Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Im Interview _ Paul Auer, Schriftsteller _ Millstatt/Kärnten.
Lieber Paul, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Meine erste bewusste Begegnung mit dem Namen Ingeborg Bachmann fand wohl unterwegs statt. Es gab dazumal einen Intercity, der nach ihr benannt war, ich könnte nachschauen, auf welcher Strecke, aber vermutlich hatte er was mit meiner familiär bedingt schon als Kind häufigen Reisen von Kärnten nach Tirol zu tun. Ich würde gerne behaupten, dass mich dies noch vor dem Teenageralter zur Lyrik Bachmanns vermittelt hätte und ich ihr meine ersten Sonette widmete, aber sie blieb für mich zuvorderst ein Zug, der wie eine offenbar sehr berühmte Person hieß, so wie der Hugo von Hofmannsthal oder der Robert Stolz. Ein angenehmer Zug immerhin, wenn ich mich recht erinnere, wenigstens habe ich an die Fahrten, so es tatsächlich der Ingeborg Bachmann war, der mich regelmäßig chauffierte, keine unangenehmen Erinnerungen.
Archiv _ Walter Pobaschnig
Im Gymnasium wird sie mir dann wohl als Schriftstellerin konkret bewusst geworden sein, anzunehmen, dass Gedichte von ihr in einem Lesebuch zu finden waren, aber nachhaltig eingeprägt hat sie sich mir auch dann noch nicht. Ich fand als Mittelschüler überhaupt nur ein Gedicht gut, „Patrouille“ von August Stramm, mehr brauchte ich nicht.
Erst als ich dann Zivildiener in einem Klagenfurter Pflegeheim war, kam ich der Bachmann nicht mehr aus, wenngleich ich mich damals schwerverliebt in einer ersten Rimbaud-Phase befand. Doch war just das Ehepaar Lampersberg vom Tonhof Bewohner jenes Heims, der „Beppo“ und die „Maja“, wie sie einander liebevoll nannten, zumindest glaube ich, mich an diese Kosenamen zu erinnern. Sie bewohnten zwei nebeneinander gelegene Zimmer, wobei er, zwar erst um die 70, doch bereits schwer gezeichnet, noch emsig herumtapste, mit kleinen Pinguinschritten und nicht selten einer Piccoloflasche Rotwein in der Morgenrocktasche; sie hingegen, einige Jahre älter, lag nur mehr im Bett und beobachtete von dort aus durchaus interessiert ihre reduzierte Umgebung. Er stand oft bei ihr, dann lauschten sie miteinander einer Musik aus dem Radio oder dem CD-Player, oder er fütterte sie, streichelte sie liebevoll, manchmal setzte er ihr einen Cloche-Hut auf. In meiner Wahrnehmung war sie noch sehr klar im Kopf, trotz Bettlägerigkeit mit beiden Beinen am Boden gewissermaßen, wie es vielleicht immer bei den beiden gewesen war, wohingegen er oft zerstreut und in seinem Reden erratisch wirkte. Er sprach abgehackt, zuweilen stotternd, oft genug unverständlich; sie hingegen immer korrekt und gewählt, durchaus distinguiert, mit einer allerdings kaum vernehmbaren ätherischen Stimme, in der trotz ihrer unerfreulichen Situation eine Art heiteres Ennui mitschwang. Und so rezitierte sie eines Tages aus dem Nichts ein Gedicht, das ich zunächst gar nicht (er)kannte; erst später kam ich drauf, dass es „Böhmen liegt am Meer“ war. Ich weiß nicht mehr, ob Herr Lampersberg bereits im Zimmer gewesen war, oder erst während des Vortrags seiner Frau hereinkam, allerdings erinnere ich mich noch gut an meinen Eindruck, dass er explizit wegen des Gedichts (wieder) hinausging. Es schien ihn furchtbar aufzuregen, er schimpfte nach seinen beschränkten Möglichkeiten herum, obwohl, es war eigentlich mehr so ein gehemmtes Grummeln, denn ich glaube nicht, dass er seiner geliebten Maja wegen irgendetwas hätte böse sein können.
Maja und Gerhard Lampersberg am Thonhof/Maria Saal _ Kärnten. Das Künstlerehepaar, Sängerin und Komponist, machte ihren Wohnsitz in den 1950/60er Jahren zu einem Treff- und Mittelpunkt österreichischer künstlerischer Avantgarde mit Namen wie Thomas Bernhard, Christine Lavant, Kiki Kogelnik, Peter Turrini, H.C.Artmann u.a.
Zur Lyrik Bachmanns brachte mich dieser beeindruckende Vortrag jedoch immer noch nicht, aber die Erzählungen aus „Das dreißigste Jahr“ dürfte ich dann irgendwann in dieser Zeit gelesen haben. Doch wie die meiste Nachkriegsliteratur verfing es damals nicht in mir, auch zu Handke und Bernhard fand ich erst Jahre später Zugänge, weil es mir zu düster, grau und schwer erschien. Ich ahnte wohl, dass ich davon selbst genug in mir und um mich hatte und wollte daher nichts von einer Welt lesen, die eigentlich immer noch vor meiner Haustüre sich ausbreitete.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Das hätte ich Frau Lampersberg fragen sollen, wie ich auch Herrn Lampersberg vieles zu Bernhard hätte fragen sollen. Aber es gibt bekanntlich Gelegenheiten im Leben, die man aufgrund der eigenen Beschränktheit nicht im ganzen Ausmaß nutzen kann. Daher vermag ich diese Frage zunächst nur so zu beantworten: Das Besondere am Schreiben Bachmanns ist, dass es Bachmanns Schreiben ist. Vor allem die Erzählungen sind, abgesehen vom unzweifelhaften literarischen Wert, unschätzbare Zeugnisse über den beschädigten mitteleuropäischen Nachkriegsmenschen. Aber natürlich ist Bachmanns Prosa immer viel mehr als Zeitzeuginnenschaft, es ist eine Menschenzeuginnenschaft. Eine Erzählung wie „Alles“ hat nichts von ihrer Erschütterungsfähigkeit verloren, ja vielleicht ist sie in ihrer Brutalität heute wieder aktueller als vor 20 Jahren. Das macht ja, nona, die Qualität großer Kunst aus, dass sie gleichzeitig über eine bestimmte Zeit und über alle Zeiten etwas erzählen kann und jedes Lesen, jedes Betrachten aufs Neue bereichert und erweitert. Das gilt vielleicht auch für Bachmann als öffentliche Person, die ja mindestens ebenso interessant ist wie ihr Werk, sodass sich das eine wie das andere je nach zeitgeistiger Mode und Geschmack den unterschiedlichsten Urteilen, Vereinnahmungen und Profilierungswünschen ausgesetzt sieht – das merkt man ja auch anhand dieser Interviewreihe. Wie bei vielen Popstars oder auch Bibelfiguren hatte ich daher wohl schon lange, bevor ich über die geringste wahrhaftige Kenntnis von ihr oder dessen verfügte, was Literatur (bzw. Religion) ist, eine sehr subjektive Ahnung oder vielleicht besser: eine Vermutung, eine Imagination, wer das sei und was, um auf die Frage zurückzukommen, das Besondere an ihr ausmacht: Bachmann als mythische Figur war zumal in Kärnten nicht bloß wegen der ÖBB sehr präsent, und womöglich ist sie für meine kindliche Wahrnehmung auch mit Romy Schneider zu jenem mittlerweile natürlich völlig abgeschmackten mittelalterlichen Typ Frau verschwommen, die in tiefem Unglück und größter Enttäuschung die Tage mit Rauchen und Trinken zubringt und noch schwach auf den einen, wohl männlich-starken Erlöser hofft, dem sie sich in die Arme werfen kann, obwohl sie weiß, dass eine solche Begegnung das Unglück nur noch verstärken wird. Das Kärnten meiner Kindheit war in den 80ern und 90ern voll von solchen Frauen, allein in meinem Heimatort gab es etliche, die meist aus guter, zumindest finanziell abgesicherter Herkunft kommend sich in alten Villen und Hotels eingekerkert sahen, gebrochen von autoritären Nazivätern und enttäuscht von Liebhabern und Ehemännern, die nicht Halt geben konnten ohne Gewalt, nicht liebevoll sein konnten ohne Orientierungslosigkeit. Dass Bachmann sich mit den vielen Möglichkeiten von Himmel und Hölle in der Beziehung zwischen Mann und Frau (vor allem) auseinandergesetzt hat, auseinandersetzen musste, passte in jene Jahrzehnte im Schatten des Nationalsozialismus. Und die Sehnsucht danach, aus dieser Schwere und Aussichtslosigkeit in ein leichtes, sonniges, mitunter auch leichtfertiges Leben auszuweichen und dazu dann auch durchaus – zum Glück, muss man sagen – eine Fähigkeit zu entwickeln, macht sie, nein: meine Vorstellung von ihr, unzweifelhaft zu einem Menschen Kärntner Ursprungs.
Das erklärt mir auch noch einmal, weshalb ich als Lesender zunächst nichts mit ihr zu tun haben wollte. Ich assoziierte sie mit diesem tiefen Kärntner Unglücklichsein, diesem maßlosen, alles verschlingenden Drama, das sich zum Trost mit Perlenketten und Cognac ausstaffierte, verstand damals allerdings noch nicht, dass es, wenn nicht in ihrem Leben, so doch in ihren Texten, natürlich auch immer Hoffnung gibt, Widerstand im Sinne von: Ja, es war schrecklich, es hat dich fast vernichtet, aber jetzt ist es vorbei und es geht weiter!
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Die Erzählung „Das dreißigste Jahr“ und das Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“.
Beim Wiederlesen von „Das dreißigste Jahr“ habe ich mich zunächst mit meinem Hang zum unoriginellen Populismus gefragt, ob jemals erboste Kritik daran erhoben wurde, dass Bachmann darin aus einer männlichen Perspektive schreibt (die ihr, wie ich finde, unglaublich gut gelingt, gleiches gilt ja etwa für „Alles“). Abgesehen davon hat diese Erzählung genau die Qualität der Vielschichtigkeit, die ich vorhin gemeint habe: Man kann sie als Porträt über die sogenannte „Silent Generation“ lesen, ja sogar als Metapher über das Wirtschaftswunder, aber ebenso als zeitlose Auseinandersetzung mit der Anpassungsschmerzen eines jungen Menschen an die Gesellschaft, als Dekonstruktion des Patriarchats, als Entblößung eines verwöhnten Mittelstandsfratzen, der nicht erwachsen werden will, als Heldenreise, und und und …
Das Hörspiel wiederum ist von seiner Idee her so schräg und bizarr – die Eichhörnchen!, die Bombe! (was auf Bachmanns Humor verweist), allein das macht es hörenswert; zudem die Intensität in der Beziehung zwischen zwei Menschen, diese emphatische Wucht, dieser Pathos, diese große Geste! Für heutige Ohren ist das alles womöglich ungewohnt bis unerträglich (und man sagt dann unbedacht: Kitsch!), weil der narzisstische Zeitgeist und die Leichtfertigkeit, mit der er genuin menschliches Verhalten wie Hingabe und Leidenschaft ideologisch pathologisiert und fast kriminalisiert, mit großer Liebe und ihrer Abkehr vom absoluten Ich-Diktat nichts mehr anzufangen weiß, denn das ist schließlich: höchst-pro-ble-matisch! Insofern finde ich es gut, dass es in unseren Archiven literarische Werke wie dieses Hörspiel gibt. Es bewahrt die Erinnerung an die Möglichkeit menschlicher Empfindungen wie in einer Zeitkapsel, bis wir als Gattung eines Tages wieder bereit sein werden, uns das anzuhören und anhand dieses Dokuments wieder erlernen, miteinander über unsere Gefühle zueinander zu sprechen, ohne gleich danach zwecks ironischer „Kontextualisierung“ einen albernen Synchrontanz für Instagram aufführen zu müssen. Das wird aber noch dauern. Momentan jedenfalls sieht es so aus, als habe der gute Gott von Manhattan mit seiner Bombe und seiner Zerstörungswut als Agent von Effizienz und Konformität gegen die Liebe gesiegt. Und das Perfide: Er hat es mit dem lügenhaften Versprechen von Freiheit, Spaß und Individualität getan, die Bombe war eine False-Flag-Aktion.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in einer Vorlesung. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Das ist natürlich ein nicht tot zu kriegender Topos, wobei ich glaube, dass unglaublich viele Menschen heute (wie wohl zu allen Zeiten) asozial, einsam und verdammt sind, vielleicht solche mit sogenannter bürgerlicher Lebensweise noch mehr als die Schriftsteller – die ja im übrigen zu einem überwiegenden Teil auch auf die eine oder andere Weise „bürgerlich“ Geld verdienen (müssen). Bachmann hat diese Zuschreibung ja wohl zunächst mal auf sich bezogen (allerdings kenne ich die ganze Vorlesung und somit den Kontext nicht), wobei sie an anderer Stelle schon auch auf die verschiedenen Rollen hinweist, sie sich Künstler anmaßen oder die ihnen zugewiesen werden: von der kauzigen Spitzweg-Figur, die am ehesten den obigen Attributen entspricht, bis hin zum Schriftsteller, der Politik macht. Ohne Bachmann psychologisch deuten zu wollen: Ein Teil ihrer klarerweise vielschichtigen Person empfand die eigene Existenz gewiss als absonderlich, seltsam, asozial, verdammt – aber tun wir das nicht alle von Zeit zu Zeit? Und hätte Bachmann das von sich nicht auch gesagt, wäre sie Inhaberin eines Wörthersee-Hotels gewesen? Nicht umsonst ist sie allerdings Schriftstellerin geworden. Dieses Gefühl hat also weniger mit der Tätigkeit an sich als mit dem Charakter jener Menschen zu tun, die sich zu einer solchen Tätigkeit berufen fühlen, um dann auch stellvertretend für alle die Bedingungen, Auswirkungen und utopischen Bewältigungsmöglichkeiten dieses Lebensgefühl zu erforschen. Dazu hat die Hotelière keine Zeit, die muss immerzu lächeln. Das ist ihr Martyrium.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Nervt Sie der Gedanke, dass nach Ihrem Tod jeder Hans und jede Hänsin über Sie etwas zu wissen glauben wird?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein nächstes Buch wird sich mit Bachmanns Generation auseinandersetzen. Mit Kärnten, der Nachkriegszeit, den Möglichkeiten weiblicher Selbstermächtigung und der fraulichen Spielart toxischer Männlichkeit. Und Tourismus spielt notgedrungen ebenso eine Rolle, wie auch Zigaretten, Weißer Spritzer, Griesnockerlsuppe, die Sehnsucht nach Italien, auch das Altern und Verwelken, das Abschiednehmen, die Endgültigkeit des Todes, von der in Kärnten viel gesungen aber wenig gewusst wird. Es wird ein heiteres Buch werden.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Man kann überhaupt keinen Menschen je begreifen, man kann es nur versuchen, und dieser Versuch muss von den Schriftstellern gemacht werden
Herzlichen Dank für das Interview!
Paul Auer, Schriftsteller
Zur Person: Paul Auer _ geboren 1980 in Villach, Studium der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien, Absolvent des Lehrgangs Literarisch Schreiben bei Marlen Schachinger am Institut für Narrative Kunst (INK), Mitglied des Kärntner SchriftstellerInnenverbands (KSV), der Grazer AutorInnenversammlung (GAV), der IG AutorInnen, der Literaturvereinigung Podium; lebt als freier Schriftsteller in Brüssel und Millstatt. Neben zahlreichen kleinen Veröffentlichungen sind bislang die Romane „Kärntner Ecke Ring“, „Fallen“ und „Mauern“ bei Septime erschienen.
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Paul Auer: privat.
Foto: Maja und Gerhard Lampersberg _ Robert Musil Institut/Klagenfurt.
Constanze Sophie Passin, Schauspielerin _ Romanschauplatz _ Malina _ Wien _ Walter Pobaschnig 12/21, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance am Originalschauplatz „Malina“
INGEBORG_ Akrostichon
Text _ Gero Ulbricht, Schriftsteller, Künstler _ Berlin.
Performance _ Constanze Sophie Passin, Schauspielerin _ Salzburg.
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Constanze Sophie Passin, Schauspielerin _ Romanschauplatz _ Malina _ Wien _ Walter Pobaschnig 12/21, folgende
INGEBORG
I st alles geschehen
N ie vollkommen
G eistern Gedanken mir
E rzählungen vom Leben
B erührungen durch Worte
O bliegt dem Schreiben zwischen
R astlosigkeit und
G eduld
Gero Ulbricht, 6.2.2026
Constanze Sophie Passin, Schauspielerin _ Romanschauplatz _ Malina _ Wien _ Walter Pobaschnig 12/21,
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance am Originalschauplatz „Malina“
INGEBORG_ Akrostichon
Text _ Gero Ulbricht, Schriftsteller, Künstler _ Berlin.
Performance _ Constanze Sophie Passin, Schauspielerin _ Salzburg.
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Ingeborg Bachmann ist 1946 in Wien angekommen und lebte hier bis 1953. In dieser Lebensphase kommt es zu wesentlichen Begegnungen, Inspirationen ihrer Texte. Ebenso ist es die Zeit erster Anerkennung als Schriftstellerin. Mit Wien bleibt die später in Rom lebende Schriftstellerin zeitlebens verbunden. Ihr einziger Roman Malina, den sie in Rom abschließt, spielt in Wien. Das „Ungargassenland“ im III.Wiener Gemeindebezirk ist dabei topographischer Bezugs- und Mittelpunkt. Ebenso nehmen viele Gedichte auf Wien Bezug. In den letzten Lebensjahren am Lebensmittelpunkt Rom ist eine Rückkehr nach Wien angedacht. Dazu kam es nicht mehr. Ingeborg Bachmann ist in ihrer Geburtsstadt Klagenfurt im Familiengrab beigesetzt.
Liebe Ingeborg, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen, beim Frühstück die Süddeutsche Zeitung lesen, irgendwas im Haushalt machen, Klavier üben,…nichts Besonderes. Nachmittags am Schreibtisch oder im Wald, abends Krimi oder Kino oder Theater oder Konzert oder Freundinnen und Freunde. Manchmal auch ganz anders.
Ingeborg Gleichauf, Autorin _ Freiburg/Breisgau
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wachsam sein, aufmerksam, sensibel und frech. Vorsicht vor jeder Form der Anpasserei. Die Kinder schützen und stärken, Fantasie zulassen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wie immer hat die Kunst, die Literatur die Aufgabe, zu entwerfen, wohin es mit dem Menschen gehen könnte. Zuallererst diese Frage stellen und sie nie vergessen, auch wenn man glaubt, eine Antwort gefunden zu haben.
Was liest Du derzeit?
Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ich kann kaum beschreiben, wie ich arbeite: Ich werfe Salz und Zucker in der Teig, rühre, schlage, probiere, finde ihn schlecht, mische ein Ei darunter, werfe die Hälfte fort, streue Mehl dazu, knete, schütte Wasser bei. Manchmal arbeite ich an einer einzigen Seite vier Wochen“. (Adelheid Duvanel an Maja Beutler am 6. Mai 1982)
Vielen Dank für das Interview, liebe Ingeborg, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Ingeborg Gleichauf, Autorin
Zur Person:Ingeborg Gleichauf, Philosophin, Schriftstellerin und Lyrikerin, wurde 1953 geboren und ist im Schwarzwald aufgewachsen. Sie studierte Germanistik und Philosophie und promovierte über Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“ und Elfriede Jelineks Drehbuch zum gleichnamigen Film von Werner Schroeter. Sie veröffentlichte erfolgreiche Biographien über Schriftsteller*innen, Philosophinnen und Dramatikerinnen, darunter „Hannah Arendt“ (2000), „Sein wie keine andere. Simone de Beauvoir“ (2007) und „Denken aus Leidenschaft“ (2008). 2010 erschien bei Nagel und Kimche „Jetzt nicht die Wut verlieren. Max Frisch – eine Biografie“.
Als Essayistin überprüft sie in „Homezone“ (2012) den vielgedeuteten und widersprüchlichen Begriff Heimat anhand von skurrilen, witzigen und ehrlichen Alltagsepisoden. Ihr Lyrikband „Danebengeschrieben“ erschien 2016 im Drey-Verlag.
„Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin“ wurde 2017 bei Klett Cotta verlegt. Im gleichen Jahr erschien die Reiseerzählung „Wilde Wälder und Gedankenflieger“.
Wie kann man sich Ingeborg Bachmann heute noch nähern? Sind ihr nicht allzu viele auf der Suche nach dem, was Person und Werk ausmachen, allzu nahe gekommen? Als »Diva der Dichtkunst« wird sie bezeichnet und als »Ikone« verehrt.
Es ist an der Zeit, solche Festlegungen zu vergessen und eine Neu-Entdeckung Bachmanns zu wagen! Bachmanns Werk steckt voller Widersprüche, Rätsel und Bezüge und verschließt sich einem eindimensionalen Lesen. Es ist ein widerspenstiges Werk. Und auch die Dichterin selbst trägt entschiedene Züge von Widerspenstigkeit in sich.
Anlässlich des 100. Geburtstags der Schriftstellerin erkundet Ingeborg Gleichauf in ihrem Essay diese spezifische Bachmann’sche Widerspenstigkeit. Im Gang durch Bachmanns Werk wie auch durch ihre Briefwechsel, die in den letzten Jahren nach und nach erschienen sind, lässt sich eine Dichterin entdecken, die immer wieder irritiert und überrascht. Genauso verhält es sich auch mit der Person. Sie agiert und reagiert kaum vorhersehbar. Person und Werk fordern heraus. Die Begegnung mit beiden bleibt ein Abenteuer – sowohl für diejenigen, die sie neu entdecken, als auch für diejenigen, die ihre Texte schon kennen.
Gleichauf, Ingeborg: Ingeborg Bachmann – Die Widerspenstige. Aviva Verlag.
144 Seiten, 18 €
Broschur
ISBN 978-3-949302-34-3
Kommende Lesung in Wien:
Do 7.5. 19.15h _ Buchhandlung analog, Otto Bauer Gasse 6/10,
Linda Pichler, Schauspielerin _Wien _ performing Malina _ Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ Ingeborg Bachmann, Malina, Roman 1971 _ Walter Pobaschnig 7/21, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
INGEBORG_ Akrostichon
Text_ Udo Brückmann, Schriftsteller und Mentaltrainer
Performance _ Linda Pichler, Schauspielerin
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Linda Pichler, Schauspielerin _Wien _ performing Malina _ Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ Ingeborg Bachmann, Malina, Roman 1971 _ Walter Pobaschnig 7/21, folgende
INGEBORG
I nnerhalb der falschen Wände auf der Achterbahn vergessen
N egieren die Schranken und Pfade den wachen Verstand
G eniales Erforschen im Zentrum des Ichs zu ermessen
E ntrollen der träumenden Bilder an Zäunen entlang
B einhalten zweifelnde Schreie durch Liebe zu sein
O pfer der Täuschung der wirkenden Worte
R eorganisiert Prozesse des Schaffens allein
G elingt jäh am Ende der Weg durch die Pforte
Udo Brückmann, 22.2.26
Linda Pichler, Schauspielerin _Wien _ performing Malina _ Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ Ingeborg Bachmann, Malina, Roman 1971 _ Walter Pobaschnig 7/21, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
INGEBORG_ Akrostichon
Text_ Udo Brückmann, Schriftsteller und Mentaltrainer
Performance _ Linda Pichler, Schauspielerin
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Im Interview _ Heike Suzanne Hartmann-Heesch, Autorin
Liebe Heike, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Oh, den ersten Zugang zu Bachmann gab es im Grundstudium an der Uni in einem Bachmann-Proseminar. Der Titel der damals in diesem Seminar von mir zu schreibenden Hausarbeit lautete (habe ich nie vergessen): „Literatur- und Sprachtheorie im Werk von Ingeborg Bachmann. Die Abgrenzung von Philosophie und Literatur in der Dissertation und den Wittgenstein-Essays.“ Das hat mich als damals (Anfang 1990) 20-Jährige komplett überfordert! Nie vorher hatte ich thematisch mit Philosophie/Literatur, mit utopischen und todesphilosophischen Aspekten, mit Logik (oder auch Logikbefangenheit) befassen müssen – und ich fand damals keinen richtigen Zugang. Die Arbeit habe ich zwar geschrieben, aber Bachmann war für mich lange Zeit nicht lesbar, eigentlich erst wieder, als ich viele Jahre später in einer existenziell (lebens-) bedrohlichen Lebensphase war.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Schmerz, Mut – und immer irgendwie das Zurückkommen auf „Sagbares und Unsagbares“: dass Sprache dort an ihre Grenzen stößt, wo das Sagbare ins Schweigen übergeht.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
„Simultan“, Erzählungen: die Klarheit der Sprache, trotz aller Zwischentöne, im Schmerz und in der Erschütterung im Erkennen dessen, was war, was ist und was hätte sein können
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Manchmal hätte ich ihr wohl gern zugerufen, auf „Neudeutsch“: I feel you.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich habe gerade die Arbeit an meinem neuen Buch „Windschief Seelen ausbessern – Die Geschichte einer Entliebung“ beendet, das voraussichtlich noch in diesem Jahr erscheinen wird.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„[…] sie sagte sich, es ist eine Pflicht, ich muß, ich muß leben, und nach einem zwanghaften Blick auf die Uhr kehrte sie um, um sich nicht zu verspäten, und sie verbesserte sich, aber was sage ich mir da, was heißt das denn, es ist keine Pflicht, ich muß nicht, muß überhaupt nicht, ich darf. Ich darf ja und ich muss es endlich begreifen, in jedem Augenblick und eben hier, und sie sprang, flog, rannte weiter mit dem, was sie wußte, ich darf, mit einer nie gekannten Sicherheit in ihrem Körper bei jedem Sprung. Ich darf, das ist es, ich darf ja leben.“ (aus: Simultan, erschienen in Simultan, Erzählungen, dtv)
Herzlichen Dank für das Interview!
Heike Suzanne Hartmann-Heesch, Autorin
Zur Person: Heike Suzanne Hartmann-Heesch
geb. 1969, studierte Anglistik, Germanistik, Pädagogik und Pädagogische Psychologie. Seit 2005 schreibt sie, unterbrochen durch einen dreijährigen Krankenhausaufenthalt 2009-2011, hauptsächlich autofiktionale Erzählungen und Lyrik.
Bislang erschienen sieben Bücher, zuletzt der Erzählband „Möwen hatte ich doch gemeint“. Diverse Veröffentlichungen in Anthologien. Sie ist Walter-Kemposki-Literaturpreisträgerin, gehört zu den Preisträger:innen sowohl des Kurzgeschichtenpreises der Hamburger Autorenvereinigung als auch des Preises für Autor:innen mit Behinderung.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Heike Suzanne Hartmann-Heesch, Autorin
Annkathrin Dehn_Tänzerin, Choreografin _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.
Foto: Heike Suzanne Hartmann-Heesch _ privat.
Fotos: Annkathrin Dehn_Tänzerin, Choreografin _ Wien _ performing _ Romanschauplatz Malina_Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann _ Walter Pobaschnig 8/21
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Anita Hollauf, Schriftstellerin, Schreibwerkstattleiterin nach den Methoden der Poesie- und Bibliotherapie
Fotos: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Anita Hollauf _ Sophie Leitner.
Fotos: Undine geht _ Sylvia Caba, Künstlerin _ Wien _ performing _Donau/Wien _ _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _ Walter Pobaschnig 10/23
Liebe Anita, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
In meiner Gymnasialzeit habe ich begonnen, ihre Gedichte zu lesen. „An die Sonne“ hat mich haltlos fasziniert, ich habe es auswendig gekonnt. Dieses Loblied an die Sonne zeigt so viele, oft unbemerkte Facetten ihrer Wirkung auf, geballte Schönheit. Im Satz „Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein“ habe ich oft Trost gefunden. Hier wird das Sein an sich als Vollendung im Schönen gesehen.
Als Lyrikerin liebe ich vor allem ihre Gedichte.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ich verliere mich in ihrer Sprache. Ihre Worte lassen Empfindungen entstehen, die tief in die Seele gehen – Unausgesprochenes wird sinnlich wahrnehmbar.
Bachmann romantisiert Liebe nicht, zeigt sie in all ihren Facetten, in Leichtigkeit und Schwere, in Freude und Schmerz, im Untergang.
Bemerkenswert ist ihr sprachlicher Umgang mit Gewalt, oft versteckter und alltäglicher, vielfach familiärer Gewalt. Sie greift tiefe Gefühle wie Angst, Einsamkeit, kommunikatives Scheitern und Verletzlichkeit auf, verpackt sie wiederholt in einprägsame Bilder und bündelt dies letztlich in der Aussage „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Herzzeit – Briefwechsel
Neben den Briefen zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan finden sich hier auch Briefe zwischen Paul Celan und Max Frisch, sowie zwischen Ingeborg Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange.
Es ist einfach schön, auf diese Art in ihr Leben einzutauchen.
Besonders ist auch der darauf aufbauende Film von Ruth Beckermann: „Die Geträumten“.
Und natürlich fasziniert mich ihre Lyrik, ausnahmslos.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Diese Kritik ist auch heute dringend nötig. Es hat sich nicht viel geändert. Im Gegenteil, es scheint, als ob die Frau wieder mehr zurückgedrängt wird, Emanzipation verloren geht. Manch politische Strömungen sehen die Frau wieder „hinter dem Herd“, grenzen sie aus. Es gibt unaufhaltsam Femizide.
Gerade jetzt hat im Weltgeschehen patriarchalische Macht die Oberhand. Sich selbst verherrlichende, zerstörerisch agierende, ja sich als messianisch heilig erklärende Politiker halten die Welt in Atem.
So wie Ingeborg Bachmann sich mit der Tragik des Nationalsozialismus in „Der Fall Franza“ und im „Requiem für Fanny Goldmann“ auseinandergesetzt hat, ist diese Gesellschaftskritik auch heute noch aktuell.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Wir leben die Liebe weiterhin mit Höhen und Tiefen, in Ekstase, Freude und Schmerz. Für Ingeborg Bachmann war Freiheit ein großes Thema, sie selbst hat es auch gelebt. Heute eröffnet sich diese Möglichkeit in unserem Kulturkreis allen Frauen, egal ob sie in einer Beziehung leben oder allein.
Ich möchte den Gedanken „die Männer sind unheilbar krank …“ nicht allgemein sehen. Neben „unheilbar kranken Männern“ gibt es auch genügend „unheilbar kranke Frauen“.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Beeinflusst durch meine Ausbildung als Schreibwerkstattleiterin im Sinne der Poesie- und Bibliotherapie sehe ich im Schreiben einen heilsamen Prozess. Es tut der Seele gut, stärkt das Selbstbewusstsein, macht frei. Gleichzeitig kann es jedoch durch das Aufkommen und zur Sprache bringen von Verletzungen großen Schmerz verursachen, also zum „persönlichen Martyrium“ werden. Es ist also beides: Martyrium und Erlösung.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich würde gerne wissen, ob es ihr möglich war, in anderen Ländern mit fremder Sprache ein bisschen Heimatgefühl zu entwickeln – grundsätzlich auch, was Heimat für sie bedeutet hat, ob sie jemals irgendwo Heimat gefunden hat. Ob Beziehungen für sie – vorübergehende – Heimat waren.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
In einigen Wochen wird mein erster Lyrikband veröffentlich: „Buntes Lebensknäuel“. Nachfolgend plane ich ein Buch mit Kurzgeschichten. So wie in meinen lyrischen Texte steht auch hier die Natur im Vordergrund.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Vom hohen Trapez im Zirkuszelt
spring ich durch den Feuerreifen der Welt…“ (Aus: Die blaue Stunde)
„Die Spezialisten, die Experten mehren sich. Die Denker bleiben aus.“ (Aus: Poesie wie Brot – Vorlesung in Frankfurt 1959/60)
„Jeder, der fällt, hat Flügel.“ (aus: Das Spiel ist aus)
Herzlichen Dank für das Interview!
Anita Hollauf, Schriftstellerin, Schreibwerkstattleiterin nach den Methoden der Poesie- und Bibliotherapie