„Kunst braucht Raum, und zwar dreidimensionalen“ Katharina Klein, Schriftstellerin _ Wien 26.9.2021

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich lese oder höre die Nachrichten, dann meditiere ich, um die Nachrichten wieder zu vergessen. Ich bin viel zuhause, zeichne öfter und schreibe weniger.

Katharina Klein, Schriftstellerin, Bildende Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Pauschalaussagen finde ich immer schwierig. Wir leben alle in anderen sozialökonomischen, familiären, emotionalen, etc. Verhältnissen, abgesehen davon, will ich hier keinen Wertabsolutismus verteidigen, aber ich denke, dass das, was wichtig ist und war, dasselbe geblieben ist. Dass es nur schärfer hervortritt. Sich uns mehr aufdrängt in Krisen, aber, grundsätzlich, auf jeden Fall: ohne Empathie ist viel verloren.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ich sehe das pessimistischer. Aufbruch wäre ja gut, aber wohin.

Welchen Wert die Kunst hat, haben uns die Zeiten ja schon schmerzhaft vorgeführt. Inmitten von Leere und Angst wirkt sie oft besser als so manche Antidepressiva. Aber, ähnlich wie psychische Krankheiten, hat sie gesellschaftlich gesehen, dennoch oft den leidigen Stellenwert einer Randnotiz. Wie fehlpositioniert das ist, hat man gesehen. Kunst braucht Raum, und zwar dreidimensionalen.

Was liest Du derzeit?

„Nach dem Gedächtnis“ von Stepanowa, „Digital Minimalism“ von Carl Newport, italienische Zeitungen und immer und immer wieder die Gedichte von Emily Dickinson.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Du uns mitgeben?

„Kopf Du Schweig“  irgendwo in Irre von Rainald Goetz gefunden und erinnert mich oft daran, dass man auch da im Hirn mal zwischendurch gern die Fenster zumachen würde und, wenns mal zu sehr windet, vielleicht auch mal sollte.

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Katharina Klein, Schriftstellerin, Bildende Künstlerin

Foto_privat.

29.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich will Klänge malen und greifen“ Fiona Franka Terler, Sängerin_ Wien 25.9.2021

Liebe Fiona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf sieht immer anders aus. Je nachdem wo ich probe oder woran ich gerade arbeite. Gewisse Dinge wie Sport, Singen, Tanzen, Schauspielen, meditieren, Disziplin, Reisen, gutes Essen, Emotionalität, Spaß, viele Menschen und ein gewisses Maß an Verrücktheit kommen darin immer vor.

Fiona Franka Terler, Sängerin, Musicaldarstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Dinge wertzuschätzen, die unserer Gesundheit und unserer Seele gut tun. Dazu gehört ein nach individuellen Vorlieben  gestalteter Lebensstil soweit dies für jeden einzelnen möglich ist. Gutes Essen, gute Gedanken, Familie, Freunde und schöne Erlebnisse. Einen großen Part für das Wohlbefinden spielt hier auch die Kunst. Ihre Wirkung auf Körper, Geist und Seele darf keinesfalls unterschätzt werden. Darauf möchte ich aufmerksam machen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich kann nur für mich sprechen. Ich bin keine Wahrsagerin, aber von meiner Perspektive aus kann ich sagen: Die Kunst hatte für mich immer eine große Rolle. Sie hat mich verändert, aufgerüttelt, mein Bewusstsein erweitert, wach werden lassen, auf etwas hingewiesen, mich inspiriert,  mich beflügelt, mir Halt gegeben und mich geheilt. Ich bin überzeugt davon, dass sie diese Kraft immer noch hat und immer haben wird. Daher ist sie gerade in diesen Zeiten so wichtig und wird in der Zukunft hoffentlich auch immer wichtig sein, wenn die Menschen dieses Potential erkennen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade ein Buch über die Heilung des Inneren Kindes von Stefanie Stahl.

Ich beschäftige mich gerne mit meinem Innenleben, da ich denke, dass Seelenhygiene genauso wichtig ist wie Sport oder Persönlichkeitsentwicklung.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Manchmal ist es stärker schwach zu sein.

Und ein Gedicht von mir „An die Kunst“..

Eine Bitte an die große Kunst
Bitte schenk mir deine Gunst
deine Töne will ich ganz spüren
Mein Herz sollst du verführen
Durchdringe mich gar und ganz
Meine Augen spiegeln den Glanz
Ich kann es fühlen und sehen
Mit dir will ich gemeinsam gehen
Meine Seele schenke ich dir
Das Feuer entfachst du in mir
Ich will Klänge malen und greifen
Mein sein wirst du, nicht nur streifen
Ich will tief in dir schwimmen
Und für dich Großes anstimmen
Ich will dich spüren und halten
Über meine Kräfte sollst du walten
Ich danke für den Zugang zu dir
Leben sollst du für immer in mir.
c. Fiona Franka

Fiona Franka Terler, Sängerin, Musicaldarstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Fiona, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Fiona Franka Terler, Sängerin, Musicaldarstellerin

Alle Fotos_Robert Krenker

28.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass alles, was ich tue oder unterlasse, Wirkung hat“ Monika Schilfarth, Schriftstellerin_ Nürnberg 24.9.2021

Liebe Monika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Viel freier als früher, weil unsere beiden Söhne Anfang letzten Jahres kurz hintereinander auszogen. Ich wache etwa um sieben Uhr von alleine auf. Braue mir eine große Tasse Tee und schreibe Morgenseiten. Lege Träume, Grübeleien, Gedankenwirrwarr auf diese Art ab. Verscheuche währenddessen mindestens ein Mal den Buntspecht, der jeden Morgen an der Giebelwand unseres Hauses hängt und Löcher in die Isolation hackt. (Löcher, die wiederum Spatzen als Nistplätze nutzen. So wachsen jedes Jahr in der Wand hinter meinem Lyrikregal Jungvögel heran.) Den Vormittag nutze ich für Bewegung, Haushalt, Organisatorisches, Zeug, das eben erledigt werden muss. Der Nachmittag gehört mit einem Cappuccino als Auftakt dem Schreiben und allem, was dazugehört. Ich überarbeite derzeit einen Romanentwurf. Da werden wohl noch einige Überarbeitungsdurchgänge folgen. Nach dem Abendessen mit meinem Mann sitze ich, wenn es das Wetter erlaubt, in dieser Jahreszeit gerne auf der Terrasse, lese, höre den Igel unter den Büschen schmatzen und Mauersegler schreien, beobachte, wie die Spatzenhorde allmählich ihre Schlafplätze in den Büschen einnimmt, sehe die ersten Fledermäuse kreisen …

Und zum Glück gibt es nun wieder Tage, an denen ich Freunde und Verwandte treffe, eine Lesung besuche … An denen mein Tagesablauf ganz anders als eben beschrieben aussieht.

Monika Schilfarth, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für alle kann ich nicht sprechen. Für mich ist es wichtig, eine gewisse Gelassenheit zu bewahren und den Mut zur Veränderung in meinem eigenen Leben nicht zu verlieren trotz der sich überschlagenden Nachrichten über Katastrophen aller Art; das Bewusstsein zu pflegen, dass alles, was ich tue oder unterlasse, Wirkung hat. Auf mein eigenes Leben, meine Umgebung, die Natur …

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, dass Mitgefühl und Empathie im Zusammenspiel mit Klarheit des Denkens und des Ausdrucks Werte sind, die viel dazu beitragen können, zu einem menschlicheren Miteinander und einem respektvolleren Umgang mit der Natur zu finden. Literatur und Kunst, egal ob in unterhaltender oder ernster Form, können meiner Meinung nach exemplarisch zeigen, inwiefern diese Werte wesentliche Teile der Lösung für persönliche und globale Krisen sein können, ohne in grenzenlose Toleranz, hilflos machendes Mitleid und jämmerliches Selbstmitleid umzuschlagen.

Was liest Du derzeit?

– Andreas Maier: „Ich“ (Frankfurter Poetikvorlesungen 2006)

– Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“

– Sven Stricker: „Schlecht aufgelegt“

– Und jeden Tag ein wenig Lyrik.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Marie von Ebner-Eschenbach: „Klarheit ist Wahrhaftigkeit in der Kunst“

Vielen Dank für das Interview liebe Monika, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Monika Schilfarth, Schriftstellerin

Foto_privat

23.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass man als Künstler*in nicht ständig günstigst oder kostenlos arbeitet“ Massud Rahnama, Schauspieler_ Wien 23.9.2021

Lieber Massud Rahnama, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das ist jeden Tag anders. Aber was ich immer mache, ist, nach dem Aufstehen ein Glas heißes Wasser mit etwas Kurkuma und wenig Pfeffer, etwas Zitronensaft und Essig zu trinken und Schafkäse mit Brot und Walnüssen zu essen. Dann checke ich meine Mails und gehe in meinen Proberaum. Entweder proben, schreiben oder unterrichten. Am Abend erledige ich meine Telefonate, treffe Freunde oder schreibe.

Massud Rahnama, Schauspieler, Regisseur

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir einander mit Respekt behandeln – das beinhaltet auch nicht zu erwarten, dass man als Künstler ständig günstigst oder kostenlos arbeitet. Es wird immer wieder von uns Künstlern erwartet, dass man Auftraggebern entgegenkommt – es wäre an der Zeit, dass die Auftraggeber endlich einmal uns entgegenkommen. Wenn wir uns ständig dumpen lassen, was kann man dann von der Kulturpolitik erwarten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Sozialkritisch sein, politisch bleiben, das ist die große Verantwortung der Einzelperson und daher auch der Kunst.

Was lesen Sie derzeit?

Zum wiederholten Male lese ich den persischen Mystiker Rumi.

Welches Zitat, welche Textstelle möchten Sie uns mitgeben?

Frei ist der, den die Beleidigungen der Menschen nicht schmerzen, und ein Held ist, wer den nicht beleidigt, der es verdient hätte.

Hör mit den Ohren der Toleranz. Sieh durch die Augen des Mitgefühls. Sprich die Sprache der Liebe.

Vielen Dank für das Interview lieber Massud, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Film-, Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Massud Rahnama_Schauspieler, Regisseur

http://massud-rahnama.com/

Foto_privat.

2.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir brauchen Kunst und Literatur, um mehr zu fühlen“ Lea Catrina, Schriftstellerin_Graubünden 22.9.2021

Liebe Lea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Morgens versuche ich den ersten Kaffee in Ruhe zu trinken, manchmal lese ich dazu Gedichte, manchmal scrolle ich leider durch mein Handy, bis der Kaffee kalt wird.

Dann schreibe ich.

Kurz vor dem Mittagessen gehe ich duschen, wasche den Morgen ab, um dann am Nachmittag nochmal frisch zu starten.

Meistens gehe ich im Verlaufe des Tages zwischendurch raus. Entweder fahre ich mit dem Auto irgendwohin, streife durch die Stadt oder ich lese ein wenig.

Schreibe weiter.

Als Letztes mache ich alles Administrative. Mails, Rechnungen, Haushalt.

Den Tag beende ich meist mit einem kühlen Bier, meinem Mann und einem guten Film. Wenn es das Wetter zulässt, auch mal mit einem BBQ unter Freunden.

Lea Catrina, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eigentlich das gleiche wie immer.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir brauchen Kunst und Literatur, um mehr zu fühlen und weniger zu denken.

Was liest Du derzeit?

«Sketchtasy« von Mattilda Bernstein Sycamore

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

«The world’s continual breathing is what we hear and call silence.»

Clarice Lispector

Lea Catrina, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Lea, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte – besonders auch für Deine Buchneuerscheinung „Die Schnelligkeit der Dämmerung“ – LEA CATRINA und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Lea Catrina, Schriftstellerin

LEA CATRINA

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26.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst holt aus dem ständigen Gedankenstrom“ Susanna Klein, Künstlerin_ Wien 21.9.2021

Liebe Susanna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Dackel Finn weckt mich auf- dann gehen wir spazieren, anschließend ins Atelier oder an den Laptop oder raus, um für mein aktuelles Projekt Pflanzen zu sammeln.

Susanna Klein, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig? 

Es ist immer wichtig, den Moment anzunehmen, wie er ist.

Wir leben in einer Überflussgesellschaft, sind medial- & konsumüberfordert. Es täte uns daher allen gut eine Auswahl zu treffen und zu reduzieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu? 

Die Kunst spiegelt unsere Gesellschaft wider und ist in der Lage einen aus dem ständigen Gedankenstrom zu holen, der meist mit Vergangenheit und Zukunft beschäftigt ist.

Was liest Du derzeit?

Krishnamurti, das Notizbuch

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? 

 „Es ist kein Anzeichen von seelischer Gesundheit, an eine zutiefst gestörte Gesellschaft angepasst zu sein.“

Krishnamurti

Vielen Dank für das Interview liebe Susanna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Susanna Klein, Künstlerin

Info — Susanna Klein (susanna-klein.com)

Susanna Klein (@kleinsusanna_) • Instagram-Fotos und -Videos

Foto_© eSeL.at – Joanna Pianka für Akademie der bildenden Künste Wien.

26.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Bis zum Wendepunkt“ Eine Fußballnovelle. Heinz Kröpfl. Sisyphus Verlag.

Die Sprechgesänge im Stadion sind in den Gängen der Spielerkabinen zu hören. Bald geht es hinaus zu der Erde und dem Himmel. Kleinstauber, Tormann, steht vor einem möglichen Höhepunkt seiner Karriere. Schwitzende Hände und viele Gedanken sind jetzt in seinem Kopf. Und dann geht es hinaus. Und das Spiel beginnt. Es ist ein Spiel des Lebens, seines Lebens…

Der österreichische Schriftsteller Heinz Kröpfl legt mit „Bis zum Wendepunkt“ eine sehr spannende literarische Konzeption vor, die mit erzählerischer wie dialogischer Rasanz Fußball als Spiel des Lebens inszeniert und reflektiert.

Es ist gleichsam Literatur in Echtzeit, die Anforderungen, Situationen, Emotionen eines Spiels mit Emotion und Existenz verbindet. Ein sehr interessantes literarisches Experiment, das auf allen Linien aufgeht. Das Lesen ist eine Freude und knüpft an große literarische Vorbilder an.

Sehr bemerkenswert ist auch das Nachwort des ehemaligen Nationalspielers Walter Schachner, das unmittelbare Erfahrungen von Spielsituationen wiedergibt.

„Eine Erzählung, die mit Rasanz und inhaltlicher Raffinesse ins Tor trifft.“

Walter Pobaschnig 9_21

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„Auf vielen Ebenen (wieder) zueinander zu finden“ Anja M.Wohlfahrt, Regisseurin_Graz 20.9.2021

Liebe Anja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin in der glücklichen Lage, gerade zu proben. Natürlich anders als früher, aber wir proben. Und zwar „Aus aktuellem Anlass: Delphine in Triest“ von Effe U Knust. Der Tag ist also geprägt von: denken, probieren, verwerfen, neu probieren – gemeinsam mit den Kolleg*innen.

Anja M.Wohlfahrt, Regisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Auf vielen Ebenen (wieder) zueinander zu finden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel der Kunst an sich zu?

Wesentlich ist aus meiner Sicht, dass wir uns zuhören, uns austauschen, miteinander reden, emphatisch bleiben – wieder aufeinander zugehen. Das Theater kann als Ko-Präsenz-Stätte genau diese Rolle einnehmen – wir können gemeinsam einen Abend sehen, eine Geschichte erleben, ein Thema – und uns so und auch davor und danach gemeinsam damit auseinander setzen.

Was liest Du derzeit?

„Mein Lieblingstier heißt Winter“ von Ferdinand Schmalz.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wie soll ich das wissen, wenn ich es noch nie versucht habe?“

            – Pippi Langstrumpf

Vielen Dank für das Interview liebe Anja, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Anja M.Wohlfahrt_Regisseurin

https://schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com/team-detail/anja-wohlfahrt

Foto_Edi Haberl

18.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ab und zu was Feines essen und das Internet rechtzeitig abdrehen“ Christoph&Lollo, Musiker _Wien 19.9.2021

Lieber Christoph, Lieber Lollo, wie sieht jetzt Euer Tagesablauf aus?

Seit kurzem oft wieder so, wie er eh ausschauen soll: Haushalt, Schule, Auftritte. Es ist aber zu befürchten, dass davon bald nur noch das erste übrig bleiben wird. Schau ma mal.

Christoph&Lollo, Musiker/Comedian

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ach, was wissen wir schon, wir sind Komiker, auf uns sollte niemand hören. Aber wenn man uns schon fragt, sagen wir einmal so: Sich nicht verrückt machen lassen, gemütlich plaudern, ein Bisserl spazieren gehen, ab und zu was Feines essen und das Internet rechtzeitig abdrehen, das wäre als Basis zumindest nicht völlig falsch.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Kabarett, der Musik, der Kunst an sich zu?

Nun ja, einerseits kann die Kunst natürlich erinnern, deutlich machen, aufklären. Zum Beispiel, Hausnummer jetzt, darüber, dass Politik ja scheinbar doch etwas Radikales zu tun vermag, wenn sie will, von wegen „no alternative“ und „wirtschaftliche Sachzwänge“ und „no such thing as society“ und so, das könnten wir uns ja merken, falls wieder einmal was ist, eine Klimaerwärmung zum Beispiel. Andererseits kann der Humor im Besonderen den Leuten ab und zu das Gefühl von Distanz geben und ernsten Themen die Schwere nehmen und sie damit ertragbar machen, damit sich alle ein Bisserl entspannen können, ist ja eigentlich ebenso wichtig. Und das mit dem Aufbruch? Naja, das schauen wir uns dann einmal an, wenn er da ist.

Was liest Ihr derzeit?

Mit zunehmender Fassungslosigkeit lesen wir Nachrichten über dieses Gemisch aus groteskem Managementchaos und zynischer Verantwortungsflucht, das uns als Schul- und Bildungspolitik verkauft wird. Dass Pressekonferenzen zur Maßnahmenverschärfung bei Schulstart in der vierten Welle zwar auf die Anwesenheit des Bildungsministers verzichten können, nicht aber auf den Tiroler Landeshäuptling und die Tourismusministerin, die es für angebracht halten, uns einen geilen Après-Ski-Winter zu versprechen, ist eines unserer jüngeren Highlights.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet ihr uns mitgeben?

Hoch wer mas nimma gwinnen.

Vielen Dank für das Interview lieber Christoph, lieber Lollo, viel Freude und Erfolg weiterhin für Eure großartigen Musik/Comedyprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Christoph&Lollo, Musiker, Comedian

http://www.christophundlollo.com/

Foto_Christoph&Lollo _Presse

16.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Sich selbst und die anderen zu finden“ Tamara Stajner, Musikerin und Schriftstellerin_Romanjubiläum Malina_Wien 19.9.2021

Tamara Stajner, Musikerin und Schriftstellerin_Wien_
am Romanschauplatz_Malina_Wien.

Liebe Tamara, was bedeuten Dir Orte? Welche Inspiration haben Orte für Dich als Künstlerin?

Ich wuchs in einem Haus auf, wo kein Raum für mich allein bestimmt war. Eine Kindheit ohne äußere Ruckzugsorte. Die Familie verbrachte selten Zeit im Freien, Spaziergänge und Ausflüge oder sonntägliche Rituale waren nichts Gängiges. Ein ungewöhnlich freies, der eigenen Phantasie überlassenes Dasein.

Die Schule befand sich in unmittelbarer Nähe. Ich brauchte höchstens fünf Minuten von der Haustür bis hinter die Schulbank, der Bewegungsradius war also nicht weit. Und doch gab es ausgedehnte Monate auf der kroatischen Insel Lošinj, wo mein Vater eine Feriensiedlung führte und wo wir die Sommer verbrachten. Jene Insel ist bis heute ein verwunschener Ort geblieben, an den ich in meiner Erinnerung fast täglich zurückkehre: ans Meer, an die Küste, unter die Pinienbäume, zum Meereswind.

Im Musikgymnasium teilte ich ein Internatszimmer mit einem zweiten Mädchen und als ich später zum Studium nach Wien kam, verbrachte ich die ersten Jahre in einer Wohngemeinschaft, bis ich schließlich eine Wohnung alleine mietete und zum ersten Mal einen Raum und einen Schlüssel nur für mich hatte.

Als Kind spiegelte ich stark meine Umgebung wider, war durchlässig, habe die Konturen zwischen Eigenem und Fremden nicht klar gezogen, war wandelbar. Da ich kaum einen Ruckzugsort im Außen hatte, erschuf ich in meinem Bewusstsein unzählige Phantasieräume, die nebeneinander existierten, und durch die ich unbeobachtet wandern konnte, mich in sie zurückziehen, unbekannte Türen öffnen konnte. Dort gab es keinen Platzmangel.

Als ich also in meiner eigenen Wohnung im zweiten Wiener Bezirk stand, erst dann begann ich die inneren Welten nach Außen zu übertragen. Es half mir zu verstehen, aus welcher Stofflichkeit ich beschaffen war. Meine Affinität für Räume, für Orte, für das Schöne ist stark ausgeprägt, sie helfen mir zur eigenen Selbstenthüllung. Orte wandeln die inneren Bilder ins Reale. Sie sind die Leinwände, auf die ich meine Wahrnehmungen projiziere. Durch die Orte und Räume übe ich, ein Körper zu sein.

Welche Zugänge hast Du zu Werk und Person Ingeborg Bachmann?

Das Schöne am Älterwerden ist, dass das Gesamtbild eines Lebensweges immer transparenter wird, sich Kreise schließen, die Zusammenhänge zeigen, der Sinn aus dem scheinbar Sinnlosen zu sickern beginnt.

Der Ursprung dieser Geschichte liegt im Topografischen, schrieb Bachmann. Genauso der Ursprung meiner Neugier und Anziehung für ihr Werk und Persona. Ich las ihre Bücher, ohne auf das Ungargassenland zu stoßen. Ein paar Jahre bin ich ahnungslos am Löwentor der Ungargasse 9 vorbeigegangen, zur Musikuniversität am Anton-von-Webern-Platz, ohne es zu wissen. Der Weg führte an beiden Schauplätzen, an Ivan und an Malina, vorbei. Wenn ich meinen Unterricht nicht in der Universitätsklasse, sondern beim Lehrer zuhause hatte, so war das im Haus, wo einst Ingeborg Bachmann wohnte: In der Beatrixgasse 26, einer stillen, weiträumigen Altbauwohnung im zweiten Stock.

Als ich im darauffolgenden Sommer an meinem ersten Roman arbeitete, dessen Schauplatz das Florianigassenland war, wollte meine Lektorin, die mich beim Schreibprozess begleitete, vom Namensursprung wissen, und ich sagte, den hätte ich erfunden. Nein, du hast ihn nicht erfunden, meinte sie, es gibt das Ungargassenland. Damit begann die Reise ins Malina, in die Herzzeit, in Das dreißigste Jahr, in ein Leben, dass sich erstaunlich vertraut las.

Bachmann sieht Gesellschafts- und Beziehungswirklichkeiten sehr kritisch, wie sieht dies knapp fünfzig Jahre nach Malina aus?

Ich wünschte, ich könnte mich zurück in die sechziger und siebziger Jahre versetzen. So wäre ein Vergleich glaubwürdiger, aber meine „Eintrittskarte“ wurde fürs Ende der achtziger Jahre gebucht. Beziehungswirklichkeiten sind ein Selbsterkennungslabyrinth. Wenn das Männliche und Weibliche im Fluss sind, liegt es an einem selbst, sich darin zu finden. Sich selbst und die anderen zu finden. In einer Beziehung geht es im Grunde um die Suche: sich selbst zu suchen und den anderen zu finden, aber nicht einmal, sondern jeden Tag aufs Neue.

Gibt es ein Zitat aus Malina, das für Dich besonders bedeutsam ist?

„Ich: (tempo)Ja eben, es hat längst angefangen, war längst das Leben. (vivace)Weißt du, was ich eben an mir gesehen habe? Dass meine Haut nicht mehr wie früher ist, sie ist einfach anders, obwohl ich nicht eine Falte mehr entdecken kann. Es sind immer dieselben da, die ich schon mit zwanzig bekommen habe, sie werden nur tiefer, genauer. Ist das ein Hinweis, und was bedeutet er? Im allgemeinen weiß man ja, wohin es führt, nämlich zum Ende. Aber wohin führt es uns? in welche Faltengesichter wirst du, werde ich verschwinden? Nicht das Älterwerden verwundert mich, sondern die Unbekannte, die auf eine Unbekannte folgen wird. Wie werde ich denn sein? Ich frage es mich, wie man sich vor Zeiten einmal gefragt hat, was nach dem Tode sein wird, mit einem gleich großen Fragezeichen, das sinnlos ist, weil man es sich nicht vorzustellen vermag. Vernünftigerweise kann ich mir darunter auch nichts vorstellen. Ich weiß nur, dass ich nicht mehr bin, wie ich früher war, mir um kein Haar bekannter, mir um nichts näher. Es ist mir nur eine Unbekannte immer nachgeglitten in eine weitere Unbekannte.“?

Bachmanns Verhältnis zum Rauchen ist bekannt. Erstaunlich für mich war allerdings, dass ich mich beim Photoshooting gerade in den Momenten des Rauchens dem Roman-Ich am nächsten fühlte, obwohl ich keine Raucherin bin. Die Geste des Rauchens war im gewissen Sinne der Transmitter zwischen der Realität und der Phantasie. Solche introspektive Verschiebungen sind Nahrung, von der ich lange zehren kann, ein Bewusstseinskarussell, das Fremdes in Vertrautes wandelt.

Wie war Dein Weg zur Kunst?

Umgekehrt, vielleicht – die Kunst ist die ursprüngliche ästhetische Äußerung eines Lebens. Ich habe bloß das Glück, mich dem zur Verfügung stellen zu dürfen. Ob man die Wahl hat oder nicht? Wer weiß. In meiner Familie sind bzw. waren einige künstlerisch begabt, aber keiner von ihnen hat sein Leben der Kunst gewidmet. Meine Mutter konnte erstaunlich schön zeichnen, Kleider entwerfen, nähen, mein Vater liebte Literatur, war erzählerisch begabt, auch er konnte gut zeichnen. Als Kind malte ich gerne Malbücher aus und anstatt welche zu kaufen, strich mein Vater in der Früh, bevor er ins Büro fuhr, mit ein paar wilden Zügen Menschenfiguren in verschiedenen Stellungen aufs Papier, die ich dann ausmalte.

Die Kunst und die Intensität eines ästhetischen Daseins haben, so glaube ich, mit der Qualität der Aufarbeitung, der Transformation, mit dem Entziffern des mitbekommenen Innenarchivs zu tun, mit der Verwandlung der rezipierten Inhalte. Die Inspiration, das, was einen beseelt, einem eine Idee ein-haucht, einen bewegt, steigt aus einem Teil hervor, der im Inneren bereits vorhanden war. Inspiration ist Wachwerden. Der Mensch ist das unwiederbringliche Instrument, mit welchem das Leben ein unwiederholbares Stück komponiert; wie gut man der eigenen Tonlage zuhören, ihr folgen, sie einsetzen kann, wie man sie interpretiert und wohin man sich von ihr tragen lässt, hängt nicht nur davon ab, wie man das Instrument spielt, sondern auch wie gut man auf die anderen hört.

In welchen Bereichen bist Du als Künstlerin tätig?

Ich studierte Konzertfach Viola an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, und begann nach dem Studium interdisziplinär zu arbeiten. Seitdem verband ich performative Klangkünste, Sprache und visuelle Künste in meiner Arbeit. Im Frühjahr dieses Jahres begann ich mit meiner Promotion in Musiktheorie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Derzeit widme ich mich fast ausschließlich der Musik und der Literatur.

Was ist Dir als Künstlerin wichtig?

Ich bin sehr hungrig: Nach Empfinden, Erleben, Erkennen, Verbinden, nach Schönheit. Das zwingt mich, mein Leben als einen kontinuierlichen Arbeitsprozess wahrzunehmen. Und Humor ist mir wichtig. Humor erzeugt augenblicklich einen Perspektivenwechsel. Ich lache viel.

Was bedeutet Dir Wien?

Es hat mich erzogen und geformt. Wien ist meine Gouvernante: Streng, meint es aber gut.

Welche Eindrücke nimmst Du vom Romanschauplatz Malina mit?

Früher dachte ich oft über die Orte, an denen sich die Menschenleben abspielen, nach. Auf dem gemeinsamen Weltpodium spielen sich seit Jahrtausenden unzählbare Autobiographien parallel ab und doch findet jede ihren Schauplatz. Großteils des Lebens spielt sich in den abstrakten Gedankenwelten ab, die für jeden einzelnen seine Realität bedeuten. Im Ungargassenland, dem Romanschauplatz von Malina, ging es um die Beseelung des Roman-Ichs.

Welches Zitat Deines Romans möchtest Du uns mitgeben?

„Während wir auf sie warteten, war es uns bewusst, dass wir als Achtjährige über Dinge nachdachten, über eine Klarheit verfügten, welche die Eltern nicht ahnten und sich neben uns unterhielten, als wären wir Wände, taube Gegenstände, bloß weil wir Kinder waren. Und wir versprachen uns auf jenen Rücksitzen, wir würden uns später, wenn selbst erwachsen sind, daran erinnern: Dass wir als Kinder Vieles gesehen, Vieles gespürt, Vieles verstanden hatten.

Jede Wahrnehmung ist Versöhnung.“

http://www.tamarastajner.com/literature

Tamara Stajner, Musikerin und Schriftstellerin_Wien_
am Romanschauplatz_Malina_Wien.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Tamara Stajner_Musikerin und Schriftstellerin_Wien 

http://www.tamarastajner.com/about

Der erste Gedichtband von Tamara Stajner erscheint im Frühjahr 2022 beim Verlag Das Wunderhorn in Heidelberg.

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_9_2021.

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