„Ich ging meinen Weg, wie ich ihn für richtig hielt“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Ilma Rakusa, Schriftstellerin _ Zürich 16.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Im Interview _ Ilma Rakusa, Schriftstellerin _ Zürich

Bachmannpreisnominierte 1981

(Bachmannpreisjurorin 2003 – 2007)

Liebe Ilma, Du hast 1981 als Lesende am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?

Als ich 1981 zur Teilnahme am Bachmann-Wettbewerb eingeladen wurde, hatte ich erst wenig publiziert, mein erstes wichtiges Buch, Die Insel, erschien wenig später beim Suhrkamp Verlag. Also war ich aufgeregt, zumal der Juryvorsitzende, Marcel Reich-Ranicki, bekannt für seine harschen Urteile war. Doch erstaunlicherweise äußerte er sich überhaupt nicht zu meinen zwei Kurzgeschichten, überließ die Diskussion den anderen Juroren. Diese wirkten entspannt und sagten viel Wohlwollendes. Ich fühlte mich verstanden und verließ das Podium sehr erleichtert.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Das Besondere am Bachmannpreis ist die Tatsache, dass ich als Autorin erleben muss, wie über meinen Text unmittelbar nach der Lesung diskutiert wird: in meiner Gegenwart, und natürlich vor Publikum und laufender Kamera. Das ist unter Umständen schwer zu ertragen, denn einmischen sollte man sich besser nicht. Da kann schnell ein Gefühl der Ohnmacht aufkommen, der Wehrlosigkeit, ja der Scham. Ohnehin fühlt man sich beim Vorlesen eines unveröffentlichten Textes exponiert, was Publikum und Jury oft schwer verstehen. Die öffentliche Debatte danach macht die Sache aber noch viel schwieriger.

Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?

In meinem Fall war die Jurydiskussion sehr fair und für mich anregend. Einen Preis habe ich nicht gewonnen, war jedoch in den Klagenfurter Texten jenes Jahres – sie erschienen in Buchform – vertreten.

Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deinen literarischen Stil wie auf Deine literarische Öffentlichkeit ausgewirkt?

Auf meinen Stil hat sich die Teilnahme nicht ausgewirkt, auch nicht auf meine weitere Laufbahn. Ich ging meinen Weg, wie ich ihn für richtig hielt, vom Literaturbetrieb wollte ich mich nicht abhängig machen. Auch hatte ich nie einen Agenten, was für heutige Autoren:innen fast undenkbar ist. Diese nutzen ferner ausgiebig die sozialen Medien, für mich persönlich noch immer keine Selbstverständlichkeit.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Ich finde, der Bachmannpreis sollte ein möglichst breites Spektrum haben und nicht zum reinen Nachwuchswettbewerb werden.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Wer mitmacht, sollte es als Chance sehen und sich von negativen Urteilen nicht zu sehr beirren lassen. Freilich liegt es an der Jury, Kritik so zu formulieren, dass sie weder beleidigend noch demotivierend wirkt. Da Streit publikumswirksam ist, darf es ihn ruhig geben, nur bitte taktvoll und ohne Ressentiments. In diesem Sinne: Viel Glück für den Bachmannpreis – und noch viele erfolgreiche Jahre!

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Ilma Rakusa, Schriftstellerin

Zur Person: Ilma Rakusa (*1946) studierte Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und Leningrad. Sie lebt als Autorin, Übersetzerin und Kritikerin in Zürich. Für ihr umfangreiches Werk, das Lyrik, Erzählungen, Tagebuchprosa, Essays, Dramolette und das Erinnerungsbuch Mehr Meer umfasst, erhielt sie u.a. den Schweizer Buchpreis, den Manès-Sperber-Preis, den Kleist-Preis und 2025 den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay. Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und in verschiedenen Jurys tätig. Zuletzt erschienen: Mein Alphabet (2019), Kein Tag ohne. Gedichte (2022) und Wo bleibt das Licht. Tagebuchprosa (2025).

Website der Autorin: www.ilmarakusa.info

Bachmannpreis _ ORF Studio Klagenfurt

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Empfang der Stadt Klagenfurt _ Schloss Loretto/Wörthersee

Foto: _ Ilma Rakusa _ Katalin Deer/Droschl Verlag

Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze

Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt/Kärnten/Maltschacher See_ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 16.6.2026

https://literaturoutdoors.com

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