„Denn was die Welt von uns braucht, ist unsere Liebe – nicht unsere Angst“ Judith Döker, Autorin _ Berlin 6.12.2020

Liebe Judith, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich keine Termine habe, was im Moment meistens der Fall ist, nutze ich den Morgen, um in Ruhe meinen Tee zu trinken und innerlich in den Frieden zu kommen. Das gibt mir sehr viel Kraft und positive Energie für den Tag. Danach setze ich mich an den Schreibtisch und mache das, was gerade ansteht. Im Moment plane ich die Fotoausstellung für mein Langzeit-Projekt „Drei Fragen: Glück“, die ab nächsten Sommer im LVR-LandesMuseum Bonn zu sehen sein wird.

Judith Döker, Autorin _Foto_Markus C.Hurek

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Gefühl von Hoffnung und Lebensfreude in uns aufzurufen, um es dann mit anderen Menschen zu teilen. Gerade in herausfordernden Zeiten ist es so wichtig, dass wir uns innerlich immer wieder auf das fokussieren, was unsere Lebenskraft stärkt – und nicht, was sie schwächt. Denn im Tunnel der Angst und der Sorge kann man die guten Möglichkeiten gar nicht erkennen, die einem das Leben auch immer anbietet.

Dazu fällt mir ein Beispiel ein, das mich sehr geprägt hat. 2018 traf ich während einer Syrienreise einen älteren Mann, der sehr emotional vom Tod seines Sohnes erzählte, den er im Krieg verloren hatte. Wenig später, beim gemeinsamen Essen, lachte er wieder laut und befreit und ich fragte ihn, woraus er seine Lebensfreude schöpft. Seine Antwort: „Es gibt so viel, wofür ich dankbar bin. Für das Essen auf meinem Teller, den Tee in meiner Tasse, für die gute Gesellschaft. Ich möchte mein Leben in vollen Zügen genießen – trotz allem.“

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Insbesondere von der Filmbranche wünsche ich mir, dass sie sich viel stärker auf Utopien statt auf die üblichen dystopischen Geschichten fokussiert. Der politische Philosoph Jean-Claude Michéa sagte einmal: „Für viele Leute ist es heute einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.“ Das glaube ich auch. Deshalb: Wir brauchen dringend visionäre Geschichten, wie Gesellschaft auch friedlich gelebt werden kann, ohne Raubbau an Mensch, Tier und Natur zu betreiben. Dieser gesellschaftliche Wandel kann aber nur stattfinden, wenn er mit einem Bewusstseinswandel einhergeht. Und hier ist jede*r einzelne von uns gefragt. Denn was die Welt von uns braucht, ist unsere Liebe – nicht unsere Angst.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade „Das zweite konvivialistische Minifest – Für eine post-neoliberale Welt“, das von fast 300 Wissenschafter*innen, Intellektuellen und Aktivist*innen unterschrieben wurde und mir Grund zur Hoffnung gibt. Denn als zentraler Aspekt für eine „bessere Welt“ wird die Überwindung aller Formen menschlicher Hybris benannt. Das bedeutet: Nur wenn ich bereit bin, mich zu verändern, kann sich auch die Welt verändern.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Was immer der gegenwärtige Moment enthält, nimm es an, als hättest du es selbst gewählt. Gehe mit, gehe nicht dagegen an. Mache den Moment zu deinem Freund und Verbündeten, nicht zu deinem Feind. Das wird auf wundersame Weise dein ganzes Leben verwandeln.“ Eckhart Tolle aus „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“.

Vielen Dank für das Interview liebe Judith, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Buch-, Austellungsprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Judith Döker, Schriftstellerin

Kurzbiografie

Judith Döker ist Buchautorin, Fotografin, Schauspielerin und Filmemacherin. 2012 zog sie für zwei Jahre in die indische Metropole Mumbai. Die Zeit auf dem Subkontinent änderte aber nicht nur ihr Leben, sondern auch ihren Blick auf die Welt – und damit ihr berufliches Schaffen. Ihre Fotografien aus Syrien, Pakistan, Iran, Libanon, Kolumbien und Indien wurden international ausgestellt und bei den renommierten „International Photography Awards“ in New York mit einer Honorable Mention ausgezeichnet. Die fotoPRO betitelte sie in einem Feature  als „Die Friedensreporterin“. Ihr fortlaufendes Projekt „Drei Fragen: Glück“ wird ab Sommer 2021 als Fotoausstellung im LVR-LandesMuseum Bonn zu sehen sein.

Mehr Infos: www.judith-doeker.de // www.drei-fragen-glueck.de

3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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