„Wenn dieser gemütlichen Selbstgefälligkeit nun eine echte Aufbruchsstimmung ins Gesicht bliese, wäre das vielleicht…“ Bernd Lüttgerding, Schriftsteller_Brüssel 6.12.2020

Lieber Bernd, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein jetziger Tagesablauf ist ähnlich wie in den Jahren davor: Ich stehe möglichst früh auf (und weil derzeit abends kein Besuch kommt, fühle ich mich frisch) und schreibe, esse, schlafe, schreibe, lese – und schlafe wieder. Mal gucken, wie lange das noch gut geht. Leider gehe ich, seit mehr Leute in der Umgebung spazieren gehen, selbst weniger. Und ich kaufe noch weniger gerne ein. (Dadurch gibt es mehr Kartoffeln aus der landwirtschaftlichen Nachbarschaft, das spart obendrein Geld.) Ein sonderlich begeisterter Kneipengänger war ich nie, aber seit einigen Monaten merke ich, wie der Gedanke an Kneipen, an Bier und Mischgetränke und Schnäpse, getrunken in Gesellschaft und im Gespräch, in mir gradezu obsessiv wird. Aber nun, auch das ist, wenn überhaupt, ein Luxusproblem.

Bernd Lüttgerding, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das weiß ich nicht. Derzeit gibt es ja wahrscheinlich kein solches Wir einer sich gemeinschaftlich identifizierenden Gesellschaft. Und ich glaube nicht, dass Covid ausrechen wird, so etwas herbeizubeschwören. – Alles, was jetzt für uns alle besonders wichtig wäre, wäre meiner Ansicht auch ohne Covid für uns alle besonders wichtig, nämlich dass wir alle finanziell über die Runden kommen, und dass wir uns den anstehenden, bzw sich schon anbahnenden Krisen (zB Klima, Wasser, Artensterben, um nur die global schwerwiegendsten zu nennen, also auch unserm zerstörerischen Wirtschaften usw.) widmen. – Und jedem Einzelnen wünsche ich das, was ich auch mir selbst wünsche: Unsicherheit aushalten, die Informationsflut meiden, wo sie unkonstruktiv ist, Ängste bewältigen… – Na ja, das Übliche. –

Andererseits, wer weiß, vielleicht brächte es etwas, wenn wir diese vage in der Luft hängende Aufbruchsstimmung schürten und versuchten, sie am Leben zu erhalten. Ende der 90er Jahre gab es diese schreckliche Fernsehwerbung: Mann und Frau auf einem Traumschiff. Er beugt sich zu ihr und fragt: „Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre das?“ Sie: „Alles soll so bleiben, wie es ist.“ Das wurde ja kultiviert und sollte als erstrebenswertes Lebensgefühl der träumenden Mittelklasse am Ende der Geschichte rübergebracht werden. Wenn dieser gemütlichen Selbstgefälligkeit nun eine echte Aufbruchsstimmung ins Gesicht bliese, wäre das vielleicht… – Nun, wir werden vermutlich sehen, was passieren wird.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur,  der Kunst an sich zu?

Da bin ich gespannt, ob wir wirklich vor einem Aufbruch stehen werden. Kunst und Literatur funktionieren ja sehr indirekt und entwickeln ihre größte Kraft, wenn ihnen von offizieller Seite keine sonderliche Rolle zukommt.

Was liest Du derzeit?

Peter Brown, „Through the Eye of a Needle. Wealth, the Fall of Rome and the Making of Christianity in the West“ – ein großartiges Buch, das mir langgestellte Fragen beantwortet.

Auf dem Nachttisch liegen im Moment Gedichte von Melanie Katz, Nora Bossong, Adrian Kasnitz, Patrick Wilden, Georg Leß und Ulrich Koch. Manchmal beunruhige ich mich auch mit einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In dem Roman „Das lahme Schicksal “ von den Brüdern Strugatzki sagt oder denkt der Held angesichts der sich grundlegend ändernden Welt (ich zitiere ungenau aus dem Gedächtnis): „Als ich die Zeichen der Zukunft an mir bemerkte, wie zog es mich da in die Vergangenheit zurück“ – Die Stelle finde ich sehr schön, weil sie in der Geschichte die mühselig errungene Einsicht einläutet, dass nichts je wieder so sein würde, wie es immer war.

Ich hab aber noch eins:

Ich bin so an Freiheit gewöhnt, daß mir der Ruf zum Mittagessen unangenehm ist, weil ich gehorchen muß. (Jean Paul)

Bernd Lüttgerding, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Bernd, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Bernd Lüttgerding, Schriftsteller

Bernd Lüttgerding (berndluettgerding.blogspot.com)

Foto_Marie-Françoise Plissart

3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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