„Wie wenig wichtig freie Künstler*innen in diesen Monaten politisch waren“ Marina Büttner, Schriftstellerin_Berlin 19.8.2021

Liebe Marina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tage beginnen sich wieder mehr zu füllen. Nachdem das Alleinleben in den letzten Monaten immer wieder auch zur Einsamkeit geworden ist, weitet sich nun wieder meine Welt. Ich hoffe, das bleibt so. Ausstellungen, Lesungen, Theater, Kino und die damit verbundenen oft zufälligen Begegnungen sind für mich essentiell und bieten Inspiration für meine Malerei und meine Lyrik.

Zwar bot die Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten letztlich einen günstigen Boden für einen Bilderzyklus, im Schreiben hingegen fehlten oft die Worte, gab es jedoch viele kurze handschriftliche Notizen an mich selbst, kaum Gedichte.

Nach wie vor gibt es aber bei mir keinen geregelten Tagesablauf.

Marina Büttner, Schriftstellerin, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht für alle sprechen, das liegt mir fern. Für mich geht es vor allem darum, den Fokus auf das, was mich trägt im Leben, nicht zu verlieren, mein Potenzial weiter ans Licht zu bringen und mich nicht auf meinem Weg beirren zu lassen. Aufrecht sein, in meiner Kraft, sensibel bleiben. Malen und Schreiben, wie es aus der Quelle entspringt, am besten in Verbundenheit mit allem Ursprung.

Und ein Wunsch zumindest für alle: sich schon während des Lebens mit dem  Sterben und dem Tod zu beschäftigen, die eigene Vergänglichkeit nicht einfach auszublenden ist meiner Erfahrung nach hilfreich.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Obwohl ich eher zu Pessimismus neige, hoffe ich, dass die Kultur weiter Bestandteil des Lebens vieler bleibt. Kunst und Literatur bringen Menschen zum Nachdenken, zur Selbstreflexion, bringen Inspiration und bereichern und prägen das Leben in hohem Maße. Da dies meist nicht unmittelbar oder sofort sichtbar geschieht, wird dem oft zu wenig Gewicht beigemessen.

Wie wenig wichtig freie Künstler in diesen Monaten scheinbar waren, zeigt leider die Vernachlässigung durch die Politik. Ich weiß gar nicht, wie und ob die meisten das überstanden haben. Das wird sich bald zeigen. Ich finde es jedenfalls inakzeptabel, dass Künstler, die bisher von ihrem Beruf leben konnten, sich in dieser Zeit als, was weiß ich, Impfhelfer oder Pizzabote etc. verdingen oder HartzIV beantragen mussten. Auch wenn es naiv klingt, gerade bei Künstlern scheint mir Beruf doch auch Berufung. Ich wünsche mir sehr, dass gerade auch Frauen da mehr Akzeptanz und Wertschätzung erfahren.

Was liest Du derzeit?

Fast immer mehrere Bücher gleichzeitig. Roman und Lyrik. Derzeit beschäftige ich mich wieder mit Christine Lavant und endlich auch mit Inger Christensen. Dazu kommen die überwältigenden Erzählungen der Schweizerin Adelheid Duvanel, die vor allem Porträts von Menschen zeichnet, die irgendwie gescheitert oder gar aus dem Leben gefallen sind. Mit solchen Existenzen fühle ich mich verbunden. Dazu kommen noch die ganz neuen Lyrikbände von Eva Maria Leuenberger und Ulrich Koch.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Etel Adnan habe ich auch gerade entdeckt. Von ihr stammt dieses kurze Zitat:

„Schreiben stammt aus einem Dialog
mit der Zeit: es besteht
aus einem Spiegel, in dem das Denken
entblößt wird und sich
nicht mehr erkennt.“

Vielen Dank für das Interview liebe Marina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Marina Büttner, Schriftstellerin, Künstlerin

Marina Büttner (marinabuettner.de)

Foto_privat.

23.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.comVeröffentlicht unter Allgemein | Kommentar 

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