„ich wurde attackiert und nivelliert“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Monika Wogrolly, Schriftstellerin _ Graz 13.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Monika Wogrolly, Schriftstellerin _ Graz

Bachmannpreisnominierte 1995

Liebe Monika, Du hast am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?

Meine ersten Erinnerungen sind Stimmungen. Gefühle des beinah Zerbrechens, jung verwitwet, verlassen, verloren, egal, noch lebendig. Gefühle der Unvoreingenommenheit sowie die Erinnerung an eine Begegnung mit einem Jurymitglied im Zug – ich hatte weggeschaut, um „nicht zur Last zu fallen“.

Erinnerungen an meine junge Scheu, aber zugleich alte Dreistigkeit und eine hohe Anspannung im Inneren, als hätte ich entgegen der Begeisterung des Juryvorsitzenden für meine Texte damals schon geahnt, „dass das nicht gutgeht – so wie ich bin“ (so meine Denke im Zug nach Klagenfurt.) Ich war kognitiv „so reif, so weit, so begabt, so elitär“, hieß es, aber, so würde ich es heute mit dem Wissen einer erfahrenen Frau einordnen, noch nicht bei mir angekommen. Dissoziiert, von Grenzüberschreitungen – damals im Leben, im Literaturbetrieb gleichsam normal – verstört. Aber doch Selbstsicherheit, ja Autorität mir und allen suggerierend – als damals unbeholfenes Selbstsanierungskonzept einer jungen, aber alterslosen Frau.

Die Literatur war damals mein Halt. Alfred Kolleritsch hatte mir schon als zehnjährigem Mädchen in der allerersten Deutschstunde gesagt, ich sei eine Dichterin. Ob er ahnte, wie prägend dieser Satz für mich war. Für mich war er jedenfalls eine Art Erlaubnis, mir, meiner Stimme Raum zu geben: Schön zu sein im Schreiben. Aber nie schön zu schreiben. Echt zu sein im Schreiben, so dass es ruhig auch wehtun darf und unbehaglichwerden, so wie das Leben in Wirklichkeit.

Als ich nach Klagenfurt kam, war ich 27 Jahre alt. Ich hatte bereits veröffentlicht – zuerst den Kurzprosaband „Sturzflug ins Schwebende“ im Leykam Verlag, später den Roman „Suche meinen Mörder“ im Deuticke Verlag. Zum Bachmannpreis kam ich über den Juryvorsitzenden Peter Demetz, der meinen Text über männliche Masturbationsfantasien ausgewählt hatte.Ich befand mich damals in einer persönlich schwierigen Lebensphase nach dem plötzlichen Herztod meines Mannes, hatte einen kleinen Sohn und war zugleich voller Erwartungen auf meine literarische Karriere. Rückblickend war ich wohl erstaunlich schutzlos. Ich begegnete in Klagenfurt einer Welt, die mich faszinierte, aber auch ungeheuer erschütterte.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Der Bachmannpreis macht sichtbar, was sonst oft verborgen bleibt: die öffentliche Auseinandersetzung mit Literatur. Texte werden nicht nur gelesen, sondern diskutiert, verteidigt, kritisiert und interpretiert. Darin liegt sein aktuelles Potenzial, das ich jedoch damals noch nicht vorfand.

Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?

Die Lesung selbst habe ich verschwommen in Erinnerung. Die Jurydiskussion hingegen war für mich eine ambivalente Erfahrung. Ich traf als junge Autorin ohne akademischen Hintergrund auf eine Jury, die stark von professoralen Stimmen geprägt war. Mein Text behandelte Erfahrungen und Beobachtungen, die für mich sehr real waren. Als ich darauf beharrte, dass bestimmte männliche Fantasien, Machtspiele und Beziehungsmuster nicht bloß Erfindungen, sondern Teil meiner Erfahrungswelt waren, stieß ich auf erheblichen Widerspruch, ich wurde attackiert und nivelliert. Was mich damals erschütterte, war weniger die Kritik am Text als die Infragestellung meiner Wahrnehmung. Teilweise wurde mir vermittelt, ich könne aufgrund meines Alters bestimmte Erfahrungen noch gar nicht haben. Dabei wusste ich sehr genau, worüber ich schrieb. Weil ich widersprach und diskutierte, wurde ich als unbequem wahrgenommen. Später wurde ich von meiner enttäuschten Lektorin als „Nina Hagen der Literatur“ bezeichnet. Die Literaturszene jener Jahre erlebte ich oft als hierarchisch, von Konkurrenz und Eitelkeiten geprägt und für junge Autorinnen wenig solidarisch. Marcel Hartges war in dieser Zeit eine wichtige Ausnahme. Er half mir, zwischen meiner literarischen Arbeit und den Reaktionen des Betriebs zu unterscheiden.

Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deine literarische Öffentlichkeit wie Deinen weiteren persönlichen literarischen Weg ausgewirkt?

Die Teilnahme hat mich nicht vom Schreiben abgehalten. Aber sie hat mein Verhältnis zum Literaturbetrieb verändert. Heute würde ich sagen: Der Bachmannpreis hat mich nicht von der Literatur entfremdet, wohl aber ein Stück weit vom Literaturbetrieb. Die Erfahrung wirkte lange nach. Nicht, weil ich Kritik nicht aushalten konnte, sondern weil ich das Gefühl hatte, dass über meine Erfahrungen gesprochen wurde, ohne ihnen wirklich zuzuhören.

Dennoch schrieb ich weiter. Später studierte ich Philosophie und Germanistik, wurde Psychotherapeutin, Autorin und Journalistin. Die Fragen nach Wirklichkeit, Wahrnehmung und Wahrheit blieben dieselben. Viele Texte entstanden fortan eher im Verborgenen. Ich sage manchmal halb scherzhaft, halb ernst: Ich schreibe bis heute heimlich. Die Literatur blieb mein inneres Zuhause, auch wenn meine Beziehung zum Literaturbetrieb vorsichtiger wurde. Aktuelle Manuskripte wie „Selbstporträt am Meer“ und „Kein Leben ohne Huber“ suchen noch ihren Verlag, ihre Leserinnen und Leser. Dass ich nach all den Jahren immer noch schreibe, erscheint mir heute wichtiger als jede damalige Bewertung.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Zukunft?

Ich wünsche mir einen Bachmannpreis, der neugierig bleibt. Literatur lebt von unterschiedlichen Stimmen, Lebenswegen und Erfahrungen. Vielleicht braucht es weniger Gewissheiten und mehr Interesse an dem, was ein Text sichtbar machen möchte. Literatur entsteht nicht nur in akademischen Räumen. Sie entsteht überall dort, wo Menschen Erfahrungen machen und ihnen Sprache geben.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wünsche ich Mut, ihrer eigenen Stimme treu zu bleiben. Der Jury wünsche ich die Bereitschaft, sich auch von Texten überraschen zu lassen, die außerhalb des eigenen Erfahrungshorizonts liegen. Dem Publikum wünsche ich die Freude an der Literatur. Und dem Bachmannpreis wünsche ich, dass er auch in Zukunft ein Ort leidenschaftlicher Diskussionen bleibt, ohne zu vergessen, dass hinter jedem Text ein Mensch steht. Vielleicht hätte das auch die junge Autorin, die ich damals war, gern erlebt.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Monika Wogrolly, Schriftstellerin

Zur Person: Zur Person: PROF.IN DR.IN MONIKA WOGROLLY, geb. in Graz, „Europas erste Klinikphilosophin“ und Psychotherapeutin in Graz und Wien sowie in der Privatklinik St. Radegund. Forschungen zur Hirntodproblematik und zum Selbstwertgefühl. Schriftstellerin und Herausgeberin des Magazins Living Culture für Kultur, Lifestyle und Selfcare; Beziehungsexpertin in Rundfunk und TV.  Buch: Die Beziehungsformel. Endlich glücklich lieben. (2017)

Bachmannpreis _ Eröffnung 2019 _ ORF Studio Klagenfurt

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Wörthersee _ Thalia-Dampfschiff

Foto: Monika Wogrolly _ privat

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis/Wörthersee_ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 11.6.26

https://literaturoutdoors.com

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