„Der Kulturbereich müsste es erst schaffen, das Eitelkeit, Egoismus, Überheblichkeit und berechnendes Verhalten fördernde Star- und Konkurrenzsystem zurückzufahren“ Felix Schiller, Schriftsteller _ Berlin 6.12.2020

Lieber Felix, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe (zum Glück) eine Festanstellung in Vollzeit, für die ich derzeit im Homeoffice arbeite. Also sehen meine Tage sehr gleichförmig aus: von etwa 10 bis 18 Uhr arbeiten, dann Joggen und/oder Einkaufen und Kochen, und ab 20 Uhr zurück an den Schreibtisch, um an freien Projekten oder meinen literarischen Texten zu arbeiten. Dann ab 0 Uhr lese ich noch ungefähr zwei Stunden. Am Wochenende Spazieren und Freunde treffen und nachholen, was ich in den verschiedenen Arbeitsbereichen unter der Woche nicht geschafft habe.

Felix Schiller, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

„Ich glaube nicht, dass es etwas gibt, was für uns alle gleichermaßen wichtig sein könnte. Jede*r braucht etwas anderes, für viele ist die Situation schwierig. Wichtig finde ich aber, auch das Glück zu sehen und nicht zu vergessen, wenn man es auch im Ausnahmezustand hat: einen Job, der nicht überlastet oder gefährdet, Kontakt zu Menschen, die gesund sind, ein Dach überm Kopf, Möglichkeiten, sich zu beschäftigen, physische und psychische Unversehrtheit. Das ist wichtig, Gesellschaft sollte alle dabei unterstützen, dies zu bekommen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir brauchen endlich wieder eine Ethik des Verzichts, eine positive Bewertung des Unterlassens, in der Coronakrise wie auch im Klimawandel, wenn man es sich leisten kann. Bartleby the Scrivener als vorbildliche Sozialfigur unserer Zeit. Vielleicht bietet die Pandemie ja eine Chance zum Einüben dieser Haltung, wir werden sie brauchen, denke ich.

Das meine ich aber nicht nur wirtschaftlich, sondern auch durchaus für den Bereich der Kultur. Alle überhitzten, sich immer weiter verdichtenden und dabei teils nach außen abschottenden Systeme sollten kühler werden, das heißt langsamer. Der kulturelle Output muss selbst nachhaltiger werden, Bücher länger präsentiert, Stücke länger auf den Spielplänen bleiben, die Tragödie der Kultur muss weniger tragisch werden. Literatur und Kunst sollten auch einen Blick entwickeln für die eigenen dromologischen Strukturen. Ich glaube, im Schaffen von solidarischeren und offeneren Sozialräumen könnte Literatur und Kunst am ehesten ihre Rolle finden, an Modellen für eine künftige Gesellschaft mitzuarbeiten, Trost, Lust, Zerstreuung und Konzentration zu spenden, Verarbeitungsmöglichkeiten und Reflektionsflächen bereitzustellen. Der Kulturbereich müsste es erst schaffen, das Eitelkeit, Egoismus, Überheblichkeit und berechnendes Verhalten fördernde Star- und Konkurrenzsystem zurückzufahren, zu starke Machtakkumulationen zu verhindern, modellhaft also bei sich selbst neu zu beginnen. Erst dann wird er glaubhaft als Teil der Gesellschaft an Aufbruch und Neubeginn mitwirken können. Trotzdem ist das Steuergeld natürlich in der Kultur immer besser aufgehoben als bei der Rettung von Tui.

Was liest Du derzeit?

Dorothee Elmiger: »Aus der Zuckerfabrik« (sehr langsam seit Ewigkeiten, damit es nicht aufhört)

Gedichte von Róža Domascyna, Franz Richard Behrens, Walter Buchebner und Lisa Goldschmidt

Vilém Flusser: »Gesten. Versuch einer Phänomenologie«

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The Poetry is in the pity“

Wilfred Owen

Vielen Dank für das Interview lieber Felix, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Felix Schiller, Schriftsteller

Foto_Renè Löffler

Felix Schiller wurde 1986 in Weissenburg in Bayern geboren und studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik in Freiburg, Basel, Wien und La Paz. Er arbeitete als Veranstalter, Kurator und Lektor u.a. für das Literaturhaus Stuttgart, das Literaturarchiv Marbach, das Haus für Poesie und das Literarische Colloquium Berlin. 2017 erschien bei hochroth München der Band regionale konflikte, der unter „Die besten Lyrikdebüts 2017“ gewählt wurde. 2018 schrieb er Texte für die Stückentwicklung mit Pflegeauszubildenden Silent Service (UA Theater Freiburg). Er war zweimaliger Finalist beim open mike und ist 2021 zum Lyrikpreis Meran eingeladen.

4.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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