
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Robert Eichenauer, Schriftsteller _ Graz
Lieber Robert, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mein persönlichster Zugang zu Ingeborg Bachmann ist „Das dreißigste Jahr“. Ich habe das Buch tatsächlich gelesen, als ich selbst dreißig wurde. Natürlich nicht ganz zufällig, der Titel hatte mich gerade deshalb neugierig gemacht. Und vermutlich liest man eine solche Erzählung in diesem Alter anders als mit zwanzig oder mit sechzig.
Mich hat damals dieser Moment beschäftigt, in dem ein Mensch beginnt, sein bisheriges Leben grundsätzlich infrage zu stellen. Mit dreißig liegt scheinbar noch fast alles vor einem, gleichzeitig ist aber schon genug Leben vergangen, um sich fragen zu müssen: Bin ich eigentlich der geworden, der ich sein wollte? Wie viel von meinem Leben habe ich selbst bestimmt, wie viel hat sich einfach ergeben?
Diese Fragen sind mir von der Erzählung stärker in Erinnerung geblieben als einzelne Sätze oder literaturwissenschaftliche Deutungen. Das Buch begegnete mir zum richtigen Zeitpunkt meines Lebens. Und einige seiner Fragen beschäftigen mich bis heute.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Für mich ist es vor allem die Verbindung von sprachlicher Präzision und großer innerer Unruhe. Bachmann misstraut allem. Sogar der Sprache selbst, die ihr Werkzeug ist. Ihre Texte lassen einen nie beruhigt zurück. Sie können sperrig sein, manchmal verstörend, aber sie haben eine enorme Intensität. Und sie traut ihren Leserinnen und Lesern etwas zu. Sie erklärt nicht alles.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Natürlich „Malina“, weil sich darin viele ihrer großen Themen auf radikale Weise verdichten. Aber „Das dreißigste Jahr“ bleibt für mich der persönlichere Text.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Erschreckend aktuell. Nach Jahrzehnten, in denen die patriarchale Welt Stück für Stück zurückgedrängt wurde, hat vor einigen Jahren eine gefährliche Gegenbewegung eingesetzt. Politiker wie Trump, Putin oder Orban drehen das Rad der Zeit zurück. Was ich an Bachmann interessant finde, ist, dass Gewalt bei ihr nicht erst dort beginnt, wo jemand zuschlägt. Sie steckt auch in Beziehungen, Abhängigkeiten, Erwartungen und in der Sprache. Menschen können einander zerstören, ohne dass nach außen etwas Spektakuläres geschieht
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Hoffentlich anders. Weniger besitzergreifend vielleicht. Aber die Liebe ist am Ende ein sehr persönliches Gut. Ich hoffe im Übrigen, dass nicht alle Männer unheilbar krank sind.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Das klingt nach einer Romantisierung des Künstlers. Niemand wird gezwungen zu schreiben, dieses „Martyrium“ auf sich zu nehmen. Was sie vielleicht damit gemeint haben könnte: Schreiben bedeutet, den Dingen auf den Grund zu gehen, sie stärker auszuleuchten. Dabei fördert man manchmal auch Unerfreuliches zutage.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ihre Beschäftigung mit Sprache. Bachmann fragt immer wieder danach, ob unsere Sprache überhaupt ausreicht, um das auszudrücken, was in uns vorgeht. Gleichzeitig ist ihr bewusst, dass es für eine Schriftstellerin natürlich kein anderes Werkzeug gibt.
Mich interessiert außerdem ihr Außenseitertum. Viele ihrer Figuren finden keinen selbstverständlichen Platz in der Welt. Sie beobachten, zweifeln, versuchen auszubrechen und scheitern mitunter daran. Das ist ein literarisches Motiv, das mich sehr beschäftigt. Der Außenseiter sieht eine Gesellschaft häufig genauer als derjenige, der vollkommen in ihr aufgeht.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ob sie auch längere Lebensphasen hatte, in denen sie glücklich war.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Nach „Die Außenseiterin“ arbeite ich an einem neuen Roman, in dem wieder Menschen im Mittelpunkt stehen, die mit gesellschaftlichen Erwartungen und mit ihren eigenen Vorstellungen von Freiheit in Konflikt geraten. Mich interessiert dabei besonders die Frage, was Freiheit eigentlich bedeutet. Und welchen Preis wir bereit sind, für sie zu bezahlen. Das Buch soll im Herbst 2027 erscheinen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.“
Herzlichen Dank für das Interview!

Zu Person/Werk: Eichenauer, Robert – Edition Keiper 16.9.2026
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Robert Eichenauer _ Chris Zenz
Walter Pobaschnig, 15.9.2026