„Ich schreibe über stille Momente, die nur etwas weh tun“ Verena Gotthardt_Schriftstellerin_ Bachmannpreisteilnehmerin 2021_Wien 30.5.2021

Bachmannpreis 2021_

Im Gespräch und Fotoporträt: Verena Gotthardt, Schriftstellerin, Bildende Künstlerin_Bachmannpreisteilnehmerin 2021

Der Bachmannpreis in Klagenfurt begleitet und begeistert mich seit meiner Jugend. Ich schreibe seit meinem vierzehnten Lebensjahr und war auch seitdem regelmäßig beim Bachmannpreis im Publikum und den vielen Veranstaltungen dazu zu Gast. Besonders die Lesungen waren immer ein extrem schönes Erlebnis. Es traf sich auch sehr gut, dass ich in der Nähe des ORF Studios Kärnten in Klagenfurt wohnte (lacht)

Verena Gotthardt_Schriftstellerin, Bildende Künstlerin

Ich bin in Klagenfurt geboren und aufgewachsen. Ingeborg Bachmanns Texte haben mich früh begleitet und fasziniert, bis heute. Auch Interviews von ihr, Lesungen.

Es ist sehr spannend das Leben in den Gedichten Ingeborg Bachmanns zu spüren. Die Bedeutung von Metaphern als Erfahrung und Ausdruck von Mensch, Zeit, Ort, Leben.

Ingeborg Bachmann_Porträt_ Fassade_Hotel Geyer_Klagenfurt _ Simone Mestroni

Der Bachmannpreis in Klagenfurt, das ist die Stimmung in der Stadt. Die Literatur-Zitate auf den Plätzen, Straßen, die Bachmannliegestühle kommen raus, das vielfältige Rahmenprogramm, viele Gespräche –  das alles und mehr macht eine besondere Stimmung. Man spürt dies in der Stadt und weit darüber hinaus.

Drei Wege zum See_Ingeborg Bachmann outdoors_Rahmenprogramm Bachmannpreis

Die Atmosphäre im ORF-Studio bei den Lesungen ist ganz besonders. Das ist bei allen zu spüren. Freude, Erwartung, Anspannung, Aufmerksamkeit. Alles da, faszinierend.

Vor der Lesung_Bachmannpreisträgerin_Sharon Dodua Otoo_Klagenfurt 2016

Eine Lesung braucht einen guten Tisch, nicht mehr.

Wenn ich lese, ist es eine Art Trance. Das Spüren des Zuhörens im Raum ist wunderschön. Das fällt ja jetzt leider vor Ort in Klagenfurt aus.

Im Publikum zu sein, zu sitzen oder zu stehen, war auch immer wunderbar.

Das Rahmenprogramm des Bachmannpreises ist für mich auch immer sehr spannend. Etwa das Projekt der Autor*innen Vernetzung in Klagenfurt mittels QR Code in der Stadt.

Christina Wuga, Schauspielerin in Drei Wege zum See_Ingeborg Bachmann outdoors _ 2018

Mich freut, dass die Jury wieder in Klagenfurt und damit an einem Ort ist. Das ermöglicht besser das miteinander Reden.

Bachmannpreis Jury 2019 _ Klagenfurt_von links – Klaus Kastberger, Nora Gomringer, Hubert Winkels (Vorsitzender), Stefan Gmünder, Insa Wilke (Vorsitzende 2021), Hildegard Elisabeth Keller und Michael Wiederstein

Vor Ort sein ermöglicht Jury wie Publikum den Fokus auf das Wort, das Gespräch – es nimmt die ständige Wahrnehmung der Person am Bildschirm zurück, in der jede Mimik, Gestik Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Bachmannpreis Jury 2020 _online_ von links – Klaus Kastberger, Insa Wilke, Nora Gomringer, Hubert Winkels (Vorsitzender), Michael Wiederstein, Brigitte Schwens-Harrant, Philipp Tingler.

Mara Delius hat mich als Lesende eingeladen. Als der Anruf kam, musste ich nachfragen (lacht). In meiner Kindheit dachte ich, ein Text für Klagenfurt muss in zehn Tagen geschrieben werden und ich war dann überrascht, dass bei den Lesungen alle so gut waren (lacht).

Kritik am Text darf man nicht persönlich nehmen. Jeder Text wird anders wahrgenommen. Ich bin gespannt was Menschen darin sehen, erkennen. Die Neugierde darauf überwiegt.

Es sind jetzt die Umstände, die eine Live-Lesung in Klagenfurt nicht zulassen. Natürlich würde ich lieber live vor Ort lesen. Damit muss man sich abfinden. Pluspunkt ist etwa, dass die Nervosität wegfällt. Minuspunkt, dass ich vielleicht an diesem Tag anders lesen würde. Jetzt muss ich halt bei meiner Lesung zusehen. Ist aber auch ganz interessant bei der eigenen Lesung zuzuschauen (lacht).

Was Horst L.Ebner ORF als Bachmannpreisorganisator und sein Team, gerade auch in der Begleitung von uns Lesenden, leisten – ob analog oder digital – ist großartig!

Helga Schubert_bei der Lesung_Bachmannpreisträgerin 2020_screenshot

Ich werde bei mir Zuhause, da wo ich schreibe, lesen. Mein Zimmer ist sehr verwinkelt, es gibt da nicht viele Optionen (lacht). Denke, ich kann den Text da auch gut rüberbringen. Es wird aber bestimmt schön. Coronabedingt gibt es ja eingeschränkte Möglichkeiten den Lesungsort zu wechseln, etwa an die Universität. Ich lese mir den Text in der Vorbereitung immer wieder durch. Lesungsvorbereitungen brauchen aber auch Ruhepausen. Der Text muss auch ruhen. Ich lese nicht performativ.

Jörg Piringer_Lesung _ Wien_Bachmannpreis 2020_screenshot

Ich habe mich schon vor zwei Jahren zum Bachmannpreis beworben. Jetzt habe ich den Text intentional geschrieben. Mara Delius hat mich eingeladen. Ich habe es Mitte März erfahren und musste da erst nachfragen. Nehme ich jetzt teil, lese ich (lacht)?

Jetzt versuche ich in Ruhe auf die Lesung und den Bewerb zuzugehen. Eine gewisse Distanz ist da auch wichtig. Ich versuche nicht zu viel darüber nachzudenken wie es sein wird.

In meinem Teilnehmer*intext ist natürlich sehr viel von mir und den letzten Jahren drin. Der Text ist in der Pandemiezeit entstanden aber ich schreibe da nicht anders als sonst. Als Schriftstellerin ist ja immer eine Einsamkeit da.

Ich freue mich auf das Lesen im Wettbewerb und bin gespannt auf die Kritik. Hoffe, damit umgehen zu können (lacht).

Ich habe im Klagenfurter Gymnasium begonnen Gedichte in slowenischer Sprache zu schreiben. Ich habe immer in Slowenisch geschrieben. Meine Lehrerin hat mich da auch sehr motiviert und begleitet. Später gab es dann Übergänge in die deutsche Prosa. Das ist auch jetzt eine Mitte. Gedichte schreibe ich nach wie vor hauptsächlich in Slowenisch aber auch in deutscher Sprache.

Meine Familie, wie auch die Schule, haben das Schreiben immer sehr gefördert. Meine Eltern und meine Schwester lesen meine Texte immer zuerst.

Ich bin zweisprachig aufgewachsen. Mir ist das Thema der Übersetzung sehr wichtig, das Kommen/Ankommen von Sprache zu Sprache. Da ich auch Bildende Künstlerin bin, ist jetzt auch der Weg von der Sprache zum Bild und vom Bild zur Sprache ganz wichtig.

Wenn ich deutsche Texte verfasse, übersetze ich diese nicht in die slowenische Sprache sondern schreibe einen slowenischen Text dazu. Da kann dann auch das Thema variieren. Ich will da ein Gefühl vermitteln.

Bei Lesungen in Deutsch nehme ich slowenische Texte, Gedichte dazu. Es ist da die Tonalität ganz wichtig. Der Klang. Texte müssen vom Publikum nicht immer verstanden werden. Sie können auch gefühlt werden. Das Wahrnehmen, Zuhören ist wesentlich.

Wenn ich lese, hat es einen ganz eigenen Rhythmus. Das braucht es.

Schreiben ist ein Weg, ein Lernprozess. Nominierungen sind eine große Freude auch Absagen sind aber ganz wichtige Wegmarken.

Vielleicht ist es gut, dass es letztes Jahr nicht mit der Teilnahme am Bachmannpreis klappte und es sollte einfach dieser Text jetzt sein. Wenn ein Text geschrieben ist, ist er selbständig. Er muss aus sich selbst funktionieren.

Licht ist wichtig in meinen Texten. Es ist für mich sehr bedeutsam, welche Stimmung das Licht schafft, das gebe ich im Schreiben wieder.

Es ist vielleicht ähnlich wie bei Edward Hoppers Film „Shirley“. Man muss nicht alles beschreiben. Das Licht beschreibt selbst sehr viel. Es geht dabei nicht um Symbolik. Es geht um eine Beschreibung des Moments.

In Wien ist ein Sonnenuntergang ein Nachgehen, Nachsehen. Die Sonne geht ja immer von Hausecke zu Hausecke unter. Es ist gebrochenes Licht.

Ich brauche beim Schreiben Ruhe. Unter Leuten kann ich nicht schreiben. Ich bin eine Morgen- oder Nachtschreiberin. Manchmal gibt es auch strukturierte Zeitpläne.

Schreiben ist ein Prozess, das Davor ist wesentlich. Beim Schreiben selbst ist schon alles passiert. Das kann dann in zwanzig Minuten fertig sein.

Ein Heft und ein Stift sind immer neben meinem Bett. Ich schalte dann oft im Halbschlaf nicht das Licht ein, wenn ich schreibe. Ich schreibe gerne auf Papier. Mit Bleistift oder Tinte. Ich habe da ein sehr visuelles Verständnis.

Mein Schreiben hat viele Bilder. Ich mag das.

Ich höre auch gerne zu was Leute auch auf der Straße sagen. Das nehme ich dann auf. Kurze Sätze, Wörter.

Das Hauptthema meines Schreibens ist Erinnerung. Dabei ist auch fiktive Erinnerung spannend. Das Spiel zwischen Realität und Phantasie. Das schafft auch Distanz, das ist wichtig.

Erinnerung muss nicht immer beladen und schwer sein. Ich bin 24 Jahre, Erinnerung ist für mich ein ruhiger Moment. Wie wenn im Herbst ein Blatt fällt, das letzte Blatt, das ist schön. Du siehst zu und gehst weiter. Aber der Impuls ist da. Das ist für mich Erinnerung.

Ich schreibe über stille Momente, die nur etwas weh tun.

Ich denke einen ganzen Tag über einen Satz nach. Das Schreiben braucht eine Dauer.

Wahrnehmung und Ausdruck von Schönheit, das will ich in meinen Texten vermitteln.

Sprache ist für mich etwas, das immer leiser wird.

Sprache ist zuhören, lesen und verstehen. Da muss nicht immer etwas neu erfunden werden. Es geht um das Verstehen-Wollen.

Worte müssen wie das Holz des Tischlers gut gewählt sein. Man muss daran arbeiten. Schreiben ist viel mit Zweifel verbunden und die Zweifel hören nicht auf.

Schreiben ist ein einsames Handwerk.

Ich ermögliche mir immer wieder in Frankreich zu leben und zu schreiben. Aber Texte beschreiben dann nicht den Ort. Der Ort ist ein Ort des Schreibens, um schreiben zu können. Ich kann in Wien besser über Kärnten und in Kärnten besser über Wien schreiben. Distanz ist im Schreiben oft Nähe. Man sieht und versteht in der Distanz oft mehr. Wie wohl im Leben auch.

Es gibt nicht viele Erinnerungsstücke, die mich an Orte begleiten, die mitgehen.

Eine Uhr kam damals als einziges Erinnerungsstück mit nach Frankreich. Es war unsere Küchenuhr in Klagenfurt, die sehr laut tickte und die niemand haben wollte. Ich liebe das Ticken einer Uhr. Ich schlafe da auch gut ein. Eine Holzskulptur meines Vaters habe ich auch Zuhause.

Orte verbinden. Es ist schön an Orten der Kunst zu begegnen. Es gibt da ein besonders Verstehen. Freunde kennen jeden Grashalm, den ich beschreibe. Topographische Nähe ist auch Textnähe.

Derzeit sind Friederike Mayröcker und Annie Ernaux meine Lesefavoriten. Ich habe immer ein Buch bei mir. Jetzt in der Tasche ist es Florjan Lipus „Mirne duse/Seelenruhig“. Ich schätze Florjan Lipus sehr. Es gibt eine Nähe zu AutorInnen in Kärnten, die slowenisch schreiben wie Stefan Feinig, Maja Haderlap, Fabjan Hafner. Ein Buch zu lesen hat für mich auch mit dem Tagesgefühl zu tun. Das kann ein Vertiefen im Text oder auch ein Innehalten, ein längeres Blättern der Seiten sein. Bücher vermitteln immer eine große Nähe und Ruhe.

Ich bin kein Stadt- und kein Landmensch. Ich bin dazwischen. Durch meinen kulturellen Hintergrund bin ich immer in Zwischenräumen.

Zwischenräume sind großartig, auch in der Literatur.“

Verena Gotthardt_Schriftstellerin, Bildende Künstlerin

Liebe Verena, darf ich Dich zum Abschluss des Interviews zu einem Bachmannpreis-Akrostichon, einer Buchstaben Assoziation in Wort oder Satz bitten?

Ich werde es versuchen (lacht).

Bachmannpreis_Achrostikon_Verena Gotthardt

B Bachmann

A Annie Ernaux

C Celan

H Heimat

M Melodie

A An das Vergessen

N das Doppel N erinnert mich an Berge

N

P Publikum

R Reise

E Erzählung

I Innere

S Sonne

Herzlichen Dank für das Gespräch, liebe Verena, alles Gute und viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis!

Teilnehmende Schriftsteller*innen im Gespräch:

Verena Gotthardt_ Schriftstellerin, Bildende Künstlerin_Wien.

Über – Verena Gotthardt

Mohorjeva – Hermagoras | Verlag | Autor: Verena Gotthardt

Infos Bachmannpreis 2021_ Bachmannpreis (orf.at)

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Royal_Wien_5_2021.

https://literaturoutdoors.com

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