„Dass nur Männer Affären haben, ist ein Klischee“ Miriam Fontaine_ Schauspielerin _ Romanjubiläum Malina_Wien 21.8.2021

Miriam Fontaine_Schauspielerin _
Romanschauplatz Malina _ Wien

Orte sind Stationen des persönlichen Lebens. Die Bedeutung ist dabei sehr individuell.

Wenn ein Ort eine Geschichte erzählt, wenn zu spüren ist, dass hier Menschen einander begegneten, dann ist dieser Ort interessant.

Dieser Romanschauplatz hier hat etwas sehr Geheimnisvolles, Verborgenes. Es gibt sehr viele Details im Blick. Viel Geschichte, jene der Stadt wie jene ihrer Menschen ist zu spüren. Es strahlt aber auch viel Ruhe aus, viel Harmonie.

Wahrscheinlich hat ein Ort mehr Geheimnisse als ein Mensch.

Vor 50 Jahren war es sehr besonders, wenn eine Frau einen künstlerischen Weg gehen konnte. Die gesellschaftlichen Strukturen waren damals ganz andere. Heute gibt es da mehr Freiheiten. Die Kunstszene ist auch eine sehr große heute, es gibt einen Riesenpool mit sehr viel Kreativität, Innovation und Möglichkeiten. Das ist wohl einer der Hauptunterschiede.

Künstlerinnen können heute mehr dem persönlichen Weg, in allen Herausforderungen, folgen.

Der Wunsch Schauspielerin zu werden und das Verlangen sich selbst künstlerisch auszudrücken war bei mir immer schon da. Sehr unterstützend war da meine Mutter, die immer sehr wohlwollend und fördernd war. Wäre diese Unterstützung nicht dagewesen, wäre es wesentlich schwieriger für mich gewesen. Ich wäre aber trotzdem diesen Weg gegangen.

Im Beruf der Schauspielerin muss man sehr stark sein, sehr dahinter sein. Man muss auch viel aufgeben, um dabei zu sein, dabei zu bleiben. Es braucht viel und man muss es wirklich wollen mit jeder Faser (lacht).

Man muss sich im Schauspielberuf voll und ganz dahinterklemmen. Entsprechend fallen andere Bereiche weg oder kommen kürzer. Der Verzicht ist etwa im privaten Kontext, wenn beispielsweise eine Familienfeier aufgrund von Terminen nicht möglich ist.

Es gilt im Schauspielberuf eine Entscheidung dafür zu treffen, mit allen Folgen für andere Lebensbereiche. Es ist kein Beruf mit halber Kraft.

Mein Großonkel war auch Schauspieler. Das hatte aber keinen direkten Einfluss auf meinen persönlichen Weg als Künstlerin.

In der Kunst braucht es Leidenschaft, Passion, Herzblut. Dazu den Willen und Disziplin.

Zwischen Frau und Mann wird es in der Liebe immer Unterschiede und Herausforderungen geben. Das ist im Roman wie im Leben so und wird es wohl bleiben (lacht).

Eine Kombination aus Malina und Ivan wäre vielleicht ideal. Das Intellektuelle und das Fliegende, Leichte. Wenn eine Seite überwiegt, ist es ein Zuviel.

In Affären geht es um das momentane Glück, das vorübergehende Fieber. Das findet nach wie vor so statt. Das ist bei Frau und Mann so.

Dass nur Männer Affären haben, ist ein Klischee. Ich kann mir vorstellen, dass es ziemlich ausgewogen ist bei Mann und Frau.

Frauen sind besser im Geheimnis hüten, im Verborgenen ein Doppelleben zu führen. Männer sind da eher etwas naiv, glaube ich. Nach dem Motto „meine Frau würde das nie machen“.

Man folgt in der Liebe seinem Herzen, seiner Lust, seinen Impulsen. Es ist dies kein Ausweg aus irgendwas sondern ein Weg. Es muss genau so sein.

Das Ende einer Liebe ist keine Frage von Schuld. Liebe ist immer eine Verantwortung des/der Einzelnen.

Sich in der Liebe zu öffnen ist ein Prozess.

Es sind eher Frauen als Männer, die ein Ultimatum in der Liebe stellen. Frauen suchen eher das Gespräch und die Bearbeitung von Themen.

Männer denken sich in Beziehungskrisen tendenziell „es wird schon wieder“ und scheuen die Auseinandersetzung.

Eine Liebe ist für mich immer ganz oder gar nicht. Ganz ist natürlich herausfordernd und vielleicht auch einmal unangenehm, aber erfüllend.

Psychologische Arbeit an sich kann nur gut sein. Auch wenn es dann Hürden und Herausforderungen gibt.

Die Sehnsucht nach eigener Familie kann eine Beziehung belasten, wenn der Wunsch nicht direkt kommuniziert und geklärt ist.

Es gibt heute viele Beziehungsmodelle, traditionell, konservativ bis polyamorös, offen. Da ist vieles im Wandel aber teilweise auch im Rückschritt. 

Das „Verschwinden“ wie im Roman ist immer ein Ausweg aus einer Beziehungskonstellation. Das ist auch 50 Jahre danach so. Natürlich gibt es auch Wege in der Krise wie etwa eine Paartherapie.

Ich trage ein schönes, romantisches Bild von Partnerschaft in mir.  Auf Augenhöhe zu sein, sich miteinander entwickeln. Eine gute Gemeinschaft in Liebe und Leidenschaft. Neugierig und interessiert bleibennicht die Wand als Ende, wie im Roman.

Ingeborg Bachmann war eine Vorreiterin im Aufzeigen des Frauseins, von weiblichen Bedürfnissen.

Liebe Miriam, ich darf ich Dich abschließend zu einem thematischen Wordrap zum Roman bitten –

Wordrap – Malina:

Aufmerksamkeit oder Leidenschaft? Leidenschaft.

Intellektualität oder Phantasie? Phantasie

Reisender oder häuslicher Typ? Reisender

Schachspieler oder Nicht-Schachspieler? Nicht-Schachspieler.

9 oder 6? 9

Miriam Fontaine_Schauspielerin _
Romanschauplatz Malina _ Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Miriam Fontaine_Schauspielerin_Wien _

http://www.miriamfontaine.com/miriam_fontaine/welcome.html

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz Malina_Wien.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_6_2020.

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„Künstler sollten gelernt haben zusammenzustehen“ Lena Fankhauser, Bratschistin _ Wien 21.8.2021

Liebe Lena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Immerhin: endlich passiert wieder etwas; Konzerte finden wieder statt nach Monaten der Stille.

Lena Fankhauser, Bratschistin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Künstler sollten gelernt haben zusammenzustehen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Kultur wird sich — noch deutlicher — als wesentlich für das Wohlergehen unserer Gesellschaft herausstellen.

Was liest Du derzeit?

Das Buch welches ich zur Zeit lese ist “The Rest is Noise” von Alex Ross.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“C’est le ton qui fait la Musique.”

Lena Fankhauser, Bratschistin

Vielen Dank für das Interview liebe Lena, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lena Fankhauser, Bratschistin

Lena Fankhauser | About (lena-fankhauser.com)

Alle Fotos_Julia Wesely

26.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Zarte, Vorsichtige, die Genauigkeit in der Sprache zu retten“ Barbara Weitzel, Schriftstellerin_Berlin 20.8.2021

Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Tag beginnt mit einem 3-teiligen Ritual, auf das ich in der 4. Frage nochmal zu sprechen komme, und Kaffee. Dann setze ich mich an den Schreibtisch und schreibe, was gerade ansteht oder mir einfällt. Kolumnen, Blog-Texte, ein Gedicht, ein Fragment, von dem ich noch nicht weiß, was daraus wird. Emails. Briefe. Und natürlich Tagebuch. Das ist wichtiger denn je. Ich will alles festhalten. Ich will alles verstehen. Und das geht am besten schreibend.

Spätestens am Nachmittag muss ich raus, laufen. Oder ich fahre Bus oder Bahn, zu Verabredungen oder an lang vermisste Orte oder zu ganz neuen. Dabei schreibe ich weiter oder lese ein Buch, die Zeitung, die Stadt. Oder ich unternehme etwas mit dem jüngeren Kind. Das große lebt schon ein sehr eigenes Leben. Am Abend lese ich oder treffe Menschen zum Essen oder auf ein (zwei, drei) Glas Wein. Oder ich habe Besuch.

Nicht wesentlich anders als früher also, seit die Kinder wieder in die Schule gehen. Sogar mein Klarinettenunterricht findet wieder statt. Aber: Die Tage sind weniger atemlos, alles, auch die kleinsten Handlungen, hat mehr Platz. Ich habe das Leben schon immer als sehr zerbrechlich wahrgenommen, aber jetzt ist das noch stärker. Deswegen möchte ich nichts davon verschwenden. Durch Stress, Überflüssiges, sinnloses Sichärgern.

Barbara Weitzel, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nähe. Wir sind keine Flugmangos, schrieb ich vor über einem Jahr in einer Kolumne. Dass ich erst 14 Monate später Überschriften wie „Umarmen in Pflegeheimen“ wieder erlaubt lesen würde, hätte ich damals nicht für möglich gehalten. Und 2019 nicht, dass Einanderanfassen jemals gesetzlich verboten und die Aufhebung des Verbots eine Zeitungsmeldung sein könnte. Dass ich das immer noch absurd finde, beruhigt mich. Dass ich von anderen ähnliches höre, zeigt mir: Die meisten von uns können ohne Nähe nicht leben. Vor allem nicht ohne körperliche, aber auch nicht ohne die in Gedanken, im Gespräch. Vielleicht bedingen sie einander.

Wo die Nähe beschädigt ist, brauchen wir behutsame Annäherung. Oder auch mal einen Schritt zurück, „Abstand“ in dem Sinne, wie wir ihn früher verstanden haben. Als produktive Distanz. Damit man den anderen besser begreift. In vielen Fällen: Damit man verzeihen kann. Es ist so viel kaputt gegangen. Alles wird nicht zu kitten sein. Aber vieles.

Wenn, und jetzt kommt das, was mich zur Zeit am meisten beschäftigt, wir auf unsere Sprache achten. Sie ist eines der größten Opfer dieser Zeit. Laut, vulgär, verletzend ist sie einerseits geworden, im öffentlichen Diskurs, aber auch in vielen Familien, Nachbarschaften, Freundschaften. Klinisch und kalt andererseits ist die „Sprache der Pandemie“, die tief in den Alltag eingesickert ist.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welch Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Siehe oben: Das Zarte, Vorsichtige, die Genauigkeit in der Sprache zu retten. Die Sinnlichkeit. Kunst kann Totes wiederbeleben, Stille hörbar machen und Lärm in Sprache verwandeln. Und – es mag sich dramatisch und zugleich wie eine Binse anhören, aber ich habe es so erlebt, weiß es auch von anderen und Wahrheiten kann man nicht oft genug wiederholen – sie kann Leben retten. Ohne das Lesen und Schreiben wäre ich an manchen Tagen verrückt geworden. Anderen hilft die Musik, die bildende Kunst.

Und: Die Schönheit und andere Formen der Überwältigung lehren Demut. Die sollte uns gerade jetzt nicht verloren gehen. Damit wir all das nicht vergessen, was wir 2020 in diesem sonderbaren Frühjahr, eingesehen haben.

Was liest Du derzeit?

„Ich bin Circe“ von Madeleine Miller (Deutsch von Frauke Brodd) und immer wieder in den „Betrachtungen“ von Zadie Smith (übersetzt von Tanja Handels), die in der feinen Edition Plus erschienen sind. Außerdem jeden Morgen ein Gedicht, weil ich mir, als ich vor einem knappen Jahr mein erstes Smartphone anschaffte, drei Regeln auferlegt habe: Bevor ich es in die Hand nehme nach dem Erwachen, sehe ich einem geliebten Menschen ins Gesicht, schaue einige Minuten in den Himmel und lese ein Gedicht.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es ist die Wirklichkeit, welche die Möglichkeiten weckt.“ Mein ewiger Begleiter aus dem „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil.

Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Barbara Weitzel, Schriftstellerin

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Foto_Orlando El Mondry

15.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dieser Roman ist live aus dem Herzen geschrieben“ Peter Nitsche, Schauspieler_Romanjubiläum Malina_ Wien 19.8.2021

Peter Nitsche _ Schauspieler _
am Romanschauplatz Malina _ Wien

Ingeborg Bachmann ist mir natürlich von meiner Tätigkeit als Deutschlehrer vertraut. Persönliches Interesse rief bei mir ihr Feuertod 1973 hervor. Diese Form ist doch ein seltenes Zeichen, um aus dem Leben zu gehen. Ich begann mich dann mehr für ihr Leben zu interessieren.

Sehr berührt hat mich das offene Erzählen Ingeborg Bachmanns über ihre Kindheit und die erlittenen Traumata, aus denen sie nie ausbrechen konnte. Der übermächtige Vater aber auch ihre Kriegserfahrungen im Heranwachsen sind da zentral.

Diese toxischen Elemente ihrer Traumata hat sie wohl auch in ihren Beziehungen, vielleicht sogar zwanghaft, ausgelebt.

Wahrscheinlich hat Ingeborg Bachmann immer in ihrem Leben einen Mann gesucht, der nicht so ist wie der Vater.

Die Summe ihrer Erfahrungswerte haben für sie dann wohl gezeigt, dass es keinen Platz im Leben gibt und sie hat dann sehr deutlich den Weg der Flamme gewählt. Vielleicht auch mit der Idee, ich will nicht, dass von mir etwas körperlich überbleibt, außer dem, was ich geschrieben. Vielleicht war es dieses Statement. Jedenfalls geistert dies in meinem Kopf herum.

Ich habe viel über die Umstände ihres Todes und die Ereignisse wie Theorien darüber gelesen. Aber mein Hineinspüren führte mich zur Annahme des Freitodes. Das ist mir näher und schlüssiger. Ich weiß nicht warum, es ist aus dem Bauch heraus.

Das Beziehungsmodell im Roman kommt heute noch viel deutlicher zum Ausdruck. Denn die Frau in der Gesellschaft ist so viel Zerrissenheit ausgesetzt.

Mir ist jetzt in der Vorbereitung zu diesem Foto/Interviewtermin zu Malina noch ein Zitat Bachmanns im Kopf, in dem sie von der Krankheit der Männer spricht. Ich sprach dann auch mit einer Freundin darüber und sie meinte, dass Männer und Frauen gar nicht so unterschiedlich sind aber die Gesellschaft lässt uns auseinander driften.

Dass was Ingeborg Bachmann durchmachen musste und worüber sie im Roman Malina schreibt, das hat sich nicht überholt. Die Zerrissenheit geht weiter.

Wir Männer sind in großer Unsicherheit verhaftet und dies spürt die Frau.

Bei Ivan geht es bei der Frau im Roman vom momentanen Kick zur Co-Abhängigkeit und Abhängigkeit. Und dann kann sie nicht mehr anders als hinter ihm her zu sein. Bis Ivan Stopp sagt „dies ist mir zu viel“. Dies erlebt Frau heute auch und noch schneller.

Ein Mann zieht schon oft zu Beginn einer Begegnung den Mut wieder ein, weil er sagt, ich traue mich nicht mehr eine Beziehung einzugehen, mich zu spüren und in dieses Abenteuer der Liebe in Heute und Morgen zu gehen.

Der Mann sagt, „Beziehung – ich kann das nicht mehr, ich habe das vergessen wie es geht“. Und dreht sich dann am Morgen oder noch am Abend nach dem Glas Wien im Wirtshaus wieder um und geht.

Es gibt auch heute den draufgängerischen Liebhaber. Das fehlende Selbstbild ist allerdings noch stärker ausgeprägt und seine „Halbwertszeit“ in der Begegnung daher kürzer.

Der moderne Mann sucht sich selbst. Individuell wie in der Gesellschaft. Er ringt mit den vielen Bildern darin.

Wir Männer trauen uns nicht mehr, über uns selbst nachzudenken. Was wir wollen, wohin es gehen soll in Begegnung und Beziehung.

Was Bachmann und viele Kolleginnen über Frau, Mann, Gesellschaft schrieben, ist auch nach 50 Jahren hoch aktuell und dringend.

Das Bild der Männer im Roman ist nicht überzeichnet, das ist live aus dem Herzen geschrieben.

Das Kaputtsein des Mannes ist auch heute Zustand. Nur das Wie variiert. 

Wir Männer wollen so viel. Wir wollen geliebt sein und die Helden sein. Innerlich sind wir kaputt. Bachmann hatte recht.

Das Patriarchat, seine Geschichte, lastet heute schwer auf uns Männern.

Wo wird das Männer- und Frauenbild in 50 Jahren sein?

Eine Freundin sagte mit vor kurzem „ich halte meinen Mann nicht mehr aus“. Da ist kein Selbstbewusstsein, keine Kontur, nur Leere. Meine nächste Beziehung wird mit einer Frau sein.

Bachmann hat das Schweigen des Mannes gespürt. Diesen toten Winkel, der ein ganzer Raum eines Lebens und einer Beziehung sein kann. Und sie hat dagegengehalten mit aller Kraft.

Ivan konnte aus seiner Rolle nicht herausfinden. Es ist wohl das klassische Bild eines Narzissten.

Es sollte in einer Beziehung ein gemeinsames Lernen in Geduld und Vertrauen gehen. Auf Sicht kann es nur so funktionieren.

Es geht in einer Beziehung nicht um Überlegenheit. Beginnen wir damit aufzuhören.

Wir Männer sollen ehrlicher zu uns selbst sein. Reden wir über unsere Sorgen und Ängste.

Die Frauenwelt ist innerlich freier als jene der Männer. Der Roman zeigt das ja auch deutlich.

Wir sollten als Männer wieder bunter werden!

Peter Nitsche _ Schauspieler _
am Romanschauplatz Malina _ Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Peter Nitsche_Schauspieler_Wien _

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina_Wien.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_6_2020.

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„Wie wenig wichtig freie Künstler*innen in diesen Monaten politisch waren“ Marina Büttner, Schriftstellerin_Berlin 19.8.2021

Liebe Marina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tage beginnen sich wieder mehr zu füllen. Nachdem das Alleinleben in den letzten Monaten immer wieder auch zur Einsamkeit geworden ist, weitet sich nun wieder meine Welt. Ich hoffe, das bleibt so. Ausstellungen, Lesungen, Theater, Kino und die damit verbundenen oft zufälligen Begegnungen sind für mich essentiell und bieten Inspiration für meine Malerei und meine Lyrik.

Zwar bot die Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten letztlich einen günstigen Boden für einen Bilderzyklus, im Schreiben hingegen fehlten oft die Worte, gab es jedoch viele kurze handschriftliche Notizen an mich selbst, kaum Gedichte.

Nach wie vor gibt es aber bei mir keinen geregelten Tagesablauf.

Marina Büttner, Schriftstellerin, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht für alle sprechen, das liegt mir fern. Für mich geht es vor allem darum, den Fokus auf das, was mich trägt im Leben, nicht zu verlieren, mein Potenzial weiter ans Licht zu bringen und mich nicht auf meinem Weg beirren zu lassen. Aufrecht sein, in meiner Kraft, sensibel bleiben. Malen und Schreiben, wie es aus der Quelle entspringt, am besten in Verbundenheit mit allem Ursprung.

Und ein Wunsch zumindest für alle: sich schon während des Lebens mit dem  Sterben und dem Tod zu beschäftigen, die eigene Vergänglichkeit nicht einfach auszublenden ist meiner Erfahrung nach hilfreich.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Obwohl ich eher zu Pessimismus neige, hoffe ich, dass die Kultur weiter Bestandteil des Lebens vieler bleibt. Kunst und Literatur bringen Menschen zum Nachdenken, zur Selbstreflexion, bringen Inspiration und bereichern und prägen das Leben in hohem Maße. Da dies meist nicht unmittelbar oder sofort sichtbar geschieht, wird dem oft zu wenig Gewicht beigemessen.

Wie wenig wichtig freie Künstler in diesen Monaten scheinbar waren, zeigt leider die Vernachlässigung durch die Politik. Ich weiß gar nicht, wie und ob die meisten das überstanden haben. Das wird sich bald zeigen. Ich finde es jedenfalls inakzeptabel, dass Künstler, die bisher von ihrem Beruf leben konnten, sich in dieser Zeit als, was weiß ich, Impfhelfer oder Pizzabote etc. verdingen oder HartzIV beantragen mussten. Auch wenn es naiv klingt, gerade bei Künstlern scheint mir Beruf doch auch Berufung. Ich wünsche mir sehr, dass gerade auch Frauen da mehr Akzeptanz und Wertschätzung erfahren.

Was liest Du derzeit?

Fast immer mehrere Bücher gleichzeitig. Roman und Lyrik. Derzeit beschäftige ich mich wieder mit Christine Lavant und endlich auch mit Inger Christensen. Dazu kommen die überwältigenden Erzählungen der Schweizerin Adelheid Duvanel, die vor allem Porträts von Menschen zeichnet, die irgendwie gescheitert oder gar aus dem Leben gefallen sind. Mit solchen Existenzen fühle ich mich verbunden. Dazu kommen noch die ganz neuen Lyrikbände von Eva Maria Leuenberger und Ulrich Koch.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Etel Adnan habe ich auch gerade entdeckt. Von ihr stammt dieses kurze Zitat:

„Schreiben stammt aus einem Dialog
mit der Zeit: es besteht
aus einem Spiegel, in dem das Denken
entblößt wird und sich
nicht mehr erkennt.“

Vielen Dank für das Interview liebe Marina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Marina Büttner, Schriftstellerin, Künstlerin

Marina Büttner (marinabuettner.de)

Foto_privat.

23.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.comVeröffentlicht unter Allgemein | Kommentar 

„Die Kunst lässt uns unsere Emotionen erleben, ohne sie zu verstecken“ Fabienne Swoboda, Tänzerin_Wien 18.8.2021

Liebe Fabienne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag ist anders. Manchmal habe ich Termine und mehr äußere Struktur, mal schaffe ich mir die Struktur selbst, mal durchlebe ich einen Tag gänzlich ungeplant. Die einzigen fixen Bestandteile sind Kaffee, Bewegung und Interaktionen mit anderen Menschen.

Fabienne Swoboda, Tänzerin, Tanztherapeutin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Weniger tun, mehr fühlen. Damit wir unsere Bedürfnisse erkennen und sie in Folge auch kommunizieren können. Bewusst Unterstützung suchen, uns nicht verschließen. Offen bleiben, wenn wir unsicher sind. Stark sein, indem wir uns verletzlich zeigen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Wir können vor einem Aufbruch stehen, wenn wir es zulassen, wenn wir uns dafür entscheiden. Wenn wir nicht darauf beharren, dass wir Recht haben, sondern versuchen, die anderen zu verstehen und uns eingestehen, dass wir nicht alles wissen.

Die Kunst, der kreative Ausdruck, das Spiel, lässt uns unsere Emotionen erleben, ohne sie zu verändern oder zu verstecken. In der freien Bewegung innerhalb der Tanztherapie haben wir einen sicheren Rahmen, in dem wir Gedanken und Verhalten ausprobieren können. Wir müssen nicht das tun, von dem wir denken, dass es richtig ist – eigentlich müssen wir gar nichts tun. Wir dürfen einfach sein. Richtig und falsch bekommen eine andere Bedeutung: es geht nicht darum, wie etwas aussieht, sondern wie es sich anfühlt.

Wir lernen auf uns selbst zu hören und wir schulen unsere Empathie, gegenüber uns selbst und gegenüber anderen. Dann können wir die Schuldzuweisungen sein lassen und in gemeinsamer Verantwortung handeln.

Was liest Du derzeit?

Bitch Doctrine, Laurie Penny

Tanz – Prozesse – Gestalten, Anna Halprin

Bad Feminist, Roxane Gay

The Impossibility of Knowing, Jackie Gerrard

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Powerlessness is the inability to control what happens to us. […] Power is the ability to do what you need to do in an open, balanced and loving body.“ (Paul Linden)

Fabienne Swoboda, Tänzerin, Tanztherapeutin

Vielen Dank für das Interview liebe Fabienne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Fabienne Swoboda, Tänzerin, Tanztherapeutin

http://www.fabienneswoboda.at/de/

Fotos_Matteo Sanders

19.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„In der Liebe gibt es kein „das passiert mir nie““ Siena Freebird Lindem, Schauspielerin _ Romanjubiläum Malina_Wien 17.8.2021

Siena Freebird Lindem, Schauspielerin _
am Romanschauplatz Malina

Orte bedeuten für mich Raum, Freiraum. Das ist für mich sehr wichtig. Etwa am Meer zu sitzen und diese gleichsam unendliche Weite zu sehen, das bedeutet mir viel.

Orte bedeuten auch Ruhe. In der Natur, im Wald. Es ist gleichsam ein Hineingehen in die Seele der Welt, ein Spüren, Aufnehmen, Wiederfinden.

Plätze, Höfe, Gassen in einer Stadt sind sehr schön. Besonders der historische Stadtkern, die engen Gassen. Diese Geschichte in Architektur und ursprünglichem Lebensraum hat etwas sehr Anziehendes, da ist auch Individualität zu spüren. Es lässt wandeln und träumen. Es ist auch eine Form von Weite.

Eine Stadt ist ein vielfältiger Lebensraum, der Begegnung, Austausch aber auch Rückzug in Anonymität ermöglicht.

Als Kind gab es einen Eislaufplatz, von dem man in ein altes Haus sehen könnte. Hinter einer Glasfront war eine Holzgalerie zu sehen. Ich war von diesem mystischen Ort fasziniert. Beim Eislaufen sah ich immer dorthin (lacht).

Ein Ort muss für mich ein Geheimnis haben, dann ist er interessant.

In der Schule gab es einen Raum, der hinter einem Vorhang verborgen war. Ich war sehr neugierig was da sein könnte. Es war für mich ein Fantasieimpuls und ich wollte gar nicht wissen was dahinter ist, um nicht diesen Zauber zu zerstören.

Alte Türen, Zugänge zu Räumen, Orten sind für mich faszinierend.

An Orten begegnen wir uns selbst. Es sind auch Türen, die sich nach innen öffnen.

Die Rückkehr an ehemalige Wohn- und Lebensorte ist wie ein Nachhause- Kommen. Es gibt da ein Waldstück in der Nähe eines ehemaligen Wohnortes, da kehre ich immer wieder gerne zurück. Orte sind stille wie verlässliche Wegbegleiter, die immer da ist und willkommen heißen.

Ich habe als Kind viel geschrieben. Das waren kurze Erzählungen, Gedankenstücke, Theaterideen. Die Schulstunden, in denen es um Märchen, Erzählungen ging, waren für mich sehr interessant und begeisternd. Das waren meine liebsten Stunden und ich hatte da auch gute Noten (lacht).

Mein Weg zum Theater führte über das Tanzen. Meine Lehrerin, Choreografin ermöglichte dann uns Kindern kleine Rollen am Stadttheater. Mit dreizehn Jahren spielte ich dann in „Die Schneekönigin“ eine Hauptrolle. Das war eine große Freude für mich und ein starker Impuls für den weiteren künstlerischen Weg.

Später war dann das Puppentheater ein neuer Zugang für mich zur Bühne. Über dieses Marionettentheater führte dann mein Weg zur Theatergruppe in Kottingbrunn. Das ist eine sehr coole Sache mit spannenden Produktionen. Da waren etwa in den letzten Jahren „Wie im Himmel“ (Kay Pollak), „Der Bockerer“  oder „Der Verschwender“ (Ferdinand Raimund) dabei.

Theaterspielen ist einfach Freude pur. Die Bühne, das Miteinander, der Applaus des Publikums. Das ist einfach geil.

Ich fühle mich auf der Bühne sehr wohl. Es ist als würde ich dort hingehören.

Mode hat mich auch immer interessiert. Ich habe schon als Kind genäht, gehäkelt, kreiert. Jetzt in späteren Jahren dazu einen Ausbildungsweg zu finden, war schwierig, aber es tat sich dann doch eine Möglichkeit auf und ich bin sehr glücklich darüber.

Die Dreieckskonstellation zwischen der Frau, Ivan und Malina im Roman Ingeborg Bachmanns könnte natürlich auch heute so sein. Liebe ist zeitlos, das Glück wie die Verwicklungen werden sich nie verändern. Das ist auch der Grund warum „Romeo und Julia“ immer noch gespielt wird (lacht).

Es gibt unerfülltes Begehren wie das Zueinander-Finden für ein Leben. Und es gibt das Hüpfen zu-, mit- und voneinander. Die Beziehungswelt ist bunt wie wir Menschen.

In der Liebe gibt es kein „das passiert mir nie“. Jedem kann alles passieren. Da gibt es keine Stärke, kein Selbstbewusstsein, die Fehler verhindert.

Liebe bedeutet Unterstützung für den Weg des anderen. Das Stützen und Heben des Anderen, gerade auch im beruflichen Weg. Ich habe das leider nicht immer erfahren.

Unabhängigkeit, etwas selbst zu schaffen, das macht Leben und Liebe im Kern aus. Alles was dazukommt ist ein Bonus.

Das was ich versuche aufzubauen, bleibt bei mir, was immer das ist (lacht).

Wenn man „Ivans“ nicht mehr erträgt, sollte man es beenden. Aber es ist nicht nur mit Vernunft zu lösen.

Auch Gegensätze können perfekt zusammenpassen. Kontraste sind spannend. Die Mode ist ja da das beste Beispiel.

Über den Roman „Malina“ gab es jetzt für mich einen ersten Zugang zu Ingeborg Bachmann. Ich finde die Konstruktion des Romans in Lebens-, Liebeswirklichkeit wie auch Traumsequenzen sehr spannend.

Seinen Weg gehen, sich nicht abbringen lassen, das ist in Liebe wie Beruf sehr wichtig.

Das Herz öffnen für die Liebe ist ganz wichtig. Das Leben sollte kein Egotrip sein.

Vom Anderen etwas annehmen können, ohne sich aufzugeben.

Es gibt immer Phasen, in denen ich sehr viel lese und Neues entdecke. Ich kaufe gerne Bücher. Jetzt sind auch Fachbücher zu Mode dabei. Ich liebe Bücher, sehe sie auch gerne an. Als Kind habe ich meine Bücher immer mit Hingabe sortiert.

Wenn sich zwei Wege auftun, ist der Zwischenweg mein Weg (lacht).

Siena Freebird Lindem, Schauspielerin _
am Romanschauplatz Malina

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Siena Freebird Lindem_Schauspielerin_Wien 

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_6_2020.

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„Man will sich beim Marillenkuchen nicht den Kopf über den Klimawandel zerbrechen“ Margarita Kinstner, Schriftstellerin_Graz 17.8.2021

Liebe Margarita, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich müsste ich sagen: Es hat sich nichts verändert. Ich stehe auf, frühstücke mit meinem Mann, setze mich an den Schreibtisch … Wenn wir in unseren Räumen Kameras installiert hätten, würden diese beinahe dieselben Szenen aufzeichnen wie im Feber 2020, nur mit dem Unterschied, dass mein Mann nun auch an Schultagen öfters durchs Bild läuft.

Was fehlt, sind die Momente abseits der Routine. Die Kino- und Theaterabende, die Verabredungen zum Kaffee, die Redaktionssitzungen, die Lesungen, die Verlagsfeste, die Möglichkeit, spontan in einen Zug zu steigen und die Tapeten zu wechseln … Ich habe mir das lange nicht eingestanden, aber dieser Stillstand »dort draußen« entmutigt, demotiviert und macht Angst.

Margarita Kinstner, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht für alle sprechen. Ich persönlich habe festgestellt, dass mich der fehlende Input träge und dumpf (und auch dumm) macht. Was es jetzt braucht, sind wieder ein paar »echte« Kontakte und Eindrücke – abseits von Google Meet, Zoom, Skype, Facebook & Co. Sonst wird man schrullig.

Und sonst? Abwarten und Tee trinken. (Oder auch ein Glas Martini oder Rotwein.)

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich habe nicht das Gefühl, dass ein Aufbruch bevorsteht. Die Menschen rund um mich scheinen sich eher in eine Welt vor 2020 zurückzusehnen. Man spricht über Reisen, die man antreten möchte, über sensationell billige Flüge, über das Bier, das beim Wirt ums Eck schon wieder teurer geworden ist …  Sobald ich meine kleine Blase verlasse, sind kritische Themen unerwünscht. Man will sich beim Marillenkuchen nicht den Kopf über sterbende Kleinunternehmen, steigende Kinderarmut, fehlende Chancengleichheit oder den Klimawandel zerbrechen.

Literatur und Kunst können Diskurse anregen und neue Denkwelten eröffnen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass das alles nur in einem sehr kleinen Kreis stattfindet. In den meisten Wohnzimmern ist nicht mal ein kritischer Tatort erwünscht. Und bei Familienzusammenkünften muss ich mir mehr denn je anhören, dass ich mir endlich einen »ordentlichen Job« suchen soll – und dass ich aufhören soll, so »blind und naiv« zu sein und links zu wählen.

Was liest Du derzeit?

Im Moment das Jugendbuch »Esther und Salomon« von Elisabeth Steinkellner, »Es muss schreien, es muss brennen« von Leslie Jamison und »Anatomie im Zimmer« von Stanka Hrastelj.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Auf meinem Schreibtisch steht eine Postkarte, die mir mal eine liebe Freundin geschenkt hat. Auf der steht: »Gib alles, außer auf.« Das hilft manchmal.

Margarita Kinstner, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Margarita, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Margarita Kinstner, Schriftstellerin

Margarita Kinstner | Literatur (margarita-kinstner.com)

Alle Fotos_Hannes Puntigam

18.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Literatur und Kunst werden neue Ausdrucksformen erkunden“ Katharina Angus, Schriftstellerin_Berlin 16.8.2021

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Am Morgen eines Tages, der für Schreiben reserviert ist, setze ich mich direkt, noch vor dem ersten Kaffee, an einen Text. Daran arbeite ich bis in den Nachmittag. Zu späteren Stunden lässt die Konzentration nach, dann widme ich mich etwas Anderem.
Insgesamt unterscheiden sich meine Tagesabläufe sehr stark voneinander, je nachdem, was gerade auf der Agenda steht. Für meine journalistische Tätigkeit führe ich Interviews und recherchiere. Das bildet einen schönen Gegenpol zur In-sich-Versunkenheit beim fiktiven Schreiben und liefert diesem Material, weil es mir unbekannte Lebenswirklichkeiten und Sprachsysteme nahebringt.
Abends treffe ich oft Freunde oder besuche Veranstaltungen.

Katharina Angus, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wahrscheinlich haben sich die Auswirkungen der Corona-Krise noch nicht in vollem Ausmaß gezeigt. Natürlich kann man das Nachfolgende nicht generalisieren, aber ich denke, dass viele von uns eine Art „Zeitkapsel-Effekt“ erleben. Die russische Künstlergruppe „Chto Delat“ hat vor ein paar Jahren in einer Ausstellung das Bild der „Zeitkapsel“ im Zusammenhang mit politischen Systemen verwandt, in denen es aktuell keinen Handlungsspielraum gibt.
Corona brachte vor allem äußere Handlungsunfähigkeit mit sich, die einer fortschreitenden intensiven inneren Entwicklung zuwiderlief. Daraus sind Brüche entstanden: man verläuft zu sich selbst nicht mehr synchron. Um die Verbindung wiederherzustellen, braucht es jetzt den Austausch mit anderen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wenn man von einer dagewesenen Gleichzeitigkeit von Unterbrechung und Beschleunigung gesellschaftlicher Prozesse ausgehen möchte, wird es interessant sein, zu beobachten, auf welche Weise Literatur und Kunst neue Sprachmuster und Ausdrucksformen für diesen Zustand und seine Folgen erkunden werden.
In der Vor-Corona Zeit handelten plötzlich zahlreiche zeitgenössische Texte junger Autor*innen von Protagonist*innen, die in Schränken oder Zimmern leben, die sie aus verschiedenen Gründen nicht mehr verlassen können. Mir scheint, als hätte die Literatur die Zeit des Rückzugs damals bereits vorweggenommen.
Nun bin ich gespannt, wie sich das Gefühl, diese Beengtheit überwunden zu haben, bahnbrechen wird; ob wir beispielsweise in nächster Zeit weniger selbstreflexive Texte sehen werden, oder, im Gegenteil, einen verstärkten Trend zur Innenschau.

Was liest Du derzeit?

Auf meinem Nachttisch liegen „Krokodile“, von Angie Volk und „Der Fuchs war immer schon ein Jäger“, von Herta Müller. Ansonsten lese ich viel durcheinander; hier eine Seite Setz, dort einen Absatz Musil.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Passend zur Situation, obwohl man des titelgebenden Wortes überdrüssig ist:

„“Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,

daß der Unrast ein Herz schlägt.

Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.“

Paul Celan: Corona

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Katharina Angus, Schriftstellerin

Katharina Angus – MusilMuseum

Foto_privat.

15.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ich wünsche mir ganz viel Mut und Zärtlichkeit“ Frauke Angel, Schriftstellerin_ Dresden 15.8.2021

Liebe Frauke, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe um 5.40 Uhr auf, trinke Kaffee und verlasse dann neuerdings das Haus, um zu schreiben. Nach über einem Jahr der Pandemie, in der ich es mir finanziell eigentlich überhaupt nicht leisten kann, habe ich mich entschlossen, mir einen externen Raum anzumieten und Haushalt, Homeoffice und Homeschooling zu verlassen. Wie für viele Frauen, die auch Mütter sind, hat sich das letzte Jahr als ein Alptraum entpuppt. Ich kenne kaum eine Freundin oder Kollegin, die inzwischen nicht enderschöpft und voller Existenzängste ist. Panikattacken, Herzrhythmusstörungen, Schlafprobleme, Blockaden … Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen, Physiotherapeut*innen können sich vor lauter Arbeit an unseren Burnons und Burnouts nicht retten. Seltsamerweise hat das gesellschaftlich bisher aber rein gar nichts verändert. Die Schulen (nicht die Lehrer*innen!) gehen zum zweiten Mal unvorbereitet in die Sommerpause. Ich habe weder den Mindestlohn für die 300 bis 800 Schulstunden, die im Schulbetrieb pro Kind (!) ausgefallen sind, die zusätzliche Care-Arbeit, die ich zu Hause geleistet habe und schon gar nicht meine ausgefallenen Honorare vergütet bekommen. Und obwohl ich ein Jahr ausschließlich in den eigenen Wänden verbracht habe, hatte ich weder Zeit Brot zu backen, noch Zeit einen Achtsamkeitskalender zu basteln. Die nehme ich mir jetzt. Ich entziehe mich der permanenten Verfügbarkeit und erkläre damit meinen Beruf und meine Gesundheit für systemrelevant.

Frauke Angel, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für alle Menschen wichtig ist, kann ich nicht sagen. Ich kenne die nicht. Und werde vermutlich sterben, bevor ich auch nur einen Bruchteil von ihnen kennengelernt habe. Wobei der Tod mir dabei sogar tröstlich erscheint. Denn bei dem Gedanken an Unsterblichkeit würde ich anhand der To-Do-Liste mit Aufgaben, die jetzt dringend anzugehen sind, wahrscheinlich verrückt werden.

Was für mich persönlich wichtig ist, kann ich allerdings sagen. Kultur ist wichtig. Menschen sind wichtig. Zuhören ist wichtig. Aber ebenso Aktivismus. Ich zitiere Susan Sonntag: „Wir müssen lernen, mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr zu fühlen.“  Ich bin bereit.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich weiß nicht, ob Kunst überhaupt eine Rolle spielen wird. Denn dazu müsste die ja erstmal zugänglich für alle sein. Ich persönlich will mir Kunst leisten. Ich bin ausgehungert. Aber jemand, dessen Kühlschrank leer ist, der sich Sorgen macht wie die Kinder den Anschluss an Schule oder Freund*innen wiederfinden, jemand, der während der Pandemie seine Arbeit oder gar einen Menschen verloren hat, für den mag Kunst eine untergeordnete Rolle spielen. Denn diese Menschen machen sich gerade wohl mehr Sorgen und Gedanken über ihren persönlichen Untergang, als um den gesellschaftlichen Aufbruch. Der wiederum könnte meiner Meinung nach vielleicht gelingen, wenn Kunst genau diese Geschichten von genau diesen Menschen erzählt. Denn die sind weltweit in der Überzahl. Und dafür wünsche ich mir ganz viel Mut, Radikalität und Zärtlichkeit von allen Kunstschaffenden. Und natürlich eine angemessene Bezahlung für unsere Arbeit. Dann kann das was werden.

Was liest Du derzeit?

„Marzahn, mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin“ von Katja Oskamp. „Über Menschen“ von Juli Zeh. „Was das Leben kostet“ von Deborah Levy.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Be the woman you needed as a girl. – Denn ich habe neuerdings einen Achtsamkeitskalender über meinem Schreibtisch hängen. Selbstgebastelt.

Frauke Angel, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Frauke, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Frauke Angel, Schriftstellerin

Frauke Angel | Autorin

Alle Fotos_Sören Grochau

15.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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