„Für mich ist die Kunst eine Kommunikationsschnittstelle nach draußen, aber auch nach drinnen“ Jaqueline Rauter, Regisseurin, Villach _9.1.2021

Liebe Jaqueline, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment arbeite ich an den Produktionsvorbereitungen für meinen neuen Kurzfilm „Armenia“, der – wenn die Umstände es zulassen – Mitte 2021 realisiert werden wird. Gemeinsam mit Leopold Fuchs und Rainer Fritz wollen wir ein dramaturgisch wie cinematographisch anspruchsvolles Projekt auf die Beine stellen. Ansonsten hat sich mein Tagesablauf nur geringfügig geändert, da ich entweder an meiner Dissertation oder als Texterin und Lektorin arbeite. Wenn meine Kinder Lockdown-bedingt zuhause sind, unterstützen mein Partner und ich uns gegenseitig, sodass wir beide unserer Arbeit nachkommen können, wenn auch reduziert. Was sich schon geändert hat, ist der geringe Kontakt nach draußen, die Kommunikation, das Netzwerken. Meiner ehrenamtlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als Lernhelferin komme ich in Lockdown-Zeiten online nach. Gerade sie brauchen den Kontakt nach draußen am allermeisten.

Jaqueline Rauter, Regisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mir fällt eine ganze Reihe von »Wichtigkeiten« ein, besonders in dieser Zeit: die Zuversicht nicht zu verlieren, sich trotz allem etwas vorzunehmen, nicht an allzu negative und unreflektierte Krisenszenarien anzudocken, und das Wichtigste überhaupt ist vielleicht: einfühlsam zu bleiben. Oder es zu werden. Sich das Gefühl zu bewahren, handlungsfähig zu sein, gestaltungsfähig. Ich erlebe immer wieder, dass viele Menschen sich hilflos fühlen, sie denken, es passiert etwas mit ihnen und sie können nichts dagegen tun. Vieles davon ist völlig verständlich, vieles davon rührt aber auch von einer Haltung, die vielleicht immer schon da war und durch andere noch verstärkt wird. Natürlich, es geht nicht allen gut, es geht aber auch nicht allen schlecht. In vielen Teilen der Welt ist die Lage noch einmal dramatischer. Ich denke, es ist und bleibt wichtig, auf sich zu schauen, aber auch auf andere. Und das meine ich nicht nur im Hinblick auf die physische Gesundheit. Menschen, die allein sind, Kinder, die in Familien aufwachsen, wo Gewalt an der Tagesordnung steht – diese Realität ist da, auch wenn sie nicht sichtbar ist, jetzt noch weniger. Darum kreisen meine Gedanken oft. Hinzuschauen, hinzufühlen – nicht nur mich selbst oder die eigene Familie in den Mittelpunkt zu stellen, dem Egozentrismus immer mal wieder die Stirn zu bieten. Das ist eine Haltung, mit der ich durchs Leben gehen will und die ich auch meinen Kindern vermittle.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film, der Kunst an sich zu?

Für die meisten von uns ist das, was wir gerade erleben, etwas völlig Neues. Etwas, das kaum eine/r vorhergesehen hat. Ein möglicher Aufbruch wäre, zu sehen, dass vieles nicht mehr so weitergehen kann, wie bisher, dass noch einmal genauer hingeschaut werden muss auf all die wichtigen Themen unserer Zeit. Wir kennen mittlerweile unseren sozioökologischen »point of no return«. Auch Pandemien haben  immer etwas mit dem Umgang von Mensch, Tier und Umwelt zu tun. Es gibt viele Diskussionen über unseren »Schutz«, aber wenige bis keine über die »Ursachen«, das vermisse ich. Ich denke, wir müssen uns noch mehr dem Thema Umweltschutz, aber vor allem auch dem Tierschutz widmen – und beides lässt sich ohne einen stärkeren sozialen Gedanken und gesellschaftlich notwendige Umwälzungen nicht denken.

Der Film – die Kunst – sie hat die Rolle, sich mit Themen zu befassen, die den Menschen beschäftigen, mit Gefühl und Intellekt anzureichern und ihm so zu servieren, dass er gar nicht anders kann, als hinzulangen. Für mich ist die Kunst eine Kommunikationsschnittstelle nach draußen, aber auch nach drinnen. Sie schafft es, Schwieriges und Dramatisches so zu verpacken, dass es dein tiefstes Inneres erreicht, dass du es schön findest, auch wenn es hässlich ist – und umgekehrt. Du merkst auf diese Art, alles ist ein Teil von dir und nichts, das ohne dich denkbar wäre. Was sie letztlich ausmacht, ist die Subversion. Kunst ist ein Widerspruch und der muss sie auch bleiben (dürfen).

Was liest Du derzeit?

»Abschiedsfarben« von Bernhard Schlink.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat von Kafka, das mich schon lange begleitet:

»Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur, aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid, das du vermeiden könntest.

Vielen Dank für das Interview liebe Jaqueline, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Filmprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jaqueline Rauter, Regisseurin

Foto_Anna del Alcazar

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s