50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Martin R. Dean, Schriftsteller _ Basel
Bachmannpreisnominierter 1983
Lieber Martin, Du hast am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?
1983, ich war am Vorabend noch mit Rainald Goetz zusammen, der sich am anderen Tag während der Lesung die Stirn aufschnitt. Ich war beeindruckt und gratulierte ihm. Nun wusste ich, dass beim Bachmannwettbewerb Blut fließen muss, Herzblut oder Stirnblut.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Die Eleganz, mit der man strategische Präferenzen, Vorlieben und Geschmacksurteile in ästhetische Betrachtungen überführt. Natürlich die dörfliche Atmosphäre, die einen die Illusion gibt, zu wissen, wer der Metzger und wer die Bäckerin ist. Immer aber weiß man, wo die nächste Beiz ist.
Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?
Als ich meinen Text über eine simulierte Männergeburt (Couvade) vorgelesen hatte, sagte Frau Obermüller, es handle sich um den interessanten Beitrag eines emanzipationsgeschädigten Mannes und Reich-Ranicki rührte den Löffel im Tee. Es gab damals noch kaum ein Bewusstsein für emanzipative Bewegungen, schon gar nicht, wenn sie Männer und ihre Rolle ironisch spiegelten.
Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deinen literarischen Stil wie auf Deine literarische Öffentlichkeit ausgewirkt?
Gar nicht. Ich hatte das Jahr zuvor meinen ersten Roman „Die verborgenen Gärten“ veröffentlicht, hatte meine Sprache und (m)ein Thema gefunden und blieb gegenüber den Klagenfurter Anfechtungen immun.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Mehr Offenheit und Durchlässigkeit gegenüber den Literaturen der Welt (nicht den Autor:innen). Zu lange hat sich die deutschsprachige Literatur eingeigelt und selbst gefeiert. Ihr Inseldasein vergoldet. Geöffnet hat sie sich erst spät und nur gegenüber den Literaturen aus dem Osten Europas. Als Schweizer vermisste ich aber die Echoräume Frankreich und die frankophone Literatur, die angelsächsische und spanische Literatur. Und die afrikanische Literatur.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Mut, über die eigenen Grenzen zu schauen, mehr Zugewandtheit zu den Themen, die die Welt bewegen und bedrohen. Kolonialismus, Migration, Auflösung der Gesellschaften, Identität. Weniger Nabelschau. Und zentral: Mehr Courage zum nichtweißen Blick.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person: Martin R. Dean, 1955 im Kanton Aargau geboren, Studium der Germanistik, Philosophie und Ethnologie. Reisen im globalen Süden. Arbeiten als Essayist u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, FAZ, Die Wochenzeitung, CH Medien, die REPUBLIK. Lebt als Autor und Essayist in Basel.
Letzte Veröffentlichungen: «Verbeugung vor Spiegeln», Essay 2015 (Shortlist des Schweizer Buchpreises), «Warum wir zusammen sind», Roman 2019, «Meine Väter», Roman 2024, «Tabak und Schokolade», Roman 2024, «In den Echokammern des Fremden», Essays 2025
Alle Bücher bei «Jung und Jung», Salzburg, Kampa/Atlantis Zürich
Aktueller Roman: Martin R. Dean, Tabak und Schokolade, Roman _ Atlantis Verlag.

„Nach dem Tod der Mutter findet der Erzähler in einer Schublade ein Album mit Fotos seiner frühen Kindheit, die er auf der Karibikinsel Trinidad und Tobago verbracht hat. Als junge Frau hatte sich die Tochter von »Stumpenarbeitern« aus dem Aargau in ein Abenteuer mit einem Tunichtgut der westindischen Oberschicht gestürzt und ein Kind bekommen. Während die übrige Familie bemüht ist, das Gedächtnis an die Jahre der Mutter bei den »Wilden« auszulöschen, macht sich der Erzähler auf, diese Geschichte, die auch seine eigene ist, zu retten.
Tabak und Schokolade führt in den tropischen Dschungel einer britischen Kronkolonie der fünfziger und sechziger Jahre. Indem der Erzähler immer weiter zu seinen indischen Vorfahren, die als Kontraktarbeiter in die Karibik verschifft wurden, vordringt, legt er nicht nur einen Familienstammbaum, sondern auch ein Stück Kolonialgeschichte frei. Dem gegenüber wird die Erinnerung an das Aufwachsen im »Tabakhaus« der Großeltern im Aargau gestellt und die Annäherung an eine Mutter, die zu Lebzeiten stets unnahbar erschien.“ (Pressetext/Verlag)
Martin R. Dean, Tabak und Schokolade, Roman _ Atlantis Verlag.
224 Seiten | Gebunden
€ (D) 22,– | sFr 31,– | € (A) 22,70
ISBN 978-3-7152-5039-7
Tabak und Schokolade – Atlantis Literatur

Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.


Foto: Martin R. Dean _ Maia Wackernagel
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt/Wörthersee _ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 16.6.2026