„Das Nachdenken noch weiter zu verfeinern – alles steht jetzt zur Disposition“ Marcus Roloff, Schriftsteller – Frankfurt/Main _ 6.12.2020

Lieber Marcus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie auch vor der Pandemie schon: Früh raus, Kaffee kochen (oft gebracht kriegen von meiner wunderbaren Frau), Übersetzen im Bett, zweiter Kaffee im Bett, Übergang zum Mails-Checken und -Beantworten; Duschen, mit nassen Haaren aufs Fahrrad zur Arbeit; nachmittags Übersetzen, die eigenen Texte überfliegen, häppchenweise verbessern und weiterschreiben; Hausaufgaben des Sohnes besprechen, Lehrer-Schmidt-Videos suchen, Katzenklos machen, um die Ecke Einkaufengehen, Abends Gespräche am Tisch oder vorm Fernseher, Zuhören, Weitersprechen; später gen Nacht allein weiter im Text.

Marcus Roloff, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, weiterhin alles, was schon immer wichtig war: Verlässlichkeit, Empathie, Liebe. Den Leuten, die um einen sind, mehr zurückgeben als man zu bekommen meint, diese im positiven Sinne schlechte Balance immer weiter vorantreiben. Es ist schrecklich, aber ich genieße diese vergrößerte Ruhe auch, diese räumliche Eingeschränktheit, die mir wie einem Schulkind beim Nachsitzen die Möglichkeit gibt, angefangene Arbeiten zu beenden, neue zu beginnen, vor sich hin zu träumen (auch wenn ich mich damit in die Gefahr begebe, der Frosch zu sein, der im heißer werdenden Wasser einfach sitzen bleibt). Besonders wichtig scheint mir, das Nachdenken noch weiter zu verfeinern, Unerträglichkeit und Reglosigkeit auszuhalten, um zu noch interessanteren Ergebnissen zu kommen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Alles steht jetzt zur Disposition, alles wird und muss hinterfragt werden. Dieser Lockdowndämmerzustand kann, soll und muss ein wundervoller Nährboden für neue Ideen, Lebensentwürfe, Utopien und ernst zu nehmende Gesellschaftskritik sein. Spaßkultur zum Beispiel: könnte vorbei sein; soziale Klüfte: könnten tiefer denn je, auf Jahrhunderte hinaus neu betoniert so vermessen werden, dass alles, wofür zuvor gekämpft wurde, umsonst war; Internet als Lebens- und Warenform: könnte sich zur echten Blase auswachsen, die uns alle ärmer und verblödeter denn je zurücklässt; das so genannte Private könnte sich als unendliche Hölle entpuppen. Literatur hat weiterhin die Aufgabe, das alles mitzuteilen.

Was liest Du derzeit?

Philip Lamantia „Collected Poems“, Literaturzeitschriften („mütze“, „außer.dem“), Jan Wilm „Winterjahrbuch“, Bernd Leukert „erben des verschiedenen“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Aus Angst vor dem Tod rückt man enger zusammen.“ / „Der Krieg der Viren. Wie beschreibt man das?“ (Heiner Müller)

„Die Welt wird enger mit jedem Tag …“ (Franz Kafka)

6.12.2020 _ Lieber walter, ich sitze gerade im zug nach hamburg und hab die fragen spontan beantwortet – hat mich gefreut! alles gute! marcus

Vielen Dank für das erste online Zug-Interview lieber Marcus, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute und gute Fahrt nach Hamburg!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marcus Roloff_Schriftsteller

Foto_Arlene Rohmann.

6.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Ein Gedanke zu „„Das Nachdenken noch weiter zu verfeinern – alles steht jetzt zur Disposition“ Marcus Roloff, Schriftsteller – Frankfurt/Main _ 6.12.2020

  1. Hallo! Es freut mich sehr, dieses Heiner Müller Zitat endlich Online zu finden. Weiß jemand, wo der ganze Text zu finden ist? Ich bin Übersetzer und habe nach der Referenz im Werk von Heiner Müller gesucht, aber da ich keinen Zugang zu seinem Werk habe, ist das sehr schwierig geworden. Hier ist den Text zu hören (https://www.youtube.com/watch?v=JAukETmcvV8), aber ohne schriftliches Zitat kann ich den Text leider nicht übersetzen. Auf eine Antwort bzw kontakt mit Herr Roloff würde ich mich sehr freuen. Ich bedanke mich

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