Über wortweg08

Fotografie, Literatur, Theater, Film, Kunst. Mail: walter.pobaschnig8@gmail.com

„Wir kommen zur Zeit gar nicht umhin, dem Fluss des Lebens irgendwie zu vertrauen“ Esther Horn, Bildende Künstlerin_Berlin 19.1.2021

Liebe Esther, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Lieber Walter, wohl durch meine spezifische Lebenssituation hat sich mein Tagesablauf durch die Pandemie nicht sonderlich verändert. Ich bin auf meiner Seelenreise eher bei einem ‚Aufenthalt im Moment‘ gekommen seit einiger Zeit. Zudem beschäftige ich mich viel mit mir und bin künstlerisch aktiv. Ein echtes introvert_Dasein zur Zeit, was lustigerweise gerade Entsprechung im Außen findet… Dort ist auch alles zur Ruhe gekommen. Ich spüre, wenn ich wieder auf Reisen gehen will, oder mehr aktiv ins Leben ausgreifen werde, wird das auch im Außen dann leicht möglich sein.

So also stehe ich gerne recht früh auf, es ist schön, wenn ich den Sonnenaufgang sehen kann… Bevor ich aufstehe, verbinde ich mich mit dem Göttlichen, der geistigen Welt. Wir kommunizieren, ich erhalte Impulse für Themen, die gerade anliegen. Ich verbinde mich im Laufe des Tages immer wieder auf verschiedenste Weise mit der geistigen Welt, meiner Seelenfamilie, mit Gott.

Dann trinke ich einen Milchcafé… oft schaue ich dann auf den sozialen Medien vorbei, empfange Nachrichten von Freunden aus aller Welt… Dann folge ich weiterhin meinen Impulsen, zur Zeit bin ich in einem kleinen Aufenthaltsstipendium im Stadtteil Lichtenberg in Berlin, da  erkunde ich die Umgebung, gehe spazieren… habe Bilder entwickelt hier und eine „Lichtenberg Mikroerzählung“ geschrieben. Ich kommuniziere regelmäßig virtuell (ist telefonisch eigentlich auch virtuell?) mit lieben Freunden… Mein Hauptaugenmerk liegt darauf, dass ich mich den lieben langen Tag möglichst wohl fühle, mit mir gut verbunden bin und möglichst mache, was mir Freude bereitet. Danach gestaltet sich mein Tag. Liebe und Frieden spüren, und dass das Leben mich trägt, no matter what.

Esther Horn, bildende Künstlerin und Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das liebevolle BEI SICH SEIN. Eigentlich das, was ich oben über meinen Tagesablauf geagt habe, das ist wichtig für alle. In der spezifischen Situation, in der jede_r ist, zu sich zu kommen. Ob jemand Single ist, in einer Paar- oder Familiensituation lebt… es gilt zu sich zu kommen. Routineverhalten abzulegen, oder bewusst anzunehmen, bei sich selbst und mit anderen.

Die Ängste, die bei vielen getriggert werden, lernen, liebevoll anzuschauen und anzunehmen. Sich selbst besser kennenlernen. Bisher verborgene Schichten der eigenen Seele neu fühlen und damit in Kontakt, sprich in Kommunikation gehen. Das auch mit anderen machen. Sich in guter Kommunikation üben.
Anders, tiefer, liebevoller sprechen lernen mit sich selbst, mit anderen. Lernen, in dieser speziellen Situation in Frieden mit sich zu kommen und zu bleiben. Wir sind nun gerade alle angehalten, Gemütlichkeit und Seelenfrieden „ein paar Etagen“ tiefer in uns selbst zu finden als bisher. Alte Muster der bisherigen Lebensweise funktionieren so nicht mehr, das Außen, wie wir es kannten, ist zum Großen Teil weg gebröckelt.

Wir lernen, uns anders und mehr Raum zu geben, unseren Gefühlen und Bedürfnissen. Wir müssen mit uns selbst sensibler und feinfühliger sein, und können das dann auch bei anderen leichter. Anderen deren Raum zugestehen  – und erst mal uns selbst Raum zugestehen.

Interessanterweise entsprechen die zwei geforderte Meter Individualdistanz sehr genau der Ausbreitung unserer energetischen Körper, die über unseren physischen Körper hinausreichen. Wir können diese nun kennenlernen, bei uns selbst und bei anderen achten lernen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wesentlich ist die Zärtlichkeit. Die Liebe. Die Einfühlung. Das Vertrauen. Je liebevoller ich mit mir sein kann, desto liebevoller kann ich auch mit anderen sein. Das ist absolut zentral. UND auch die Spiellust, die Freude und DAS KINDSEIN.

Die Zufriedenheit und Freude im Moment leben zu können. Je mehr ein einzelner Mensch das für sich leben kann, desto stabiler ist sie_er. Das ist eine stille, doch absolut umwälzende Revolution.

Sie geht damit einher, unserer weiblichen Seite, also der Intuition, der Zärtlichkeit, der Empfänglichkeit, der Lust und Spielfreude wieder mehr Raum und Wert in unserem Leben zu geben. Die Weiblichkeit, das feminine Prinzip, ist bei Männern und Frauen über Jahrtausende massiv zu kurz gekommen, nahezu in allen Gesellschaften. Es wurde verachtet und entwürdigt oder subsumiert unter „weicheren“, männlichen Eigenschaften im Patriarchat. Doch sind sie in Wahrheit das feminine Prinzip in uns allen.

„Patriarchat“ bedeutet eine soziale Gemeinschaft, die dysfunktional einseitig das männlich- tätige Prinzip als Lebens-und Werteverständnis fordert und lebt. Das sehen wir noch in unserer – ebenfalls noch –  kapitalistisch ausgerichteten Leistungsgesellschaft täglich. Selbstwert geriert sich fast ausschließlich über Tätigkeit und Produktionsdruck.
Es gilt also, unseren Selbstwert wieder unabhängig zu machen von unseren Schöpfungen. PER SE SIND WIR WERTVOLL, und dann machen wir auch wertvolle Sachen. Das ist so einfach, wie elementar, wie – einmal mehr – umwälzend.

Wir müssen das liebevolle, warmherzige, fürsorgliche, aber auch das spielerische, leichte und freudvolle viel mehr schätzen und würdigen in unseren Gesellschaften.

Wir kommen zur Zeit gar nicht umhin, dem Fluß des Lebens irgendwie zu vertrauen und neue Erfahrungen zu machen, die letztlich sogar, wenn wir es zulassen, magisch sind.

DAS LEBEN IST EIGENTLICH MAGIE – VON UND IN DER KUNST KÖNNEN WIR DAS ERLEBEN

Das ist genau meine Erfahrung des schöpferischen Prozesses in der Kunst. Eigentlich ist alles eine Reise. Ich fange irgendwo an – bei einer Inspiration – und am Ende kommt ein großartiges Bild, ein wunderbarer Text bei heraus.

Die Kunst selbst, also ihr Genuss, bringt uns wieder mehr zu uns selbst, ob in der Lektüre, einem Ausstellungs– oder Theater_Konzertbesuch.  Wir sind, wenn es gut läuft, nach dem Dialog mit einem Kunstwerk vitaler, entspannter, tiefer empfindender, aufgewühlter, leichter, präsenter, euphorischer… uns selbst näher…in einer höheren Schwingung.

Das ist es, was wir Künstler mitbringen – eine hohe Schwingung. Was nicht heisst, dass nur wir sie mitbringen. Aber gute Kunst hervorzubringen geht nur in einer hohen Grundschwingung.  Wir erzeugen sie in unserer Kunst, doch leben auch in ihr – wenn wir es tun. Denn oft genug schlagen wir uns auch mit Not_wendigkeiten herum und verlassen dann auch unsere hohe Grundschwingung.

Wir Künstler schaffen eigentlich aus der Liebe heraus. Die Kunst, die Kreativität entsteht aus der Liebe – das vergessen wir oft. Die Kunst, wir Künstler können daran wieder erinnern, am besten, indem wir es selbst erleben und anerkennen in uns.

Was liest Du derzeit?

Ich lese zur Zeit eher Gedichte, also Lyrik. Immer wieder Rilke. Ich bin länger nicht in das epische Format eingetaucht…

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Erinnert euch wieder, wer ihr wirklich seid. Ich kann euer magisches und liebenswertes Kindsein sehen, wie ihr geliebt und gelebt habt als Kind. Seht und fühlt es auch wieder bei euch selbst.“

Vielen Dank für das Interview liebe Esther, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Esther Horn, bildende Künstlerin und Schriftstellerin

esther horn

Foto__privat

4.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„jetzt alle. sehnen sich zurück. nach einem wieder. gebrochen war längst.“ Cornelia Hülmbauer, Schriftstellerin _ Wien 19.1.2021

Liebe Cornelia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

unroutiniert. früh bis spät oder spät bis früh. mehr oder weniger.

Cornelia Hülmbauer, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

wäre: ein wir.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

jetzt alle. sehnen sich zurück. nach einem wieder. gebrochen war längst.

kunst kann kintsugi. aber will nicht.

Was liest Du derzeit?

fremde erinnerungen.

dazu: TEMPORÄRE UNORDNUNG.  782 Abbildungen aus dem Parlamentsgebäude im Leerstand.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„A FEATHER.

A feather is trimmed, it is trimmed by the light and the bug and the post, it is trimmed by little leaning and by all sorts of mounted reserves and loud volumes. It is surely cohesive.”

Gertrude Stein – Tender Buttons

Vielen Dank für das Interview liebe Cornelia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Cornelia Hülmbauer, Schriftstellerin

Foto_Florian Hülmbauer

30.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Zuversicht, Geduld, Vertrauen. Ein, zwei Menschen, die man liebt.“ Christoph Danne, Schriftsteller _ Köln 18.1.2021

Lieber Christoph, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Genauso wie immer. Einzige Ausnahme: ich fahre mehr Fahrrad (Kurierfahrten zu den Kunden) und komme abends eine Stunde früher nach Hause. Kann also mehr schreiben.

Christoph Danne, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zuversicht, Geduld, Vertrauen. Ein, zwei Menschen, die man liebt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei
der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ein genereller Aspekt könnte die Reduktion auf Wesentliches, auf weniger sein. Die Literatur, die Kunst wird für uns da sein, mächtig, absichtslos und schön. Der Rest wird sich finden, aber ich weiß nicht, wie das geschehen wird.


Was liest Du derzeit?

Ivo Andrić, Insomnia Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Es gibt nur Augenblicke.“ (Nicolás Gómez Dávila).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Es gibt nur Augenblicke.“ (Nicolás Gómez Dávila).

Vielen Dank für das Interview lieber Christoph, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christoph Danne, Schriftsteller

Christoph Danne (christoph-danne.de)

30.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir sind keine Nation von Kulturverliebten, wir sind eine Kulturnation!“ Alexander Braunshör, Schauspieler_Wien 18.1.2021

Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gegen 7h werde ich in sanftem Flüsterton meines 4-jährigen Sohnes geweckt, der inständig um Löschen seines Durstes bittet. Bald darauf wacht meine 1-jährige Tochter auf und der Tag beginnt in rasantem Tempo. Seit Monaten liegt mein Hauptfokus bei der Familie. Dies ist in gewisser Weise durchaus ein exklusives Geschenk, andererseits auch sehr ermüdend. Den Beruf vermisse ich extrem. Pläne schmieden für die Zukunft fühlt sich an wie mit angezogener Handbremse. Jedoch lassen wir uns nicht unterkriegen und bleiben trotzdem dran.

Von Zeit zu Zeit widme ich mich dem elterlichen Garten, eine Leidenschaft, die für mich eine sehr sinnstiftende Bedeutung hat.

Alexander Braunshör, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist wichtig den Optimismus nicht aufzugeben. Ein schönes Zitat, dass ich zuletzt gehört habe stammt von Erika Freeman, die zurzeit in Wien coronabedingt „gestrandet“ ist: „Ein Nein ist lediglich der Anfang vom Ja“.

Dieser Satz ist für mich eine kleine Erleichterung. Was also jetzt noch im Nein verhallt, wird möglicherweise bald im Ja zur Realität.

Wer weiß schon wie die Zukunft wird.

Ich wünsche mir einen demokratischen Prozess als Grundlage für die Gestaltung unserer Zukunft. Mit der Expertise von Soziologen, Ökonomen, Ökologen, Philosophen, etc. Ich fürchte allerdings, dieser Handlungsspielraum muss erst erkämpft werden. Die Machtverhältnisse liegen derzeit woanders.

Plutokratische Tendenzen sind eine große Gefahr für unsere Demokratien. Wenn uns nicht bald eine Reform unserer Wirtschaftssysteme gelingt, könnten hart erkämpfte Errungenschaften erodieren und es wird schwer sein dies aufzuhalten. Ich habe aber große Hoffnung, wenn ich an die ganz jungen Generationen denke. Hier politisieren sich viele Menschen und das stimmt mich sehr positiv.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei Dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das Theater hat seine historische immerwährende Aufgabe der Spiegel zu sein. Den Diskurs anzukurbeln, ja auch zu bestimmen, wenn es Not tut und es tut Not. Wir sind keine Nation von Kulturverliebten, wir sind eine Kulturnation!

Reflektieren macht uns zu zivilisierten Menschen. Der Diskurs im politischen wie auch im Privaten lässt uns wachsen. Empathie wird im Theater stimuliert und diese Empathie ist der Gegenpol zu den selbstoptimierten Umfrageprofis im Teflonmantel, die derzeit unsere Geschicke bestimmen.

Was liest Du derzeit?

Dave Goulson

Insektenforscher und humorvoller Brite, dessen Leidenschaft dem Schutz der Diversität unserer Umwelt gilt. Sehr inspirierend!

Wildlife Gardening      Die Kunst, im eigenen Garten die Welt zu retten

Und sie fliegt doch      Eine kurze Geschichte der Hummel

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Life is not about finding yourself, or finding anything. Life is about creating yourself.”

Bob Dylan

Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexander Braunshör_Schauspieler

Alexander Braunshoer – Home

Foto__Anna Stöcher

4.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es gibt halt Leute, denen Corona bzw. der politische Umgang damit schon jetzt die Existenz komplett ausradiert haben“ Maria Muhar, Schriftstellerin _ Wien 17.1.2021

Liebe Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In wechselnder Reihenfolge: Schreibarbeit, Administrationsarbeit, Hausarbeit, Serien-Schau-Arbeit.

Und vorm Fenster immer das satte Grau. In ungewissen Zeiten können ja manchmal gewisse Konstanten helfen – so gesehen geht von der kuscheligen Nebeldecke gerade eine fast beruhigende Verlässlichkeit für mich aus. Aber natürlich wirds bald allen den Vogel raushauen, wenn sich die Sonne jetzt gar nimmer zeigt. Der Wiener Winter ist halt schon eine Zerstörung.

Maria Muhar, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß nicht was für andere jetzt wichtig ist. Für mich persönlich sind zeitliche Perspektiven und Sachen, auf die man hinarbeiten oder Abschnitte, die man aussitzen kann wichtig – dann finde ich beschissene Phasen irgendwie aushaltbarer. Also wenn es zum Beispiel die Vorstellung gibt, dass der Frühling vielleicht schon luftiger, rosiger daherkommt und die persönlichen Freiheiten, die künstlerische Arbeit sich wieder eine Spur mehr entfalten können. Dann denk ich mir: Aussitzen. Es bis dahin einfach demütig-leidend aussitzen. Das hat man im katholischen Österreich doch gelernt.

Aber vermutlich ist es viel eher dieses seltsame wohlständig-prekäre Belohnungsprinzip, das mich noch aufrecht hält: Hoffen, dass dieses Theaterstück aufgeführt werden kann, hoffen, dass das AMS noch ein bissl kooperiert, hoffen, dass das Stipendium diesmal doch vielleicht… Netflix, Lasagne, Lavendelöl. Stoßlüften. Und dann winkt er schon am Horizont, der kühle Drink, der laue Frühsommerabend. Es gibt halt Leute, denen Corona bzw. der politische Umgang damit schon jetzt die Existenz komplett ausradiert haben. Was die gerade brauchen, muss man sie selber fragen. Und das hat dann vermutlich nix mehr mit Durchhalte-Mantras und Wohlfühlduft zu tun.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Natürlich kann man an der Stelle die ganzen Appelle droppen, die da immer stehen müssen: die Kunst als Ausdruck von Möglichkeiten, die Literatur als laute Gegenstimme, die Kultur als gesellschaftlicher Verhandlungsraum…

Und all diese Aufgaben hat Kunst natürlich auch und soll sie weiterhin haben. Aber ganz ehrlich: Ich finde, dass die Ansprüche, die ständig an »die Kunst« herangetragen, und damit auch ein Stück weit an sie ausgelagert werden, endlich mit derselben Selbstverständlichkeit an die Politik gestellt werden müssen. Es stehen so viele entscheidende Fragen im Raum: Wie kann das Ende der verseuchten Tierindustrie vorbereitet werden? Wie kann eine würdige Existenz von Lohnarbeit entkoppelt werden? Wie kann man die Blockierer von Umweltmaßnahmen entmachten, bevor das Klima endgültig krachen geht? Wie kann Wohlstand jetzt radikal umverteilt werden? Wie lange sollen die jenseitigen Verbrechen, die die EU-Länder an Geflüchteten begehen noch ungestraft bleiben?

Und noch viel mehr drängende Themen, von denen ich mir wünsche, dass nicht nur ihre Auseinandersetzung vehementer von den politischen AkteurInnen eingefordert wird, sondern auch eine krasse Demokratisierung der damit verbundenen Entscheidungsprozesse. Die nächste Pandemie wird aller Voraussicht nach kommen – es stellt sich nur die Frage wie die Gesellschaft sich darauf vorbereitet, wie es allen Menschen dann damit gehen soll.

Was liest Du derzeit?

Kaśka Bryla »Roter Affe« / Scott McClanahan »Sarah.« / Heinar Kipphardt »März« / Barbi Marković »Ausgehen«

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Das Leben ist nicht unbedingt ein Geschehen, das mit Klarheit ertragen werden sollte.«

Das ist mir letztens von Sibylle Berg untergekommen. Ich finde ja, dass Klarheit auch etwas Befreiendes haben kann – und für die oberhalb genannten großen Forderungen wird es wohl auch eine ordentliche Portion Klarheit brauchen. Finds aber auch schön, sich dazwischen mal feierlich abzuschießen.

Vielen Dank für das Interview liebe Maria, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Stabiles neues Jahr!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Maria Muhar, Schriftstellerin

Foto_©Apollonia T. Bitzan

30.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass der Wert des Theaters wieder bewusster wird“ Victoria Hauer, Schauspielerin_Wien 17.1.2021

Liebe Victoria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich kann von großem Glück sprechen endlich wieder proben zu dürfen. Momentan arbeite ich am Theater der Jugend, wo der Probenprozess für ein weiteres Stück namens „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ wieder in vollem Gange ist. Wir sind alle sehr glücklich wieder miteinander spielen und uns physisch näher kommen zu können. Der Probenraum ist wie eine Art Safe-Zone, in der nicht ständig die inneren Alarmglocken läuten, wenn man den Abstand zu anderen nicht einhält, das ist sehr erleichternd. Durch regelmäßige Testungen ist uns das glücklicherweise möglich.

Victoria Hauer, Schauspielerin _ Station bei Ingeborg Bachmann_literaturoutdoors

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wichtig finde ich weiterhin aufmerksam und vorsichtig zu bleiben. Ich weiß, dass es sehr hart ist Geduld zu bewahren, aber solange keine effektive und wirksame Methode dagegen praktiziert wird, sollte man vernünftige Regelungen weiterhin befolgen und somit auf sich und sein Umfeld Acht geben. Ich verstehe nur zu gut, dass viele, wenn nicht sogar alle, die Nase gestrichen voll haben von all den Einschränkungen, die auch psychisch sehr belastend sind, mir geht es nicht anders. Nichtsdestotrotz sollte das Bewusstsein darüber nicht durch die eingekehrte Gewohnheit des „neuen“ Alltags verschwinden!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe das Jahr 2020 hat vielen Menschen gezeigt, was wirklich essenziell ist und mehr Wertschätzung verdient.

In dieser Zeit der Isolation habe ich die Möglichkeit intensiv genützt mich mehr mit mir selbst zu beschäftigen und Baustellen zu bearbeiten. Durch das zwanghafte daheim und für sich bleiben, bin ich dieser Aufgabe nicht so schnell entkommen, weil es so gut wie keine Termine, Proben oder Verabredungen gab, die einen davon immer wieder abbringen konnten. Wenn Dinge, Menschen oder Tätigkeiten früher für einen als selbstverständlich galten, dann hat man vielleicht somit erkannt, was wirklich von großer Wichtigkeit ist und wem und was man mehr Wertschätzung entgegenbringen sollte. Ich hoffe sehr, dass die Leute das Theater vermissen und auch hier der Wert wieder bewusster wird. Ich wünsche mir für jeden, dass ein Kino- oder Theatererlebnis wieder etwas ganz Besonderes wird, wo man mit Genuss und Herzbeben aktiv dabei ist.

Was liest Du derzeit?

Momentan inhaliere ich nahezu jegliche Artikel und Videos zum Thema Verhaltensmuster, sowie Narzissmus und Psychopathie. Es ist nicht sehr überraschend, dass ich es faszinierend finde wie der Mensch tickt und welche Verhaltensweisen welche Reaktionen auslösen, das gehört schließlich auch zu meinem Beruf. Mit psychischen Störungen und Krankheiten habe ich mich jedoch noch nie so intensiv auseinandergesetzt wie jetzt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Achte mehr auf Dinge und Menschen, die dir wirklich guttun, alles andere ist schmerzhafte Zeitverschwendung.

Victoria Hauer, Schauspielerin _ Station bei Ingeborg Bachmann_literaturoutdoors

Vielen Dank für das Interview liebe Victoria, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Victoria Hauer, Schauspielerin

5 Fragen an KünstlerInnen:

Victoria Hauer_Schauspielerin

Victoria Hauer

Alle Fotos sw_Walter Pobaschnig _ Station bei Ingeborg Bachmann_literaturoutdoors _Wien_9_2019

Porträt_Barbara Maria Hutter

4.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Durchlässig bleiben, füreinander. Kraft schöpfen daraus.“ Ivna Zic, Schriftstellerin_Wien 16.1.2021

Liebe Ivna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Er hat sich ehrlich gesagt nicht gross verändert zu früher. Immer wieder geht es darum innerhalb von 24 Stunden den richtigen Rhythmus zu finden zwischen dem, was erledigt werden muss (Emails, Bürokratie, Emails, Emails,  Telefongespräche, Deadlines), was erlebt werden will (Menschen, Familie, Beziehungen, der Tag, der Zufall, die Welt) und was passieren soll (das Schreiben, das Lesen, das Proben). Der Rhythmus ist stets anders, die Orte sind jetzt vielleicht weniger geworden (einer), doch die Suche nach dem Rhythmus und die Aufgaben bleiben. Zum Glück. Und zum Glück durfte ich so lange schon üben, den Tag immer wieder neu zu balancieren- wie die meisten Autor*innen und Selbstständigen. Wir kennen uns aus, wir haben eine dicke Haut, jetzt ist gar nicht so anders als sonst. Was natürlich fehlt, sind die Orte der Zusammenkunft: Ins Theater gehen, ins Café gehen, ins Museum gehen… und so auch die gemeinsame Öffentlichkeit, ein gemeinsames Erleben und Erfahren, solche Räume empfinde ich als lebensnotwendig und vermisse sie sehr.

Ivna Zic, Schriftstellerin, Regisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es gibt keine schöne Übersetzung für das englische Wort „kindness“, es sind viele Gedanken darin vereint, die immer wichtig sein sollten: Solidarität, sich genau zuhören, für einander da sein, nahe sein, miteinander sein. Nicht müde werden. Nicht wütend werden. Nicht in die Abgrenzung gehen. Durchlässig bleiben, füreinander. Kraft schöpfen daraus. Kraft finden. Geduldig bleiben. Und Zerbrechlichkeit zulassen. Alles in einem. Kindness halt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich denke, dass wir nicht vor einem Aufbruch stehen, sondern mitten drin sind, dass Neubeginn ein Denkkonzept ist, das in der Realität so klar nicht funktioniert, im Gegenteil: Man muss den Aufbruch im richtigen Moment ergreifen und auch aufpassen, dass man ihn nicht verpasst. Ich denke auch, dass wir dieses Jahr gelernt haben, hier in Europa, was andere immer wieder erleben und erfahren und leben: Dass die Welt passiert, dass die Krisen da sind, und dass sie nur grösser werden in einem Moment. Präsenter. Und dass in ihrer Präsenz die Risse sichtbarer, verschärfter werden (soziale, diskriminierende, die Verhältnisse von links nach rechts, von oben nach unten… ).Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt eher schauen müssen, dass vor der Grösse der Krise (die Sichtbarkeit ist ja ständig da, ständig), das Offen-gelegte, die Wunde, nicht wieder zu schnell zugedeckt wird. Und vor allem: Dass die Theater und die Literaturhäuser und die Kinos und die Museen wieder aufgemacht werden, dass sie nicht vergessen oder verändert und entschärft werden. Dass sie wieder in ihrer alten Normalität passieren. Das wird das wichtigste sein!

Was liest Du derzeit?

Ich entdecke die Texte von Sandra Cisneros, Notes to Self von Emilie Pine, und immer wieder und immer weiter Valzhyna Mort und Valeria Luiselli. Ich lese Dorothee Elmiger (Aus der Zuckerfabrik) und Usama Al Shahmani (In der Fremde sprechen die Bäume arabisch). Paul B Preciados „Ein Apartment auf dem Uranus“. Ich lese zum ungefähr zwälften Mal Herkunft von Sasa Stanisic, um es fürs Theater zu bearbeiten  und hoffe, dass die geplante Bühnenadaption im Frühling stattfinden wird, die wir in Berlin proben und am Theater Parkaue aufführen möchten…

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

PAUL B PRECIADO:

„Weil ich Sie mag, wünsche ich Ihnen, schwach zu sein. Denn die Revolution beginnt mit der Zerbrechlichkeit.“

Vielen Dank für das Interview liebe Ivna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ivna Zic, Schriftstellerin, Regisseurin,

3.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es ist noch gar nicht annähernd absehbar, was da noch alles auf uns zukommt“ Gudrun Liemberger, Musikerin, Wien 16.1.2021

Liebe Gudrun, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Derzeit geh´ ich spät schlafen und stehe spät auf. Ich trinke am Morgen Kaffee, mache möglichst täglich 30 Minuten Yoga. Checke meine Mails und Social Media Plattformen. Arbeite an meinen neuen Songs, die hauptsächlich im vergangenen Jahr entstanden sind und erstmals zahlreich in deutscher Sprache. Einmal am Tag koche ich. Wenn ich Pause brauche spiele ich mit meinem Freund – der in München lebt und eben zu Besuch ist – Kniffel oder auch was anderes. Erledige wenn nötig Einkäufe oder gehe auch mal kurz spazieren. Zwischendurch setze ich mich mit Corona und Politik auseinander, schreibe oder telefoniere mit Familie und Freunden.

Gudrun Liemberger, Musikerin, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Psycho-Hygiene. In der Selbstliebe bleiben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Das Wichtigste ist glaube ich, dass wir möglichst zusammenhalten. Es ist noch gar nicht annähernd absehbar, was da noch alles auf uns zukommt. Da fürchte ich, sind wir noch am Anfang. Auch zu unterscheiden „was uns erzählt wird“ und wie unsere persönliche Wahrheit aussieht. Das sind ganz wichtige Themen, mit denen wir Musik- und Kulturschaffenden uns auseinandersetzen können und sollten. Kunstschaffende waren immer wesentlich beteiligt als Transporteure und Transformatoren von Emotionen, Bildern einer bestimmten Zeit und haben auch „aufgezeigt“. In einigen meiner neuen Lieder setze ich mich mit dem Zeitgeist auseinander und werde noch Mut brauchen, die rauszubringen. Ich sehe jetzt schon anhand div. Posts wie sehr viele Menschen sich – einfach nur durch eine andere Sicht der Dinge – angegriffen fühlen. Aber es ist enorm wichtig, sich eine freie Meinung bilden zu dürfen und das auch hoch zu halten. Den Umgang damit müssen wir als Gesellschaft offensichtlich noch üben…

Was liest Du derzeit?

„Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“ – wie sich dein Leben verbessert, wenn du dich endlich locker machst, von Alexandra Reinwarth. Hat mir meine Tochter zu Weihnachten geschenkt 🙂

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Normen am Arsch vorbei“

Vielen Dank für das Interview liebe Gudrun, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musik-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gudrun Liemberger_Musikerin, songwriter, Schauspielerin

https://www.gudrunliemberger.com

Foto_Timo Hormtientong

2.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Kunst und das Theater müssen näher an die Leute“ Beatrix Brunschko, Schauspielerin_Graz 16.1.2021

Liebe Beatrix, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich schlafe ein bißchen länger als sonst und dann verbringe ich die meiste Zeit im Internet. Entweder unterrichte ich online (ich bin Lehrbeauftragte der Kunstuni Graz auf der Abt. Schauspiel) meine Schauspielstudierenden Online, nehme an Lehrendenbesprechungen teil oder an Planungsbesprechungen im Theater, entwickle Lehrkonzepte oder Showkonzepte am Computer, ich probe online und Performer online. In den Zeiten wo Präsenzunterricht oder Proben im Theater möglich sind, verlasse ich die Wohnung.

Ich versuche täglich spazieren zu gehen, manchmal im Abstand mit FreundInnen und/oder KollegInnen. Privatgespräche und Arbeitsgespräche werden da geführt.

Ich arbeite eigentlich ganz „normal“ weiter und mache das, was ich sonst auch tue. Unterrichten, proben, spielen, improvisieren – aber wie ich das alles gerade tue ist völlig neu. Ich betrete jeden Tag Neuland und improvisiere meinen Beruf und mein Leben. ich lebe von Moment zu Moment, planen ist sinnlos, Kontrolle über Termine und Inhalte gibt es nicht. Impro eben – nur halt nicht auf der Improbühne sondern in real life most of the time in the world wide web.

Und ich gehe täglich Einkaufen (Lebensmittel) und ich koche täglich und ich esse zuviel. Die Abende sind bis auf die online Shows frei. Das ist ungewohnt, aber auch nicht unangenehm. Ich dachte nicht, dass ich das jemals sagen werde, aber ich hab gerne am Abend frei und ich verbringe gerne meinen Abend mit meiner Familie und vorm Fernseher.

Beatrix Brunschko, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir solidarisch bleiben, dass wir neue künstlerische Formen finden, dass wir das Theater jenseits des angestammten Bühnenraums und der gewohnten Bühne/Publikumssituation neu erfinden.

Dass wir dafür ehrliches Interesse und Lust entwickeln und es nicht nur tun, weil uns ja nix anderes übrig bleibt und darauf warten, bis wir wieder so weitermachen können wie wir es gewohnt sind. Weil – und das ist meine feste Überzeugung – so wie es war wird es nie mehr wieder werden. Wegen COVID und den Rattenschwanz, den dieser Virus gesundheitlich nach sich zieht. Wegen den für immer geänderten Arbeits- und Lebensbedingungen, die an dieses Virus angepassen werden müssen. Wegen der veränderten gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen, mit denen wir in Zukunft alle konfrontiert sein werden.

Dass wir uns weiterhin Gehör verschaffen und auf unsere Arbeitsbedingungen aufmerksam machen. Dass wir da nicht leise werden. Dass wir da lästig bleiben und laut.

Dass wir unsere Netzwerke nutzen und ausbauen und stärken.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Theater ist permanentes Reflektieren der Gesellschaft, Theater ist permanente Veränderung und Neuorientierung. Theater ist immer suchend und nie zufrieden.

Das war so und wird sich nicht ändern.

Die Frage ist vielmehr, welche Bedeutung wir uns KünstlerInnen endlich gegeben, denn ohne uns ginge es hier im Lockdown ebensowenig wie ohne die SupermarktmitarbeiterInnen und PflegerInnen und Ärztinnen und Lehrenden etc, die als systemrelevant an vorderster front ständig wertschätzend genannt werden.

Die Kunst und das Theater müssen näher an die Leute. Es muss den Leuten klar gemacht werden, dass wir nicht nur auf den Bühnen und Museen existieren als Zeitvertreib für einen elitären Zirkel von kunstinterssierten Menschen.

Auf allen Bildschirmen, im Radio, in jedem Buch auf und in allen Medien (von Netflix, Ö3, Antenne Steiermark über Playstationspiele etc.) das ist alles von KünstlerInnen produziert, das sind alles SchauspielerInnen, MusikerInnen, SynchronsprecherInnen, RegieseurInnen, BühnenbilderInnen, AutorInnen etc.etc.etc. Ohne alle für diese Medien arbeitenden KünstlerInnen wäre ein Lockdown gar nicht möglich. Die Menschen wären längst auf den Straßen oder im Irrenhaus, wenn sie nicht mit Hilfe der Kunst in allen Formen am Leben gehalten worden wären in den letzten Monaten.

Die Kunst ist überlebensnotwendig und systemrelevant.

Das muss ENDLICH klargestellt werden von der Politik und der Wirtschaft. Denn ganz nebenbei ist die Kunst ja auch noch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeberin.

Was liest Du derzeit?

Stephanie Sargnagel: Dicht

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ach, da fällt mir gerade gar nix gescheites ein. Ich schlag einfach die Sargnagel auf, weil die passt sehr oft zum Leben oder zumindest so wie ich das Leben oft wahrnehme.

 „Ich will was gewinnen, einfach irgendwas, irgendwann, irgendwo!“

Vielen Dank für das Interview liebe Beatrix, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Beatrix Brunschko _ Schauspielerin _Gründungsmitglied _Ensemble Theater im Bahnhof _ Graz

Theater im Bahnhof (theater-im-bahnhof.com)

Foto__Marija Kanizaj

14.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Aber ich glaube, jeder braucht eine Geschichte, aus der er Kraft zieht“ Annett Groh, Autorin, Dresden_16.1.2021

Liebe Annett, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich beneide alle ein wenig, die sagen, an ihrem Tagesablauf habe sich faktisch nichts geändert. Für mich ist alles anders: ich habe erst ab dem späteren Nachmittag einen Arbeitsplatz, vorher gibt es Homelearning für einen Sechst- und einen Viertklässler. Anfangs habe ich versucht, parallel mit den Kindern zu arbeiten. Das hat nicht funktioniert und am Schluss waren wir alle frustriert. Wenn die Kinder lernen, muss ich geistig für sie da sein und ihnen nicht nur zu Mittag ein schnelles Essen hinstellen. Ich muss mich mit ihnen durch das Chaos der schlecht programmierten Online-Plattformen kämpfen, ich muss Antworten finden, wenn sie Fragen haben – und wenn sie einen Durchhänger haben, muss ich das auch irgendwie abfangen. Wenn ich mich dann an den Rechner setzen kann, bin ich oft schon ziemlich erledigt.

Annett Groh, Autorin und Redakteurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vielleicht sind es die Tugenden, die auch sonst wichtig sind und die wir jetzt in besonderem Maße (1) benötigen und (2) zu geben kaum imstande sind: Geduld und Langmut mit anderen Menschen. Sowas fällt mir immer nur dann ein, wenn ich mit mir selbst halbwegs im Reinen bin. Das macht es nicht ungültig, aber fakt ist: In Momenten, wo ich Hilfe bräuchte, bin ich oft gar nicht in der Lage, Ratschläge anzuhören oder den Sinn solcher Vokabeln zu erfassen. Wenn ich Glück habe, erinnere ich mich in solchen Augenblicken an meine Großeltern, die nach dem Krieg aus Ungarn ausgesiedelt wurden und hier mit nichts in den Händen neu beginnen mussten: in einem Land, mit dem sie nicht einmal die Sprache wirklich gemeinsam hatten. Dagegen nehmen sich meine derzeitigen Probleme sehr klein aus. Natürlich hilft diese Geschichte niemandem außer mir selbst. Aber ich glaube, jeder braucht so eine Geschichte, aus der er Kraft zieht. Sie muss keine Rückschau sein: bei anderen ist es vielleicht ein Blick in die Zukunft, ein Ziel, das sie erreichen wollen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich kann darüber nur aus der Position des Rezipienten sprechen – über das, was ich in der Arbeit anderer finde. Kunst vermag heute das, was sie immer vermag: Horizonte zu öffnen. Das Leben fühlt sich gerade an wie damals Anfang der 90er auf dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin. Man verhungert nicht gerade, aber alles, was man außerhalb der Wohnung machen kann, ist, sich Wege zu suchen, auf denen man möglichst niemandem begegnet. (Das war auf dem Dorf leichter.) Wenn in eine solche Wüste dann ein Funke fällt, kann er alles entzünden. Ich glaube, Heranwachsende sind am aufnahmefähigsten für solche Erschütterungen durch eine Musik, einen Text, ein Bild. Ich glaube auch, dass wir durch diese kulturelle Fastenzeit wieder aufmerksamer werden und den Wert von live gespielter Musik, von Theater, von Lesungen höher schätzen.

Was liest Du derzeit?

„Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel wartet auf mich, ebenso wie „Schwitters“ von Ulrike Draesner.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wenn es möglich ist, dann würde ich gern Musik sprechen lassen.

Vielen Dank für das Interview liebe Annett, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Annett Groh, Autorin und Redakteurin

Ellipsen […] – Lines of Escape – (annettgroh.de)

Foto_K. Neitzel

10.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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