„Es ist schön zu sehen, dass mehr Frauen Regie führen“ Lara Bumbacher, Schauspielerin_ Wien 27.8.2021

Liebe Lara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit etwa drei Monaten ist mein Tagesrhythmus sehr unstet, ich bin viel unterwegs und kaum ein Tag gleicht dem anderen. Zurzeit bin ich gerade im Urlaub in der Schweiz, habe heute einige organisatorische Dinge erledigen müssen, lerne Text für Wiederaufnahmen, daneben lese ich viel, gehe wandern und genieße den (leider hier sehr verregneten) Sommer.

Lara Bumbacher_Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nähe. Empathie. Vertrauen.

Ich glaube wir müssen wieder lernen, dass wir einander brauchen. In der ganzen Zeit der Distanz und Isolation wurde klar: Man kann auch mit sehr wenigen Kontakten existieren. Für mich war es aber bloß existieren und nicht wirklich leben. Menschen sind alles was wir haben ­- ich glaube Glück, Freude, alles was das Leben lebenswert macht, wird erst real wenn wir es teilen können.

Wir haben uns – sowohl politisch als auch privat so sehr voneinander distanziert: Aufgeheizte Diskussionen, Verschwörungstheorien und dass jeder glaubt die Wahrheit zu haben. Das ist in einer Krise natürlich nachvollziehbar. Nun ist es an der Zeit, sich wieder gesamtgesellschaftlich zusammenzuraufen. Covid hat gezeigt, dass man durchaus in der Lage ist auf Krisen zu reagieren. Es ist nun allerhöchste Zeit auf die Klimakatastrophe genauso entschieden und ernsthaft zu reagieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich weiß gar nicht ab wann wir tatsächlich von einem Neubeginn sprechen können. Natürlich hoffe ich darauf, dass wir sobald wie möglich zu einer Normalität zurückkehren können. Seit dieser Pandemie bin ich allerdings viel vorsichtiger geworden mit meinem Optimismus oder meinen Prognosen wie lange das alles dauern wird. Ich glaube, für einen Neubeginn braucht es ein Bewusstsein, dass eine komplette Rückkehr in alte Systeme toxisch wäre. Das betrifft ganz viele Lebensbereiche: Umweltpolitisch muss endlich gehandelt werden, es scheint glücklicherweise eine neue Sensibilisierung zu entstehen bezüglich Rassismus und Homophobie in unserer Gesellschaft und ich hoffe es wird auch (wie man zurzeit bei Olympia sieht) mehr und mehr ein Verständnis für mentale Gesundheit und deren Auswirkungen entstehen.

Auch im Theaterbereich scheint sich langsam ein Wandel zu vollziehen. Es ist schön zu sehen, dass mehr Frauen Regie führen, neue Führungsformen wie Co-Intendanzen entstehen und es mehr Diversität gibt. Aber da gibt es noch viel zu tun. Ich glaube, die Rolle des Theaters im Allgemeinen wird sich nicht verändern. Was allerdings spannend wird, ist, ob sich Leute nach der ganzen Zeit des digitalen Erlebens wieder vermehrt auf Liveveranstaltungen freuen und diese auch wahrnehmen? Was mich betrifft finde ich Theaterstreams und dergleichen zwar keine schlechte Idee, aber meiner Meinung nach haben sie haben nicht wirklich was mit Theater, so wie ich es liebe, zu tun. Gutes Theater entsteht aus einer Wechselwirkung mit einem Publikum und sowas kann man per Kamera gar nicht gebührend einfangen. Ich bin gespannt, ob nun vermehrt das Bedürfnis entsteht, sich wieder real etwas anzuschauen. Wünschenswert wäre es.

Was liest Du derzeit?

Ich habe die Angewohnheit, meist mehrere Bücher gleichzeitig zu lesen. Sofern sie thematisch nicht allzu ähnlich sind, funktioniert das für mich sehr gut. Ich habe gerade „Detransition Baby“ von Torrey Peters abgeschlossen. Ein Buch in dem sich zwei Transfrauen und eine Cis-Frau überlegen, gemeinsam ein Kind großzuziehen. Absolut empfehlenswert! Daneben lese ich gerade „White Teeth“ von Zadie Smith und „Orlando“ von Virginia Woolf.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Change is not a threat to your life, but an invitation to live.” – Von Adrienne Rich. Ich bin im ersten Lockdown über dieses Zitat gestolpert und war damals beinahe wütend oder verzweifelt als ich es gelesen habe, weil ich mir gedacht habe: Diese «Veränderung» oder dieser Lockdown ist es ja gerade, was diesen Stillstand in mir auslöst, beziehungsweise was mich vom Leben abhält. Ich glaube jedoch, Krisen bieten die Chance, zu reflektieren was man wirklich will im Leben. Man sieht, wie vieles im Leben nicht selbstverständlich ist und was einem wirklich wichtig ist. Es gibt keine Garantie oder Absicherung für irgendetwas und sofern sich Chancen auftun sollte man sie ergreifen, statt ständig zu zögern.

Lara Bumbacher_Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Lara, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Film-, Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lara Bumbacher, Schauspielerin

Fotos_1&4 Barbara Maria Hutter; 2 Christina Nerea Burger; 3 Paul Vincenth Schütz.

4.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Qualitäten von Frau und Mann zulassen“ May Garzon, Schauspielerin_ Romanjubiläum Malina _ Wien 26.8.2021

May Garzon, Schauspielerin
_am Romanschauplatz Malina _ Wien

Orte beschäftigten mich gerade bei meinem Umzug letztes Jahr sehr. Es sind für mich Erinnerungen.

Persönliche Erinnerungen machen einen Ort besonders. Ein Ort mag für andere unscheinbar sein aber bei mir schlägt dann in jedem Vorbeigehen mein Herz höher.

Das Wort Heimat kommt mir jetzt in den Sinn. Es ist für mich aber gar nicht so ortsbezogen, weil meine Familie immer weit gewohnt hat.

Wien ist meine Heimat geworden, die ich in den letzten Jahren sehr zu schätzen gelernt habe. Wien hat etwa unglaublich viel kulturell zu bieten.

Wien erzählt sehr viel. Am Morgen oder in der Nacht besonders. Ich spaziere da sehr gern. Da ist so viel Ruhe und Kraft zu spüren.

Ich stelle mir oft vergangenes Leben in der Stadt vor, wenn ich ein Gebäude oder eine Gedenktafel sehe. Es ist besonders wie Zeit und Raum ineinander greifen.

Wien hat so viel verschiedene Seiten, das mag ich an Wien. Und ich vermisse dies jetzt schon, plane auch bald wieder auf einen Besuch zu kommen. Ich versuche das Pflaster langsam abzureißen (lacht).

Der Ort, an dem man aufwächst, ist immer mit gemischten Gefühlen verbinden. Es ist immer eine Form von Hassliebe.

Ich finde es extrem spannend neue Orte zu entdecken. Oder Orte, die ich sehr gut kenne, neu zu entdecken.

In Wien gibt es so viel Geschichte, Tradition, Schönheit. Aber oft denken wir in Gesellschaft und Leben nicht darüber hinaus – „das hat es schon gegeben, das kannst du auch machen.“ Das man nicht zu weit hinausfliegen darf oder soll.

Derzeit gehe ich alles in meinem Leben sehr ruhig an. Da wir ja nicht wissen was auf uns zukommt. Und in einer neuen Stadt weiß man dies ja noch weniger. Ich versuche offen zu sein, das zu empfangen was kommt.

Im Ankommen in München habe ich im Einrichten der Wohnung und den Besorgungen dazu die Stadt kennengelernt. Das war sehr weitverzweigt und ein schöner Zugang zu Straßen, Plätzen der Stadt.

In München erinnert mich vieles an. Viele sagen ja, es ist ein kleines Wien.

Ich habe drei Möbelstücke nach München mitgenommen. Eine Truhe, eine Lampe und einen Tisch. Das ist jetzt ein, mein Stück Wien in München (lacht). Das sind auch meine drei kleinen Anker. Möbel schaffen auch Heimat.

Ich hänge sehr wenig an Gegenständen. Aber persönliche Briefe, Geschenke, Erinnerungsstücke bewahre ich sehr gerne auf. Diese sind alle in Kisten, nicht unmittelbar bei mir.

In meiner Kindheit habe ich wohl wie jedes Kind gerne herumgeblödelt und Kaspertheater gespielt. Meine Großmutter sagte dann, „du könntest ja Schauspielerin werden.“ Ich dem Moment dachte ich, cool, das könnte ich werden. Das blieb mir dann hängen (lacht). Mit vierzehn Jahren besuchte ich dann erste Schauspielkurse. Mit achtzehn Jahren besuchte ich dann die Schauspielschule. Und ich habe dann einfach mit dem Schauspiel nicht mehr aufgehört (lacht). Es gibt da auch künstlerische Wegbegleiter*innen über viele Jahre wie die Wiener Schauspielerin Isabella Jeschke.  

Mich interessiert im Theater auch besonders die Stückentwicklung mit eigenen Texten. Die eigene Geschichte zu erzählen, zu vermitteln ist ganz besonders. Film und Fernsehen sind für mich auch beruflich sehr spannend und ich möchte da jetzt auch meinen Weg gehen.

In der Liebe, Affären hat sich seit „Malina“ nicht viel verändert. Es kommt heute allerdings eine größere Offenheit dazu.

Treue ist in der Liebe Ehrlichkeit, es ist im Herzen und wird für mich nicht über Sex definiert.

Das Leben ist bunt und komplex und das ist auch die Liebe.

Bei Mann und Frau hat sich seit den 1970er Jahren nicht so viel geändert. Die Themen, Problematiken sind noch immer da. Es werden noch viele Unterschiede zwischen Mann und Frau gemacht.

Mann und Frau habe je ihre eigenen Qualitäten. Es geht darum diese Qualitäten zuzulassen und zu leben, individuell wie gemeinsam. Wir müssen Wege finden, um das Gemeinsame zu suchen und zu leben.

Wir alle haben Wunden des Lebens, der Liebe wie auch die Verantwortung für Wege weg davon hin zur Zukunft.

Ich kann mit einem Geschlechterkampf nicht viel anfangen. Die Macht des Patriarchats ist auch eine Last für den Mann. Es ist ein gemeinsamer Weg der Befreiung.

Von gesellschaftlicher Poesie zwischen Mann und Frau sind wir weit entfernt. Das Bewusstsein des Miteinanders bildet sich aber. Die Zukunft ist allerdings offen.

Liebe auf den ersten Blick ist möglich. Aber wir haben es verlernt, weil der Partner zuerst abgescannt wird. Wir lassen uns nicht darauf ein, dass es sein darf.

Wir sind in der Liebe nicht mehr so kompromissbereit für einen „Zauber des Anfangs“. Wir haben viele Raster, die zu erfüllen sind.

May Garzon, Schauspielerin
_am Romanschauplatz Malina _ Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

May Garzon_Schauspielerin_München_Wien 

http://www.maygarzon.com/

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_6_2020.

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„Solidarität und Unterstützung für die afghanische Bevölkerung“ Jakob Kraner, Schriftsteller _ Wien 26.8.2021

Lieber Jakob, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nachmittags bis abends fieberhafte Fertigstellung meines ersten Buches, das im kommenden Frühjahr – fast zehn Jahre nach dem ersten Satz – endlich erscheinen wird. Wenn es warm ist, springe ich danach in die Donau. An manchen Vormittagen darf ich einen Brotjob ausüben und unterrichte Deutsch für Asylwerber:innen. Eine Aufgabe, die ich erst in ihrer coronabedingten Abwesenheit letztes Frühjahr richtig schätzen gelernt habe. Alle wollen ja immer nur von der Kunst leben, aber ich muss sagen, neben dem Schreiben etwas tun zu können, das nichts mit mir selbst zu tun hat, sondern unmittelbar sinnvoll für andere ist, das ist für mich eine Wohltat. Außerdem sehe ich so manchmal das gekräuselte Licht, das ausschließlich vor acht Uhr morgens auf diese Weise durch die alten Fenster an meiner Zimmerwand landet. Das würde ich sonst wohl nicht zu Gesicht bekommen.

Jakob Kraner, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität und Unterstützung für die afghanische Bevölkerung.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Von Aufbruch und Neubeginn spüre ich weder persönlich noch gesellschaftlich besonders viel. Was die Rolle von Literatur und Kunst betrifft, denke ich, es sollte immer um die Frage gehen, wie man in der eigenen Arbeit einen wirklichen Erkenntnisgewinn erzielen kann. Bloß nicht durchs Wiederholen schon bekannter Parolen einem Anspruch nach gesellschaftlicher Relevanz vordergründig genüge tun. Das ist schlimmstenfalls sogar eine Beruhigungspille. Wenn ich vor fünfzig Leuten, die eh dasselbe denken wie ich, das vortrage, was wir sowieso schon denken, dann klatschen alle und fühlen sich ein bisschen besser. Man hat das Gefühl, man hätte irgendwas getan. Hat man aber nicht.

Was liest Du derzeit?

Guter Freund Marko drückte mir „Austerlitz“ von W.G. Seebald in die Hand. Ich finde den Satzbau wunderbar ausschweifend, nerdig und elegant. Diese Schilderungen des Ausgesetzt-Seins und diese Art zu beobachten, rühren auf fast erschütternde Weise an Dingen, die ich selbst immer schon gern in Worte gefasst hätte.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich denke da gerade an diesen Guardian-Artikel von Jordan Stephens, Teil des Hip-Hop Duos Rizzle Kicks, über den ich mal gestolpert bin. Als Mann hat mich das ziemlich getroffen und auf eine Spur gebracht, die mir relevant scheint und der ich in meinem nächsten Schreibvorhaben nachgehen will.

„I believe that the false power gifted to me as a man in our society didn’t allow me the space to understand, cry, and work through the pain of my past and duality of my present. This idea that male vulnerability is undesirable – it covers up the pain of so many troubled boys who wanted more hugs from their mum or have missed the company of their dad, or were victims of abuse or loneliness or just generally felt as though they had no time, space, company or even the words to describe how they felt.“

Vielen Dank für das Interview lieber Jakob, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Jakob Kraner, Schriftsteller

https://soundcloud.com/smashedtopieces

http://www.vieiderkraner.com

VIEIDER/KRANER sind Jakob Kraner und Matthias Vieider. Seit 2010 entwickeln sie zusammen  Literaturperformances. Sie arbeiten mit Text, Musik, Film und Körper, Idyllen und Abgründen.

Bisherige Auftritte für: Viertelfestival Niederösterreich, Progress Festival Pürbach, Next Comic Festival Linz, Literaturhaus Wien, Philosophy Unbound Wien/Berlin, Donaufestival Krems, Artwalk Groß-Siegharts, Gehsteigfestival Wien, BuchimBeisl Wien, Vorbrenner Festival Innsbruck u.a.

Foto_privat

25.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Theater und Kunst bilden Herz und Hirn“ Angie Mautz, Regisseurin_Klagenfurt 25.8.2021

Liebe Angie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Momentan befinde ich mich kurz vor einer Premiere https://klagenfurterensemble.at/produktion/persona/ und damit in einer Theaterblase. Ich wache auf, denke ans Stück, fahre zur Probe, spreche über das Stück mit Kollegen und Kolleginnen, probe weiter, fahre heim und denke dabei ans Stück und träume nachts vom Stück. Dazwischen gibt’s viel Kaffee und einen Anruf mit meinem Kind, das bis zur Premiere zu den Omas gezogen ist. Der Rest der Familie, Partner und mein Freundeskreis, müssen verständnisvoll warten bis der Spuk vorbei ist. Aber die kennen das schon...

Angie Mautz, Regisseurin, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich würde sagen, sich persönlich diese Selbstgerechtigkeit und Ignoranz zu verbieten, die in den letzten Jahren zur Normalität erhoben wurden, wäre ein sehr wichtiger erster Punkt.

Für mich als Privatperson denke ich, dass Musik, Gelassenheit, Toleranz und ein Sahnehäubchen {Selbst} Ironie, niemanden schaden und zur Bewältigung von Ausnahmesituationen durchaus förderlich sind.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ein Aufbruch ist an sich ja was Gutes. Geht aber nicht  ohne, dass etwas zurückbleiben wird. Die Frage ist, wie bricht man auf, ohne zu viel Müll zu hinterlassen.

Theater und Kunst bilden Herz und Hirn. Regen die  Phantasie an, lösen Ideen aus. Sie waren immer schon ein gefürchtetes Sprachrohr der kritischen Fragensteller. Darum werden sie  auch heute und immerfort eine große Rolle spielen, wenn es um gesellschaftliche Themen geht.

Was liest Du derzeit?

Laterna Magica, die Biografie von Ingmar Bergman über Ingmar Bergman.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Keinen. Außer vielleicht : Rock’n Roll never dies.

Vielen Dank für das Interview liebe Angie, toi, toi, toi für die Premiere und weiterhin viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Angie Mautz, Regisseurin, Schauspielerin

Foto_privat.

23.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir sollten durch Mauern gehen“ Sophie Resch, Schauspielerin_ Romanjubiläum Malina _ Wien 24.8.2021

Sophie Resch, Schauspielerin _
Romanschauplatz Malina _ Wien

Ich lebe jetzt schon sehr lange in Wien. Wenn ich Orten der Stadt wiederbegegne, fasziniert mich die Reichhaltigkeit von persönlicher Bedeutung, Erinnerung und das vielfältige Leben der Stadt an sich.

Es ist ein Gedankenspiel von mir, wenn ich in der Straßenbahn, Bus oder mit dem Fahrrad einen Ort passiere, dass ich mich bewusst erinnere, was dort schon alles passiert ist. Da fallen einem unterschiedliche Dinge ein, die auch prägnant für Lebensphasen sind.

Die Geschichte, die an einem Ort geschrieben wird, hallt persönlich nach. Es gibt da einen Resonanzraum von persönlicher Geschichte und Geschichte der Stadt. Das schafft Atmosphäre und das ist sehr spannend. Deswegen spiele ich das Erinnerungsspiel immer wieder (lacht).

Ich hatte hier im 3.Bezirk eine Sprachfortbildung für meinen Beruf gemacht und eine ältere Dame war meine Lehrerin. Da waren sehr viel Schönheit, Weisheit und Stil in Mensch und auch Wohnung. Ich verbinde dies mit diesem Bezirk hier (lacht).

Ich habe mir in meinem Beruf viel selbst erarbeitet, mit großer Konsequenz und auch Flexibilität. Ich bin es daher gewohnt neue Orte wie Menschen kennenzulernen und anzunehmen und auch mich einzulassen, ungefiltert und sehr schnell. Aber dies ebenso wieder nach der Projektarbeit zu verlassen. Daran habe ich mich gewöhnt. Ich habe gelernt, Orte auch wieder gehen zu lassen. Natürlich ist da Sentimentalität dabei, aber es ist ok so. Es ist auch der Lebensstil einer Schauspielerin wie ich es lebe.

Bisher habe ich beruflich noch nicht zu Ingeborg Bachmann gearbeitet. Außer jetzt bei diesem Foto-, Interviewtermin (lacht). Ingeborg Bachmann ist mir aber natürlich ein Begriff als starke, selbstbewusste Persönlichkeit, die auch den Feminismus sehr stark geprägt hat. Ich verbinde auch Leidenschaft und Zerrissenheit mit ihr.

Ingeborg Bachmann war sehr authentisch in allen Widersprüchen, die es natürlich auch im Frausein gibt. Widersprüchlichkeit kommt für mich der Wahrheit am nächsten.

Selbstdarstellung und Inszenierung waren auch für Ingeborg Bachmann ein großes Thema. Ich denke, sie hat da Mechanismen und Prozesse früh durchschaut und auch mit diesen gearbeitet. Die Darstellung des künstlerischen Ichs und das Ich  „an sich“ ist ja auch ein Teil des künstlerischen Berufes. Damals wie heute. Etwa m Kontext der sozialen Medien, stellt man sich oft der Frage nach dem Ich – Wer bin ich?? Bin ich die am strahlenden Profilbild oder die still Zuhause Sitzende.

Der Roman stellt diese Frage schonungslos, radikal. Der Hintergrund gesellschaftlicher Selbstdarstellung im Spiegelbild spielte auch damals schon eine Rolle.

Ich persönlich schätze Zwischenmomente sehr. Das Gehen über Stufen, Öffnen einer Tür, bis es zum Ziel des Weges kommt. Da filtert sich für mich viel von innerer Persönlichkeit heraus, in diesen scheinbar unwichtigen Momenten.

Ingeborg Bachmann hat die Zwischenräume des Lebens, der Liebe, der Sprache gesehen und aufgenommen. Das ist fundamental. Gleichsam das Leben in der Kunst zu packen, wenn es still, laut, wahrhaftig neben dir ist.

Jeder Mensch hat Momente der Authentizität. Ich glaube es hat mit dem Mut Da-Zu-Sein zu tun.

Als Schauspielerin muss man an den eigenen emotionalen Blockaden arbeiten und sich davon möglichst befreien, um andere annehmen zu können.

Als Frau und Mutter gibt es nach wie vor von allen Seiten Kritik was den Berufswiedereinstieg betrifft – zu früh oder zu spät. Es ist ein Kampf nach wie vor.

Rollenvorbilder sind für Mädchen, junge Frauen sehr wichtig. Dies braucht es auf einem herausfordernden Weg.

In meiner Tätigkeit als Logopädin wurde ich auch stark mit dem Thema Tod konfrontiert. Ich bin sehr mit dem Leben verwoben aber der Tod, in Konfrontation und Akzeptanz, ist ein wichtiges Element des Lebens oder Bewusstseins. Der Tod ist ein unglaubliches Thema und schwer zu begreifen.

Menschen trauen sich heute mehr Bedürfnissen, Wünschen nachzugehen und vielfältige, etwa polyamoröse Beziehungen zu leben oder polygam zu sein. Ich kenne Personen, die das ausprobieren und leben für einen Zeitraum. Das ist auch die Freiheit der Generation der 1980/90er Jahre. Die Generation 2000 ist es dann schon wieder konservativer.

Eine Person muss in der Liebe nicht alles erfüllen. Dies ist eine zu schwere Last.

Sich zu sehr an eine Person zu klammern, macht unglücklich. Das ist ja auch im Roman zu sehen.

Es ist wichtig in der Liebe in Entscheidungen nicht starr zu sein und zu bleiben. Ich denke es führt unweigerlich zum Scheitern, wenn man glaubt, ein festes Konstrukt fortzuführen zu wollen.

Zeit ist Geschenk und Chance für Vielfalt. In Leben, Liebe, Kunst, in allem.

Meine Utopie ist jene einer lebenswerten Welt, Natur. Ich habe eine starke Verbindung dazu und man stirbt viele Tode im Zusehen was der Kapitalismus da anrichtet.

Ich glaube, es gibt andere Arten zu leben in Verbindung von Natur und menschengemachter Welt, Mann und Frau als Ausbeutung und Überlegenheit.

Vielleicht müssen wir wie im Roman durch Mauern gehen für ein anderes Leben. Wir sollten es tun.

Sophie Resch, Schauspielerin _
Romanschauplatz Malina _ Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Sophie Resch_Schauspielerin_Wien 

https://www.sophieresch.com/

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_9_2020.

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„Kunst braucht zwingend das Publikum“ Johannes Häfner, Bildender Künstler_Nürnberg 24.8.2021

Lieber Johannes, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich genauso wie vor der „Corona-Zeit“ 7.30 Uhr aufstehen und bis 22 Uhr arbeiten, anschließend Lesen, um 1 Uhr letzter Kaffee + Zigarette.
Was uns allen fehlt sind Besuche von Kulturinstitutionen und Beteiligungen an Ausstellungen und Messen und der kollegiale Austausch. Ein Musiker wird nicht besser, wenn er nur im Übungsraum spielt, er braucht zwingend das Publikum. Und das gilt auch für Literaten und Bildende Künstler.

Johannes Häfner, Bildender Künstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eigentlich könnte die Frage mit einem Wort beantwortet werden: Solidarität.
Aber es wird wohl eher in den entgegengesetzte Richtung gehen, so wie schon 1987 Margret Thatcher, ganz der neoliberalen Stoßrichtung folgend, verkündete:
»So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht«.
Ich wünsche mir, dass wir, auch auf Grund der Erfahrungen aus den letzten Monaten, wieder erlernen, Menschen mit einer anderen Meinung zu respektieren.

Und so wünsche ich mir, dass wir alle wieder etwas entspannter werden und guten Mutes in die Zukunft blicken.


Was liest Du derzeit?

Ich lese mehrere Bücher immer parallel und natürlich auch diverse Online-Angebote. Gerade lese ich von Philippe Ariès „Geschichte des Todes“, von Bernhard Jussen „Die Franken“, von Jens Berger „Schwarzbuch Corona“ und von E.T.A. Hoffmann „Kreisleriana“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eine köstliche Passage aus der Kreisleriana von E.T.A. Hoffmann (1776-1822), wo der gebildete Affe Milo seiner Freundin Pipi nach Nordamerika schreibt: 

Milos Lehrer, der Professor der Ästhetik an ihm gewandt:
Was glauben Sie denn, lieber Monsieur Milo? Sprechen, sprechen, sprechen müssen Sie lernen, alles übrige findet sich von selbst. Geläufig, gewandt, geschickt sprechen, das ist das ganze Geheimnis. Sie werden selbst erstaunen, wie Ihnen im Sprechen die Gedanken kommen, wie Ihnen die Weisheit aufgeht, wie die göttliche Suada Sie in alle Tiefen der Wissenschaft und Kunst hineinführt, daß Sie ordentlich in Irrgängen zu wandeln glauben. Oft werden Sie sich selbst nicht verstehen: dann befinden Sie sich aber gerade in der wahren Begeisterung, die das Sprechen hervorbringt. Einige leichte Lektüre kann Ihnen übrigens wohl nützlich sein, und zur Hilfe merken Sie sich einige angenehme Phrasen, die überall vorteilhaft eingestreut werden und gleichsam zum Refrain dienen können (…).“

Der vollständige Text kann auch online nachgelesen werden unter: https://www.projekt-gutenberg.org/etahoff/kreisler/index.html

Alternativ dazu, weil kürzer, ein Zitat aus dem Märchen Meister Floh von E.T.Hoffmann:
Das Denken, meinte Knarrpanti, sei an und vor sich selbst schon eine gefährliche Operation und würde bei gefährlichen Menschen eben desto gefährlicher.
E.T.A. Hoffmann 1822


Anmerkung „Knarrpanti“ ist der Verballhornung des Polizeidirektors von Kamptz.

Johannes Häfner, Bildender Künstler

Vielen Dank für das Interview lieber Johannes, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Johannes Häfner, Bildender Künstler _Grafiker, Maler, Buchkünstler, Kulturreferent der DATEV eG und Organisator der Buchkunstmesse Druck & Buch im Rahmen des Erlanger Poetenfests.

Alle Fotos_privat.

25.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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Lea Catrina „Die Schnelligkeit der Dämmerung“. Roman. Arisverlag

Da ist das beginnende Leben. Die Tochter Olivia, der Bruder, Vater und Mutter. Die Familie. Doch dann zerreißt alles. Der Bruder stirbt als sie vier Jahre alt ist. Der Vater verlässt die Familie. Mutter und Tochter versprechen sich immer da zu sein…und alles sitzt jetzt so tief und schwer in der Seele…

Doch es gibt kein Ausruhen mehr in Olivias Leben. Nicht in Liebe und Beruf. Alles ist zerbrechendes Glas…Scherben…

Und so beschließt sie zu fliehen. Gibt auf was bisher da war. Jetzt ist es eine neue Stadt. Lichter und Begegnungen. Und sie stellt sich neuen Räumen und Möglichkeiten…in Hoffnung, Sehnsucht, Tragik…

Die Schweizer Schriftstellerin, Lea Catrina, legt mit ihrem Debütroman ein mitreißendes literarisches Werk vor, welches in Spannung und Dramatik beeindruckt. Es ist die Hochschaubahn eines Lebens in Verlust, Angst und Sehnsucht, die hier in außergewöhnlicher Erzähldynamik und -komposition zu Wort und Leben kommt, dass es einem gleichsam innerlich erzittern lässt. Die Autorin legt gleichsam die „Axt Kafkas“ an das gefrorene Eis einer Menschenseele in Verlust und erdrückender Schwere. Wie Leserin und Leser hier Seite um Seite mithineingenommen werden in Stationen und Leiden eines Lebens, ist große Schreibkunst.

„Ein literarisches Romandebüt, das kraftvoller, mitreißender wie hintergründiger nicht sein könnte.“ 

https://www.leacatrina.com/

Walter Pobaschnig 8_21

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„Unsere Geschichte zu erzählen“ Klaus Siblewski, Schriftsteller _ München 23.8.2021

Lieber Klaus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht viel anders als an Tagen vor der Pandemie – bis zum späten Nachmittag. Also früh aufstehen, Frühstück zu bereiten, arbeiten, telefonieren, Mails beantworten, das Internet nach Anregendem durchsuchen, arbeiten … Ab dem späten Nachmittag wird es dann etwas eintönig.

Klaus Siblewski, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Vorübergehende der Pandemie sich im Bewusstsein zu halten. – Jeder der jemals einen Roman geschrieben hat, kennt pandemieverdächtige Zeiten – mit dem Unterschied, dass er raus gehen könnte, aber nicht rausgeht, weil der Roman ein Tyrann ist und nach Aufmerksamkeit verlangt, zu welcher Tageszeit auch immer.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die, die sie seit langem hat: uns unsere Geschichte zu erzählen.

Was liest Du derzeit?

Jetzt, im Augenblick (in Vorbereitung eines Seminars)? Pierre Bourdieu, Die Regeln der Kunst; Die feinen Unterschiede – Diese beiden Bücher liegen aufgeschlagen unterhalb meiner Computer-Tastatur, und ich lese in diesen Büchern zum wiederholten mal.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

die quelle
ich quill ich quill ich quill
ich quill immer es anders sagen
habe immer schon anders es sagen quollen
und quill es auch jetzt
und quill es auch künftig quollen
(ernst jandl)

Vielen Dank für das Interview lieber Klaus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Klaus Siblewski, Schriftsteller

Klaus Siblewski (Autor, Herausgeber) – Bücher (penguinrandomhouse.de)

Foto_Uschi Ostereier

8.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Man war Anwältin der Lesenden bis zum bitteren oder süßen Ende“ Sommerinterview_Hildegard E.Keller_Schriftstellerin _ Zürich 22.8.2021

Hildegard E. Keller, Schriftstellerin, Verlegerin, langjährige Jurorin beim Bachmannpreis und beim Literaturclub SRF, Professorin
Foto: am Schiff, Ossiacher See_Kärnten

Liebe Hildegard, wie geht es Dir? Wie verbringst Du den Sommer?

Prima, danke. Es ist der dritte kreative Sommer am Stück. Vor ein paar Tagen ist mein zweiter Dokumentarfilm fertig geworden ist. Eine meiner Darstellerinnen, fast 103 Jahre alt, erzählte mir, dass sie Covid überlebt habe, weil sie im Bauch der Mutter die Spanische Grippe durchgestanden habe.

Was sind Deine derzeitigen literarischen Projektschwerpunkte?

Mit meinem Team (Lektor, Layouter und ich) arbeite ich an der Biografie von Alfonsina Storni (Link: https://www.editionmaulhelden.com/). Gerade eben sind die letzten zwei Bände der Werkausgabe, die ich übersetzt und auch gestaltet habe, erschienen. Seit Jahren bin ich mit ihr unterwegs, am Anfang stand mein Radiofeature aus dem Jahr 2010.

https://www.srf.ch/play/radio/passage/audio/auf-alles-gefasst-sein-eine-reise-zur-argentinisch-schweizerischen-kuenstlerin-alfonsina-storni?id=106575d0-08d8-44b5-9eaf-68bc66c86318

Die aus dem Tessin stammende Argentinierin ist eine Entdeckung, die ich jedem als Herz lege. Jetzt kann man sie auf Deutsch lesen und ihre eigene Stimme hören – nicht nur das weltberühmte Lied über ihren Freitod.

Gibt es ein Zitat von Alfonsina Storni, das Du uns in diesen Sommertagen mitgeben möchtest?

Ich schätze Porträtkunst, sei es in der Literatur, Malerei oder im Film. Deshalb möchte ich aus Gabriela Mistrals Porträt von Alfonsina Storni (1926) zitieren: «Storni erschafft das Fest ihrer Freundschaft ganz mit Intelligenz. Sie ist heiter, aber ohne diese Fröhlichkeit grellbunter Teppiche, die aufdringlichen Menschen eigen ist. Ihre Heiterkeit ist elegant und immer passend. Sie ist hellwach und achtet auf ihr Gegenüber, mit einer Geistesgegenwart und Intelligenz, die Zuneigung ausdrücken.»

Man hatte Mistral gesagt, die Storni sei hässlich, aber als sie dann zum ersten Mal wirklich vor ihr stand, war sie perplex, weil das Gegenteil der Fall war. Nach dem Besuch schrieb sie ein wunderbares Porträt. Es ist im Band CARDO nachzulesen.

https://www.editionmaulhelden.com/books-more/no-7-cardo#c244

Du warst langjährige Jurorin des Klagenfurter Bachmannpreises. Wann und wie kam es dazu, dass Du Jurorin des Bachmannpreises wurdest und wie lange warst Du in der Jury?

Das war im Dezember 2008. Ich lebte in den USA, war Professorin in Bloomington IN, und war nach Semesterende gerade wieder in Zürich gelandet. Als ich die Koffer abgestellt hatte, klingelte das Telefon. So erhielt ich die Einladung in die Jury. Schon bald kamen die ersten Bewerbungen per Post.

Preisverleihung_Klagenfurt_Tage der deutschsprachigen Literatur _ 2019 _3sat-Preis geht an Yannic Han Biao Federer. Hildegard E.Keller ist Einladende des Schriftstellers und Laudatorin;

Foto: Elisabeth Keller, Yannic Han Biao Federer und Petra Gruber 3sat (von links)

Im Hintergrund_Christian Ankowitsch_langjähriger Moderator_Bachmannpreis
Preisverleihung _ Bachmannpreis _ Klagenfurt _ 2017
Preisverleihung _ Bachmannpreis_Klagenfurt 2015

Wie gestaltete sich der Kontakt mit den teilnehmenden Schriftsteller*innen? Gab es da Austausch?

Ja, und oft auch Auseinandersetzung mit dem Text, Arbeit am Layout, am Auftritt, Outfit und so weiter. Wenn möglich, gab es persönliche Treffen vor den TDDL, sonst auf Skype, was in der Prä-Covid und Prä-Zoom-Ära noch ungewöhnlich war, aber für mich als transatlantische Pendlerin natürlich unverzichtbar.

Bachmannpreis_Klagenfurt _ Lesetisch _2016
Klagenfurt _ Bachmannpreis Jury 2019 _ Klagenfurt_von links – Klaus Kastberger, Nora Gomringer, Hubert Winkels (Vorsitzender), Stefan Gmünder, Insa Wilke (Vorsitzende 2021), Hildegard Elisabeth Keller und Michael Wiederstein

An welche besonderen Momente erinnerst Du Dich in den Bachmannpreisjahren? Was ist Deine schönste Erinnerung?

Die Bedeutung des Herrn Justiziars hat mich immer besonders fasziniert, schon vor Jahren als Fernsehzuschauerin. Er hatte damals immer etwas von einem Sonderbeauftragten in einem Hochamt. In meinen elf Jahren vor Ort hat sich der Abstimmungsmodus massiv verändert, der Justiziar überwachte das Ganze. In meinen ersten Jahren war man noch Anwältin derer, die man eingeladen hatte, bis zum bitteren oder süßen Ende. Später durfte, konnte, musste man das nicht mehr. Zum Schönen gehörten die Begegnungen und Wiedersehen vor dem ORF-Studio, die täglichen Eskapaden auf dem Rad oder am Sonntagnachmittag, wenn alles vorbei war, auf dem Motorboot der Seerettung. So viel PS hat keine Jurydiskussion. Das ist auch gut so. Über Bücher und die Menschen, die sie hervorbringen, darf nicht hinweggebrettert werden.

Klagenfurt Rathaus

Ich erinnere mich, dass Du in Klagenfurt auch gerne mit dem Fahrrad zum See und der Stadt unterwegs warst. Was schätzt Du besonders an Klagenfurt?

Eben, genau das: Literaturszene aus dem deutschsprachigen Europa, Blogger, Verleger:innen, Autor:innen, Groupies, Literatouristen, Presse und andere Medien, alle an einem Fleck, auf einem Floß. Das ist einmalig. Unvergesslich sind auch die Empfänge im Garten von Loretto und der Wahnsinns-Eisladen.

Klagenfurt _ Schloss Loretto _ Bürgermeister Empfang _ Bachmannpreis
Bildmitte_ Hildegard E.Keller und Hubert Winkels, Juror und langjähriger Juryvorsitzender des Bachmannpreises
Schloss Loretto _ Klagenfurt _ Abendstimmung

Wie hast Du in den letzten beiden Jahren den digitalen Bachmannpreis miterlebt?

Ich war dabei und habe mir fast alle Lesungen und Diskussionen angeschaut und gestaunt, wie findig die Crews alle mit allen verkabelt hatten und dass es funktioniert hat. Vermisst habe ich das fantastische Kürbiskernöl-Eis. Souverän hat sich die neue Jury-Vorsitzende in ihrer Rolle bewegt. Was die Autor:innen betrifft: Die Texte von Julia Weber und Lukas Maisel hätten es verdient, ernst genommen zu werden.  

Wörthersee

In den nächsten Jahren kommt es zu den runden Gedenkjahren Ingeborg Bachmanns. Welche Bedeutung hat Ingeborg Bachmann für Dich? Welche Bezüge, Inspirationen gibt es für Dich von ihr?

»Ich muss jetzt. Im Goethe-Haus liest die Bachmann.« Das sagt Hannah Arendt, die Hauptfigur meines Romans Was wir scheinen, zu ihrem Mann, setzt sich ins Taxi und lernt mitten in Manhattan eine Dichterin kennen, mit der sie sehr viel mehr gemein hat, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Für mich ein fantastisches Feld der Inspiration, die in der Realität beider Frauen fußt.

Du lebst in Zürich und bist als Kulturunternehmerin aktiv. Ingeborg Bachmann lebte ja auch kurzzeitig dort. Hast Du Dir etwas einfallen lassen für ihr Gedächtnis in Zürich, in der Schweiz?

Literaturoutdoors, Deine Plattform, wäre auch ein Titel für das, was wir anbieten: thematische Stadttouren. Tatsächlich haben wir eine Zürichtour zu Ingeborg Bachmann entwickelt, unter dem Titel Max und Ingeborg, aber unser Publikumshit ist das Kriminelle Zürich. Vielleicht hat Ingeborg Bachmann einen Gastauftritt im Oktober, bei der Buchtaufe von Was wir scheinen im Dolder Grand. Heribert Prantls Leseempfehlung im SZ-Newsletter sagt auch etwas über diese Matinée: Die Banalität des Bösen und die Eier mit Speck. Dazu gibt es Champagner und Arendt-Überraschungen.

https://shop.e-guma.ch/the-dolder-grand/de/events/matinee-mit-hildegard-keller-im-dolder-grand-3989913

„Ingeborg, wie ich sie in Rom sah“ Fotografien von Heinz Bachmann, Bruder der Klagenfurter Schriftstellerin_Ausstellung Musilmuseum Klagenfurt 2016

Herzlichen Dank für das Gespräch, Gesundheit, viel Freude und Erfolg weiterhin! Schöne Sommertage!

Hildegard E. Keller, Schriftstellerin, Verlegerin, langjährige Jurorin beim Bachmannpreis und beim Literaturclub SRF, Professorin

Fotos_Hildegard E.Keller_Impressionen_Sommer und Jury_Bachmannpreis Klagenfurt, Impressionen Klagenfurt _ 1,2,11,13 Hildegard E.Keller; 3-10 Walter Pobaschnig

Fotografin des Porträts

Ayse Yavas

Infos zu Hildegard E. Keller:

„Was wir scheinen“ Hildegard E. Keller . Roman _ Neuerscheinung 2021

https://www.luebbe.de/eichborn/was-wir-scheinen-roman-hildegard-keller/id_8885976

Hildegard E. Keller: Was wir scheinen. Köln (Eichborn) 2021.

Werkausgabe von Alfonsina Storni

CHICAS. Kleines für die Frau. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Hildegard E. Keller. Mit Geleitwort von Georg Kohler. 264 Seiten.  29,80 CHF, 28,— € (D), 28,80 € (A)  ISBN: 978-3-907248-03-4

CUCA. Geschichten. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Hildegard E. Keller. Mit Geleitwort von Elke Heidenreich. 264 Seiten. 29,80 CHF, 28,— € (D), 28,80 € (A) ISBN: 978-3-907248-04-1

CARDO. Interviews & Briefe. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Hildegard

E. Keller. Mit Geleitwort von Denise Tonella. 304 Seiten. 31,80 CHF, 29,— € (D), 29,80 € (A) ISBN: 978‐3‐907248‐07‐2.

CIMBELINA. Theaterstücke. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Hildegard E.

Keller. Mit Geleitwort von Daniele Finzi Pasca. 272 Seiten. 29,80 CHF, 28,— € (D), 28,80 € (A) ISBN: 978‐3‐907248‐08‐9.

http://www.editionmaulhelden.com

Filmproduktion_Hildegard Keller:

https://bloomlightproductions.ch/de/

Tätigkeit als Professorin

https://www.zurichstories.org/

Walter Pobaschnig _Wien 22.8.2021

https://literaturoutdoors.com

„Jeden Tag können wir eine neue Geschichte schreiben“ Lisa Schmid, Schauspielerin _ Wien 22.8.2021

Liebe Lisa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Sehr unterschiedlich. Zurzeit spiele ich Sommertheater und nehme im Studio mein 1. Wiener Liedermacher Album „Hafen“ auf. Kein Tag ist gleich – und das schätze ich sehr an der künstlerischen Arbeit. Meistens nutze ich schlaflose Nächte, um an Liedern zu schreiben oder neue Kabarettideen zu entwickeln.

Lisa Schmid_Schauspielerin, Kabarettistin, Sängerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube das muss jeder für sich selbst entscheiden. Vielleicht das Weitermachen. „Nicht-Aufgeben“.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke, jeder neue Tag ist ein leeres Blatt Papier. Jeden Tag können wir eine neue Geschichte schreiben und den Verlauf der Dinge beeinflussen. Somit ist jeder Tag ein neuerlicher Aufbruch, jeder Tag ein Neubeginn. Für mich ist wesentlich, mich selbst nicht zu verlieren.

Die Kunst begleitet uns alle, gibt uns Denkanstöße, holt uns heraus aus dem Alltag, inspiriert uns – das hat die Kunst schon immer getan: Vor Krisen, während dieser und sie wird dies auch danach weiter tun.

Was liest Du derzeit?

Georg Danzer – Die gnädige Frau und das rote Reptil.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Kunst ist ein Schritt vom sichtbaren Bekannten zum verborgenen Unbekannten.“

Khalil Gibran

Lisa Schmid_Schauspielerin, Kabarettistin, Sängerin

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Kabarett-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lisa Schmid, Sängerin, Kabarettistin, Schauspielerin

https://www.lisaschmid.at/

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Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Cafe Hawelka_ Wien 8_21

19.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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