehmen nun auf den eilig herbeigeholten Stühlen unsichtbar Platz. Doch sie sind für das Ehepaar in ihrer lebhaften Ansprache und Bemühen da. Zum Schluss tritt nun ein Redner ein, der das Sprechen, das nur ein unverständliches Artikulieren ist, übernimmt. Da ist das Ehepaar schon entschwunden. In verschiedene Richtungen. Im Sturz. Im Nebel. Aus der Leere des Raumes…Adieu.

Die Neuinszenierung des im April 1952 in Paris uraufgeführten Stückes „Les Chaises“ (Die Stühle) von Eugene Ionesco, einem der bedeutendsten Dramatiker und avantgardistischen Schriftsteller der Nachkriegszeit, am Wiener Akademietheater wird zum fulminanten Erfolg von Regie- und Schauspielkunst. Claus Peymann und Leander Haußmann wie das Ensemble mit Maria Happel, Michael Maertens und Mavie Hörbiger zeigen in atemberaubender Weise wie die zeitlose Kraft und Wucht des Stückes in der Gegenwart ankommen und das Publikum im Spannungsbogen absurder wie tiefsinniger Farce mitgerissen werden kann. Es ist szenisch einmalig wie Happel und Maertens einen Bühnendialog ins Leere mit den unsichtbaren Ankommenden führen und dabei in synchroner Mimik, Gestik, Bewegung und Sprache begeistern. Das ist Theater auf höchstem Niveau und es ist ein Geschenk hier im Publikum dabei sein zu dürfen. Hervorzuheben ist auch das hervorragende Bühnenbild wie Kostüm und Musik, welches den Spielrahmen wunderbar setzt und eindringlich bis zum Finale wirkt.

Inhaltlich lässt die Inszenierung Zugänge offen und setzt damit ganz auf die kraftvolle individuelle Ansprache des Stückes an sich. Auch dies gelingt, gerade auch im Sinne des 1994 verstorbenen rumänischen Dramatiker Ionesco, der in Paris lebte und arbeitete, großartig. Das Publikum nimmt sich die existentielle Einsamkeit des Alterns in Rückblick und Vorwurf, die tragische Suche nach Sinn und Transzendenz wie das Scheitern daran, oder auch das sehnsuchtsvolle Erwartens eines allwissenden Redners, der vom Podium aus, die namenlose Masse an und zu sich zieht, mit in den Theatersessel und dann mit nach Hause. Ganz im Sinne dieses kontextoffenen Theaters (Absurdes Theater), welches die dramatische Struktur ganz in die persönliche Reflexion des Publikums hebt.

Die Inszenierung am Akademietheater ist auch ein dramaturgisches Wiedersehen mit Claus Peymann (von 1986-1999 Direktor am Burgtheater, Inszenierung Heldenplatz 1988), der leider aufgrund einer Erkrankung nicht bei der Premiere anwesend sein konnte aber mit dem Regiepartner Leander Haußmann mit dieser Stückwahl Wien begeistert.

„Ein Theaterabend, der einfach alles zu bieten hat was Schauspiel so wunderbar und auch so wichtig macht!“

Walter Pobaschnig, 17.3.2019

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„Waiting Plots“ Zur Poetik des Wartens um 1900. Andrea Erwig. Neuerscheinung Wilhelm Fink Verlag.

 

„Waiting Plots“ Zur Poetik des Wartens um 1900. Andrea Erwig. Neuerscheinung Wilhelm Fink Verlag.

Das Warten an der Haltestelle. Im Supermarkt. Im Restaurant. Am Einlass ins Museum. Am Computer. Warten bedeutet ein Anhalten bzw Angehaltenwerden der Lebensbewegung. Dabei öffnet sich ein Gedankenraum der Emotionen und/oder Reflexion. Das Warten wird so zu einer Tätigkeit, die zurück und voraus wie in den Spiegel des Selbst blicken lässt. Eine alltägliche Erfahrung, die sich in der existentiellen Spannung von Lebenshoffnungen, -wünschen und –ereignissen grundlegend verdichtet. Damit wird das Warten auch ein zunehmendes Thema der Kunst in der Moderne. Ob in Erzählung, Drama oder ästhetischem Experiment. Der Seelenblick in den wartenden Menschen wird zum kreativen Interesse, welcher auf einen langen Traditionsstrang bis in die Antike zurückreicht und bei Homer in der Person der Penelope und deren Strategien des Wartens einen eindrucksvollen Anfang nimmt. In der Jahrhundertwende (1900) kommt dieser Thematik besonderer Literaturraum zu, der auch wesentlich im Zusammenhang zur entstehenden Psychoanalyse (Sigmund Freuds „Traumdeutung“ 1899) zu sehen ist.

Die Literaturwissenschaftlerin Andrea Erwig widmete in ihrer Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München der Thematik des Wartens in der Literatur um 1900 eine umfassende Analyse, welche die Grundlage, in leichter Überarbeitung, der vorliegenden Publikation ist.

In fünf Überblickskapitel werden psychoanalytische/philosophische Zugänge wie frühe kunsttheoretische Modelle des Wartens erläutert und davon ausgehend literarische Werke (Maeterlinck, Rilke, Kafka, Musil) in Rezeption, Transformation und Reflexion analysiert. Neben der fundierten fachwissenschaftlichen Expertise und globalen Perspektive überrascht auch der narrative Stil der Autorin, welcher zu einer spannenden literarischen Zeitreise einlädt.

Der Autorin gelingt es in außergewöhnlicher Weise mit einer fachwissenschaftlichen Arbeit gleichsam an Herz und Seele der Moderne und ihrer grundlegenden Fragen nach Identität und Intention in aller Ambivalenz und Brüchigkeit zu gelangen. Ein Fachbuch, das ganz spannende kritische Analyse der Bewegung des Schreibens und Denkens einer Epoche ist.

Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

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„Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ Essays über Kunst, Geschlecht und Geist. Siri Hustvedt. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

Cover_Eine Frau schaut auf Männer, die auf Männer schauen

„Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ Essays über Kunst, Geschlecht und Geist. Siri Hustvedt. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

„…Ich liebe Kunst, Geistes- und Naturwissenschaften…Ich bin auch eine leidenschaftliche Leserin, deren Ansichten durch die Bücher und Aufsätze aus vielen Bereichen, die zu meinem täglichen Leseleben gehören, ständig verändert und modifiziert wurden und werden…“

Die gefeierte Schriftstellerin Siri Hustvedt gibt in der Einleitung zur vorliegenden umfangreichen Essaysammlung Einblick in ihr weitgefächertes künstlerisches wie wissenschaftliches Interesse, welches ihr Leben wie ihr Schreiben umfassend inspirierte und inspiriert. Die Intention dieses Buches ist nun eine Zusammenschau „…ein Versuch, mir einen Reim auf diese pluralen Perspektiven zu machen…“.

Die Autorin gliedert die Essays, die im Zeitraum 2011 bis 2015 entstanden, in zwei Teile. Der erste Teil umfasst wesentlich Reflexionen und Gedanken zu künstlerischem Schaffen, Intention und Wirkung. Es sind dabei einerseits unmittelbare Besprechungen zu Kunstausstellungen wie auch persönliches Interesse und Aufmerksamkeit zu aktuellen wie wegbegleitenden Künstlerinnen und Künstler, anderseits psychologische Zugänge zu Wahrnehmung und Wirklichkeitskonstruktion an sich. Im zweiten Teil steht wesentlich die Frage nach dem Menschen in existentieller, philosophischer und ästhetischer Perspektive im Mittelpunkt. Es sind größtenteils Vorträge der Autorin, die sie bei akademischen Konferenzen hielt.

Siri Hustvedt beeindruckt in ihren Essays mit einem sehr direkten unmittelbaren Zugang zu künstlerischem Ausdruck wie wissenschaftlicher Aussage, der vom persönlichen Eindruck und Erleben in Neugierde und Interesse zur umfassenden Analyse und Reflexion fortschreitet. Dabei steht inhaltlich immer eine Erkenntnis wie eine Bewegung vom und zum Leben im Mittelpunkt. Ebenso ist der Stil beeindruckend, der wesentliche Themen moderner Wissenschaft und Kunst erzählend zu öffnen, spannend zu präsentieren und zum persönlichen Nachdenken anzuregen weiß.

„Siri Hustvedt ist nicht nur eine Meisterin des Erzählens sondern auch der unmittelbaren Reflexion und Analyse gesellschaftlichen Denkens in Kunst und Wissenschaft“

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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„Die guten Tage“ Marko Dinic. Roman. Neuerscheinung Zsolnay Verlag.

 

 

„Die guten Tage“ Marko Dinic. Roman. Neuerscheinung Zsolnay Verlag.

Ein junger Mann. Er sitzt im Bus. Salzburg – Nis. Es ist eine Rückkehr in seine Jugendtage, die er in dieser Reise antritt. Vom Tod seiner Großmutter in Serbien hat er zuerst über einen facebook Eintrag seines Onkels erfahren. Die Gesellschaft auf der Reise lenkt zunächst ab von den vielen Fragen und Fluchtpunkten zu Familie, Herkunft, Geschichte und Krieg. All das trägt er in sich. Schon all die Jahre…

Das rasche Vorbeiziehen der Landschaft Ungarns im Blick aus dem Fenster lässt ihn nun mehr und mehr an die Lebensstationen und die Leerstellen darin denken, zu denen er immer wieder zurückkehrt und die wie eine offene Wunde sind. Die Worte in den Sitzreihen und an den Raststationen zeigen ihm wie ruhelos und untot die gemeinsame Vergangenheit ist und wie stark die dunklen Bilder noch rahmenlos wirkmächtig sind. Er denkt jetzt an die Kindheit auf den Straßen Serbiens. An die Zeit der Bomben und des Krieges. An Vater und Mutter. An das stumme Mitgezogensein in jenen Tagen und das Leiden daran im Dort und Da und die endlosen Fragen…

Jetzt, auf dieser Reise, will er zu allen sprechen. Den Lebenden und den Toten. Den Geistern und den Menschen. Und jeder Meter der Autobahn ist damit vielleicht ein Stück Zukunft. Für ihn selbst. Für alle. Für die Lebenden und die Toten…da und dort.

Marko Dinic, Lesender bei den Bachmannpreistagen 2016, überrascht mit seinem Romandebüt „Die guten Tage“ als eine literarische Stimme, welche stilistisch in großer narrativer Beobachtungsgabe wie dichter direkter Erzählgewalt staunen lässt. Der Autor versteht es beeindruckend, textliche Dynamiken zu setzen, die Form und Inhalt stimmig verbinden und inspirieren. Der Wechsel von Beschreibung, Reflexion wie Dialog vollzieht sich in sehr direkter und spannungstragender Weise, der den inhaltlich emanzipatorischen Anspruch von Identität und Geschichte wirkungsvoll setzt.

„Ein Roman, der das erzählerische Pianissimo wie Crescendo einer modernen europäischen Höllenfahrt und persönlichen Spurensuche mitreißend zu setzen weiß.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

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