„Konkretere künstlerische Perspektiven einfordern, als sie uns derzeit gegeben werden“ Josef Hader, Kabarettist, Schauspieler_Wien 30.4.2020

Lieber Josef Hader, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, Stadtspaziergang, Mails beantworten mit Tee, Kabarett schreiben mit Kaffee, gegen 18 Uhr Belohnungstrinken, das ins Abendessen übergeht.

 

Josef-Hader-©-www.lukasbeck.com-3

 

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sehr altmodisch gesagt Solidarität. Viele KünstlerInnen haben konkrete und existentielle Sorgen, da ist es wichtig, dass wir alle zusammen aufzeigen und etwas konkretere Perspektiven einfordern, als sie uns derzeit gegeben werden.

  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Kabarett, der Kunst zu?

Ich glaube, dass Kunst immer die Gesellschaft kritisch begleiten muss, vor und nach so einer Krise. Und vor allem auch währenddessen. Vielleicht ist es ja mehr so ein schleichender Aufbruch, der jetzt schon begonnen hat.

 

Was lesen Sie derzeit?

Robert Musil, Über die Dummheit

 

Welches Zitat, welche Textstelle möchten Sie uns mitgeben?

Wenn die Dummheit nicht dem Fortschritt, dem Talent, der Hoffnung oder der Verbesserung zum Verwechseln ähnlich sähe, würde niemand dumm sein wollen.

 

Vielen Dank für das Interview lieber Josef Hader, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kabarett-, Film-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Josef Hader, Kabarettist, Schauspieler, Regisseur

Foto_Lukas Beck

 

29.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

 

„Es wird ein Bussibussi sein, und wir werden nicht mehr sein“ Egyd Gstättner, Schriftsteller, Klagenfurt 29.4.2020

Lieber Egyd, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie immer. Nach dem gemeinsamen Frühstück mit meiner Frau und dem Morgenzigarillo vor dem Haus hinauf ins Atelier: Schreiben, Romanarbeit. (Noch mehr Zeit als gewöhnlich: Da meine Frau natürlich ebenfalls in Quarantäne ist, entfallen für mich momentan die meisten Haushaltsverpflichtungen).
Nachmittags Lektüre oder Recherchen, gegen Abend 1e Stunde (heftiges) Tischtennis im Keller – mit lautstarker Musikbegleitung. Tägliches Telefonat mit meiner Tochter. Abends (mit dem Kätzchen am Schoß) eine Literaturverfilmung oder Oper auf DVD.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das weiß ich nicht. Denn ich weiß nicht, wer „wir alle“ sind. Wir Lebewesen? Wir Österreicher? Wir Europäer? Wir Endverbraucher, Steuerzahler, Fußballfans, Mitglieder, wir Länderspielwir? Wir Christen? Pantheisten? Atheisten? Sünder? Wir Lebemänner, Genussmenschen, Kostverächter? Weltverächter, Optimisten, Pessimisten, Besserwisser, Zeitungsabonnenten, Experten, Insider, Jetzterstrechtsgelehrten, Verantwortlichen, Unverantwortlichen, Egomanen? Ich-AG`s? Intriganten? Ignoranten? Diplomaten? Parteigänger? Wir Über-ich`s, Ich`s, Es`s? Wir Wirtschaftstreibende, Kleinunternehmer, EPU`s? Wir Schriftsteller, Dichter, kreative, Enfant terribles, Nestbeschmutzer, Nationalgewissen? Meinungsmacher, Vorbilder, Vorreiter, Intellektuelle, eingesperrte Freie, nützliche Idioten? Wir gute Menschen, Gutmenschen, Schwarzseher, Visionäre? Wir zerstrittener Haufen? Pluralis majestatis?
Sind wir wir? Sind wir wer? Oft hatte und habe ich den Eindruck, ich bin in wir gar nicht enthalten. Ich weiß aber, dass uns fast nie wichtig war, was mir wichtig war, und dass mir selten wichtig war, was uns wichtig war. Wir haben selten auf mich gehört, und ich habe mir von uns selten etwas vorschreiben lassen. Ist es wichtig, ein Grab zu haben, wenn man tot ist? Was sagen wir dazu? Wir schaffen-das-wir? Yes we can-we? Wir wissen wie der Hase läuft-wir? Wir kriegen das schon hin-wir? Warum soll sich an diesem Dilemma etwas ändern wegen einer Pandemie? Müssen wir immer enger zusammenrücken, weil wir immer größeren Abstand halten müssen? Müssen wir uns begreifen, bloß weil wir uns nicht mehr berühren? Und muss uns etwas berühren, wenn wir nichts begreifen? Müssen wir beim Zusammenbrechen zusammenhalten? Nobody is an island. But everybody is a planet. Das Wort „wir“ steht in der Literatur unter Generalverdacht. Immer.

 

Egyd Gstättner

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?
Ich bin sehr skeptisch, was Begriffe wie „Aufbruch“ oder „Neubeginn“ angeht. Die hat man im letzten Jahrhundert schon in anderen, aber ebenfalls katastrophalem – noch katastrophalerem – Zusammenhang gern bemüht. Im Nachhinein ist der Aufbruch kein Aufbruch, der Neubeginn kein Neubeginn gewesen. Warum soll es jetzt einen geben? Die Mächtigen und Macher aller Gesellschaftsbereiche ein paar Schrauben in ihrem Sinn anziehen. Aber sonst wird alles bleiben wir es war. Die alten Macher werden die neuen sein. Die alten wir`s die neuen.
Literatur hat damit gar nichts zu tun. Ihr revolutionäre Kraft zuzubilligen hieße, die Realität zu verkennen. Literatur ist ein Geistesprozess und als solcher als ganzes ein Welt-Außenseiter, ein Paralleluniversum. Ich bin innerhalb der Literatur noch einmal ein krasser Außenseiter: Ein doppelter Außenseiter sozusagen, krasser geht`s nicht. Kein Macher hat je auf mein Wort gehört. Keiner hat auf meinen Zuruf hin je kehrt gemacht. Laokoon, c`est moi.

Was liest Du derzeit?

Ebenfalls immer mehrere Bücher parallel, je nach Tageszeit und Zimmer: Derzeit Thomas Mann Tagebücher 35/36. Gunnar Decker: Hesse – Der Wanderer und sein Schatten. Das geheime Leben des Salvador Dalì (von ihm selbst). Alexander Widner: Bloße Anwesenheit. Außerdem Fach- und Sachliteratur zu meinem gegenwärtigen Romanprojekt.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich bin bei Voltaire, Schopenhauer, Cioran philosophisch und aphoristisch seit Jahrzehnten sehr gut aufgehoben, die Dreifaltigkeit beschützt mich. Von Jugendtagen an dröhnen zwei Cioran-Sätze in mir: Es zählt nur eines im Leben: Lernen, ein Verlierer zu sein. Und: Die Pflicht des Einsamen ist es, noch einsamer zu werden. Das kommt mir jetzt im Alter zugute.
Es wird ein Bussibussi sein, und wir werden nicht mehr sein.

 

Vielen Dank für das Interview lieber Egyd, viel Freude und Erfolg für Dein großartiges aktuelles Buch wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Egyd Gstättner, Schriftsteller

Aktuelle Buchneuerscheinung des Autors: „Klagenfurt – was der Tourist sehen sollte“  Picus Verlag, 2020

Weitere Informationen:

http://www.picus.at/autoren/egyd-gstaettner/

 

19.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Egyd Gstättner

„Die Entstehung der Bibel“ Konrad Schmid/Jens Schröter. Beck Verlag.

Die Entstehung der Bibel_cover

Es ist das Wort, das den Lauf des Lebens in Geburt und Tod, Freude und Krise, Neubeginn und Untergang, Aufbruch und Zukunft eine bleibende Form gibt und Generationen wie Epochen über Jahrtausende verbindet. Die Unmittelbarkeit der Welt in allen Finessen und Raffinessen zwischen Morgen und Abend in Hell und Dunkel bleibt in der Sprache lebendig. Mensch und Welt, Sinn und Hoffnung, Angst und Zuversicht finden Ausdruck und weiten Raum darin.

So auch in der Bibel. Liebe und Verrat, Habgier und Vertrauen, Flucht und Ankommen, Plage und Rettung, Krieg und Frieden, der Bibel ist nichts fremd was das Leben in Blitz und Donner treffen, zerreißen und behutsam wieder heilen kann. Ob es Könige oder Bettler, Ackerbauer und Viehzüchter, Fischer und Schreiber, Besitzer oder Obdachlose, Liebende oder Zürnende sind, ihnen allen ist die Unabwägbarkeit des Lebens und die innere Zuflucht in Dank und Bitte, Anklage und Flehen gemeinsam. Ihr Glaube, oder Unglaube, ist nichts zum einfach in die Taschestecken sondern ein Festhalten, Herumreißen oder rastloses Suchen in Fragen und Zweifel oder Ruhe und Loslassen. Davon erzählt die Bibel in zeitlosen Bildern. Über gute Jahre oder Jahre der Krise. Ein Buch des Lebens und der Ansprache an das Leben…

 

Konrad Schmid, Professor für Altes Testament und Frühjüdische Religionsgeschichte an der Universität Zürich wie Jens Schröter, Professor für Neues Testament und neutestamentliche Apokryphen an der Humboldt Universität Berlin legen mit „Die Entstehung der Bibel“ einen spannenden wie informativen Überblick über den Prozess der Entstehung, Auseinandersetzung und Auswahl wie Wirkungsgeschichte des jüdisch-christlichen Schriftenkanons vor. In acht Überblickskapitel gelingt eine kompakte Darstellung, die nicht zuletzt in ihrer Lebendigkeit des Erzählens beeindruckt.

 

„Die Entstehung der Bibel als spannender Prozess und Ansprache von Sinn und Zeit, Mensch und Wort“

 

Walter Pobaschnig 4_20

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„Nie auf die eigene Handlungsfähigkeit vergessen“ Katharina J.Ferner, Schriftstellerin, Salzburg 28.4.2020

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Grundsätzlich hat sich an meinem Tagesablauf nicht so viel geändert. Ich setze mich gleich in der Früh an den Schreibtisch, schreibe, lese, später mache ich Erledigungen, gehe raus, treibe Sport. Was schwieriger geworden ist, ist, die Herausforderung, nicht in einen Leerlauf zu verfallen. Die Inspirationen und zufälligen Begegnungen, die sich sonst auf der Straße und bei Veranstaltungen begeben, gibt es in einer gewissen Form auch im Netz, aber das ist selbstverständlich nicht mit dem persönlichen Kontakt zu vergleichen. Was sich gravierend verändert hat, ist, dass meine Reisetätigkeit von beständig auf null gesunken ist. Das stört die Arbeitsruhe insofern, weil die ständige Bewegung und Neuverortung Teil meines Schreibprozesses sind.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten. Geduld. Achtsamkeit. Solidarität.

Aber auch: kritisches Denken. Politisches Denken und nie auf die eigene Handlungsfähigkeit vergessen.

Katharina J-Ferner_ Foto_Mark Daniel Prohaska

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Gesellschaftlich fände ich es wichtig, die Berufe, die durch die Krise in den Fokus gerückt sind, nicht nur mit Dankesworten, sondern auch mit finanzieller Unterstützung und besseren Arbeitsbedingungen auszustatten. Die Aufwertung insbesondere im Gesundheitsbereich, und zwar gerade in jenen Bereichen, die gesellschaftlich sehr relevant sind, aber in öffentlichen Diskussionen gerne ausgeklammert werden, wie der Palliativbereich oder die 24-Stunden Pflege.

Im Kulturbereich sehe ich die prekären Verhältnisse einmal mehr aufgezeigt. Der Begriff der „Systemrelevanz“ ist nur eine der Wunden, die hier aufgemacht wurden. Eine Rolle für „die Literatur“ zu definieren finde ich schwierig, da ich mich auch hier an der Begrifflichkeit stoße. Literatur, so wie alle Künste, darf und soll sich auch keiner „Rolle“ zuordnen müssen.

Persönlich sehe ich die Sprache, aber als Möglichkeit, Anstöße zu geben und Themen anzusprechen, die nicht unter den Tisch fallen dürfen. Mit Corona verschwindet weder die Situation an Europas Grenzen, noch die Klimakrise. Eine klare Positionierung zu gesellschaftlichen und politischen Themen, kann ein gemeinschaftliches, kritisches und solidarisches Denken durchaus befördern.

 

Was liest Du derzeit?

„Die Erzählungen“ von Gabriel García Márquez.

„Tiefschwarz zu unsichtbar“ Gedichte von Isabella Feimer.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 „Lost ist nicht nur ein Raum, sondern auch ein Zustand. Verlorenheit im Inneren. Verlorenheit, die die letzten Stärkefünkchen auffordert sich auf den Weg an die Oberfläche zu machen. Am tiefsten Punkt liegt der alte Anfang, wartet wie ein Überwurf auf Tage voller Fragwürdigkeiten. Testen ob die Haut noch da ist, testen ob die Muskeln noch da sind, ob der Körper noch mitmacht. Unsicherheiten im Kopf ausbügeln. Konzentration. Den Tag- Nachtrhythmus einfangen.“

 Ein Zitat aus der Serie „Lost“ aus einer Zusammenarbeit mit dem Fotokünstler Yves Noir. https://yves-noir.de/lost.html

 

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katharina J.Ferner, Schriftstellerin

Lyrik: „nur einmal fliegenpilz zum frühstück“ Limbus Verlag

Prosa: „Wie Anatolij Petrowitsch Moskau den Rücken kehrte und beinahe eine Revolution auslöste.“ Roman. Verlag Wortreich

 

16.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Mark Daniel Prohaska

„Weisen wir unser Nazi- und Vernaderertum in Schranken“ Regine Koth Afzelius, Schriftstellerin, 27.4.2020

Liebe Regine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tag 36 in Isolation. Ich werde immer mehr zur Einsiedlerin. Die Stelle einer Schmuckeremitin gewinnt an Attraktivität. Langweilig ist mir nie, ich mag die Routine meiner Tage. Angebote, jemanden zu sehen, lehne ich mit der Coronagefahr ab. Wie mir überhaupt das Treffen anderer in der Rückschau hauptsächlich ein Entsprechen für deren Wünsche gewesen zu sein scheint. Der Hund haart, das ist ärgerlich. Sonst hat er keinen Fehler. Seiner Sehnsucht nach einem frühabendlichen Spaziergang über die Felder hinein in die Abendsonne komme ich gern nach. Alle paar Zeiten ein Gespräch über den Zaun mit den Nachbarn, über die Hühner, die Bienenstöcke, die Maßnahmen und die neuesten Erkenntnisse verschiedener Experten. Die umgekehrte Reihenfolge hinterließe wahrscheinlich einen harmonischeren Abgang beim Auseinandergehen, wie mir soeben bewusst wird. Dazwischen worke ich home, koche, schreibe am neuen Roman. Der Tag fängt an um 08:20, weil sich die Hendln gegen die Stalltür stemmen. Dann Kehrtwende ins Bett mit Kaffee, Kommunikation mit der Welt via Whatsapp und Facebook. Da ich verweigere, zu telefonieren, hat alles, was nicht schriftlich geklärt werden kann, es bei mir schwer.

 

Regine _Peter Hodina

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Maßen wir uns nicht gleich eine Meinung an. Das Beleuchten und Einengen des Virusverhaltens aus unterschiedlichen Richtungen kommt mir adequater vor, als zu glauben, man habe mit dem Festbeißen an einer Auffassung schon die Wahrheit gefunden. Aber es ist so symptomatisch! Bereits am Anfang der Pandemie empfand ich, meine Freunde durch ihr Krisenverhalten neu kennenzulernen: Realitätsverdränger, No-risk-no-fun-ler, Grippenvergleicher, Informierte & Informierende. Also bleiben wir nett zu Andersdenkenden, weisen unser Nazi- und Vernaderertum in Schranken. Dass wir jetzt übereinander herfallen wie Blockwarte, wenn wo wer zu viert auf einer Parkbank sitzt, finde ich hysterisch. Kultivieren wir Höflichkeit und Rücksicht. Ich merke hier im Ort beim Einkaufen, dass gerade mit Maske viel mehr angelächelt wird. Das macht doch Freude, bevor man ins stille Kämmerlein zurückkehrt. Und halten wir den Humor hoch, so hoch es geht!

 

Was wird für einen Neubeginn jetzt für Mensch und Gesellschaft, Mann und Frau, wichtig sein und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Ich war immer schon dafür, dass wir im Kleinen umsetzen, wonach wir im Großen schreien: Den Mikrokosmos pflegen und hätscheln, so liebevoll gestalten, wie man nur kann. Wenn jeder dieserart verfährt, gewinnt die Welt.

Was die Literatur betrifft, bieten Lesungen gute Möglichkeit zur Vermittlung unserer Texte. Daher hege ich vor allem Hoffnung, dass wir AutorInnen unsere Performance verbessern. Die Sprache ist der Leib des Denkens, sagt Hegel. Insofern ich nicht verstehe, dass so viele Ääähs und Ääähms vor, zwischen und nach den Aussagen kommen. Warum man sich eine Denkpause nicht still gönnt, anstatt der hässlichen Laute. Mich machen diese Schwa-Laute akustisch fertig.

 

 Was liest Du derzeit?

Auf meinem Nachttisch liegen ‚Die Tauben von Brünn‘ von Bettina Balaka, ‚Die Lichtsammlerin‘ von Beatrix Kramlovsky, ‚Der Herr Rudi‘ von Anna Herzig, aber auch Handke, Bernhard, Kafka, Nabokov. Ich denke, dass die alle im Schlaf in mich übergehen.

 

Welches Zitat, welchen Impuls aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

In Richtung eines geheimen Himmels zu fliegen.

Einhundert Schleier veranlassen, zu fallen,

und das jeden Moment.

Zuerst das Leben loslassen

und schließlich einen Schritt unternehmen,

ohne einen Fuß zu setzen.

Rumi schreibt dies über die Liebe. Mir sagt es aber auch etwas über den Tod. In jedem Fall hat es mit meinem kommenden Roman zu tun.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Regine, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman und alle weiteren Kunstprojekte und vor allem  persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Regine Koth Afzelius, Schriftstellerin, Künstlerin

Aktueller Roman: „Der Kunstliebhaber“ Rösner Verlag, 2019 

Weitere Informationen zur Autorin:  https://www.rka.at/aktuell/

 

16.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Peter Hodina

 

https://literaturoutdoors.com

 

„Vater Unser“ Angela Lehner. Roman. Hanser Verlag

 

„Vater Unser“ Angela Lehner. Roman. Hanser Verlag.

Wien. Ihr Name Eva Gruber. Sie hat jetzt die Hände auf den Rücken gebunden. Sitzt im Polizeiauto. Die schnelle Fahrt führt über die Hütteldoferstraße zur Psychiatrie am Hügel der Stadt, Richtung Westen. Der Untergang der Sonne. Uns so ist es auch jetzt für sie. Dunkelheiten. Oder war es nicht schon immer so? Ein Leben in ständiger anbrechender Dunkelheit?

Der Tagesablauf jetzt zwischen Therapiesitzung und Anweisungen täglicher Routine. Doch auch hier Bruder ist hier. Die Begegnung wird zur weitgehend stillen. So viel lastet auf ihnen…

In der Therapie kommt der Schrecken ihres Lebens zutage. Der verstorbene Vater, der die Tochter missbrauchte. Die tote Mutter. Aber vor allem der Grund, warum sie jetzt hier in der Psychiatrie ist. Ihr Mord an einer Kindergartengruppe. Mit einer Pistole, alle wurden erschossen…

Die Therapie setzt sich jetzt jeden Tag fort. Umrisse, Schatten und Schrecken, Lebens- Liebesversuche kommen zur Sprache, zu Wort und zu Tränen, vor allem zum Schweigen…

Doch wie geht es jetzt weiter mit Eva und ihrem Bruder? Gibt es einen Weg für sie? Welche Zukunft kann es sein?…

 

Die Klagenfurter Autorin Angela Lehner legt mit „Vater Unser“ einen fulminanten Roman als dramatisches Feuerwerk an Existenzanalyse, Gesellschaftskritik und Sprachgewalt vor. Der Roman fesselt vom ersten Satz an und katapultiert Leserin und Leser in die Lebens- und Familienabgründe einer jungen Frau und ihren Blick zurück auf Gewalt, Leiden und Ausweglosigkeiten.

 

„Ein Roman, der in Sprache, Dramatik und kritischer Gesellschaftsreflexion fesselt“

 

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„Wir leben gerade in einer Gesundheitsdiktatur“ Franzobel, Schriftsteller, Wien, 26.4.2020

 

Lieber Franzobel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht viel anders als sonst: Schreiben, Lesen, Sport, Kochen, Liebe machen und Schlafen.

 

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 Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir leben gerade in einer Gesundheitsdiktatur. Wichtig ist, dass wir uns die Kritikfähigkeit bewahren und keine Blockwartmentalität einreißen lassen. Wichtig ist auch, dass wir die nationale Eingrenzung wieder wegbekommen. Jetzt hat jedes Volk, was es sich gewählt hat, aber ich hoffe, es kommt wieder zu einer Öffnung, einer Renaissance der EU.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

 Es findet gerade eine enorme Digitalisierung statt. Alles findet online oder virtuell statt und ist somit auch kontrollierbar. Es ist wichtig, zum Gemauschel zurückzukehren, zum Recht zur Selbstzerstörung. Weg von der Gesundheitsdiktatur. Was diese Krise für mich bedeutet, kann ich noch nicht abschätzen, aber ich rechne mit einer wirtschaftlichen Katastrophe.

 

Was liest Du derzeit?

 Stephen King: The Stand.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 Kreativ und humorvoll bleiben, über die Wunder der Schöpfung staunen und das Leben genießen.

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Franzobel und viel Erfolg für Deinen  aktuellen großartigen Roman „Rechtswalzer“ , Hanser Verlag 2019.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Franzobel, Schriftsteller, Bachmannpreisträger 1995

 

Weitere Informationen: 

https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/franzobel/

 

14.4..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Franzobel