„Der Wolf vom Bodensee“ Tina Schlegel. Kriminalroman. Neuerscheinung emons: Verlag

 

„Der Wolf vom Bodensee“ Tina Schlegel. Kriminalroman. Neuerscheinung emons: Verlag

Eine Suche nach der Vergangenheit. Jetzt im Weg durch den Wald. Ein Loch in der kalten Erde. Menschen darum. Gespenstisch. Wie auch der Weg in seinem Leben. Und viele Wege hier um den See. Wege und Worte. Wie Hermann Hesse, damals. Menschen als Steppenwölfe. Wie der Vater von Anton, der alle Gedichte des verehrten Idols kannte und ihm hierher nachgereist war. Seine Familie hatte zu folgen. Bedingungslos. Und doch blieb der Vater einsam und rastlos unterwegs. Um den See, um das Leben…Und der Vater blieb nicht allein in seiner Rastlosigkeit. Damals wie heute. Still und unbarmherzig. Wie ein Wolf, der all die Angst und das Dunkle auf sich nehmen muss. Zu allen Zeiten. In der Jagd der Menschen nach ihrer verlorenen Seele…

Was vom Schriftsteller hier am See blieb sind Worte am Schreibtisch, der jetzt im Museum steht. Was vom Leben der Schriftstellerin Jana an Worten im Tagebuch blieb ist nun Gegenstand der Ermittlungen von Paul Sito, Roman Enzig, Wint und Christine Fane. Kommissar Sito, der jetzt mit Miriam und seinem Hund Zeus endlich Frieden gefunden zu haben scheint. Umgebendes Lebenslicht, das Gespenster von schwindendem Leben vertreiben kann. Doch als Sito am Urlaubsort ankommt, wird Jana tot aufgefunden. Mordverdacht. Jetzt muss er eintauchen an den Grund menschlicher Verzweiflung rund um den dunklen See. Worte, Wege, Rätsel…in einem Winter, in dem Menschen Schatten sind, Geheimnisse haben und deren tiefe dunkle Spuren der Seele nun offenbar werden…

Tina Schlegel, Schriftstellerin und Kulturjournalistin, legt mit „Der Wolf vom Bodensee“ ihren dritten Kriminalroman vor, der in seiner Raffinesse von Spannungsaufbau und Enthüllung einzigartig packt und mitreißt. Die Autorin lässt Leserin und Leser in assoziativ detektivische, biographische wie literarische Erzählräume wandeln und beeindruckt dabei mit einem Sprach- wie Handlungsbogen, der aufmerksam und hintergründig wie genreübergreifend zu begeistern weiß.

„Ein Krimi, der in seiner assoziativen Erzählspannung neue Möglichkeiten eines Genres öffnet.“

Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

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„Watschenmann“, Uraufführung, nach dem Roman von Karin Peschka. Bühnenfassung Berenice Hebenstreit, Michael Isenberg und Ensemble. Volx_Margarethen_Volkstheater Wien, 12.2.2019.

sdr

Ein Stuhl wirft seinen Schatten auf eine Wand voller Schusterutensilien. Dunkelheit und Vision im stummen Stillleben. Dahinter ein inselgleiches Haus, das zugleich da und nicht da ist. Eine Vorhangwelt. Dann ist eine Violine zu hören. Eine intensive Klangfarbe, welche nun die Bühne für eine Zeitreise in das Dunkle nach dem Dunklen freigibt. Wien, nach dem Krieg. Zehn Jahre danach. Streunendes, begegnendes und verstörendes Leben, das nun aufeinandertrifft. In den Trümmern der toten, schlafenden, unruhigen Seelen einer Stadt, einer Welt, die weiterlebt, weiterleben muss, nach dem Ende des Krieges und dem mühsamen Neubeginn von Freiheit. Da ist Heinrich, der Watschenmann, der den Schmerz fühlt und dazu einlädt, ihn zu teilen. Das verschlossene Innere auf ihn auszuteilen, von Kopf bis Fuß. Schlagen, leiden, weitergehen, vielleicht erlösen. Geht nicht anders. Tag für Tag. Er und Dragan, Lydia, Elmer und alle, die hier endlos scheinend unterwegs sind…

sdr

Karin Peschka öffnet mit ihrem großartigen Roman „Watschenmann“ (2014) die unruhige prekäre Seele der Nachkriegsgeneration wie einer Gesellschaft nach dem Ende von Gewalt und Tod an sich. Die Publikumspreisträgerin der Bachmannpreistage in Klagenfurt (2017) legt in einer famosen tragischen Persönlichkeitsschau Vision und Vordergründigkeit im Anspruch von Emanzipation und Verwandlung offen. Doch das ist ein schmerzhafter Prozess. Das weiß vielleicht keiner besser als der „Watschenmann“ Heinrich und dieser ringt stellvertretend bis zum Blut damit. Mit den geballten Fäusten in der täglichen Begegnung in den Jackentaschen da draußen. Auch Jahre danach. Die Geschichte des Krieges und ein literarischer Blick auf die Schatten einer Nation im Umgang mit Traumata, im Weg des Schweigens, im Kontinuum von Gewalt, den erhofften Formen von Wandlung und Verwandlung, der Präsenz von Aggression…und wo endet diese? Wo versteckt sich diese? Es ist zweifellos eines der klügsten Bücher zur Geschichte eines Landes und dem Wesen von Krieg an sich.

sdr

Die Inszenierung am Volkstheater Wien_Volx/Margareten überzeugt in ihrem selbstbewussten Weg dramaturgischer Narration. Sie setzt alles auf die Ausdruckskraft des Ensembles und gewinnt dabei alles. Dieses nimmt das Publikum einzigartig mit und lässt den Herzschlag des Romans wie den des Publikums dramatisch spüren. Die ProtagonistInnen agieren in famoser Intensität in Sprache, Ausdruck, Dialog und Virtuosität – Bühne und Musik verdichten dies zudem wunderbar. Hier geschieht Theater als Ereignis, das Geschichte und Seele in den Blick nimmt und ein Licht auf menschliche Kontinuitäten legt und im dramatischen Handlungsbogen Fragen nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit stellt. Aber auch still eine Vision öffnet, in der es um Horizonte von Erlösung, Integration, Überwindung von Gewalt in Humanität, Empathie und Liebe gehen könnte. Es sind Reflexionen zu Zusammenhängen und Ausweglosigkeiten von Krieg und Frieden, die im Spiel von der Bühne mitreißend in die Mitte der Zeit springen.

Ein großartiger Theaterabend, der weitere literarische Bühnenfassungen bestens empfiehlt.

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Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

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„Lies mein Herz“ nach dem Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Umjubelte Uraufführung von Junges Theater Wien und Werk-X Petersplatz, Wien. 9.2.2019

 

Als das Publikum den abgedunkelten Raum betritt, sieht es eine Pierrette regungslos auf der Bühne liegen. Hände und Füße ausgestreckt. Dahinter vier leere Sessel und vier weißgekleidete Frauen und Männer, die vor einem mit Kreidestrichen gemalten Ausgang an der Wand stehen. Nichts bewegt sich hier (mehr). Ein Stillleben, erschöpft, ausweglos in sich ruhend. Doch – ist dies ein Davor oder ein Danach? Oder ein Mittendrin? Liebe hebt, Liebe trägt, Liebe fällt? Liebe…? Erzählt.

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Blitzschnell hebt sich dann die zauberhafte Pierrette und lässt den Frühling im Nachkriegswien erwachen. Es sind Worte, die in der Begegnung der jungen Studentin und Autorin Ingeborg Bachmann und des die Shoa überlebenden, heimatlosen Dichters Paul Celan eine neue Zeit tragen (müssen) und jetzt auch ihre Liebe in Erfüllung und Sehnsucht bewegen. Doch die Zeit, die Vergangenheit, bleibt in aller Schwere dem Herzen voraus. Trotzdem ringen nun beide in Briefen um eine Gegenwart, die vielleicht gemeinsam aufbauen und bauen, leben und lieben lässt. Wien, Paris, Zürich, München…immer sind es Worte, die über Lebens- und Dichterwege verbinden. Ein Sehnen, ein Ringen um „die Zeit, das es Zeit wird…“ zwischen Kreidestrichen der Liebe an den schwarzen Wänden der Schatten der Toten…“…Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng…“.

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Die Uraufführung „Lies mein Herz“ begeistert in Inszenierung und schauspielerischem Können. Das Regieteam Shirina Granmayeh/Matti Melchinger und das bemerkenswerte Ensemble zieht alle Register modernen dialogischen Bühnenspiels und schafft es in intensivstem Ausdruck von Wort, Pantomime, Musik und Tanz dem pulsierenden wie explodierenden „Herz“ der großen tragischen Liebe zwischen der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926-1973) und dem rumänischen Dichter Paul Celan (1920-1970) in Gänsehaut wie erfrischender Distanz nahezukommen. Hier wird nichts er- oder verklärt. Hier wird im literarischen Zeit- wie Gesellschaftsrahmen ausdrucksstarker wie solidarischer Dichterleben der Morgen, der Abend und die endlose Nacht der Liebe exemplarisch zwischen der Melancholie des Wienerlieds wie Pop Melodien der 1970/80 Jahre auf die Bühne geknallt und gerockt. So war es. Und so ist es immer wieder. Ein genialer Kunstgriff, der in atemloser Ansprache von literarischer wie biographischer Intensität packt und mitreißt.

Inszenierung und Ensemble als einmaliges Bühnenereignis, welches das Publikum in das literarische, tragische Herz der großen Liebe zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan mitreißend katapultiert und dabei Tiefe wie Klischees von Liebe mit einmaliger Verve und Augenzwinkern grandios öffnet wie zeitlos zerfetzt.

sdr

Lies mein Herz

nach dem Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan

Inszenierung: Shirina Granmayeh & Matti Melchinger

– Bühne: Matti Melchinger

– Kostüm: Alexandra Fitzinger

– Musikalische Leitung: Shirina Granmayeh

– Assistenz: Mara Kömives

 

Mit: Claudia Marold, Veronika Petrovic, Soffi Schweighofer, Régis Mainka, Johannes Sautner

 

Weitere Termine: So 10.02.2019, 20.00 Uhr, Mi 13.02.2019, 20.00 Uhr

Do 14.02.2019, 20.00 Uhr, Fr 15.02.2019, 20.00 Uhr

Ort: WERK X-Petersplatz, 1010 Wien

 

Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

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