„Noch mehr lieben, was uns umgibt“ Gundula Schiffer, Schriftstellerin_Köln 3.6.2021

Liebe Gundula, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Na ja, an dem hat sich im Grunde kaum etwas geändert, da ich ja auch zuvor schon zu Hause gewerkelt habe. Dem Kern meiner Arbeit kann ich glücklicherweise weiterhin nachgehen, also schreiben und übersetzen. Die Literatur ist die Immateriellste unter den Künsten, sie kommt mit Wenigstem aus. Im Extremfall könnte man sich sogar Papier und Computer wegdenken, ich würde aber den Bleistiftstaub und das Flackern der Buchstaben auf dem Bildschirm vermissen. Unterhalb der Woche stehe ich relativ früh am Morgen auf.

Der Vormittag ist die „ordentlichere“ Zeit, wo ich ein paar Stunden an Übersetzungsaufträgen aus dem Hebräischen arbeite, berufliche Kommunikationsdinge erledige etc. Um Mittag herum mache ich länger Pause, das sind die „nüchternsten“ Stunden des Tages. Aber ich freue mich dann jedes Mal riesig aufs Laufen im Stadtwald; in den Wald bin ich echt dauerverliebt. Ich muss mich überhaupt viel bewegen. Als zu Anfang von Corona eine komplette Ausgangssperre kommen sollte, hat mich das echt panisch gemacht. Ich schaue gerne dem Licht zu, wie es sich verändert und mich verändert, also meine Stimmungen und Empfänglichkeiten moduliert. Leider ist der deutsche Himmel oft monatelang so grau, als wäre man von oben zubetoniert. Und dazu dann „Lockdown light“. Meine Lieblingszeit ist sonst der Nachmittag und der Übergang in den Abend. In diesen Stunden bin ich in der inneren Verfassung, um an Gedichten zu arbeiten und mich von allem gefangen nehmen zu lassen, was dorthin führt.

Ich bin Tiefsee-Taucherin und Bühnen-Junkie in einer Person. Genügend Alleinsein ist mir notwendig, aber ebenso brauche ich den regelmäßigen Kontakt zum Publikum bei Lesungen und den Austausch mit meinen Kolleg*innen und Freunden in einer nicht nur literarisch pulsierenden Stadt wie Köln. Eine Stadt ist ja auch ein lebendiges Wesen und die meine fühle ich derzeit nicht mehr so recht. Auch Fahrradfahren macht nicht mehr denselben Spaß wie früher. Und natürlich fehlen mir die selbstverständlichen Israel-Aufenthalte. Das gibt es so ein richtiges schmerzhaftes Ziehen; Sehnsucht eben, nach der Sprache, bestimmten Atmosphären und guten Freunden. Doch trotz all dieser Einschränkungen habe ich schöne Projekte, dichterische wie übersetzerische, so dass ich die Zeit als erfüllt erlebe. Und obendrein wurde mir im April für mein Lyrikband-Projekt Hioba Hymore eines der beiden Dieter-Wellershoff-Stipendien des Literaturhaus Köln und der Stadt Köln zugesprochen. Für all das bin ich ungeheuer dankbar.    

Gundula Schiffer, Dichterin-Übersetzerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Einerseits weiterhin: das Akzeptieren dieser irgendwie auch skurrilen Situation, die die Welt derzeit im Griff hat, und der wir eben zum Teil machtlos ausgeliefert sind. Andererseits aber: Unbedingt in Bewegung bleiben und nicht in Lähmung verfallen; erfinderisch sein, wie man sich dennoch menschlich und künstlerisch begegnen und nahekommen kann. Wege jenseits des Bildschirms kultivieren. Also immer auch mal wieder weg von den unechten Blumen. Jetzt im Frühling und Sommer kann man sich endlich wieder in Parks oder auf Balkonen treffen.

Sich bewusst zu machen, wie viel immer noch da ist. Egal wie unterschiedlich unsere Lebenssituationen auch jeweils sein mögen, bin ich mir sicher, dass das bei jedem von uns, zumindest hier in der westlichen Welt, noch viel ist. Noch mehr lieben, was uns umgibt. Jeden Tag für unaufwändige Freuden sorgen und die so richtig genießen: die Tasse Kaffee als greifbare Auszeit, die gute Einfälle bringt; die Natur, die immer geöffnet ist. Und sich erlauben, Zukunftspläne zu schmieden und die nächsten Reisen zu planen. Es kommt wieder und wir werden es auf Händen tragen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Es gibt eine gewisse positive Erfahrung des geteilten Leides sozusagen, weil diese Einschränkungen und Verluste eben uns alle, den ganzen Globus betreffen. Corona hat meiner Beobachtung nach auch bewirkt, dass man sich leichter öffnet, unterschiedliche Bedürfnisse und Sensibilitäten halten sich an der Oberfläche auf. Diese Solidarität, größere Bereitschaft des einander Zuhörens und Unterstützens sollten wir als humanes Potential nicht wieder verschwinden lassen.

Durch die Pandemie ist das Unverzichtbare, sind die wesentlichen Aufgaben der Kunst in aller Schärfe klar geworden, und die, denke ich, weisen den Weg in die Zukunft. Dass sie keine Begleiterscheinung unserer Gesellschaft ist, sondern uns mit der Essenz des Menschlichen versorgt. Literatur und Kunst sichern jene Freiräume, die es ermöglichen, auf die wohl intensivste Weise mit uns selbst und mit anderen in Berührung und Dialog zu sein. Und in meinen kühnsten Visionen ist es noch immer so, dass Kunst einen Krieg verhindert, ein Gedicht ein Menschenleben rettet. Kunst und Literatur sind immer auch ein Werkzeug des Widerspruchs und des Abweichens von dem, was andernorts gerade als das Wichtigste und Nützlichste erscheinen mag. Sie bringen das wesentliche Plus an Perspektiven. Mit Literatur demonstrieren wir vielleicht am deutlichsten, welche Art Mensch und Gesellschaft wir sein wollen und was es braucht, um daran arbeiten zu können.

Eine Aufnahme aus meiner Werkstatt mit handschriftlichem Gedicht_Gundula Schiffer

Was liest Du derzeit?

Ach, viel zu vieles gleichzeitig und wild durcheinander, vieles bleibt dann oft lange angeknabbert liegen. Aber zielgerichtet sind es im Moment zwei Bücher: Schchol wekischalon (Breakdown and Bereavement) von Josef Chaim Brenner und Noa Noa von Paul Gauguin.

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Weil ich ihre Interpunktion, besonders die Gedankenstriche, schon immer mochte, auch darum, klassicherweise, Verse von Emily Dickinson (aus dem Gedicht: „There’s a certain Slant of light“), an dieser Stelle unübersetzt:

„Heavenly Hurt, it gives us – / We can find no scar, / But internal difference – / Where the Meanings, are –“

Vielen Dank für das Interview liebe Gundula, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gundula Schiffer, Dichterin-Übersetzerin

www.gundula-schiffer.de

Foto_Porträt_Falko Alexander; Foto_Werkstatt/Gedicht_Gundula Schiffer.

6.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Schreiben ist Herzblut für mich“ Silvia Pistotnig, Schriftstellerin_Wien 2.6.2021

Ich habe schon in der Schulzeit viel geschrieben und hatte immer das Gefühl ich kann mit Worten gut umgehen. Später dachte ich, ich möchte da etwas weiterkommen und begann Kurzgeschichten zu schreiben. Dann folgten weitere Schritte.

Silvia Pistotnig, Schriftstellerin

Ich schreibe schnell, nur das Buch als Ganzes dauert dann etwas. Das ist dann oft eine Zeitfrage oder auch etwas Faulheit (lacht).

Ein Gedanke kommt, eine Figur, dazu eine Geschichte, im Schreiben ergibt sich dann ein Prozess. Ich will mich im Schreiben auch selbst unterhalten.

Ich schreibe und dann kommt lange nichts (lacht). Dann schreibe ich wieder und lese wieder nach. Wenn ich schreibe, schreibe ich schnell.

Das entspricht auch meiner Persönlichkeit, etwa im Sport. Kraft- Konditionsübungen. Schnell, effektiv. Es muss schnell sein. Marathon ist nichts für mich.

Sport ist wichtig. Ich bin auch Aerobic-Trainerin, habe dazu eine Ausbildung mit Gewerbeschein gemacht. Derzeit übe ich es beruflich nicht aus.

Namen spielen in meinen Texten meist keine große Rolle. In meinem aktuellen Roman „Teresa hört auf“ ist dies bei der Titelfigur anders. Teresa, da ist das Royale – Maria Theresia – und auch das Helfende – Mutter Teresa – drin.  Dazu dann der Name der Freundin ohne größere Bedeutung.  

Psychoanalyse ist in meinen Texten kein Thema. Die Psyche spielt eine Rolle, das Extreme.

Schreiben ist Herzblut für mich.

Literatur ist da, hat keine Grenzen.

Kurze Sätze, den Kern treffen – die frühe Jelinek ist da für mich beeindruckend.

Ich schätze aber auch Sagen sehr – wie phantastische Romane.

Phantasie schätze ich sehr. Im Schreiben, Lesen und Leben.

Wien ist für mich Lebenswelt. Stadt und Natur, diese Verbindung genieße ich auch sehr.

Ich bin in Kärnten aufgewachsen. Kärnten, das ist umgebende Liebeswelt für mich. Heimat ist natürlich ein belasteter Begriff. Aber Kärnten, da ist viel Gefühl – Landschaft, Menschen. Nähe.

Ich liebe gutes Essen und Trinken. Es ist etwas so sinnlich Schönes wie wenig anderes. Salat und Brot liebe ich am meisten. Mein Mann bäckt das Brot selbst. Butterbrot und frischer Salat ist köstlich. Ich mag auch Süßes, bin aber mehr für salzig und sauer.

Kasnudl gehen nur von der Oma für meine Kinder und für mich auch (lacht).

Silvia Pistotnig, Schriftstellerin

Im Gespräch und Fotoporträt:

Silvia Pistotnig _ Schriftstellerin _Wien. 

Romanneuerscheinung: „Teresa hört auf“

Silvia Pistotnig – Teresa hört auf (milena-verlag.at)

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ 5_2021.

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„Ein spiritueller Aufbruch wäre das Wichtigste für die Gesellschaft“ Ossi Huber, Musiker_Klagenfurt 2.6.2021

Lieber Ossi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich unternehme viel, um mein Immunsystem bei Laune zu halten. Wanderungen mit meiner kleinen Familie inklusive Hund – an Orte, die ich bisher nicht oder kaum kannte. Es gibt deren so viele! Warum in die Ferne schweifen wenn das Schöne liegt so nah? Ich lache gern und viel – ohne Humor wird es kalt. Ich lese viel, mir fallen Texte zu, ich musiziere und habe mit meinen Freunden von „ossi huber&band“ soeben ein neues Album eingespielt (Jedn Tag in`Spiagl schaun). Ja – und oft sitze ich einfach nur da und bin …

Ossi Huber_Musiker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Man darf sich nicht von ratternden Gedanken an Vergangenheit oder Zukunft verunsichern lassen und stattdessen im Jetzt verweilen. Sich dem Leben stellen. Das Leben kommt daher, wie es will – es lebt dich! Es ist, wie es ist (und es kann nicht anders sein …).

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Dieser Aufbruch (ich meine damit einen Aufbruch nach innen) ist mir 2008 einfach „passiert“. Ich glaube, dass ein spiritueller Aufbruch das Wichtigste für die Gesellschaft wäre. Nicht nach Lignano reisen sondern nach innen. Finden statt suchen.

Musik und Kunst können dabei eine wichtige Rolle spielen, nämlich Menschen zu begleiten und sie zum Zuhören zu bringen. Ja – zuhören anstatt sich berieseln zu lassen. Aufmerksam und wachsam sein anstatt mit der Herde zu grasen …

ossi huber&band

Was liest Du derzeit?

Wieder einmal das Buch, das mein Leben verändert hat. „Stille des Herzens“ von Robert Adams. Ein spirituelles Werk für Leser, die weder Politik noch irgendwelchen Religionen hinterherlaufen und spüren, dass sie Jahre lang von Illusionen eingewickelt wurden …

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein wunderbares Zitat von Jiddu Krishnamurti (ein indischer Philosoph, Theosoph und Weisheitslehrer), der sein Studium an der Pariser Sorbonne absolviert hat:

„Ich habe nichts gegen das Leben“.

Vielen Dank für das Interview lieber Ossi, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ossi Huber_Musiker

Home (ossihuber.at)

Fotos_privat.

5.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Nach einer guten Geschichte kann man der normalen Welt wieder neu begegnen“ Marion Demme-Zech, Schriftstellerin_ Rehlingen-Siersburg/D 2.6.2021

Liebe Marion, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Früh aufstehen, wie auch schon zuvor. Alles so erledigen, dass ich in Ruhe arbeiten kann und ab spätestens acht Uhr sitze ich am PC und schreibe. Mit einer Mittagspause oft bis in den Nachmittag hinein, wenn nichts anderes ansteht. Danach geht es meist raus in die Natur, zum Spazieren, einem schönen Ort in der Nähe, den ich noch nicht kenne, manchmal mit Freunden, manchmal mit „ausgeliehenem“ Hund. Dazu kommt noch Einkaufen, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Als Autorin hat sich tagsüber und an Wochentagen gar nicht mal so viel verändert, außer, dass nun auch der Rest der Familie zumeist im HomeOffice ist.

Marion Demme-Zech, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass es weiterhin Dinge gibt, auf die oder an denen man sich (er)freuen kann, würde ich aus meiner Sicht sagen. Ohne Highlights lebt es sich nicht gut. Zu jeder Zeit gibt es gute und schlechte Dinge und etwas zu finden, was man sich gönnen kann, ist wohl die Kunst – nicht nur jetzt, sondern immer. Das kann der Garten sein, bei mir sind es derzeit ganz besonders die Korallen, die langsam in meinem Meerwasseraquarium heranwachsen, der Frühling, nette Kontakte, die auf kreative Weise trotzdem möglich sind, und natürlich spannende Projekte. Ebenso wie allerlei Pläne und Wünsche für die Zukunft.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich schätze, es ist zu jeder Zeit so, dass Literatur oder Kunst an sich eine wichtige Rolle für Menschen spielen kann. Schließlich bieten Bücher und Geschichten, aber auch Bilder, Fotografien oder Filme, stets die Möglichkeit, in eine andere Welt einzutauchen und die würde ich mir im Moment in jedem Fall coronafrei wählen. Lesen und Kunst bieten eine Auszeit, ein kurzes Entrücken, aus der Realität. Das heißt für mich nicht, dass man etwas verdrängt oder vor Tatsachen flüchtet, sondern, dass es eine Möglichkeit gibt, Abstand von den alltäglichen Dingen oder auch Problemen zu gewinnen. In einer Geschichte kann man nicht selten, ganz eigene Lösungen und Sichtweisen für sich und auf das eigene Leben zu finden. Jeder liest schließlich etwas anderes zwischen den Zeilen heraus.

Bücher bieten immer Antworten und vermutlich sucht man sich eine neue Lektüre genau nach diesen Gesichtspunkten aus. Nach einer guten Geschichte kann man der normalen Welt wieder neu begegnen – vielleicht mit neuen Perspektiven, Ideen oder einfach nur gut erholt mit etwas Rückenwind.

Was liest Du derzeit?

Ich hänge in mehreren Büchern fest. Was aber nicht an der Qualität der Bücher liegt. Ende Mai ist Abgabe für meinen neuen Roman – da bleibt das eigene Lesen leider viel zu oft auf der Strecke.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„I give myself very good advice, but I very seldom follow it.“

Lewis Carroll

Das sagt meine Protagonistin als ersten Satz in „Letzter Ausstieg Saar“, dem ersten Teil meiner Saarland-Krimireihe. Das wäre noch eine Alternative zu dem Lewis Carroll-Spruch als Zitat.

Marion Demme-Zech, Schriftstellerin_im Flieger des „Kleinen Prinzen“ Antoine de Saint-Exupery

Vielen Dank für das Interview liebe Marion, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich dank dir auch, lieber Walter, für die spannenden Fragen.

5 Fragen an Künstler*innen:

Marion Demme-Zech, Schriftstellerin

Marion Demme-Zech – Gmeiner Verlag (gmeiner-verlag.de)

Glücksorte im Saarland – DROSTE Verlag (droste-verlag.de)

Fotos_1,2, 4 Marc Demme, 3 Marion Demme-Zech;

7.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der Aufbruch beginnt mit Akzeptanz“ David Stecher, Musiker _Wien 1.6.2021

Lieber David, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment ist das sehr situativ. Am Morgen und am Abend sind die Spaziergänge
mit Partnerin und Hund die einzigen Konstanten derzeit. Manchmal arbeite ich als
Bauleiter im Souterrain meiner Nachbarin, Montags und Samstags gehe ich meinem
9to5 Job im Handel nach, welcher auch meine Fixkosten deckt. Unter der Woche ist
das Studium als Tontechniker im Fokus. Nebenbei darf ich im Off Theater in Wien
den Ton für unsere Zoom-Theater (Mai) bzw. Live Vorstellungen machen und auch andere
tontechnische Leistungen wie Mikrofonierungen erstellen, Löten und was sonst so
anfällt, durchführen.

Da unser Album in der finalen Phase steckt ist natürlich auch Mastering, Promotion
und generell die Absprache mit dem Label bzw. Studio eine zentrale Beschäftigung
im Moment. Sehr wichtig dabei ist das Thema Release, da wir abhängig von
Konzerten sind. Dementsprechend haben wir den Release des Albums nach hinten
verlegt, da die Live-Branche für uns MusikerInnen wohl immer noch die wichtigste
Einnahmequelle darstellt. Wir hoffen, dass bis dorthin auch Konzerte in
dementsprechender Form möglich sein werden.

David Stecher, Musiker/Tontechniker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gesundheit, sowohl physisch als auch psychisch. Die Pandemie belastet alle auf
unterschiedliche Art und Weise. Folgend werden auch die Antworten auf diese Frage
unterschiedlich lauten. Ein Anliegen ist mir, dass die finanzielle Situation, gerade im Kunst und Kultur Bereich, zumindest machbar erscheint. Ich hoffe, dass die KollegInnen in allen
Bereichen, von Booking, Technik, Schauspiel, MusikerIn etc. halbwegs über die
Runden kommen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was
wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, dem Theater,
der Kunst an sich zu?

Ich glaube der Aufbruch beginnt mit Akzeptanz. Ich wage zu behaupten, dass ein
Leben ohne Covid-19 nicht/schwer vorstellbar sein wird. Der Fachbegriff wäre
glaube ich eine Endemie. Also ein Leben mit Corona, sowie mit der saisonalen
Sommergrippe zum Beispiel. Wir werden durch Impfungen und Immunisierung den
Großteil der schweren Folgen beseitigen und irgendwann wird es wie eine klassische
Erkältung sein. Bis dorthin dauert es aber noch ein wenig.

Die Pandemie wirft wieder einmal mehr die soziale Frage auf – und genau die gilt es
aus meiner Sicht wieder vermehrt zu thematisieren. Ich erhoffe mir von
MusikerInnen und Theatern, dass sie diese aufgreifen. Große Onlineshopping
Konzerne zahlen kaum Steuern in Europa, während finanzielle Hilfestellungen
teilweise noch immer nicht angekommen sind. Außerdem finde ich die Entwicklung der QurdenkerInnen Bewegung als sehr beunruhigend. Es stellt mir die Haare auf,
wenn vermeintlich Linke mit Neonazis demonstrieren. Hier soll und kann die Kunst
und Kultur als Spiegel für die Gesellschaft dienen. Allerdings wird der große Effekt
davon glaube ich erst wieder unter „normalen“ Bedingungen eintreten.

Was liest Du derzeit?

Ich muss gestehen, ich bin kein großer Leser. Im Zuge meines Studiums befasse ich
mich sehr viel mit tontechnischer Literatur. Meistens lese ich, sofern ich lese, Lyrics.
Dafür schaue ich viele Dokus und Satire-Sendungen. What Drives Us ist gerade
kürzlich erschienen und finde ich durchaus unterhaltsam, auch wenn der musikalische
Mehrwert überschaubar ist. Jan Böhmermann und sein ZDF Magazin Royale sind ein
fester Bestandteil unseres Freitag Abends und kann ich nur empfehlen. Wie Eingangs
erwähnt ist meine Hauptlektüre zurzeit ein manual eines 16 kanaligen Mischpultes
welches im Theater steht.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Read the fucking manual! Spaß bei Seite.

In What Drives Us wird unmissverständlich die Kernbotschaft transportiert und diese
lautet Sinngemäß:,, Auch wenn man es sich am Anfang nicht zutraut/vorstellen kann,
man sollte immer an seiner Idee arbeiten, sie verfolgen und sich einfach trauen”.
Ich glaube, dass diese Angst vor der Angst immer noch viele Menschen davon abhält,
ihr eigenes Ding umzusetzen. Speziell im letzten Jahr wurde diese Angst leider für
viele noch verstärkt…

Vielen Dank für das Interview lieber David, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich sag’ Danke!

5 Fragen an Künstler*innen:

David Stecher, Tontechniker / Musiker / Student

Foto_ Aria Sadr-Salek

5.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Kultivierung inneren „Reichtums“, die in eine bewusstere Haltung zur Welt umschlagen könnte“ Dagmar Rohm, Bildende Künstlerin _Wien 1.6.2021

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Hat sich im Großen und Ganzen eigentlich nicht sehr verändert. Ich verbringe viel Zeit im Atelier, wo ich der Zeit auf meine Art und mit den gestalterischen Mitteln der Malerei nachspüre. Anfangs hat mich die erzwungene Verlangsamung der Geschäftigkeit entzückt. Es kam mir vor, als könne ruhiger geatmet werden, jetzt, da dem Atmen durch den Virus der Krieg erklärt war. Das war ein Indiz für eine erlebbare Gegensätzlichkeit, was mich sehr neugierig gemacht hat.

Dagmar Rohm_Bildende Künstlerin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, dass durch die Krise viele ihre eigene Existenz neu und vertieft reflektieren.
Darin steckt enormes Potenzial. Vielleicht wird es künftig weniger relevant, Statusspiele
zur Imagepflege gegen die Umwelt zu vollführen. Ich sehe den großbürgerlich
kapitalistischen Lebenszweck einmal mehr in Frage gestellt. Dieser trägt die Fratze des Hochmuts. Was natürlich kräftig moralisch klingt.. und andererseits auch naiv, denkt man an die Börsen – Gewinner der Krise.


Vor einem Aufbruch werden jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was
wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Die Kultivierung inneren „Reichtums“, die in eine bewusstere Haltung zur Welt
umschlagen könnte, der weisere Entscheidungen zugrunde liegen, wäre ein weitreichendes global Sinn stiftendes überpersönliches Ziel. Aber das ist natürlich sehr idealistisch gedacht. Dennoch widerspiegelt gerade dies meine Sehnsucht.

Gute Kunst ist für mich immer satt vom Jetzt und irritiert den routinierten Gang der
Dinge und der Wahrnehmung. Man könnte mutwillig und etwas zynisch sagen, der Krise wäre durch Corona ein Kunstwerk geglückt, das ein Innehalten provoziert und unser aller Denken revolutioniert, möglicherweise zu einem besseren hin. Das Wort „Rolle“ (von Kunst) ist ein Fallstrick – Kunst sollte keine haben.. und Künstler*Innen dienen nicht so. Das Kategorisierende, das ich mit der Zuweisung einer „Rolle“ verbinde, beinhaltet Zweck, Zwang und Ratio. Ein bisschen Irrationales muss der Mensch aushalten.

Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade mit dem 1. Teil der Trilogie „Vernon Subutex“ von Virginie Despentes
begonnen. Daneben lese ich noch Flauberts „Madame Bovary“ zu ende, und Alice Millers „Am Anfang war Erziehung“ liegt auch auf meinem Schreibtisch, sowie das Essay – Band „Hunger und Seide“ von Herta Müller.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ von Hannah Arendt

Vielen Dank für das Interview liebe Dagmar, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dagmar Rohm, Bildende Künstlerin

Aktuell – Dagmar Rohm

Foto_Dagmar Rohm

5.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das gegenseitige Geschenk des friedvollen Miteinanders“ Nighttrain Poetry_31.5.2021

Liebe Nighttrain Poetry, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Bedingt durch eine schwere Erkrankung bin ich seit vielen Jahren in Pension. Daher hat sich nicht allzuviel geändert. Mein lieber Mann und ich versorgen unsere Tiere, schauen nach meiner betagten Mama und frühstücken  gemeinsam. Vormittags widme ich mich meinem geliebten Hobby…das Verfassen von Gedichten und Texten. Das Schreiben bedeutet mir unendlich viel und gibt mir Kraft und Mut.Achtsam beantwortete ich Kommentare und Mitteilungen,  das ist mir sehr wichtig und für all die liebevollen Menschen die mir begegnen, bin ich dankbar.

Gemeinsames Kochen mit meinem lieben Mann, Enkelkinder vom Kindergarten abholen, gemeinsames Spielen, Kreativität fördern, Waldspaziergänge…Gespräche, Vorlesen, Zusammensein, Dankbarsein.

Und immer wieder schreiben, nachdenken und wieder schreiben. Auch in unsere älteren Tage gibt es noch viel zu tun…Gott sei Dank, und nicht zu vergessen …für mich das Wichtigste…Dankbarkeit.

Nighttrain Poetry

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass sich Bemühen und der Zusammenhalt…und immer wieder für mich das Wichtigste, die Dankbarkeit für das Leben, auch wenn es nicht immer einfach war und ist. Denn wenn ich über den Tellerrand hinausblicke, geht es mir doch noch immer gut

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ein Neubeginn kann meiner Meinung nach gut gelingen. Aber auch hier spielt wieder das gegenseitige Geschenk des friedvollen Miteinanders eine große Rolle. Respekt und Toleranz, auch bei unterschiedlicher Auffassung.

Frieden ist machbar.

Kunst ist Leben

Kunst ist bunt

und regt zum Aufwachen an

zum Nachdenken

Kunst ist wie Atmen

wie der Schlag des Herzens

das Blut der Welt

Kunst ist ein Teil von mir

mit dem ich lieben, träumen aber auch weinen kann

Kunst ist Rettung

und Glaube und Zuversicht

Was liest Du derzeit?

Gioconda Belli, Bewohnte Frau. Ich liebe auch ihre Gedichte sehr

Alt sind nur die anderen, Lilly Brett.

Erneuere deinen Körper, Alberto Villodo.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“ Wir alle sind Engel mit nur einem Flügel. Wir sollten uns umarmen, damit wir fliegen können“  Luciano De Crescenzo

Nighttrain Poetry

Vielen Dank für das Interview liebe Nighttrain Poetry, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Nighttrain Poetry, Schriftstellerin

(2) Nighttrain Poetry | Facebook

Alle Fotos_Nighttrainpoetry

5.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Weil keine*r mehr Bock auf Rassismus, Sexismus, Ableismus und und und hat“ Anna Ortmann, Schauspielerin_ Berlin 31.5.2021

Liebe Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gewöhnlich stehe ich um 7 Uhr auf, ich  schlafe im Schnitt 5-6 Stunden, ich dusche und trinke Kaffee. Manchmal wacht meine Tochter früher auf als ich, wenn nicht, dann habe ich noch etwas Ruhe. Ich bringe die Kinder mit dem Fahrrad zum Kinderladen.

Zweimal die Woche bin ich im TATWERK, dort arbeite ich im Büro. Außerdem mache ich hin- und wieder E-Castings. Ich nehme an Arabisch-Online-Kursen teil, gebe theaterpädagogische Workshops, unterrichte Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Schule oder Online, schreibe Anträge, plane Projekte, habe Meetings, mache Pläne und rede mit meiner Agentin. Ich habe im Augenblick ausreichend Aufträge und Anfragen, um gut zu leben, ich hoffe das geht so weiter.

Ich bin aktuell von zu viel Bildschirmzeit genervt und sehne mich nach mehr analoger und körperlicher Beschäftigung, beruflich und privat. Nachmittags und abends fällt Sorge- und Hausarbeit an. Glücklicherweise habe ich eine Wohnung mit Terrasse und Garten mitten in Berlin-Neukölln. Ich finde alles ganz schön anstrengend und mühselig. Aber ich bin auch dankbar für das, was ich habe, Freund*innen, Nachbar*innen, Familie, ein Dach über dem Kopf, Gesundheit, genug Geld für Bio und Jobs, die mir Spaß machen.

Anna Ortmann_Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich bin der Meinung, dass Umweltschutz, die Reduzierung von Konsum, der Abbau der industriellen Landwirtschaft, Fischerei und Tierhaltung sehr wichtig sind. Aber auch die  Einführung der 20-Stunden-Woche, höhere Löhne, Abschaffung von Hartz 4 und dem teuren Armut-Verwaltungsapparat, der damit einhergeht. Mehr Unterstützung für Frauen, Kinder und Jugendliche. 100 % Solidarität und Unterstützung für Menschen auf der Flucht. Kampf gegen den Rassismus, Auflösung der sozialen Ungleichheit und damit der Abbau von Klassismus, intersektionaler Diskriminierung und Unterdrückung von LGBTQI+ Critical Whiteness, Kolonialismus und Empowerment müssen auf den Lehrplan der Schulen. Diversitätssensibilität in die Kitas und Betriebe. Und wir brauchen unbedingt einen bundesweiten Mietendeckel.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Kunst und Künstler*innen können Diskursräume öffnen. In der letzten Zeit passiert was, weil keine*r mehr Bock auf Rassismus, Sexismus, Ableismus und und und hat. Ich hoffe auf mehr Rollen für Frauen, nichtweiße und nichtbinäre Schauspieler*innen* in Film und Fernsehen und auf den Bühnen, aber auch in den Leitungspositionen und in Entscheidungsprozessen, nicht nur Token, sondern veränderte Normen bzw Normalitäten. Ich möchte mich und unsere postproletarische und postmigrantische Realität in den Perspektiven und Erzählungen finden. Es gibt gerade eine Zeit der Umbrüche in den Machtstrukturen. Aber es ist ein langsamer Prozess.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade „Die Übernahme “ von Ilko-Sascha Kowalczuk und mehrere Bücher von Dr. Natasha A. Kelly.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

no border, no nation – stop deportation.

Anna Ortmann_Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anna Ortmann_Schauspielerin

Fotos_Tim Kallweit.

4.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Jim Morrison“ Birgit Fuß. Reclam Verlag.

3,Juli 1971. Paris. Jim Morrison (*1943), der kalifornische Rocksuperstar stirbt in Paris. Die Umstände bleiben im Dunklen. Der Sänger und songwriter der „DOORS“ war nach Europa gekommen, um von den Ereignissen in den USA Abstand zu gewinnen. Es sind Prozesse, die gegen ihn laufen, in denen er sich für seine schonungslose Performance auf Musik- und Lebensbühnen verantworten muss…Paris ist jetzt ein guter Fluchtpunkt. Die Stadt der Dichter*innen. Rimbaud, Baudelaire…Morrison liebt es gemeinsam mit seiner Frau Pamela Courson jetzt hier zu sein. Doch aus dem Sommer in Poesie und Erholung wird nichts. Ein Künstlerleben geht zu Ende. Ein Künstlerleben, das eine Generation geprägt und mitgerissen hat. Ein Künstlerleben, das bis heute – 50 Jahre – nach seinem Tod in seiner Vielfältigkeit, Virtuosität wie Kompromisslosigkeit begeistert und inspiriert…

In der Reihe „100 Seiten“ präsentiert der Reclam Verlag kompakte Zugänge zu Künstler*innenpersönlichkeiten und widmet Jim Morrison einen Band. Die langjährige Musikjournalisatin des Rolling Stone Magazin, Birgit Fuß, gibt nun Einblicke in Leben, musikalische Karriere wie das vielseitige Werk des Superstars der 1960/70er Jahre. Dabei werden besondere Momente des Bandlebens, der Konzerte, wie auch des privaten Jim Morrison geöffnet und lassen Wirkung wie Bedeutung wieder lebendig werden.

Ebenso werden die veröffentlichten Alben der „DOORS“ vorgestellt und Stationen ihres Erfolgsweges wie auch der herausfordernden Bandjahre dargestellt.

Im Schlusskapitel werden die Berichte und Umstände des Todes von Jim Morrison zusammengefasst und die Autorin schließt:  „Das Feuer, das er angezündet hat, wird ewig brennen.“

„Ein spannendes Porträt eines der charismatischsten wie vielseitigsten Superstars moderner Rockmusik“

Walter Pobaschnig 7_21

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„Ich schreibe über stille Momente, die nur etwas weh tun“ Verena Gotthardt_Schriftstellerin_ Bachmannpreisteilnehmerin 2021_Wien 30.5.2021

Bachmannpreis 2021_

Im Gespräch und Fotoporträt: Verena Gotthardt, Schriftstellerin, Bildende Künstlerin_Bachmannpreisteilnehmerin 2021

„Der Bachmannpreis in Klagenfurt begleitet und begeistert mich seit meiner Jugend. Ich schreibe seit meinem vierzehnten Lebensjahr und war auch seitdem regelmäßig beim Bachmannpreis im Publikum und den vielen Veranstaltungen dazu zu Gast. Besonders die Lesungen waren immer ein extrem schönes Erlebnis. Es traf sich auch sehr gut, dass ich in der Nähe des ORF Studios Kärnten in Klagenfurt wohnte (lacht)

Verena Gotthardt_Schriftstellerin, Bildende Künstlerin

Ich bin in Klagenfurt geboren und aufgewachsen. Ingeborg Bachmanns Texte haben mich früh begleitet und fasziniert, bis heute. Auch Interviews von ihr, Lesungen.

Es ist sehr spannend das Leben in den Gedichten Ingeborg Bachmanns zu spüren. Die Bedeutung von Metaphern als Erfahrung und Ausdruck von Mensch, Zeit, Ort, Leben.

Ingeborg Bachmann_Porträt_ Fassade_Hotel Geyer_Klagenfurt _ Simone Mestroni

Der Bachmannpreis in Klagenfurt, das ist die Stimmung in der Stadt. Die Literatur-Zitate auf den Plätzen, Straßen, die Bachmannliegestühle kommen raus, das vielfältige Rahmenprogramm, viele Gespräche –  das alles und mehr macht eine besondere Stimmung. Man spürt dies in der Stadt und weit darüber hinaus.

Drei Wege zum See_Ingeborg Bachmann outdoors_Rahmenprogramm Bachmannpreis

Die Atmosphäre im ORF-Studio bei den Lesungen ist ganz besonders. Das ist bei allen zu spüren. Freude, Erwartung, Anspannung, Aufmerksamkeit. Alles da, faszinierend.

Vor der Lesung_Bachmannpreisträgerin_Sharon Dodua Otoo_Klagenfurt 2016

Eine Lesung braucht einen guten Tisch, nicht mehr.

Wenn ich lese, ist es eine Art Trance. Das Spüren des Zuhörens im Raum ist wunderschön. Das fällt ja jetzt leider vor Ort in Klagenfurt aus.

Im Publikum zu sein, zu sitzen oder zu stehen, war auch immer wunderbar.

Das Rahmenprogramm des Bachmannpreises ist für mich auch immer sehr spannend. Etwa das Projekt der Autor*innen Vernetzung in Klagenfurt mittels QR Code in der Stadt.

Christina Wuga, Schauspielerin in Drei Wege zum See_Ingeborg Bachmann outdoors _ 2018

Mich freut, dass die Jury wieder in Klagenfurt und damit an einem Ort ist. Das ermöglicht besser das miteinander Reden.

Bachmannpreis Jury 2019 _ Klagenfurt_von links – Klaus Kastberger, Nora Gomringer, Hubert Winkels (Vorsitzender), Stefan Gmünder, Insa Wilke (Vorsitzende 2021), Hildegard Elisabeth Keller und Michael Wiederstein

Vor Ort sein ermöglicht Jury wie Publikum den Fokus auf das Wort, das Gespräch – es nimmt die ständige Wahrnehmung der Person am Bildschirm zurück, in der jede Mimik, Gestik Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Bachmannpreis Jury 2020 _online_ von links – Klaus Kastberger, Insa Wilke, Nora Gomringer, Hubert Winkels (Vorsitzender), Michael Wiederstein, Brigitte Schwens-Harrant, Philipp Tingler.

Mara Delius hat mich als Lesende eingeladen. Als der Anruf kam, musste ich nachfragen (lacht). In meiner Kindheit dachte ich, ein Text für Klagenfurt muss in zehn Tagen geschrieben werden und ich war dann überrascht, dass bei den Lesungen alle so gut waren (lacht).

Kritik am Text darf man nicht persönlich nehmen. Jeder Text wird anders wahrgenommen. Ich bin gespannt was Menschen darin sehen, erkennen. Die Neugierde darauf überwiegt.

Es sind jetzt die Umstände, die eine Live-Lesung in Klagenfurt nicht zulassen. Natürlich würde ich lieber live vor Ort lesen. Damit muss man sich abfinden. Pluspunkt ist etwa, dass die Nervosität wegfällt. Minuspunkt, dass ich vielleicht an diesem Tag anders lesen würde. Jetzt muss ich halt bei meiner Lesung zusehen. Ist aber auch ganz interessant bei der eigenen Lesung zuzuschauen (lacht).

Was Horst L.Ebner ORF als Bachmannpreisorganisator und sein Team, gerade auch in der Begleitung von uns Lesenden, leisten – ob analog oder digital – ist großartig!

Helga Schubert_bei der Lesung_Bachmannpreisträgerin 2020_screenshot

Ich werde bei mir Zuhause, da wo ich schreibe, lesen. Mein Zimmer ist sehr verwinkelt, es gibt da nicht viele Optionen (lacht). Denke, ich kann den Text da auch gut rüberbringen. Es wird aber bestimmt schön. Coronabedingt gibt es ja eingeschränkte Möglichkeiten den Lesungsort zu wechseln, etwa an die Universität. Ich lese mir den Text in der Vorbereitung immer wieder durch. Lesungsvorbereitungen brauchen aber auch Ruhepausen. Der Text muss auch ruhen. Ich lese nicht performativ.

Jörg Piringer_Lesung _ Wien_Bachmannpreis 2020_screenshot

Ich habe mich schon vor zwei Jahren zum Bachmannpreis beworben. Jetzt habe ich den Text intentional geschrieben. Mara Delius hat mich eingeladen. Ich habe es Mitte März erfahren und musste da erst nachfragen. Nehme ich jetzt teil, lese ich (lacht)?

Jetzt versuche ich in Ruhe auf die Lesung und den Bewerb zuzugehen. Eine gewisse Distanz ist da auch wichtig. Ich versuche nicht zu viel darüber nachzudenken wie es sein wird.

In meinem Teilnehmer*intext ist natürlich sehr viel von mir und den letzten Jahren drin. Der Text ist in der Pandemiezeit entstanden aber ich schreibe da nicht anders als sonst. Als Schriftstellerin ist ja immer eine Einsamkeit da.

Ich freue mich auf das Lesen im Wettbewerb und bin gespannt auf die Kritik. Hoffe, damit umgehen zu können (lacht).

Ich habe im Klagenfurter Gymnasium begonnen Gedichte in slowenischer Sprache zu schreiben. Ich habe immer in Slowenisch geschrieben. Meine Lehrerin hat mich da auch sehr motiviert und begleitet. Später gab es dann Übergänge in die deutsche Prosa. Das ist auch jetzt eine Mitte. Gedichte schreibe ich nach wie vor hauptsächlich in Slowenisch aber auch in deutscher Sprache.

Meine Familie, wie auch die Schule, haben das Schreiben immer sehr gefördert. Meine Eltern und meine Schwester lesen meine Texte immer zuerst.

Ich bin zweisprachig aufgewachsen. Mir ist das Thema der Übersetzung sehr wichtig, das Kommen/Ankommen von Sprache zu Sprache. Da ich auch Bildende Künstlerin bin, ist jetzt auch der Weg von der Sprache zum Bild und vom Bild zur Sprache ganz wichtig.

Wenn ich deutsche Texte verfasse, übersetze ich diese nicht in die slowenische Sprache sondern schreibe einen slowenischen Text dazu. Da kann dann auch das Thema variieren. Ich will da ein Gefühl vermitteln.

Bei Lesungen in Deutsch nehme ich slowenische Texte, Gedichte dazu. Es ist da die Tonalität ganz wichtig. Der Klang. Texte müssen vom Publikum nicht immer verstanden werden. Sie können auch gefühlt werden. Das Wahrnehmen, Zuhören ist wesentlich.

Wenn ich lese, hat es einen ganz eigenen Rhythmus. Das braucht es.

Schreiben ist ein Weg, ein Lernprozess. Nominierungen sind eine große Freude auch Absagen sind aber ganz wichtige Wegmarken.

Vielleicht ist es gut, dass es letztes Jahr nicht mit der Teilnahme am Bachmannpreis klappte und es sollte einfach dieser Text jetzt sein. Wenn ein Text geschrieben ist, ist er selbständig. Er muss aus sich selbst funktionieren.

Licht ist wichtig in meinen Texten. Es ist für mich sehr bedeutsam, welche Stimmung das Licht schafft, das gebe ich im Schreiben wieder.

Es ist vielleicht ähnlich wie bei Edward Hoppers Film „Shirley“. Man muss nicht alles beschreiben. Das Licht beschreibt selbst sehr viel. Es geht dabei nicht um Symbolik. Es geht um eine Beschreibung des Moments.

In Wien ist ein Sonnenuntergang ein Nachgehen, Nachsehen. Die Sonne geht ja immer von Hausecke zu Hausecke unter. Es ist gebrochenes Licht.

Ich brauche beim Schreiben Ruhe. Unter Leuten kann ich nicht schreiben. Ich bin eine Morgen- oder Nachtschreiberin. Manchmal gibt es auch strukturierte Zeitpläne.

Schreiben ist ein Prozess, das Davor ist wesentlich. Beim Schreiben selbst ist schon alles passiert. Das kann dann in zwanzig Minuten fertig sein.

Ein Heft und ein Stift sind immer neben meinem Bett. Ich schalte dann oft im Halbschlaf nicht das Licht ein, wenn ich schreibe. Ich schreibe gerne auf Papier. Mit Bleistift oder Tinte. Ich habe da ein sehr visuelles Verständnis.

Mein Schreiben hat viele Bilder. Ich mag das.

Ich höre auch gerne zu was Leute auch auf der Straße sagen. Das nehme ich dann auf. Kurze Sätze, Wörter.

Das Hauptthema meines Schreibens ist Erinnerung. Dabei ist auch fiktive Erinnerung spannend. Das Spiel zwischen Realität und Phantasie. Das schafft auch Distanz, das ist wichtig.

Erinnerung muss nicht immer beladen und schwer sein. Ich bin 24 Jahre, Erinnerung ist für mich ein ruhiger Moment. Wie wenn im Herbst ein Blatt fällt, das letzte Blatt, das ist schön. Du siehst zu und gehst weiter. Aber der Impuls ist da. Das ist für mich Erinnerung.

Ich schreibe über stille Momente, die nur etwas weh tun.

Ich denke einen ganzen Tag über einen Satz nach. Das Schreiben braucht eine Dauer.

Wahrnehmung und Ausdruck von Schönheit, das will ich in meinen Texten vermitteln.

Sprache ist für mich etwas, das immer leiser wird.

Sprache ist zuhören, lesen und verstehen. Da muss nicht immer etwas neu erfunden werden. Es geht um das Verstehen-Wollen.

Worte müssen wie das Holz des Tischlers gut gewählt sein. Man muss daran arbeiten. Schreiben ist viel mit Zweifel verbunden und die Zweifel hören nicht auf.

Schreiben ist ein einsames Handwerk.

Ich ermögliche mir immer wieder in Frankreich zu leben und zu schreiben. Aber Texte beschreiben dann nicht den Ort. Der Ort ist ein Ort des Schreibens, um schreiben zu können. Ich kann in Wien besser über Kärnten und in Kärnten besser über Wien schreiben. Distanz ist im Schreiben oft Nähe. Man sieht und versteht in der Distanz oft mehr. Wie wohl im Leben auch.

Es gibt nicht viele Erinnerungsstücke, die mich an Orte begleiten, die mitgehen.

Eine Uhr kam damals als einziges Erinnerungsstück mit nach Frankreich. Es war unsere Küchenuhr in Klagenfurt, die sehr laut tickte und die niemand haben wollte. Ich liebe das Ticken einer Uhr. Ich schlafe da auch gut ein. Eine Holzskulptur meines Vaters habe ich auch Zuhause.

Orte verbinden. Es ist schön an Orten der Kunst zu begegnen. Es gibt da ein besonders Verstehen. Freunde kennen jeden Grashalm, den ich beschreibe. Topographische Nähe ist auch Textnähe.

Derzeit sind Friederike Mayröcker und Annie Ernaux meine Lesefavoriten. Ich habe immer ein Buch bei mir. Jetzt in der Tasche ist es Florjan Lipus „Mirne duse/Seelenruhig“. Ich schätze Florjan Lipus sehr. Es gibt eine Nähe zu AutorInnen in Kärnten, die slowenisch schreiben wie Stefan Feinig, Maja Haderlap, Fabjan Hafner. Ein Buch zu lesen hat für mich auch mit dem Tagesgefühl zu tun. Das kann ein Vertiefen im Text oder auch ein Innehalten, ein längeres Blättern der Seiten sein. Bücher vermitteln immer eine große Nähe und Ruhe.

Ich bin kein Stadt- und kein Landmensch. Ich bin dazwischen. Durch meinen kulturellen Hintergrund bin ich immer in Zwischenräumen.

Zwischenräume sind großartig, auch in der Literatur.“

Verena Gotthardt_Schriftstellerin, Bildende Künstlerin

Liebe Verena, darf ich Dich zum Abschluss des Interviews zu einem Bachmannpreis-Akrostichon, einer Buchstaben Assoziation in Wort oder Satz bitten?

Ich werde es versuchen (lacht).

Bachmannpreis_Achrostikon_Verena Gotthardt

B Bachmann

A Annie Ernaux

C Celan

H Heimat

M Melodie

A An das Vergessen

N das Doppel N erinnert mich an Berge

N

P Publikum

R Reise

E Erzählung

I Innere

S Sonne

Herzlichen Dank für das Gespräch, liebe Verena, alles Gute und viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis!

Teilnehmende Schriftsteller*innen im Gespräch:

Verena Gotthardt_ Schriftstellerin, Bildende Künstlerin_Wien.

Über – Verena Gotthardt

Mohorjeva – Hermagoras | Verlag | Autor: Verena Gotthardt

Infos Bachmannpreis 2021_ Bachmannpreis (orf.at)

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Royal_Wien_5_2021.

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