„Die Kultivierung inneren „Reichtums“, die in eine bewusstere Haltung zur Welt umschlagen könnte“ Dagmar Rohm, Bildende Künstlerin _Wien 1.6.2021

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Hat sich im Großen und Ganzen eigentlich nicht sehr verändert. Ich verbringe viel Zeit im Atelier, wo ich der Zeit auf meine Art und mit den gestalterischen Mitteln der Malerei nachspüre. Anfangs hat mich die erzwungene Verlangsamung der Geschäftigkeit entzückt. Es kam mir vor, als könne ruhiger geatmet werden, jetzt, da dem Atmen durch den Virus der Krieg erklärt war. Das war ein Indiz für eine erlebbare Gegensätzlichkeit, was mich sehr neugierig gemacht hat.

Dagmar Rohm_Bildende Künstlerin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, dass durch die Krise viele ihre eigene Existenz neu und vertieft reflektieren.
Darin steckt enormes Potenzial. Vielleicht wird es künftig weniger relevant, Statusspiele
zur Imagepflege gegen die Umwelt zu vollführen. Ich sehe den großbürgerlich
kapitalistischen Lebenszweck einmal mehr in Frage gestellt. Dieser trägt die Fratze des Hochmuts. Was natürlich kräftig moralisch klingt.. und andererseits auch naiv, denkt man an die Börsen – Gewinner der Krise.


Vor einem Aufbruch werden jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was
wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Die Kultivierung inneren „Reichtums“, die in eine bewusstere Haltung zur Welt
umschlagen könnte, der weisere Entscheidungen zugrunde liegen, wäre ein weitreichendes global Sinn stiftendes überpersönliches Ziel. Aber das ist natürlich sehr idealistisch gedacht. Dennoch widerspiegelt gerade dies meine Sehnsucht.

Gute Kunst ist für mich immer satt vom Jetzt und irritiert den routinierten Gang der
Dinge und der Wahrnehmung. Man könnte mutwillig und etwas zynisch sagen, der Krise wäre durch Corona ein Kunstwerk geglückt, das ein Innehalten provoziert und unser aller Denken revolutioniert, möglicherweise zu einem besseren hin. Das Wort „Rolle“ (von Kunst) ist ein Fallstrick – Kunst sollte keine haben.. und Künstler*Innen dienen nicht so. Das Kategorisierende, das ich mit der Zuweisung einer „Rolle“ verbinde, beinhaltet Zweck, Zwang und Ratio. Ein bisschen Irrationales muss der Mensch aushalten.

Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade mit dem 1. Teil der Trilogie „Vernon Subutex“ von Virginie Despentes
begonnen. Daneben lese ich noch Flauberts „Madame Bovary“ zu ende, und Alice Millers „Am Anfang war Erziehung“ liegt auch auf meinem Schreibtisch, sowie das Essay – Band „Hunger und Seide“ von Herta Müller.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ von Hannah Arendt

Vielen Dank für das Interview liebe Dagmar, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dagmar Rohm, Bildende Künstlerin

Aktuell – Dagmar Rohm

Foto_Dagmar Rohm

5.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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