„Autos“ Enis Maci. Begeisternde Uraufführung am Schauspielhaus Wien. 12.1.2019

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Du fährst deinen Bildern im Kopf hinterher. Denen der Herkunft und denen der Zukunft. Ein Leben lang. Deine Autobahnmelodie…

Enis Maci, 2017 mit dem Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichnet, bringt so kurzgefasst moderne Existenz auf den Punkt. Zwei namenlose Geschwister machen sich auf den Weg. Entlang der Autobahnroute, die seit der Kindheit der 1970er Jahre von der südlichen Herkunftsregion in die Zentralräume Europas führt. Lebensgeschwindigkeit am glühenden Asphalt zwischen Herkunft und Arbeitssuche. Dazu Bilder umgebenden und vieler Leben. Das Autoradio weht ihnen zwischen seinem lullenden LaLaLa tragische Lebensspuren zu. Weiter und immer weiter bis zum stummen Dunkel ihres eigenen Todes…

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Maci ist mit „Autos“ ganz nah an den Grundfragen moderner Existenz im Erarbeiten, Erhoffen wie Scheitern persönlicher wie sozialer Lebensansprüche dran. Diese sind ganz wesentlich von beruflicher Bewegung und damit topographischer Flexibilität und Bindungsverlust, -stabilität geprägt. Die Verbindung von Herkunft und Zukunft ist die Autobahn. Also die Lebensgeschwindigkeit, die von Illusion und Melancholie getragen ist. Das Lalala der lullenden Radiomelodie ist Ausdruck davon. Das „Selbst“, das persönliche Ankommen, fährt immer hinterher. Standpunkte kann sich niemand in den verzweifelten gesellschaftlichen Etablierungsversuchen leisten. Identität ist auf der Autobahn passe. Nur Gaspedal und manchmal der Rück- und Seitenspiegel zu den Anderen neben und mit mir. Bis zum letzten Halt. Dem Tod. Dem letzten globalen Ortswechsel.

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Der Inszenierung von Franz-Xaver Mayr gelingt ein genialer Bühnenkunstgriff, der antikes Drama in seiner existentiellen Dichte ausdrucksstark mit zeitkritischem Transfer verbindet und so Grundfragen von Schuld und Verhängnis im Zusammenhang von Freiheit und Scheitern in moderner Gesellschaft thematisiert. In beeindruckender Schauspiel-, Bühnen- und Kostümpräsenz, die schon im Stillleben dramatisch wie poetisch anspricht, wird ein Seelenroadmovie in mitreißender existentieller Gänsehaut konzipiert, das in Aufmerksamkeit und Erschütterung nicht loslässt – Gratulation an Regie, Ensemble, Kostüm- und Bühnenbild wie Musik und Technik.

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Walter Pobaschnig 15.1.2019

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„Die RAF hat euch lieb“ Bettina Röhl. Neuerscheinung Heyne Verlag.

„Die RAF hat euch lieb“ Bettina Röhl. Neuerscheinung Heyne Verlag.

Es beginnt mit einer Spurensuche. Nach Informationen zu Ereignissen um das dramatische Geschehen in den eigenen Kindheitsjahren und den Weg der Mutter. Die Tochter ist jetzt 34 Jahre alt. Die Mutter seit 20 Jahren tot. Ein führendes Mitglied der Terrororganisation RAF in Deutschland der 1960/70er Jahre. Unzählige Zeitungs-, Fernsehberichte, Bücher beschreiben Wege der Mutter – „Es gab schon 1996 Hunderte von Artikeln und Büchern über 68, die RAF und Ulrike Meinhof. Es gab Biografien, Bände mit ihren Kolumnen und massenhaft Broschüren, Raubdrucke, Flugblätter und Dissertationen. Und es gab schon eine ganze Reihe von Dokumentar- und Spielfilmen, Theaterstücken, Opern und Tanztheater, die das Leben von Ulrike Meinhof und ihrer Familie, und nebenbei immer auch von meiner Schwester und mir als süße blonde Statisten des gruslig-schönen Dramas, verarbeitet hatten…“.  Die Tochter selbst, Bettina Röhl, besitzt nur vier Briefe der Mutter Ulrike Meinhof aus der Haft Anfang der 1970er Jahre. Das ist der Ausgangspunkt. Dann beginnen die Fragen und Wege. Das persönliche Archiv der gesammelten Materialien, die umfassenden Gerichtsakten und Bücher zur politischen Situation der Zeit im Spannungsfeld gesellschaftlicher Proteste und internationaler Konflikte sind Grundlage, um zurückzublicken auf das Leben der Mutter und ihre Zeit. Ein gesellschaftshistorischer wie sehr persönlicher Weg des Schreibens beginnt…

Neben der umfangreichen Berichterstattung und Dokumentation zum Leben von Ulrike Meinhof und der RAF stellt das vorliegende Buch ihrer Tochter Bettina Röhl einen sehr persönlichen Zugang dar, der vor allem aus dem unmittelbaren Blick der geschilderten, dokumentierten und auch miterlebten bzw mitbetroffenen Ereignisse in Kindheit und Jugend in bisher nicht publizierter authentischer Form eine Besonderheit darstellt. Die Autorin schildert Ereignisse und Motivationen in direkter Erzählform und verwendet dazu zahlreiche Interviews der handelnden Personen und Dokumente, die einen großen Rechercheaufwand benötigten und in dieser Weise bisher unveröffentlicht waren.

„Eine sehr persönliche Spurensuche wie sehr anschaulich beschriebene Schilderung dramatischer moderner Zeitgeschichte“

 

Walter Pobaschnig, Wien 12_2018

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„Die Illusion der Gewissheit“ Essays. Siri Hustvedt. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

 

„Die Illusion der Gewissheit“ Essays. Siri Hustvedt. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

Siri Hustvedt beginnt am Ausgangspunkt. Der Gewissheit der Geburt aus dem Mutterleib. Eine physische Verbindung und Entwicklung, die unmittelbare und fixe Gewissheit ist. Wie der Blick ans Ende – den Tod. Dazwischen findet das Leben zu seiner Existenz und Form. In Zeit und Raum. Die Voraussetzungen dazu sind nicht wählbar. Geburt ist ein Glücksrad in Zeit und Kontinent. Und das Leben dazwischen nun? Wie weit ist das Denken autonom? Wie unabhängig ist es von den physischen Bedingtheiten, vom Körper? Was macht schließlich Individualität aus? Gibt es diese im geisteswissenschaftlichem Verständnis abendländischer Trafdition?

Die studierte Literaturwissenschaftlerin und gefeierte Bestsellerautorin, die auch als Lehrende an der psychiatrischen Abteilung des Weill Medical College in Cornell tätig ist, Siri Hustvedt, legt einen umfassenden Essayband vor, in dem sie der Grundfrage menschlicher Erkenntnismöglichkeit, -voraussetzungen und –bedingtheiten in philosophischer, psychologischer, existentieller und sozialgesellschaftlicher Perspektive nachgeht. Beeindruckend ist dabei, dass der weite Rahmen von Geistesgeschichte und aktuellem wissenschaftlichen Forschungsstand in eine solch gut erläuternde Zusammenfassung und Darstellung zu bringen ist. Da zeigt sich einerseits die ausgezeichnete Erzählerin wie auch die brilliant analysierende und schlussfolgernde Autorin. Hustvedt bietet mit diesem Essayband eine Kritik moderner Theorien zu Welt- und Menschenverständnis und setzt selbstbewusst eigene Thesen, welche sie ausführlich vorstellt und begründet. Das Ergebnis ist so ein wissenschaftlich wie sprachlich herausragendes Buch, welches an große Geistestraditionen philosophischer wie literarischer universaler Weltschau anschließt.

„Ein Ereignis geisteswissenschaftlicher Zusammenschau und Analyse in herausragender Sprachkraft, Erzähldarstellung und Schlussfolgerung.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 12_2018

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„David Bowie. Ein Leben“ Dylan Jones. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

 

„David Bowie. Ein Leben“ Dylan Jones. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

Ein Leben für die Musik. Die Kunst. Eine Hochschaubahn schwieriger Jahre und schließlich bahnbrechenden Erfolges. Ein Künstler, der Musik ganz neu als umfassendes Kunstwerk definierte und die Zusammenarbeit und Inspiration unterschiedlichster Kreativitätsbereiche suchte und damit experimentierte. Film, Mode, Literatur, Malerei, Fotografie und mehr. Ein Ausnahmetalent – David Bowie (1947-2016).

Ein Künstler im Rampenlicht. Doch auch ein Mensch in Stille und tiefen Gedanken, den seine Familie, seine Herkunft, sein Werden beschäftigte. Ein Familienmensch, der in Aufmerksamkeit und Zuneigung die Talente seiner Kinder begleitete. Ein Neugieriger, der die Welt bereiste und offen Sinnes und Denkens für Zeit und Leben war.

Wie sich nun dem Künstler, dem Phänomen, dem Menschen David Bowie nähern? Wie zwischen all den Mythen und Geschichten unterscheiden?

Dylan Jones, Herausgeber des GQ und erfahrener Autor von Musik-Biografien, geht dabei den Weg authentischer Mitteilungen von FreundInnen, KollegInnen, WeggefährtInnen eines Musikerlebens über die Jahrzehnte seiner musikalischen Entwicklung. Es kommen dabei Musik-Größen wie John Lennon, Madonna oder Elton John zu Wort. Aber auch enge Musikgefährten wie Iggy Pop, Lou Reed oder Mick Ronson. Ebenso Filmregisseure wie Martin Scorsese (Bowie spielte im Film „Die letzte Versuchung Christi“ die Rolle des Pilatus) oder Nicolas Roeg. Weiters Manager, AssistentInnen, Künstler und auch Menschen, die Bowie in seinen letzten schweren Jahren begleitet haben.

 

„Eine Musikerbiografie in umfassenden Interviews von musikalischen und privaten WeggefährtInnen, die in Fülle und Detailinformation beeindruckt“

 

Walter Pobaschnig, Wien 1_2019

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