„Es wird wesentlich sein, sich in Bildungsdebatten für Theater, Literatur, Musik und bildende Künste stark zu machen“ Barbara Graber, Autorin _ Klagenfurt 7.12.2020

Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach der Morgenroutine mit etwas Bewegung auf der Yogamatte und viel Tee, ist bei mir meistens Onlinezeit bis es dämmert. Wochentags arbeite ich stundenlang am Computer und in meinem Hauptberuf als Lehrende verlangt dies viel von uns allen ab: die Online Präsenzen sind anstrengender und die Aufbereitung der Inhalte aufwändiger. Dazu kommt der nicht unerhebliche Anteil an Zeitaufwand für digital-persönliche Unterstützung von Menschen, die sehr unter der Last des „neuen“ Alltags leiden.

Danach muss ich an die Luft und nehme mir da Zeit, weit und viel zu gehen, wenn das nicht schon zum Sonnenaufgang geschehen oder durch eine Laufrunde abgedeckt ist. 8-10 km kommen da schon zusammen – immer mit Bleistift und Notizheft in der Manteltasche. Manchmal mit einem Podcast im Ohr oder einem guten Hörbuch. Meistens aber in Stille – soweit meine inneren Monologe das erlauben 😊. Am Wochenende zieh ich mich ins Atelier zurück, nachdem ich idealerweise einem Berggipfel in der Umgebung meinen Besuch abgestattet habe.

Zum Tagesausklang ist als Fixpunkt meist eine Stunde schreiben angesagt.

Barbara Graber_Autorin, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube es geht nichts über die drei Sichten: Vorsicht, Einsicht und Zuversicht.
Trotzige „Jetzt erst recht Poltereien“ machen die Lage nicht besser. Geduld hilft. Und den Blick auf das zu richten, was trotz alledem noch immer gut ist. Außerdem habe ich gelernt, zu hinterfragen, wozu unangenehme Situationen eine Möglichkeit sein könnten. Für viele von uns ist es eine, uns mit uns selbst zu beschäftigen – dem sollten wir uns stellen, auch wenn‘s nicht immer angenehm ist, die eigenen – auch dunkleren – Seiten auszuloten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur – Worte im Allgemeinen – geht mir sehr zu Herzen, und ist Seelennahrung. Sprache als Ausdrucksform des menschlichen Denkens berührt mich im tiefsten Inneren, daher wollte ich nie darauf verzichten. Mir fehlen Gespräche, Kontakte und analoger Austausch.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Menschen erst jetzt, da keine Kulturveranstaltungen stattfinden dürfen, erkennen, wie wichtig sie sind für den Herzschlag einer Gesellschaft. Kultur ist ein wichtiges Referenzsystem für uns Menschen an dem wir uns aufrichten, messen, an dem wir wachsen und in dem wir uns spiegeln.
Es ist still ohne Kultur. Und traurig. Und hier ist es ebenso wie in allen anderen zwischenmenschlich geprägten Bereichen: digitale Angebote können eine Überbrückung sein, niemals aber Ersatz für Live-Acts.

Daher müssen wir alles dafür tun, Kulturschaffende und ihre Institutionen zu unterstützen, durch den Kauf von Karten, Büchern vor allem aber durch die Solidarität mit jenen, die durch ihr Schaffen die Welt nun mal zu einem besseren Ort machen.

Und mein größtes diesbezügliches Anliegen ist wohl eher ein Weihnachtswunsch an das Christkind, den es der Bildungspolitik einflüstern möge: In den Bildungseinrichtungen müsste von Anfang an – also von der Elementarpädagogik bis zur Diplom- oder Reifeprüfung der Wert von Kunst und Kultur tief verankert werden – in Form der Wertigkeit und Wichtigkeit musischer Fächer, die meiner Einschätzung nach eindeutig mehr zur Persönlichkeits- und Herzensbildung – ja zur Menschwerdung – beitragen, als standardisiertes Faktenwissen dies jemals könnte. Es wird künftig wesentlich sein, sich in Bildungsdebatten für Theater, Literatur, Musik und bildende Künste ebenso stark zu machen, wie z.B. für Naturwissenschaften und Technik.

Unter dem Weihnachtsbaum wird bei mir heuer jedenfalls viel Papier zu finden sein: Gutscheine, Bücher, Konzertkarten – von österreichischen Künstler*innen, versteht sich.

Was liest Du derzeit?

Je nach Stimmung wechselnd:

Frank Berzbach: Die Schönheit der Begegnungen (2020)
Michael Lehofer: Was wir der Liebe schuldig sind (2007)
Jane Urquhart: Übermalungen (1997)
Nora Kreft: Was ist Liebe, Sokrates (2019)
Andre Heller: Zum Weinen Schön, zum Lachen bitter (2020)
Milena Agus: Eine fast perfekte Welt (2017)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Weil’s zu dieser tristen Zeit passt und wir letztlich nur in uns selbst zu Hause sind und Halt finden können, eine Strophe von einem meiner Lieblingslieder – für mich am besten interpretiert von der Familie Lässig:

Wenn der Novemberwind deine Hoffnung verweht
Und du bist so müde (so müde) weil du nicht mehr weißt, wie’s weiter geht
Wenn dein kaltes Bett, dich nicht schlafen lässt
Halt dich an deiner Liebe fest
Halt dich an deiner Liebe fest
(Ton Steine Scherben, Songtext: Halt dich an deiner Liebe fest)

Bild_Barbara Graber

Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Barbara Graber_Autorin, Künstlerin.

Fotos_Porträt_Martin Rauchenwald Biild_Barbara Graber

DIE AUTORIN Barbara Graber wurde 1974 in Klagenfurt geboren. Sie widmet sich dem Schreiben, das für sie vor allem bedeutet, die Tiefen und Untiefen der Sprache auszuloten, seit frühester Jugend, findet Ruhe und Zuflucht in der Sprache. Die Pädagogin, Moderatorin und Supervisorin schreibt neben Lyrik auch Texte über das Leben und seine Überraschungen. Sie arbeitet mit dem Schreiben als Methode auch in Coachings und Workshops und ist ausgebildete Poesiepädagogin.

DIE TEXTE Aus dem Leben gegriffen, zu Papier gebracht und mit hohem Wiedererkennungswert für all jene, die, wie die Autorin selbst, gern hinter die Töne hinein hört und zwischen den Zeilen zu lesen vermag. Mehrdeutigkeiten und scheinbar verdeckte Zusammenhänge tun sich in der Beschäftigung mit den Texten auf und laden ein, die Spielarten der Sprache immer wieder zu erkunden und sich selbst darin zu erkennen.

Publikationen: Den Quantenraum erobern, BoD 2011 Leben eben – Wortmalerei: Gedichte Über das Leben, BoD 2012 Wortschätze 1, BoD 2015 Wortschätze 2, BoD 2015 Liebesdinge, BoD 2016

KONTAKT Seegasse 49, 9020 Klagenfurt am Wörthersee m: graber.quantenraum@gmail.vom t : +43 664 9155994 https://lassapurdir.wordpress.com/

3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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