„Literatur und Kunst werden neue Ausdrucksformen erkunden“ Katharina Angus, Schriftstellerin_Berlin 16.8.2021

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Am Morgen eines Tages, der für Schreiben reserviert ist, setze ich mich direkt, noch vor dem ersten Kaffee, an einen Text. Daran arbeite ich bis in den Nachmittag. Zu späteren Stunden lässt die Konzentration nach, dann widme ich mich etwas Anderem.
Insgesamt unterscheiden sich meine Tagesabläufe sehr stark voneinander, je nachdem, was gerade auf der Agenda steht. Für meine journalistische Tätigkeit führe ich Interviews und recherchiere. Das bildet einen schönen Gegenpol zur In-sich-Versunkenheit beim fiktiven Schreiben und liefert diesem Material, weil es mir unbekannte Lebenswirklichkeiten und Sprachsysteme nahebringt.
Abends treffe ich oft Freunde oder besuche Veranstaltungen.

Katharina Angus, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wahrscheinlich haben sich die Auswirkungen der Corona-Krise noch nicht in vollem Ausmaß gezeigt. Natürlich kann man das Nachfolgende nicht generalisieren, aber ich denke, dass viele von uns eine Art „Zeitkapsel-Effekt“ erleben. Die russische Künstlergruppe „Chto Delat“ hat vor ein paar Jahren in einer Ausstellung das Bild der „Zeitkapsel“ im Zusammenhang mit politischen Systemen verwandt, in denen es aktuell keinen Handlungsspielraum gibt.
Corona brachte vor allem äußere Handlungsunfähigkeit mit sich, die einer fortschreitenden intensiven inneren Entwicklung zuwiderlief. Daraus sind Brüche entstanden: man verläuft zu sich selbst nicht mehr synchron. Um die Verbindung wiederherzustellen, braucht es jetzt den Austausch mit anderen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wenn man von einer dagewesenen Gleichzeitigkeit von Unterbrechung und Beschleunigung gesellschaftlicher Prozesse ausgehen möchte, wird es interessant sein, zu beobachten, auf welche Weise Literatur und Kunst neue Sprachmuster und Ausdrucksformen für diesen Zustand und seine Folgen erkunden werden.
In der Vor-Corona Zeit handelten plötzlich zahlreiche zeitgenössische Texte junger Autor*innen von Protagonist*innen, die in Schränken oder Zimmern leben, die sie aus verschiedenen Gründen nicht mehr verlassen können. Mir scheint, als hätte die Literatur die Zeit des Rückzugs damals bereits vorweggenommen.
Nun bin ich gespannt, wie sich das Gefühl, diese Beengtheit überwunden zu haben, bahnbrechen wird; ob wir beispielsweise in nächster Zeit weniger selbstreflexive Texte sehen werden, oder, im Gegenteil, einen verstärkten Trend zur Innenschau.

Was liest Du derzeit?

Auf meinem Nachttisch liegen „Krokodile“, von Angie Volk und „Der Fuchs war immer schon ein Jäger“, von Herta Müller. Ansonsten lese ich viel durcheinander; hier eine Seite Setz, dort einen Absatz Musil.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Passend zur Situation, obwohl man des titelgebenden Wortes überdrüssig ist:

„“Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,

daß der Unrast ein Herz schlägt.

Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.“

Paul Celan: Corona

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Katharina Angus, Schriftstellerin

Katharina Angus – MusilMuseum

Foto_privat.

15.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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