
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Eva Christina Zeller, Autorin und Germanistin _ Tübingen
Liebe Eva Christina, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich habe im Jahr 1986 eine Magisterarbeit über Ingeborg Bachmanns „Der Fall Franza“ geschrieben, die im Verlag Fritz Lang auch veröffentlicht wurde. Walter Jens, der Ingeborg Bachmann kannte, hat diese Arbeit betreut. Sie uferte fast zu einer Doktorarbeit aus, vom Umfang und auch der Fragestellung her, weil ich als Erste mit den Fragmenten zum „Fall Franza“ gearbeitet habe. Ich habe 18 Monate recherchiert und geschrieben, bin in Archive gegangen und habe dort z.B. herausgefunden, dass I.B. bei Fall Franza zuerst in Ich-Form geschrieben hat und später dann in eine personale Perspektive gewechselt ist. Das wurde für mein eigenes Romanschreiben später wichtig. Ich bin also bei der toten I.B. in die Autorinnen-Schreibschule gegangen, wie zuvor bei Walter Jens in die Tübinger Schreibschule. Über I.Bachmanns Prosa zu schreiben war damals noch neu und Neuland. Walter Jens kannte nur die Dichterin I.Bachmann.
Außerdem habe ich ihr Zitat vom „Umzug im Kopf“ beim Wechsel von der Lyrik zur Prosa auch wörtlich genommen. Nach acht Gedichtbänden habe ich jetzt drei romanartige Bücher veröffentlicht. Auch, weil ich Liebe und Beziehungen in ihrer gesellschaftliche Realität nicht in der Lyrik ausdrücken konnte.
Zum Wechsel der Perspektiven: Die personale Perspektive (Franza) verschaffte Autorin wie Leserin mehr Abstand zum Geschehen. Mehr Verweisungskraft vielleicht. Viele Autorinnen seit I.Bachmann haben sich genau über die Perspektive und den Abstand Gedanken gemacht. Ich habe in UNTERM TEPPICH verschiedene Perspektiven gemischt. (Ich, Sie, das Mädchen, die Frau etc.) Seit Rimbaud wissen wir: Ich ist ein Anderer. Julia Schoch sagte: Ich habe eine Figur erfunden mit Namen Ich.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Das Suchende, Tastende, das enorme Formbewusstsein, dass sie wirklich auch in der Vertikalen Neuland betreten hat, nicht nur in der Horizontalen, wie sie selbst schreibt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Gerne den Todesarten- Zyklus. Neuland eben.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Er fängt nicht an mit den ersten Bomben, die geworfen werden, […] er fängt an in Beziehungen zwischen Menschen. Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau.
Liebe Ingeborg, wie siehst du das heute? Würde mich so gerne mit dir darüber austauschen. Ich habe symbolisch gesprochen von dir den Stab übernommen. In ALTE LIEBEN, das gerade erschien, habe ich vier Männer, ehemalige Liebhaber, interviewt. Mir war es wichtig, nicht nur über sie zu schreiben, sondern sie selbst zu Wort kommen lassen. Können wir das Toxische und den Faschismus in unseren Beziehungen heute überwinden? Daran arbeite und liebe ich.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich habe gerade eine Art Roman Trilogie veröffentlicht. 2022 kam UNTERM TEPPICH heraus, 2024 MUTTERSUCHEN und ganz aktuell ALTE LIEBEN (2026, alle Kröner Verlag, Stuttgart) Auch im Todesarten Zyklus gehören die Romane zusammen.
Meine Romane wachsen aus einer gemeinsamen Quelle, beleuchten andere Aspekte eines Themas. Wie soll ich das Thema nennen? Es geht um Scham und Schuld, weibliches Aufwachsen und entsprechende Rollen in der gesellschaftlichen Realität. Das Verhältnis von Mann und Frau. Liebe und Erinnerung.
Dieses Projekt wird hoffentlich auch eine Fortsetzung finden, im Moment ist der Horizont noch offen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Es gibt in der Kunst keinen Fortschritt in der Horizontale, sondern nur das immer neue Aufreißen einer Vertikale.
(Frankfurter Vorlesungen)
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person _ http://eva-christina-zeller.de/
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Eva Christina Zeller _ Wolfgang Irg
Walter Pobaschnig, 21.7.26