„Wir sollten versuchen, reife Entscheidungen zu treffen & offen bleiben“ Wolfgang Nöckler, Schriftsteller_ Innsbruck 21.10.2021

Lieber Wolfgang, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

da es sehr viele Einflüsse gibt, die mit wechselnder Intensität die Abläufe bestimmen ist im Moment der Schul-/Kindergartenanfang meiner Kinder der Taktgeber, sprich: früh aufstehen! im besten Fall gelingen dann am Vormittag, wenn die Bahn frei ist, ein paar kreative Runden…

Wolfgang Nöckler, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

ich denke, es wäre wichtig, im Gemeinsamen zu bleiben, nicht zu sehr zu versuchen, einzig sein eigenes Ding durchzudrücken. ich verstehe Ängste, ich verstehe Vorbehalte. ich verstehe aber nicht die Ablehnung, ohne sich für die „Gegenseite“ zu interessieren. wie wir gelernt haben, sind wir im Moment noch mehr zur Schicksalsgemeinschaft geworden, da sollten wir aufeinander schauen (ohne uns selbst zu vergessen, natürlich), wir sollten versuchen, reife Entscheidungen zu treffen & offen bleiben

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

die Kunst hat viel Material geliefert bekommen, es ist vieles zu Tage getreten, was im Untergrund geschlummert hat; das zu verarbeiten wird sicher eine große Rolle spielen, allerdings auf eine nicht zu aufdringliche Art; vielen hängen die Themen zum Halse raus, da kann all zu plakatives Aufwärmen nicht unbedingt punkten. sehr wohl sehe ich aber eine Aufgabe darin, die Wiederverbindungen zu versuchen. auch die „anderen Seiten“ wertschätzend aufzugreifen. Gelerntes zu festigen… & vielleicht gibt es noch eine ganz andere Aufgabe: auch Dinge/Inhalte aufzugreifen, die rein gar nichts Pandemisches an sich haben, sondern unterhalten können, Lebensfreude bringen…

Was liest Du derzeit?

Momentan bin ich an zwei Büchern dran.

Einerseits „Die Familie Moschkat“ von Isaac B. Singer & andererseits „Die Gegenstimme“ von Thomas Arzt

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

spontan:

wer zitat? mehr als der aal

Vielen Dank für das Interview lieber Wolfgang, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Wolfgang Nöckler, Schriftsteller

Foto_privat.

23.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die patriarchale Machtausübung ist sicherlich unterschwelliger geworden“ Irene Diwiak, Schriftstellerin_Wien_Undine geht _20.10.2021

Irene Diwiak, Schriftstellerin_Wien_
Undine geht

Liebe Irene, wir sind hier auf der Donauinsel in Wien – welche Bedeutung hat Wasser, die Natur für Dich?

Ich liebe das Wasser. Flüsse, Seen, Meere – alles. Ich bin gern im Wasser und gern am Wasser. 2019 habe ich ja als Gast für drei Monate im Literarischen Colloquium Berlin leben dürfen, das sich direkt am Wannsee befindet. Beim Frühstücken, Arbeiten und abendlichen Zusammensitzen auf der Terrasse hat man da immer das Wasser im Blick gehabt. Das war großartig, so würde ich am liebsten dauerhaft leben – aber dazu müsste ich wohl leider ein paar Bestseller schreiben…

Schwimmst Du gerne? Wenn ja, wo/wie hast Du schwimmen gelernt?

Natürlich schwimme ich sehr gern. Gelernt habe ich es ganz unromantisch bei einem Schwimmkurs in unserem heimischen Schwimmbad. Dieses heißt übrigens „Hietl-Bad“, was sich, glaube ich, von „Hüttel-Bad“ ableitet und immer für sehr erschrockene Gesichter bei Touristen sorgt, die „Hitler-Bad“ verstehen. 

Du bist in der Steiermark aufgewachsen und lebst jetzt seit 10 Jahren in Wien. Was bedeutet Dir und welche Impulse bekommst Du von Wien als Lebens- und Kunstraum?

Ich bin grundsätzlich eher ein Stadtmensch. Ich mag die Anonymität irgendwie, das „Allein- und doch Unter-Menschen-Sein“. In der U-Bahn oder im Café nimmt man die unterschiedlichsten Gesprächsfetzen wahr, hört Erzählungen aus Milieus, die einem ganz fremd sind, und erfährt von Weltanschauungen, auf die man selbst nie gekommen wäre. Das kann sehr inspirierend wirken, ohne dass man es direkt wahrnimmt. Im Lockdown habe ich erst gemerkt, wie sehr mir das abgeht. 
Naja, und in Graz geht das mit der Anonymität schon nicht mehr so gut. Graz ist klein genug, dass man immer irgendwen trifft, den man kennt.
Und das Kulturleben in Wien ist natürlich großartig. Ich geh fast nie irgendwo hin, aber ich liebe das Gefühl, dass ich jederzeit ins Theater, zu einem Konzert oder in die Oper gehen könnte, wenn ich nur wollte. Auch das hab‘ ich sehr vermisst im Lockdown.

Was sind Lieblingsorte von Dir in Wien?

Tatsächlich die Alte Donau. Da gibt es auch ein paar frei, also gratis zugängliche Stellen, dort halte ich mich im Sommer sehr oft auf.
Sonst streife ich aber auch sehr gern immer wieder durch die Innenstadt, weil man dort auch historisch interessantes und ästhetisch ansprechendes „Neues“ entdeckt, wenn man schon seit 10 Jahren Wien lebt. Und am Donaukanal und im Augarten bin ich auch oft.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Das erste, was mir zu Bachmann immer einfällt, ist, dass sie beim Rauchen eingeschlafen und verbrannt ist. Das zweite ist der Bachmannpreis, und bei dem war ich noch nicht. Sind das Bezüge? Vermutlich nicht.
Aber jetzt komme ich ja bald in „Dreißigste Jahr“, vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt, um neue Bezüge zu Ingeborg Bachmann zu erlangen.

Wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?

Wie bei allen Texten von Ingeborg Bachmann bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich alles verstanden habe. Das ist sicher durchaus gewollt, das Rätselhafte, Offene, „was sich nicht festlegen lässt“, wie es in der Undine heißt. Und trotzdem stellt sich kein Gefühl der Beliebigkeit ein. Da brodelt schon etwas unter der lyrischen Sprache.
Wenn ich die Grundaussage von „Undine geht“ auf einen Satz herunterbrechen müsste, würde ich sagen: Die unterschiedliche Lebensrealitäten von Männern und Frauen. Und wenn ich das Sakrileg begehen und Bachmann kritisieren darf: Ein bisschen klischeehaft wird da die Frau der Natur und der Mann der Zivilisation zugeordnet.

Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?

Das ist immer so eine Frage. Was will man sich aus einem literarischen Text „mitnehmen“? Einen Ratschlag, eine Lebensweisheit? Vielleicht am ehesten eine Grundstimmung. Und die Grundstimmung ist für mich hierbei das Missverständnis, das einem Missverhältnis entspringt. Dieses Missverständnis will man sich vielleicht nicht unbedingt in das Heute mitnehmen, aber es ist eben leider noch da, weil ja auch das Missverhältnis noch da ist.

„Undine geht“ wurde vor 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?

Heute heißen einmal bedeutend weniger Männer Hans. Hannes vielleicht. Aber Hans?
Sonst hat sich natürlich auch allerhand geändert, rechtlich, ökonomisch, auch gesellschaftlich. Aber was doch noch besteht, ist eben dieser Unterschied in der Lebensrealität von Männern und Frauen. Und Frauen sind viel geübter darin, die männliche Perspektive mitzudenken als umgekehrt. Darum sind ja so viele Männer aus allen Wolken gefallen, als sie im Rahmen der MeToo-Bewegung mitbekommen, dass Missbrauch auch in ihrem eigenen Umfeld stattgefunden hat. Dass ihre eigenen Partnerinnen, Kolleginnen, Schwestern solche Erfahrungen gemacht haben. Und relativ schnell kommen dann so „selber Schuld, wenn ihr euch nicht wehrt“-Vorwürfe, weil man sich überhaupt nicht in die Situation einfühlen kann. Und das durchaus nicht nur von Ignoranten, bei denen man es sich eh nicht anders erwartet hat, sondern durchaus auch von verständigen Männern.
Und es ist so unendlich schwer, diesen Unterschied in den Lebenswelten zu beschreiben, weil es oft Nuancen sind, die unterschiedliche Realitäten ausmachen, nicht greifbar, und Männer wollen ja immer alles logisch erklärt haben. Das ist übrigens auch eine sehr schöne Passage in dem Text: wie die Männer sich über den Motor beugen und die Technik erklären, „bis vor lauter Erklärungen wieder ein Geheimnis daraus geworden ist“.

Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute, in Leben,  Gesellschaft, Kunst?

Die patriarchale Machtausübung ist sicherlich unterschwelliger geworden. Was es so viel schwieriger macht, gegen sie anzukämpfen. Die sogenannten „Gläsernen Decken“ sind ironischerweise beinahe unzerbrechlich. Und da stellt die Kulturwelt leider keine Ausnahme in unserer Gesellschaft dar.
Naja, und die richtigen Chauvinisten an den wichtigen Stellen gibt es dann natürlich auch noch. Die werden mittlerweile zwar in regelmäßigen Abständen öffentlich dafür kritisiert, aber nur in seltenen Fällen führt das dazu, dass sie von ihren Machtpositionen abgezogen werden. Da liegt noch ein weiter, steiniger Weg vor uns.

Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Poesie der Liebe und des gesellschaftlichen Lebens aus? Ist eine Poesie darin möglich – zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Natur?

Für mich ist wahre Poesie ist eigentlich nur im Scheitern möglich. Alles andere ist Kitsch. Aber Kitsch tut auch gut, von Zeit zu Zeit.

Wie kann der moderne Mensch Poesie/Harmonie in Liebe und Welt/Umwelt leben?

Ich weiß nicht, ob man Poesie „leben“ kann. Poesie ist für mich eine Sache, die sich im Inneren abspielt, die weniger mit der Außenwelt zu tun hat als mit der eigenen Sicht auf diese, und da ist es eigentlich egal, wie „modern“ sie ist. Poesie denken, das geht vielleicht. Poesie denken im eigenen Scheitern an einfach allem und es sich damit erträglicher machen.

Was hat sich in der Liebe in Beziehung und Gesellschaft seit 1961 verändert?

Alles und nichts. Wie gesagt, am Papier sind Männer und Frauen mittlerweile rechtlich gleichgestellt. Aber eben nur am Papier. Und gerade Beziehungen gehorchen ja wieder ganz anderen Gesetzen. Aber ich benutze das mir zur Verfügung stehende Papier immer wieder, um diesen Verhältnissen auf literarische Weise nachzuspüren.

Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?

Wie alles, das wächst und blüht: Zeit.

Was lässt Liebe untergehen?

Überzogene Erwartungen. Ich habe irgendwann einmal einen Artikel darüber gelesen, dass in unserer „atheistischen“ Welt die romantische Liebe oft als „Religionsersatz“ herangezogen wird und alle emotionalen, geistigen und körperlichen Bedürfnisse gleichzeitig abdecken soll. Das kann ja nicht funktionieren, da ist Enttäuschung vorprogrammiert.

Wie war Dein Weg zur Literatur?

Lang, aber ziellos. Ich habe schon als Kind wahnsinnig gern Geschichten erfunden und aufgeschrieben, habe dann früh bei Jugendliteraturwettbewerben mitgemacht und damit auch Erfolge gefeiert. Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden. Aber mit meinen Texten habe ich offensichtlich mehr überzeugt als mit meiner Schauspielerei. Es war also gar keine Entscheidung, Schriftstellerin zu werden. Es hat sich so ergeben. Aber jetzt gefällt es mir ganz gut in der Literatur. Weil sie sich Zeit lassen kann, verspielt sein darf und auch einmal pedantisch, wenn’s sein muss. Und man hat Freiheiten, die man als Schauspielerin nicht hätte. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, wie sehr ich eigentlich auf Freiheit stehe.

Welche Impulse gibt es von der Natur her für Dich als Schriftstellerin?

Tatsächlich gar nicht so viele. Ich schreibe sehr gerne in der Natur, und dann besonders gern an Gewässern. Aber direkt wirkt sich das nicht auf mein Schreiben aus. Die Inspiration hole ich mir eher aus dem Zwischenmenschlichen. Oder in der Literatur. Lesen geht übrigens auch ganz wunderbar an Gewässern.

Was sind Deine derzeitigen literarischen Schwerpunkte und Projekte?

Mein Arbeitsschwerpunkt ist momentan historisch. Mein dritter Roman, der von der Freundschaft zwischen Hans Scholl (schon wieder ein Hans) und Alexander Schmorell handelt, ist gerade in der Überarbeitungsphase und erscheint voraussichtlich 2023. Ein vierter ist aber auch schon in Arbeit, da geht es um eine alte Dame, die sich für die uneheliche Enkelin von Kronprinz Rudolf hält. Das wird dann ein Spiel mit historischer und gefühlter Wahrheit.
Und sonst würde ich auch gerne wieder Theatertexte schreiben, jetzt, wo die Theater wieder offen haben dürfen. Ein Drehbuchprojekt über die Jugend von Caterina Valente steht auch noch auf meiner Wunschliste.
Außerdem ist gerade ein Erzählband von mir erschienen: „Guilty Pleasures“ bei der steirischen Edition Kürbis. Das sind Texte von mir aus insgesamt sieben Schaffensjahren darin versammelt, und ich wünsche diesem bunten Büchlein noch viele Leserinnen und Leser.

Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?

Im Sommer ist es mir zu heiß und im Winter ist es mir zu kalt. Und Frühling und Herbst sind nicht Fisch, nicht Fleisch. Ich fühle mich eher selten so richtig wohl, wettermäßig. Aber dafür hat jede Zeit auch ihr Gutes: Im Sommer gehe ich schwimmen, und WENN es im Winter schneit, dann bin ich überglücklich.

Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?

„Und nun geht einer oben und hasst Wasser und hasst Grün und versteht nicht, wird nie verstehen. Wie ich nie verstanden habe.“

Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Achrostikon zu „Undine geht“ bitten? (Wortassoziation zu der Buchstabenfolge – U=Stichwort, N=…..)

Ich habe so eine Art Gedicht gemacht:

Und
Nicht
Das
Innere
Nur
Erkennen

Gefühle
Ertragen
Hans
Treffen

Liebe Irene, herzlichen Dank für Deine Teilnahme am szenischen Projekt „Undine geht“!

Irene Diwiak, Schriftstellerin_Wien_
Undine geht

60 Jahre_Undine geht _Erzählung _ Ingeborg Bachmann _

Irene Diwiak, Schriftstellerin_Wien

https://irenediwiak.at/

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig

Station bei Ingeborg Bachmann_Wien.

Walter Pobaschnig _Wien_10_21

https://literaturoutdoors.com

„Die Literaturszene und auch die Literaturkritik ist im Wandel“ Lop Strasoldo, Schriftsteller_ Wien 20.10.2021

Lieber Lop, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Wochen sind zweigeteilt: Wenn ich arbeiten muss, ich arbeite in einem kleinem, sehr feinen Silberwaren Geschäft im Ersten Wiener Bezirk, stehe ich gegen halb acht auf, trinke einen Kaffee, fahre zur Arbeit. Abends lese ich und koche ich zusammen mit meiner Freundin.

An den anderen Tagen trinke ich morgens meinen Kaffee, frühstücke gemütlich, während ich Deutschlandfunk höre oder politische Diskussionen etwa auf Phoenix verfolge. Vormittags schreibe ich, allerdings fast nie länger als eine Stunde, danach lässt meine Konzentration nach und ich verziehe mich auf mein Sofa oder zurück ins Bett, lese meistens etwa 100 Seiten, lerne Italienisch, pflege meinen Blog.

Abends koche ich dann. Kochen ist für mich in den Zeiten, in denen man das Haus kaum verlassen hat, zu einem wichtigem Quell von Lebensqualität geworden: neue Rezepte entdecken, frische Zutaten einkaufen, gemeinsam schnibbeln und essen.

In den letzten Wochen sind wieder mehr Veranstaltungen dazugekommen: Lesungen, Kino- oder Theaterabende, Freunde, die auf ein oder fünf Gläser Wein vorbeikommen. Da muss viel nachgeholt werden.

Lop Strasoldo, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Neben den offensichtlichen Pflichten wie dem Impfen, halte ich es für besonders wichtig, dass wir uns als Gesellschaft klar machen, was wir in den letzten anderthalb Jahren verloren haben. Gerade im kulturellen Raum sind viele kleine Initiativen und Gestaltungsräume eingegangen, die großen Institutionen können so etwas wegstecken, das Burgtheater braucht sich um sein Publikum in gewisser Hinsicht keine Sorgen zu machen. Kleine Lesereihen oder Off-Theatergruppen dagegen haben sich jetzt teilweise über viele Monate nur Online treffen können, dabei ist gerade hier der physische Kontakt, das Aug in Aug sitzen, lesen oder spielen, unmittelbar zuhören ohne Mikrofon und die ganze Körpersprache des Anderen mitbekommen eminent wichtig. Viele beginnende Freundschaften oder Kontakte sind eingeschlafen, wer sich erst ein zwei Mal auf einer Lesung gesehen hat, der hat sich nicht Mal eben auf Zoom zusammengesetzt und geplaudert. Viele junge Künstler haben den Kontakt zu Anderen verloren und nicht alle werden wieder zurückkommen, dass sollten wir nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir stehen in mehrfacher Hinsicht vor einem Aufbruch: die Veränderungen, die der Klimawandel von uns verlangt, die Zukunft Europas, die immer tiefgreifendere gesellschaftliche Globalisierung, neue Formen des Wirtschaften und Leben. All diese Veränderungen passieren nicht einfach so, sie müssen wahrgenommen und gestaltet werden. Es gibt bei all diesen Themen mehrfache Gräben zwischen den Generationen, den gesellschaftlichen Klassen, Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund, verschiedenen Bildungshorizonten. Viele fühlen sich aus verschiedenen Perspektiven nicht verstanden oder abgehängt, nicht gehört. Hier muss die Kunst und speziell die Literatur ansetzen! Es ist für uns alle wichtig, dass Stimmen, die in den letzten Jahrzehnten eher nicht gehört wurden, zu Wort kommen, wir profitieren alle davon. Literatur kann Brückenbauer sein, aber dafür muss sie gelesen werden. Polemik ist hier fehl am Platze: weder ist es sinnvoll, keine Bücher mehr von „alten weißen Männern“ zu lesen, noch jüngere weibliche Autorinnen mit Schlagwörtern wie „Identitätskitsch“ zu belegen. Immer da, wo mir Bücher Einblick in eine mir fremde Lebensrealität geben, wo Perspektiven eingenommen werden, die ich aus mir selbst heraus nicht einnehmen kann, habe ich gewonnen. Das können nur Bücher und vielleicht noch Filme: über viele Seiten hinweg eine Stimme im Kopf zu haben, der ich im echten Leben nicht so eben über dem Weg laufe, ein Gespräch führen, mir detailliert und ohne Eile eine Welt erklären lasse, Gefühle nachvollziehe, Verletzungen miterlebe. Dafür braucht es manchmal viele Seiten, denn das Leben ist nicht einfach: es ist kompliziert, widersprüchlich, anstrengend, hässlich und zum Kotzen und schön, aufregend, bunt, voller Liebe und Freundschaft. Nicht nur, aber auch deswegen darf Literatur auch kompliziert und widersprüchlich sein, wenn es gute Literatur sein will, muss sie das vielleicht sogar.

Hier stoßen wir dann an einen heiklen Punkt: was ist „gute“ Literatur und wer bestimmt eigentlich, was „gut“ oder „schlecht“ ist? Ich habe darauf keine Antwort, einstweilen finde ich die Diskussion spannend. Die Literaturszene und auch die Literaturkritik ist im Wandel und das ist auch verdammt gut so, je mehr Stimmen sich lautstark Gehör verschaffen, desto besser. Das quere und/oder außereuropäische Literatur heute viel mehr gelesen und diskutiert wird, war allzu lange überfällig! Als Literat habe ich meinen eigenen, sehr persönlichen ästhetischen Anspruch, der auf gar keinen Fall Allgemeingültigkeit anstrebt und immer wieder von neuen Leseerlebnissen erschüttert wird. Aus dieser Perspektive muss ich sagen, dass ich auf den großen, verbindenden Aufbruch innerhalb der Literatur noch warte. Der Roman der Generation, die mit 9/11 groß geworden ist, wurde noch nicht geschrieben.

Was liest Du derzeit?

Gerade erhole ich mich von einem Buch, das so ein erschütterndes Ereignis war: der Roman „Wiesengrund“ der Autorin Gisela v. Wysocki. Ihre Sprache hat mich umgehauen, nachdem ich das Buch küssend weggelegt hatte, konnte ich erst mal für ein paar Tage nichts lesen. Heute beginne ich mit dem Roman „Roter Mohn“ des tibetisch-chinesischen Autoren Alai, über den ich naturgemäß noch nichts sagen kann außer, dass ich mehr chinesische Literatur lesen wollte und mich am renommiertesten Literaturpreis des Landes orientiert habe. Daneben lese ich den Gedichtband „Einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt“ von Raoul Eisele, aber bei Gedichten bin ich langsam, mehr als ein oder zwei am Tag gehen nicht. (Außer Abends beim Wein, da geht alles!)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Du uns mitgeben?

Vielleicht passt dieses Zitat aus dem oben genannten „Wiesengrund“ von Gisela v. Wysocki ganz gut (S.43):

„Es wurde Zeit, mich nach eigenen Instrumenten umzusehen, nach meinen Teleskopen. Die Leihbibliothek am Rudolfskai war meine erste Anlaufstelle. Ich trug Bücher, Bücherberge in die Wohnung. Die Bücher hielten Lupen bereit. In ihnen kamen die Menschen ganz groß heraus. Man konnte sie überdeutlich erkennen, sie trugen ihre Eigenschaften wie auf einem Tablett vor sich her. Ich hatte immer gedacht, dass die Sterne am Ende der Welt leben, aber es sind die Menschen. In den Büchern irren sie gedankentief herum. Oder sind vollkommen aus dem Häuschen geraten. Preschen in gewagte Unternehmungen vor, in die Gefahr. Es sind Komiker, Schöpfer oder Verräter. Gebeutelt von Einbildungen, heimgesucht von Einsichten. Auch von den Sternen war die Rede, Alascos Sternen. In den Büchern sahen sie aus, als wären sie in einer Gemäldegalerie überarbeitet worden. Bei Georg Trakl haben sie das Aussehen „fallender“ und von „weißer Traurigkeit“ gezeichneter Phantome. Bei Chamisso hat sich ein „lichtes Gold“ über sie gebreitet. Hofmannsthal zeigt sie uns als Gäste, die „mit zum Fest gehören“ in einem „durchsichtigen Haus“.

Vielen Dank für das Interview lieber Lop, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lop Strasoldo, Schriftsteller

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23.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst als Botschafter der Hoffnung, der Inspiration, der Vision“ Roma Janus, Tanzmanagerin_Linz 19.10.2021

Liebe Roma, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Hier in Linz, wo ich seit einem Jahr lebe und arbeite, sieht mein Alltag sehr strukturiert aus. Es beginnt mit express Yoga Praxis und dann geht es ins Theater, wo eine 18köpfige Tanzcompany wartet. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen und Erfahrungen. Das schätze ich sehr. Am Ende des Tages bleibt noch ein wenig Luft für die lieben und geliebten Menschen in meinem Leben. Ich erkunde sehr gerne die Linzer Kunstszene.

Roma Janus, Tanzmanagerin und Dramaturgin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Miteinander und Füreinander. Empathie steht ganz vorne. Allianzen aus Überzeugung zu schliessen, ist für den Neuanfang ganz wichtig.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, dem Tanz, der Kunst an sich zu?

Ganz besonders jetzt, in der Zeitwende, der Zeit des Umbruchs, müsste der Kunst ein besonderer Stellenwert verliehen werden – Kunst als Botschafter der Hoffnung, der Inspiration, der Vision und der Mission. Darüberhinaus hat Kunst, meiner Meinung nach, eine außerordentlich therapeutische Rolle.

Was liest Du derzeit?

Sontag. Die Biographie von Benjamin Moser und BioMacht Theater von Sophie Reyer

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Vergangenheit selbst ist angesichts des sich immer schnellen vollziehenden historischen Wandels zum Surrealsten aller Themen geworden, die es ermöglichen, eine neue Schönheit in dem zu sehen, was verschwindet.

(Susan Sontag)

Von Allem bleiben drei Wahrheiten:

Die Sicherheit, dass wir stets neu beginnen

Die Sicherheit, dass wir es nötig haben, weiter zu gehen

Und

Die Sicherheit, dass wir unterbrochen werden, noch bevor wir etwas zu Ende gebracht haben.

(Fernando Pessoa)

Vielen Dank für das Interview liebe Roma, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Tanzprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Roma Janus, Tanzmanagerin und Dramaturgin

https://www.landestheater-linz.at/public/Person%20Details?p=MTk3Njk5OTk5OQ==

Foto_Christian Düchtel

23.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass die Rolle, die Musik im Schlechten teilweise schon spielt, weniger wichtig wird.“ Paul Schuberth, Musiker _Linz 18.10.2021

Lieber Paul, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Immer anders, aber Musizieren und Lesen sind Fixpunkte.

Paul Schuberth, Musiker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das kommt darauf an, wer jetzt mit „uns“ gemeint ist. Sind es wir Menschen insgesamt, dann würde ich klar sagen: Nachdenken darüber, ob ein Wirtschaftssystem, dass alle Menschen zu Konkurrenten untereinander macht, das A und O ist. Ich frage mich, warum angesichts der bevorstehenden Klimakatastrophe, die teils schon Gegenwart ist, nicht mehr darüber diskutiert wird, ob die Versorgung mit dem für Menschen Wesentlichen nicht eher sorgfältig geplant werden sollte, anstatt alles und alle der irrationalen Marktlogik, die immer menschenfeindlich ist, zu unterwerfen. Diese Logik führt zu einem an sich grenzenlosen Wachstum, das sich selbst Zweck genug ist, dem der Mensch aber nur ein Mittel ist. Die Grenzen dieses Wachstums bildet der Planet. Doch wenn dafür erst einmal der allerletzte Beweis angetreten ist, dürfte es zu spät sein. Wär schade drum!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Das kann ich gar nicht beantworten. Ich denke nicht immer sehr konstruktiv, sondern eher negativ. Also will ich es hier auch einmal von dieser Seite angehen. Ich kann nur hoffen, dass die Rolle, die Musik im Schlechten teilweise schon spielt, weniger wichtig wird. Rechtsextremisten erreichen Jugendliche mit Rechtsrock; deutsche Rapper verbreiten Antisemitismus mit eingängigen Reimen; österreichische Volksrocker machen das Heimatgetue wieder salonfähig; Kabarettisten verbreiten die Verharmlosung der Pandemie mit ihren Liedern; mit dem Abspielen von klassischer Musik an Bahnhöfen werden Obdachlose vertrieben; Musik ist oft ein allzu schneller Trost, wo Nachdenken, Kritik und Widerstand der bessere Rat wären. Meine Hoffnung ist immer nur, dass Musik nicht vom Schlechten, vom Unmenschlichen ablenkt oder es übertüncht.

Was liest Du derzeit?

Immer manches gleichzeitig, ich hopse hin und her.

Richard Schuberth: Lord Byrons letzte Fahrt. Eine Geschichte des Griechischen Unabhängigkeitskrieges

Thomas Mann: Der Zauberberg

Anselm Jappe: Das Abenteuer der Ware

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Einen Auszug aus einem Statement der Menschenrechtsaktivistin Doro Blancke, die über ein in Graz von der FPÖ angebrachtes Plakat, das sich an Flüchtlinge richtet: „Graz ist nicht Eure Heimat, garantiert!“, schreibt: „Was macht es mit uns? Die nächste Stiege runter in Richtung „moralischer Verfall bis zum Verderben“? Welchen Angst, welchen Hass, welch emotionale Verstümmelung, welche zivilgesellschaftliche Verrohung akzeptieren wir, die tollen, innovativen, gebildeten, #NieMehrWieder rufenden GrazerInnen noch?“
Meine Ergänzung: Die Grazer Bevölkerung hat eine interessante Antwort gefunden.

Vielen Dank für das Interview lieber Paul, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ebenso Dir vielen Dank.

5 Fragen an Künstler*innen:

Paul Schuberth, Musiker

http://www.paulschuberth.com/

Foto_Marc Daniel Mühlberger

30.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Music Lovers“ John Densmore. Hannibal Verlag

John Densmore, der Drummer der legendären californischen 1960/70er Rockband „The DOORS“ , prägte mit seinem Schlagzeugbeat und –rhythmus den ganz besonderen Sound einer der erfolgreichsten Bands der Musikgeschichte wesentlich mit. Gemeinsam mit Robby Krieger (Gitarre), Ray Manzarek (Keyboard) und dem legendären Sänger Jim Morrison war er Teil einer ganz besonderen Reise in die Möglichkeiten und Ausdrucksformen von Musik und Poesie. Der tragische Tod von Jim Morrison 1971 war dabei Ende eines wesentlichen Karriereabschnittes wie auch musikalischer wie persönlicher Neubeginn für die Musiker der Band. Und dieser neue Weg war auch von Begegnungen und Kooperationen mit anderen Musikerinnen und Musikern geprägt, die wesentlich den Sound der Zeit kreierten.

John Densmore gibt im vorliegenden Buch einen anschaulichen Einblick in persönliche Eindrücke wie die Musikgeschichte der Zeit und lässt damit eine Epoche faszinierend aufleben. Es sind Begegnungen mit Musikgrößen wie Janis Joplin, Bob Marley oder Lou Reed, die sehr anschaulich und pointiert erinnert und geöffnet werden.

Im Vorwort schreibt Densmore, „hoffentlich genießt ihr das Festmahl“ und weist damit auf die Musikbegeisterung hin, die hier Seite um Seite neugierig lesend und sehend ihren Erinnerungsraum findet – es gibt auch einen umfangreichen Bildteil –  wie auch auf die vielfältige Erfahrung und Wirkung von Musik und Kunst auf Persönlichkeit wie Psyche hin, gerade in Zeiten wie diesen.

Ein Buch als faszinierende persönliche Schatzkiste moderner Rockgeschichte aus erster Hand“

Walter Pobaschnig 10_21

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„Keine Zeit zu sterben – James Bond 007“   Hollywood Megaplex Kino –  Gasometer_Wien – 16.10.2021

„Keine Zeit zu sterben“ James Bond 007 _
Hollywood Megaplex Gasometer_Wien

Da ist das Haus am See, die Ruhe und die Stille des Winters. Doch das Leben wird hier wie das Eis am See brechen. Die Mutter stirbt durch die Kugeln des skrupellosen maskierten Mannes. Die Tochter wehrt sich, schießt und versucht über das krachende Eis zu fliehen – bis es bricht. Die Kälte des Wassers umgibt sie, der hilfeschreiende Blick nach oben…dann Schüsse…die Stille zerreißt…

Und dann, Jahre später. James Bond ist am Weg mit Madeleine Swann nach Italien. Ein Sommerabend der Liebe in malerischer Landschaft. So viele Träume werden Wirklichkeit. Doch so viel Vergangenheit, Schmerz ist noch da. Kann die Kraft der Liebe jetzt ein Fels sein? Ein Sonnenaufgang über dem Eis der Vergangenheit? Denn die Geister der Vergangenheit ruhen nicht. Und Blofeld wie Lyutsifer Safin sind die Dirigenten des Schreckens….

James Bond stellt sich diesem vielleicht letzten Kampf um seine Liebe und die Welt…

Der US-amerikanische Regisseur Cary Joji Fukunaga setzt mit dem 25.Film des weltweit über Jahrzehnte so erfolgreichen spektakulären Agententhrillers einen weiteren Höhepunkt dieser packenden Kinoreihe.

Es sind beeindruckende Bildwelten von Norwegen bis Italien, Cuba, Japan, in denen eine spannungsgeladene Handlung, die in vielem auch sehr persönliche Züge des britischen Agentenhelden zeigt, Zuschauerin und Zuschauer im endlich wieder möglichen Kinosaal/-sofa fesseln.

Ein Bond-Film, der in vielem überraschen kann und aufgrund seiner variantenreichen unvorhersehbaren Szenenfolgen bis zum Schluss alle Möglichkeiten offenlässt.

„Kinoerlebnis in bester Unterhaltungsform!“

„Keine Zeit zu sterben“ James Bond 007

Hollywood Megaplex Gasometer_Wien
Filmstart:30.09.2021
Land / Jahr:USA/GB / 2020
Originaltitel:No Time to Die
Genre:Action, Thriller
Regie:Cary Joji Fukunaga
Darsteller:Daniel Craig (James Bond), Jeffrey Wright, Rami Malek, Ralph Fiennes
Drehbuch:John Hodge, Neal Purvis, Robert Wade
Verleih:Universal Pictures International Austria GmbH
Laufzeit:165 min.
Prädikat:wertvoll
Freigabe:ab 14
Zu sehen in:2D, OV 2D, 3D, OV 3D, 4DX 2D, 4DX 3D, OV 4DX 3D

Hollywood Megaplex Gasometer_Wien

Guglgasse 11, 1110 Wien 

Hollywood Megaplex Gasometer – Hollywood Megaplex Wien Gasometer  

Walter Pobaschnig 10_21

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„Ich gehe schreibend in den Tag“ Isabella Huser, Schriftstellerin _ Zürich 17.10.2021

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Alltag derzeit? Zunächst nicht anders als vor Corona. Ich gehe schreibend in den Tag. Entweder arbeite ich an einer Übersetzung oder am neuen Roman, der sich aus Momentaufnahmen verschiedener Leben speist – ich habe erst begonnen, bin tastend unterwegs. Noch schöpfe ich aus den Recherchen für meine beiden ersten Bücher, „das Benefizium des Ettore Camelli“ und nun meine geliebten „Zigeuner“, beide Romane erschienen bei Ricco Bilger, Bilgerverlag, Zürich. Mein Arbeitsplatz ist mein Zimmer in diesen Tagen, ich arbeite zuhause (in Zürich derzeit), ein Tisch, ein Computer. Für eine meiner Figuren werde ich ins vierte Untergeschoss der hiesigen Zentralbibliothek hinabsteigen: dort lagern die alten Zeitungsausgaben. Ich werde allein in der unterirdisch kühlen Halle an einem langen Tisch sitzen, und vor mir entfaltet sich Tag um Tag eines fernen Jahrs im frühen 20. Jahrhundert. Dann werde ich in die Ostschweiz fahren, einen Weiler besuchen, in den Nachbargehöften eine in der Ortsgeschichte oder der Erinnerung bewanderte Ansässige kennenlernen vielleicht, im Gemeindearchiv nach den Ausgewanderten forschen, dort womöglich Briefe vorfinden, wer weiß, aus einer amerikanischen Fremde an die schwangere Braut in der alten Heimat gesandte Nachrichten studieren. Auch das ist machbar in dieser vorherbstlichen Coronazeit, ohne dass ich mich und dadurch meine Nächsten zu sehr gefährde, obwohl die angekündigte „vierte Welle“ schon da ist. Die Familie, die Freunde, die hier leben: Inzwischen sind wir alle geimpft. Doch das Land insgesamt, die Schweiz, liegt bei den Covid-Impfungen weit zurück im Vergleich mit den anderen westlichen Industrienationen, viele werden sich in den kälteren Tagen anstecken hier und das Virus weiterverbreiten.

Jetzt im Herbst sind Lesungen meines jüngsten Buchs geplant, Literaturhaus Zentralschweiz, Alon Rennes Rahmenhandlung in Zürich. Weitere stehen an, und ich hoffe, das Tessin und im Westen das Wallis werden folgen. Beide Kantone spielen eine wichtige Rolle in meinem Roman „Zigeuner“. Meine Leute reisen großräumig durch die Jahrhunderte, die einen freiwillig, die anderen kraft ihrer Ausgrenzung zum reisenden Leben gezwungen. Sie reisen als Händler, zuletzt als Musikanten. Als Musiker prägten sie die schweizerische Volksmusik. Ich stamme aus einer jenischen Schweizer Musikantenfamilie, habe über meine Vorfahren geforscht, Unerhörtes zum Vorschein gebracht. Die „Zigeuner“ sind eine Geschichte über mich und meine Leute in der Schweiz seit napoleonischen Zeiten.

Isabella Huser, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Der Austausch mit Familie und Freunden ist überlebenswichtig, auch die Begegnung mit Unbekannten, in der Trambahn, an der Kasse im Supermarkt, wo zum Glück neben vielen Apparaten zum Selbsteincannen noch immer ein Mensch sitzt, meistens eine Frau, die in den meisten Fällen aus einem anderen Land und einem anderen Leben in die Schweiz gekommen ist oder deren Eltern hierher „ausgewandert“ sind. Haben sich über Berge und durch Täler die Sohlen abgelaufen bis hierher, wo es Frieden und Arbeit gibt. Mit Maske konzentriert sich alles auf die Augen. Es gibt Menschen, ja, die scheinen die Augen vor Einflüssen von außen so weit wie möglich zu schützen, überschatten den Blick (mit den Lidern, ihrem Haar, und die Kopfhaltung hilft mit) oder wenden ihn dorthin, wo kein Austausch droht. Bei anderen hingegen sammelt sich das ganze Wesen im Blick für den Moment der Begegnung. Nie zuvor habe ich so viele Seelen gesehen, für Augenblicke in der Begegnung aufeinander konzentriert, wie in diesen Coronatagen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Es schaffen, das plötzliche Bremsmanöver, mit der wir in der reichen Welt auf die Pandemie reagiert haben, für eine Veränderung zu nutzen, die noch immer unvorstellbar scheint. Umweltzerstörung stoppen, Klassengesellschaft auflösen, dem Nord-Süd-Gefälle entgegenwirken. Die Literatur und Kunst schafft Einblicke, schält die Blickwinkel heraus, legt sie frei, rüttelt auf.

Was liest Du derzeit?

Hengameh Yaghoobifarahs großes Werk „Ministerium der Träume“ lese ich gerade zum zweiten Mal. Der Roman der jungen deutschen Autorin, die als Kind an der Hand einer fliehenden Mutter aus dem Iran nach Deutschland kam, verschafft mir Einblick in eine nahe Welt, die mir unbekannt ist. Ich will wiederlesend nochmals erfahren, wie mir Hengameh Yaghoobifarah auch durch die Tonalität der Sprache, auf ähnliche Weise wie in einem Musikstück, Zugang in ihre Welt verschafft, hier in ein Leben als Fremde in einer kaputten Gesellschaft, die es zulässt, dass Glatzköpfe Jagd auf Migrant*innen machen. Dann stecke ich mitten in Eva Menasses Dunkelblum, das mich im ersten Teil zuweilen seltsam selbstgefällig und sprachlich platt zurückstieß, bis mir klar wurde, dass es die Figur ist, für die „der See glitzert“ und die Tannen rauschen mögen oder so ähnlich, ich mich also neu in die Geschichte des österreichischen Grenzdorfs und seiner Bewohner eingelassen habe. Mal sehen, wie es mir ergeht in diesem Hort des Wegschauens. Auf meinem Nachttisch liegen außerdem Charlotte Wiedemanns kluge und präzise formulierte Gedankenbilder im Buch „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“, das mir Erkenntnisse eröffnet, die nachwirken. Bei jedem Wiederlesen entdecke ich neue Facetten in den Essays dieser Denkerin. Sie zeigt mir die Perspektiven im Agieren westlicher Gesellschaften auf, die bis heute vorherrschen – und liest sich dabei federleicht, sodass der Erkenntnisgewinn auch ein Lesegenuss ist. Und da liegt auch Patricia Büttikers stiller Roman „Nacht ohne Ufer“, den ich in diesem Frühling langsam, gleichsam Schluck für Schluck, gelesen habe, nun immer wieder zur Hand nehme, um zu staunen, wie beredt die Stille sein kann.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„She is dizzy because they have turned her around and around. Much of life has been like that – trying to feel one’s way forward sightless.“ Siri Hustvedt, Memory of the Future.

Isabella Huser, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Isabella Huser_Schriftstellerin

https://www.bilgerverlag.ch/index.php/Autorinnen/Isabella-Huser

Fotos_Daniela Huser

18.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst muss erlebbar, präsent und außerdem niederschwellig sein können“ Bettina Scheiflinger, Schriftstellerin _ Wien/Wil (Schweiz) _ 16.10.2021

Liebe Bettina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Geprägt von Gegensätzen: Zum Ende der Semesterferien versuche ich einerseits, meine Tage wieder mehr zu strukturieren, andererseits möchte ich die verbleibende Zeit noch auskosten und spontan sein.

Diese Ambivalenz passt ganz gut zu meiner aktuellen Hauptbeschäftigung, dem Hineinfinden in ein neues Textprojekt. Dazu muss ich in mir drin suchen, genauso wie die Außenwelt erleben und beobachten.

Meine Formel ist, den Vormittag zuhause mit Lesen und Schreiben verbringen, am Nachmittag raus gehen.

Bettina Scheiflinger, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es war schon immer wichtig: aufeinander Acht geben, einander zuhören, bedeutsame Beziehungen leben, lesen.

Grundlegendes tritt wieder stärker in mein Bewusstsein.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das Aufbrechen und die Bewegung des „sich konstant an Neues anpassen“ sind schon in Gange, beobachte ich. Wenn ich in mich und in meinen Freundeskreis schaue, ist da auch der Wunsch durch zu atmen und anzukommen in der neuen Normalität.

Kunst und Literatur sollen weiterhin herausschälen, was unsere Realitäten sind und sein können. Dafür muss Kunst erlebbar, präsent und außerdem niederschwellig sein können.

Was liest Du derzeit?

Gestern beendet: „Der Freund“ von Sigrid Nunez. Gerade begonnen: „Die Atemschaukel“ von Herta Müller. Danach: „Das Ereignis“ von Annie Ernaux.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zitate fühlen sich für mich immer unvollständig an, immer denke ich dabei, dass doch das Ganze drumherum diese eine Passage erst zu dem macht, was so gewichtig daran ist.

Trotzdem drei Sätze aus Herta Müllers Atemschaukel, weil ich sie gerade eben mehrmals gelesen habe: „Das Richtige hat man nicht, man improvisiert. Das Falsche wird zum Notwendigen. Das Notwendige ist dann das einzig Richtige, nur weil man es hat.“

Vielen Dank für das Interview liebe Bettina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Bettina Scheiflinger, Schriftstellerin

Foto © Tina Tomovic

30.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Eine Frau ist heute als Frau stark“ Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Romanjubiläum Malina_Wien 16.10.2021

Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien

Liebe Julia, herzlichen Dank für Dein Interesse am szenischen Malina Projekt zum 50jährigen Erscheinungsjubiläums des Romans von Ingeborg Bachmann teilzunehmen.

Du kommst jetzt aus Deinem Wohnort in unmittelbarer Nähe des Romanschauplatzes Malina im Dritten Wiener Gemeindebezirk. In der Vorbereitung hast Du den Roman (Malina, Ingeborg Bachmann, 1971) gelesen wie auch den Film (Malina, 1991. Regie: Werner Schroeter. Drehbuch: Elfriede Jelinek)  gesehen.

Mit welchen Augen siehst Du jetzt das „Ungargassenland“ Bachmanns in Deinen täglichen Wegen?

Erstmal vielen Dank für die Einladung!

Ja, ich wohne seit ca. 1.Jahr im Umfeld des „Ungargassenlandes“. Es ist sehr spannend jetzt im Lesen die Straßennamen, Orte des Romans, etwa den Stadtpark, wiederzufinden, die ja jetzt das eigene Zuhause sind. Und auch eine andere Geschichte zu hören als die eigene vor Ort.

Gibt es topographische Romanbezüge, die Du jetzt im persönlichen Erleben, Gehen hervorheben möchtest?

Wenn man einen Roman liest, stellt man sich ja im Kopf vor, wie es aussehen könnte. Spannend war es jetzt, meine Vorstellungen ganz direkt auf bekannte Orte beziehen zu können.

Etwa das Gehen der Ich-Erzählerin durch die Beatrixgasse/Ungargasse. Das sind ja meine Wege, die ich täglich betrete. Beim Lesen ploppen da meine eigenen Bilder im Kopf auf. Es war toll zu lesen und dies auch zu fühlen.

Wie darf man sich dieses Lebendigwerden und Verbinden literarischer Ortsbezüge im unmittelbaren Lebensraum vorstellen?

Wenn ich jetzt durch die Ungargasse in Richtung Stadtpark gehe, dann ist jetzt auch der Roman mit dabei (lacht).

Was bedeuten Dir Orte an sich?

Mir bedeuten Orte sehr viel. Ich bin ein Mensch, die ihre Lieblingsorte hat. Orte, an denen man zur Ruhe kommen, sich entspannen kann und Orte, die im täglichen Leben und der Arbeit vertraute Bezugsorte sind.

Ich bin ein Mensch, die Orte sehr schnell in Kategorien einteilt. Etwa den Stadtpark als einen Ort der Ruhe. Das ist immer entspannend und ich bin einfach glücklich dort zu sein.

Im Weg durch die Ungargasse, da bin ich meist auf dem Weg zu Besorgungen, das ist nicht immer entspannend (lacht).  

Ich bin ein Mensch, die gerne in ihrem gewohnten Umfeld ist und sehr viel Bedeutung in einen bestimmten Ort legen kann. Ich bin kein Mensch, die von heute auf morgen für ein Jahr verreisen und an einem anderen Ort bleiben würde. Mir würde da dieses Gefühl von Zuhause in einem gewissen Rahmen fehlen.

War der Dritte Bezirk Wiens ein bewusstes Wohnziel von Dir oder Zufall?

Das war relativ zufällig, dass es der Dritte Bezirk geworden ist. Ich und meine Familie haben uns viele Wohnungen angesehen und es hat da einfach gepasst. Ich habe aber nie bewusst an den Dritten Bezirk in der Wohnungssuche gedacht.

Im Enddefekt ist der Dritte Bezirk perfekt für mich und ich bin froh, dass es dieser geworden ist (lacht).

Im Roman wird vom „Königreich Ungargassenland“ gesprochen. Ist es für Dich auch schon ein Königreich?

Der Dritte Bezirk hat schon etwas Besonderes. Es ist einerseits sehr ruhig hier, man kann da gut für sich sein, und andererseits ist um die Ecke viel los.

Der Bezirk ist auch sehr groß, aber trotzdem sehr zentral mit vielen schönen Ecken, etwa dem Belvedere oder dem Arsenal mit ganz anderer Eigenart. Es ist wahnsinnig vielseitig hier. Ja, man könnte es schon als Königreich bezeichnen (lacht).

Gibt es schon Lieblingspunkte, Wege im „Ungargassenland“?

Das sind die schon auch im Roman genannten Wege der Ungargasse, Beatrixgasse, Neulinggasse. Auch durch die Landstraße spaziere ich sehr gerne. Ich spaziere auch gern durch die Salesianergasse mit den schönen Durchgängen am Weg.

Ich genieße mein näheres Wohnumfeld im Spazieren sehr.

Gibt es auch die Geschäfte, oder etwa das Postamt, noch, welche im Roman erwähnt werden?

Ich kenne diese jetzt nicht.

Bist Du in Wien aufgewachsen und was bedeutet Dir diese Stadt?

Ich bin meine ersten fünf Lebensjahre in Wien aufgewachsen und dann nach Perchtoldsdorf/Niederösterreich gezogen. Ich fühle mich in Niederösterreich Zuhause, aber jetzt ist Wien wieder dieses Zuhause geworden und es bedeutet mir sehr viel.

Meine Familie mütterlicherseits hat in Wien gewohnt, wohnt zum Teil immer noch dort, und es ist für mich wie ein Zurückkommen. Mir sind die familiären Treffpunkte noch in sehr guter Erinnerung. Da sind viele kleine Dinge, die sehr schön waren. Besonders die ersten Lebensjahre sind ja prägend. Und ich gehe auch sehr gerne die Wege von damals.

Wien ist für mich die schönste Stadt. Ich glaube auch, dass ich jetzt sehr lange in Wien bleiben werde.

Welche Berührungspunkte gibt es von Dir bisher zu Werk und Leben Ingeborg Bachmanns?

Ingeborg Bachmann und auch der Bachmannpreis sind mir ein Begriff. Meine Zeit des Lesens in den letzten Jahren bezog sich aber wesentlich auf Literatur, Fachliteratur im Zusammenhang mit meinen Ausbildungen.

Im Lesen des Romans Malina jetzt, habe ich erstmals einen direkten, unmittelbaren Bezug zu Ingeborg Bachmann bekommen.

Ich war vom Roman sehr begeistert und sehr schnell im Lesen (lacht). Man ist gefesselt von diesem Buch.

Da ich jetzt noch mehr über die Romanorte wie die Lebensorte Ingeborg Bachmanns weiß, wird es sicherlich weitere Zugänge geben.

Die Ich-Erzählerin ist wie Du eine Künstlerin. Wie siehst Du Deinen Beruf?

Künstler*in zu sein, ist generell ein wunderschöner Beruf. Ich strebe diesen ja auch als Schauspielerin und darstellende Künster*in an.

Im Roman ist in der Ich-Erzählerin eine Zwiespältigkeit zu erkennen, ein „Hin und Her Gerissensein“, ein Gefühlschaos. Was ich auch jetzt persönlich mitbekommen habe im Kunstbereich ist, dass es oft schwierige Zeiten aber auch phantastische Zeiten gibt, Zeiten, in denen es viel zu tun gibt und dann wieder weniger. Dieser Zwiespalt der Romanfigur in einem Künsler*innenleben kommt wohl oft vor. Aber ich bin natürlich keine Schriftstellerin und einen anderen künstlerischen Weg gegangen. Ich kann aber schon Bezugspunkte erkennen.

Wie siehst Du die Situation als Frau und Künstlerin heute – 50 Jahre nach Erscheinen des Romans?

Im Roman ist die Ich-Erzählerin in großer Abhängigkeit zu ihren Männern. Wenn sie gerufen wurde von Ivan, „springt“ sie. Ich finde schon, dass sich das bei den meisten Frauen heute geändert hat.

Die Frau ist heute viel selbstbewusster und eigenständiger geworden. Nicht nur die gesetzliche sondern auch die psychische, emotionale Gleichberechtigung ist heute da. Im Buch ist es, wie wohl zu der Zeit so, dass sie nicht sagt „Ich bin jetzt Ich und eigenständig und ziehe mein Ding durch“. Da ist es eher ein Hinterher-Laufen nach den Männern. Da hat sich das Bild der Frau schon stark geändert im Vergleich zu damals.

Wie siehst Du das Bild der liebenden Frau heute?

Die Frau ist heute als Frau stark. Eine Beziehung ist natürlich ein Geben und Nehmen und eine Frau ist da nicht immer der Boss.

Die Frau ist, in unseren Bezugsräumen, eine selbstbewusste, starke Persönlichkeit und geht nicht mehr in der Gesellschaft unter. Und das ist schön zu sehen. Auch das alle Wege für eine Frau offenliegen und man als Frau, das erreichen kann, was man sich erträumt.

Wie siehst Du die Situation, Konstellation der Ich-Erzählerin zwischen Ivan, dem Liebhaber, und Malina, dem Wohnungspartner?

Mich hat diese Konstellation etwas überrascht. In meinem Bild, das ich von der damaligen Zeit hatte, war es ungewöhnlich, dass eine unverheiratete Frau mit einem Mann zusammenlebt.

Ich war mir auch im Lesen bis zum Schluss nicht sicher, ob sie jetzt mit Malina zusammen ist und eine Affäre mit Ivan hat, oder ob Malina ein Hirngespinst ist. Oder ob Malina ein Mitbewohner, ihr bester Freund ist und einfach da ist, wenn sie ihn braucht. Im Verlauf des Romans habe ich mir oft diese Gedanken gemacht und es hat mich verwirrt und verwundert.

Ich finde generell, dass alle Beziehungen im Roman untypisch waren für die Zeit. Für mich ist das Bild der Frau in dieser Zeit tendenziell eher in Heirat-Kinder-Hausfrau zu sehen oder gewissen Berufen, wie Frisörin. Im Roman ist es aber nicht so und es sind sehr spezielle Beziehungen, zu Ivan etwa.

Ist die Beziehungskonstellation des Romans auch heute vorstellbar?

Ich glaube, dass es heute tatsächlich auch öfter vorkommt, dass Frauen Liebhaber haben. Die Frau im Roman ist aber am Boden zerstört, wenn sich Ivan, der Liebhaber, nicht gemeldet hat. Und wenn Ivan angerufen hat, war sie wieder voller Freude und das Leben hat wieder Sinn ergeben.

Ich glaube, dass diese Extreme heutzutage nicht mehr oft vorkommen, weil die Menschen reflektierter, auch vielleicht realistischer sind.

In meinem Umfeld gibt es viele, die fixe Beziehungen haben oder schon heiraten und viele, die nicht auf so etwas aus sind. Ich glaube, es gibt mehr ungezwungene Liebhaber*in Beziehungen heute als damals.

Ich würde die Romankonstellation des Liebhabers mehr in die Gegenwart, vielleicht in abgewandelter Form, geben, als in die Zeit des Romans.

Glück ist heute nicht zwingend mit Partnerschaft verbunden.

Ist eine Affäre heute unkomplizierter, einfacher zu leben?

Eine Affäre ist nie unkompliziert zu leben. Ich stelle mir das immer schwierig vor, weil irgendwann einmal kommen Gefühle, Emotionen dazu und dann ist der Punkt erreicht, wo man das nicht mehr unkompliziert leben kann.  Für eine gewisse Zeit mag das möglich sein und es ist heute einfacher als früher aber trotzdem schwierig. Eine Situation, die in keiner Zeit auf Dauer angenehm ist.

Was braucht Liebe, um zu wachsen, zu blühen, zu dauern?

Ich finde, Liebe braucht Vertrauen, Gleichberechtigung, Wertschätzung. Und es  muss einfach passen, man muss gemeinsam Glücklichsein können. Humor ist da auch wahnsinnig wichtig. Wenn man nicht gemeinsam lachen, reden, sich intensiv austauschen kann, finde ich es ganz schwierig.

Ich finde, dass nicht einmal die Interessen gleich sein müssen, aber man muss Glücklichsein können. Und Akzeptanz ist auch wichtig.

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, eine Beziehung zu beenden?

Dann, wenn man mit der Beziehung unglücklich ist, wenn es einem selbst nicht mehr gut geht. Wenn man einfach merkt, ich fühle mich nicht mehr wohl in diesem Umfeld.

Ich glaube, man spürt es sehr schnell und deutlich, wenn eine Beziehung an ihr Ende gekommen ist, wenn es so weit ist.

Welcher ist der beste Weg, um eine Beziehung gut zu beenden?

Persönlich, im Gespräch auf jeden Fall. Und wenn es gut geht im ruhigen Gespräch (lacht).

Ich persönlich löse Probleme grundsätzlich lieber im Gespräch. Ich mag es auch nicht, wenn man Beziehungen über SMS oder social media beendet.

Kommunikation bzw. Nichtkommunikation in der Liebe spielt im Roman eine große Rolle? Wie siehst Du dies heute?

Ich sehe da im Roman sehr viele Parallelen zur Gegenwart. Etwa in diesem innerlichen emotionalen „Fertigmachen“, wenn sich Ivan nicht meldet. Das war ja für sie ganz, ganz schlimm, wenn Ivan etwas zu tun hat und sich nicht meldet.

Aufgrund der sozialen Medien ist die im Roman angesprochene Problematik in Bezug auf Kommunikation noch schwieriger geworden, weil Kommunikation ja etwa auf whatsapp sichtbar ist – ich weiß dann, die Person hat es also gelesen, weiß, dass die Person online ist und Fragen stellen sich:

warum ist die Person jetzt auf facebook online und schreibt mir nicht zurück?

Postet gerade etwas auf Instagram und meldet sich nicht?

Man bekommt viel mehr Einblicke in das Leben eines Anderen und bekommt viel mehr mit – ok, er hat jetzt Zeit für andere Dinge aber für mich nicht?

Zur Zeit des Romans war Kommunikation nicht so sichtbar und man konnte sich denken, er ist gerade bei Arbeit oder verreist. Man weiß es nicht. Die Gedanken waren da mehr im Kopf und es gab weniger diese realistischen Anhaltspunkte moderner Kommunikation. Das ist heute mit social media schon schwieriger.

Das Positive moderner Kommunikation ist, dass man heutzutage nicht immer zwingend beisammen sein muss, um Kontakt haben zu können. Das eine Liebe nicht zur Voraussetzung hat, in der Nähe zu wohnen.

Ich glaube, dass Fernbeziehungen aufgrund moderner Kommunikation viel einfacher geworden sind. Man kann über skype, facetime, whatsapp Videotelefonie machen und da sieht man sich ja auch. Das hat sich schon vereinfacht.

Eine social media Fernbeziehung kann gut oder schlecht sein.

Wird Kommunikation selbst in modernen Beziehungen auch thematisiert?

Ich finde es grundsätzlich wichtig, wenn einem etwas stört, dies zu thematisieren. Man muss aber in einer Beziehung bedenken, dass man auch sein eigenständiges Leben, seinen Beruf hat und ich finde, dass man in einer guten Beziehung Lebensbereiche sehr gut trennen kann und nicht gleich verrückt wird, wenn jemand nicht antwortet. Da gibt es Verständnis, Vertrauen, wenn man im Stress nicht gleich antwortet. In einer gesunden Beziehung ist dies kein Thema.

Wenn eine Beziehung ungesund wird, muss Kommunikation thematisiert und reflektiert werden.

Die Charaktere im Roman hatten keine gesunden Beziehungen (lacht).

Ich bin grundsätzlich jemand, die sich in Kommunikation Zeit nimmt.

Wie nimmst Du die Charaktere im Roman wahr?

Ivan stelle ich mir als sehr erfolgreichen Mann vor, der gut aussieht, gut bei Frauen ankommt und weiß, dass die Frau im Roman ihm nachläuft und das auch gerne ausnützt.

Ich stelle mir Ivan auch arrogant und als sehr von sich überzeugt vor.

Ich könnte mir vorstellen, dass er gewissenhaft im Job ist aber nicht in der Beziehung.

Ivan setzt Prioritäten im Leben und weiß, was er im Leben will.

Malina – ich bin da noch immer unschlüssig, wo/wie ich ihn einordnen soll (lacht) – kommt mir vor wie der beste Freund, der nicht ganz das sein kann, was er sich wünscht.

Ich denke, Malina würde es schon stören, wenn ein anderer Mann in ihr Leben tritt. Das kommt ja darin zum Ausdruck, dass sie darauf achtet, dass beide nichts voneinander wissen.

Malina tut viel für sie. Kümmert sich liebevoll um sie, steht ihr bei Albträumen bei.

Malina wäre eigentlich der viel bessere Mann für Sie gewesen als Ivan. Ja, wo die Liebe hinfällt (lacht).

Der Frau im Roman geht es psychisch nicht gut. Sie hat sehr viel, wie in den Träumen zu sehen ist, aufzuarbeiten. Das häufige, intensive Träumen und die Figur des Vaters darin belasten sie. Da kommt viel Ungelöstes aus der Kindheit auf. Die Probleme in ihren Beziehungen hängen wohl damit zusammen.

Sie sieht realistisch nicht, dass die Beziehung mit Ivan nichts für sie ist, denn sie ist nur das Mädchen, das vorbeikommen kann, wenn er Lust hat.

Sie merkt auch, dass Malina ihre Nähe sucht, aber sie ist unschlüssig in der Liebe.

Sie schreibt auch, Malina versteht mich, Ivan nicht. Aber am Ende des Tages wird Malina immer der Zweite in der Reihe sein, egal was Ivan macht, egal wo Ivan gerade ist.

Welche Varianten siehst Du für die Romanfigur Malina?

Ich habe drei Theorien dazu (lacht).

Für am Unwahrscheinlichsten halte ich die Theorie, dass Malina und die Frau ein Paar sind. Zweitens, Malina könnte auch ihr Wohnungspartner sein. Dies halte ich vom Verständnis in der Zeit her für unrealistisch.

Die dritte Theorie hat sich vor allem auf den letzten zehn Seiten des Romans gebildet, dass Malina nur in ihrem Kopf, ein Hirngespinst ist. Besonders dieses „töte ihn, töte ihn“ verweist für mich darauf und dass es kein Mensch sein kann. Malina ist wie ihre innere Stimme, die sie versucht wieder auf den richtigen Weg zu bringen, ihr versucht zu helfen, das zu tun, was sie vorhat zu tun. Dieser starke Konflikt dann zwischen ihr und Malina, da hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass Malina ein Mensch ist. Dafür spricht auch, dass es ihr psychisch nicht gut geht und sie sehr zwiespältig ist.

Wie siehst Du das Ende des Romans?

Ich sehe es sehr dramatisch. Sie ist da so verzweifelt, dass sie einfach nicht mehr konnte. Diese Zuspitzung sehe ich psychologisch. Sie war psychisch fertig und durcheinander und hatte keinen Ausweg mehr gewusst aus ihrer Situation. Dass sie dann befreit wurde von ihrer inneren Last, auch ihrem Wahn. Ich hätte nicht ein so dramatisches Ende erwartet.

Sie tötet sich selbst und gibt Malina die Schuld, auch wenn sie noch versucht aufzuschreiben, dass es nicht seine Schuld ist.

Für sie ist dieses in der Wand-Verschwinden ein „Jetzt ist es vorbei, das wars“. Die Wand öffnet sich ja und sie geht hinein.

Es war Selbstmord und der Malina_Teil in ihr trägt da wesentlich Schuld.

Das zweite Romankapitel trägt den Titel „Der dritte Mann“ und stellt das Ringen mit dem Unbewussten, dem Vaterbild in den Mittelpunkt. Wie liest Du dieses Kapitel?

Es drücken sich da vor allem ungelöste Probleme aus. Die Theorie der Psychoanalyse Freuds ist da auch zu erkennen.

Sie war ein Mensch, in deren Leben wahnsinnig viel und dies wahnsinnig früh passiert ist, viel auch mit der Vaterfigur falschgelaufen ist und ich habe das Gefühl, dass sie mit dem einfach nicht abgeschlossen hat. Ich habe das Gefühl, dass sie da nie wirklich Unterstützung hatte. Heutzutage gibt es da zum Glück viele therapeutische Angebote.

Im Roman wird vom „Friedhof der ermordeten Töchter“ gesprochen und damit die übermächtige Vaterrolle thematisiert. Wie siehst Du diese Kritik?

Die Macht des Vaters ist Realität der Zeit, dazu kommt der Krieg, was sie ja auch beschreibt. Töchtern wurde da viel genommen. Heutzutage ist das Vaterbild anders. Ein liebevoller Vater, der im Nachhausekommen mit den Kindern spielt, das gab es damals ja so nicht immer. Der Vater war oft das Oberhaupt der Familie und dem hat man zu gehorchen. Bei ihr war dies ganz extrem, in welchem Extrem auch immer. Ich glaube, dass sie keinen guten Bezug zum Vater hatte und dass in ihrer Kindheit sehr viel passiert ist.

Heute hat sich das Vaterbild, in den Breiten, in denen wir leben, gewandelt. Es gibt Väter, die zum Beispiel in Karenz gehen und auch generell für ihre Kinder wirklich, auch emotional, da sind und nicht nur das Geld nachhause bringen und meinen, damit hat es sich erledigt.

Es gibt heute auch eine Gleichberechtigung zwischen Vätern und Kindern. Kinder habe da viele Rechte. Das hat sich sehr gewandelt.

Im Roman ringt die Erzählerin um ihr Selbstbild. Wie siehst Du diesen Prozess der Identitätsfindung als junge Frau und Künstlerin heute?

Es gibt heute mehr Möglichkeiten der Selbstbildentwicklung und auch seinen Interessen nachzugehen. Früher war es ein vorgeschriebener Weg, den man gehen musste.

Mir persönlich standen alle Wege offen und meine Eltern haben mich sehr unterstützt und unterstützen mich heute noch. Aber es brauchte eine Zeit, bis ich herausgefunden hatte – wie sehe ich mich und was will ich eigentlich erreichen?

Jeder Mensch braucht Zeit, um sein Selbstbild zu entwickeln und zu wissen – ok, das bin jetzt ich und so möchte ich sein, das ist mein Leben und so bin ich glücklich. Dazu braucht es auch eine gewisse Reife.

Heutzutage kann man das sein, was man möchte. Man kann sein Ich ausleben. Das ist sehr schön.

Im künstlerischen Bereich ist es so, dass es nur eine Handvoll gute Künstlerjobs gibt. Daher ist auch ein Plan B wichtig. Meine Eltern legten da auch immer Wert auf eine weitere Berufsausbildung.

Man muss im künstlerischen Beruf immer fokussiert bleiben und sich weiterentwickeln. Ich bin aber auch sehr froh, eine weitere berufliche Absicherung zu haben. Ich habe eine pädagogische Ausbildung gemacht und das ist auch ein wunderschöner wie gefragter Beruf.

Man muss sich das Leben leisten können. Und das Leben ist teuer, das merke ich jetzt gerade im Leben in Wien. Es ist auch nicht mehr einfach eine Gemeindewohnung zu bekommen oder Wohnförderungen.

Wie war/ist Dein Weg zum Schauspiel?

Das Interesse gab es sehr früh. Ich war in der Kindheit ein großer Sissi Fan. Ich war dann mit meiner Mutter im „Elisabeth“ Musical und ich war total begeistert, ich habe das Theater geliebt. Ich habe dann in der Volksschule Musikinstrumente spielen gelernt, später kam der Tanz, auch der Chor dazu.

Ich wusste immer, ich möchte eine künstlerische Ausbildung machen und mit zwanzig Jahren habe ich dann mit Ausbildungen in Gesang, Tanz und Schauspiel begonnen. Ich wusste, ich kann dies nicht zur Seite schieben. Es ist ein großer Wunsch von mir und ich finde, man soll solche Träume und Wünsche leben.

Jetzt, fünf Jahre später, fühle ich mich auch bereit, die staatlichen Prüfungen im Schauspiel- und Musicalberuf zu machen. Es war sehr lange ein „ich will es schaffen“ und jetzt, insbesondere durch all die Erfahrungen, die ich in den fünf Jahren sammeln konnte, durch meine Zielstrebigkeit und dank meiner tollen Lehrer*innen, weiß ich, ich kann es schaffen.

Was sind Deine Ziele und Visionen im künstlerischen Beruf?

Ich will einfach auf der Bühne stehen. Ich will in Rollen eintauchen und das genießen. Für mich ist das Theaterflair mit Live-Publikum ganz besonders. Ich will glücklich sein und Spaß haben auf der Bühne. Ich freue mich auf diese Zeit sehr und hoffe, dass es ohne Einschränkungen bald möglich ist.

Was kannst Du aus dem Roman auf dem künstlerischen Weg wie Lebensweg mitnehmen?

Dass ich darauf schaue, dass ich glücklich und nicht abhängig von einer anderen Person bin.

Ich will ein selbständiges, glückliches Leben führen, sei es mit Familie, sei es mit Freunden, sei es in einer Beziehung, sei es, wenn ich meinen Weg allein gehe.

Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien

Herzlichen Dank, liebe Julia, ich wünsche Dir viel Glück, Freude und Erfolg auf allen beruflichen und privaten Wegen!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_10_2021.

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Walter Pobaschnig 10_21