„Bachmann schrieb mit einer Zartheit, die schneidet, und mit einer Härte, die tröstet“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Markus Grundtner, Schriftsteller _ Wien 3.10.2026

Ingeborg Bachmann _ Markus Grundtner

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

im Interview _ Markus Grundtner, Schriftsteller _ Wien

Lieber Markus, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Meine ersten Zugänge fand ich während meiner Gymnasiumszeit, ganz klassisch zu ihren Gedichten. Ich suchte mir damals Lesestoffe mehr nach der Oberfläche, so hatte ich etwa ein Faible für Bachmanns Gedichte mit astronomischen und kosmologischen Motiven, etwa „Anrufung des großen Bären“, „An die Sonne“ oder „Sterne im März“. Gerade Bachmanns Lyrik offenbarte mir früh, dass Sprache nicht nur das Sichtbare beschreibt, sondern innere, politische und existentielle Räume öffnet. Ihr Werk war für mich eine Schule des Sichtbarmachens des Unsichtbaren.

Mit 15 oder 16 wurde ich auf den Ingeborg-Bachmann-Preis und die Tage der deutschsprachigen Literatur aufmerksam. Lange Zeit verband ich mit dem Namen Bachmann den Preis und die dazugehörige Veranstaltung. Durch die Jurybesprechungen, die immer wieder Parallelen zu Leben und Werk der Namensgeberin zogen, entdeckte ich auch ihre Prosa und ihre Biografie.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Bachmann schrieb mit einer Zartheit, die schneidet, und mit einer Härte, die tröstet. Ihre Sätze lesen sich, als wäre jedes Wort nach allen Ebenen hin geprüft worden, nach Wahrheit, Schmerz und Notwendigkeit.

Mich berührt besonders ihre Fähigkeit, innere Zustände als politische Zustände sichtbar zu machen. Sie zeigt, wie Sprache kaputt geht, wenn Menschen einander verletzen, und gleichzeitig wie Befreiung erst möglich wird, wenn man die zerstörerischen Muster erkennt, die in Geschichte, Gemeinsamkeit und Gesellschaft wirken. Diese Verbindung von poetischer Präzision und politischer Analyse macht ihr Werk bis heute unverwechselbar.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Zuerst einmal die Erzählungen der Sammlung „Das dreißigste Jahr“. Sie fußen auf dem Gedanken, dass es eine neue Welt braucht, es aber keine neue Welt ohne neue Sprache gibt. Gleichzeitig denkt Bachmann hier weiter, wozu es führen kann, wenn die Macht der Sprache missbraucht wird (oder sich verselbständigt). Diese Texte sind philosophische Versuchsanordnungen und intime Selbstbefragungen. Gleichzeitig abstrahieren sie Lebenserfahrungen, mit denen jeder Mensch zu ringen hat.

Außerdem möchte ich ihr letztes Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ hervorheben. Die Rahmenhandlung bildet ein Gerichtsprozess, in dem der titelgebende Gott sich rechtfertigt, absolute Liebe vernichtet zu haben, weil eine solche eine geordnete kapitalistische Gesellschaft in sich zusammenfallen lassen könnte. Der Text changiert zwischen Pathos, schrägen Momenten und schmerzhaften Passagen, die die patriarchale Struktur dieses absoluten Liebesverhältnisses entlarven.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Wie schon zu „Der gute Gott von Manhattan“ eben gesagt, ist diese Kritik erschreckend gegenwärtig. Bachmann beschreibt keine historischen Verhältnisse, sondern Strukturen: Macht, Sprachlosigkeit, Verdrängung und Gewalt im Privaten wie im Politischen. Vieles davon ist heute sichtbarer geworden, aber noch lange nicht überwunden. Ihre Kritik bleibt gültig, weil sie nicht moralisiert, sondern zeigt, wie Menschen einander beschädigen, und insbesondere, wie Sprache dabei als Waffe geführt wird.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in einer Vorlesung. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Mein Leben wäre bestimmt leichter, gäbe es nicht den Drang zu schreiben. Es ist ein Zustand erhöhter Wahrnehmung, der oft anstrengend ist, aber genauso oft befreiend. Bachmann beschreibt die Einsamkeit des Schreibens, aber auch seine Notwendigkeit: Ich muss etwas sagen, obwohl ich genausogut schweigen könnte, ja, es leichter wäre zu schweigen. Niemand zwingt einen dazu, außer man selbst. Und vielleicht ist das auch das Martyrium daran, denn vor einem selbst gibt es kein Entkommen.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich hätte sie gefragt, wie sie die Balance gehalten hat zwischen Verletzlichkeit und intellektueller Schärfe. Und vielleicht auch, wie sie die Kraft gefunden hat, trotz der Angriffe und Missverständnisse ihrer Zeit weiterzuschreiben. 

Gesagt hätte ich ihr, dass ihre Texte Menschen noch immer verändern.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich habe 2026 ein Kapitel für einen Gemeinschaftsroman geschrieben (mit anderen deutschsprachigen AutorInnen), der 2027 in Deutschland erscheinen soll. Im Herbst schreibe ich einen Beitrag für eine niederösterreichische Anthologie über das Industrieviertel, denn dort bin ich aufgewachsen. Außerdem stelle ich aktuell meinen dritten Roman fertig und notiere schon erste Gedanken zum vierten Buch.

Herzlichen Dank für das Interview!

Markus Grundtner, Schriftsteller

Zu Person/Werk _ Website: Markus Grundtner – Autor, Jurist und Ex-Journalist

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Markus Grundtner _ Walter Pobaschnig 9/24.

Walter Pobaschnig, 27.8.2026

https://literaturoutdoors.com

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