„Es wird wesentlich sein, sich in Bildungsdebatten für Theater, Literatur, Musik und bildende Künste stark zu machen“ Barbara Graber, Autorin _ Klagenfurt 7.12.2020

Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach der Morgenroutine mit etwas Bewegung auf der Yogamatte und viel Tee, ist bei mir meistens Onlinezeit bis es dämmert. Wochentags arbeite ich stundenlang am Computer und in meinem Hauptberuf als Lehrende verlangt dies viel von uns allen ab: die Online Präsenzen sind anstrengender und die Aufbereitung der Inhalte aufwändiger. Dazu kommt der nicht unerhebliche Anteil an Zeitaufwand für digital-persönliche Unterstützung von Menschen, die sehr unter der Last des „neuen“ Alltags leiden.

Danach muss ich an die Luft und nehme mir da Zeit, weit und viel zu gehen, wenn das nicht schon zum Sonnenaufgang geschehen oder durch eine Laufrunde abgedeckt ist. 8-10 km kommen da schon zusammen – immer mit Bleistift und Notizheft in der Manteltasche. Manchmal mit einem Podcast im Ohr oder einem guten Hörbuch. Meistens aber in Stille – soweit meine inneren Monologe das erlauben 😊. Am Wochenende zieh ich mich ins Atelier zurück, nachdem ich idealerweise einem Berggipfel in der Umgebung meinen Besuch abgestattet habe.

Zum Tagesausklang ist als Fixpunkt meist eine Stunde schreiben angesagt.

Barbara Graber_Autorin, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube es geht nichts über die drei Sichten: Vorsicht, Einsicht und Zuversicht.
Trotzige „Jetzt erst recht Poltereien“ machen die Lage nicht besser. Geduld hilft. Und den Blick auf das zu richten, was trotz alledem noch immer gut ist. Außerdem habe ich gelernt, zu hinterfragen, wozu unangenehme Situationen eine Möglichkeit sein könnten. Für viele von uns ist es eine, uns mit uns selbst zu beschäftigen – dem sollten wir uns stellen, auch wenn‘s nicht immer angenehm ist, die eigenen – auch dunkleren – Seiten auszuloten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur – Worte im Allgemeinen – geht mir sehr zu Herzen, und ist Seelennahrung. Sprache als Ausdrucksform des menschlichen Denkens berührt mich im tiefsten Inneren, daher wollte ich nie darauf verzichten. Mir fehlen Gespräche, Kontakte und analoger Austausch.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Menschen erst jetzt, da keine Kulturveranstaltungen stattfinden dürfen, erkennen, wie wichtig sie sind für den Herzschlag einer Gesellschaft. Kultur ist ein wichtiges Referenzsystem für uns Menschen an dem wir uns aufrichten, messen, an dem wir wachsen und in dem wir uns spiegeln.
Es ist still ohne Kultur. Und traurig. Und hier ist es ebenso wie in allen anderen zwischenmenschlich geprägten Bereichen: digitale Angebote können eine Überbrückung sein, niemals aber Ersatz für Live-Acts.

Daher müssen wir alles dafür tun, Kulturschaffende und ihre Institutionen zu unterstützen, durch den Kauf von Karten, Büchern vor allem aber durch die Solidarität mit jenen, die durch ihr Schaffen die Welt nun mal zu einem besseren Ort machen.

Und mein größtes diesbezügliches Anliegen ist wohl eher ein Weihnachtswunsch an das Christkind, den es der Bildungspolitik einflüstern möge: In den Bildungseinrichtungen müsste von Anfang an – also von der Elementarpädagogik bis zur Diplom- oder Reifeprüfung der Wert von Kunst und Kultur tief verankert werden – in Form der Wertigkeit und Wichtigkeit musischer Fächer, die meiner Einschätzung nach eindeutig mehr zur Persönlichkeits- und Herzensbildung – ja zur Menschwerdung – beitragen, als standardisiertes Faktenwissen dies jemals könnte. Es wird künftig wesentlich sein, sich in Bildungsdebatten für Theater, Literatur, Musik und bildende Künste ebenso stark zu machen, wie z.B. für Naturwissenschaften und Technik.

Unter dem Weihnachtsbaum wird bei mir heuer jedenfalls viel Papier zu finden sein: Gutscheine, Bücher, Konzertkarten – von österreichischen Künstler*innen, versteht sich.

Was liest Du derzeit?

Je nach Stimmung wechselnd:

Frank Berzbach: Die Schönheit der Begegnungen (2020)
Michael Lehofer: Was wir der Liebe schuldig sind (2007)
Jane Urquhart: Übermalungen (1997)
Nora Kreft: Was ist Liebe, Sokrates (2019)
Andre Heller: Zum Weinen Schön, zum Lachen bitter (2020)
Milena Agus: Eine fast perfekte Welt (2017)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Weil’s zu dieser tristen Zeit passt und wir letztlich nur in uns selbst zu Hause sind und Halt finden können, eine Strophe von einem meiner Lieblingslieder – für mich am besten interpretiert von der Familie Lässig:

Wenn der Novemberwind deine Hoffnung verweht
Und du bist so müde (so müde) weil du nicht mehr weißt, wie’s weiter geht
Wenn dein kaltes Bett, dich nicht schlafen lässt
Halt dich an deiner Liebe fest
Halt dich an deiner Liebe fest
(Ton Steine Scherben, Songtext: Halt dich an deiner Liebe fest)

Bild_Barbara Graber

Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Barbara Graber_Autorin, Künstlerin.

Fotos_Porträt_Martin Rauchenwald Biild_Barbara Graber

DIE AUTORIN Barbara Graber wurde 1974 in Klagenfurt geboren. Sie widmet sich dem Schreiben, das für sie vor allem bedeutet, die Tiefen und Untiefen der Sprache auszuloten, seit frühester Jugend, findet Ruhe und Zuflucht in der Sprache. Die Pädagogin, Moderatorin und Supervisorin schreibt neben Lyrik auch Texte über das Leben und seine Überraschungen. Sie arbeitet mit dem Schreiben als Methode auch in Coachings und Workshops und ist ausgebildete Poesiepädagogin.

DIE TEXTE Aus dem Leben gegriffen, zu Papier gebracht und mit hohem Wiedererkennungswert für all jene, die, wie die Autorin selbst, gern hinter die Töne hinein hört und zwischen den Zeilen zu lesen vermag. Mehrdeutigkeiten und scheinbar verdeckte Zusammenhänge tun sich in der Beschäftigung mit den Texten auf und laden ein, die Spielarten der Sprache immer wieder zu erkunden und sich selbst darin zu erkennen.

Publikationen: Den Quantenraum erobern, BoD 2011 Leben eben – Wortmalerei: Gedichte Über das Leben, BoD 2012 Wortschätze 1, BoD 2015 Wortschätze 2, BoD 2015 Liebesdinge, BoD 2016

KONTAKT Seegasse 49, 9020 Klagenfurt am Wörthersee m: graber.quantenraum@gmail.vom t : +43 664 9155994 https://lassapurdir.wordpress.com/

3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Kunst und das Spiel waren immer die treibenden Kräfte“ Evelyn Kreinecker_ Künstlerin _ Prambachkirchen/OÖ _ 6.12.2020

Liebe Evelyn, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In den letzten Wochen hat sich dieser – aus bekannten Gründen – wieder auf den Kopf gestellt. Mein Tag beginnt um cirka 6.30 Uhr mit meiner Familie. Vormittags ist momentan eine Mischung aus Homeschooling, Coaching, Organisation, Hausarbeit und Kochen angesagt. Nach einer nachmittäglichen Pause und etwas Gartenfrischluft geht es ins Atelier. Meistens von 16 bis 22 Uhr – ich kann die Ruhe und Konzentration dort dann durchaus auch schätzen.
Es ist eine Umdrehung unseres eigentlichen Arbeitsrhythmus, aber wir haben uns gut darin eingefunden.

Evelyn Kreinecker, Künstlerin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Im Grunde alles, was eine Gemeinschaft, eine Gesellschaft immer schon braucht,  wir werden darauf zurückgeworfen: Zusammenhalten, Rücksicht nehmen, aufeinander Achten, Geduld mit uns selber und anderen, Augenmaß, keine Hysterie aber Vernunft, Vertrauen, Verzeihen, Solidarität, Mut, Wachsamkeit, Zivilcourage und Humor.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film, der Kunst an sich zu?

Die Kunst und das Spiel waren immer die treibenden Kräfte, das eigentlich Notwendige für uns Menschen. Ohne Kunst wäre Menschsein ein großer Stillstand und ohne Zukunft. Ich fasse hier diese Begriffe sehr weit, denn alles Lernen, Denken, Sich Ausdrücken, Sprache, Musik, Philosophie, Glaube und die forschende Neugierde gründet und spiegelt sich darin. Immer schon und von Anfang an und daran wird sich nichts ändern.
Ich habe schon Sorge, dass unsere Gesellschaft sich dieser Wurzeln nicht genug bewusst ist und falsche Prioritäten setzt. Die Frage bleibt, welche Räume und Möglichkeiten bestehen bleiben und welche entstehen werden.

Unruhe Bewahren_ 2-teilig, Acryl, Lack, Kohle, Öl auf LW, je 80 x 80 cm_aus der Serie „Alles in Allem“ _Evelyn Kreinecker_2020

Was liest Du derzeit?

Einige Bücher und Zeitschriften liegen griffbereit aber momentan fehlt mir oft die Zeit und die Muße zu lesen. Zur Zeit sind das: „Wald“  von Doris Knecht, die Anthologie „Fragmente – die Zeit danach“, „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ von Brian Selznick – ein sehr schönes Buch nicht nur für Kinder über die Kunst des Filmemachens.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das Satzfragment: „Meine Unruhe möchte ich mir bewahren“ begleitet mich schon das ganze Jahr. Es ist dem Buch „Wenn ich wir sage“ von Michael Köhlmeier entnommen und ich umkreise es in ambivalenter Weise die letzten Monate. Es hat auch die Serie „Alles in allem“, die im Sommer entstanden ist, geprägt.

Vielen Dank für das Interview liebe Evelyn, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Evelyn Kreinecker, Künstlerin

Evelyn Kreinecker

Foto_Kreinecker

1.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Schöne am Theater ist doch, dass Geschichten erzählt werden und diese müssen nach wie vor erzählt werden (dürfen)“ Johanna Hainz_ Schauspielerin _ Wien 6.12.2020

Liebe Johanna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich hatte das Glück bis vor Kurzem noch das Theaterstück „Lila und Fred“ beim Theater WalTzwerk in Klagenfurt zu proben. Da gab es dann einen Live-Stream. Die echten Vorstellungen werden hoffentlich im Jänner nachgeholt.

Johanna Hainz, Schauspielerin

Lila und Fred – Theater WalTzwerk

Jetzt bin ich wieder in Wien und nachdem die Wohnung und alle Dinge die sich darin befinden aufgeräumt, geputzt und sortiert wurden, sieht mein Tag so aus:

Viel lesen, viel kochen, viel essen, viele Serien schauen, ein bisschen Sport.

Der Dackel freut sich natürlich sehr 24/7 betreut zu werden.

Lila und Fred – Theater Waltzwerk_Foto_Dominik Achatz

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Menschen, den Tieren und der Welt mit Wertschätzung, Respekt und Liebe zu begegnen; Geduld und Humor.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Das Schöne am Theater ist doch, dass Geschichten erzählt werden und diese müssen nach wie vor erzählt werden (dürfen).

Was liest Du derzeit?

Meine geniale Freundin von Elena Ferrante

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Leben ohne Dackel ist möglich – aber sinnlos.

Vielen Dank für das Interview liebe Johanna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Johanna Hainz, Schauspielerin

Fotos_Porträt_Andrea Peller _ Szenenfoto_ Dominik Achatz

30.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gerade in der Subkultur sind viele dabei aufzugeben“ Bernhard Eder, Musiker _ Wien 6.12.2020

Lieber Bernhard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Vormittags mache ich meist Homeoffice – also Organisatorisches, Förderanträge stellen und so weiter. Dann koch ich mir was Gutes, geh eine Runde spazieren und arbeite anschließend an neuen Songs oder Projekten bis abends bzw. spät in die Nacht.

Bernhard Eder, Musiker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Positive Energie und eine gewaltige Portion Optimismus. Und es sich gut gehen lassen – ich mach mir zwei, drei Mal die Woche Apfelstrudel, das hebt die Stimmung:) Und ich höre viel Musik, mehr als je zuvor.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Musik, der Kunst an sich zu?

Die Kleinen retten sofern sie noch zu retten sind. Gerade in der Subkultur sind gerade viele dabei aufzugeben, vor allem auch im Ausland, wo oft Subventionen und Fördermaßnahmen fehlen.
Und wir müssen zusammenhalten, ein Ellbogensystem hilft niemand weiter, und es wird alles sehr dicht werden im nächsten Jahr, wahrscheinlich Herbst, wenn (hoffentlich) alles wieder einigermaßen anläuft.

Was liest Du derzeit?

Tageszeitungen, den aktuellen Rolling Stone, eine Fassung einer anstehenden Theaterproduktion und „Things the Grandchildren should know“ von Mark Oliver Everett.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Puh, das ist jetzt ziemlich klischeehaft, aber ich denke ich würde ausnahmsweise gerne mal Freddie Mercury zitieren: the Show must go on!

Vielen Dank für das Interview lieber Bernhard, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Bernhard Eder_Musiker, Theatermusiker

Foto_Nadine Schachinger

1.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass Literatur und Kunst wieder Herde der Unangepasstheit werden“ Guillaume Paoli, Schriftsteller_Berlin 6.12.2020

Lieber Guillaume, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Intensives Schreiben (was nicht „quantitativ viel“, sondern „konzentriert“ bedeutet). So tun, als ob ich mir das Lockdown freiwillig auferlegt hätte. Die Verlockung der Öffentlichkeit bleibt eh aus. Ansonsten ganz banal:  Kochen. Mich mit einem Freund oder einer Freundin für einen Spaziergang oder ein Essen verabreden. Videos schauen. Musik hören.

Guillaume Paoli, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Einsicht in die Notwendigkeit (die Notwendigkeit der fundierten Negation miteinbezogen). Also Ruhe bewahren und wachsam bleiben. Die Dinge schätzen zu lernen, die momentan fehlen – all die physischen, sinnlichen sozialen Kontakte­ –, aber auch das Fehlen mancher Dinge zu genießen, sprich: die reduzierten Zwangshandlungen des Alltags.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die kommenden Auseinandersetzungen werden sich um die Frage der Anpassung drehen. Soll man sich an einer immer bedrohlicheren Umwelt anpassen, oder muss diese nach unseren Bedürfnissen umgeformt werden? Wie, von wem und zu welchem Zweck werden Anpassungsmaßnahmen ergriffen? In diesem Kontext wollen wir hoffen, dass Literatur und Kunst das wieder werden, was sie leider nicht mehr sind, nämlich Herde der Unangepasstheit. 

Was liest Du derzeit?

Wenn ich wie jetzt in einer Schreibphase bin, greife ich querbeet auf alle möglichen Quellen zu, hier ein paar Seiten, da eine Stelle. Oft bringen total fremde Texte oder banale Meldungen auf die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Dass es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene. Die Rettung hält sich an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen Katastrophe.

(Walter Benjamin)

Vielen Dank für das Interview lieber Guillaume, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Guillaume Paoli, Schriftsteller 

guillaumepaoli.de

Foto_Renate Koßmann

25.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Denn was die Welt von uns braucht, ist unsere Liebe – nicht unsere Angst“ Judith Döker, Autorin _ Berlin 6.12.2020

Liebe Judith, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich keine Termine habe, was im Moment meistens der Fall ist, nutze ich den Morgen, um in Ruhe meinen Tee zu trinken und innerlich in den Frieden zu kommen. Das gibt mir sehr viel Kraft und positive Energie für den Tag. Danach setze ich mich an den Schreibtisch und mache das, was gerade ansteht. Im Moment plane ich die Fotoausstellung für mein Langzeit-Projekt „Drei Fragen: Glück“, die ab nächsten Sommer im LVR-LandesMuseum Bonn zu sehen sein wird.

Judith Döker, Autorin _Foto_Markus C.Hurek

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Gefühl von Hoffnung und Lebensfreude in uns aufzurufen, um es dann mit anderen Menschen zu teilen. Gerade in herausfordernden Zeiten ist es so wichtig, dass wir uns innerlich immer wieder auf das fokussieren, was unsere Lebenskraft stärkt – und nicht, was sie schwächt. Denn im Tunnel der Angst und der Sorge kann man die guten Möglichkeiten gar nicht erkennen, die einem das Leben auch immer anbietet.

Dazu fällt mir ein Beispiel ein, das mich sehr geprägt hat. 2018 traf ich während einer Syrienreise einen älteren Mann, der sehr emotional vom Tod seines Sohnes erzählte, den er im Krieg verloren hatte. Wenig später, beim gemeinsamen Essen, lachte er wieder laut und befreit und ich fragte ihn, woraus er seine Lebensfreude schöpft. Seine Antwort: „Es gibt so viel, wofür ich dankbar bin. Für das Essen auf meinem Teller, den Tee in meiner Tasse, für die gute Gesellschaft. Ich möchte mein Leben in vollen Zügen genießen – trotz allem.“

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Insbesondere von der Filmbranche wünsche ich mir, dass sie sich viel stärker auf Utopien statt auf die üblichen dystopischen Geschichten fokussiert. Der politische Philosoph Jean-Claude Michéa sagte einmal: „Für viele Leute ist es heute einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.“ Das glaube ich auch. Deshalb: Wir brauchen dringend visionäre Geschichten, wie Gesellschaft auch friedlich gelebt werden kann, ohne Raubbau an Mensch, Tier und Natur zu betreiben. Dieser gesellschaftliche Wandel kann aber nur stattfinden, wenn er mit einem Bewusstseinswandel einhergeht. Und hier ist jede*r einzelne von uns gefragt. Denn was die Welt von uns braucht, ist unsere Liebe – nicht unsere Angst.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade „Das zweite konvivialistische Minifest – Für eine post-neoliberale Welt“, das von fast 300 Wissenschafter*innen, Intellektuellen und Aktivist*innen unterschrieben wurde und mir Grund zur Hoffnung gibt. Denn als zentraler Aspekt für eine „bessere Welt“ wird die Überwindung aller Formen menschlicher Hybris benannt. Das bedeutet: Nur wenn ich bereit bin, mich zu verändern, kann sich auch die Welt verändern.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Was immer der gegenwärtige Moment enthält, nimm es an, als hättest du es selbst gewählt. Gehe mit, gehe nicht dagegen an. Mache den Moment zu deinem Freund und Verbündeten, nicht zu deinem Feind. Das wird auf wundersame Weise dein ganzes Leben verwandeln.“ Eckhart Tolle aus „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“.

Vielen Dank für das Interview liebe Judith, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Buch-, Austellungsprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Judith Döker, Schriftstellerin

Kurzbiografie

Judith Döker ist Buchautorin, Fotografin, Schauspielerin und Filmemacherin. 2012 zog sie für zwei Jahre in die indische Metropole Mumbai. Die Zeit auf dem Subkontinent änderte aber nicht nur ihr Leben, sondern auch ihren Blick auf die Welt – und damit ihr berufliches Schaffen. Ihre Fotografien aus Syrien, Pakistan, Iran, Libanon, Kolumbien und Indien wurden international ausgestellt und bei den renommierten „International Photography Awards“ in New York mit einer Honorable Mention ausgezeichnet. Die fotoPRO betitelte sie in einem Feature  als „Die Friedensreporterin“. Ihr fortlaufendes Projekt „Drei Fragen: Glück“ wird ab Sommer 2021 als Fotoausstellung im LVR-LandesMuseum Bonn zu sehen sein.

Mehr Infos: www.judith-doeker.de // www.drei-fragen-glueck.de

3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ganz allgemein stünde eine gerechtere Verteilung von allem dringend an“ Dominika Meindl, Schriftstellerin_Linz 6.12.2020

Liebe Dominika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Deutlich entspannter, da mir fast alle Abendtermine wegfallen – die Entspannung verdankt sich aber auch nur dem Fleiß der Monate zuvor und der Unterstützung aus dem Härtefonds. Schönster Unterschied: Ich komme jetzt zweimal in der Woche zum Wandern.

Dominika Meindl, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kühle Köpfe bewahren. Das Beste aus der Lage machen – also lesen, aufräumen, lesen, schreiben, lesen und schauen, was die Menschen rund um einen brauchen könnten. Dann wieder lesen und nach Möglichkeit die Nähe von Bergen suchen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst, und Literatur im Speziellen bieten schon seit Jahrtausenden Ideen für den gesellschaftlichen Neubeginn an. Man müsst’s halt einmal alles lesen und konzentriert durchdenken! Ganz allgemein stünde eine gerechtere Verteilung von allem dringend an – Bildung und Soziales vertragen die zig Milliarden, die jetzt in Autobahnasfalt oder in Offshore-Gambling versenkt werden. gern darf’s für Kunst und Kultur ein ordentliches Stück mehr sein: Stichwort „Gedanken für den Aufbruch“.

Was liest Du derzeit?

Marlen Haushofer, „Die Wand“ – ich hab das Buch als Jugendliche zuletzt gelesen und war damals schon beeindruckt. Jetzt, wo ich 42 bin und schon ein wenig besser weiß, was Liebe und Verantwortung und Verlust bedeuten, ist mir der Text wirklich unter die Haut gegangen. Für die Arbeit beim „Falter“: Alles von mir“ von Christina Maria Landerl; „Waltauchen“ von David Bröderbauer und „Die Doderer-Gasse“ von Nadja Bucher. Letzteres war ein willkommener Kontrast zum Ernst der „Wand“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

1. Die Einleitung zu meinem aktuellen Projekt „Die Regressionsdisko“ – die dabei entstandene Sammlung umfasst Texte von schreibenden Menschen, die ich mag: https://regressionsdisko.blogspot.com/

Rückzug ins Corona-Biedermeier? Endlich Natursauerteig backen, die Vinylsammlung neu ordnen, im Manufactum-Katalog Zirbenvaporisierer bestellen und die Vintage-Nierentische mit Bio-Macadamia-Öl einlassen? Pünktlich um 18 Uhr auf den Balkon (fehlen hier nicht noch Korianderpflanzen?), um den Heldinnen und Systemerhaltern mit einem herzlichen Applaus die Solidarität kundzutun? Was ist daran bitte falsch?

Alles! So wird das nichts mit der Revolution. Rückzug ja, Reaktion nein! Stattdessen bündeln wir die Kraft der Regression. Ausgewählte Menschen erzählen von einem Tag, an dem alles noch so ist, wie es nie war.“

Wichtiger das zweite Zitat, aus „Die Wand“: „Es gibt keinen Ausweg, denn solange es im Wald ein Geschöpf gibt, das ich lieben könnte, werde ich es tun; und wenn es einmal wirklich nichts mehr gibt, werde ich aufhören zu leben.“

Vielen Dank für das Interview liebe Dominika, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dominika Meindl_Schriftstellerin

https://www.jku.at/kepler-salon/menschen/dominika-meindl/

Foto_Zoe Goldstein

7.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst ist ein Gesellschaftsspiegel. Abgesehen davon macht Kunst großen Spaß“ Maria Schuchter, Schauspielerin _ Wien _6.12.2020

Liebe Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In unterschiedlicher Reihenfolge und Intensität: eine tägliche Portion Bewegung, so oft wie möglich im Freien. Lange Gespräche, Meditation, viele Filme oder Serien schauen. Wo es nötig ist, Ordnung ins Leben bringen, ausmisten. Pflegerituale, Musik hören, Tee trinken, essen, lesen, zum Himmel schauen. Da ich als Ärztin arbeite, befinde ich mich außerdem regelmäßig auf der Notfallambulanz in einem Krankenhaus oder in einer Ordination.

Maria Schuchter, Schauspielerin _ Palais Auersperg _ Wien

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Tief zu atmen, trotz Maske. Aufmerksam nach Innen zu lauschen, trotz der vielen verwirrenden Stimmen da draußen. Wissen, dass all das vorbeigehen wird und auch wieder ganz andere Zeiten kommen werden. Was tut uns wirklich gut und was nicht? Was wollen wir weiterverfolgen und was können wir getrost hinter uns lassen?

Wichtig ist es auch, sich mit vielen Pflanzen zu umgeben und ab und zu mit ihnen zu sprechen!

Maria Schuchter, Ärztin

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Selbst wenn es mitunter schwerfällt: dem Prozess zu vertrauen und mit den damit einhergehenden Gefühlen umgehen zu lernen – etwas anderes bleibt uns letztlich ja nicht übrig. Die Kunst kann uns zu der dazu notwendigen Offenheit, Weitsichtigkeit und Reflektiertheit verhelfen. Sie kann erheben, befreien, uns aus den dunklen Ecken locken, inspirieren und der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Mal abgesehen davon macht Kunst großen Spaß.

Was liest Du derzeit?

Derzeit lege ich mich da nicht fest und wechsle mehrmals täglich je nach geistiger Tagesverfassung zwischen Hochglanzmagazinen, medizinischer Fachliteratur, Büchern über Philosophie oder Ernährung, Whatsapp-Chats und schönen Bildbänden. Und auf meinem Nachtkästchen liegt heute „Dicht“ von Stefanie Sargnagel.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

No one without your conscious or subconscious permission can lockdown your mind, your imagination, your creativity, your vitality, your love, your resilience, your beauty, your generosity and your personal power“. – Guru Jagat –

Maria Schuchter, Schauspielerin, Ärztin

Vielen Dank für das Interview liebe Maria! Viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Maria Schuchter, Schauspielerin _ Palais Auersperg

5 Fragen an KünstlerInnen:

Maria Schuchter, Schauspielerin, Ärztin

Fotos_Portrait_Palais Auersperg Wien_Walter Pobaschnig _12_2020 _weitere_privat.

26.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Nachdenken noch weiter zu verfeinern – alles steht jetzt zur Disposition“ Marcus Roloff, Schriftsteller – Frankfurt/Main _ 6.12.2020

Lieber Marcus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie auch vor der Pandemie schon: Früh raus, Kaffee kochen (oft gebracht kriegen von meiner wunderbaren Frau), Übersetzen im Bett, zweiter Kaffee im Bett, Übergang zum Mails-Checken und -Beantworten; Duschen, mit nassen Haaren aufs Fahrrad zur Arbeit; nachmittags Übersetzen, die eigenen Texte überfliegen, häppchenweise verbessern und weiterschreiben; Hausaufgaben des Sohnes besprechen, Lehrer-Schmidt-Videos suchen, Katzenklos machen, um die Ecke Einkaufengehen, Abends Gespräche am Tisch oder vorm Fernseher, Zuhören, Weitersprechen; später gen Nacht allein weiter im Text.

Marcus Roloff, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, weiterhin alles, was schon immer wichtig war: Verlässlichkeit, Empathie, Liebe. Den Leuten, die um einen sind, mehr zurückgeben als man zu bekommen meint, diese im positiven Sinne schlechte Balance immer weiter vorantreiben. Es ist schrecklich, aber ich genieße diese vergrößerte Ruhe auch, diese räumliche Eingeschränktheit, die mir wie einem Schulkind beim Nachsitzen die Möglichkeit gibt, angefangene Arbeiten zu beenden, neue zu beginnen, vor sich hin zu träumen (auch wenn ich mich damit in die Gefahr begebe, der Frosch zu sein, der im heißer werdenden Wasser einfach sitzen bleibt). Besonders wichtig scheint mir, das Nachdenken noch weiter zu verfeinern, Unerträglichkeit und Reglosigkeit auszuhalten, um zu noch interessanteren Ergebnissen zu kommen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Alles steht jetzt zur Disposition, alles wird und muss hinterfragt werden. Dieser Lockdowndämmerzustand kann, soll und muss ein wundervoller Nährboden für neue Ideen, Lebensentwürfe, Utopien und ernst zu nehmende Gesellschaftskritik sein. Spaßkultur zum Beispiel: könnte vorbei sein; soziale Klüfte: könnten tiefer denn je, auf Jahrhunderte hinaus neu betoniert so vermessen werden, dass alles, wofür zuvor gekämpft wurde, umsonst war; Internet als Lebens- und Warenform: könnte sich zur echten Blase auswachsen, die uns alle ärmer und verblödeter denn je zurücklässt; das so genannte Private könnte sich als unendliche Hölle entpuppen. Literatur hat weiterhin die Aufgabe, das alles mitzuteilen.

Was liest Du derzeit?

Philip Lamantia „Collected Poems“, Literaturzeitschriften („mütze“, „außer.dem“), Jan Wilm „Winterjahrbuch“, Bernd Leukert „erben des verschiedenen“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Aus Angst vor dem Tod rückt man enger zusammen.“ / „Der Krieg der Viren. Wie beschreibt man das?“ (Heiner Müller)

„Die Welt wird enger mit jedem Tag …“ (Franz Kafka)

6.12.2020 _ Lieber walter, ich sitze gerade im zug nach hamburg und hab die fragen spontan beantwortet – hat mich gefreut! alles gute! marcus

Vielen Dank für das erste online Zug-Interview lieber Marcus, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute und gute Fahrt nach Hamburg!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marcus Roloff_Schriftsteller

Foto_Arlene Rohmann.

6.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Alles, was von Menschen geschaffen wurde, kann von Menschen verändert werden“ Christian Baron, Schriftsteller_Berlin_6.12.2020

Lieber Christian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich nicht ins Büro muss, was aktuell zum Glück meist der Fall ist, dann schalte ich mich morgens gegen zehn Uhr bei „Zoom“ noch im Schlafanzug in die Redaktionskonferenz der Wochenzeitung „der Freitag“, bei der ich in Teilzeit als Redakteur angestellt bin. Danach setze ich Kaffee auf, mache mich frisch für den Tag und gehe meinem Broterwerb nach, der meist darin besteht, die Texte anderer Autorinnen und Autoren zu redigieren. Wenn ich nicht für die Zeitung arbeiten muss, widme ich mich mit großer Leidenschaft meinem nächsten Buch, an dem ich gerade angefangen habe zu arbeiten. Nach Feierabend nutze ich die Phase der Kontaktverbote, der Reisebeschränkungen und des stillgelegten Kulturlebens zum Lesen. Außerdem wühle ich mich seit Monaten begeistert durch die Filmgeschichte. Das Western-Genre hat es mir besonders angetan, wie konnte ich nur so lange ohne John Ford und Sergio Leone leben? Meine beiden Katzen freuen sich übrigens auch, dass ich für sie jetzt noch mehr Zeit zum Spielen und Kuscheln hab.

Christian Baron, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass man diejenigen in seinem sozialen Umfeld besonders im Blick behält, die diese Krise nicht als Chance zur Entschleunigung nutzen können. Es macht einen Unterschied, ob man diese Zeit als Teil der Home-Office-Elite nutzt, um im Eigenheim in der grünen Vorstadt mit den Kindern und Enkeln im Garten zu spielen, oder ob man als alleinerziehende Mutter in Zwangskurzzeit in der engen Zweizimmerwohnung ohne Balkon verbringen muss. In vielen Haushalten ist das Konto leer, die Nerven sind überspannt, soziale Kontakte sind immer noch weitgehend untersagt – das ist eine toxische Mischung, die häusliche Gewalt begünstigt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Mein Vertrauen in das bestehende Wirtschaftssystem ist sehr gering, weshalb ich von der Politik auch leider keine Verbesserung erwarte, was die Bekämpfung der Armut angeht. Die müsste aber dringend zur Priorität werden, das zeigt diese Pandemie sehr deutlich. Was die Rolle der Kunst angeht, hat sich aus meiner Sicht nichts wesentlich geändert. Nehmen wir nur mal mein Feld, die Literatur: Ich empfinde das Lesen von Büchern an sich schon als subversiven Akt. Diktatoren fürchten die Kunst seit jeher, darum verbieten sie ja so gern Filme, Bücher und Bilder. Wer Bücher liest, versetzt sich in andere hinein, lernt oder stärkt seine Fähigkeit zu Empathie und erkennt, dass jede Existenz veränderbar ist. Das gilt auch für das Politische: Alles, was von Menschen geschaffen wurde, kann von Menschen verändert werden. An dieses aufklärerische und gesellschaftsverändernde Potenzial der Kunst glaube ich, auch wenn diese Sichtweise in zynisch-abgeklärten Zeiten wie diesen oft als naiv abgetan wird.

Was liest Du derzeit?

Gerade lese ich mich durch das Gesamtwerk von Irmgard Keun, die dabei ist, zu einer meiner literarischen Hausgöttinen zu werden. Was für eine atemberaubende Autorin! In ihrer Sprache liegt so ein souveräner, böser Witz. Ihr Stil ist so unprätentiös und zugänglich, aber trotzdem ungemein poetisch. Die Hauptfiguren sind fast immer Frauen vom unteren Rand der Klassengesellschaft, die an den Grenzen des Kapitalismus und des Patriarchats verzweifeln, ohne einfach nur Opfer zu sein. Allein dieser herrliche Satz, den Doris sagt, die Protagonistin im Roman „Das kunstseidene Mädchen“ von 1932: „Man muss alle hassen, die einen entlassen können!“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wenn sie es schaffen, dass du dir die falschen Fragen stellst, brauchen sie sich keine Sorgen über die Antworten zu machen.“

Thomas Pynchon

Christian Baron, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Christian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christian Baron_Schriftsteller

Fotos_Hans Scherhaufer

29.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com