„Die Rolle der Literatur, der Kunst ist es, ehrlich zu sein, das Entdeckte zu zeigen“ Julia Costa, Schriftstellerin _ Innsbruck 6.12.2020

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufwachen, das Geträumte rekapitulieren (wenn es sich nicht gleich verflüchtigt hat), aufstehen, dann je nach Tag: Texte überarbeiten, Mails beantworten, Briefe schreiben, Lieder proben, Lieder schreiben, herumräumen, Dinge ordnen, ausmisten, lesen, recherchieren (Momentan viel über Pflanzen für ein Langgedicht über Ankunft und Abschied), Briefe zur Post bringen, einkaufen, zwei Mal in der Woche Einkäufe zu meiner Oma bringen, kochen, essen, mit meinen Mitbewohnenden plaudern, zwischendurch aufstehen, dehnen, spazieren gehen, dann weiterarbeiten, so in etwa. Und viel telefonieren und Nachrichten in der Weltgeschichte herumschicken. Abends manchmal Radiosendungen hören und zeichnen. Nie fertig werden, es gibt so viel zu tun, die Welt ist so groß, es gibt so viel zu lernen, zu suchen, zu fragen, zu beschreiben. Irgendwann schlafen. So waren die letzten knapp drei Wochen, ab nächster Woche wird sich all das wieder auf die Nachmittage und Abende verschieben, arbeite vormittags in einer Schule.

Julia Costa, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für alle wichtig ist, weiß ich nicht, ich bin nicht sicher, ob es etwas gibt, das für alle gilt. Obwohl, beim Schreiben denk ich mir gerade, es gibt wohl schon Dinge, die für alle gelten. Es bräuchte allerdings viel Zeit und viel Raum, das zu umkreisen und umschreiben. Einfach und kurz gesagt, glaube ich, es sind dieselben Dinge besonders wichtig, wie immer. Sind im Wesentlichen überhaupt immer dieselben Dinge wichtig. Sich immer wieder zu fragen, was ist jetzt gerade in meinem Leben kostbar. Und diese kostbaren Menschen, Verbindungen, Tätigkeiten, Orte, Dinge und sich selbst in dem ganzen Gefüge drin so gut es geht wahrzunehmen und zu pflegen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das sind so große Fragen. Wie vorher schon geschrieben, denke ich, dass das Wesentliche, das wirklich Wichtige im Grunde immer dasselbe ist. Vermutlich kann aber jeder Mensch nur für sich selbst ergründen, was wesentlich ist. Für mich persönlich ist das Wesentliche zu versuchen, der Welt, die mich umgibt, den Menschen um mich, den Orten, an denen ich mich bewege, den Fragen, die sich in meinem Leben stellen, mit Wertschätzung und größtmöglicher Aufrichtigkeit zu begegnen. Und das gilt es immer aufs Neue zu lernen, immer weiter zu lernen, wir Menschen sind so gut darin, uns zu täuschen. Mich beschäftigen trotz Pandemie nach wie vor dieselben Fragen. Wie begegnen wir Menschen der Welt und uns gegenseitig, wie achten wir uns und das, was uns umgibt, wie tue ich das in meinem kleinen individuellen Leben, wie tue ich das in meiner Arbeit, meinen Liedern, meinem Schreiben. Ich muss aber dazu sagen, dass ich im Gegensatz zu vielen Kolleginnen und Kollegen das Glück habe, durch meine zusätzliche Arbeit in der Schule finanziell abgesichert zu sein und so, obwohl ich natürlich auch spüre, dass einiges wegbricht, dennoch nicht in existenzielle Schwierigkeiten zu kommen. Deshalb fällt es leicht, mich weiterhin mit denselben Fragen zu beschäftigen.

Ich glaube, die Rolle der Literatur, der Kunst ist es, sich die Dinge genau anzuschauen, sie schreibend (oder in anderer Weise) zu umkreisen, ehrlich zu sein, das Entdeckte zu zeigen, Fragen zu stellen, nicht unbedingt Antworten zu geben. Manchmal vielleicht auch das, aber mir zumindest geht es im Schreiben, in den Liedern nicht darum. In der aktuellen Situation glaube ich, dass es gut ist, Dinge zu denken, die es noch nicht oder nicht mehr gibt. Die Dinge, die wir nicht haben wollen, wie sie sind, anders zu denken, als sie sind. Durch die Beschreibung, das Zeichnen, das Darstellen, das Erzählen, das Abbilden, das Vertonen von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten verändert sich vielleicht auch in der Realität, was möglich ist und was nicht. Anzuschauen, wie es war, wie es ist und uns auszudenken, wie es sich entwickeln könnte, wie es sein könnte, damit es gut ist, gut wird, uns das auszumalen, immer wieder, im Kleinen und im Großen.

Was liest Du derzeit?

Die „Autobiografie mit fremder Feder“ über den Clown Dimitri von Hanspeter Gschwend. Die Beschäftigung mit Clownerie macht mir das Leben leichter und schöner und freier. Kann ich grundsätzlich sehr empfehlen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat, das ich in einer Dokumentation im SRF (Schweizer Radio und Fernsehen) einmal aufgeschnappt habe, es wurden Menschen mit einer Suchterkrankung porträtiert und jemand hat gesagt:

„Es zählt nicht, wo ich gewesen bin, es zählt, wohin ich gehe.“

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Herzlichen Dank für die Fragen!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Costa_Poetin, Musikerin

Poetin und Musikerin | Julia Costa (julia-costa.net)

Foto_privat.

3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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