„Menschen dürfen sich nicht ohnmächtig wähnen, das zerstört sie, macht sie zerstörbar“ Sandra Weihs, Schriftstellerin, Wien 10.1.2021

Liebe Sandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie vor Beginn der Pandemie. Ich habe einen systemrelevanten Job, das heißt, ich laufe von Wohnung zu Haus zu Wohnung und versuche als ambulant betreuende Sozialarbeiterin im Auftrag der Kinder und Jugendhilfe Gefährdungen in der Familie für Kinder zu entschärfen. Nun gut, ganz wie früher ist es nicht. Ich beobachte  Menschen, deren prekäre Situationen durch psychische oder sozioökonomische Probleme verschärft werden. Die Tagesstrukturen fehlen, somit werden Menschen anfälliger und kommen schwerer wieder aus Krisen heraus.

Meine Söhne tun mir leid – sie leiden sehr unter  der sozialen Isolation (der HTL Schüler verbrachte die letzten 3 Monate im homeschooling).

Und ans Schreiben ist nicht zu denken – nur aus Trotz, Angst, oder Wut, zur Beruhigung, und das werden zu Fatalismus neigende Texte – nichts Zumutbares, nichts Wahres.

Sandra Weihs, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Keine Politik und kein Virus und keine divergierenden Meinungen zwischen die Beziehungen kommen zu lassen. Was zählt, ist die Verbindung, nicht das Trennende. Wir brauchen eine Art generelle Akzeptanz, dass jeder anders mit Angst umgeht, wir aber im Grunde alle auf Angst zurückgeworfen sind und wir darüber reden müssen, um sie zu verarbeiten. Versteht man das, spricht man anders zu Mitmenschen, auch wenn sie gegenteiliger Meinung sind. Urteile, Beschuldigungen, Anzeigen, Herabwürdigungen und Demagogie sind nichts, was uns helfen würde.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich habe zurzeit eher das Gefühl, wir stehen kurz vor der Resignation. Am Anfang war der Wille zur Gestaltung spürbar – die Menschen sehnten sich nach gesellschaftlichem, fast an Utopie grenzenden Wandel – aber es bleibt, wie es war, und die Sprache der Politik kippt sogar ins dystopische. Die Menschen sind müde.

Was wir bräuchten, und das kann Literatur sehr gut, ist eine Vermeidung der Nabelschau, Metaperspektiven aus Erfahrungen aufzeigen. Ich würde mir außerdem wünschen, dass Literatur wieder Autonomie und Eigenverantwortung des Individuums herbeischreibt. Menschen dürfen sich nicht ohnmächtig wähnen, das zerstört sie, macht sie zerstörbar. Ich möchte keinesfalls, dass die Regierung ihren „Law and Order“ – Ton beibehält, den sie nicht erst seit der Pandemie pflegt, ich möchte ein Miteinander statt Gegeneinander und Zwang.

Was liest Du derzeit?

Den Covid Roman von Marlene Streeruwitz. Bulgakov, Meister und Margerita. Orlando von Virginia Woolf. Königin der Berge von Daniel Wisser.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Demnach ist allerdings das Dasein anzusehen als eine Art Verwirrung von welcher zurückkommen Erlösung ist … Als Zweck unseres Daseins ist in der Tat nichts anderes anzugeben als die Erkenntnis, daß wir besser nicht da wären. Dies aber ist die wichtigste aller Wahrheiten, die daher ausgesprochen werden muß; so sehr sie auch mit der heutigen europäischen Denkweise in Kontrast steht.“

(Arthur Schoppenhauer, die Welt als Wille und Vorstellung)

Vielen Dank für das Interview liebe Sandra, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich danke Ihnen!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sandra Weihs, Schriftstellerin

Sandra Weihs, Autorin von „Das grenzenlose Und“ – Home

Foto_privat.

3.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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