„Dass Literatur und Kunst wieder Herde der Unangepasstheit werden“ Guillaume Paoli, Schriftsteller_Berlin 6.12.2020

Lieber Guillaume, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Intensives Schreiben (was nicht „quantitativ viel“, sondern „konzentriert“ bedeutet). So tun, als ob ich mir das Lockdown freiwillig auferlegt hätte. Die Verlockung der Öffentlichkeit bleibt eh aus. Ansonsten ganz banal:  Kochen. Mich mit einem Freund oder einer Freundin für einen Spaziergang oder ein Essen verabreden. Videos schauen. Musik hören.

Guillaume Paoli, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Einsicht in die Notwendigkeit (die Notwendigkeit der fundierten Negation miteinbezogen). Also Ruhe bewahren und wachsam bleiben. Die Dinge schätzen zu lernen, die momentan fehlen – all die physischen, sinnlichen sozialen Kontakte­ –, aber auch das Fehlen mancher Dinge zu genießen, sprich: die reduzierten Zwangshandlungen des Alltags.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die kommenden Auseinandersetzungen werden sich um die Frage der Anpassung drehen. Soll man sich an einer immer bedrohlicheren Umwelt anpassen, oder muss diese nach unseren Bedürfnissen umgeformt werden? Wie, von wem und zu welchem Zweck werden Anpassungsmaßnahmen ergriffen? In diesem Kontext wollen wir hoffen, dass Literatur und Kunst das wieder werden, was sie leider nicht mehr sind, nämlich Herde der Unangepasstheit. 

Was liest Du derzeit?

Wenn ich wie jetzt in einer Schreibphase bin, greife ich querbeet auf alle möglichen Quellen zu, hier ein paar Seiten, da eine Stelle. Oft bringen total fremde Texte oder banale Meldungen auf die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Dass es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene. Die Rettung hält sich an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen Katastrophe.

(Walter Benjamin)

Vielen Dank für das Interview lieber Guillaume, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Guillaume Paoli, Schriftsteller 

guillaumepaoli.de

Foto_Renate Koßmann

25.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s