Über wortweg08

Fotografie, Literatur, Theater, Film, Kunst. Mail: walter.pobaschnig8@gmail.com

„Literatur darf alles“ Nils Langhans, Schriftsteller_Berlin 11.4.2021

Lieber Nils, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Kurz nach sechs: ich halte die Hand, die ich stets halte; wir trinken eine Tasse Kaffee (schwarz), lesen einige Seiten. Dann stehe ich auf, meditiere. Irgendwann gongt es. Ich sitze jetzt auf dem Stuhl, der Blick: auf den Backsteinturm, das pampelmusenfarbene Haus, den Flachbau (moosig, begrünt); die Birke neigt den Kopf, tänzelt (und der Stamm: wie Milch); es ist bald sieben Uhr. Ich schreibe stets am Morgen: kurz nach dem Traum und bevor alles beginnt: für eine Stunde oder anderthalb. Den Tag über arbeite ich. Am Abend: die Hand, die ich stets halte; wir kochen, spazieren, lesen; manchmal schauen wir eine Reportage: neulich über das Baekdusan-Gebirge in Korea; wir schlafen meist bei der Hälfte ein. Ich habe mich gut eingerichtet in der Monotonie: die Dinge wiederholen sich, zart und dankbar. An den Wochenenden spazieren wir länger. Manchmal kaufe ich Tulpen.

Nils Langhans, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass der Frühling beginnt: dass es flort und sprießt und ploppt. (Und dass das Impfen funktioniert.)

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Die Situation ist für sehr viele sehr schwierig, bedrohlich: gesundheitlich, psychisch, ökonomisch. Ich verstehe aus diesem Mangel heraus die Projektion eines Neubeginns, Aufbruchs. Allein: ich glaube nicht so sehr daran; jedenfalls nicht auf gesellschaftlicher Ebene. Ich teile hier Armin Nassehis Perspektive: Gesellschaften (und ihre Institutionen) sind seit jeher einigermaßen träge – und deutlich wandlungsresistenter als man es sich vielleicht wünscht.

Zur Rolle der Literatur: Literatur muss nichts, darf alles. Punkt. Die Rolle der Literatur, aber auch die der Schriftstellerin und des Schriftstellers sollte – insbesondere in Zeiten der Krise – nicht in irgendeiner Weise definitorisch eingehegt, verengt werden.

Was liest Du derzeit?

Die Trilogie (»études«, »cahier«, »fleurs«) aus dem immer furioser werdenden Alterswerk von Friederike Mayröcker; Roland Barthes Essay »Am Nullpunkt der Literatur«; die Vorlesungen von Anselm Kiefer am Collège de France (»Die Kunst geht knapp nicht unter«, editiert von Heiner Bastian); einen Text von Georg Simmel über die Ruine (PDF, irgendwo in den geöffneten Tabs verschüttet). Und, und: neulich wieder, kurz touchiert, ironischerweise in der Nacht darauf davon geträumt: Schnitzlers Traumnovelle.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Anders gesagt: in Bezug auf die Objekte selbst ist die Literatur grundlegend und ihrer Konstitution nach irrealistisch. Die Literatur ist das Irreale selbst. Oder genauer: die Literatur ist weit davon entfernt, eine analogische Kopie des Wirklichen zu sein, sie ist im Gegenteil das Bewußtsein vom Irrealen der Sprache. Die wahre Literatur ist die, die sich ihrer Irrealität bewusst ist, insofern sie sich wesentlich als Sprache versteht, sie ist die Suche nach einem vermittelnden Stand zwischen den Dingen und den Wörtern, sie ist jene Spannung eines Bewußtseins, das gleichzeitig von den Wörtern getragen und von ihnen begrenzt wird und das durch sie hindurch über eine zugleich absolute und unwahrscheinliche Macht verfügt.« – Roland Barthes, Literatur oder Geschichte

Vielen Dank für das Interview lieber Nils, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Nils Langhans, Schriftsteller

Nils Langhans – Autor & Unternehmer

Foto_

15.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Interessant wird, wie Künstler diese Erfahrung mit der Pandemie in ihre Kunst einfließen lassen“ Leopold Maurer, Künstler_Wien 11.4.2021

Lieber Leopold, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Früh aufstehen und Frühstück für die ganze Familie machen. Danach ins Atelier, Aufträge erledigen, dann eigene Projekte vorantreiben. Dazwischen Luft schnappen im Garten, mittags kochen für die ganze Familie. Abends fernsehen und lesen.

Leopold Maurer, Künstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was immer wichtig ist: versuchen nicht vorschnell zu (ver)urteilen und Verständnis für alle Seiten zu haben – auch wenn es oft schwerfällt, da schon im engeren Bekanntenkreis bei manchen eine überraschende Radikalisierung zu beobachten ist. Und unbedingt der Wissenschaft vertrauen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ich bin mir nicht sicher, ob es Aufbruch und Neubeginn geben wird – eher ein Zurück zur alten Normalität, sobald das möglich ist. Die Rolle der Kunst bleibt dieselbe: verschiedene Blickwinkel auf gesellschaftliche Realitäten zu ermöglichen und dabei jede Seite schonungslos auszuleuchten. Interessant wird, wie Künstler diese Erfahrung mit der Pandemie in ihre Kunst einfließen lassen, für viele ist das ja die erste spürbare globale Katastrophe, die sich unmittelbar auf das Leben jedes Einzelnen auswirkt.

Was liest Du derzeit?

Fegefeuer der Eitelkeiten von Tom Wolfe und das sehr empfehlenswerte Comic Tunnel von Rutu Modan

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Mein Lieblingszitat, das immer und überall passt:

‚Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.‘ (Karl Valentin)

Vielen Dank für das Interview lieber Leopold, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Leopold Maurer, Künstler

leopold maurer:comic-animation-illustration-cartoon

Foto_Pia Maurer

15.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich fürchte, dass die Kunst „danach“ eine noch kleinere Rolle spielen wird“ Tex Rubinowitz, Schriftsteller_ Wien 10.4.2021

Lieber Tex, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

-Unspektakulär. Im Idealfall mit dem Rad auf die Donauinsel, 20 Km laufen, ins Wasser, auch im Winter, zurück, und sich von den Endorphinen fluten lassen, und produktiv sein, Schreiben, zeichnen, Sticken. Im schlechten Fall eine Kette von Prokrastinationen, Bares für Rares schauen, und sich in Schrott und Müll verlieren. Nichts essen, trinken, vor sich hin brüten. Warten.

Tex Rubinowitz_Schriftsteller_
Bachmannpreisträger 2014, Zeichner, Cartoonist, Künstler, DJ, Reisejournalist.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

-Warten. Und so tun, als sei nichts und sei nichts gewesen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

-Keine. Ich würde mir wünschen, dass Kunst, welcher Art auch immer, eine essentielle Rolle spielen würde, aber bezweifle es, und fürchte, dass sie „danach“ eine noch kleinere Rolle spielen wird.

Was liest Du derzeit?

-Nichts, ich bin ein sehr langsamer Leser, kann mich schlecht konzentrieren, aber ich hab die Kopenhagentrilogie von Tove Dietlevsen zuletzt wie in Trance gelesen, dh ich hab sie eher nicht gelesen, sondern sie hat mich eingesaugt, eine einfache, sehr moderne Sprache (auch wenn die Bücher schon viele Jahrzehnte alt sind) mit soviel Wucht und existenzieller Präzision findet man wohl selten, alles was davor war und danach kommen könnte, ist erstmal irrelevant.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

-„Weltmeister im Scheißereden“ (aus „Sherlock Holmes“, Auftragsstück für das Werk X, soll angeblich im Herbst Premiere haben.

Vielen Dank für das Interview lieber Tex, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tex Rubinowitz_Schriftsteller_Bachmannpreisträger 2014, Zeichner, Cartoonist, Künstler, DJ, Reisejournalist.

Aktuelle Ausstellung von Tex Rubinowitz _ im Spoerri Museum , Hadersdorf-Kammern, 3493, Niederösterreich.

Tex Rubinowitz – Kunst-Ausstellung – Stoff-Texte _Spoerri Museum_Hadersdorf

Tex Rubinowitz _ AUSSTELLUNGSHAUS SPOERRI | Hauptplatz 23 | A-3493 Hadersdorf am Kamp | +43 2735 20 1 94 | +43 664 884 547 87

Alle Fotos_Kunstausstellung _ Tex Rubinowitz_Spoerri Museum Hadersdorf – Tex Rubinowitz.

Alle Fotos_Porträt _ Walter Pobaschnig _ Wien_Ringradweg_9.4.2021

9.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Kunst ist unser Triebmittel“ Ruth Loosli, Schriftstellerin, Winterthur/CH 10.4.2021

Liebe Ruth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Diese Frage beantworte ich gerne mit diesem kürzlich geschriebenen Gedicht:

Persönliche Tagesschau; Spätausgabe

1 x Traum aufgeschrieben

(er gewährte mir Einblick in das

Buch der Verletzten)

1 x Linsen gekocht

(zuvor Kaffee getrunken)

1 x Laufgitter skizziert

(nach Iris von Roten)

1 x im Zug gesessen

(die Augen geschlossen)

Danach Brot gekauft

Briefe eingeworfen

Ausstellung besucht

Nachgedacht, gedacht, ge

laufen, laut klickklack, leise

durch das Wäldchen der Dachs

hörte mich trotzdem ich beugte mich

zu seinem Eingang und bedachte den

Bärlauch mit meinem Lob, dass er

wieder wächst; wächst

danach diese Orange geschält

Stimmen gehört das Durcheinander

erzeugt Kopfschmerzen, es ist 23:59,

liege wach, suche nach einer Technik

im Raum die mich den materiellen

Räumen entbindet. Also Traum.

Also Exodus.

(1 Tag in meinem Leben

Corona 2021)

Ruth Loosli, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir in eine Balance kommen. Als Weg zum Ziel. Das Ziel als Weg, ich weiß es nicht, aber das Ungleichgewicht – politisch und gesellschaftlich – ist derart groß geworden, dass es den Planeten gefühlt schier aus seiner Umlaufbahn spickt. Jedenfalls die Menschheit aus ihrem Menschsein. Das scheint mir eine Bedrohung, die auch auf die Natur übergreift. Natürlich kann die Natur ohne die Spezies „Mensch“ leben. Sie würde sich besser erholen als mit ihm. Aber welcher Reichtum würde verloren gehen. Daran glaube ich immer noch, dass das Experiment „Mensch“ in seiner Evolution etwas eigenartig Einzigartiges ist. Und: An das Ausbalancieren. Damit wir nicht vergessen, wie die Freiheit schmeckt.

Die Kunst hat dabei eine wichtige Aufgabe. Sie ist in sich bildend, ohne pädagogisch daherkommen zu müssen. Doch sie trägt eine Mitverantwortung, in welche Richtung wir uns als globale Gesellschaft entwickeln.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Grade finde ich es ganz schwierig einzuschätzen, welche Rolle die Kunst, die Literatur auch in Zukunft einnehmen wird. Es stellt sich sicher die Frage, ob die Menschen weiterhin genügend Geld zur Verfügung haben, sich Kunst zu leisten. Also von Seiten derjenigen, die Kunst kaufen möchten in Form von Veranstaltungen oder von denjenigen, die selber Kunst machen.

Die Kunst ist unser Triebmittel. Das schöpferische Tun ist auch in der Wissenschaft wichtig, wird wieder wichtiger werden, damit selbstvergessen sich neue Lösungsansätze finden lassen. Davon bin ich überzeugt. Das ist meine Hoffnung für die kommende Generation/ Generationen mit all den drängenden Fragen.

Was liest Du derzeit?

Dana Grigorcea, Romana Ganzoni, Dragica Rajcic, Martina Clavadetscher, Patricia Büttiker, Seraina Kobler, Ariela Sarbacher: alles Schweizer Autorinnen, die kürzlich oder brandneu ihr neues Werk herausgegeben haben. Daneben Sachbücher über Psychologie und welche über den Hahn. Da gärt ein neues Projekt (Kinderbuch) und ich muss noch mehr Bescheid wissen über das Sozialverhalten dieser Federvögel.

In der letzten Nacht habe ich den dritten Band, «Abhängigkeit», der Trilogie von Tove Ditlevsen gelesen. Ich konnte nicht mehr aufhören damit.

Und natürlich immer Gedichte. Da gab es im letzten Jahr geradezu eine Flut im deutschsprachigen Raum von ausgezeichneten Lyrikbänden. Ich habe selten so viele Bücher gekauft wie in den letzten Monaten.

Kommt dazu, dass ich eine grosse Bewunderin von Kate Tempest bin. Ihre Art, die Dinge beim Namen zu nennen, berühren mich direkt, ohne Umweg in mein Denken und Fühlen hinein. Dazu kommt ihr Sound, die musikalische Begleitung ihrer Band, die eine Mixtur erschafft, die auf mich wie eine Droge wirkt. Ich kann alles ringsum vergessen. Ganz nebenbei und praktisch: Die Bände im Suhrkamp Verlag sind zweisprachig erschienen: deutsch/englisch. Laut lesend im Original, kann ich mit dem anderen Auge auf die Übersetzung schielen. Und lerne englisch dabei.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wer kennt Ko Un in unseren Breitengraden? Oder Rumi? Der erste schöpft aus dem buddhistischen Gedankengut und der zweite aus dem islamischen. Beiden ist eine Hingabe an das Kleinste eigen, das sich im Grössten (im Geliebten, im Unnennbaren) spiegelt. Da verliert der Name der religiösen Tradition seinen dogmatischen Machtanspruch. Das ist ein zentrales Anliegen in meinem Denken und Schreiben, denn nur so finden wir in ein Miteinander, Synonym „Solidarität“, das wir dringend benötigen; jede(r) mit ihrem Talent.

Und dann gibt es natürlich wiederum die Dichterinnen und Denkerinnen der heutigen Zeit. Sie begleiten und ermutigen mich täglich.

Zitat 1: „Mein Herz schlägt so stark, dass die Außenwelt wackelt.“ Maria Lassnig

Zitat 2: „Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht.“ Rosa Luxemburg

Zitat 3: „Worte nicht in giftige Buchstaben wickeln.“ Meret Oppenheim

Vielen Dank für das Interview liebe Ruth, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ruth Loosli, Schriftstellerin

Vita • Ruth Loosli

Foto_Vanessa Püntener

14.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wie auf einer Zeitreise in die 1950er, wie ein Heimchen am Herd“ Eva-Lena Lörzer, Schriftstellerin, Berlin 10.4.2021

Liebe Eva-Lena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Einen klassischen Tagesablauf gibt es nicht. Den hatte ich durch meine verschiedenen Brotjobs und freien Projekte aber auch vorher nicht.

Eva-Lena Loerzer, Schriftstellerin Foto_Miriam Zepp

Verändert hat sich nur der Radius, in dem ich mich bewege. Seit Monaten ist meine Außenwelt bis auf seltene Treffen mit Freunden und Interviewtermine auf Spaziergänge im benachbarten Wald und Naturschutzgebiet reduziert.

So kontemplativ, wie das klingt, ist es nicht: Ich hatte seit Mitte Dezember tagsüber insgesamt hochgerechnet 20 Stunden für mich, musste Brotarbeit und Schreiben mit den Bedürfnissen meiner Tochter vereinbaren und habe mich dabei oft gefühlt wie auf einer Zeitreise in die 50er, wie ein Heimchen am Herd.

Das Flanieren und Beobachten von menschlichem Treiben, aus dem ich sonst Inspiration ziehe, fiel weg. Ich wohne am Berliner Stadtrand. In unmittelbarer Nähe meiner Wohnung gibt es nur Wildschweine, Schafe und Rehe. Das Streifen durch die Natur war immer mein Ausgleich. Nun ist es mein Alltag. Statt Außeneindrücke aufzusaugen, höre ich in mich rein. Und bin dankbar, durch „Berlin Viral“, eine Corona-Kolumne der taz, ein Outlet für das zu haben, was ich an mir und meinem direkten Umfeld in dieser Pandemie wahrnehme.

Foto_Christian Lindner für FEZ-Berlin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität und Gemeinschaft. Humor. Ein Bewusstsein dafür, dass die Pandemie endlich ist. Dass wir alle an einem Strang ziehen und achtsam uns selbst und anderen gegenüber sind. Ansprüche und Erwartungen runterschrauben. Die Dinge nehmen, wie sie kommen. Sich aufs Wesentliche besinnen und an kleinen Dingen freuen. An Schnee, Frühlingsknospen, einem Austausch mit Freunden. Akzeptieren, dass wir Teil eines Ganzen sind. Nicht nur aufs unmittelbare Umfeld und aufs eigene Land gucken. Die eigenen Privilegien checken. Und nicht die Menschen aus dem Blick verlieren, die von der Pandemie ungleich härter getroffen werden wie beispielsweise Menschen in Flüchtlingslagern, Wohnungslose, Behinderte, Alte, Alleinerziehende.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wenn wir nicht wachsam sind und aktiv gegensteuern, verschärft die Pandemie das soziale Ungleichgewicht und den Rechtsruck sowie die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, die Errungenschaften der Emanzipationsbewegung. Gerade jetzt gilt es, sich zumindest im Kleinen zu engagieren. Das Verfolgen der Infektionszahlen darf nicht von Menschenrechtsverletzungen und Klimawandel ablenken. Kunst und Kultur können als gesellschaftlicher Spiegel dienen, Zeitgeist, Missstände und Möglichkeiten eines besseren Miteinanders aufzeigen, marginalisierten Stimmen Gehör verschaffen, andere Blickwinkel bieten, zum Nachdenken anregen. Gerade jetzt im Lockdown ist Kunst wichtig, als Ausgleich zu Arbeit und Lernen. Als Gedankenfutter. Inspiration. Utopie in einer dystopischen Realität. Was würden wir ohne Bücher, Filme, Serien machen? Wie sehr fehlen Galerien, Museen, Konzerte, Lesungen, Theater? Dennoch würde ich von der Kunst nichts verlangen: Kunst muss frei sein. Um Kunst machen zu können, müssen Künstler*innen allerdings auch adäquate Rahmenbedingungen haben. Die Frage sollte meines Erachtens nach daher eher lauten: Wie lässt sich gegensteuern, dass Kultursterben nicht zum Kollateralschaden der Pandemie wird?

Was liest Du derzeit?

Dadurch, dass ich meine Tage mit meiner siebenjährigen Tochter verbringe und die Nächte zum Schreiben nutze, lese ich mehr vor, als selber zu lesen. Dabei habe ich die Klassiker meiner Kindheit wiederentdeckt: alles von Astrid Lindgren und Erich Kästner. Das letzte Erwachsenenbuch, dass ich zu Lesen geschafft habe, war „Ein Spalt Luft“ von Mischa Mangel, gerade bei Suhrkamp erschienen und bislang seltsamerweise noch nicht groß besprochen. Eine ehemalige Kommilitonin hat es mir lieberweise geschickt. Ich habe es sofort verschlungen und wünsche dem Buch sehr viele weitere Leser*innen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Was sind das für Zeiten wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“

Aus: „An die Nachgeborenen“ von Bertolt Brecht

„Alles, was an Großem in der Welt geschah, vollzog sich zuerst in der Phantasie des Menschen.“                                                                                                

„Und man muss ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“                                                                                                                      

Astrid Lindgren

Vielen Dank für das Interview liebe Eva-Lena, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen Dank!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eva-Lena Lörzer, Schriftstellerin

Lörzer, Freie Journalistin, Journalismus (evalenaloerzer.de)

Fotos_Eva-Lena Lörzer; andere gekennzeichnet.

14.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wenn Kunst Lebenspraxis ist, kann sie zumindest immer zumindest ein Denken ändern“ Rudi Nuss, Schriftsteller_ Berlin 9.4.2021

Lieber Rudi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, versuchen, wach zu bleiben, und nicht bis zum Ende der Pandemie zu schlafen, einen langen, wilden Traum zu träumen von schönen, neuen Wesen an digitalen Küsten.

Rudi Nuss, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Keine Ahnung! Ich fürchte nur, dies wird nicht die letzte Pandemie sein, sondern der Anfang einer Kargheit, die wir uns trotz aller dystopischen Fantasie der Gegenwart noch gar nicht wirklich vorstellen können oder wollen, weil wir zu hoffnungsvoll sind, mit all dem durchzukommen. 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Zwar kann ich es nicht mehr hören, aber: Leben neu denken. Es kommt mir immer illusorisch vor, der Kunst so große Bedeutung zu zuschreiben, weil wohl die Hoffnung bei mir zuerst stirbt. Doch wenn Kunst Lebenspraxis ist, kann sie zumindest immer zumindest ein Denken ändern, das der Künstler*in, von mir selbst! Das ist ja schon mal was…

Was liest Du derzeit?

T Fleischmann – Time Is The Thing A Body Moves Through

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Empathy connects us beyond our physical form. It feels like the unhinged body — like a slight, warm sadness, at seeing two clocks set to the same time, and knowing they slowly tick apart.« (T Fleischmann)

Vielen Dank für das Interview lieber Rudi, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Rudi Nuss, Schriftsteller

rudi nuss – ÜBER

Foto_Dave Grossmann

14.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass wir nicht allein sind mit diesem kleinen Leben“ Susanne Wawer, Schriftstellerin, Berlin 9.4.2021

Liebe Susanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Weil die Kinder im Moment noch kaum zur Schule und zur Kita gehen, begleiten sie mich meist durch den Tag und ich versuche, wenn sie ins Spiel vertieft sind, zu arbeiten und zum Schreiben zu finden. Die Tage sind dahingehend seit Wochen eintönig. Aber es gibt vereinzelt Lichtpunkte, wenn wir etwa draußen sind und neue Wege und Orte entdecken oder Spiele erfinden. Das hilft dabei, sich gegen die eigene Horizontverengung zu stemmen.

Susanne Wawer, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Früher war es das Schlimmste für mich, gewöhnlich zu sein. Ich wollte mich abgrenzen, einen möglichst exquisiten Geschmack entwickeln und guten Gewissens auf andere hinabschauen. Heute denke ich: Wie gut, dass wir Menschen einander so ähnlich sind, wie gut, dass fast alle leiden, wenn sie sich unverstanden und allein fühlen. Denn dadurch, dass viele unserer Bedürfnisse so menschlich und gewöhnlich sind, sind wir in der Lage, uns gegenseitig zu verstehen, zu helfen und der Tatsache zu versichern, dass wir nicht allein sind mit diesem kleinen Leben, aus dem wir versuchen, das Beste zu machen. Von daher ist es jetzt und immer besonders wichtig für uns alle, uns verstanden zu fühlen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich stelle mir die eigene Welt gern wie von einem Tuch umspannt und von ihm begrenzt vor. Am Anfang des Lebens bilden unsere Eltern dieses Tuch, aber jeder Blick in fremde Welten, jede Erfahrung, die über diese Grenze hinausweist, dehnt das Tuch und weitet die eigenen Möglichkeiten, das Denken und das Verständnis. Nicht nur der Welt, sondern auch der Innenwelten. Kunst ist deshalb eine wichtige Schule für unser Fühlen, Denken und unsere Bereitschaft, Rücksicht zu nehmen, zu geben, zu helfen und dafür Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Die Berührung durch fremde Welten weitet unseren Blick und unser Fühlen, im Grunde die Voraussetzung für ein gelingendes Leben und für die Bewältigung derzeitiger gesellschaftlicher Missstände.

Was liest Du derzeit?

„Fühlen lernen. Warum wir so oft unsere Emotionen nicht verstehen“ von Dr. Carlotta Welding

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Der Mensch geht immer nur so weit, wie er glaubt, dass die Welt geht.“ —  Thomas Bernhard, Buch Frost

Vielen Dank für das Interview liebe Susanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Susanne Wawer, Schriftstellerin

BEZIEHUNGSKILLER KIND? von Susanne Wawer – faltershop.at

Foto_privat

14.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir müssen so leben wie die Astronauten – vielleicht sogar ohne alles, aber im All“ Stefan Feinig, Schriftsteller_Wien 8.4.2021

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Recht überschaubar. Zurzeit werde ich um 6 Uhr früh von meiner Tochter geweckt (ein Jahr alt!). Sie wird von mir eine Zeit lang bespaßt (inklusive Essen). Je nachdem, wie meine Partnerin und ich uns die Erziehung zeitlich einteilen, kann das auch stark variieren. Wir sind beide gerade zu Hause bzw. arbeiten von zu Hause aus. In meiner „kinderfreien“ Zeit schreibe ich primär Beiträge für das Wiener Online Magazin WARDA. Wenn es sich ausgeht, arbeite ich an einem neuen literarischen Text. Wenn es sich ausgeht…

Stefan Feinig, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Hm… Ich suche gerade nach passenden Schlagworten. Dann nach einem grandiosen Zitat. Mir fällt keines ein! Ich vermute einmal, dass es einstimmig für alle wichtig ist, (so erscheint mir das zumindest), dass der Lockdown endlich vorbei ist und das Problem „Corona“ endlich gelöst ist. Doch glaube ich, dass, nachdem dieses Problem gelöst sein wird, andere wichtige Themen auf uns zukommen werden. Es hat sich ja aufgrund von Corona sehr vieles verändert und ich habe so das Gefühl, dass es „danach“ nicht mehr wirklich so sein wird wie „davor“ – vor allem in der Arbeitswelt (u.a. Thema Homeoffice etc.). Man darf nur gespannt sein, was die Zukunft noch so bringt… „Sicherheit“, jetzt ist mir so ein Wort doch noch eingefallen, mit dem jeder und jede etwas anfangen kann. Was für ein tolles Wort! Das finden wir alle bestimmt besonders wichtig, das Gefühl von Sicherheit. Schon ein starkes Wort, in einer Welt in der vieles so unsicher geworden ist. 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Vor allem das Wort „Aufbruch“ wirkt so groß und gut und so positiv besetzt. Zurzeit wirkt es eher so, als versuche die Welt nicht im Chaos zu versinken. Niemand scheint so recht zu wissen, in welche Richtung es gehen wird. Vom Globalen zum Regionalen? Oder dann doch, sobald das Reisen wieder möglich ist, die exzessive Aufsuchung des Fernen, einfach nur aus Prinzip, weil man es wieder kann und etwas kompensieren muss oder weil die Flugtickets so katastrophal billig sein werden. Ich glaube nicht, dass die Menschheit „danach“ auf einmal besinnt sein wird. Ich glaube nicht, dass das ein „Aufbruch“ ist. Die Dinge werden sich nur ändern, haben sich schon geändert. Die Menschen werden jedoch versuchen, das Alte wieder heraufzubeschwören, das „davor“. Doch ist es zurzeit nicht absehbar, ob es dieses „davor“ jemals wieder so geben wird können. Das Gefühl der Angst scheint sich festgesetzt zu haben. Es ist natürlich genau das, was die Menschen mit Einfluss auch bewirken wollten. Angst. Wesentlich wird sein, sich eben nicht von Angst oder anderen Emotionen leiten zu lassen und aus diesen heraus die falschen Entscheidungen zu treffen.

Naja… Und die Kunst? Ich kann dazu nicht wirklich viel sagen. Kunst ist für mich einfach alles! Doch scheint mir das eine Minderheitenmeinung zu sein. Wie wichtig Kunst wirklich ist, scheinen nur Menschen nachvollziehen zu können, die selbst künstlerisch tätig sind oder in deren Welt Kunst relevant ist. Ich fürchte fast, dass Kunst nicht wirklich eine Rolle spielen wird. Was schade ist.

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer mehrere Sachen gleichzeitig. Was mich gerade in seinen Bann zieht, ist ein Buch über Bruegel – seine Bilder, vor allem aber die Ideen hinter seinen Werken, finde ich sehr anregend. Dann lese ich „Der Honigverkäufer im Palastgarten und das Auditorium Maximum“ von Peter Waterhouse. Waterhouse schafft es, meiner Meinung nach, wie sonst keine/r, der oder die mir bekannt ist, Räume zu öffnen und Klangwelten entstehen zu lassen. Dann lese ich auch einiges vom slowenischen Autoren Ludvik Mrzel. Die Beobachtungen in seiner Kurzprosa aus den 1930er Jahren finde ich sehr aktuell.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vielleicht eine lustige Passage aus „Der Honigverkäufer…“ , die meiner Meinung nach gerade sehr passend ist, da sich gerade alles sehr um Geld dreht, wie eigentlich immer schon. Doch gerade jetzt sehr erschreckend – vor allem wenn man den Kauf billiger Impfungen bedenkt. Es wird eigentlich oft an den falschen Enden gespart. Wie dem auch sei, hier ein Zitat von Waterhouse:

„Wir müssen so leben wie die Astronauten – ohne Geld. Die Raketentechnik und die Raumkapseln und Raumstationen und die Satelliten mögen ja teuer sein, doch die Astronauten leben  in den Stationen ohne Geld, vielleicht sogar ohne alles, aber im All.“

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Stefan Feinig, Schriftsteller

Mohorjeva – Hermagoras | Verlag | Autor: Stefan Feinig

Foto_Jennifer Freund

13.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„In der Kunst fällt die Illusion des Getrennt-Seins“ Isabella Minichmair, Bildende Künstlerin, OÖ 8.4.2021

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich grundlegend verändert. Ich gehe zeitig schlafen. Das liegt wohl daran, dass ich mir allgemein mit meinem Leben mehr Zeit lasse und auch versuche anderen diesen Raum zu geben. Ich wache dementsprechend früh auf und genieße den heraufziehenden Morgen. Noch bevor ich irgendetwas anderes angehe, schreibe ich. Manchmal entsteht eine Ideenskizze. Wenn möglich gleich noch im Bett. Vormittags arbeite ich dann in meiner kleinen Werkstatt oder ab und zu in der Glasmalerei Stift Schlierbach. Hin und wieder sind nun auch Termine auswärts möglich. Mittags oder am frühen Nachmittag, je nach Auftrag oder Arbeitsvorhaben, koche ich für mich und meine Familie. Am späten Nachmittag schreibe ich wieder, beantworte Mails, spanne Leinwände auf und grundiere sie oder kümmere mich um anfallende Arbeiten im Haus und Garten. Den Tag schließe ich mit Yoga oder kugle einfach auf der Matte herum und lasse den Tag an mir vorbeiziehen.

Isabella Minichmair_Bildende Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Respekt, Wertschätzung und Achtung gegenüber dem scheinbar anderen. Menschen stehen in verschiedenen Lebensrealitäten und erleben unterschiedliche Herausforderungen. Was dem einen logisch und klar erscheint, ist dem anderen unverständlich. Was dem einen große Kraft abverlangt, bedeutet für den anderen Entspannung. Zuversicht trifft auf Angst, Lebensfreude auf Trauer, Besonnenheit auf Wut, Stärke auf Verletzlichkeit. Zuhören, den anderen in seiner Lebensrealität annehmen und über die eigene Klarheit erlangen, sind Punkte, die uns stärken können.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Die systematische Abwicklung des Ausbildungs- und Arbeitslebens, sowie die planmäßige Gestaltung des privaten Bereichs haben in den vergangenen Jahrzehnten (eigentlich sind es mehr als zwei Jahrhunderte) an Fahrt zugelegt. Das Aufrechterhalten des hohen Tempos verlangt derzeit viel ab und stößt aufgrund der fehlenden Anbindung an ein lebendiges Miteinander an seine Grenzen. Trotz technischem Brückenschlag werden nun grundlegende Systemfehler sichtbar. Insofern die Planmäßigkeit und Kontrollierbarkeit in der Abwicklung, Lösung oder Vermittlung eines Inhalts bedeutender geworden sind als der Inhalt selbst. Diese Sichtbarkeit sehe ich als große Chance. Sie rückt das Leben an sich und die Werte, die wir davon ableiten, in den Fokus.

Die Kunst birgt ja das Element der Vergegenwärtigung. Sie holt den Menschen sowohl beim Schaffen als auch beim Rezipieren zu sich selbst zurück und lässt ihn das andere als Teil des eigenen erkennen. Die Illusion des Getrennt-Seins fällt. Das halte ich noch immer für eine ihrer wesentlichen Aufgaben.

Was liest Du derzeit?

Erneut Erich Fromm „Haben oder Sein“ und „Wege aus einer kranken Gesellschaft“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Rainer Maria Rilke in einem Brief an Franz Xaver Kappus

Worpswede bei Bremen, am 16. Juli 1903

Über die Geduld

Man muss den Dingen die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann, alles ist austragen – und dann gebären…

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben.

Mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.

Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabella Minichmair, Bildende Künstlerin

malerei – www.farbebekennen.at

www.farbebekennen.blog

Foto_Martin Eder

14.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kulturelles Erleben ist eine Notwendigkeit“ Ramona Schnekenburger, Künstlerin _Wien 7.4.2021

Liebe Ramona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es hat sich, bis auf den Wegfall diverser Termine, nicht so viel an meinen Tagesabläufen verändert. An den Tagen, wo ich mit den Künstler/innen aus Gugging arbeite, stehe ich sehr früh auf und unterstütze die Künstler/innen im offenen Atelier. Eine klare Tagesstruktur- für sie, aber auch für mich!

 An den restlichen Tagen bin ich mir selbst überlassen. Ich stehe später auf, rede mit meinem Freund viel über Nahrungsaufnahme und andere, noch wichtigere, Gedankenkonstrukte und Ideen.

Vormittags arbeite ich am Computer und ab ca. 16 Uhr gehe ich in mein Atelier, das zum Glück nur zwei Stockwerke entfernt ist. Das geht dann bis in die Nacht. Dort kann ich gut fokussieren, und egal wie groß die Motivation ist, es geht immer etwas weiter. Ein magischer Ort.

Ramona Schnekenburger_Künstlerin

Immer wieder sehe ich die Menschen, die mir wichtig sind, per Zoom und im real life, ich war auch schon auf einem ‚Soft-Opening‘ einer Ausstellung und interessant daran war, dass es sich so viel mehr anfühlt durch die Seltenheit.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist schwierig eine Aussage für alle zu treffen, da es besonders derzeit so unglaublich viele, verschiedene Lebenssituationen und Betroffenheiten gibt. Und gleichzeitig gilt diese Pandemie tatsächlich ALLEN, nämlich der ganzen Welt.

Trotzdem: Die Hoffnung und den Mut nicht zu verlieren, und den eigenen Fähigkeiten im Umgang mit dem Leben zu vertrauen, scheint mir eine wichtige Sache zu sein im Moment. Und damit meine ich nicht verdrängen, auch Gefühle wie Wut, Verzweiflung und Unverständnis brauchen ihren Raum.

Ramona Schnekenburger_Dickhäuter,80x120cm, Öl, Bleistift und Asche auf Leinwand,2021

Das Leben wird weitergehen und es wird ein ‚nach Corona‘ geben. Dieses Danach wird anders sein, ganz einfach deshalb, weil wir alle jetzt diese neue Erfahrung der kollektiven Verletzbarkeit haben.

Und vielleicht, also ich persönlich glaube fest daran, werden wir aus dieser Erfahrung Erkenntnisse gewinnen, die die Zukunft bereichern und uns alle im Umgang mit dem eigenen Leben und der Welt, die uns umgibt, klüger machen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

In dieser Pandemie, und auch der Reaktion der jeweiligen Regierungen auf die Pandemie, sind einige Realitäten ans Licht gekommen.

Dinge, die wir bereits gespürt und geahnt haben, sind zu Fakten geworden.

Wie zum Beispiel die Wertschätzung und Wichtigkeit unterschiedlicher Arbeits- und Lebensbereiche.

Der Kulturbereich wurde geopfert und als verzichtbar bewertet, ebenso wissen jetzt alle, dass die in der Pandemie für die Basisversorgung unabdinglichen Arbeitsbereiche wie der Gesundheitssektor insgesamt, aber auch der Handel, genau die sind, die schlecht bezahlt werden. Die Nationalstaaten ziehen sich in einer Notlage wieder auf sich zurück, die Meinungsdiversität in der Bevölkerung wird nach dem Motto ‚Augen zu und durch‘ abgeblockt, obwohl sie einen grundlegenden Wert der Demokratie darstellt.

Positiv fällt mir auf, dass durch die Pandemie als Folge unseres weltweiten Umgangs mit der Natur, nun EIGENTLICH niemand mehr sagen kann, dass es ihn/sie nichts angeht. Es braucht diesbezüglich einschneidende Veränderungen, die auch jedem/r Einzelnen ein bisschen weh tun werden.

Auch im persönlichen Bereich, unsere Beziehungen und Lebensgestaltung betreffend, haben sich durch die Erfahrung der Isolation und gleichzeitig höchster Dichte an Nähe (zu den Haushaltsangehörigen) viele Verschiebungen ergeben. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie wir weiterleben werden. Ich könnte mir vorstellen, dass mein Leben insgesamt etwas langsamer und ausgewählter wird.

Nun zur KUNST AN SICH: Ich hätte es sehr begrüßt, wenn genau dieser Kunst- und Kulturbereich in Zeiten der Pandemie geöffnet und sogar forciert geworden wäre. Es wäre eine Chance gewesen, dass auch die, die sonst nie ins Theater, Museum oder in eine Lesung gegangen sind, auf die Idee gekommen wären.

Für mich ist das kulturelle Erleben eine Notwendigkeit und die Verbindung zur tieferen Beschäftigung mit den großen Menschheitsthemen (das heißt auch mir selbst). Immer wieder, wenn ich zum Beispiel eine gute Ausstellung sehe oder einen Beitrag im Radio höre, der mich zum Denken und/oder Handeln anregt, sage ich laut in den Raum: ‚Ich bin so dankbar für diese Tausendheit an Menschen, die mir ihr Wissen und ihre Beschäftigung mit den Dingen, die sie interessieren, zur Verfügung stellen. Was wären wir ohne Kultur!‘

Die Erkenntnisse aus der Pandemie sollten uns Kunstschaffende nicht resignieren lassen, sondern ganz im Gegenteil dazu anregen uns mehr selbst zu organisieren, uns UND ANDEREN zu begegnen und zu zeigen was Kunst und Kultur eigentlich kann, nämlich Kraft und Verbindung schaffen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese wieder seit der Pandemie!

Und zwar ‚Die Eroberung Amerikas‘ von Franzobel.

Kann es gar nicht mehr aus der Hand legen. Eine wundervolle Möglichkeit gedanklich in eine andere Welt und Zeit abzutauchen und immer wieder laut aufzulachen dabei.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

‚Es gibt nichts Gutes, außer man tut es‘

Erich Kästner

Für einen entscheidungsschwachen Menschen wie mich ein wichtiges Mantra.

Vielen Dank für das Interview liebe Ramona, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ramona Schnekenburger, Künstlerin

Ramona Schnekenburger – Portfolio

Fotos_1 Mascha Dabic; 2 Ramona Schnekenburger; 3_Alexandra Kontriner.

12.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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