„Jeder Tag muss neu bedacht und arrangiert werden“ Simone Scharbert, Schriftstellerin _ Erftstadt/D_6.12.2020

Liebe Simone, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tagesablauf klingt nach Geschwindigkeit, nach einer steten Wiederholung. Gegenteiliges ist der Fall: Ich habe eher das Gefühl, dass gerade jeder Tag anders ist, alles immer wieder neu bedacht und arrangiert werden muss. Eine neue Langsamkeit in den Tagen steckt. Und dennoch stehe ich weiterhin früh auf, mache Kaffee, je nach Wochentag Frühstück und Pausenbrot für die Kinder, um dann festzustellen, dass sie vielleicht gar keinen Unterricht haben, später in die Schule gehen oder früher als gedacht wieder nach Hause kommen.

Um mich dann, je nach Wochentag, an den Schreibtisch zu setzen oder um ins Lädchen zu gehen (unser hiesiges Ehrenamtsprojekt), um zu lesen, oder, je nach Tag, im virtuellen Kosmos ins Uni-Seminar oder in Schreibwerkstätten zu tauchen, mit Lyrik im Gespräch zu sein, immer mal wieder einen Blick aus dem Fenster zu werfen, dem Himmel nachtasten, dann wieder zum Briefkasten zu gehen, den Briefkasten zu leeren, eine neue Postkarte für »A POSTCARD A DAY« zu machen, um zu telefonieren, mit den Kindern zu sein, wieder zu schreiben, kurzum: Um im Tag zu bleiben.

Simone Scharbert, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vielleicht: Sorgsamkeit. Die eigene Dünnhäutigkeit zeigen dürfen, die Dünnhäutigkeit der oder des Anderen zulassen. Räume öffnen: Für Gespräche, für Austausch, für gemeinsames Schweigen. Für Stille auch. Aufmerksamkeit. Gegenüber den Entwicklungen unserer eigenen Zeit, den kleinen, den großen Änderungen. Ruhepausen. Staunend (im Sinn von Wisława Szymborska), gerade jetzt in diesen seltsam-schwierigen Tagen, gegenüber der Welt bleiben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe sehr, dass das Gemeinsame im Vordergrund stehen wird. Vielmehr die Möglichkeit, gerade jetzt gemeinsam Neues auf den Weg zu bringen. Dem Musil‘schen Denken nach nicht nur einen Sinn für Wirklichkeit, sondern auch für Möglichkeiten zu entwickeln, zu fördern, so wie Robert Musil es im »Mann ohne Eigenschaften« zu Beginn so treffend beschreibt. Und für vermeintlich »unmögliche« Möglichkeiten und Utopien sind Literatur und Kunst ein wunderbarer Ort: Die Gelegenheit Neues auszuprobieren, gesellschaftliche Sollbruchstellen auszuloten und eventuelle Problemstellen auch zu spiegeln. Gleichzeitig kann die Literatur, die Kunst auch als Zufluchtsort, als Refugium in unsicheren Zeiten fungieren, in den Worten von Yoko Tawada: »… welche Heimat kann sicherer sein als die Literatur?«

Was liest Du derzeit?

Aktuell höre ich mit großer Freude »Kudos« von Rachel Cusk (gelesen von Sandra Hüller), lese den wunderbaren Miniaturen-Band »Tango ohne Argentinien« von Klaus Johannes Thies und immer noch, immer wieder diese die Zeit so sehr treffenden Theaterstücke »Wut« bzw. »Die Schutzbefohlenen« von Elfriede Jelinek.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Denken Sie nicht aus einem Grund, das ist gefährlich – denken Sie aus vielen Gründen.«

Ingeborg Bachmann (»Probleme zeitgenössischer Dichtung«, Frankfurter Vorlesungen)

Simone Scharbert, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Simone, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Simone Scharbert, Schriftstellerin

Fotos_privat

29.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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