„Literatur und Kunst werden Fragen stellen, hoffentlich. Unangenehme Fragen. Und sie auch beantworten“ Svenja Gräfen, Schriftstellerin _ Leipzig _6.12.2020

Liebe Svenja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Allmählich merke ich doll, dass ich gar keinen Urlaub, keine Auszeit hatte dieses Jahr, und mich zum Schreiben und Erledigen von Dingen viel mehr motivieren muss als üblich. Aber ich gehe jeden Tag mit dem Hund raus, das hilft und gibt Struktur, und ich lese zum ersten Kaffee am Morgen erstmal ein paar Seiten. Physiotherapie ist gerade auch oft ein Tageshighlight. Ansonsten versuche ich mir nicht auch noch selbst zusätzlichen Stress zu machen. Wenn ich mal nicht alles auf meiner To Do-Liste abhake, so be it, ich darf dann trotzdem noch nett zu mir sein.

Sevenja Gräfen, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke es ist wichtig, dass wir uns selbst mit einer guten Portion Sanftheit und Verständnis zu begegnen versuchen. Die Situation zehrt an uns, wir vermissen Freund*innen und Familie, machen uns Sorgen, sind genervt — ja, verdammt, das alles sind sehr legitime Gefühle, die wir nicht verdrängen sollten. Stattdessen lieber drüber reden. Halt am Telefon oder auf Abstand beim Spazierengehen. Und auch drüber reden, was wir konkret tun können! Zum Beispiel, wenn möglich, Geld spenden für die Seenotrettung. Oder Freund*innen, Nachbar*innen fragen, wie und ob wir sie unterstützen können.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst generell werden verarbeiten, einordnen, reflektieren und dadurch Perspektivwechsel ermöglichen und für ein Gefühl des Verstandenwerdens sorgen. Sie werden Fragen stellen, hoffentlich. Unangenehme Fragen. Und sie auch beantworten. Können wir so weitermachen wie „vorher“? Nein, bitte nicht! Sie werden beruhigen und ablenken und Hoffnung geben vielleicht auch. Hoffentlich. Ich wünsche mir in jedem Fall mehr queere Perspektiven. Noch mehr Bücher von Menschen, die nicht weiß, cis und männlich sind.

Was liest Du derzeit?

Wie beinahe immer mehrere Bücher parallel. Gerade sind es in den letzten Zügen Mely Kiyaks „Frausein“, dann „Schreibtisch mit Aussicht“, herausgegeben von Ilka Piepgras, und endlich „All About Love“ von bell hooks.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Artists need to make art. Why? Because it’s a fundamental way you take care of yourself and process information and feelings and communicate and make sense of being alive. Your art matters because your life matters.“ (Beth Pickens)

Vielen Dank für das Interview liebe Svenja, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Svenja Gräfen, Schriftstellerin

www.svenjagraefen.de 

Foto_privat.

3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s