„Theater braucht nun endlich einen richtigen Spiegel, der kein Antiquariat-Stück mehr ist“ Alexandru Weinberger-Bara, Regisseur_Wien 9.1.2021

Lieber Alexandru, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seitdem ich alle Projekte für letztes Jahr hinter mich gebracht habe, fühlt sich jeder Tag übertrieben monoton an.

Auf der anderen Seite arbeite ich jetzt in aller Ruhe an meinen Herzensprojekte weiter, forste endlich meine lange Leseliste durch und treffe gelegentlich die paar Menschen, die mir wichtig sind; und das ist sehr schön, trotz der Monotonie.

Alexandru Weinberger-Bara, Regisseur

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir diesen ungeheuerlichen beamtendeutschen Sprachgebrauch, der sich in diesem Jahr in das Gehirn jedes Einzelnen eingenistet hat, auf eine Liste niederschreiben und wenn alles vorbei ist, die Zettel auf einem Scheiterhaufen abfackeln.

Auf diese kollektive Katharsis freue ich mich schon.

Wir müssen noch zügig und beschlossen die letzten Kilometer dieses anstrengenden Marathons laufen: die Maßnahmen weiter mittragen (vor allem jetzt!) und sich brav impfen lassen, wenn es so weit ist. Nur so werden wir alle mit der Welt wieder normal interagieren können.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich glaube gerne daran, dass durch die gemeinsame Erfahrung, die keiner/keinem erspart geblieben ist, die Menschen tatsächlich ein Stück Empathie und Verständnis füreinander gewonnen haben. Ebenfalls diktiert mir mein Wunschdenken, dass wir alle mehr oder weniger gecheckt haben, dass es im Leben manchmal um wichtigere Dinge geht als nur Leistung, Profit und Besitz; dass wir aufeinander aufpassen müssen.

Systemrelevant gleicht nicht Menschrelevant

Wenn dies tatsächlich so ist, sollten wir mindestens die eine oder die andere Lehre daraus gezogen haben und die sogenannte post-pandemische Welt müsste es widerspiegeln; das Theater war immer gut darin, den Spiegel vor die Gesellschaft zu halten. Es braucht nun endlich einen richtigen Spiegel, der kein Antiquariat-Stück mehr ist.

Was liest Du derzeit?

Viel moderne brasilianische Dramatik; das letzte war „Alles nackte wird bestraft“ von Nelson Rodrigues.

Bei Prosa wäre „Warten auf Barbaren“ von J.M. Coetzee; gerade begonnen.

Und ab und zu Geschichtsbücher; jetzt ist „The Romanian Orthodox Church and The Holocaust“ von Ion Popa

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Chöre, die Aufmärsche und die obskure Symbolik, diese psychologische Besoffenheit, die sind die Bausteine jeglicher Diktatur. Heute lässt sich schwer ohne eine Uniform durch die Ideenwelt gehen. Der kritische Geist hat nie eine Uniform getragen. Er ist ein Zivil.

Mihail Sebastian aus „Wie ich ein Hooligan wurde“

Vielen Dank für das Interview lieber Alexandru, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Herzlichen Dank!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexandru Weinberger-Bara, Regisseur

Foto_Anna Brosch.

15.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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