„Ich wünsche mir ganz viel Mut und Zärtlichkeit“ Frauke Angel, Schriftstellerin_ Dresden 15.8.2021

Liebe Frauke, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe um 5.40 Uhr auf, trinke Kaffee und verlasse dann neuerdings das Haus, um zu schreiben. Nach über einem Jahr der Pandemie, in der ich es mir finanziell eigentlich überhaupt nicht leisten kann, habe ich mich entschlossen, mir einen externen Raum anzumieten und Haushalt, Homeoffice und Homeschooling zu verlassen. Wie für viele Frauen, die auch Mütter sind, hat sich das letzte Jahr als ein Alptraum entpuppt. Ich kenne kaum eine Freundin oder Kollegin, die inzwischen nicht enderschöpft und voller Existenzängste ist. Panikattacken, Herzrhythmusstörungen, Schlafprobleme, Blockaden … Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen, Physiotherapeut*innen können sich vor lauter Arbeit an unseren Burnons und Burnouts nicht retten. Seltsamerweise hat das gesellschaftlich bisher aber rein gar nichts verändert. Die Schulen (nicht die Lehrer*innen!) gehen zum zweiten Mal unvorbereitet in die Sommerpause. Ich habe weder den Mindestlohn für die 300 bis 800 Schulstunden, die im Schulbetrieb pro Kind (!) ausgefallen sind, die zusätzliche Care-Arbeit, die ich zu Hause geleistet habe und schon gar nicht meine ausgefallenen Honorare vergütet bekommen. Und obwohl ich ein Jahr ausschließlich in den eigenen Wänden verbracht habe, hatte ich weder Zeit Brot zu backen, noch Zeit einen Achtsamkeitskalender zu basteln. Die nehme ich mir jetzt. Ich entziehe mich der permanenten Verfügbarkeit und erkläre damit meinen Beruf und meine Gesundheit für systemrelevant.

Frauke Angel, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für alle Menschen wichtig ist, kann ich nicht sagen. Ich kenne die nicht. Und werde vermutlich sterben, bevor ich auch nur einen Bruchteil von ihnen kennengelernt habe. Wobei der Tod mir dabei sogar tröstlich erscheint. Denn bei dem Gedanken an Unsterblichkeit würde ich anhand der To-Do-Liste mit Aufgaben, die jetzt dringend anzugehen sind, wahrscheinlich verrückt werden.

Was für mich persönlich wichtig ist, kann ich allerdings sagen. Kultur ist wichtig. Menschen sind wichtig. Zuhören ist wichtig. Aber ebenso Aktivismus. Ich zitiere Susan Sonntag: „Wir müssen lernen, mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr zu fühlen.“  Ich bin bereit.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich weiß nicht, ob Kunst überhaupt eine Rolle spielen wird. Denn dazu müsste die ja erstmal zugänglich für alle sein. Ich persönlich will mir Kunst leisten. Ich bin ausgehungert. Aber jemand, dessen Kühlschrank leer ist, der sich Sorgen macht wie die Kinder den Anschluss an Schule oder Freund*innen wiederfinden, jemand, der während der Pandemie seine Arbeit oder gar einen Menschen verloren hat, für den mag Kunst eine untergeordnete Rolle spielen. Denn diese Menschen machen sich gerade wohl mehr Sorgen und Gedanken über ihren persönlichen Untergang, als um den gesellschaftlichen Aufbruch. Der wiederum könnte meiner Meinung nach vielleicht gelingen, wenn Kunst genau diese Geschichten von genau diesen Menschen erzählt. Denn die sind weltweit in der Überzahl. Und dafür wünsche ich mir ganz viel Mut, Radikalität und Zärtlichkeit von allen Kunstschaffenden. Und natürlich eine angemessene Bezahlung für unsere Arbeit. Dann kann das was werden.

Was liest Du derzeit?

„Marzahn, mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin“ von Katja Oskamp. „Über Menschen“ von Juli Zeh. „Was das Leben kostet“ von Deborah Levy.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Be the woman you needed as a girl. – Denn ich habe neuerdings einen Achtsamkeitskalender über meinem Schreibtisch hängen. Selbstgebastelt.

Frauke Angel, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Frauke, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Frauke Angel, Schriftstellerin

Frauke Angel | Autorin

Alle Fotos_Sören Grochau

15.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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