Die schönste Aufgabe der Literatur ist es, den Menschen die Köpfe zu öffnen, den Panzer zu knacken“ Tim Krohn, Schriftsteller_Santa Maria Val Müstair _Schweiz_ 4.8.2020

Lieber Tim, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Na schön, du willst das so: Kurz nach sechs Uhr raus, duschen, Frühstück machen für sieben Mäuler, an Kindern anziehen, was Micha, meine Frau, bis dahin nicht geschafft hat, füttern, Post holen, dringendste Post und Telefonate erledigen. Dann ist es neun, und ich hänge mir das Baby um, behalte entweder noch zwei bis drei andere Kinder im Auge oder spaziere, wenn mir das jemand abnimmt, mit dem Baby bis halb elf, dabei erledige ich wieder Telefonate oder löse im Kopf Probleme – wir hecken ja immer ein, zwei Projekte aus. Kurz vor Mittag Baby abgeben, noch schnell in unserer Schreibpension Chasa Parli nach dem Rechten sehen, Kinder füttern. Küche machen. Inzwischen ist es halb zwei. Zehn Minuten dösen, danach beginnt der Free-Style-Part: Je nachdem schreibe ich, gehe Handwerkern zur Hand, mache Zimmer in der Chasa Parli, flicke, was die Kleinen zerstört haben, helfe Micha im Gemüsegarten oder Obsthain, spiele mit den Kindern, erledige Besorgungen, beantworte Mails, bespreche mich mit dem Verlag in tausend Kleinigkeiten … Dann irgendwann nach sechs wird wieder gegessen, die Küche gemacht, Teig für das Brot vom nächsten Tag angerührt, Porridge fürs Frühstück vorbereitet, Müll rausgebracht, in der Chasa Parli nach dem Rechten gesehen, werden Interviews beantwortet, so geht’s bis halb zehn, zehn. Dann noch kurz mit Micha besprechen, was längst hätte besprochen werden sollen, den Bub in den Schlaf geküsst, der bleibt immer so lange wach, dabei ist er auch erst erst sieben, und selber schlafen gehen. Nachts vielleicht noch ein-, zweimal ein Kind trösten, vielleicht nochmal runter, weil eines Hunger bekommt, einen lärmenden Marder verscheuchen, dann ist’s wieder sechs.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nichts anderes als sonst auch: Sich auf das Wesentliche konzentrieren. Dran bleiben. Großzügig sein. Freude am Verzicht.

 

 Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, die schönste Aufgabe der Literatur ist es, den Menschen die Köpfe zu öffnen, den Panzer zu knacken, mit dem man sich im Alltag so gern schützt, jede Nacht von neuem, so lange, bis er sich erübrigt hat. Aus Einzelkämpfern Liebende zu machen, Menschen, die es wagen, ungeschützt dem Leben zu begegnen. Denn nur solche Menschen werden flexibel und stark genug sein, um wirklich neue Lösungen zu denken, durchzuführen und auch das kurzzeitige Unbehagen auszuhalten, das die meisten Veränderungen nun mal mit sich bringen – nicht weil sie schlecht wären, nur weil da etwas Neues ist. Corona hat gezeigt, dass wir uns vieles zutrauen können. Aber der Alltag ist so schnell zurück. Das Buch auf dem Kopfkissen holt die Menschen jede Nacht in ihre schöne existentielle Weichheit, oder besser Geschmeidigkeit, zurück.

 

Was liest Du derzeit?

Wann soll ich lesen? Aber das kommt wieder.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Auf der Fassade unserer Schreibpension, zur Straße hin, prangte bis vor etwa hundert Jahren ein Verkehrsgebot, das wir jetzt wieder ans Tageslicht holen: „Schritt oder 3 Fr. Busse.“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Tim, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schreibprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich danke auch.

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tim Krohn, Schriftsteller 

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Foto: Nina Mann

 

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„Kunst hat eine sehr große Funktion im Sinne von Verbindungen, weil es eine universale Sprache ist“ Iza Mortag Freund_Performerin _ Kopenhagen_ 3.8.2020

Liebe Iza, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Leben ist immer in Veränderung und Ich weiß niemals was kommt. So kenne ich mein Leben, immer als Prozess der Gegenwart in Bewegung, den Ur-Sprung zu wiederholen. Jeder Tag ist das Ritual meines eigenen Lebens, der Anfang neues zu erfinden.

 

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Ich bin mit dem Unbekannten sehr vertraut –  der Frage und dem Ausblick was möglich wäre.

Ich glaube deshalb fangen meine Tage ohne Gedanken an. Ich bleibe in meinem Unbewussten, so lange wie möglich. Das Ich bleibt beim Anfang, sozusagen. Wie es wäre mein erster Tag auf der Erde und Ich muss alles neu anschauen und damit anfangen.

 

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Meine Bewegungen sind sanft und ich bin ganz still. Ohne Worte, ohne Entscheidungen, ohne Erwartungen.

 

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Dann tanze Ich. Lange. Allein im Raum, Augen zu oder mit meinem ganzen Geist, alles drin rauszufahren, die  Intuition meines Körpers, als ob jede Bewegung Musik wäre und ich der Zuhörer bei diesem ersten Auftritt. Dann kommt der unbekannte Ausdruck und einer sehr großen Kraft und durch diese versuche Ich meinen Körper anzustrengen so viel wie möglich. Am Ende bin Ich in der totalen Intuition meines Körpers. Es führt mich.

 

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Nach den Bewegungen kommt meine Stimme. Zuerst nur als Klang. Ich singe laut, mit meinen ganzen Funktionen meine Stimme und es geht um Ausdruck und nur am Ende wird es Gesang. Dann kommt die Musik. Meine Stimme zeigt es mir. Wie ein Fundament für die gemeinsame Komposition gebaut wird.

 

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Wenn es warm ist, gehe Ich in die Sonne und male. Ohne Gedanken, jeder fast 50 Bildern von Träumen oder was in meinem Unbewussten liegt und kommt, wenn ich meine Hände allein reden lassen.

 

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Wann nicht, oder wann ich einen anderen Raum brauche für meine Konzentration oder Inspiration, finde Ich den Ausdruck,  den ich brauche um meine Fantasie zu fordern. Ich kann eigentlich fast alles in meinem Studio-Zimmer machen. Aber wann ich schreien oder sehr expressiv Musik machen will, gehe Ich in einen Bunker,  den ich teile mit anderen Musikern, unter der Erde und experimentiere. Aber im  Zimmer zeichne Ich, mache Collagen, male oder fange an mit Texten, einem Instrument, einer Partitur, einem Gesicht oder ich macht einen Aufbau von Sachen, ein Ritual, über was, weiß ich nur am Ende. Die Ideen kommen, wenn ich es ziehen lasse.

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Ich brauche dies alles gemeinsam, alle diese Funktionen, als Künstler und Mensch. Ich brauche das, um mich selbst zu verstehen und ausdrücken.

 

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Oft habe ich auch in dieser Zeit wo alles in größerer Veränderung ist, trotzdem, Theater, Performance oder Musik Projekte mit anderen gemacht, und jetzt in anderen Wegen weil wir müssen neue Formen finden für unsere Arbeit.  Aber jeden Tag benutze ich fünf oder mehr Stunden ganz allein für meinen eignen Prozess, um auch mit anderen zu arbeiten.

 

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Wenn ich meine eigene Projekte mache, arbeite ich die ganze zeit über, weil es geht um meinen eignen Rhythmus, es fühlt sich. Natürlich lasse ich mir Zeit für Liebe und für Pausen. Aber weil alles ein Teil meines Lebens ist, gibt`s immer eine Verbindung, ein Prozess. In dieser besonderen Zeit war es klar, dass Ich braucht meine Kreativität, meinen ganzen Geist als Mensch, um  in meinen Leben zu sein und dass dies das  Eigentliche ist was mein Leben beständig macht

So kann ich mit der konstanten Veränderung und dem Unbekannten sein.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Seele. Einander. Ich denke für jeden Menschen ist es sehr wichtig manchmal ganz allein zu sein, dass es Platz gibt und genug Ruhe sich selbst zu verstehen. Um das Neue zu begreifen, die  Gegenwart, dass was passiert und passiert ist und alles zu verbinden. Und Ich glaube, dass wenn man sich selbst besser versteht und akzeptiert als Mensch in dieser Welt können man auch besser andere verstehen. Wir haben jetzt eine besondere Zeit, in der es möglich ist ganz viele Verhältnisse zu verändern. Das hat man vielleicht immer, aber in dieser kollektiven Veränderung passiert mehr als uns bewusst wird. Ich sehe Veränderung als Wahl und wie ändern wir die Zeit, ihre „Benutzung“, oder wie die Zeit über das Leben spricht, darüber sollten wir reden. Und das ist vielleicht die einzige der großen Veränderung  und danach gibt es Möglichkeiten etwas in der Tiefe zu verändern, wenn man sich Zeit lässt und den Mut dazu hat, Verantwortung zu übernehmen und Veränderungen in die Tat umzusetzen. Die Selbstsicht und jene der Welt. Und dann gibt es die Möglichkeit dies in Handlung durchzuführen.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Ich denke wir als Menschen spielen die größte Rolle,  weil wir auch der Anfang der Probleme sind. Unser Verhältnis zur Natur, zueinander und unsere Geschichten. Es geht vielleicht um die Seele. Unser Verhältnis zum  Leben. Und Ich denke, dass in dieser Zeit auch etwas unterbrochen werden muss, neu anfangen aber mit Erinnerung auf das was war. Aber mit Vertrauen. Wir brauchen Empathie, und dass wir miteinander über die großen Themen dieser Welt reden können. Dass wir erinnern können, dass wir alle Menschen sind und wir alle müssen über diese Erde und was wichtig ist  in unserem Leben ,klarkommen. Wir müssen zusammenarbeiten. Sei mutig genug dich auf die Realität zu beziehen und zu handeln. Wir müssen auch verantwortlich für unsere Geschichten sein und über dies reden, dass wir von diesen und anderen Perspektiven lernen können,  für unsere Entwicklung und Zukunft.

Ich denke, Kunst hat eine sehr große Funktion im Sinne von Verbindungen, weil es eine universale Sprache ist, womit wir alle miteinander reden können. Das Alte oder Geteilte in neuen Formen und Bedeutungen. Weil in der Kunst, geht es um die Seele, und was nicht nur mit dem  Hirn verstehbar ist. Es geht um die Geschichte unseres Anfanges, unserer Welt, uns selbst, Relationen, gemeinsame Probleme und Wunder der Existenz. Es verbindet alles und kann alles sein, es ist ewig und trotzdem immer anderes. Es geht um Bedeutung. Um die Fantasie. Um alles was man nicht erklären kann aber fühlt. 

 

Was liest Du derzeit?

In dieser Zeit lese ich, wie immer, sehr viel Poesie und Mythologie der ganzen Welt. Aber jetzt versuche ich auch besonderes die Geschichten zu bekommen von Mund zu Mund. Deshalb gehe ich zu fremden Menschen und höre was sie mir  erzählen wollen über ihr Leben, Kultur oder Geschichten.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Atmen (meine liblings wort auf Deutchs)

 

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Vielen Dank für das Interview liebe Iza, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Performance- Musik- und Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Iza Mortag Freund: Performerin, Musikerin, Künstlerin

https://literaturoutdoors.com/2019/10/31/kunst-darf-keine-angst-haben-iza-mortag-freund-artist-station-bei-david-bowie_berlin-26-10-2019-performanceinterview/

 

Alle Fotos: Berlin_Station bei David Bowie_Walter Pobaschnig 2019

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„Diese Zeit, so wie auch die vorherige, ist vergänglich“ Katja Sinkovic, Pianistin_Wien 2.8.2020

Liebe Katja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Neben dem täglichen Kochen, Spielen, Tanzen, Singen mit meiner Tochter Luna, finde
ich dank der Großeltern immer öfter Zeit fürs Üben und Lesen.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist wichtig uns bewusst zu sein dass diese Zeit, so wie auch die Vorherige,
vergänglich ist. Also sollen wir trotz den immer neuen Vorschriften in der
Corona- Zeit nicht die Freude verlieren täglich auch eine innerlich erfüllende
Arbeit hinter uns zu bringen oder anders gesagt, glücklich zu sein.

 
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Ich glaube das beides – die Musik sowie auch bildende Kunst – ihre treuen
Bewunderer nie verlieren können.

 

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Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade das zweite Mal das Buch von Sadhguru; Die Weisheit eines Yogi

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wenn Sie überschwänglich, fröhlich und wunderbar sind, wird Ihr Immunsystem
viel besser funktionieren, als wenn Sie sich Sorgen machen.
Sadhguru

 

Katja Sinkovic _8.April 2020

 

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Katja, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katja Sinkovic, Pianistin

 

29.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _Musik am Weg_Wien_3_20.

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„Wissenschaft und Kunst sollten nicht isoliert, sondern vielmehr synergetisch gedacht werden“ Cornelia Caufmann_ Bildende Künstlerin_ Klosterneuburg_1.8.2020

Liebe Cornelia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Augenblick habe ich Zeit zum ungestörten Arbeiten, Denken und Planen. Die sogenannte Alltagshetze fällt gerade weg, weil alles auf Urlaub und Corona programmiert ist. Familiäre Beziehungen stehen im Mittelpunkt. Ich beginne den Tag früh mit langem Frühstück und Lesen oft im Freien, wenn es draußen noch tauig ist und beende ihn meist spät nachts. Ich bereite mich auf bevorstehende Ausstellungen vor und wechsle zwischen Atelier und zu Hause. Nebenbei verbringe ich viel Zeit in unserem Garten, erledige dort die nötige Pflege als tägliches Ritual, beobachte die Veränderungen und genieße es, mich auf Rhythmus und Klang der Natur mehr als sonst einstellen zu können. Im Sommer ist alles etwas reduzierter, stiller, dafür intensiver.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mir ist der ehrliche Umgang der Politik mit den Menschen enorm wichtig. Dem gegenüber sollten Künstler*innen Rückgrat zeigen und ihre Freiheit verteidigen, bei sich bleiben und zu sich stehen. Darin liegt Verantwortung, die von jedem Einzelnen von uns gefragt ist, um sich nicht zum Spielball und Handlanger degradieren zu lassen. Als wertvolles Gut darf es Kunst nicht gratis geben und muss genauso ernst genommen werden, wie die Wissenschaft. Beide haben den Anspruch, an Fortschritt und Entwicklung zu arbeiten. Korrespondenzen, Parallelitäten, Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten und Berührungspunkte zwischen Wissenschaft und Kunst sind seit jeher klar zu erkennen. Jene, die etwas zu sagen haben, sagen es meist nur unter sich im elitären Kreis. So sollten Wissenschaftler*innen und Künstler*innen gemeinsam mehr ins Zentrum rücken. Was nützen uns Wissen und Fortschritt, wenn sie nicht entscheidungstragend zum Wohle der Menschheit, sondern nur zur Ausbeutung eingesetzt oder freigegeben werden?

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Wesentlich sind individuelle und kollektive Selbstreflexion zum Schutz unseres Lebensraumes, das Erkennen, dass die Grenze nicht der Nachbarzaun ist oder die auf den Landkarten willkürlich gezogenen Staatsgrenzen, sondern jene der Biosphäre, die unseren Planeten umgibt. Diese Tatsache verbindet uns Menschen und sollte uns endlich zur Vernunft bringen. Wissenschaft und Kunst sollten nicht isoliert, sondern vielmehr synergetisch gedacht werden.

Was Kunst sein soll, ist eine Entscheidungsfrage. Im Idealfall ist Kunst ein Medium, eingefahrene Denkmuster aufzuzeigen und zu verlassen und sich als Gegenentwurf von der gelebten Wirklichkeit abzugrenzen. Künstler*innen zeigen die Befindlichkeit der Welt wie Seismographen und können Begleiter und Transformatoren von Umbruchsprozessen sein. Die großen Lebensthemen des Werdens und Vergehens, Rituale und Abläufe, die allem Lebendigen innewohnen, spiegeln sich in der Kunst und mögen die Seele der Menschen ansprechen und ihren Blick im Sinne des Auf(er)stehens und Erwach(s)ens verändern. „Kunst bildet Menschen“ – insofern ist Kunst für mich ein großer Hoffnungsträger.“

 

 

 

Was liest Du derzeit?

Besonders viel geben mir derzeit die Schriften Gilles Clements, eines französischen Landschaftsarchitekten. Was mein Denken mit ihm verbindet, ist die Idee der freien Entwicklung des Individuums: „Im Laufe seines Lebens findet das Lebewesen, gleichgültig, ob Pflanze, Tier oder Mensch, eine Chance, sich zu ändern und zu verwandeln.“ Er setzt wichtige Impulse zum Erkennen von Zusammenhängen in der Natur und regt an zu neuen Lebensentwürfen. Ich empfehle „Landschaft, Genie, Natur“ und „Die Weisheit des Gärtners“.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Welt, in der wir leben, ist grausam. Um zu überleben, müssen wir uns ständig neue Welten träumen. – Ein Zitat von Claus Peymann trifft den Kern meiner Absichten: „Man kann diese furchtbare Wirklichkeit nicht abbilden, sondern ihr nur den Traum einer anderen Wirklichkeit entgegenhalten.“ – derstandard.at// vom 2.3.2016

 

Vielen Dank für das Interview liebe Cornelia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Cornelia Kaufmann, Bildende Künstlerin

http://www.cornelia-caufmann.com

 

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„Letztendlich ist das ganze Leben ein Theaterstück, in dem wir mitspielen“ Monika Jantschnig _ Künstlerin_ Wien 31.7.2020

Liebe Monika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es fühlt sich ein wenig an, wie eine Mischung aus Traum, Wirklichkeit und Abenteuer….irgendwie unwirklich…. Meist wundere ich mich, wie ich es letztendlich doch immer wieder schaffe mit beinahe traumwandlerischer Sicherheit am Ende des Tages wieder heil in meinem Bett zu landen….oder war ich nie aufgestanden?

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

…dass wir uns selbst und unseren Träumen und Werten treu bleiben.

 

 

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, dem Theater,  der Kunst an sich zu?

Letztendlich ist das ganze Leben ein Theaterstück, in dem wir mitspielen und die Welt die Bühne und der Tanz eine Sprache ohne Worte, die wir alle von klein auf beherrschen….aber es ist schön, wenn es einige von uns nie verlernen diese Sprache zu sprechen und auch die Anderen wieder dazu anregen es zu tun….Aufbruch….Neubeginn….kann letztendlich nur jeder in sich selbst finden…es wird noch etwas dauern, aber wir sind auf einem guten Weg dorthin….

 

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 Was liest Du derzeit?

Im Moment gerade das Buch „Die Quantengöttin“ von Lotte Ingrisch & Helmut Rauch“….ein Buch über die Rätsel der Quantenphysik und die hintergründigen Geheimnisse unserer Wirklichkeit….

Parallel dazu lese ich Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ in Vorbereitung auf ein kommendes Projekt, das Ende November (20.-22.11.) im Pygmalion Theater aufgeführt wird..

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Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

von David Lynch: „Das Wichtigste ist, das zu tun, woran du glaubst und es so gut wie möglich zu machen und dann siehst du, wie es in der Welt läuft…“

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Vielen Dank für das Interview liebe Monika, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Schauspiel- und Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Monika Jantschnig aka Harley Quinn: Künstlerin, Modedesignerin

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„Wir benötigen Perspektiven auf Arbeitsmöglichkeiten“ Chris Pichler, Schauspielerin_Wien 30.7.2020

Liebe Chris, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf richtet sich nach dem was zu tun ist, oder ich mir zu tun suche. Ich habe mir da eine gewisse Disziplin angewöhnt, mir selber eine Struktur zu schaffen, sollte ich sie von aussen nicht bekommen, das hat mir jetzt sehr geholfen.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir uns und die anderen schützen und indem wir uns nach wie vor an die Abstands- und Hygieneregeln halten. Betriebe im Umfeld unterstützen, regionale Produkte kaufen, Urlaub im eigenen Land um die Betriebe zu unterstützen. Wir benötigen Perspektiven auf Arbeitsmöglichkeiten und damit wieder die Würde zurück zu bekommen die eigenen Fähigkeiten auszuüben und auch damit Geld verdienen zu können.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film, dem Theater und der Kunst an sich zu?

Ein Ort des Analogen und der Begegnung zu sein, wo wir mit allen Sinnen erleben und spüren und durch das Spüren Mut bekommen neue Wege zu erkennen und zu gehen. Theater und Kunst im weitesten Sinn stellt gesellschaftliche Verhältnisse zur Diskussion und kann uns unseren Stand darin bewusst machen- Es klopft Gegebenheit, Gewohnheiten, gesellschaftliche Normen auf ihre Tauglichkeit ab, weist auf Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten hin, bringt uns zum Denken und Lachen, bietet Abstand zum Alltag durch hochdramatisches oder höchst unterhaltendes.

 

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Was liest Du derzeit?

Im Grunde gut– eine neue Geschichte der Menschheit. Rutger Bregmannn, einer der jungen Denker Europas, stellt darin die radikale These auf, dass nicht Argwohn und Egoismus den Fortschritt der Menschheit ermöglichen, sondern  Vertrauen und Kooperation.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Puh mit Sprüchen tue ich mir schwer. Aber Fragen habe ich viele, die mich anregen zum handeln. Könnte diese Zeit auch eine Chance beinhalten, dass wir als Gesellschaft mit dem Vorhandenem (bereits Erwirtschaftetem) zufrieden sein können und nicht noch mehr Wachstum nötig ist? Können wir in diesen  massiven  gesellschafts-gesundheits-politischen Veränderungen auch eine Möglichkeit für Innovation und Verbesserungen unserer Lebensformen erkennen – in eine Richtung die für mehr Menschen Gleichberechtigung und Arbeitsmöglichkeiten schafft? Können wir uns der Natur in Achtsamkeit nähern und mit ihr in einen Kreislauf des Gebens und Nehmens von Ressourcen kommen? Könnten uns die anderen so wichtig sein, dass wir auch kleine Einschränkungen auf uns nehmen, damit wir sie schützen?

 

Vielen Dank für das Interview liebe Chris, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Theater-, Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Chris Pichler, Schauspielerin

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Fotos: privat

 

13.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Literatur vermag das Grauen aber auch das Schöne, die Wunder in Worte zu fassen“ Barbara Rieger, Schriftstellerin_ Wien 29.7.2020

Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Während dem Corona Lockdown habe ich meinen Roman „Friss oder stirb“ fertig geschrieben und bin aufs Land gezogen. Daher war ich sowieso die meiste Zeit zu Hause. Auch jetzt sieht mein Tagesablauf noch aus wie immer.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich will nicht für alle sprechen, ich denke für jedeN von uns ist etwas anderes wichtig, jedeR hat andere Bedürfnisse, befindet sich in einer anderen Lebenssituation. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das trotz vieler Missstände und Ungerechtigkeiten möglich ist. So eine Gesellschaft zu erhalten bzw. ihr noch näher zu kommen, vielleicht.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Mut zur Veränderung, weder in Wut und Hysterie, noch in Selbstmitleid und Lethargie zu verfallen, Empathie und Solidarität, Zuversicht, Achtsamkeit.

Literatur vermag den Wahnsinn, das Grauen, die Absurditäten, Ungerechtigkeiten unserer Welt, aber auch das Schöne, das Magische, die Wunder in Worte zu fassen.

Literatur (und Kunst) kann aufrütteln, aufzeigen, erschüttern, ver- und entführen und verzaubern. Ich finde es besser, wenn die Kunst die Verführung und Verzauberung übernimmt und nicht etwa die Politik.

 

 

Was liest Du derzeit?

Gerade habe ich Helene Adlers „Infantin“ gelesen, als nächstes möchte ich „Echos Kammern“ von Iris Hanika anfangen. Außerdem freue ich mich schon sehr auf die Bücher meiner KollegInnen aus dem Herbstprogramm von Kremayr & Scheriau. Und dann gibts da noch einen Stapel mit Büchern über Babys …

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wenn so das Menscheninnerste riecht, dann kann nicht alles verloren sein.“ aus „Ich an meiner Seite“ von Birgit Birnbacher.

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Literaturprojekte und Deinen neuen Roman („Friss oder stirb“ August 2020) wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Barbara Rieger, Schriftstellerin

https://www.kremayr-scheriau.at/autoren/barbara-rieger/

Foto_Alain Barbero

 

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„Ich halte Freiheit für unabdingbar. Wie eh und je“ Susanne Toth, Schriftstellerin_Wien 28.7.2020.

Liebe Susanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Vereinzelt. Und zerspragelt. Es gibt ein drinnen. Es gibt ein draussen. Zwischen beiden Extremen pendelnd, verlaufen die Tage, unfix und teilverplant, in jeder Frühe öffne ich die Samtvorhänge, für das Licht, und den Freiblick in den Himmel.

Meditieren, Körperübungen, Gedichtzeilen schreiben, Texte tippen, Lage bedenken, was tun mit den übervollen Speicherzuständen, meinen Humor zum Assistenzeinsatz rufen, in Büchern lesen, Textarbeit, mit Familie, Freunden, Kolleginnen kommunizieren, social media versorgen, mich grämen über gestern versäumte Veranstaltungen, neue Wohnung suchen, künstlerische Kooperationen visionieren, Aufenthalte anderswo auftun, dem Wind in den Blättern lauschen, innehalten, atmen, Heimbüro, aufräumen, kochen, essen, Kaffee brauen, intensive Blumenfarben bewundern, zeichnen, globales Chaos betrachten, Kopf schütteln, Anteil nehmen, Blicke lösen, Schlüsse ziehen, kritzeln, schreiben, Terminkalender aktualisieren, Fenster auf Luft rein, Fenster zu Lärm raus, tagesadäquate Kleidung finden, Flucht ergreifen. Rad fahren. Barfuß über eine Wiese gehen. On the road die Welt via smartphone zusammenhalten.

Die beiden Seelen die ich trage /
gehen getrennte Wege täglich /
einmal kreuzen sich diese nur /
nachts reisen sie zusammen.

 

Susanne Toth _ Christina Gohli

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Human Kindness. Geistesgegenwart und Mitgefühl. Selber denken.
Bäume, Wiesen, tief atmen. Menschen umarmen, mit Kindern sein, viel und laut lachen. Kunst genießen und erschaffen. Lieben!

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst zu?

Hui! das sind große Fragen…

Ich halte Freiheit für unabdingbar. Wie eh und je. Und Respekt, vor dem wie für das Leben.
Ein Ende der globalen Misogynie, parallel zur absoluten Entwaffnung und Entmilitarisierung. Gesellschaftlich fallen mir Vielfaltsein, Gemeinschaft, Solidarität als zusammenhörig fürs Überleben ein, also bedingungslose Grundversorgung, und natürliche Lebensmittel.

Literatur ist da, in ihrer Gesamtheit. Vom Anfangswort bis zur jüngsten örtlichen Neuerscheinung.

Der Menschheit vorenthaltene Literatur, geheimgehalten, weggesperrt, fehlt dieser schmerzlich in ihrer Entwicklung. Eine Öffnung ist essenziell. Es gibt endenlos literarische Schätze zu heben.

Kunst als Manifestation menschlicher Ausdrucksfähigkeit. Eine Freiheit (s.o.).

Susanne Toth _Christina Gohli

 

Was liest Du derzeit?


„Milkman“  von Anna Burns (im Juni hab ich 4 Bücher von Agota Kristof verschlungen) und vor mir liegen „Annette, ein Heldinnen-Epos“ von Anne Weber und „Americanah“ von Chimamanda Adichie

 

Welchen literarischen Impuls möchtest Du uns mitgeben?

Fame is a bee.
It has a song—
It has a sting—
Ah, too, it has a wing.

(Emily Dickinson)

 

Vielen Dank für das Interview liebe Susanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Susanne Toth, Schriftstellerin

Bücher

Fotos: Christina Gohli

 

12.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

„Kritisch bleiben, selbstbestimmt, feministisch, neue Wege denken und an der Umsetzung arbeiten“ Alexandra Streit Weinrich, Künstlerin _ Wien 27.7.2020

Liebe Alexandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der hat sich nicht wesentlich geändert.

Ich bin Frühaufsteherin, der Tag beginnt meistens schon um 5:00 Uhr mit Kaffee im Bett und so einer Art morgendlichem Kreativ Tagebuch, da schreibe ich 3 A4 Seiten unzensuriert, was immer mir in den Sinn kommt – eine Technik aus dem Buch „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron, die sich für mich sehr bewährt hat. Danach mache ich Sport. Dann geht es entweder ins Atelier oder ich arbeite von zu Hause an Skizzen und Konzepten. Bin da eher Marke Beamtenkünstlerin. Ich habe für mich herausgefunden, dass es eine feste Struktur und viel Disziplin braucht, um dem Ideenrausch Form zu verleihen. Verspreche aber, dass ich mich, sobald mein Kleiderschrank von weißen Blusen und Faltenröcken überquillt und sich nervöses Hüsteln oder eine ähnliche Macke bemerkbar macht, erwartungsgemäß wilden Orgien hingebe und meine Gin Flasche beim Vornamen nenne. 😉

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein längst anstehender Paradigmenwechsel, Aufklärung und Transparenz als Voraussetzung

Ich habe ganz zu Beginn der Krise einen Text verfasst, den ich nie veröffentlicht habe. Ich denke es ist jetzt der richtige Zeitpunkt :

#Paradigmenwechsel

So meine Lieben, nach etlichen Tagen Klopapier, niedlichen Kinderfotos, Kettenbriefen also jeder Menge light entertainment –  sicher in diesen Tagen auch berechtigt – beschleicht mich das vage Gefühl, wir könnten uns in Brot und Spielen grad selbst einlullen.

Also jetzt mal ehrlich – auch ich habe Angst. Es gibt Menschen, die ich mehr liebe als mein Leben, die zu Risikogruppen  zählen. Das kann was. Nun sitze ich hier und denke: ANGST, ANGST, ANGST….der Titel meiner letzten Ausstellung war Sex und Angst. Eine der Fragen dahinter: wann verschwindet der Einzelne in der Masse, hat das Gefühl nichts mehr bewirken zu können und wie geschieht das? Wie werden Massen bewegt bis hin zu Kriegsparolen wie “ Es lebe der Tod“?! Ich bin auf 2 wesentliche Zutaten gestoßen: Etwas, das  uns Alle betrifft (bei meinem Thema Sündenfall war es Sex) und – Angst. Heute haben wir Corona und Angst. Und ich behaupte nicht, dass diese unberechtigt ist, die Bilder aus Bergamo sind bedauerlicherweise kein Fake. Ich bin auch für die Quarantänemaßnahmen und durchaus froh im Moment in Österreich zu leben. Aber: es gibt auch Ungereimtheiten. Und wir befinden uns in der Situation auch, weil unser Gesundheitssystem (nicht nur das unsere btw!) systematisch an die Wand gefahren wurde und nun blüht uns das Gleiche mit unserer Wirtschaft. Klar Gesundheit steht an 1. Stelle – ein AHA Erlebnis…

Weitere könnten folgen. Was mich stutzig macht:

  • die allerersten Bilder aus Hubei , die gehen mir nicht aus dem Kopf– da sind die Menschen auf offener Straße wie Schachfiguren umgefallen, das war wie aus einem billigen Science Fiction Roman, könnt ihr euch erinnern? Ich glaube an die Gefahr der Erkrankung, allerdings ist das Bild, dass sich heute hier abzeichnet doch ein Anderes.
  • Warum wird nicht vermehrt auf jene geachtet, welche die Krankheit bereits überstanden haben? Wenn diese tatsächlich immun sind, wieder in´s gesellschaftliche Geschehen zurückkehren und helfend eingreifen sieht es mit der Isolation doch weitaus weniger drastisch aus. Warum wird nicht mehr getestet?Also aktuell sind die Zahlen der Registrierten bei rund 4000, die meisten milde Verläufe.
  • Der Satz: dafür ist jetzt nicht die Zeit!!! Der lässt die Alarmglocken so richtig bimmeln: und – wir machen mit! Schicken uns Klopapierrollen in allen Varianten anstatt uns die Frage zu stellen, die längst ansteht: wie geht das mit uns weiter? Ein Corona Bonus für alle, die jetzt unser System am Laufen halten und dann Business as usual? Oder generell eine Umverteilung und ein Überdenken unseres Wertesystems? Warum ist jetzt nicht die Zeit über bedingungsloses Grundeinkommen nachzudenken? Gibt es tatsächlich keine Überlegungen, wie es mit der Wirtschaft nach Corona weitergeht? Banken, Währung, Digitalisierung des Geldes Europa, Grenzen – dafür ist keine Zeit, ich kann das nicht wirklich glauben. Verpflichtende geteilte Karenz? Was tun mit leerstehenden Nutzflächen? Darüber ob und warum ein Mädchen mit Zöpfen vor kurzem noch unser größtes Feindbild war (dabei haben wir Orbans, Trumps,…)? Was bedeuten Kunst und Kultur für die Gesellschaft, was würde das Verschwinden derselben bedeuten? Flüchtlingskrise, wir schaffen das…ja unbedingt, aber WIE? Jetzt ist nicht die Zeit sich über anderes Gedanken zu machen….ja, aber warum? Und wie steht es mit uns? Wie sieht es nun aus mit dem Einzelnen und der Masse? Zeigt uns die Zeit, dass der Einzelne wichtig ist oder nicht? Wenn die Verantwortlichen jetzt nicht die Zeit haben – wir haben sie! Was machen wir damit? Die Witzchen sind ja nett, aber die kleine Schwester von nett kennen wir auch und die gesellt sich langsam dazu. Und Angst haben viele von uns, aber die große Schwester von Angst ist Mut. Wollen wir die Corona Klobrille abnehmen und gemeinsam überlegen wohin die Reise nach Corona gehen soll, welche Gesellschaft wir uns wünschen? Ich würde das sehr gerne – also meine Frage an euch: wie wäre es mit einem Gedankenaustausch unter #Paradigmenwechsel ?

 

Mama

 

„Die Künstlerin und Ihr Über Ich“, Fotoarbeit zu einer Plexiglasmasken Artist Edition in Kooperation mit Maria Magdalena Ianchis 

 

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„Vulva Cantata“ , Installation aus der Ausstellung Sex & Angst

 

 

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„Ich habe heute leider keinen Apfel für dich“, Acryl auf Leinwand aus der Ausstellung Sex & Angst

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Kritisch bleiben, selbstbestimmt, feministisch, neue Wege denken und an der Umsetzung arbeiten – nicht anders als zuvor, allerdings mit einer neuen Dringlichkeit. Wachsam bleiben, ganz besonders in Bezug auf Digitalisierung und Algorithmen, die den derzeitigen Bewusstseinszustand einzementieren. Der Kunst sollte mehr Bedeutung zukommen und nicht weniger – die derzeitige Entwicklung stimmt mich bedenklich.  Diese Wertigkeit beginnt in einem Schulsystem, das einer radikalen Reformation bedarf. Ich sehe die Kunst als den Atem der Gesellschaft und sie sollte als Spiegel der Zeit einen unumstrittenen Stellenwert haben. Ich selbst widme mich, als ehemalige Studentin der Meisterklasse bei Prof.A.Frohner, vermehrt Medien wie Fotografie und Performance, die mich nicht nur aufgrund Ihrer Formsprache und Ausdruckskraft ergänzend zur Malerei faszinieren, sondern auch die Möglichkeit bieten in einer schnelllebigen Zeit schneller zu reagieren.

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„another day in paradise“

 

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„another day in paradise“

 

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Performance zur Ausstellung „Sex & Angst“

 

 

Was liest Du derzeit?

„Unsichtbare Frauen“  Caroline Criado -Perez

„Duell“ Joost Zwagermann

„Wie frei ist die Kunst?“ Hanno Rauterberg

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Lerne die Regeln gut, damit du weißt WIE du sie (bei Bedarf) ändern kannst.

 

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Vielen Dank für das Interview liebe Alexandra, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexandra Streit Weinrich: Künstlerin

Fotos_Alexandra Streit Weinrich

 

12.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

„Es geht jetzt um Verbindung der Menschen, Katharsis, Stärkung“ Eva Maria Neubauer, Schauspielerin_Wien 26.7.2020

Liebe Eva Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Hm, eigentlich sehr verschieden. Aber momentan mache ich viel Bewegung. Ich habe gerade viel Freude meinen Körper zu spüren, nicht in Gedanken oder Befürchtungen abzuhauen. Es fühlt sich ja alles ein bisschen unsicher und neu an. Radfahren hilft. Ich genieße es täglich mein Essen frisch zuzubereiten, ernähre mich ja seit 8 Jahren roh-vegan und wenn mir viel Zeit zur Verfügung steht, liebe ich es auch was Neues zu kreieren und das auch mal bei einem Picknick zu zweit oder mit Freunden genüsslich zu verspeisen. Ich suche die beruhigende Natur, das ,,auf der Erde sitzen’’.

Und ich bereite eine Aufnahme von meinen klassischen und zeitgenössischen  Lieblingssongs vor. Zur Abwechslung nicht meine Eigenen. Singen ist überhaupt für mich eine Art Seelendusche. Da fängt alles wieder an sich einzupendeln, und es befriedigt mich tief. War ja auch meine erste Liebe vor dem Schauspiel. Ich greife auch wieder zur Viola, die ich ja sonst nur dann spiele wenn ich sie für Konzerte brauche. Jetzt, wo die Zeit noch großzügig ist, weil wir noch nicht aufführen können, fühlt es sich richtig an, an meiner Kunst zu feilen, sie auch da und dort zu überprüfen- oder einfach nur rum zu spielen.

Mit anderen Menschen an ihrer Sprache und Stimme zu arbeiten, sie zu begleiten, hilft mir sehr, nicht als Künstlerin in eigener Nabelschau stecken zu bleiben.

Ja, und ich versuche am Tag immer wieder still zu werden. Den hohen Frequenzen in mir zu lauschen. Das brauche ich sehr um meinen Kompass wieder nach zu justieren.

 

Eva Maria Neubauer _ M.Giefing

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Auf jedem Gebiet ,,Inventur’’ zu machen. Zu schauen was trägt noch und was ist eigentlich nicht mehr passend. Von den mitmenschlichen Beziehungen bis zur Art mit unserer Erde umzugehen.

In der Coronazeit waren wir alle auf einen kleinen Kreis an Menschen bezogen. Eine Art Biedermeier in den 2020ern. Das kann verbinden oder auch von einander trennen. Durch die Erklärung der Regierung und andererseits das ,,InFrageStellen’’ der getroffenen Maßnahmen sind zwei Gruppen entstanden, die sich nicht und nicht einigen können, auch wenn beide Meinungen für sich nachvollziehbar sind. Für mich ist dieser Ausbruch mit der Reaktion der Welt kein Zufall. Es ist für uns scheinbar wichtig erkennen zu lernen, was Wahrheit und Unwahrheit ist. Das ist oft nicht leicht, aber einfach Mitschwimmen geht, glaube ich, nicht mehr wirklich… und trotz allem das Verbindende zu suchen und zu finden, den Herzenskontakt. Nicht die Technik wird uns in den Kontakt bringen, auch kein 5G. Selbst wenn wir alle in dieser Zeit froh waren um die Möglichkeiten des Internets, sehe ich das enorme, atemlose Drängen mehr Digitales in unser Leben zu bringen, sehr kritisch. I want the real thing! Ich finde es enorm wichtig immer im Auge zu behalten, das die Technik für uns da ist und nicht umgekehrt. Maschinen werden nie unsere Fähigkeiten des Herzens ersetzen. Und das ist das eigentliche Wunder. Der Funke der den Baum zum Blühen bringt, das Herz das lieben kann! Das schafft keine künstliche sogenannte Intelligenz. Lassen wir uns niemals einreden, dass das Künstliche mehr ist als die Natur.

Auch Viren sind Natur, und je weiter wir uns von ihr entfernen, und ein denaturiertes Leben leben, desto mehr werden wir glauben, uns schützen zu müssen, weil wir verlernt haben mit den abermillionen kleinen Mitbewohnern im Einklang zu sein. Solange wir jedes Unkraut ausreißen, und sogar den Tod, der zum Leben gehört, zu vermeiden versuchen, desto härter wird uns alles noch Kommende, nicht Voraussagbare überwältigen. Das Lebendige, auch in uns Menschen zu achten und schützen, das ist lohnend. Weil wir selbst Natur sind.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die Kunst hat immer schon die Freiheit genossen alles sagen zu dürfen. Auch gegen den Konsens aufzustehen und die Gesellschaft und ihre Entwicklung zu hinterfragen. Gerade jetzt wünsche ich mir ein mutiges und beherztes Theater.

Mutig nicht weil wieder jemand nackt ist oder weil ein Stück zur Unkenntlichkeit auseinander genommen wird, sondern weil die Figuren sich trauen ihre Meinung zu sagen. Moralisch hat das Theater eine Verantwortung Meinungsfreiheit zu verteidigen. Figuren, die ihr Gesicht zeigen und das auch dürfen. Immer wieder stehen Stücke auf dem Programm, die von Nazigräuel und Geschichten erzählen in denen Menschen enormes Leid zugefügt wurde. Das Theater rühmt sich da eine moralische Instanz zu sein und wir glauben immer, wir hätten zur Zeit des 3. Reichs Zivilcourage gezeigt. Ich bin mir da leider nicht so sicher. Wenige würden, glaube ich, den Mund aufmachen… ihr Visier heben… weil wir durch die sozialen Medien mitbekommen was mit Menschen geschieht, die ihre Meinung öffentlich zum Ausdruck bringen. Selbst auf fachlicher Ebene… dass dann der Andersdenkende bekämpft werden muss. Das beunruhigt mich. Und da sehe ich die Aufgabe des Theaters: diese Memes zu entlarven, die nicht mehr sachlich hinterfragt werden dürfen.

Auch im Film ist die zigste Auflage von Wer-war-der-Mörder irgendwie entbehrlich. Es braucht positive Visionen und Themen die heutige Missstände aufzeigen und mutige, starke und lebendige Menschen portraitieren. Und die Zeit des eitlen, zynischen, Hybris-getue am Theater hat für mich keine Kraft mehr. Es geht jetzt um Verbindung der Menschen, Katharsis, Stärkung. Für mich ist das Theater und der Film Heilstätte. Die Zuschauer sollen etwas Lebendiges, eine Mut machende Vision erleben. Wir müssen wieder durch Mitgefühl  verbunden werden. Darum ist es wichtig Geschichten zu erzählen die Kraft haben und sie dann mit Hingabe und Liebe zu verwirklichen. Ich erinnere mich an Aufführungen vor 25 Jahren die immer noch tief in meiner Seelenlandschaft auffindbar sind… aber auch noch heute, zuletzt im National Theatre in London, eine Vorstellung von,, Jane Eyre’’. Tief berührt und befriedigt wacht man aus so einer liebevoll erzählten Geschichte auf… ohne Zynismus, aber mit viel Humor und Wahrhaftigkeit.- Und natürlich Musik.

Wir brauchen jetzt Künstler, die uns kritisch denken, aber vor allem mit dem Herzen fühlen lassen. Miteinander. Als große Menschheitsfamilie. Diese Künstler gibt es.

 

Eva Maria Neubauer _ M.Giefing _

 

Was liest Du derzeit?

Das rote Buch, von C. G. Jung

Italienische Kurzgeschichten

Jeden Tag weniger ärgern. Von Vera F Birkenbihl 😉

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 

Es gibt Dinge, die sind unbekannt,

Es gibt Dinge , die sind bekannt.

Dazwischen gibt es Türen.  ( William Blake 1757-1827)

Und weil`s so schön ist:

 

Es ist das Ende der Welt sagte die Raupe.

Es ist erst der Anfang, sagte der Schmetterling.

(Frei nach Laotse)

 

Vielen Dank für das Interview liebe Eva Maria, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Schauspiel- und Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eva Maria Neubauer: Schauspielerin, Sängerin

http://www.evamarianeubauer.com/index.php?site=vita

Fotos: M.Giefing

 

12.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com