„Und vielleicht sollte man auch aufhören, in diesem Wir zu sprechen“ Marie Gamillscheg, Schriftstellerin, Berlin _ 10.1.2021

Liebe Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Schreiben, Lesen, Boote schauen, Domino spielen, Schafe füttern, Telefonieren. Mehr Lesen noch. Das klingt alles sehr privilegiert und das ist es auch. Ich hab zurzeit ein Aufenthaltsstipendium auf dem Land. Hier habe ich es gut. Umso mehr versuche ich meine Kolleg*innen und Freund*innen zu unterstützen, sofern das möglich ist.

Marie Gamillscheg, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir damit aufhören uns gegenseitig ständig Verantwortung und Schuldigkeiten zuzuschieben und uns dennoch erlauben, laut zu sein und zu kritisieren. Und vielleicht sollte man auch aufhören, in diesem Wir zu sprechen (was ich ja bereits selbst tue) – und vielmehr anerkennen, dass jede*r gerade vor unterschiedlichen Problemen steht und mit diesen auch unterschiedlich umgeht. Was immer hilft: Sich zumindest für ein paar Lesestunden in andere Realitäten begeben, wenn die eigene einem nur Sorgen macht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Für mich die gleiche wie immer: Sie hilft mir einerseits mich in meiner Gegenwart zu verordnen und diese kritisch zu beobachten, andererseits schaut sie mit mir darüber hinaus, lässt mich in eine andere Welt eintauchen und schärft meine Sinne.

Aber die Kunst muss sich leider gerade erstmal ganz anderen Dingen widmen: Dass sie überhaupt passieren darf. Und das ist erschreckend.

Was liest Du derzeit?

James Baldwin „Nach der Flut das Feuer“, Simone Weil „Schwerkraft und Gnade“, Josef Winkler „Begib dich auf die Reise oder Drahtzieher der Sonnenstrahlen“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Er fragt, was mich nach Paris führe. Ich konnte nicht schlafen, sage ich.“

 (aus Gegen Morgen, Deniz Utlu)

Vielen Dank für das Interview liebe Marie viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marie Gamillscheg, Schriftstellerin

Foto_Leonie Hugendubel

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s