„Without art, how else would we survive beauty“ Lara Konrad, Schriftstellerin_München 11.1.2021

Liebe Lara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Dear Lara, what’s your routine at the moment?

Since I spend most of my days writing, my daily task to bathe in solitude hasn’t changed all that much. I take a lot of long walks these days; sometimes taking a friend with me by calling them over the phone.

my daily task to bathe in solitude hasn’t changed all that much.

Lara Konrad Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

What’s particularly important for us all in this moment?

The same that has always mattered most: compassion.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

New start, new beginning. What will be essential and which roles will dance, theater and art play?

Without art, how else would we survive beauty.

Was liest Du derzeit?

What are you reading?

I’m reading two books at the moment: Anne Carson’s “Plainwater” and “Heaven” by Emerson Whitney.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Which quote, imput or text will you propose?


Every wound is one step closer to home.

Thank you very much for the Interview, dear Lara, much success for your wonderful literature projects, all the best in these days!

Five questions on artists:

Lara Konrad, poet

Lara Konrad

Foto_Lara Konrad

11.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir bilden am Wohnzimmertisch ein Klassenzimmer. Während sie lernen, schreibe ich an einem neuen Buch“ Björn Kuhligk, Schriftsteller _ Berlin 11.1.2021

Lieber Björn, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da meine Frau mehr verdient als ich und ich in meinem Brotjob in Kurzarbeit bin, kümmere ich mich um die dreiköpfige Pubertisten-Kombo. Wir bilden am Wohnzimmertisch ein Klassenzimmer. Während sie lernen, schreibe ich an einem neuen Buch. Naja, manchmal. Ich bin auch Erklärer, Nachhilfe-Kumpel, Motivator, Zoom-Konferenz-Erinnerer, Mittagessen-Zubereiter, schlichtweg der nervige Typ, der in ihrem Wohnzimmer sitzt.

Björn Kuhligk, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wie immer: Solidarität, Kapitalismus abschaffen, Grenzen öffnen, die Häuser denen, die drin schlafen, und hin und wieder einen selbstgemachten Smoothie.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?  

Die Literatur kann in ihren guten Momenten das Nichtsagbare zur Sprache bringen. Daher einfach weiter im Text, was sonst? In dem Bundesland Berlin, wo ich lebe, ist der derzeitige Lockdown eingeleitet worden, in dem alle Kultureinrichtungen geschlossen wurden und alle hatten sie Hygienekonzepte erarbeitet. Die Kunst findet in der Öffentlichkeit nicht statt, sie ist egal, sie ist überflüssig, etwas, das niemand braucht. Das scheint im Moment ihre Rolle zu sein. In Großraumbüros wird weiterhin gearbeitet. Aber vielleicht hilft die Pandemie, die Postmoderne endlich zu vergessen.

Was liest Du derzeit?

Da die Gegenwart gerade omnipräsent ist, lese ich vielleicht gerade deshalb wieder Klassiker. Ich habe erst Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ gelesen, dann Balzacs „Oberst Chabert“, dann Sylvia Plaths „Glasglocke“ und im Moment lese ich Irmgard Keuns „Nach Mitternacht“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Lyrikerin Barbara Köhler ist vor einigen Tagen gestorben. Ein Text von ihr aus dem Buch „Blue Box“:

„Ich übe das Alleinsein, und ich denke, ich habe es darin schon ziemlich weit gebracht. Ich rede mit der Sprache, manchmal antwortet sie. Manchmal antwortet auch jemand anders. Ich rechne nicht mehr damit, verstanden zu werden. Mathematik ist nicht mein Fach.“

Vielen Dank für das Interview lieber Björn, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Björn Kuhligk, Schriftsteller

Björn Kuhligk – Literatur und Fotografie

Foto_Achim Wagner

11.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich bin kein Fan von halben Sachen“ Magdalena Mikesch, Schauspielerin_Wien 11.1.2021

Liebe Magdalena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Einen fest geregelten Tagesablauf hab ich noch nie gehabt. Aber ich verbringe meine Tage ehrlich gesagt gerade so, wie ich mir früher meine Pension vorgestellt habe. Keinen Wecker und Smartphone öfters mal auf Flugmodus stellen, viel spazieren gehen, lesen, Menschen anrufen, um zu fragen, wie es ihnen geht, Kreuzworträtsel lösen, Reportagen schauen, überrannten Eislaufplätzen und Skipisten aus dem Weg gehen, und mich übers Wetter unterhalten. Ich muss sagen: ich mag und genieße das.

Und beim Beantworten der Frage meines Tagesablaufs hab ich sofort das Gefühl, an dieser Stelle jetzt schnell auch noch mitteilen zu müssen, dass ich an dem einen oder anderen Projekt arbeite. Aber es frustriert mich, nicht planen zu können, ob und wann das ein oder andere Projekt stattfinden kann, und deshalb ziehe ich meine Pensionsstimmung nun vor, bin dankbar für das, was ich hab und lege dann wieder voller Energie los, wenn es im Kulturbereich wieder unter vernünftigen Umständen möglich ist. Ich bin kein Fan von halben Sachen.

Magdalena Mikesch, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Weniger Egoismus – mehr Empathie. Und: Telegram ist ein Messenger, kein Nachrichtendienst.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Mir persönlich ist wichtig, dass Theater gesellschaftskritisch und politisch, klar lesbar und verständlich für jeden Menschen ist und weniger versucht, „Kunst“ zu sein, stattdessen einfach eine klare Botschaft sendet. Wenn wir aktuell schon so oft von Systemrelevanz des Theaters sprechen und hören, ist es daher umso wichtiger, das auch in unserer Arbeit zu zeigen und nicht nur Komödie zu spielen, weil’s halt lustig ist.

Was liest Du derzeit?

„Ein Verheißenes Land“ von Barack Obama und ein zweites Mal „Sisi, Sex und Semmelknödel: Ein Araber ergründet die österreichische Seele“ von Omar Khir Alanam.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Was sind das für Zeiten, wo

Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.

Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

(Berthold Brecht)

Vielen Dank für das Interview liebe Magdalena, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Magdalena Mikesch, Schauspielerin

Foto_Volker Schmidt

11.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass die Menschen direkt in Kunsterfahrungen involviert und sogar Teil von Kunstwerken sind“ Veronika Tzekova, Künstlerin, Graz 11.1.2021

Liebe Veronika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich beantworte deine Fragen in einer zehntägigen, selbstüberwachten Heimquarantäne, also es ist nicht viel los. Alles spielt sich bei mir zu Hause und im meinem Kopf ab. Nicht genau das, was eine Künstlerin, die WITHandIN PUBLICandSPACE arbeitet, sich wünscht. Aufwachen, Einstellungsphase vom Träumen zum Nachdenken und Vorstellen mit viel Kaffee, weitermachen mit meiner täglichen Arbeit. Ich kümmere mich um die Bedürfnisse meiner laufenden Projekte, wie z. B. „syllaBLEndings“ und „SchAUGEnuss“, füttere meinen Blog und konzipiere einige zukünftige Projekte und Kooperationen, tägliche kreative Künstlerarbeit, Archivierung, Korrespondenz usw. Im Moment muss ich mich auch den Herausforderungen stellen, um den Einband für einen Gedichtband des bulgarischen Autors Vladimir Sabourin zu gestalten und ein künstlerisches Selbstporträt für IN SITU-European platform for artistic creation in public space zu erstellen. Wenn es schon dunkel ist, nehme ich meinen Afterwork-Drink. Der Rest ist privat.

Selbstporträt_Veronika Tzekova, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Augen und die Analyse auf das große Gesamtbild, von dem wir ein Teil sind, zu richten und den Sumpf der Konzentration auf sich selbst zu verlassen.

Vielleicht bin ich eine Träumerin, aber ich finde es äußerst wichtig für die Menschheit, für jede einzelne Gesellschaft und jeden von uns, seine Werte zu überdenken und von hier aus einen neuen „contrat social“ und ein System zu schaffen, die der Natur und Menschlichkeit nicht widersprechen und sie nicht vernichten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

In Zeiten wie diesen ist es mehr denn je entscheidend, dass die Menschen direkt in Kunsterfahrungen involviert und sogar Teil von Kunstwerken sind, dass sie nicht die Menschlichkeit verlernen und nicht die Fähigkeit, das Bedürfnis und die Lust zu denken, zu fühlen, zu hinterfragen und zu fantasieren verlieren.

Was liest Du derzeit?

Unter anderen:

Verschiedene Wörterbücher

Roland Barthes, „Le plaisir du texte“

Vladimir Sabourin, „Сънищата“

Charles Baudelaires, „Les Fleurs du Mal“

Giorgio Agamben, „Idea della prosa“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe einige aktuelle Beispiele aus meinen Serien „CDoupbles“ und „syllaBLEndings“ ausgewählt:

Vielen Dank für das Interview liebe Veronika, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Veronika Tzekova_Künstlerin

V e r o n i K A T Z E k o v a

Alle Fotos__Veronika Tzekova

4.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich denke, es ist eine gute Gelegenheit alte Muster über Bord zu werfen und sich neue anzueignen“ Patricia Brooks, Schriftstellerin _ Wien 11.1.2021

Liebe Patricia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf ist ähnlich jenem von früher was die Tagesarbeit betrifft. Ich sitze zuhause an meinem Schreibtisch und schreibe an meinen aktuellen literarischen Projekten. Neu hinzugekommen ist die Aufnahme und Herstellung von Videos für Streamings, was mir Spaß macht, auch wenn ich in Sachen Bild- und Tonschnitt noch viel lernen muss.

Ziemlich begrenzt ist hingegen die Abendgestaltung und das soziale Leben. Keine Lesungen, keine Veranstaltungen, kein Kulturleben und ein eingeschränktes Privateben. Aber ich freue mich drauf, wenn das wieder anders wird.

Patricia Brooks, Schriftstellerin_ Daniela Beranek

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht zu besorgt und nicht zu sorglos zu sein und darauf zu vertrauen, dass es wieder bessere Zeiten geben wird.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Eigentlich weiß ich das nicht genau. Aber ich denke, es ist eine gute Gelegenheit alte Muster über Bord zu werfen und sich neue anzueignen. Das betrifft Umweltpolitik, Flüchtlingspolitik, soziale Gerechtigkeit, etc.

Die Kunst wird dabei natürlich eine Rolle spielen – eine essentielle Rolle, weil die Kunst immer essentiell ist, um sowohl aktuelle Fragen der Zeit als auch die ewigen Fragen des Seins zu beleuchten, zu ergründen, zu hinterfragen, die Wahrnehmung zu schärfen und die Perspektiven zu erweitern.

Was liest Du derzeit?

Die Biographie über Maria Threresia von Barbara Stollberg-Rilinger und  The God of Small Things von Arundhati Roy

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Your mind will answer most questions if you learn to relax and wait for the answer

William S. Burroughs

Vielen Dank für das Interview liebe Patricia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Patricia Brooks, Schriftstellerin

Patricia Brooks – Home (marp.at)

Foto_Daniela Beranek

23.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„mensch kann etwas beitragen, mittragen, verändern, auf unterschiedlichste arten“ Marlene Hachmeister, Schriftstellerin_Wien 10.1.2021

Liebe Marlene, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

mein alltag unterscheidet sich nicht sonderlich von dem der „vor-corona-zeit“. was ich als positiv empfinde: ich kann nach meinem eigenen rhythmus leben und muss dabei den rhythmus der welt nicht wie sonst beachten. ich arbeite am besten nachts. da ist es von vorteil, wenn das aussen die ansprüche herunterschraubt.ich habe aber endlich begonnen schwedisch zu lernen. eine sprache, die mich schon länger fasziniert.

Marlene Hachmeister, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

humor.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

ich denke, wir sollten uns alle weniger als individuen (die wir ja trotzdem sind und bleiben) begreifen, mehr als ein teil eines grossen ganzen. mensch kann etwas beitragen, mittragen, verändern, auf unterschiedlichste arten.

kunst zeigt andere blickwinkel und eröffnet neue handlungsspielräume.

Was liest Du derzeit?

im moment lese ich ausschliesslich fachliteratur, für die recherche zu meinem neuen buchprojekt.

ganz oben auf dem stapel der bücher, die ich danach lesen werde, liegt  „FALLEN“ von paul auer, einem schriftsteller, den ich sehr schätze.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

(Hermann Hesse „Stufen“)

Vielen Dank für das Interview liebe Marlene, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marlene Hachmeister, Schriftstellerin

Foto_Markus Piribauer

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Menschen dürfen sich nicht ohnmächtig wähnen, das zerstört sie, macht sie zerstörbar“ Sandra Weihs, Schriftstellerin, Wien 10.1.2021

Liebe Sandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie vor Beginn der Pandemie. Ich habe einen systemrelevanten Job, das heißt, ich laufe von Wohnung zu Haus zu Wohnung und versuche als ambulant betreuende Sozialarbeiterin im Auftrag der Kinder und Jugendhilfe Gefährdungen in der Familie für Kinder zu entschärfen. Nun gut, ganz wie früher ist es nicht. Ich beobachte  Menschen, deren prekäre Situationen durch psychische oder sozioökonomische Probleme verschärft werden. Die Tagesstrukturen fehlen, somit werden Menschen anfälliger und kommen schwerer wieder aus Krisen heraus.

Meine Söhne tun mir leid – sie leiden sehr unter  der sozialen Isolation (der HTL Schüler verbrachte die letzten 3 Monate im homeschooling).

Und ans Schreiben ist nicht zu denken – nur aus Trotz, Angst, oder Wut, zur Beruhigung, und das werden zu Fatalismus neigende Texte – nichts Zumutbares, nichts Wahres.

Sandra Weihs, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Keine Politik und kein Virus und keine divergierenden Meinungen zwischen die Beziehungen kommen zu lassen. Was zählt, ist die Verbindung, nicht das Trennende. Wir brauchen eine Art generelle Akzeptanz, dass jeder anders mit Angst umgeht, wir aber im Grunde alle auf Angst zurückgeworfen sind und wir darüber reden müssen, um sie zu verarbeiten. Versteht man das, spricht man anders zu Mitmenschen, auch wenn sie gegenteiliger Meinung sind. Urteile, Beschuldigungen, Anzeigen, Herabwürdigungen und Demagogie sind nichts, was uns helfen würde.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich habe zurzeit eher das Gefühl, wir stehen kurz vor der Resignation. Am Anfang war der Wille zur Gestaltung spürbar – die Menschen sehnten sich nach gesellschaftlichem, fast an Utopie grenzenden Wandel – aber es bleibt, wie es war, und die Sprache der Politik kippt sogar ins dystopische. Die Menschen sind müde.

Was wir bräuchten, und das kann Literatur sehr gut, ist eine Vermeidung der Nabelschau, Metaperspektiven aus Erfahrungen aufzeigen. Ich würde mir außerdem wünschen, dass Literatur wieder Autonomie und Eigenverantwortung des Individuums herbeischreibt. Menschen dürfen sich nicht ohnmächtig wähnen, das zerstört sie, macht sie zerstörbar. Ich möchte keinesfalls, dass die Regierung ihren „Law and Order“ – Ton beibehält, den sie nicht erst seit der Pandemie pflegt, ich möchte ein Miteinander statt Gegeneinander und Zwang.

Was liest Du derzeit?

Den Covid Roman von Marlene Streeruwitz. Bulgakov, Meister und Margerita. Orlando von Virginia Woolf. Königin der Berge von Daniel Wisser.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Demnach ist allerdings das Dasein anzusehen als eine Art Verwirrung von welcher zurückkommen Erlösung ist … Als Zweck unseres Daseins ist in der Tat nichts anderes anzugeben als die Erkenntnis, daß wir besser nicht da wären. Dies aber ist die wichtigste aller Wahrheiten, die daher ausgesprochen werden muß; so sehr sie auch mit der heutigen europäischen Denkweise in Kontrast steht.“

(Arthur Schoppenhauer, die Welt als Wille und Vorstellung)

Vielen Dank für das Interview liebe Sandra, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich danke Ihnen!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sandra Weihs, Schriftstellerin

Sandra Weihs, Autorin von „Das grenzenlose Und“ – Home

Foto_privat.

3.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Und vielleicht sollte man auch aufhören, in diesem Wir zu sprechen“ Marie Gamillscheg, Schriftstellerin, Berlin _ 10.1.2021

Liebe Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Schreiben, Lesen, Boote schauen, Domino spielen, Schafe füttern, Telefonieren. Mehr Lesen noch. Das klingt alles sehr privilegiert und das ist es auch. Ich hab zurzeit ein Aufenthaltsstipendium auf dem Land. Hier habe ich es gut. Umso mehr versuche ich meine Kolleg*innen und Freund*innen zu unterstützen, sofern das möglich ist.

Marie Gamillscheg, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir damit aufhören uns gegenseitig ständig Verantwortung und Schuldigkeiten zuzuschieben und uns dennoch erlauben, laut zu sein und zu kritisieren. Und vielleicht sollte man auch aufhören, in diesem Wir zu sprechen (was ich ja bereits selbst tue) – und vielmehr anerkennen, dass jede*r gerade vor unterschiedlichen Problemen steht und mit diesen auch unterschiedlich umgeht. Was immer hilft: Sich zumindest für ein paar Lesestunden in andere Realitäten begeben, wenn die eigene einem nur Sorgen macht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Für mich die gleiche wie immer: Sie hilft mir einerseits mich in meiner Gegenwart zu verordnen und diese kritisch zu beobachten, andererseits schaut sie mit mir darüber hinaus, lässt mich in eine andere Welt eintauchen und schärft meine Sinne.

Aber die Kunst muss sich leider gerade erstmal ganz anderen Dingen widmen: Dass sie überhaupt passieren darf. Und das ist erschreckend.

Was liest Du derzeit?

James Baldwin „Nach der Flut das Feuer“, Simone Weil „Schwerkraft und Gnade“, Josef Winkler „Begib dich auf die Reise oder Drahtzieher der Sonnenstrahlen“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Er fragt, was mich nach Paris führe. Ich konnte nicht schlafen, sage ich.“

 (aus Gegen Morgen, Deniz Utlu)

Vielen Dank für das Interview liebe Marie viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marie Gamillscheg, Schriftstellerin

Foto_Leonie Hugendubel

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Theater braucht nun endlich einen richtigen Spiegel, der kein Antiquariat-Stück mehr ist“ Alexandru Weinberger-Bara, Regisseur_Wien 9.1.2021

Lieber Alexandru, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seitdem ich alle Projekte für letztes Jahr hinter mich gebracht habe, fühlt sich jeder Tag übertrieben monoton an.

Auf der anderen Seite arbeite ich jetzt in aller Ruhe an meinen Herzensprojekte weiter, forste endlich meine lange Leseliste durch und treffe gelegentlich die paar Menschen, die mir wichtig sind; und das ist sehr schön, trotz der Monotonie.

Alexandru Weinberger-Bara, Regisseur

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir diesen ungeheuerlichen beamtendeutschen Sprachgebrauch, der sich in diesem Jahr in das Gehirn jedes Einzelnen eingenistet hat, auf eine Liste niederschreiben und wenn alles vorbei ist, die Zettel auf einem Scheiterhaufen abfackeln.

Auf diese kollektive Katharsis freue ich mich schon.

Wir müssen noch zügig und beschlossen die letzten Kilometer dieses anstrengenden Marathons laufen: die Maßnahmen weiter mittragen (vor allem jetzt!) und sich brav impfen lassen, wenn es so weit ist. Nur so werden wir alle mit der Welt wieder normal interagieren können.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich glaube gerne daran, dass durch die gemeinsame Erfahrung, die keiner/keinem erspart geblieben ist, die Menschen tatsächlich ein Stück Empathie und Verständnis füreinander gewonnen haben. Ebenfalls diktiert mir mein Wunschdenken, dass wir alle mehr oder weniger gecheckt haben, dass es im Leben manchmal um wichtigere Dinge geht als nur Leistung, Profit und Besitz; dass wir aufeinander aufpassen müssen.

Systemrelevant gleicht nicht Menschrelevant

Wenn dies tatsächlich so ist, sollten wir mindestens die eine oder die andere Lehre daraus gezogen haben und die sogenannte post-pandemische Welt müsste es widerspiegeln; das Theater war immer gut darin, den Spiegel vor die Gesellschaft zu halten. Es braucht nun endlich einen richtigen Spiegel, der kein Antiquariat-Stück mehr ist.

Was liest Du derzeit?

Viel moderne brasilianische Dramatik; das letzte war „Alles nackte wird bestraft“ von Nelson Rodrigues.

Bei Prosa wäre „Warten auf Barbaren“ von J.M. Coetzee; gerade begonnen.

Und ab und zu Geschichtsbücher; jetzt ist „The Romanian Orthodox Church and The Holocaust“ von Ion Popa

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Chöre, die Aufmärsche und die obskure Symbolik, diese psychologische Besoffenheit, die sind die Bausteine jeglicher Diktatur. Heute lässt sich schwer ohne eine Uniform durch die Ideenwelt gehen. Der kritische Geist hat nie eine Uniform getragen. Er ist ein Zivil.

Mihail Sebastian aus „Wie ich ein Hooligan wurde“

Vielen Dank für das Interview lieber Alexandru, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Herzlichen Dank!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexandru Weinberger-Bara, Regisseur

Foto_Anna Brosch.

15.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Für mich ist die Kunst eine Kommunikationsschnittstelle nach draußen, aber auch nach drinnen“ Jaqueline Rauter, Regisseurin, Villach _9.1.2021

Liebe Jaqueline, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment arbeite ich an den Produktionsvorbereitungen für meinen neuen Kurzfilm „Armenia“, der – wenn die Umstände es zulassen – Mitte 2021 realisiert werden wird. Gemeinsam mit Leopold Fuchs und Rainer Fritz wollen wir ein dramaturgisch wie cinematographisch anspruchsvolles Projekt auf die Beine stellen. Ansonsten hat sich mein Tagesablauf nur geringfügig geändert, da ich entweder an meiner Dissertation oder als Texterin und Lektorin arbeite. Wenn meine Kinder Lockdown-bedingt zuhause sind, unterstützen mein Partner und ich uns gegenseitig, sodass wir beide unserer Arbeit nachkommen können, wenn auch reduziert. Was sich schon geändert hat, ist der geringe Kontakt nach draußen, die Kommunikation, das Netzwerken. Meiner ehrenamtlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als Lernhelferin komme ich in Lockdown-Zeiten online nach. Gerade sie brauchen den Kontakt nach draußen am allermeisten.

Jaqueline Rauter, Regisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mir fällt eine ganze Reihe von »Wichtigkeiten« ein, besonders in dieser Zeit: die Zuversicht nicht zu verlieren, sich trotz allem etwas vorzunehmen, nicht an allzu negative und unreflektierte Krisenszenarien anzudocken, und das Wichtigste überhaupt ist vielleicht: einfühlsam zu bleiben. Oder es zu werden. Sich das Gefühl zu bewahren, handlungsfähig zu sein, gestaltungsfähig. Ich erlebe immer wieder, dass viele Menschen sich hilflos fühlen, sie denken, es passiert etwas mit ihnen und sie können nichts dagegen tun. Vieles davon ist völlig verständlich, vieles davon rührt aber auch von einer Haltung, die vielleicht immer schon da war und durch andere noch verstärkt wird. Natürlich, es geht nicht allen gut, es geht aber auch nicht allen schlecht. In vielen Teilen der Welt ist die Lage noch einmal dramatischer. Ich denke, es ist und bleibt wichtig, auf sich zu schauen, aber auch auf andere. Und das meine ich nicht nur im Hinblick auf die physische Gesundheit. Menschen, die allein sind, Kinder, die in Familien aufwachsen, wo Gewalt an der Tagesordnung steht – diese Realität ist da, auch wenn sie nicht sichtbar ist, jetzt noch weniger. Darum kreisen meine Gedanken oft. Hinzuschauen, hinzufühlen – nicht nur mich selbst oder die eigene Familie in den Mittelpunkt zu stellen, dem Egozentrismus immer mal wieder die Stirn zu bieten. Das ist eine Haltung, mit der ich durchs Leben gehen will und die ich auch meinen Kindern vermittle.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film, der Kunst an sich zu?

Für die meisten von uns ist das, was wir gerade erleben, etwas völlig Neues. Etwas, das kaum eine/r vorhergesehen hat. Ein möglicher Aufbruch wäre, zu sehen, dass vieles nicht mehr so weitergehen kann, wie bisher, dass noch einmal genauer hingeschaut werden muss auf all die wichtigen Themen unserer Zeit. Wir kennen mittlerweile unseren sozioökologischen »point of no return«. Auch Pandemien haben  immer etwas mit dem Umgang von Mensch, Tier und Umwelt zu tun. Es gibt viele Diskussionen über unseren »Schutz«, aber wenige bis keine über die »Ursachen«, das vermisse ich. Ich denke, wir müssen uns noch mehr dem Thema Umweltschutz, aber vor allem auch dem Tierschutz widmen – und beides lässt sich ohne einen stärkeren sozialen Gedanken und gesellschaftlich notwendige Umwälzungen nicht denken.

Der Film – die Kunst – sie hat die Rolle, sich mit Themen zu befassen, die den Menschen beschäftigen, mit Gefühl und Intellekt anzureichern und ihm so zu servieren, dass er gar nicht anders kann, als hinzulangen. Für mich ist die Kunst eine Kommunikationsschnittstelle nach draußen, aber auch nach drinnen. Sie schafft es, Schwieriges und Dramatisches so zu verpacken, dass es dein tiefstes Inneres erreicht, dass du es schön findest, auch wenn es hässlich ist – und umgekehrt. Du merkst auf diese Art, alles ist ein Teil von dir und nichts, das ohne dich denkbar wäre. Was sie letztlich ausmacht, ist die Subversion. Kunst ist ein Widerspruch und der muss sie auch bleiben (dürfen).

Was liest Du derzeit?

»Abschiedsfarben« von Bernhard Schlink.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat von Kafka, das mich schon lange begleitet:

»Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur, aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid, das du vermeiden könntest.

Vielen Dank für das Interview liebe Jaqueline, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Filmprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jaqueline Rauter, Regisseurin

Foto_Anna del Alcazar

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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