„Kunst sollte in der Gesellschaft etwas Heiliges sein“ Ina Riegler, Malerin_Kärnten_31.5.2020

Liebe Ina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Bei mir hat sich nicht viel verändert. Hauptberuflich arbeite ich derzeit in einem Kinderheim. Ich habe die Kunst nicht an einer Akademie studiert, sondern schon immer nebenbei gemacht und mir insgeheim gewünscht, dass ich mehr Zeit dazu hätte. Wir haben jetzt längere Dienste, in einem Turnusrad, um das Risiko zu minimieren uns gegenseitig anzustecken. Das ist sehr anstrengend und bringt mich oft an meine Grenzen. Dazwischen haben wir mehrere Tage frei. Diese freien Tage dieser Dienste haben mir sehr gut getan, da ich mich dann gut erholen konnte. Ich habe diese Tage genutzt, um mein Atelier, einen alten Stall in meinem Garten, zu renovieren.

Kunst mache ich, wenn ich frei habe. Im Normallfall beginnt, hier mein Tagesablauf mit einem guten Kaffee, meistens spiele ich dann Gitarre und singe dabei, das ist mein Morgenritual. Danach wecke ich meinen Sohn auf unter der Woche, damit er etwas Rhythmus beibehält und seine online- Hausübungen erledigt. Morgens mache ich etwas Sport. Danach beginnt von ca. neun Uhr bis Mittag meine produktivste Zeit. In dieser recherchiere ich, skizziere, schreibe und male. Danach Essen kochen, Haushalt, etc. Am Nachmittag habe ich eben an meinem Studio gearbeitet oder war im Garten. Abends habe ich entweder meine Freunde online „getroffen“, Serien oder Filme angesehen, oder gelesen.

Ina Riegler

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zusammenhalt. Demonstrationen. Demokratie. Einhaltung der Menschenrechte. Ein System, das die Arm-Reich Schere nicht noch größer macht und sozial Schwache noch mehr benachteiligt bzw isoliert. Sich nicht von der kollektiven Angst anstecken zu lassen, innere Ruhe und Rhythmus zu bewahren. Da ich der Kunst nicht hauptberuflich nachgehe, war ich auch nicht so betroffen, da ich ja mein Geld mit meiner anderen Arbeit verdiene. Für viele Künstler/ innen die ich kenne, war es allerdings sehr schwierig, da sie große Existenzängste hatten bzw. haben. Ich finde, aus einer Krise lernt man im Besten Fall immer etwas. Die Reduktion auf das Wesentliche hat mir einiges aufgezeigt.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Kunst sollte in der Gesellschaft etwas Heiliges sein. Im Moment wird sie aber ausgeklammert. Man sperrt große Konzerne wie den Ikea auf, lässt die Leute aber nicht ins Theater gehen. Das ist eine Tragödie. Wesentlich wird dabei sein, wie man politisch damit in Zukunft umgeht. Für mich ist die Kunst überlebensnotwendig.

 

Was liest Du derzeit?

Mehreres parallel. Das beste Buch das ich gerade lese ist das „Buch der Symbole“. Hier geht es um Betrachtungen zu archetypischen Bildern, sehr umfangreich, ein wunderschönes, umfassendes Wissen nahezu aller Zeiten und Kulturen/ Kategorien. Dann habe ich auch gerade eine Biographie von Maria Lassnig fertiggelesen. Ich lese aber auch Fachliteratur, Fachliteratur der Psychologie mit Kindern im Moment, da mich das für meine Arbeit brauche.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Don´t stay inside!

 

Vielen Dank für das Interview liebe Ina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ina Riegler, Malerin

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„Ousia“, Gedichte_Verena Stauffer. Kookbooks.

 

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Was Poesie an Zärtlichkeit, Kraft und Reflexion zu schenken und zu öffnen vermag, zeigt dieser Gedichtband in Stille, Feuer und Geheimnis. Verena Stauffer ist ohne Zweifel eine der interessantesten und  innovativsten PoetInnen der Zeit. Ihre Sprache ist Dynamit in allem. Sie verbindet einzigartige Sprachvirtuosität, Intellektualität und ästhetisches Experiment und nimmt große Traditionen der Poesie in eigenständiger Weiterentwicklung und Kontur auf. Es geht in jedem Wort um Mensch und Sinn wie neue literarische Formsuche.

 

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Wie Rimbaud lenkt die Autorin den Blick auf das Spiegelbild des modernen Menschen und gibt diesen als Papierschnitt vor dem flackernden Laternenlicht seiner Triebe und Antriebe frei. Ein gnadenloser Blick auf das Alltägliche, die Routinen und Verkleidungen der Welt, die Täuschungen und Projektionen der „abgeschnittenen Köpfe“.   Verena Stauffer zerfetzt dieses dünne Papier moderner Identität und blickt dahinter auf die „ousia“, das Wesen von Existenz und Sein. Nicht die „gnosis“, die Erkenntnis, ist dabei der Weg sondern das Hinaustreten über erstarrte Formen und Schatten von Existenz hin zum Licht, zum Feuer. Das Wort reißt Verständniswege an sich und schöpft diese aus Geheimnis und Kraft der Erde. Dem Saft der Welt. Davon gilt es zu trinken, um zu leben, um zu überleben und weit darüber hinaus zu greifen – zur Liebe.

 

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„Das Ich ist ein anderer“ schrieb Rimbaud und setzte Wege von Exzess und Erkenntnis hinzu. Verena Stauffer nimmt denselben Ausgangspunkt der Ich-Analyse – fragt aber danach nach der Kraft des „Leuchtens“ des Menschen. Nach dem Entzünden und der Vision, welcher der Mensch zu folgen imstande ist. Nach Heilung in Prozessen der Zerstörung.

 

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Die Antwort selbst liegt in der eigenen Sprache und Ansprache von und zu Natur, Mitmensch und Liebe. Hier liegt der Exzess im Sinne des Heraustretens aus Erstarrung. Natur und Leben werden im neuen, gereinigten Sehen des Menschen erkannt und belebt – „ousia“. In Schmerz, Trost, Freude und Ekstase. Die Autorin bleibt bei diesem unmittelbaren Erkenntnis- und Erlebniszug des Menschen ohne Traditionen der Geistes- und Religionsgeschichte in eine Synthese bringen oder aufzulösen zu wollen. Es geht um Vollzüge und Fragen zu und mit dem was unmittelbar ist. Um die Geheimnisse des Lebens  in Reflexion und Transformation.  Hier schließt Verena Stauffer an die Bildgewalt eines Georg Trakl oder Christine Lavant an und setzt dabei in ganz außergewöhnlicher Aufmerksamkeit und Phantasie kraftvolle Sprachbilder, um das stille, stumme Ringen des Menschen zwischen Erde und Himmel zu umreißen.

 

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Einen Kampf von Existenz und Kontexten der geistigen Sozialisation der Zeit kennt Verena Stauffer im Unterschied zu Rimbaud explizit nicht, sondern es geht um den Kontext von Welt innerhalb und außerhalb von Zeit und Raum an sich – im Prozess eines persönlichen Lebens in Kopf und Körper, hier und jetzt, in Licht und Schatten. „Une Saison en Enfer“ ist bei Verena Stauffer nicht eine begrenzte Lebensetappe sondern eine Gegensätzlichkeit, ein Schattenspiel, das lebenslänglich währt und nach Mut, Erkenntnis und Weg verlangt. Der Saft der Erde kann verschlingende Dunkelheit oder Feuer und Wärme sein. Darin gilt es zu sehen und zu bestehen. Jedoch nicht allein. „ousia“, das bedeutet auch Schutz und Hilfe. Die Natur hat, wie bei Christine Lavant, Ansprache und Injektion im täglichen Suchen, Finden, Verlieren und Hoffen. Wie die Liebe.

 

 

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„Wir werden leuchten“ – Der Mensch und die Welt sind auf Messers Schneide und Verena Stauffer setzt den furiosen sprachlichen soundtrack dazu – die Poetin als wiederentdeckte Seherin.

 

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Verena Stauffer

 

Ousia, Verena Stauffer, Kookbooks, 

http://www.verenastauffer.at/wordpresshome/

 

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Hikikomori _Fulminante Premiere_ TheaterArche, Wien, 29.5.2020

Eine Matratze. Die Bettwäsche von damals. Wenn Sie erwacht ist die Kindheit um sie. Jeden Tag. Der Spielteppich. Die Kinderküche. Da gibt es kein Fenster und keine Türe mehr. Das Draußen ist weit weg von ihr.

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Den Weg in die Erwachsenenwelt hat sie verbarrikadiert mit ihrer Kindheit. Niemand betritt diesen Raum, in dem sie schläft, spielt, träumt. Die Zeit und die Welt um sie aufhält.

 

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Sie will nicht mehr weiter. Zu Arbeit und Aufgabe. Zu Wecker und Stechuhr. Anspruch und Leistung. Bewerbung und Bewertung. Höher und weiter. Nein. Damit ist jetzt Schluss.

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Der Zahnputzbecher kommt wieder aus der Kinderküche. Danach wird „Für Elise“ am Keyboard gespielt. Wie damals. Und dann Saxophon. Und dann die Seife. Waschen und waschen. Wegwaschen. Das Erwachsensein. Das Alter. Die Familie. Das Sein und das Nichts. Diese Welt draußen.

 

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Doch dann kehrt die Bilderwelt und die Maschine im Kopf zurück. Schattenbilder und Gespenster des schnellen, zu schnellen Wachsens von allem. Das verlorene Hier und Jetzt.

 

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Lass` mich schreien, singen, lachen, tanzen – spielen.

 

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Wer bin ich eigentlich? Ist es in meiner Kindheit zu finden?…

 

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Hikikomori

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In seiner aktuellen Produktion „Hikikomori“ begeistert Regisseur und Theaterdirektor Jakub Kavin mit dem  „TheaterArche“ Wien wiederum mit tiefgehender zeitkritischer Bühnenarbeit.

In „Hikikomori“ wird das Phänomen moderner Isolation und Regression exemplarisch zum famosen Solo-Bühnenspiel, das über gegenwärtige weltweite Erfahrungen von „physical distance“ gesellschaftskritisch hinausweist.

Hikkomori“, Text von Sophie Reyer und Thyl Hanscho, wird zur beklemmend anschaulichen Fragestellung von Identitätsverlust und Fluchtmechanismen modernen Menschseins. Die Inszenierung des inneren Dramas von Isolation in allen Sehnsüchten, Erinnerungskämpfen und Ablenkungsversuchen greift die aktuelle Corona-Krise in ihrer Kernfragestellung nach unserem Menschwerden, Menschsein und Menschbleiben in der Welt schonungslos auf. Was lässt uns wachsen oder scheitern? Was gibt uns Raum und Richtung oder setzt Enge und Isolation? Regisseur Jakub Kavin gibt diese wesentlichen Fragen einer Gesellschaft in der Krise mit und öffnet damit eine wichtige tiefere Reflexionsebene von Psychoanalyse und Kulturkritik. Ein genialer Kunstgriff.

Die Schauspielerin Manami Okazaki begeistert mit einer eindringlichen variantenreichen Darstellung, die vom ersten Moment an in den Bann zieht und staunen lässt. Diese Schauspielerin ist zweifellos eine Bühnenentdeckung des Jahres und wir dürfen gespannt auf ihre weiteren Rollenwege sein.

Hervorzuheben ist auch das Bühnenbild, welches in Ansprache und Ausdruck wesentliche tragende Säule von Spiel und Wirkung ist. Auch hier leisten Bernhardt Jammernegg und Jakub Kavin großartiges.

 

„Hikikomori“ ist ein fulminanter Theaterstart in einer gesellschaftlichen Ausnahmesituation und setzt in Reflexion und Darstellung Maßstäbe. Theater lebt – und wie!

 

 

Hikikomori

 

Eine TheaterArche Produktion

Schauspiel: Manami Okazaki

Regie: Jakub Kavin

Autor*innen: Sophie Reyer, Thyl Hanscho

Musik: Manami Okazaki

Regieassistenz: Odilia Hochstetter

Bühne und Technik: Bernhardt Jammernegg, Jakub Kavin

Visuals: Jakub Kavin

Gemälde: Hiromitsu Kato (https://hirokato.info/)

 

Premiere am 29. Mai 2020 um 20 Uhr

  1. und 30 Mai um 20 Uhr

dann jeweils Donnerstag, Freitag und Samstag bis 4. Juli

also am: 4., 5., 6., 11., 12., 13., 18., 19., 20., 25., 26., 27. Juni jeweils um 20 Uhr

und am

2., 3., und 4. Juli um 20 Uhr.

 

TheaterArche

Münzwardeingasse 2a, 1060, Wien.

office@theaterarche.at

 

 

Walter Pobaschnig, 29.5.2020

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„Niemand sollte auf der Strecke bleiben, auch wenn es utopisch klingt“ Raoul Eisele, Schriftsteller_Wien 30.5.2020

Lieber Raoul, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Grundsätzlich bin ich eher ein strukturierter Mensch, ich versuche, meinen Tagesablauf aufrecht zu erhalten und zu arbeiten. Da ich u. a. auch ein Nachtmensch bin, liegt mir das frühe Aufstehen nicht ganz so, trotzdem versuche ich schon vormittags, nach meinem ersten Kaffee, mich hinzusetzen und zu schreiben.

Literatur ist für mich wie viele andere Kunstsparten ein Handwerk, welches gepflegt werden muss und gerade in dieser Zeit, die für viele eine Erschwernis schafft, um sich überhaupt mit ihrer Kunst zu befassen, ist es umso wichtiger am Schreiben und an der Literatur festzuhalten. Natürlich ist es nicht so, dass man jeden Tag gleich gut in den Schreibprozess hineinfindet, wir sind alle keine Maschinen und jede/r AutorIn kennt die Situation von Schreibblockaden vermutlich nur allzu gut, glücklicherweise hilft mir mein Tagesablauf etwas dabei, um nicht all zu sehr in dieses Loch zu fallen. Mein Tagesablauf ist also bestenfalls mit Schreiben, Lesen, ein wenig Spazieren oder Laufen gehen, gefüllt.

Die ersten Lockerungen halfen mir auch sehr, wieder festen Boden unter den Füßen zu gewinnen. Sich mit Menschen treffen zu dürfen, die einem am Herzen liegen, auch wenn man dies immer noch mit Vorsicht genießt, verschönert den aktuellen Alltag nur allzu sehr.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zusammenhalt. Nicht nur innerhalb der Kunst- und Kulturszene, die gerade stiefmütterlich behandelt wird, sondern auch global gesehen. Es gilt, auf Menschen zu schauen, die kein Dach über dem Kopf haben, die auf der Flucht sind, die sich in existenziellen Nöten befinden, die verhungern – niemand sollte auf der Strecke bleiben, auch wenn es utopisch klingt.

Zusammenhalt ist für mich aber allgemein ein überzeitliches Thema und sollte daher immer gelebt werden.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Literatur, ebenso wie jede andere Kunstrichtung, hatte immer schon den Zweck sich kritisch, humoristisch und reflektiert mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinanderzusetzen; so ist es auch bei einem Neubeginn bzw. einem Aufbruch. Wenn die Literatur daran festhält, denke ich, dass ein Verarbeiten jener Zeit, eine Auseinandersetzung mit problematischen Situationen zu neuen Sichtweisen und Erkenntnissen führt und ein Blick geschaffen wird, der vielen zeigt, dass man nicht alleine war, dass es vielen ähnlich ging, dass man im besten Fall auch Veränderung, ein Umdenken in der Gesellschaft, im Allgemeinen schaffen kann.

Schreiben hat aber auch immer eine heilsame, therapeutische Wirkung, somit denke ich, ist auch dies ein wesentlicher Aspekt für AutorInnen und für die Literatur. Wenn es also gelingt, sich mit Ausnahmesituationen wie diesen zu befassen, dann ist dies für einen Neubeginn, für einen Aufbruch in einem selbst ebenso essentiell und hilfreich.

 

 

Was liest Du derzeit?

„es fehlt viel“, Katherina Braschel

„Ousia“, Verena Stauffer

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr die Angst spürt, […] ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen. Denn es brennt.“ – Greta Thunberg

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Raoul, viel Freude und Erfolg für Deinen aktuellen Lyrikband  wie alle weiteren Schreibprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Raoul Eisele, Schriftsteller

Aktueller Gedichtband: „morgen glätten wir träume“ (Edition Yara, 2017) 

 

 

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„Fremdes Licht“ Michael Stavaric. Roman. Luchterhand Verlag.

 

„Fremdes Licht“ Michael Stavaric. Roman. Luchterhand Verlag.

Die Kälte hält sie fest in ihren umklammernden Händen der Starre, Stille und Hilflosigkeit. Die Welt draußen ist zur unberührbaren geworden. Gedanken an den Tod kreisen im Kopf. Zurückgeworfen auf Erinnerungen. Träume von Wärme und Nähe. Alle Ablenkungen sind willkommen. Etwa Mythologien Alter Kulturen und deren Wegen der Deutung des Unsagbaren, des Unabwendbaren, des im Erleben Erleidenden. Wikinger, Inuit, die Alte Welt. Vergangen…

Doch auch die Neue Welt ist jetzt eine vergangene. Die Lichtkriege. Dann der Komet. Die Versuche sich im Flugschiff zu retten. Sie war in der Forschungsabteilung. Bis das endgültige Unglück geschah…

Jetzt erinnert Sie sich an den Großvater, an das gemeinsam geschlagene Eisloch, um Roben und Wale zu beobachten. Das hilft jetzt im Kampf gegen den Schnee, um zum Licht zu kommen. Um zu sehen, wo Sie jetzt ist. Wird Sie es schaffen? Was wird sein, wenn jetzt nichts mehr ist wie es war…

 

Michael Stavaric legt mit „Fremdes Licht“ einen Roman vor, der zunächst in seinem dystopischen Charakter des Verschwindens und Annäherns von Welt erstaunlich aktuell und in vielem der Realität assoziativ nahe ist.

Die Geschichte selbst hat eine außergewöhnliche Sprachdynamik, die Leserin und Leser von Beginn an fesselt. Der Autor versteht es meisterhaft Spannung und Neugierde zu erzeugen und gebannt den Fortgang zu erwarten. Und dieser ist ein in persönlichen Erinnerungen an den Großvater, Kulturen und Träumen, wie Hoffnungen und kritischen Blicken auf die Entwicklungen moderner Welt in Fortschritt in Gefahr. Dies umgibt als feines Lebensgewebe wie kritische Reflexion das reale und psychologische Überleben der jungen Forscherin.

 

„Ein Buch, das in vielem die Realität beklemmend spiegelt und in einmaliger Erzählkraft überzeugt“

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„Ich glaube nicht an DEN Neubeginn“ Caca Savic, Schriftstellerin_Berlin 28.5.2020

 

Liebe Caca, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Arbeit wurde plötzlich sichtbarer. Ich bin tagsüber nicht mehr allein, obwohl kein Besuch kommt.
Im Yoga-Hund zwischen Schreibtisch und Schultisch.
Im Livestream baue ich Szenen meiner Ichs nach. Mal mit Schnurrbart vor dem Bücherregal, aber auch im Badezimmer und in der Badewanne.
Ich zähle die Jogger auf der Straße, keine Hamsternden mehr.
Die sterile Handrückenhaut reißt, auf Papier scheinen Schuppen zu sein.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe zum Denken, Solidarität. Und zwar Branchen und Grenzen und Geschlechter und Sprachen und Alter übergreifend. Eh wie immer.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Ich glaube nicht an DEN Neubeginn. An EU-Außengrenzen stehen immer noch Menschen und wir stehen vor den Shopping Centern.
Wir sind doch in Kontexten, kommen von irgendwoher und gehen in die Zeit weiter. Die Literatur kann das nicht alles überschreiben, aber vielleicht übertreiben. Sie baut Räume und braucht Zeit und Interesse.

 

Caca Savic

 

Was liest Du derzeit?

Sabine Scholl, Anna Herzig, Friederike Mayröcker, Marlene Streeruwitz, Martin Peichl, Gottfried Benn, Saša Stanišić, David Albahari, James Baldwin

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vielleicht kann die Poesie gar keine Wahrheiten sagen; aber sie kann wahr sein, weil die Wirklichkeit, die mit den Worten folgt, wahr ist.
(aus: Der Geheimniszustand, Inger Christensen)

 

Vielen Dank für das Interview liebe Caca, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen: 

Caca Savic, Schriftstellerin

 

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„Die Chance etwas zu verändern, endlich Auf- und Auszubrechen war selten größer“ Lisa Habermann, Schauspielerin_ Volksoper Wien, 27.5.2020

Liebe Lisa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesrhythmus hat sich sehr in Richtung Abend/Nacht verlagert. Wenn ich es nicht schaffe um 23:00Uhr ins Bett zu gehen, bekomme ich einen kreativen Schub, eine Art Aufregung, die mich bis spät nachts wach hält. Ich liebe die Ruhe der Nacht. Den Pflichten des Tages enthoben, habe ich große Freude daran, zu arbeiten. Mit meinen Gesangsübungen muss ich allerdings bis zum nächsten Morgen warten, leider.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, die Dinge die uns eigentlich gut tun, drängen sich in der erzwungenen Leere regelrecht auf. Wenn man es erst geschafft hat, alle Schuld nicht arbeiten zu können, wie man es gewöhnt ist, abzulegen, entsteht der Raum im Kopf um Ideen oder lang ersehnte Wünsche wahrzunehmen. Oder man bemerkt, welche Dinge man zu lange aufgeschoben, sich aufgehoben hat, was es zu klären gibt. Wenn man diese Situation gut für sich nützt, bringt man sich so, Schritt für Schritt bei, sich selbst, aus eigener Kraft, zu helfen.

 

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst an sich zu?

Ich komme aus dem Bereich des Musiktheaters und meines Empfindens nach, stand hier schon lange eine Veränderung an, eine Entwicklung oder viel mehr ein Umdenken. ‚Musical‘ ist Teil der Unterhaltungskultur und wurde, meiner Meinung nach, leider des Öfteren eher als Quoten Verbesserer missbraucht und DAS, was die Kunst der Unterhaltung ausmacht ist es, die Menschen zu berühren. Man darf die Theaterbesucher nicht als die Masse verstehen, die es zu unterhalten gilt und sich anmaßen zu wissen was ‚Man‘ sehen möchte, sondern sich wieder darauf besinnen was ‚Man‘ als einer von Allen, erzählen möchte, welche Geschichte uns gerade Jetzt besonders berührt, oder entlastet, oder mitfühlen lässt. Wir wollen alle Fühlen. Das wurde in den letzten Wochen doch sehr klar. Wir suchen nach Empfinden, nach Zusammenhalt, Gemeinsamkeit, Verbundenheit und einer spannenden neuen Perspektive. Die Chance etwas zu verändern, endlich Auf- und Auszubrechen war selten größer.

 

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Was liest Du derzeit?

Ich habe mich natürlich mit Ingeborg Bachmann beschäftigt und nach – „Der gute Gott von Manhattan‘- angefangen Ihre Liebesbriefe an und von Paul Celan zu lesen genannt – „Herzzeit“ –

Ebenso eine Einführung und Interpretation der Arbeit von Kafka und die Kurzgeschichte – Leben und Schreiben –

Sowie – Haben und Nichthaben – von Ernest Hemingway

 

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Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Meine Mutter hat mich gestern mit einem wunderschönen Zitat von Ingeborg Bachmann beschenkt.

„Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“

Also: Back to school, sag ich nur.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen: 

Lisa Habermann, Schauspielerin

https://www.volksoper.at/volksoper_wien/ensemble/solisten/Habermann_Lisa.de.php

 

20.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Bagage“ Monika Helfer. Roman. Hanser Verlag

 

 

1914. Die Welt in Bewegung. Politik und Poker. Eitelkeit und Untergang. Hier am Berg ist das Leben was es ist. Das tägliche Erwachen zwischen Familie und Wäsche. Im Bett gibt es so wenig Platz wie in allem und für alle hier. Der Mann hat das Sagen. Oder das Schweigen. Und das kann ein Leben lang sein, hier im Dorf. Wie das Reden unten im Tal über die „Bagage“.

Dazwischen der Blick ins Weite, oben und unten, wenn die weiße Wäsche im Wind vor dem Haus weht und das Kind das Leben zeichnet. Doch der Stift ist ein Nagel. Des nicht Loskommens und der Kreuzigung. Das Müde sein, das Augen schließen am Abend, das ist alles. Das wenige Leben festhalten. In Dunkelheiten. Im Schwarz der Haare.

Dann der Brief. Der Krieg beginnt. Da wird auch vor der „Bagage“ nicht Halt gemacht. Der Postadjunkt kommt mit dem Fahrrad. Josef, der Hausherr, tauscht jetzt die Waffen und das Feld. Maria wird allein mit den Kindern sein und es wird auch eine Freiheit sein. Wie immer nur bis zum Morgen. Das muss genügen für ein Leben lang. Eine Nacht lang…

 

Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer lässt in Ihrem neuesten Roman Leserin und Leser in gewaltiger Sprachkraft begeistert in die ländliche Lebensrealität des beginnenden 20.Jahrhunderts eintauchen. Es ist die direkte unmittelbare Form des Erzählens, die Seite um Seite gleichsam wie in einem Familienalbum blättern lässt und bis zum mitreißenden Romanfinale nicht loslässt.

Ein besonderes Stück Literatur in bester narrativer Energie, die durch und durch elektrisiert. Die große Aufmerksamkeit für das Leben und seine Wirkmächtigkeit über Generationen hinweg wird hier außergewöhnlich in Worte gefasst.

„Ein faszinierender Roman, der dramatisch am reißenden stummen Fluss des Lebens teilnehmen lässt“

 

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„Es ist eine Zeit des schärfer werdenden Bildes“ Tamara Stajner, Musikerin, Autorin, Performerin _ Wien 27.5.2020

Liebe Tamara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das Vertraute hat sich vor sechzig Tagen aufgelöst. Bis dahin wurde meine Zeit von Säulen in Form von Konzerten, Tourneen, Performances, Kunstprojekten, Aufnahmen und Unterricht getragen, die sich von Woche zu Woche in wandelnden Tageskompositionen manifestierten. Diese tief verankerten Tragemauern wurden durch das vom Virus losgelöste strukturelle Gewitter abgerissen. Das Neue hat noch keine greifbare Form, ich ahne bloß die schattenhaften Umrisse.

Zu Beginn war es, als würde ich von einem ausgebrannten Aschefeld aus in den Tag schauen; ein in sich gekehrter Horizont ohne sichtbare Ankerpunkte des Altvertrauten. Die radierte Zeit stand leer vor mir, mein Terminkalender bis in den Herbst gelöscht. In den ersten Wochen breitete sich eine Lähmung über mein gesamtes Dasein aus; ich beobachtete, nahm wahr, suchte nach einem Halt, einer Orientierung, die Erstarrung der Außenwelt spiegelte sich in meiner inneren Welt wider, die Tage zerbrachen, glitten mir durch die Finger, ließen sich nicht fangen.

 

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In jenen Märztagen waren der klarblaue Himmel und die Vogelstimmen aus dem nahen Schönbornpark das Natürlichste; beides nahm ich verstärkt wahr, wenn ich morgens noch im Bett liegend die Vorhänge zur Seite schob und mich das in der Frühmorgensonne glänzende Gold der Jugendstilfassaden des Hauses gegenüber blendete. Die Dauer änderte sich, die Zeit dehnte sich, wurde nackt, enthüllt, die Sinneswahrnehmung klarer, die Stimmen transparenter, die Farben plastischer, die Gerüche eindringender. Erst die Worte Paul Celans, die Zeit kehrt zurück in die Schale, halfen mir zu meiner eigenen Rückkehr in mich selbst.

Seitdem konnten sich bloß zwei gleichbleibende Elemente des Tages durchsetzen; das erste der Morgen, der kurz vor fünf Uhr Früh anfängt, eine Zeit des Wachwerdens, in der mir das Bewusstsein Verborgenes, Dunkles zuflüstert, die Vergänglichkeit fataler erscheint als später am Tag, manchmal versuche ich nach diesem leisen Morgengeflüster wieder einzuschlafen, zumindest mit geschlossenen Lidern zu liegen, doch meistens stehe ich auf; die Morgengrauenstunden, die mir das Gefühl geben, meiner eigenen Zeit im Voraus zu sein, waren mir immer die wertvollsten. Ich öffne die Fenster, lasse die feuchte Morgentauluft aus dem Schönbornpark hinein fließen, dehne mich lang, dusche kalt, während der Kaffee kocht, trinke wie jeden Morgen meinen Gemüse-Obst-Zaubertrunk und tauche danach die vier Datteln eine nach der anderen in den Kardamomkaffee. Bei der vierten hört das erste Element des Vorhersehbaren an meinem Tagesablauf auf und geht in das zweite, den Hunger, über. Ein Hunger, der nicht mit dem Essbaren zu stillen ist, ein uralter Hunger nach Empfinden, Erleben, Verbinden, der Hunger nach Schönheit des Seins, der mich dazu zwingt, meine Lebensweise in einen fortwährenden, unaufhörlichen Arbeitsprozess, in einen ästhetischen Kosmos zu verwandeln; sein Schauplatz das Florianigassenland.

 

Wenn die Idee reif ist und die Phase eines intensiven Arbeitsprozesses einsetzt, dann bin ich wie gefesselt davon, bis ich es vollendet habe, so kann ich leicht schnell und zielgerichtet sein, kann wochenlang, monatelang, in meiner eigenen Zelle eingesperrt arbeiten ohne dabei müde zu werden. Doch wenn die Idee noch im Kokon reift, dann ist die Gangart eine andere, kreisende, entgleisende, ich verliere mich in Fragmenten, im Waldgeflecht der inneren Impulse, ich suche, warte, versuche.

Inmitten dieser Kreise und Entgleisungen befinde ich mich derzeit. In der Vielschichtigkeit meiner Medien ist es immer eines, das dominiert; manchmal führt das Schreiben, dann wiederum Musik, performative Arbeit, oft ist es der schlichte Nebengedanke eines Dritten, auf dem mein Bewusstsein hängen bleibt und daraus neue Impulse schöpft, oder ein Bild, das die Wellen in mir loslöst, es gibt Tage, an denen von außen betrachtet gar nichts geschieht; ich bewege mich punktuell durch den Raum, vom Sessel zum Sofa, ausharrend wie eine Hochschwangere und ich weiß, dass es im Inneren brüht; all diese Zustände verflechten sich wie Fäden hinter dem Schein einer realen Welt ineinander, führen mich intuitiv weiter, bis das Kind reif ist.

Am späten Nachmittag unternehme ich ausgedehnte Spaziergänge, versuche einen unbekannten Weg zu nehmen, doch immer denselben gehe. Der Tag bestimmt alleine seine Färbung, ich empfinde mich dabei als Medium, durch das sich eine der unzähligen Lebensweisen äußert. Zweifle viel, lache viel; bevor ich einschlafe, bin ich nie satt. Früher war es die Mutter, die mir eine Geschichte am Bett vorlas, jetzt ist es die Stimme eines Hörbuchs, die mich vom Rand des Bettes in die Nacht begleitet.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein paar Werkzeuge aus meinem Hexenkessel:

  1. Die Joker-Karte: Humor
  2. Wenn diese verliert: Ein Schlupfloch, einen Zufluchtsort finden, daraus die Außenwelt als Reflexionsfläche der inneren betrachten, die Übungsfelder erkennen, wertfrei den Status Quo betrachten. nach dieser Bestandsaufnahme in Zuwendung bleiben.
  3. Dorthin gehen, wovor man Angst hat; zulassen, fühlen, loslassen. Sich der eigenen Vergänglichkeit und der der Umgebung wieder bewusst werden, die Qualität der Zeit erkennen, mit Veränderung mitgehen, nicht festhalten.
  4. Lieben, den physischen Körper aktivieren, Routinen brechen, Routinen etablieren, Glückshormone aufwecken.
  5. Kinder beobachten.
  6. Einen Film anschauen, wenn der eigene unausstehlich wird.
  7. Meistens wird danach einem die zweite Joker-Karte zugeworfen. Diese gewinnt.

9.Thomas Bernhard – Monologe auf Mallorca. Ein Lachfaltenzauberer.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, der Kunst zu?

Literatur, Musik und Kunst sind primärste, ursprünglichste Lebensäußerungen durch Sprache, Klang und jede andere Art ästhetischer Manifestation. Sie berühren, begeistern – bewegen den Geist.

Wir erfahren eine Verschiebung, die uns fremd ist; wie wenn ein Kind aus einer vertrauten Welt gerissen wird und in eine versetzt, die zwar ähnlich, sogar gleich aussieht, und doch anders funktioniert. Das Kind beobachtet die neuen Umstände, orientiert sich, hört zu, schmeckt, riecht, nähert sich an, weicht zurück, urteilt nicht, nimmt sich Zeit, solange es will, da es ohnehin in der Zeitlosigkeit lebt. Wenn es bereit ist, beginnt es die neuen Elemente miteinander zu verflechten, Geschichten zu erfinden, Sandschlösser zu bauen, es läuft zu anderen Kindern, lädt sie ein in sein undefiniertes Universum, zwanglos spielt es im Neugut, ohne zu wissen, was es ist, ohne Bedürfnis nach Klassifizierung.

Wir Künstler dürfen uns an dem Kindsein orientieren, beobachten und vertrauen, dass die Zeit, die scheinbar an uns vorbei gleitet unsichtbare Spuren in die Zellen eingraviert, die Samen zum Keimen einlegt, die sich später, wenn es Zeit ist, in einer künstlerischer Form manifestieren werden.

Es ist eine Zeit des schärfer werdenden Bildes, die Elementarteilchen werden durchsichtiger, die Gesellschaftskonturen präziser; wie bei der Restaurierung eines Kunstwerks enthüllt sich die Originalsubstanz.

Nach sechzig Tagen, seitdem die Zeit zurück in die Schale gekehrt ist, wie ich gerne an Celans Worte denke, kann ich immer noch keine klassische Musik hören, auch spielen fällt mir schwer. Als würde ich an einer Wunde reiben, eine Welt wachrufen, die still steht und dabei essenziell ist, zurückkommen wird, doch wer weiß, wie. Musik ist Schwingung. Während eines Konzertes synchronisiert sich das Bewusstsein der Zuhörer auf eine gemeinsame Frequenz, wodurch ein gewaltiges Transformationspotenzial entsteht. Ohne Kunst, ohne Literatur, ohne Musik kommt es in der Gesellschaft zu einem unnatürlichen, befremdlichen Stillstand.

Der Wahlspruch der Secession, Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit, lebt auf, bloß diesmal in einer neuen Ordnung: Der Kunst ihre Zeit, der Zeit ihre Freiheit.

 

 

Was liest Du derzeit?

Ich lese und höre. In meinem Hörbuch Repertoire befindet sich eine Sammlung, die mich in täglichen Fragmenten begleitet, einige daraus: Holzfällen. Eine Erregung und Alte Meister von Thomas Bernhard, großartig von Thomas Holtzmann vorgetragen, ein garantiertes Lachprogramm, genauso lache ich auch beim Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld, vorgetragen von Peter Simonischek und Gert Voss, problemlos weiter. In die Herzzeit, den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, gesprochen von Johanna Wokalek und Jens Harzer, habe ich mich während des vergangenen Sommers in Portugal verliebt und auf meinen Spaziergängen durch Porto fortwährend den Stimmen der beiden gelauscht. Seitdem ist Porto für mich mit Ingeborg und Paul durchwebt, höre ich die Herzzeit in Wien, so weiß ich genau, wo, an welcher Stelle der Stadt ich dieselben Worte in Porto gehört hatte. Auch den Briefwechsel zwischen Peter Handke und Siegfried Unseld, von Jens Harzer und Ulrich Noethen gesprochen, höre ich mir immer wieder an. Das für die beiden Ohrmuscheln. Wenn ich nicht höre, dann lese ich derzeit in Camus Die Pest, Kunderas Das Buch der lächerlichen Liebe, Musils Der Mann ohne Eigenschaften und zur Entspannung in einem Buch über das Beziehungs-Burnout.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 Warum bin ich ich und warum nicht du?

Warum bin ich hier und warum nicht dort?

Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?

Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?

Ist was ich sehe und höre und rieche

nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?

Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,

die wirklich die Bösen sind?

Wie kann es sein, daß ich, der ich bin,

bevor ich wurde, nicht war,

und daß einmal ich, der ich bin,

nicht mehr der ich bin, sein werde?

 

(Peter Handke, Lied vom Kindsein)

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Tamara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielseitigen Musik-, Schreib- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tamara Stajner, Musikerin, Schriftstellerin, Performerin

http://www.tamarastajner.com/

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Romanschauplatz „Malina“_Wien 15.5.2020

 

 

16.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Wir sind alle systemrelevant“ Isabella Jeschke, Schauspielerin_ Wien 26.5.2020

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ohne Wecker aufstehen, meinen Basilikum gießen, meistens Kaffee trinken und eine Runde laufen gehen, ich lese zurzeit viele Zeitungsartikel und schaue mir viele Dokus an über Raum und Zeit, das beamt mich woanders hin und ich merke wie klein wir eigentlich sind und dass es so viel gibt, das wir nicht wissen, das beruhigt mich seltsamerweise dann auch wieder sehr, weil es vieles so zunichte macht. Ich entwickle Ideen für neue Projekte und koche sehr viele Rezepte mit Teig, weil ich schon immer mal wissen wollte wofür ich glattes und wofür ich griffiges Mehl verwenden muss.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für uns alle besonders wichtig ist, kann ich nur schwierig beantworten, weil ich nicht in die Menschen hineinschauen kann, aber von mir gesprochen: Wichtig sind natürlich Solidarität und Aufmerksamkeit, aber auch unbedingt Skepsis. Nicht nur hinnehmen, sondern auch kritisch hinterfragen und Haltung zeigen. Wir sind alle systemrelevant.

 

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In Deinen Produktionen mit dem E3 Ensemble Wien wie dem aktionstheater ensemble geht es wesentlich um den Menschen in seinen An-Herausforderungen angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen und Gegebenheiten. Das Denken, Fühlen und Handeln der/des Einzelnen wird thematisiert. Welche Bezüge bzw Impulse ziehst Du jetzt daraus für einen gelingenden Lebensalltag in Zeiten der Pandemie?

Ich merke, dass mir dieses „ruhig-sein“ auch meine Stimme und mein Mitspracherecht an der Gesellschaft nimmt oder zumindest eingeschränkt wird und ich das Bedürfnis hätte viel lauter zu sein. Die Ungleichheiten, die es bisher innerhalb unserer Gesellschaft gab, sind nicht erst durch die Krise entstanden, sondern kommen durch sie ans Tageslicht und mir ist wichtig, mich dazu zu äußern. Normalerweise geschieht das durch die Theaterperformances beim E3 Ensemble und beim aktionstheater ensemble, aber das liegt zurzeit still. Die kritische Betrachtung der Gesellschaft und Politik ist jedenfalls etwas, das sich in meinen Gedanken und Gesprächen als Kraft erweist, aus der ich auch sehr viel künstlerische Energie schöpfen kann. Nur weil wir gerade nicht auf der Bühne stehen, heißt es nicht, dass es in uns nicht stürmt und arbeitet. Die Produktionen, die nach dieser Zeit zur Uraufführung kommen werden, werden mit Sicherheit eine besonders intensive Energie aufweisen.

 

Was liest bzw siehst Du derzeit?

Ich habe vor kurzem „Die Liebhaberinnen“ von Eflriede Jelinek fertig gelesen und lese jetzt „China am Ziel! Europa am Ende?“ von Christoph Leitl.
Und ich schaue gerade auf ARTE die Dokureihe: „Der Stoff, aus dem der Kosmos ist“ über die Entstehung des Universums bis hin zur Fragestellung nach Raum und Zeit und Illusionen.

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinen Produktionen möchtest Du uns mitgeben?

„Manchmal schaue ich die Politikerrede und den Porno. Gleichzeitig. Da die Politikerrede, da der Porno.“ HEILE MICH, aktionstheater ensemble

 

Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabella Jeschke, Schauspielerin, Regisseurin

http://www.isabellajeschke.com/

 

Foto_Isabella Jeschke _ in literarischer Fotoinszenierung „Ungargassenland“ _ Roman „Malina“ Ingeborg Bachmann_Wien 12.5.2020.

Foto_Walter Pobaschnig.

 

13.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com