„Weil keine*r mehr Bock auf Rassismus, Sexismus, Ableismus und und und hat“ Anna Ortmann, Schauspielerin_ Berlin 31.5.2021

Liebe Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gewöhnlich stehe ich um 7 Uhr auf, ich  schlafe im Schnitt 5-6 Stunden, ich dusche und trinke Kaffee. Manchmal wacht meine Tochter früher auf als ich, wenn nicht, dann habe ich noch etwas Ruhe. Ich bringe die Kinder mit dem Fahrrad zum Kinderladen.

Zweimal die Woche bin ich im TATWERK, dort arbeite ich im Büro. Außerdem mache ich hin- und wieder E-Castings. Ich nehme an Arabisch-Online-Kursen teil, gebe theaterpädagogische Workshops, unterrichte Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Schule oder Online, schreibe Anträge, plane Projekte, habe Meetings, mache Pläne und rede mit meiner Agentin. Ich habe im Augenblick ausreichend Aufträge und Anfragen, um gut zu leben, ich hoffe das geht so weiter.

Ich bin aktuell von zu viel Bildschirmzeit genervt und sehne mich nach mehr analoger und körperlicher Beschäftigung, beruflich und privat. Nachmittags und abends fällt Sorge- und Hausarbeit an. Glücklicherweise habe ich eine Wohnung mit Terrasse und Garten mitten in Berlin-Neukölln. Ich finde alles ganz schön anstrengend und mühselig. Aber ich bin auch dankbar für das, was ich habe, Freund*innen, Nachbar*innen, Familie, ein Dach über dem Kopf, Gesundheit, genug Geld für Bio und Jobs, die mir Spaß machen.

Anna Ortmann_Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich bin der Meinung, dass Umweltschutz, die Reduzierung von Konsum, der Abbau der industriellen Landwirtschaft, Fischerei und Tierhaltung sehr wichtig sind. Aber auch die  Einführung der 20-Stunden-Woche, höhere Löhne, Abschaffung von Hartz 4 und dem teuren Armut-Verwaltungsapparat, der damit einhergeht. Mehr Unterstützung für Frauen, Kinder und Jugendliche. 100 % Solidarität und Unterstützung für Menschen auf der Flucht. Kampf gegen den Rassismus, Auflösung der sozialen Ungleichheit und damit der Abbau von Klassismus, intersektionaler Diskriminierung und Unterdrückung von LGBTQI+ Critical Whiteness, Kolonialismus und Empowerment müssen auf den Lehrplan der Schulen. Diversitätssensibilität in die Kitas und Betriebe. Und wir brauchen unbedingt einen bundesweiten Mietendeckel.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Kunst und Künstler*innen können Diskursräume öffnen. In der letzten Zeit passiert was, weil keine*r mehr Bock auf Rassismus, Sexismus, Ableismus und und und hat. Ich hoffe auf mehr Rollen für Frauen, nichtweiße und nichtbinäre Schauspieler*innen* in Film und Fernsehen und auf den Bühnen, aber auch in den Leitungspositionen und in Entscheidungsprozessen, nicht nur Token, sondern veränderte Normen bzw Normalitäten. Ich möchte mich und unsere postproletarische und postmigrantische Realität in den Perspektiven und Erzählungen finden. Es gibt gerade eine Zeit der Umbrüche in den Machtstrukturen. Aber es ist ein langsamer Prozess.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade „Die Übernahme “ von Ilko-Sascha Kowalczuk und mehrere Bücher von Dr. Natasha A. Kelly.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

no border, no nation – stop deportation.

Anna Ortmann_Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anna Ortmann_Schauspielerin

Fotos_Tim Kallweit.

4.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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