„Literatur und Kunst werden Fragen stellen, hoffentlich. Unangenehme Fragen. Und sie auch beantworten“ Svenja Gräfen, Schriftstellerin _ Leipzig _6.12.2020

Liebe Svenja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Allmählich merke ich doll, dass ich gar keinen Urlaub, keine Auszeit hatte dieses Jahr, und mich zum Schreiben und Erledigen von Dingen viel mehr motivieren muss als üblich. Aber ich gehe jeden Tag mit dem Hund raus, das hilft und gibt Struktur, und ich lese zum ersten Kaffee am Morgen erstmal ein paar Seiten. Physiotherapie ist gerade auch oft ein Tageshighlight. Ansonsten versuche ich mir nicht auch noch selbst zusätzlichen Stress zu machen. Wenn ich mal nicht alles auf meiner To Do-Liste abhake, so be it, ich darf dann trotzdem noch nett zu mir sein.

Sevenja Gräfen, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke es ist wichtig, dass wir uns selbst mit einer guten Portion Sanftheit und Verständnis zu begegnen versuchen. Die Situation zehrt an uns, wir vermissen Freund*innen und Familie, machen uns Sorgen, sind genervt — ja, verdammt, das alles sind sehr legitime Gefühle, die wir nicht verdrängen sollten. Stattdessen lieber drüber reden. Halt am Telefon oder auf Abstand beim Spazierengehen. Und auch drüber reden, was wir konkret tun können! Zum Beispiel, wenn möglich, Geld spenden für die Seenotrettung. Oder Freund*innen, Nachbar*innen fragen, wie und ob wir sie unterstützen können.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst generell werden verarbeiten, einordnen, reflektieren und dadurch Perspektivwechsel ermöglichen und für ein Gefühl des Verstandenwerdens sorgen. Sie werden Fragen stellen, hoffentlich. Unangenehme Fragen. Und sie auch beantworten. Können wir so weitermachen wie „vorher“? Nein, bitte nicht! Sie werden beruhigen und ablenken und Hoffnung geben vielleicht auch. Hoffentlich. Ich wünsche mir in jedem Fall mehr queere Perspektiven. Noch mehr Bücher von Menschen, die nicht weiß, cis und männlich sind.

Was liest Du derzeit?

Wie beinahe immer mehrere Bücher parallel. Gerade sind es in den letzten Zügen Mely Kiyaks „Frausein“, dann „Schreibtisch mit Aussicht“, herausgegeben von Ilka Piepgras, und endlich „All About Love“ von bell hooks.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Artists need to make art. Why? Because it’s a fundamental way you take care of yourself and process information and feelings and communicate and make sense of being alive. Your art matters because your life matters.“ (Beth Pickens)

Vielen Dank für das Interview liebe Svenja, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Svenja Gräfen, Schriftstellerin

www.svenjagraefen.de 

Foto_privat.

3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Rolle der Literatur, der Kunst ist es, ehrlich zu sein, das Entdeckte zu zeigen“ Julia Costa, Schriftstellerin _ Innsbruck 6.12.2020

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufwachen, das Geträumte rekapitulieren (wenn es sich nicht gleich verflüchtigt hat), aufstehen, dann je nach Tag: Texte überarbeiten, Mails beantworten, Briefe schreiben, Lieder proben, Lieder schreiben, herumräumen, Dinge ordnen, ausmisten, lesen, recherchieren (Momentan viel über Pflanzen für ein Langgedicht über Ankunft und Abschied), Briefe zur Post bringen, einkaufen, zwei Mal in der Woche Einkäufe zu meiner Oma bringen, kochen, essen, mit meinen Mitbewohnenden plaudern, zwischendurch aufstehen, dehnen, spazieren gehen, dann weiterarbeiten, so in etwa. Und viel telefonieren und Nachrichten in der Weltgeschichte herumschicken. Abends manchmal Radiosendungen hören und zeichnen. Nie fertig werden, es gibt so viel zu tun, die Welt ist so groß, es gibt so viel zu lernen, zu suchen, zu fragen, zu beschreiben. Irgendwann schlafen. So waren die letzten knapp drei Wochen, ab nächster Woche wird sich all das wieder auf die Nachmittage und Abende verschieben, arbeite vormittags in einer Schule.

Julia Costa, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für alle wichtig ist, weiß ich nicht, ich bin nicht sicher, ob es etwas gibt, das für alle gilt. Obwohl, beim Schreiben denk ich mir gerade, es gibt wohl schon Dinge, die für alle gelten. Es bräuchte allerdings viel Zeit und viel Raum, das zu umkreisen und umschreiben. Einfach und kurz gesagt, glaube ich, es sind dieselben Dinge besonders wichtig, wie immer. Sind im Wesentlichen überhaupt immer dieselben Dinge wichtig. Sich immer wieder zu fragen, was ist jetzt gerade in meinem Leben kostbar. Und diese kostbaren Menschen, Verbindungen, Tätigkeiten, Orte, Dinge und sich selbst in dem ganzen Gefüge drin so gut es geht wahrzunehmen und zu pflegen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das sind so große Fragen. Wie vorher schon geschrieben, denke ich, dass das Wesentliche, das wirklich Wichtige im Grunde immer dasselbe ist. Vermutlich kann aber jeder Mensch nur für sich selbst ergründen, was wesentlich ist. Für mich persönlich ist das Wesentliche zu versuchen, der Welt, die mich umgibt, den Menschen um mich, den Orten, an denen ich mich bewege, den Fragen, die sich in meinem Leben stellen, mit Wertschätzung und größtmöglicher Aufrichtigkeit zu begegnen. Und das gilt es immer aufs Neue zu lernen, immer weiter zu lernen, wir Menschen sind so gut darin, uns zu täuschen. Mich beschäftigen trotz Pandemie nach wie vor dieselben Fragen. Wie begegnen wir Menschen der Welt und uns gegenseitig, wie achten wir uns und das, was uns umgibt, wie tue ich das in meinem kleinen individuellen Leben, wie tue ich das in meiner Arbeit, meinen Liedern, meinem Schreiben. Ich muss aber dazu sagen, dass ich im Gegensatz zu vielen Kolleginnen und Kollegen das Glück habe, durch meine zusätzliche Arbeit in der Schule finanziell abgesichert zu sein und so, obwohl ich natürlich auch spüre, dass einiges wegbricht, dennoch nicht in existenzielle Schwierigkeiten zu kommen. Deshalb fällt es leicht, mich weiterhin mit denselben Fragen zu beschäftigen.

Ich glaube, die Rolle der Literatur, der Kunst ist es, sich die Dinge genau anzuschauen, sie schreibend (oder in anderer Weise) zu umkreisen, ehrlich zu sein, das Entdeckte zu zeigen, Fragen zu stellen, nicht unbedingt Antworten zu geben. Manchmal vielleicht auch das, aber mir zumindest geht es im Schreiben, in den Liedern nicht darum. In der aktuellen Situation glaube ich, dass es gut ist, Dinge zu denken, die es noch nicht oder nicht mehr gibt. Die Dinge, die wir nicht haben wollen, wie sie sind, anders zu denken, als sie sind. Durch die Beschreibung, das Zeichnen, das Darstellen, das Erzählen, das Abbilden, das Vertonen von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten verändert sich vielleicht auch in der Realität, was möglich ist und was nicht. Anzuschauen, wie es war, wie es ist und uns auszudenken, wie es sich entwickeln könnte, wie es sein könnte, damit es gut ist, gut wird, uns das auszumalen, immer wieder, im Kleinen und im Großen.

Was liest Du derzeit?

Die „Autobiografie mit fremder Feder“ über den Clown Dimitri von Hanspeter Gschwend. Die Beschäftigung mit Clownerie macht mir das Leben leichter und schöner und freier. Kann ich grundsätzlich sehr empfehlen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat, das ich in einer Dokumentation im SRF (Schweizer Radio und Fernsehen) einmal aufgeschnappt habe, es wurden Menschen mit einer Suchterkrankung porträtiert und jemand hat gesagt:

„Es zählt nicht, wo ich gewesen bin, es zählt, wohin ich gehe.“

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Herzlichen Dank für die Fragen!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Costa_Poetin, Musikerin

Poetin und Musikerin | Julia Costa (julia-costa.net)

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3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der Kulturbereich müsste es erst schaffen, das Eitelkeit, Egoismus, Überheblichkeit und berechnendes Verhalten fördernde Star- und Konkurrenzsystem zurückzufahren“ Felix Schiller, Schriftsteller _ Berlin 6.12.2020

Lieber Felix, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe (zum Glück) eine Festanstellung in Vollzeit, für die ich derzeit im Homeoffice arbeite. Also sehen meine Tage sehr gleichförmig aus: von etwa 10 bis 18 Uhr arbeiten, dann Joggen und/oder Einkaufen und Kochen, und ab 20 Uhr zurück an den Schreibtisch, um an freien Projekten oder meinen literarischen Texten zu arbeiten. Dann ab 0 Uhr lese ich noch ungefähr zwei Stunden. Am Wochenende Spazieren und Freunde treffen und nachholen, was ich in den verschiedenen Arbeitsbereichen unter der Woche nicht geschafft habe.

Felix Schiller, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

„Ich glaube nicht, dass es etwas gibt, was für uns alle gleichermaßen wichtig sein könnte. Jede*r braucht etwas anderes, für viele ist die Situation schwierig. Wichtig finde ich aber, auch das Glück zu sehen und nicht zu vergessen, wenn man es auch im Ausnahmezustand hat: einen Job, der nicht überlastet oder gefährdet, Kontakt zu Menschen, die gesund sind, ein Dach überm Kopf, Möglichkeiten, sich zu beschäftigen, physische und psychische Unversehrtheit. Das ist wichtig, Gesellschaft sollte alle dabei unterstützen, dies zu bekommen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir brauchen endlich wieder eine Ethik des Verzichts, eine positive Bewertung des Unterlassens, in der Coronakrise wie auch im Klimawandel, wenn man es sich leisten kann. Bartleby the Scrivener als vorbildliche Sozialfigur unserer Zeit. Vielleicht bietet die Pandemie ja eine Chance zum Einüben dieser Haltung, wir werden sie brauchen, denke ich.

Das meine ich aber nicht nur wirtschaftlich, sondern auch durchaus für den Bereich der Kultur. Alle überhitzten, sich immer weiter verdichtenden und dabei teils nach außen abschottenden Systeme sollten kühler werden, das heißt langsamer. Der kulturelle Output muss selbst nachhaltiger werden, Bücher länger präsentiert, Stücke länger auf den Spielplänen bleiben, die Tragödie der Kultur muss weniger tragisch werden. Literatur und Kunst sollten auch einen Blick entwickeln für die eigenen dromologischen Strukturen. Ich glaube, im Schaffen von solidarischeren und offeneren Sozialräumen könnte Literatur und Kunst am ehesten ihre Rolle finden, an Modellen für eine künftige Gesellschaft mitzuarbeiten, Trost, Lust, Zerstreuung und Konzentration zu spenden, Verarbeitungsmöglichkeiten und Reflektionsflächen bereitzustellen. Der Kulturbereich müsste es erst schaffen, das Eitelkeit, Egoismus, Überheblichkeit und berechnendes Verhalten fördernde Star- und Konkurrenzsystem zurückzufahren, zu starke Machtakkumulationen zu verhindern, modellhaft also bei sich selbst neu zu beginnen. Erst dann wird er glaubhaft als Teil der Gesellschaft an Aufbruch und Neubeginn mitwirken können. Trotzdem ist das Steuergeld natürlich in der Kultur immer besser aufgehoben als bei der Rettung von Tui.

Was liest Du derzeit?

Dorothee Elmiger: »Aus der Zuckerfabrik« (sehr langsam seit Ewigkeiten, damit es nicht aufhört)

Gedichte von Róža Domascyna, Franz Richard Behrens, Walter Buchebner und Lisa Goldschmidt

Vilém Flusser: »Gesten. Versuch einer Phänomenologie«

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The Poetry is in the pity“

Wilfred Owen

Vielen Dank für das Interview lieber Felix, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Felix Schiller, Schriftsteller

Foto_Renè Löffler

Felix Schiller wurde 1986 in Weissenburg in Bayern geboren und studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik in Freiburg, Basel, Wien und La Paz. Er arbeitete als Veranstalter, Kurator und Lektor u.a. für das Literaturhaus Stuttgart, das Literaturarchiv Marbach, das Haus für Poesie und das Literarische Colloquium Berlin. 2017 erschien bei hochroth München der Band regionale konflikte, der unter „Die besten Lyrikdebüts 2017“ gewählt wurde. 2018 schrieb er Texte für die Stückentwicklung mit Pflegeauszubildenden Silent Service (UA Theater Freiburg). Er war zweimaliger Finalist beim open mike und ist 2021 zum Lyrikpreis Meran eingeladen.

4.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Utopisch denken und in der Utopie an alle denken, nicht nur an die eigene Blase“ Ulrike Anna Bleier, Schriftstellerin – Köln_6.12.2020

Liebe Ulrike, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das frage ich mich ehrlich gesagt, auch. Was ist ein Ablauf? Ich war im Frühjahr melancholisch, aber diszipliniert und habe schnell in einen guten Arbeitsrhythmus gefunden habe. Jetzt im Herbst fällt mir alles sehr viel schwerer. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse hat ihren Reiz verloren. Ich vermisse das Unterwegs sein, Leute treffen, neue Eindrücke sammeln. Ich vermisse das Chaos, das ich ordnen muss.

Ulrike Ann Bleier, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wenn ich das wüsste. Vielleicht auszuhalten, dass es einen Bruch gegeben hat. Vielleicht auszuhalten, dass wir nicht wissen, was auf uns zukommt, dass wir aber eine Haltung dazu entwickeln können. Dass wir die Zeit nutzen können, um uns darüber klar zu werden, was jetzt wichtig ist und was in Zukunft wichtig sein wird. Solidarität zum Beispiel. Was ist das? Vielleicht weniger „die gute Tat“ vorzeigbar kultivieren, dafür mehr eine Haltung in einem politischen Sinne finden, die sich abseits von schönen Worten auch langfristig als glaubwürdig erweisen muss.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Mehr Skepsis gegenüber dem Markt entwickeln! Der Markt interessiert sich nicht für Literatur, er interessiert sich nur für den Verkauf von Literatur. Er ist uns kein gutes Gegenüber. Dieses Jahr hat das mehr als deutlich gezeigt. Stattdessen: mehr ausprobieren, mehr mit dem experimentieren, was ungesagt ist, was unentdeckt ist. Und vielleicht unverstanden und unentdeckt bleiben wird. Dabei nicht überheblich sein und nicht mit dem Unverstandensein kokettieren, sondern in Kontakt mit jede:r:m einzelne:n möglichen Leser:in bleiben. Utopisch denken und in der Utopie an alle denken, nicht nur an die eigene Blase.

Was liest Du derzeit?

„Die Biographie von Rot“von Anne Carson. „Garten, Baby“ von Christine Zureich.
Und eine Ausgabe der Literaturzeitschrift die horen über „Neue Literatur aus Quebec“.

Alle drei Lektüren kann ich wärmstens, wärmstens, wärmestens empfehlen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Aus zwei kauernden Klumpen Welt sprang das Wort hervor!“
(Anne Carson, Die Biographie von Rot)

Vielen Dank für das Interview liebe Ulrike, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Ulrike Anna Bleier, Schriftstellerin

About Ulrike Anna Bleier (bleier-online.de)

News (bleier-online.de)

Foto_privat.

3.12.2020 Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wenn dieser gemütlichen Selbstgefälligkeit nun eine echte Aufbruchsstimmung ins Gesicht bliese, wäre das vielleicht…“ Bernd Lüttgerding, Schriftsteller_Brüssel 6.12.2020

Lieber Bernd, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein jetziger Tagesablauf ist ähnlich wie in den Jahren davor: Ich stehe möglichst früh auf (und weil derzeit abends kein Besuch kommt, fühle ich mich frisch) und schreibe, esse, schlafe, schreibe, lese – und schlafe wieder. Mal gucken, wie lange das noch gut geht. Leider gehe ich, seit mehr Leute in der Umgebung spazieren gehen, selbst weniger. Und ich kaufe noch weniger gerne ein. (Dadurch gibt es mehr Kartoffeln aus der landwirtschaftlichen Nachbarschaft, das spart obendrein Geld.) Ein sonderlich begeisterter Kneipengänger war ich nie, aber seit einigen Monaten merke ich, wie der Gedanke an Kneipen, an Bier und Mischgetränke und Schnäpse, getrunken in Gesellschaft und im Gespräch, in mir gradezu obsessiv wird. Aber nun, auch das ist, wenn überhaupt, ein Luxusproblem.

Bernd Lüttgerding, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das weiß ich nicht. Derzeit gibt es ja wahrscheinlich kein solches Wir einer sich gemeinschaftlich identifizierenden Gesellschaft. Und ich glaube nicht, dass Covid ausrechen wird, so etwas herbeizubeschwören. – Alles, was jetzt für uns alle besonders wichtig wäre, wäre meiner Ansicht auch ohne Covid für uns alle besonders wichtig, nämlich dass wir alle finanziell über die Runden kommen, und dass wir uns den anstehenden, bzw sich schon anbahnenden Krisen (zB Klima, Wasser, Artensterben, um nur die global schwerwiegendsten zu nennen, also auch unserm zerstörerischen Wirtschaften usw.) widmen. – Und jedem Einzelnen wünsche ich das, was ich auch mir selbst wünsche: Unsicherheit aushalten, die Informationsflut meiden, wo sie unkonstruktiv ist, Ängste bewältigen… – Na ja, das Übliche. –

Andererseits, wer weiß, vielleicht brächte es etwas, wenn wir diese vage in der Luft hängende Aufbruchsstimmung schürten und versuchten, sie am Leben zu erhalten. Ende der 90er Jahre gab es diese schreckliche Fernsehwerbung: Mann und Frau auf einem Traumschiff. Er beugt sich zu ihr und fragt: „Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre das?“ Sie: „Alles soll so bleiben, wie es ist.“ Das wurde ja kultiviert und sollte als erstrebenswertes Lebensgefühl der träumenden Mittelklasse am Ende der Geschichte rübergebracht werden. Wenn dieser gemütlichen Selbstgefälligkeit nun eine echte Aufbruchsstimmung ins Gesicht bliese, wäre das vielleicht… – Nun, wir werden vermutlich sehen, was passieren wird.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur,  der Kunst an sich zu?

Da bin ich gespannt, ob wir wirklich vor einem Aufbruch stehen werden. Kunst und Literatur funktionieren ja sehr indirekt und entwickeln ihre größte Kraft, wenn ihnen von offizieller Seite keine sonderliche Rolle zukommt.

Was liest Du derzeit?

Peter Brown, „Through the Eye of a Needle. Wealth, the Fall of Rome and the Making of Christianity in the West“ – ein großartiges Buch, das mir langgestellte Fragen beantwortet.

Auf dem Nachttisch liegen im Moment Gedichte von Melanie Katz, Nora Bossong, Adrian Kasnitz, Patrick Wilden, Georg Leß und Ulrich Koch. Manchmal beunruhige ich mich auch mit einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In dem Roman „Das lahme Schicksal “ von den Brüdern Strugatzki sagt oder denkt der Held angesichts der sich grundlegend ändernden Welt (ich zitiere ungenau aus dem Gedächtnis): „Als ich die Zeichen der Zukunft an mir bemerkte, wie zog es mich da in die Vergangenheit zurück“ – Die Stelle finde ich sehr schön, weil sie in der Geschichte die mühselig errungene Einsicht einläutet, dass nichts je wieder so sein würde, wie es immer war.

Ich hab aber noch eins:

Ich bin so an Freiheit gewöhnt, daß mir der Ruf zum Mittagessen unangenehm ist, weil ich gehorchen muß. (Jean Paul)

Bernd Lüttgerding, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Bernd, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Bernd Lüttgerding, Schriftsteller

Bernd Lüttgerding (berndluettgerding.blogspot.com)

Foto_Marie-Françoise Plissart

3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Theater hat sich sehr schnell an die Gegebenheiten angepasst und alle notwendigen Vorkehrungen getroffen“ Iris Schmid, Schauspielerin _ Wien 6.12.2020

Liebe Iris, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Beginnen tut jeder Tag gleich: mit einer dreiviertel Stunde Yoga und anschließend einer Tasse (schwarzem) Kaffee. Ab dann nehme ich was kommt, arbeite an aktuellen und anstehenden Projekten, bastle Adventkalender und Weihnachtsgeschenke und lese viel.

Iris Schmid, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Kopf nicht hängen zu lassen. Die Situation zu akzeptieren und auch etwas Positives daraus zu schöpfen, z.B. dass wir nachweislich nachhaltiger leben und einkaufen seit März.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst an sich zu?

Das Theater hat sich sehr schnell an die Gegebenheiten angepasst und alle notwendigen Vorkehrungen getroffen, damit sich das Rad sicher weiterdrehen kann, wenn auch in einem anderen Tempo. Vielleicht lässt uns dieses gemäßigtere Tempo wieder mehr auf Qualität und weniger auf Quantität achten. Ich wünsche mir, dass wir die Chance der Entschleunigung im Theater nutzen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gern mehrere Bücher parallel. Ganz oben liegt im Moment: „Too much and never enough“ von Mary L. Trump und „Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

The show must go on!

Iris Schmid_Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Iris, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Iris Schmid, Schauspielerin

IRIS SCHMID_SCHAUSPIELERIN

Alle Fotos_Walter Pobaschnig_Hotel Regina_Wien 27.11.2020

3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Jeder Tag muss neu bedacht und arrangiert werden“ Simone Scharbert, Schriftstellerin _ Erftstadt/D_6.12.2020

Liebe Simone, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tagesablauf klingt nach Geschwindigkeit, nach einer steten Wiederholung. Gegenteiliges ist der Fall: Ich habe eher das Gefühl, dass gerade jeder Tag anders ist, alles immer wieder neu bedacht und arrangiert werden muss. Eine neue Langsamkeit in den Tagen steckt. Und dennoch stehe ich weiterhin früh auf, mache Kaffee, je nach Wochentag Frühstück und Pausenbrot für die Kinder, um dann festzustellen, dass sie vielleicht gar keinen Unterricht haben, später in die Schule gehen oder früher als gedacht wieder nach Hause kommen.

Um mich dann, je nach Wochentag, an den Schreibtisch zu setzen oder um ins Lädchen zu gehen (unser hiesiges Ehrenamtsprojekt), um zu lesen, oder, je nach Tag, im virtuellen Kosmos ins Uni-Seminar oder in Schreibwerkstätten zu tauchen, mit Lyrik im Gespräch zu sein, immer mal wieder einen Blick aus dem Fenster zu werfen, dem Himmel nachtasten, dann wieder zum Briefkasten zu gehen, den Briefkasten zu leeren, eine neue Postkarte für »A POSTCARD A DAY« zu machen, um zu telefonieren, mit den Kindern zu sein, wieder zu schreiben, kurzum: Um im Tag zu bleiben.

Simone Scharbert, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vielleicht: Sorgsamkeit. Die eigene Dünnhäutigkeit zeigen dürfen, die Dünnhäutigkeit der oder des Anderen zulassen. Räume öffnen: Für Gespräche, für Austausch, für gemeinsames Schweigen. Für Stille auch. Aufmerksamkeit. Gegenüber den Entwicklungen unserer eigenen Zeit, den kleinen, den großen Änderungen. Ruhepausen. Staunend (im Sinn von Wisława Szymborska), gerade jetzt in diesen seltsam-schwierigen Tagen, gegenüber der Welt bleiben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe sehr, dass das Gemeinsame im Vordergrund stehen wird. Vielmehr die Möglichkeit, gerade jetzt gemeinsam Neues auf den Weg zu bringen. Dem Musil‘schen Denken nach nicht nur einen Sinn für Wirklichkeit, sondern auch für Möglichkeiten zu entwickeln, zu fördern, so wie Robert Musil es im »Mann ohne Eigenschaften« zu Beginn so treffend beschreibt. Und für vermeintlich »unmögliche« Möglichkeiten und Utopien sind Literatur und Kunst ein wunderbarer Ort: Die Gelegenheit Neues auszuprobieren, gesellschaftliche Sollbruchstellen auszuloten und eventuelle Problemstellen auch zu spiegeln. Gleichzeitig kann die Literatur, die Kunst auch als Zufluchtsort, als Refugium in unsicheren Zeiten fungieren, in den Worten von Yoko Tawada: »… welche Heimat kann sicherer sein als die Literatur?«

Was liest Du derzeit?

Aktuell höre ich mit großer Freude »Kudos« von Rachel Cusk (gelesen von Sandra Hüller), lese den wunderbaren Miniaturen-Band »Tango ohne Argentinien« von Klaus Johannes Thies und immer noch, immer wieder diese die Zeit so sehr treffenden Theaterstücke »Wut« bzw. »Die Schutzbefohlenen« von Elfriede Jelinek.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Denken Sie nicht aus einem Grund, das ist gefährlich – denken Sie aus vielen Gründen.«

Ingeborg Bachmann (»Probleme zeitgenössischer Dichtung«, Frankfurter Vorlesungen)

Simone Scharbert, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Simone, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Simone Scharbert, Schriftstellerin

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29.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir werden Mittel und Wege finden um weiter zu existieren. Das haben wir schon immer“ Fabian Lenthe, Schriftsteller_Nürnberg 5.12.2020

Lieber Fabian, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Ich wache zwischen zwei und drei Uhr nachts auf, weil mich eine geheime Macht vom Schlafen abhält, oder weil ich nüchtern werde. Ich weiß nicht, was ein gesunder Schlafrhythmus ist, deshalb kenne ich jeden Fleck an meiner Decke persönlich. Gegen sechs Uhr fällt mir vielleicht ein Gedicht ein, oder ich sehe mir zum tausendsten Mal Apocalypse Now an, bis ich endlich wieder einschlafen kann. Spätestens um elf Uhr wache ich wieder auf, öffne die Kühlschranktür und schließe sie wieder enttäuscht. Das wiederholt sich drei- bis viermal, bis ich es schaffe das gesamte Pfand in einer riesigen Tasche zu meinem Lieblingsdiscounter zu bringen. Zum Frühstück gibt es Bohnen mit Speck und ein Helles, manchmal auch Heringshappen. Dazu höre ich Deutschlandfunk, oder lese Hesse, weil ich um diese Uhrzeit keine Musik ertrage. Danach mache ich ein Schläfchen und träume von einem besseren Leben. Um achtzehn Uhr werd ich meistens wieder wach, trinke ein paar Gläser Rotwein und rauche. Ab circa neunzehn Uhr beginne ich zu schreiben, bis ich währenddessen einschlafe. Dann beginnt alles von vorne.

Fabian Lenthe, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Jede*r sollte einen ausreichenden Vorrat an alkoholischen Getränken und anderen Genussmitteln zuhause haben. Unbedingt alle Rechnungen bezahlen, damit man es schön warm und kuschelig hat und man soviel lesen und oder Filme sehen kann, wie man will. Da ich keine Familie, Frau oder Kinder habe, kann ich zu allem anderen nichts sagen.

Vor einem Aufbruch und einem Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, Theater, Film, der Kunst an sich zu?

Der Mensch wird sich all dem anpassen, und somit auch die Kunst. Wir werden Mittel und Wege finden um weiter zu existieren. Das haben wir schon immer.

Was liest du derzeit?

Hesse, Houellebecq, Berg, Camus, Tucholsky

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

„Wir halten den Tod, die Armut und körperliche Schmerzen für unsre hauptsächlichsten Feinde. Wer weiß aber nicht, daß dieser Tod, den einige das Schrecklichste aller Schrecknisse nennen, von andern der einzige Hafen gegen die Stürme dieses Lebens, das höchste Gut der Natur, die einzige Stütze unsrer Freiheit, das allgemeine und schnelle Heilmittel gegen alle Übel genannt wird?“

(Michel de Montaigne)

Vielen Dank für das Interview lieber Fabian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Fabian Lenthe, Schriftsteller

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26.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der Rückzug ins Private, den die Pandemie erfordert, ist keine Lösung für unsere gesellschaftlichen Probleme“ Adrian Kasnitz, Schriftsteller _ Köln _ 5.12.2020

Lieber Adrian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin meist gut ausgeschlafen, wenn der Tag beginnt. Die Arbeit am Schreibtisch hat sich nicht viel verändert. Vielleicht, dass die Grundstimmung düsterer ist, auch in den Texten. Und dann fehlt das Gespräch, die Veranstaltungen, die zufällige Begegnung als Input fürs Schreiben. Das vermisse ich sehr. Nachmittags mache ich häufig einen Spaziergang durch den Park. Treffe manchmal auch schreitend Leute, die ich sonst zum Café getroffen hätte. Wenn es um 17 Uhr dunkel wird, könnte ich bereits einschlafen. Das ist der Grund, warum ich anderntags zeitig munter bin.

Adrian Kasnitz, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe bewahren. Gelassenheit üben. Bewegung suchen. Und dieses verlorene Jahr akzeptieren, denn wir werden nicht alles nachholen können.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

So sehr wir uns das auch wünschen, es wird kein Zurück in die Welt vor 2020 geben. Den Künsten kommt auch in dieser Zeit die Rolle zu, dass zu reflektieren, was da mit uns passiert. Wie sich Gesellschaft verändert, wie Reiche nochmals reicher werden. Wie Ausgeschlossene noch mehr weggedrängt werden. Wie unabhängige Strukturen zerbröseln. Wie Kontakte abreißen. Wie machtlos wir eigentlich sind. Der Rückzug ins Private, den die Pandemie erfordert, ist keine Lösung für unsere gesellschaftlichen Probleme. Da gibt es für Künstler*innen viel zu tun.

Was liest Du derzeit?

„Beyrouth 2020“ von Charif Majdalani, über den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruch des Libanon.

„Der Himmel“ von Nona Fernández. Kurzgeschichten aus Chile und Argentinien, die mir ein Freund geschenkt hat.

Und „Fast nichts“, Gedichte von Paul Bowles in der spannenden Übersetzung von Jonis Hartmann.  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Riffelglaskammern in denen wir leben

Unsere freiwilligen Kristallmuscheln“, von denen Paul Bowles spricht,

müssen wir unbedingt verlassen!

Vielen Dank für das Interview lieber Adrian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Adrian Kasnitz, Schriftsteller

Foto_privat.

4.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Was bleibt uns am Ende des Tages eigentlich übrig?“ Dan Shambicco_Schriftsteller_ Riehen/Schweiz_5.12.2020

Lieber Dan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Durch mein zweites Standbein hat sich mein Tagesablauf so gut wie nicht geändert. Jedoch fehlt mir in der momentanen Situation, besonders durch das Ausbleiben des normalerweise so lebendigen alltäglichen Geschehens, die Inspiration.

Denn Dichten und Schreiben ist für mich eine Art den Moment zu erfassen, sich schwerelos in ihm zu verlieren. Es sind jene wichtigen alltäglichen Momente, in denen die Funken von Kreativität und Inspiration in uns eindringen wollen. Jeder dieser Funken kann sich als ein Aufruf an unser Leben erweisen.

Zurzeit beschäftigen mich aber auch Fragen wie: Was bleibt uns am Ende des Tages eigentlich übrig? Und mit welchem Inhalt wollen wir unsere Lebenszeit füllen?

So dachte ich auch während des »Lockdowns« im Frühjahr, im Grünen bei etlichen Sonnenstunden, intensiv über Zeit, ihren unersetzlichen Wert und ihr Verfallsdatum nach. Aber auch über jene Zeit, welche sich durch kein Verfallsdatum auszeichnet. Dabei realisierte ich aufs Neue, wie schnelllebig unser Dasein doch ist, wie häufig ich abgelenkt bin und mit einem Auge oft bereits ins »Dort und Dann« blicke. Wie oft wir in unserer Eile das eigentliche Geschenk der Zeit übersehen.

Aber ich bleibe zuversichtlich: Das kostbare an den bisweilen hoffnungslos erscheinenden Situationen ist immer die gegebene Chance, dass gerade jene Zeiten uns dazu dienen können, unsere Wurzeln für die wesentlichen Dinge des Lebens zu vertiefen. Dazu gehört auch ein viel bewussterer Umgang mit der Zeit.

Dan Shambicco, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Uns letzten Endes im Hinblick auf die gegenwärtige Situation mit folgenden wertvollen Gedanken auseinanderzusetzen: Was wollen wir überhaupt nach der Krise mit unserer persönlichen Freiheit anstellen? Was für ein Leben wollen wir eigentlich danach führen, noch dasselbe? Und wohin wird uns die Zeit tragen, wenn wir wieder damit beginnen, uns ihr zu widmen?  Wir werden zum Nachdenken aufgefordert.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Krisensituationen stellen uns schonungslos vor große Herausforderungen, können uns aber gleichzeitig dabei helfen, den Blick zu klären, indem sie unabweisbar jene immateriellen Werte in den Fokus rücken, die bedeutsam sind. Wie etwa den unersetzbaren Wert einer Freundschaft, unserer persönlichen Freiheit und Gesundheit. Aber auch das Glück zu arbeiten, einer würdevollen Beschäftigung nachgehen zu können. 

Diese fundamentalen Werte müssen wir vor einem Aufbruch und Neubeginn noch mehr verinnerlichen. Die Literatur- und Kunstszene kann dabei als wertvoller Vermittler agieren und somit jene Werte den Menschen noch näher bringen. Letzten Endes bleibt die Literatur und Kunst unersetzbar.

Was liest Du derzeit?

„Zehn sehr böse Geschichten“ von Alfonso Pecorelli.

Der Autor nimmt seine Leser mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Unterhaltsam, und mit diesem Etwas, das süchtig macht.  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Im Hinblick auf das Jahr 2021:

»Jedes Kind weiß, was der Frühling spricht. Lebe, wachse, blühe, hoffe, liebe, freue dich und treibe neue Triebe. Gib dich hin und fürchte das Leben nicht!«

Hermann Hesse

Vielen Dank für das Interview lieber Dan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dan Shambicco, Schriftsteller

Gedenkstätte Riehen | Riehen | Dan Shambicco (dan-shambicco.com)

Foto_Lukas Leuenberger

29.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com