50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Im Interview _ Thomas Stangl, Schriftsteller _ Wien.
Thomas Stangl _ Bachmannpreisnominierter 2007, Gewinner Telekom Austria Preis.
Lieber Thomas, Du hast 2007 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine ersten Erinnerungen nach knapp zwanzig Jahren? Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Die ersten spontanen Erinnerungen… eigentlich erinnere ich mehr an das Dasitzen im Garten des ORF-Zentrums, Zuhören, in die Luft Schauen als an die Lesung oder die Preisverleihung.
Das Besondere ist sicher die öffentliche Reichweite durch die Live-Fernsehübertragung (auch wenn das Fernsehen in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung verloren hat).
Wie kam es zu Deiner Nominierung und wie hast Du Dich im Vorfeld vorbereitet?
Ich hatte mich nicht beworben, irgendwann im April weckte mich ein überraschender Anruf von Iris Radisch, der offenbar einer ihrer eigentlichen Kandidaten abhandengekommen war; nach ein paar Tagen Überlegung habe ich zugesagt und dann einen Ausschnitt aus dem Roman, an dem ich damals schrieb, zu einem Kurztext umgearbeitet. Sonst habe ich mich wenig vorbereitet.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion danach erlebt?
Es ist nicht angenehm, dazusitzen und solch einer Diskussion zuzuhören, auch wenn die meisten Beiträge eher freundlich waren. Allerdings entsteht da auch eine Art von Betäubungszustand, als würde man unter dem ganzen ungewohnten Trubel hindurchtauchen können.
Du hattest in Klagenfurt auch die Begleitung von Deiner Frau, Schriftstellerin Almut Tina Schmidt (Bachmannpreisnominiert 2025, Gewinnerin des 3sat Preises) und warst auch 2025 vor Ort, um Deine Frau zu begleiten. Wie wichtig ist eine gute Begleitung, Unterstützung in diesem Wettbewerb bei der Lesung und rundum?
Das fand ich, in beiden Rollen, sehr wichtig. Um nicht einerseits dem gesammelten Literaturbetrieb ausgeliefert zu sein und dann plötzlich nachts allein mit den Eindrücken und Gedanken, die durch den Kopf wirbeln. Wobei auch die Solidarität unter den Autor(inn)en und die Betreuung durch das Veranstalterteam vor Ort sehr freundlich und nett war.
Was hat sich im Blick von 2007 (Deiner Teilnahme) und 2025 (Teilnahme Deiner Frau) im Ablauf, Rundum des Bachmannpreises verändert?
Die Rolle des Internets ist wesentlich größer geworden, vor allem die Rolle der Sozialen Medien (die es in „meinem“ Jahr ja noch nicht gab). 2007 war auch der Präsentationsfilm nicht so wichtig wie 2025. Gleichzeitig ist die Berichterstattung in den klassischen Medien, vor allem in den deutschen Feuilletons stark zurückgegangen – so wie insgesamt der Raum für Literatur in der Öffentlichkeit immer schmaler wird.
Du wurdest 2007 mit dem Telekom Preis in Klagenfurt ausgezeichnet. Wie hat sich dies ausgewirkt?
Gesteigerte Aufmerksamkeit (zumindest eine Zeit lang) und eine gefestigte Basis fürs Weiterschreiben.
Welchen Platz haben Eure Klagenfurt-Preise Zuhause gefunden?
Naja, in unserer generell etwas chaotischen Wohnung liegen sie irgendwo herum. Wir haben ja weder ein Regal mit Pokalen wie Sportler (oder deren Mütter) noch sind wir Ärzte, die zur Beruhigung der Patienten ihre Diplome an die Wand hängen.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Verantwortliche in den Fernsehsendern und den Stadt- und Landesverwaltungen, die nicht nur auf Quoten und kurzfristige Vermarktbarkeit bzw. auf Spareffekte und Popularität achten, sondern die kulturelle Vielfalt und den Wert besonderer und einzigartiger Veranstaltungen im Blick haben. Und Menschen, die geeigneten Druck auf diese Institutionen ausüben.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Wir alle wünschen jedem alles Gute, wie Ernst Jandl sagte („dass der gezielte Schlag ihn just verfehle / dass er getroffen zwar nicht sichtbar blute“) nein, Besseres als das, den Teilnehmer:innen Mut und Gleichmut, und allen das Beste: viele merkwürdige, eigenwillige, stille, wilde, strahlende, dunkle Texte.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person: Thomas Stangl, geboren 1966, studierte Philosophie und Spanisch und lebt als freier Schriftsteller in Wien. Seit seinem Debutroman Der einzige Ort (Literaturverlag Droschl, Graz 2004) veröffentlichte er zahlreiche weitere Romane, Erzähl- und Essaybände, zuletzt den Roman Quecksilberlicht (Matthes & Seitz Berlin 2022) und den Erzählband Diverse Wunder (Droschl, 2023). Im Frühjahr 2027 erscheint bei Matthes & Seitz Berlin sein neues Buch Die Ausnahme. Ein Roman von Benjamin Kiefer.
Unter anderem wurde sein Werk mit dem aspekte-Preis für das beste Debut des Jahres 2004, dem Erich-Fried-Preis sowie dem österreichischen Kunstpreis für Literatur und dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet.
Thomas Stangl gewann den Telekom-Austria-Preis beim Bachmann-Preis (2007).
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Thomas Stangl _ Almut Tina Schmidt
Foto: ORF/Bachmannpreis Studio-Setting _ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 25.5.2026