„Für die Notwendigkeit einer regen, vielseitigen und gut durchbluteten Kunstszene einzustehen“ Nora Romanoff-Schwarzberg _ Bratschistin_Veranstalterin _ Wien 2.12.2021

Liebe Nora, wie sieht dein Tagesablauf aus?

Im Jahresrückblick zunächst war der Sommer zum Glück konzertreich und mit vielen Auslandsreisen entsprechend intensiv und wunderschön. Allerdings hat es mich viel Kraft gekostet nach langer Pause wieder so viel unterwegs zu sein. Über die Corona-Zeit hat man sich an’s Daheim sein gewöhnt.

Im Herbst war ich dabei mit meinem Sohn Jascha wieder einen einigermaßen geregelten Tagesablauf einzuführen. Beruflich war sehr viel administrative Arbeit zu bewältigen, ich begann auch zu unterrichten und einige Reisen waren geplant und nun leider auch verschoben, aber es lichtet sich schon so langsam, hoffe ich, und die Planung wird wieder leichter bzw. möglich.

Nora Romanoff-Schwarzberg _ Bratschistin_Veranstalterin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Aus eigener Sicht würde ich sagen – die Ruhe und Besinnung auf sich, sowie die Flexibilität, die uns die erste Pandemiezeit hoffentlich gelehrt hat, zu bewahren. Ich habe es wohl einer guten Einstellung zu verdanken und schätze mich glücklich, dass mir die letzten 1,2 Jahre sehr viele positive Entwicklungen auf allen Ebenen gebracht haben.

Ich denke die meisten von uns Musikerinnen/Bühnenmenschen haben sich mittlerweile damit abgefunden – trotz der Freude über die Rückkehr auf die Podien – dass die „alte Normalität“, wenn überhaupt, nicht so schnell wieder einkehren wird. Für die einen wird es zu viel, für andere zu wenig Aktivität sein. So wähle ich jetzt beispielsweise bewusster und reflektierter die Tätigkeiten aus, die für mich Sinn machen und meine Energie wert sind.

Besonders wichtig wird es weiterhin sein bei jeder Gelegenheit, politisch und gesellschaftlich, für die Notwendigkeit einer regen, vielseitigen und gut durchbluteten Kunstszene einzustehen. Geduld, Wertschätzung und Dankbarkeit sind mir immer wichtig – jetzt noch mehr als früher.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Ich empfinde seit geraumer Zeit mehr als je das Bedürfnis zur Sinnfindung durch meine künstlerische Tätigkeit. Der Pandemie sei Dank ist es mir gelungen ein wunderbares Projekt für meine Community im Sankt-Elisabeth-Grätzel auf die Beine zu stellen – mit Unterstützung der Bezirksvorstehung und der Kirchengemeinde haben wir es in der warmen Jahreszeit 2020 und 2021 geschafft insgesamt etwa 70 Genre-übergreifende Musikveranstaltungen am Vorplatz der Kirche zu organisieren. Die Rezeption dieser frei zugänglichen Konzerte, die gesammelt vom Lauf- zum Stammpublikum so viel Dankbarkeit und Wertschätzung eingespielt haben, erfreuen durch eine Eigendynamik, die mich einer gesellschaftlichen Aufgabe als Künstlerin so nah gebracht haben wie sonst nichts zuvor. Ich wünsche allen Künstlerinnen eine solche Erfahrung. Vor und für Menschen spielen zu dürfen ist Privileg und Lebensaufgabe. Wir haben die Fähigkeit durch die eigene Freude am Auftritt der menschlichen Begegnung mit sich und anderen eine sinnstiftende Qualität zu schenken – das ist meiner Ansicht nach ein unbezahlbares, wunderschönes Gut.

Was liest Du derzeit?

Dies und das, zwischendurch. Erich Fromm „Vom haben zum Sein“, „Das Wunder der
Wertschätzung“ von Reinhard Haller und eine große Empfehlung – „Women who run with the
wolves“ von Clarissa Pinmkola Estés.
Gerne immer wieder Falter und Standard.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Das Gefühl kann viel feinfühliger sein als der Verstand scharfsinnig.“ Viktor Frankl

Vielen Dank für das Interview liebe Nora, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Nora Romanoff-Schwarzberg _ Bratschistin_Veranstalterin

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Foto_Andrej Grilc

14.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es werden die letzten Tage eines langen Weges beschrieben“ Hannelore Schmid, Schauspielerin_Romanjubiläum Malina _ Wien 2.12.2021

Herzlichen Willkommen, liebe Hannelore Schmid, Schauspielerin, hier am Romanschauplatz „Malina“ in Wien III.!

Hannelore Schmid_Schauspielerin_
am Romanschauplatz_Malina _ Wien

Du lebst und arbeitest in Wien und Graz. Welche Bedeutung haben Orte für Dich?

Als Erstes fällt mir Erinnerung ein. In Wien bin ich aufgewachsen und wenn ich durch die Straßen gehe, ploppt an jeder Ecke eine Erinnerung auf. Manchmal genieße ich es, mich in die Atmosphäre hinein fallen zu lassen, aber dann hatte ich Sehnsucht nach einem Ort ohne Erinnerung. Das ist Graz für mich. Ein Ort wo Neues entstehen darf. Bis auch das zur Erinnerung wird.

Ingeborg Bachmann zog in jungen Jahren aus Kärnten nach Wien. Bei Dir gibt es die umgekehrte Bewegung in den Süden nach Graz. Was waren da für Dich Beweggründe?

Ich war vor zehn Jahren schon einmal eine Zeit lang in Graz, habe dort Schauspielunterricht genommen und mich in die Stadt verliebt. Diesmal kam der Impuls eigentlich von Freunden. Ich habe ein Wochenende mit ihnen in Graz verbracht um Geburtstag zu feiern, und mein bester Freund sagte: „Wenn du dich hier so wohl fühlst, nimm doch wieder einmal eine Auszeit und geh zum Schreiben nach Graz.“ Nach einem Monat Schreiben in der Stadt meines Herzens, war der Wunsch zu bleiben so vehement, dass ich seither einen zweiten Wohnsitz habe.

Wolfgang Bauer hat ja einmal gesagt: „Zum Schreiben brauche ich eine Stadt, in der es innerlich tobt, zum Beispiel New York oder Graz.“ Ich sehe das auch so (lacht). Graz ist eine hervorragende Stadt, um zu schreiben.

Was sind Deine aktuellen Schreibprojekte?

Aktuell arbeite ich mit dem Regiesseur Thomas Toppler an einem Theaterprojekt. Es handelt sich dabei um die in Österreich noch wenig bekannte Spielform des Bouffon Theaters. Wir arbeiten  gemeinsam am Text und sind zurzeit dabei Darsteller*innen zu casten. Premiere ist im März 2022 am TAG Theater.

Das gemeinsame Schreiben ist eine Herausforderung, bei der Thomas und ich uns gut ergänzen. Für mich geht es um die Aneignung eines neuen künstlerischen Genres und darum dem komplexen Aufbau des Stückes gerecht zu werden. Es gibt drei Spiel- und vier Handlungsebenen. Wir entwickeln die Handlung und schreiben Dialoge, lassen aber auch Platz für Szenen, die über Improvisation mit dem Ensemble entstehen sollen. Es ist in vielerlei Hinsicht neu und aufregend für mich.

Könntest Du das Konzept des Bouffon Theaters etwas näher vorstellen?

Bouffons sind clownähnliche Kunstfiguren, welche auf der Bühne die Ausgestoßenen einer Gesellschaft darstellen. Da sie auf der untersten Stufe stehen, dürfen sie dem Publikum gnadenlos den Spiegel vorhalten. Im Spiel mit dem Publikum testen sie Grenzen aus, bleiben dabei aber stets charmant, um die Gunst der Zuseher*innen nicht zu verlieren. Das Ausprobieren beginnt schon beim Schreiben. Was darf ausgesprochen werden, was nicht? Bereits das Verfassen der Projektbeschreibung für die Förderstellen war eine Gratwanderung. Ein sehr interessanter Prozess.

Ist diese Theater Konzeption auch mit dem Roman „Malina“ vergleichbar? Siehst Du da Berührungspunkte?

Schwierig, vielleicht am ehesten in der Form. Malina spielt auch mit unterschiedliche Textebenen. Es gibt den Bewusstseinsstrom, der durch Briefe, Interviews, Dialoge unterbrochen wird. Und man weiß nie genau: Was ist Realität, was Traum, was Gedanke, was ist Innen- oder Außenwelt? Die Frage, wer diese Figuren, die im Roman auftreten, eigentlich sind, bleibt letztlich offen. Sind das reale Menschen oder Anteile einer einzigen Person?

In unserem Bouffon Theaterstück gibt es auch mehrere Ebenen im Text und zum Beispiel Figuren, die als Personifikation eines Prinzips auftreten.

Ist die Ich-Erzählerin in ihrer Beziehung zu Ivan im Roman mit den Prototypen der Ausgestoßenen im Bouffon Theater vergleichbar? 

Ivan und die Ich-Erzählerin stoßen einander gegenseitig weg. Es ist keine Partnerschaft, sondern eine Affäre und sie beziehen beide etwas daraus. Sie interessieren sich nicht wirklich füreinander oder das Leben des anderen. Die Ich-Erzählerin schildert, dass sie einander niemals in der Stadt begegnen. Es gibt keine Berührungspunkte außer ihre Treffen zu zweit.

Ivan darf für sie nur der wunderbare Ivan sein und das soll, muss er bleiben. Sie möchte keinen Alltag mit ihm.

Die Ausgegrenztheit der Ich-Erzählerin sehe ich einerseits im Außen, wo sie in der Gesellschaft funktioniert aber untergeht und anderseits innerlich, wo sie die sensible, naive Seite abspaltet vom männlichen Part Malina.

Wie siehst Du den Weg der Ich-Erzählerin als Frau in diesen Gegebenheiten, denen sie ausgesetzt ist?

Für mich ist dieser Roman sehr interessant, weil ich schon einer anderen Generation angehöre und dadurch einen gewissen Abstand habe. Ich sehe vieles darin was immer noch stattfindet – nur auf einer subtileren Ebene – und kann mich gut einfühlen.

In ihrem Verhältnis zu den beiden Männern – wenn man Ivan und Malina als reale Personen betrachtet –  fragt man sich bald, warum die Ich-Erzählerin Ivan so sehr anhimmelt. Er ist eine eher uninteressante Figur ist und geht einem nach wenigen Seiten auf die Nerven. Ivan ist nicht empathisch oder unterstützend, er versteht sie nicht, sondern macht sie nieder und sagt Dinge wie: „Sei doch fröhlich!“ oder „Schreib doch einmal ein schönes Buch.“  Warum vergöttert sie ihn so, warum braucht sie dieses Vergöttern? Aber Ivan ist ihr Rausch, wenn Ivan da ist, ist alles gut. Ivan ist das Allheilmittel und sie gibt sich diesem hin. Es ist sehr interessant, dass der Roman diese Seite der Abhängigkeit, dieses Denken und Fühlen, zeigt, dies schildert und zugibt. Diese naive, verletzliche Seite, die ständig mit ihrem Selbstwert kämpft,wird schonungslos präsentiert.

Malina ist distanziert, aber immer für sie da. Wenn im Außen etwas zu erledigen ist, übernimmt Malina. Da ist diese Souveränität, die die verletzliche Seite beschützt.

Es ist nicht so, dass sie diesen beiden Männern ausgeliefert ist. Sie hat sich ganz gut eingerichtet zwischen den beiden, von dem Einem bezieht sie das Eine von dem Anderen das Andere. Und die beiden begegnen einander nie. So lebt sie, wie es anfangs wirkt, ganz gut. Bis dann alles auseinanderbricht. Malina verrät sie, der Beschützer wird zur inneren Bedrohung. Er beginnt sie zu kontrollieren, zuerst auch um sie zu retten, als er ihr beispielsweise die Tabletten wegnimmt. Aber nach und nach nimmt er alles, was sie ausmacht.

Wenn ich den Roman heute lese, dann merke ich, dass auch ich als Frau eine Seite in mir verstecke, beschütze, verdränge und dass auch ich mir etwas zugelegt habe, das nach Außen wirkt.

Ist die Ich-Erzählerin in ihrer zerbrechlichen Identität, dem Wechselspiel von Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit, auch heute ein Bild für das Frausein?

Der Roman schildert den Kampf um Identität der Ich-Erzählerin in schonungsloser Offenheit. Einen Versuch von Freiheit, der für mich misslingt. Es werden die letzten Tage eines langen Weges beschrieben.

Die Welt, in der sie es sich eingerichtet hat, stürzt zusammen, die Vergangenheit, holt sie alptraumhaft ein, sie kann nicht mehr zurück in das gesicherte Leben im Ungargassenland. Sie kann auch Ivan nicht mehr so ansehen wie früher. Sie sieht ihn jetzt „wie ein Arzt einen Lungenkranken“. Sie sieht die „Flecken am Röntgen vom Rauchen“ und nicht mehr den herrlichen Ivan. Die Droge wirkt nicht mehr.

Malina, der sie beschützt hat, wendet sich gegen sie.

Im Roman findet keine Befreiung statt. Das Ende ist das Ende.

Was sind die Gründe für dieses Ende, dieses Verschwinden der Ich-Erzählerin im dramatischen Romanfinale?

Die Situation der Ich-Erzählerin, ist aus dem Zusammenspiel ihrer persönlichen Geschichte und den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu sehen. Im zweiten Kapitel tritt diese zerstörerische Vaterfigur auf, die aus diesem System erwachsen und dafür sehr typisch ist.

Der Vater spielt seine Macht aus, die Mutter beschützt das Kind nicht. Und das nimmt es ein Stück weit mit in sein ganzes Leben. Auch wenn das Umfeld dann relativ freundlich und ungefährlich ist, reißt die Wunde immer wieder auf, wenn Abwertung geschieht.

Das Verschwinden oder die Auslöschung findet im Innen und Außen statt. Die Ich-Erzählerin ist persönlich geschwächt und findet keinen Platz in der Gesellschaft, keine Möglichkeit ihre Verletztheit zu überwinden und einen Sinn zu finden, der über etwas wie die Scheinfreude mit Ivan hinausgeht. Sie findet nichts in dieser Welt, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Wie siehst Du die Konzeption und inhaltliche Ausrichtung des Romans?

Der erste Teil liest sich zunächst recht schön in der Schilderung einer Lebens-, Liebesgeschichte. Schon zu Beginn sagt sie, dass sie  mit Ivan eigentlich kaum spricht. Auch die Telefonate sind Ausdruck davon. Es sind Satzfetzen, aus denen keine echte Kommunikation entsteht. Wirkliche Gespräche führt sie mit Malina. Die sind aber im Endeffekt Gespräche mit sich selbst sind. Es gibt keine Verbindung nach Außen, sie handelt alles innerlich ab.

Der Mittelteil im Rückblick auf Vergangenheit, Traumschilderung fällt deutlich heraus. Im dritten Teil stehen dann die inneren Monologe/Dialoge mit Malina im Vordergrund.

Am Interessantesten sind für mich die kleinen, konkreten Dinge. Etwa das Scheininterview, das da geführt wird und die Briefe, die sie als „die Unbekannte“ an Menschen schreibt, auf die sie wütend ist oder ihre Wut projiziert. Auch ihre Aggression lebt sie im Rückzug aus. Ihre Briefe zu lesen hat aber etwas sehr Befriedigendes. Denn diese naive, sensible Seite, die die Ich-Erzählerin zeigt, traut sich darin Sachen zu sagen, die zwar offensichtlich absurd sind, aber gleichzeitig möchte man sagen, ja, das ist vollkommen wahr, da hat sie vollkommen recht.

Der Roman ist ganz aus der Innensicht geschrieben. Nur ihre innere Welt wird geschildert.

Die Ich-Erzählerin ist Schriftstellerin. Gibt es da ein Wiederkennen im Ringen von Beruf und Leben als Künstlerin, Schauspielerin?

Ja, durchaus. Sowohl in der Verzweiflung wie im Umgang mit der Verzweiflung (lacht). Dass man vieles in Geschichten verpackt, ist mir sehr vertraut, auch diese inneren Monologe oder Dialoge zu führen. Briefe zu schreiben, die man niemals abschickt (lacht).

Über ein Thema ironisch zu reflektieren, es nicht zu ernst zu nehmen und aber dadurch auf Wahrheiten zu kommen, finde ich eine spannende Zugangsweise bei Bachmann.

Es sind viele einzelne Passagen, Sätze, die mir sehr gut gefallen. Etwa wenn sie sagt, „nein, ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir“. In meiner Kindheit und Jugend, habe ich alles gelesen, was mir in die Finger gekommen ist. Wenn sie schreibt, „ich lese in der Küche und am Gang…“, das ist mir alles sehr nah.

Ganz toll finde ich die Stelle, wo sie sagt „es gibt Bücher, die nehme ich nur vormittags zu mir“. Für mich war Malina ganz klar ein Buch, das ich am Morgen gelesen habe. Nur das Ende habe ich gestern Abend gelesen. Das hat mich dann auch ganz aufgewühlt. Zum Glück habe ich eine Freundin erreicht, mit der ich darüber reden konnte (lacht). Malina ist ein Roman, den man sich besser nur vormittags zuführt.

Warum ist für Dich der Vormittag die ideale Malina Lesezeit?

Am Morgen habe ich die Leichtigkeit, das Positive in dem Roman zu sehen. Nachmittags würde ich seine Schwere als bedrückend empfinden. Der Geist ist auch wacher in der Früh, Malina ist kein ganz einfaches Buch, man braucht Ruhe und Wachheit dafür.

Gibt es für Dich beim Lesen bestimmte Rituale, Settings? 

Momentan lese ich morgens, ich starte den Tag mit einem Buch. Und sonst in der U-Bahn (lacht). Und sehr gerne auch nachmittags in am Balkon in der Sonne. Ich habe auch immer ein Buch in der Küche. Während der Reis kocht, lese ich (lacht). Im Zug natürlich auch.

Wie war der Leseprozess für Dich jetzt bei Malina? Wie reflektierst, verarbeitest Du da?

Der Roman hat mich zum persönlichen Nachdenken angeregt. Natürlich hatte ich dabei im Hinterkopf, später darüber sprechen zu können. Ich fand es lustig, dass im Roman selbst eine Interview-Situation vorkommt. Oder der Herbstmantel der Ich-Erzählerin, den sie im Frühjahr ihren Frühjahrsmantel nennt. So wie der Mantel, den ich für´s Shooting gewählt habe. Parallelen sind auf so vielen Ebenen zu finden! Verarbeitet habe ich das Gelesene in Gesprächen und Tagebucheinträgen.

Als ich angefangen habe Malina zu lesen, hatte ich auch gerade „Ein eigenes Zimmer“ von Virginia Woolf begonnen. Ich habe die beiden Bücher parallel gelesen und fand die theoretische Ebene des Essays über Frauen und Literatur bei Virginia Woolf und die emotionale Innenschau von Ingeborg Bachmann sehr befruchtend.

Ist Malina ein Roman, der sehr direkt nach der eigenen Lebenswelt fragt und zum Nachdenken einlädt bzw. dies fordert?

Auf jeden Fall. Man vergleicht sich unwillkürlich mit der Ich-Erzählerin, findet sich in ihren Lösungsansätzen wieder oder ertappt sich bei dem Gedanken: Ich mache es genau so, und das ist keinesfalls eine Lösung!

Man nimmt viel mit, wenn man sich auf den Dialog mit dem Roman einlässt. Ich konnte ihn nicht von mir weghalten (lacht). Ich habe ihn aber auch mit der Absicht gelesen, mich davon berühren zu lassen.

Welche Zugänge gab es bisher von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Nicht viele, ihre Gedichte haben mich als Jugendliche sehr angesprochen, damals habe ich selbst Gedichte geschrieben. Natürlich war sie mir immer ein Begriff und ihre Lebensgeschichte bewegt mich.

Ich bin dankbar für den wunderbaren Anlass jetzt Malina zu lesen. Ich denke, dass ich jetzt im richtigen Alter für den Roman bin. Als Zwanzigjährige hätte ich nicht so viel daraus beziehen können.

Wie befinden uns am Weg zum Romanschauplatz, dem „Ungargassenland“ in Wien III.. Ist Dir dieses vertraut?

(lacht) Ja, es ist mir sehr vertraut. Ich habe meine ersten fünf Lebensjahre im südlichen Teil von Wien III. verbracht, wir haben zu fünft in einer Zimmer-Küche-Kabinett Wohnung gelebt.

Als Kind nimmt man alles über die Sinne wahr, die Stadt ist ganz Geruch, Lärm, Farbe.

Mein erster Kinderspielplatz war unter dem Flakturm des Weltkrieges im Arenbergpark. Als Kind hatte die Stadt etwas Bedrängendes und Bedrohliches an sich, ich habe mich nach dem Grün, dem Land gesehnt.

Als Erwachsene habe ich das Ungargassenland mit anderen Augen sehen gelernt, Freunde leben hier und ich habe in einem Espresso in der Gegend gearbeitet. Ich habe mich auf Spurensuche nach meiner Kindheit begeben und viel Schönheit gefunden, etwa das Grün versteckter Innenhöfe.

Hast Du im Roman Orte der Kindheit wiedererkannt?

Ja, die Straßen und Wege, die im Roman genannt sind, sind mir sehr geläufig. Damit und darin bin ich aufgewachsen, das ist und bleibt präsent.

Wie siehst Du als Wienerin das Wienbild im Roman?

Ich erkenne das Wien meiner Kindheit darin. Ingeborg Bachmann schildert die Orte mit viel Liebe, die Gesellschaft aber als sehr oberflächlich. Bei den Personen, denen die Ich-Erzählerin begegnet, stellt man sich die Frage, ob sie überhaupt real sind. Sie wirken wie Hüllen, sind nur Namen ohne Charakter. Vielleicht sind sie alle nur Ideen, Anteile ihrer selbst? Wien hat diese Schönheit, Faszination und Ungreifbarkeit.

Außerhalb der Sadt, etwa am Wolfgangsee, wird es sehr real, da wird eine selbstverliebte Gesellschaft bis ins Detail beschrieben. An beiden Orten gibt es keine Nähe zwischen den Menschen.

Das Ungargassenland ist im ersten Teil ganz ihr Zuhause, das sie liebt und nie verlassen will. Im dritten Teil beginnt sie zu überlegen wegzuziehen. In den dreizehnten oder neunzehnten Bezirk, aber bloß nicht auf die Hohe Warte (lacht). Das Ungargassenland hat keine Sicherheit mehr für sie.

Ingeborg Bachmann zog von Wien nach Rom und verfasste dort den Roman. Sie überlegte in den letzten Lebensjahren nach Wien zurückzukehren. Wie erlebst Du das Fortgehen und Wiederankommen in Wien?

Ich sehe es genauso, dass Wien mich nicht loslässt (lacht). Meine Familie und Freunde leben auch hier.

Für mich ist das richtige Nähe-Distanz Verhältnis zu Wien wichtig (lacht). Dann kann ich es auch genießen. Das ist wie in der Liebe (lacht). Ohne Nähe entsteht nichts und einander zu nahe treten wirkt auch zerstörerisch.

Was macht den Zauber von Wien aus?

Wien ist es der Ort meiner Kindheit und Wurzeln. Ich liebe die unterschiedlichen Plätze und Grätzl in Wien, die Architektur der inneren Stadt genauso wie den Charme der Vorstadt, die Donauinsel oder den Wiener Wald. Ich kann zu Fuß in den Wald gehen und bin trotzdem mit der U-Bahn gleich im Stadtzentrum. Wo hat man das sonst? Die soziale Durchmischung ist gut in den Wien, Gemeindebauten liegen neben Villenviertel.

Das öffentliche Verkehrsnetz ist toll.

Die Luft ist gut in Wien (lacht). Auch wenn sich alle über den Wind beklagen.

Wiener*inne zeigen ihre  Liebe auch dadurch, dass sie sich über alles aufregen. Das Grant´ln. Man weiß dabei aber auch, dass man selbst mitgemeint ist und die Aggression wird abgemildert durch Humor. Den Wiener Schmäh. Wiener Schimpfwörter sind sehr lustig und nicht nur verletzend.

Wienliebe und Wiener Schmäh gehören zusammen (lacht). Genauso die Melancholie und Sentimentalität.

Darf ich Dich zum Interviewabschluss zu einem Malina-Achrostikon bitten?

M Mein

A Abenteuer

L Lust

I Innenraum

N Nähe

A Aus

Hannelore Schmid_Schauspielerin_
am Romanschauplatz_Malina _ Wien

Herzlichen Dank, liebe Hannelore, für Deine Zeit in Wort und szenischer Darstellung hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Hannelore Schmid_Schauspielerin

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

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Walter Pobaschnig 12_21

„ned deppert sein, si ned anscheissen und liebe“ Robert Reinagl, Schauspieler_Wien 1.12.2021

Lieber Robert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

bewegen, frühstücken, üben, lesen, essen, schlafen, bewegen, proben, spielen, schlafen. in dieser o.ä.reihenfolge. aufnehmen, singen, büro als variable

Robert Reinagl, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

nix anderes als sonst. ich zitiere heini staudinger: ned deppert sein, si ned anscheissen und liebe

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

im wesentlichen auch hier dasselbe wie immer. die pandemische zwangspause hat auch zeit zum nachdenken, zum lernen, gebracht. kunst als reflexion über unsere existenz, als spiegel, aber auch als zweckungebundenen luxus unterscheidet uns vom vieh. listen ausfüllen kann man vermutlich auch einem pudel beibringen.

Was liest Du derzeit?

bücher von john cleese, werner schneyder, meinhard rauchensteiner, hans lebert und robert burns. liedertexte, die hermann leopoldi vertont hat.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

nichts gibt einem so sehr das gefühl der unendlichkeit als wie die dummheit.
(vorwort „geschichten aus dem wiener wald“ ödön von horvath

Vielen Dank für das Interview lieber Robert, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Robert Reinagl, Schauspieler

Start

Foto_Dieter Steinbach.

21.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Schönheit des Himmels“ Sarah Biasini. Zsolnay Verlag

5.0.2

Mai 2017. Paris. Da ist das Leben und da ist der Tod. Ruhelos. Die Nachricht vom werdenden Leben und die Nachricht von der Schändung des Grabes der Mutter. Sonne und Mond. Tag und Nacht. Gedanken. Zurück. Im Mai 1982 stirbt ihre Mutter Romy Schneider. Mit 43 Jahren. 1981 starb ihr Bruder David. Der Blick nach vor und der Blick zurück…jetzt aufschreiben, erzählen, zurück- und aufblicken…

„Es gibt nichts Schöneres, als sie „meine Mutter“ zu nennen. Niemand außer mir darf sie so nennen. Das lasse ich mir nicht nehmen…“

Sarah Biasini, Schauspielerin, Tochter von Romy Schneider, Schauspielerin, legt mit „Die Schönheit des Himmels“ eine eindringliche Reise zu Gedankenstationen im Leben einer jungen Frau und werdenden Mutter wie Tochter eines berühmten Filmstars vor, die in Offenheit und Direktheit im Lesen ganz still werden lassen und einladen gleichsam respektvoll zuzuhören und die Bilder im Erzählen wahrzunehmen.

Das Buch erinnert in seiner Bildkraft und existentiellen Szenenfolge eines Lebens und dessen Fragen und Herausforderungen an die Tradition französischen Films. Es ist eine Leinwand eines Lebens, Dunkelheit um lebendiges Bild,  und jedes Wort hat eine Wirkung im Erzählen einer jungen Frau wie Tochter, dass immer auch eine Ansprache, einen Dialog zur Lesenden/zum Leser hat.

Sarah Biasini setzt mit diesem Buch ihrer berühmten Mutter kein Denkmal stummen Steins sondern gibt mutigen, fragenden Leben in Erinnerung und Weg das Wort. Ein besonderes Lesereignis.

Walter Pobaschnig 11_21

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„Und jeden Tag versuche ich es aufs Neue“ Susanne Weins, StimmPerformerin _ Düsseldorf 30.11.2021

Liebe Susanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ein früher Morgen in meinem Haus. Gegen 6.00 Uhr stolpert es auf leisen Sohlen in die Küche, um den noch traumtrunkenen Blick in die heiß dampfende Kaffeetasse zu versenken. Drauf wird der Tochter ein lebensgeister-erweckendes Frühstück  gezaubert mit Zimt, Vanille, Kräutertee und viel Magie um den unverschämt frühen Schulbeginn mit etwas mehr Gelassenheit  begegnen zu können. Die Zeit für die künstlerischen Aufgabe beginnt nun. Warm up, Stimme und Bewegung, etwas  Klavier, Worte, Text, Sounds-, Recherchen— Inspirationen—-falls nicht doch noch der eine oder andere Unterrichtsteilnehmer vor der Tür steht; Oder ein weiterer Förderantrag mit entsprechend elend langen Bürokratien auf dem Schreibtisch wartet. Doch meist bleibt für jeden Bereich ein kleiner Moment. Eben jene kleinne Momente, die das sinnschaffende Überleben sichern.

Ab mittags wende ich mich wieder der Familie zu. Doch es gibt immer viel zu tun. Es ist ja so, dass ich als selbstständige Künstlerin für alles sorgen muss. Und alles heißt alles. Das immer wieder neu und frisch. Die Zeit läuft und wird schneller. Und schwieriger. Und jeden Tag versuche ich es aufs Neue. Die Zeit in eine etwas andere Form zu gießen. Mich langsam gegen Strom bewegen, oder in ihm luftanhaltend verharren. Einen anhaltenden Phrasierungsbogen gestalten.

Susanne Weins, StimmPerformerin, Performancekünstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Freundschaft, Solidarität, gegenseitige Unterstützung. Nur in der verwöhnten Welt des Kapitalismus scheint der/die FreundIn ein austauschbares ‚Extra‘ zu sein. Der Freundschaftsgedanke sollte nicht durch politische, weltanschauliche Konflikte erschüttert werden. Freundschaft findet Rückbindung in Intuition, einer tieferen Schicht Weisheit, dem Vorschuss, der Vertrauen schenkt. Zerbrechlich aber notwendiger denn je.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Weiter gehen. Genau wahrnehmen was geschieht. Um mich herum und in mir. Wir sind Seismographen. Mit unverstelltem Gespür aufmerksam durch das Dickicht dieser Zeit. Sich weiterhin trauen zu fühlen, zu denken, zu sagen, präsent zu sein. Präsent sein. Ja, ich plane einen Performance-Salon mit Freunden über das Thema Freundschaft. Ich hoffen es wird uns gelingen.

Was liest Du derzeit?

Natürlich zum Thema ‚ Freundinnen- Eine Kulturgeschichte ‚ von Marilyn Yalom, ‚Die Sichtbaren Seele der Dinge‘ von Kintsugi.  Ralf Peters ‚ In Gedanken: singen‘.  ‚The Fall of Faust‘ von Andrea Pagnes, und immer wieder die alten Wegbegleiter Frischs Tagebücher, Bachmanns Lyrik, Wolfs Prosa. Ein Blick— ein paar Sätze erinnern mich an stärkere Tage und geben mich mir wieder.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Schatten Rosen Schatten

Susanne Weins, StimmPerformerin, Performancekünstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Susanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Performanceprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Susanne Weins, StimmPerformerin, Performancekünstlerin

http://www.susanneweins.com/Susanne_Weins/HOME.html

Fotos_1 privat; 2 Rene Ruelke.

28.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Den Blick auf die Zukunft richten. Die Hoffnung nicht aufgeben“ Roman Israel, Schriftsteller _ Leipzig 29.11.2021

Lieber Roman, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach wie vor stehe ich jeden Morgen auf und gehe am Abend ins Bett, insofern ist vieles beim Alten geblieben. Mit dem Unterschied, dass die Nächte seit Pandemiebeginn gefühlt immer kürzer werden. Neben der Arbeit an diversen literarischen Projekten – u.a. wird im Frühjahr ein neuer Roman von mir erscheinen – und dem ehrenamtlichen Engagement in zwei literarischen Vereinen, unterstütze ich nach Kräften meine Lebensgefährtin und ihren Sohn. Pendele alle paar Tage zwischen zwei Städten hin und her, und werde, sofern es wieder dazu kommen sollte, wie zu Beginn dieses Jahres die Homeschooling-Betreuung übernehmen. Meine schriftstellerische Tätigkeit wird dann erneut zur schönsten Nebensächlichkeit der Welt.

Roman Israel, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Abstand halten. Ruhe bewahren. Sich nicht aufregen. Nachsicht zeigen, auch wenn es zunehmend schwer fällt. Den Blick auf die Zukunft richten. Die Hoffnung nicht aufgeben. Irgendwann ist das alles hier vorbei.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Literatur sollte zweifellos weiterhin als Mahnerin auftreten sowie den Istzustand sezieren und kritisieren, jedoch mit gleicher Inbrunst auch Trösten, Erfreuen, die dunklen Wolken vertreiben, Hoffnung auf bessere Zeiten machen.

Was liest Du derzeit?

Spektrum der Wissenschaft Spezial. Vom Quant zur Materie.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Urteile über diese Menschen – aber erst, wenn du eine Weile in ihren Mokassins gelaufen bist. (indianisches Sprichwort)

Vielen Dank für das Interview lieber Roman, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Roman Israel, Schriftsteller

www.romanisrael.de

Foto_Gert Mothes.

27.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mir ist das Kunsterleben als soziales Zusammenkommen sehr wichtig“ Esther Holland-Merten, künstlerische Leitung WUK performing arts _Wien 28.11.2021

Liebe Esther, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tatsächlich ist nur eine Routine unter der Woche wiederkehrend und das ist das Klingeln des Weckers um 6.30Uhr, damit die Tochter rechtzeitig in die Schule kommt. Dann ist tatsächlich jeder Tag anders, mal fängt er direkt mit beruflichen Zoom Meetings an, die dann bis in die Nachmittagsstunden hinein dauern, mal beginne ich den Tag mit Laufen, dann arbeite ich Emails ab, die ich unbedingt beantworten muss und dann kann ich mich auch den Anfragen widmen, die schon viel zu lange unbearbeitet im Posteingang liegen. Dann schaue ich, ob ich Veranstaltungen online am Nachmittag „besuchen“ kann, um mich immer wieder auch mit geistigem Input zu versorgen. Dann gibt es ab und zu private Telefonate, um im Familien- und Freund_innenkreis zu erfahren, wie es allen geht. Und am Nachmittag ist dann wieder Quality Time in Familie, wobei am Abend dann wieder online Veranstaltungen oder digitale Freund_innentreffen dran sind.

Mir geht ganz viel im Kopf herum, das ich sonst vor Ort in der Arbeit sofort immer mit den Menschen um mich herum teilen kann, was gerade eben durch den Lockdown und die räumliche Trennung nicht geht. Es fehlt mir sehr, nicht zielorientiert Gespräche führen zu müssen, sondern Gedanken miteinander zu teilen, die unfertig sind, die viele Fragezeichen mit sich bringen, die keine klare Position beziehen können, die nie eine Antwort erhalten werden.

Esther Holland-Merten_ Künstlerische Leitung WUK performing arts _Wien

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht für alle sprechen, ich kann das nur für mich tun. Mir ist es wichtig, alles zu tun, das Leben in und mit der Pandemie so verantwortungsbewusst wie möglich zu gestalten. Durch meine Arbeit als künstlerische Leiterin denke ich dabei nicht nur an meinen privaten Bereich, sondern vor allem auch an die Menschen, mit denen ich täglich arbeite und an die Menschen, die als Publikum zu uns kommen. Ihnen und uns über diese Zeit zu helfen, beieinander zu bleiben, sich zuzuhören, den Austausch nicht zu verlieren, das sind gerade die Dinge, die mich beschäftigen und die mir wichtig sind.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Musik, der Kunst an sich zu?

In meiner Arbeit als Kunstermöglicherin stehen immer die Menschen im Vordergrund, sowohl hinter als auch auf als auch vor der Bühne. Mir ist das Kunsterleben als soziales Zusammenkommen sehr wichtig. Ich erlebe es immer wieder, dass eben nicht nur das Anschauen von Kunst wichtig ist, sondern vor allem der Austausch. Und so dauern Events bei uns am Abend weitaus länger als nur die reine Vorstellung. Menschen bleiben beieinanderstehen, um miteinander zu sprechen, um miteinander Zeit zu verbringen, um ihre Erfahrungen zu teilen. Und darin sehe ich die große Chance des Kunstbereichs, um derzeitiger Vereinzelung, Verlorenheit etwas entgegen zu halten, nämlich das persönliche Miteinander. Dafür die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass es geteilte Erfahrungen geben kann, darin sehe ich gerade für mich die wesentliche Rolle als Veranstalterin und Kuratorin.

Was liest Du derzeit?

Ich lese von Emilia Roig „Why we matter. Das Ende der Unterdrückung”. Das Thema von Machtverhältnissen, von Ausschlussverfahren, von Abgrenzung, von Erniedrigung liegt mir sehr am Herzen, weil ich glaube, dass wir als europäische demokratische Gesellschaften immer noch unterschätzen, welche Mechanismen in unserem Alltag zu Kränkungen und zu Exklusion führen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Was ist das Mutigste, das Du jemals gesagt hast?“, fragte der Junge. „Hilf mir!“, antwortete das Pferd. „Was willst Du werden, wenn Du groß bist?“ „Freundlich“, sagte der Junge. (aus Charlie Mackesy: „Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd“)

Vielen Dank für das Interview liebe Esther, viel Freude und Erfolg weiterhin für die großartigen Kunstprojekte im WUK Wien und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Esther Holland-Merten, künstlerische Leitung WUK performing arts

WUK Werkstätten und Kulturhaus _performing arts _ Wien

https://www.wuk.at/

Foto_privat.

25.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Als KünstlerInnen müssen wir uns auch im Lockdown austauschen und in Verbindung bleiben“ Monika Mayer-Pavlidis, Tänzerin_ Bregenz/Cuneo 27.11.2021

Liebe Monika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich mich in einem Sabbatical Jahr befinde, hat sich nicht viel verändert.

Den Morgen nutze ich für mein Tanztraining im Wechsel mit Laufen in der Natur. Den Nachmittag und Abend verbringe ich mit dem Schreiben von Gedichten, Recherchen zum Gedichtschreiben einholen, lesen und Gesprächen mit meinem Partner oder über Zoom mit anderen KünstlerInnen.

Monika Mayer-Pavlidis_Tänzerin, Choreographin, Lyrikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Als besonders wichtig sehe ich den sozialen Zusammenhalt.  

Als KünstlerInnen müssen wir uns auch im Lockdown austauschen und in Verbindung bleiben. Wir müssen auch die Regierung immer erinnern, dass es uns (KünstlerInnen) gibt, und dass ohne Kunst und Kultur die Menschen innerlich absterben. Kunst ist ein Teil unseres Lebens.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Literatur, dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich denke, dass es wesentlich ist, zusammen zu halten und dadurch eine starke Einheit zu bilden, um bei der Regierung vorzusprechen. Schon im ersten Lockdown war spürbar, dass die Menschen sich nach den Kultureinrichtungen gesehnt haben. Das Strahlen in den Augen nach dem ersten Besuch einer Liveperformance war deutlich sichtbar.

Was liest Du derzeit?

Meine aktuelle Lektüre ist „Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“ von Peter Handke

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Etwas zu wagen bedeutet, vorübergehend den festen Boden zu verlieren. Nichts zu wagen bedeutet, sich selbst zu verlieren.

Soren Kierkegaard

Vielen Dank für das Interview liebe Monika, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanz-, Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Monika Mayer-Pavlidis_Tänzerin, Choreographin, Lyrikerin

Foto_privat.

23.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Dass wir weitersuchen nach der Identität“ Tara Meister, Schriftstellerin_Romanjubiläum Malina_Wien 27.11.2021

Tara Meister, Schriftstellerin_Wien
am Romanschauplatz_Malina _ Wien

Herzlich willkommen liebe Tara Meister, Schriftstellerin, hier am Romanschauplatz „Malina“ in Wien, 1030! Dich verbindet unmittelbar mit Ingeborg Bachmann, dass Du in jungen Jahren von Kärnten nach Wien gezogen bist. Wie bist Du in Wien angekommen und wie geht es dir mit Deinen vielseitigen Projekten, Vorhaben in Studium und Literatur?

Ich bin etwas ungewöhnlich in die Literatur eingestiegen und habe in Kärnten im Alter von dreizehn Jahren an einem ersten Jugendroman geschrieben, der dann einer von dreien geworden ist, die dann im Alter zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren auch veröffentlicht wurden, auch mit Lesungen auf der Leipziger Buchmesse, das heißt, es war ein relativ intensiver Einstieg.

Danach habe ich mich nach einer Pause der Kurzprosa zugewendet, habe immer wieder auch Lyrik geschrieben und bewege mich im Moment auch in diesem Bereich und im Bereich spoken word. Und ich habe vor zwei Jahren und jetzt auch wieder die Dramatik für mich entdeckt und jeweils ein feministisches Theaterstück verfasst. Das waren meine zwei größten Projekte in den letzten Jahren.

Im Hintergrund schlummert auch eine Romanidee, die hoffentlich bald erwachen darf (lacht).

Ich habe das Gefühl, dass ich mich im österreichischen Literaturbereich immer mehr zurechtfinde und lerne diesen immer besser kennen, auch über Literaturzeitschriften. Ich finde es sehr angenehm, dass es doch -wie vieles in Österreich- sehr überschaubar ist. Man lernt schnell verschiedene Personen kennen, was mir beim Schreiben wahnsinnig wichtig ist. Mit meiner Idee allein im Kämmerchen zu sein, da würde ich mich nicht wohlfühlen. Ich genieße es sehr, mit anderen im Austausch zu sein und auch Projekte gemeinsam anzugehen.

Bist Du im Moment als Schriftstellerin hauptberuflich tätig?

Nein, im Gegenteil, ich bin jetzt im fünften Jahr meines Medizinstudiums, das doch sehr zeitintensiv ist und war daher in den ersten zwei Jahren hauptsächlich damit beschäftigt. Jetzt in den letzten eineinhalb Jahren, auch aufgrund von Corona, ist auch in der Literatur wieder viel passiert und ich bin wieder drinnen im Schreiben.

Was sind jetzt Themen Deines Schreibens und was waren erste Themen am Beginn Deines Schreibens in frühen Jahren?

Als ich begonnen habe, waren es andere Themen. Da habe ich geschrieben was ich gelesen habe, viel fantastische Literatur.

Mittlerweile ist das ganz anders, ich beschäftige mich viel mit feministischen Themen. Ich schreibe viel über Frauen, Frauenkörper, Lebenssituationen, unbezahlte Care-Arbeit etwa- das sind Sachen, die mich interessieren und beschäftigen. Diese Themen sind für mich literarisch wie medizinisch interessant. Ich möchte Frauenärztin werden und bin mittlerweile auch engagiert und aktivistisch im Bereich Sexualpädagogik.  

Wie schaffst Du den Spagat von Studium, Berufsausbildung und Literatur?

Ja, lange war das sehr schwierig und es ist nach wie vor so, dass die großen Projekte unter dem Stundenplan leiden, weil es sich einfach nicht ausgeht, sich in Größeres reinzudenken. Aber es lässt sich schon sehr schön verbinden und ich würde behaupten, dass beide voneinander profitieren, das Schreiben von der Medizin und die Medizin vom Schreiben. Wenn ich lange in einem Bereich drinnen bin, vermisse ich den anderen auch wieder. Ich empfinde das schon als bereichernd.

In welche Richtung wird Dein Romanprojekt gehen? Wird es auch ein Wien_Roman wie Malina?

Ja, tatsächlich wird er in Wien spielen und es geht um eine sehr intime, komplizierte Frauenfreundschaft, in der es viel um Nähe, Distanz, Anziehung und Abstoßung geht. Aber viel mehr kann ich dazu nicht sagen, der Roman ist noch in den Kinderschuhen (lacht).

Welche Rolle spielen Orte in Deinem Schreiben?

Orte sind als Ausgangspunkt, Orientierung ganz wichtig für den Rahmen. Ich würde sagen, dass diese für mein Schreiben als Startpunkt, Anhaltspunkt, Beginn wichtig sind und dann bewege ich mich tendenziell wieder relativ weit davon weg.

In Deinem Roman wird es – wie ja auch bei Malina – um Identität, Selbstbild einer Frau gehen. Begleitet dieses Thema Dein Schreiben grundsätzlich?

Ja, auf jeden Fall. Ich beschäftige mich immer wieder mit der Frage wie sich die Identität einer Frau in der heutigen Zeit fassen lässt, wie sich diese formen darf und wie nicht, welchen Rahmen sie ausgesetzt ist. In meinem Roman wird es bei einer Frauenfigur vor allem um das Bedürfnis auszubrechen gehen. Sie ist ein sehr freiheitsliebender Mensch und fühlt sich schnell eingeengt. Und sie ist mit Themen konfrontiert, die sie einsperren.

Die Frage nach der Identität der Frau ist ja auch die Mitte des Romans Malina. Welche Zugänge hast Du zu diesem Roman?

Ich habe Malina mit achtzehn Jahren gelesen und der Roman hat mich wahnsinnig aufgewühlt. Die namenlose Ich-Person hat mich sehr lange beschäftigt und ich habe dann immer wieder reingeblättert und neue Sachen entdeckt. Es hat für mich mehr und mehr eine Allgemeingültigkeit bekommen, dass das Umfeld diese Identität nicht halten kann, keine Stütze gibt und dieses Bemühen sich selbst zusammen zu suchen, scheitert. Ich glaube, dass es ein tief feministischer Roman ist, der nach wie vor Gültigkeit hat und in dem ganz große Fragen stecken.

Welche feministischen Fragen, Themen siehst Du in Malina und wie stellen sich diese heute dar?

Die große Frage ist, lässt sich, so wie die Erwartungen heute an Frauen gestellt sind, ein Ich finden, mit dem wir im Einklang stehen können und das nicht nur aus Widersprüchen besteht. Das ist eine zentrale Frage des Romans für mich und diese besteht nach wie vor.

Viele Widersprüche sind nach wie vor da. Auf der einen Seite der Anspruch Karriere zu machen, Lohnarbeit zu verrichten und gleichzeitig den Hauptanteil der unbezahlten Care-Arbeit zu leisten.

Viele Ansprüche werden auch an den Körper der Frau herangetragen. Dieser Widerspruch aus „liebe Deinen Körper wie er ist“ und gleichzeitig aus einer tief kapitalistischen Motivation, Frauenkörper zu beschämen.

Widersprüche in der Sexualität. Den Anspruch begehrenswert, schön zu sein und gleichzeitig eine gewisse Enthaltsamkeit, Passivität an den Tag zu legen, sich für Promiskuität beschämen zu lassen.

Die Liste ist lang (lacht).

Wir sind hier im Wohnhaus der Ich-Erzählerin des Romans. Wie liest, verstehst Du die Romanfiguren?

Ich finde es schwierig, die Ich-Person als ganze Figur zu benennen. Ich habe das Gefühl, sie ist zerflossen, schwer greifbar und begrenzbar, im ganzen Roman.

An diesen Ivan, diesen Partner, werden ganz viele Wünsche herangetragen, die er nicht erfüllt und auch stellvertretend nicht erfüllt.

Malina ist für mich ein Projektion eines anderen Anteils des Ichs. Wie so eine Säule, an die sich dieses Ich noch lehnen will, an der sie sich orientiert, was ja zum Schluss nicht mehr funktioniert.

Das ist meine Wahrnehmung von diesen Figuren.

Du liest die Romanfiguren als Selbstreflexion der Frau und Malina als Selbstanteil im Prozess des Selbstverstehens?

Genau, der Roman reflektiert, wobei es eher eine Dekonstruktion als eine Reflexion ist.

Wie siehst Du das Ende des Romans?

Tragisch. Ein tragisches Ende, in dem auch das Schreiben noch einmal eine Rolle bekommt, das mit zu diesem Tod gehört, führt. Vielleicht auch als Katalysator eines Sterbens, einer Identität und zu einem gewissen Grad auch anklagend. Der letzte Satz ist ja „Es war Mord“ und das lässt für mich die Frage offen, wer hat Schuld am Verschwinden dieser Identität.

Wer hat Schuld?

Ingeborg Bachmann stand natürlich in einem unmittelbaren Näheverhältnis zum Erleben des Weltkrieges und des Nationalsozialismus, welches ich nicht habe. Aber diese Grundidee wie viel Platz eine Frau in den  nachklingenden patriarchalen Machtverhältnissen, die sie erdrücken, hat, beschäftigt nach wie vor. Da es diese immer noch gibt mit anderen Hintergründen, Schwerpunkten als damals. Vorbei ist das ja nicht.

Was hat sich in den fünfzig Jahren seit Erscheinen des Romans in diesen gesellschaftlichen Fragen verändert?

Es hat sich dahingehend viel verändert, dass Frauen vermeintlich heute alle Möglichkeiten haben, dass rechtlich die Situation ganz anders ausschaut, was primär ganz wichtig ist aber auch verschleiert wie viel Ungleichheit nach wie vor noch da ist. Dass es in Care-Arbeit, Kinderversorgung, Hausarbeit, Bezahlung wahnsinnig große Unterschiede gibt, die mühsam aufbereitet werden müssen. Es findet eine subtilere Art von Ungleichheit statt.

Was sich auch verändert hat, ist, dass sich das Männerbild in einer Art Krise befindet oder zumindest auf diese zusteuert, in der sich auch die andere Hälfte der Welt mit ihrer Identität neu beschäftigen soll und muss.

Was sind die Hauptaspekte der Krise des Männerbildes?

Dass Männer ihre Autorität nach und nach verlieren, und sich jetzt in einer Zwischensituation befinden wo sie noch mit dieser Autorität größtenteils aufgewachsen sind, gesehen haben, dass die Welt von alten weißen Männern regiert wird und die Entscheidungen so getroffen werden und es aber für die kommenden Generationen hoffentlich nicht mehr so stimmt. Das heißt, dass andere Erwartungen an sie herangetragen werden und Männlichkeit neu definiert wird – wie gehe ich mit meinen Gefühlen um? Wie werde ich gebraucht?

Was wir als toxische Männlichkeit verstehen, hat ganz viel damit zu tun, dass Externalisierung passiert. Externalisierung der Gefühle, dass Trauer und andere Emotionen in Form von Aggression nach außen verlagert werden und dies natürlich ein Nährboden ist für männliche, häusliche Gewalt,  verschleierte Depressionen und mehr. Für die Gesundheit der Männer wäre es ganz wesentlich, da mehr in Kontakt mit sich zu treten. Es ist auch im medizinischen Bereich zu sehen, dass Männer sich keine Schwäche eingestehen, nicht zum Arzt gehen, risikobehaftetes Verhalten an den Tag legen, ihre Lebenserwartung geringer ist. Ich arbeitet auch ehrenamtlich im Bereich der Beratung gewaltbetroffener Frauen.

Die Liebe wird in Malina eingehend in allen Facetten von Emotion dargestellt und geschildert. Wie siehst Du dies und wie ist es in der Gegenwart?

Im Roman nehme ich es als etwas sehr Verzweifeltes wahr, im Kontext des Romans hätte ich es vielleicht gar nicht mit Liebe benannt. Ich glaube, dass es diese Form nach wie vor gibt. Ob sich da viel verändert hat? Da wäre ich mir nicht so sicher. Ich denke und hoffe, dass sich Liebe immer weiter von Abhängigkeit lösen kann und wird. Dass dies zu trennen ist.

Du bist auch in der Frauenberatung tätig. Welche Punkte würdest Du im Gespräch mit der Ich-Erzählerin behandeln bzw. was ihr raten?

Das ist schwierig. Was wir in der Frauenberatung tatsächlich machen, ist, dass wir Frauen, die das wollen, helfen -etwa in gefährlichen Situationen- Frauenhäuser aufzusuchen. Ob das bei der Ich-Erzählerin nötig wäre, weiß ich jetzt nicht. Aber ich denke, wichtig wäre es schon, sie aus einem männlichen Umfeld in ein weibliches zu holen, zu einer Art Erholung vielleicht.

Der Roman Malina hat eine Kapiteldreiteilung – Glücklich mit Ivan/Der dritte Mann/Von letzten Dingen – wie siehst Du diese Komposition inhaltlich und literarisch?

Im Mittelteil geht es ja ganz viel um die Offenbarung des Hintergrundes, um den Vater, der für ganz Vieles immer wieder steht. Es geht um diese Verwundung. Im dritten Teil geht es immer mehr um dieses Verschwinden, wie man es nennen will, um Sterben vielleicht, Sterben ihrer Identität. Im ersten Teil geht es viel um dieses Fragmenthafte, diese Briefe, Fetzen ihrer Wirklichkeit. Ich weiß jetzt nicht, ob ich da alles noch so auseinanderhalten kann.

Sind diese Kapitel exemplarische Stationen im Lebensweg einer Frau, der Liebe an sich? Das Verliebtsein, der Blick auf das persönliche Werden und dann das Verschwinden, die Dekonstruktion? Ein unbedingter Dreischritt, an dem man auch scheitert?

Das würde ich mich nicht trauen mit ja zu beantworten. Ich bin relativ jung und in einer Phase, wo ich sage, ich erlebe auch viel an Dekonstruktion in meinem Umfeld mit gleichaltrigen Frauen, deswegen glaube ich, dass es diese Reihenfolge nicht unbedingt einhalten muss.

Dass früher oder später auch eine Beschäftigung mit der Vergangenheit, Prägung, auch Unterdrückung, stattfindet, halte ich schon für grundlegend. Ich glaube, dass dies in jedem Leben einer Frau einmal auftaucht, auftauchen sollte, aufgearbeitet werden sollte.

Das Verliebtsein ist glaube ich sehr individuell (lacht). Ich denke, ob einmal groß oder jeden Tag neu, im Herbst des Lebens wieder, da gibt es keine Chronologie.

Gibt es Liebe auf den ersten Blick wie im Roman in der Begegnung mit Ivan am Blumengeschäft?

Ich kenne sie nicht (lacht). Ich glaube, dass es dazu ein gewisses Gefühl von „Nichts-Zu-Verlieren-Zu-Haben“, eine gewisse Leidenschaftlichkeit in diesen Moment hineinzustürzen braucht und dies so wahrzunehmen. Ja, ich habe davon gehört, bin persönlich aber nicht davon überzeugt (lacht).

Die Ich-Erzählerin baut ja an ihrer Welt der Liebe. Wie siehst Du diesen Prozess der gemeinsamen Weltbildung in der Liebe?

Grundsätzlich denke ich, dass die Liebe eine dauerhafte Baustelle ist und dass man sich dies auch unbedingt vor Augen halten sollte und wissen sollte, dass es da immer etwas zu basteln geben wird und dafür eine Bereitschaft und Freude da sein sollte.

Ich bin auch eine große Freundin der Therapie, der Paartherapie auch, und glaube, dass wir uns alle eingestehen müssen, dass so wie es in den Hollywood Filmen immer aussieht mit Liebe auf den ersten Blick und happy-ever-after –  das ist es nicht.

Beziehungsarbeit ist Arbeit. Auf diesem Weg sollten sich, denke ich, die Baupläne nicht so sehr unterscheiden. Wenn es um die Konstruktion von eigenen Realitäten geht, birgt dies sehr viel Konfliktpotential in sich, unterschiedliche Realitäten anzuerkennen und auch zu verlieren, die im Abgleichen dann schmerzlich unterschiedlich sind.

Ich glaube, was wir vieles an Phantasie und Wünschen mitbringen und in das Gegenüber projizieren, das kann auch schon sehr fatal enden. Die Baupläne in der Liebe abzugleichen ist ein ganz wichtiger Prozess.

Im Roman ist auch der Blick, die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, den Träumen wesentlich. Wie wesentlich ist dies auch für die Liebe?

Also, ich finde es ein bisschen unheimlich. Ich finde auch die Psychoanalyse ein bisschen unheimlich, die Vorstellung, in irgendwelche unendlichen Tiefen zu gehen und dort zu wühlen, dies tut glaube ich der Ich-Erzählerin nicht nur gut oder gar nicht gut, teilweise. Da muss es etwas geben, das einen da wieder rausholen, auffangen kann.

Ich habe ja nur sehr peripher mit Beratung zu tun, aber ich habe immer große Achtung davor, keine Re-Traumatisierungen auszulösen, Sachen nicht anzusprechen oder nicht nachzufragen. Ich glaube, dass wir uns schon hüten müssen vor den Tiefen des Unbewussten und dass auch Verdrängung eine berechtigte Strategie ist mit Erfahrung umzugehen.

Welche Zugänge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Ich komme ja aus Kärnten und war auch seit meinem sechzehnten Lebensjahr fleißig beim Bachmannpreis bei den Lesungen. Ich habe das immer sehr genossen und gerne verfolgt.

Ich habe früh Gedichte von Ingeborg Bachmann gelesen, später auch ihre Erzählungen, Kurzgeschichtensammlungen, die ich auch immer wieder gerne lese. Malina las ich dann mit achtzehn Jahren, was mich sehr bewegt hat.

Ich habe auch die Autoren, die Männer um sie herum viel gelesen, und finde es sehr spannend mir das auch vorzustellen, wie sie miteinander agiert haben und sich verschiedene Romane parallel entwickelt haben.

Ingeborg Bachmann im Kreis von Schriftsteller*innen im Wien der Nachkriegszeit. Welche Eindrücke, Beschäftigungen von Dir gibt es da zum literarischen Wien damals und wie ist die Situation heute?

Ich frage mich das oft wie das damals in Wien zur Zeit Bachmanns gewesen ist. Was ich glaube rauszuhören ist, dass es persönlich sehr tragisch war, und wahrscheinlich waren auch hier diese männlich dominierte Welt, diese männlich dominierten Kreise, frustrierend für sie und schwierig sich dort gut zurechtzufinden.

Mich fasziniert, dass Ingeborg Bachmann Zeit ihres Lebens, trotz aller Verlorenheit auch, so viel gemacht hat, Treffen mit großartigen Menschen stattgefunden haben. Wenn man sich da heute die Namen vor Augen hält, die da zusammengekommen sind, das ist wahnsinnig faszinierend.

Ich besuche in Wien regelmäßig eine Werkstatt für junge Literaten*innen im Literaturhaus. Die „gläsernen Texte“ gibt es seit ein paar Jahren, die von zwei jungen Schriftstellerinnen organisiert werden, was ich ganz großartig finde. In Wien gibt es immer wieder literarische Treffpunkte, wie in der Alten Schmiede oder im Café Anno etwa. Das fehlt als junge Literatin in Kärnten schon stark. Es besteht allerdings jetzt auch die Möglichkeit, auch eine Folge von Corona, länderübergreifend online an Besprechungen teilzunehmen.

Das Kindheits-, Jugendhaus von Ingeborg Bachmann in Klagenfurt wurde jetzt im September des Jahres vom Land Kärnten gekauft. Was erwartest Du Dir als Schriftstellerin da?

Da habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Da bin ich einfach neugierig.

Deine literarische Arbeit ist sehr vielfältig. Gibt es da für Dich auch heute Impulse von Ingeborg Bachmann?

Ja, absolut, auf jeden Fall. Ich habe eine zeitlang viel Lyrik geschrieben, mittlerweile weniger. Ich finde Ingeborg Bachmanns Gedichte ganz großartig, und gleichzeitig hat sie unglaubliche Kurzgeschichten, Hörbücher, Romane verfasst, unglaublich spannende Dinge. Ich habe das Gefühl, sie war immer so sehr in Kontakt mit dem, was sie geschrieben hat, was sie bewegt hat, so committed dabei, dass mich das wahnsinnig fasziniert und inspiriert auf jeden Fall.

Was kannst Du von dem Roman Malina in ein Schriftstellerinnenleben heute mitnehmen?

Ich denke, nach wie vor gibt es viele Herausforderungen für schreibende Frauen, gerade, wenn es um Dramatik geht. Ich habe mich kürzlich wieder mehr mit Dramatik befasst, hier gibt es im Verhältnis sehr wenige schreibende Frauen. Da gibt es schon immer wieder Hürden und den Auftrag sich da durchzusetzen.

Ich glaube, dass Bachmann eine sehr zentrale Hintergrundfigur für schreibende Frauen ist, die da sehr inspirierend, wichtig ist und für die Identität einer schreibenden Frau, auch für mich, eine Vorreiterin war.

Du hast den Bachmannpreis in Klagenfurt seit Jugendtagen vor Ort miterlebt, jetzt auch die virtuellen Varianten. Welche Inspirationen, Eindrücke nahmst und nimmst Du da immer wieder mit?

Ja, die virtuelle Variante habe ich mir jetzt auch angesehen. Ich fand es schon in Präsenz immer wieder sehr brutal, finde, dass es virtuell noch viel schlimmer ist (lacht) und muss auch sagen mit sechzehn/siebzehn Jahren fand ich das noch sehr lustig, je mehr ich selber schreibe, desto mehr tun mir diese Menschen auch leid.

Ich mache ja auch viel spoken word poetry slam, wo alles sehr willkürlich ist und ich würde sagen, dass auch der Bachmannpreis sehr willkürlich ist.

Ich finde die Bachmannpreistexte immer wahnsinnig spannend zu lesen. Ich lese diese meist lieber für mich.

In den Besprechungen der Texte gibt es immer wieder so eine männliche Autorität, eine Stimmung von Konkurrenz, Alphaverhalten, was ich ganz bizarr für etwas so Zartes wie Literatur finde.

Das Konzept eines Wettbewerbes in der Literatur ist seltsam genug und da wäre mehr Vorsicht angebracht in welchem Format es stattfinden darf. Ob da wirklich diese Menschen in dieser ganzen Besprechung sitzen und sich diese Blöße geben müssen.

Es ist ein spezielles Format und ich frage mich jedes Jahr, ob sich das Bachmann so gewünscht hätte in ihrem Namen.

Inwieweit ist der unmittelbare Austausch mit Schriftsteller*innen da vor Ort auch wichtig?

Ganz wichtig. Es findet ja parallel auch eine Literaturwerkstatt für junge Schreibende, die Texte besprechen und zusammenkommen, statt und insgesamt ist es einfach wie bei Buchmessen auch ein Platz, um Leute zu treffen, sich gegenseitig auf den aktuellen Stand der Dinge zu bringen. Ich habe das zwar damals mit siebzehn/achtzehn Jahren in Klagenfurt nicht so stark empfunden aber alleine die Personen zu sehen, das ist ganz wesentlich.

Ich könnte mir Schreiben ohne sozialen Austausch überhaupt nicht vorstellen und bin auch bemüht mit gleichaltrigen Schreibenden in Kontakt zu bleiben und organisiere hin und wieder Treffen, um Texte zu besprechen und einfach gemeinsam zu schreiben. Ich finde das sehr befruchtend.

Kannst Du Dir selbst vorstellen beim Bachmannpreis zu lesen?

Sollte sich das je ergeben, sage ich natürlich nicht nein. Es würde mich wahnsinnig freuen und ehren. Und sollte das passieren, hoffe ich, dass ich mir bis dahin eine relativ dicke Haut zugelegt habe. Ich bin immer wieder bei Literaturwerkstätten, wo Texte besprochen und auch zerpflückt werden und wo ich immer mehr lerne mir konstruktives Feedback herauszufiltern aus den Rückmeldungen und auch lerne, selbst welches zu geben, weil ich glaube, dass das wahnsinnig wichtig ist. Ich werde ab nächstem Jahr am Deutschen Literaturinstitut Leipzig literarisches Schreiben studieren. Auch dort funktioniert der Großteil des Studiums über Textwerkstätten, dies wird sicher nochmal eine gute Schule dafür.

Es ist nicht jedermanns/-fraus Sache sich mit Texten, die einem sehr nahestehen, die sehr persönlich sein können, einem Wettbewerb wie dem Bachmannpreis auszuliefern.

Dein zukünftiger Studienort Leipzig ist ja auch mit dem Namen Sebastian Bach verbunden. Bei Ingeborg Bachmann gab es ja enge Kooperationen zur Musik. Welche Rolle spielt Musik für Dich und Dein Schreiben?

Ich spiele ein klein wenig Klavier und Gitarre, so dass ich mich beim Singen begleiten kann, was ich wirklich sehr gerne mache. Ich verbinde es aber nicht wirklich mit dem Schreiben.

Im spoken word Bereich arbeite ich sehr viel mit Rhythmus. Ich bin auch der Meinung, dass Lyrik auch eine Art von Musik sein kann, etwas Melodiöses haben kann, einen Wortklang, mit dem ich mich durchaus beschäftige.

Ingeborg Bachmann ist in Kärnten geboren und aufgewachsen wie Du und viele weitere Schriftsteller*innen. Gibt es Deiner Meinung nach etwas Typisches für Literatur aus diesem Kulturraum?

Gute Frage, wenn ich so an die Schriftsteller*innen denke, haben sich schon sehr viele kritisch mit ihrer Kindheit, einer gewissen Abgeschiedenheit, der Aufarbeitung von Themen des Krieges und des Nationalsozialismus, des Austrofaschismus und einer konservativen Haltung und Erziehung beschäftigt. Dies trifft auf mich jetzt nicht mehr so zu, zum Glück. Aber ich erlebe das schon so, dass es etwas anderes ist in Kärnten zu schreiben. Ich schreibe viel Zuhause in Kärnten, bei meinen Eltern. Ja, diese Berge, diese Grenzregion, diese Geschichte, die noch nicht ganz aufgearbeitet ist und immer irgendwo mitklingt.

Wie ist Dein Schreibprozess unmittelbar? Gibt es strukturierte Schreibzeiten?

Ja, ich bin ein sehr strukturierter Mensch grundsätzlich und muss dies auch für das Schreiben sein, damit es sich mit dem Medizinstudium kombinieren lässt. Es gibt fixe Schreibzeiten. Der Schreibprozess selbst ist sehr von der Textsorte abhängig. Wenn ich spoken word Texte schreibe, die ja einen gewissen Fluss haben sollen, dann schreibe ich diese relativ schnell und lasse das auch assoziativ entstehen. Wenn ich Kurzgeschichten schreibe, beschäftige ich mich relativ lange davor mit dem Konzept. Lyrik schreibe ich meistens zwischendurch, unterwegs, wenn der Impuls da ist. Ja, ich schreibe konsequent, regelmäßig.

Ingeborg Bachmann hat ja viele Texte auch überarbeitet- wie ist dies bei Dir?

Ich schreibe meistens einen Text, dann brauche ich einen gewissen Abstand dazu, weil ich keine Objektivität direkt nach dem Schreibprozess herstellen kann. Einige Tage später schaue ich es mir dann nochmal an und im besten Fall haben in dieser Zeit auch zwei oder drei Personen drübergeschaut, von denen ich weiß, dass es wertvolles Feedback ist. Und dann überarbeite ich es, das wird  immer einfacher und es ist schön, auch eine gewisse Entspanntheit zu eigenen Texten zu finden. Ich hänge nicht mehr mit so viel Herzblut daran wie vielleicht als Teenager. Ich bin da ganz desillusioniert und wenn ich Feedback bekomme, setze ich das um.

Schreibst Du digital oder analog?

Ich schreibe digital, in Cafés, am Laptop. Nur kurze Texte oder Textideen, Lyrik schreibe ich per Hand. Früher habe alles per Hand geschrieben und habe es als wahnsinnig mühsam empfunden, gerade auch was die Überarbeitung betrifft. Da bin ich jetzt nicht nostalgisch (lacht).

Löscht Du Textversionen oder archivierst Du diese?

Es wird archiviert. Es gibt die erste Fassung und dann gibt es die aktuelle Fassung.

Darf ich Dich noch zu einem Malina Achrostikon bitten?

M Mut

A Aufbruch

L Lust

I Innensicht

N Nihilismus

A Abschluss

Was würdest Du Malina, hier am Romanschauplatz, noch sagen?

Vielleicht, dass wir weitersuchen nach der Identität.

Tara Meister, Schriftstellerin_Wien
am Romanschauplatz_Malina _ Wien

 Herzlichen Dank, liebe Tara, für Deine Zeit in Wort und Bild hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle literarischen Projekte!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Tara Meister, Schriftstellerin_Wien

Tara Meister wurde 1997 geboren und ist als Älteste von fünf Schwestern in Kärnten aufgewachsen. Bereits während ihrer Schulzeit versuchte sie sich in verschiedenen Textformaten. Nach ihrem Abschluss bereiste sie für ein Jahr Südostasien und Japan und begann anschließend ihr Medizinstudium an der Medizinischen Universität Wien. Ehrenamtlich arbeitet sie nebenbei im Bereich Jugend-sexualpädagogik und in der Beratung
von gewaltbetroffenen Frauen.

Die 24-Jährige bewegt sich aktuell zwischen Kurzprosa, Spoken Word und Dramatik, ihre Texte wurden mehrfach ausgezeichnet und in diversen Anthologien und Literaturzeitschriften
publiziert. Sie ist tritt regelmäßig als Spoken Word Poetin auf und war zweimal Finalistin bei den Österreichischen Poetry Slam Meisterschaften, sowie bei den deutschsprachigen
Meisterschaften 2021. Im März 2020 wurde ihr Theaterdebut „Höhlenbrüter“ in der TheaterArche Wien uraufgeführt, 2021 erhielt sie den Dramatikerinnen-preis der neuen bühne villach.

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig _

Wien, Ungargasse 8.11.2021

„Auch Gefühlen von Wut, Frustration und Trauer Platz geben, sie kontextualisieren, sortieren, verarbeiten“ Sybille Bauer, Filmemacherin & Medienkünstlerin _Wien 26.11.2021

Liebe Sybille, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zur Zeit, während des Lockdowns, sehen meine Tage sehr ähnlich aus: Ich sitze eremitisch zu Hause in meiner Wohnung, schreibe gerade an einem Drehbuch. Ich versuche wandern zu gehen, wann immer möglich, und Sport in meinen Alltag zu integrieren, der Psychohygiene wegen. Derzeit tut mir der Rückzug sogar gut, da ich generell etwas kontaktscheu bin, und das Glück und Privileg habe durch ein Arbeitsstipendium an meinem Drehbuch schreiben zu dürfen. Dafür brauche ich meistens viel Ruhe und Konzentration.

Sybille Bauer, Filmemacherin & Medienkünstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität, generell mehr „Wir“ als Ich“. Um Hilfe fragen, Hilfe in Anspruch nehmen, helfen wenn man kann, auf die physische und auch auf die psychische Gesundheit Acht geben. In Kontakt bleiben mit Menschen – auch wenn es physisch gerade nur sehr eingeschränkt möglich ist. Mitgefühl und Empathie für diejenigen haben oder entwickeln, die die Pandemie besonders hart trifft, ob beruflich, sozial oder gesundheitlich (physisch wie psychisch). Auch Gefühlen von Wut, Frustration und Trauer Platz geben, sie kontextualisieren, sortieren, verarbeiten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film, der Kunst an sich zu?

Diese Pandemie, so kommt mir vor, bringt das Schlechteste in allen Bereichen hervor, auch in uns Menschen wie es scheint. Die Pandemie ist eine riesige Konfrontation, ein Spiegel, den den wir als Gesellschaft vorgehalten bekommen, sie zeigt wie ungerecht unser (globales) System funktioniert und wie fragil es gleichzeitig ist. Tendenziell glaube ich, hat der Mensch die Tendenz zu verdrängen und sich erst dann mit Dingen zu beschäftigen, wenn das Fass am Überlaufen ist. Ich hoffe, dass Filme / Kunst noch mehr radikale Offenheit zeigen, dass wir mehr hinschauen auf die wunden Punkte, die schmerzhaft sind: die unseres Selbst und die der Gesellschaft.

Was liest Du derzeit?

Dieser Schmerz ist nicht meiner. Wie wir uns mit dem seelischen Erbe unserer Familie aussöhnen von Mark Wolynn

Katzenauge von Margaret Atwood

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Zeit heilt nicht alle Wunden, sie lehrt uns nur, mit dem Unbegreiflichen zu leben.“ Von Elisabeth Kübler-Ross

Vielen Dank für das Interview liebe Sybille, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Film-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Sybille Bauer, Filmemacherin & Medienkünstlerin

https://sybillebauer.com/

Foto_Andreas Wörister

23.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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