„Es ist schön zu sehen, dass mehr Frauen Regie führen“ Lara Bumbacher, Schauspielerin_ Wien 27.8.2021

Liebe Lara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit etwa drei Monaten ist mein Tagesrhythmus sehr unstet, ich bin viel unterwegs und kaum ein Tag gleicht dem anderen. Zurzeit bin ich gerade im Urlaub in der Schweiz, habe heute einige organisatorische Dinge erledigen müssen, lerne Text für Wiederaufnahmen, daneben lese ich viel, gehe wandern und genieße den (leider hier sehr verregneten) Sommer.

Lara Bumbacher_Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nähe. Empathie. Vertrauen.

Ich glaube wir müssen wieder lernen, dass wir einander brauchen. In der ganzen Zeit der Distanz und Isolation wurde klar: Man kann auch mit sehr wenigen Kontakten existieren. Für mich war es aber bloß existieren und nicht wirklich leben. Menschen sind alles was wir haben ­- ich glaube Glück, Freude, alles was das Leben lebenswert macht, wird erst real wenn wir es teilen können.

Wir haben uns – sowohl politisch als auch privat so sehr voneinander distanziert: Aufgeheizte Diskussionen, Verschwörungstheorien und dass jeder glaubt die Wahrheit zu haben. Das ist in einer Krise natürlich nachvollziehbar. Nun ist es an der Zeit, sich wieder gesamtgesellschaftlich zusammenzuraufen. Covid hat gezeigt, dass man durchaus in der Lage ist auf Krisen zu reagieren. Es ist nun allerhöchste Zeit auf die Klimakatastrophe genauso entschieden und ernsthaft zu reagieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich weiß gar nicht ab wann wir tatsächlich von einem Neubeginn sprechen können. Natürlich hoffe ich darauf, dass wir sobald wie möglich zu einer Normalität zurückkehren können. Seit dieser Pandemie bin ich allerdings viel vorsichtiger geworden mit meinem Optimismus oder meinen Prognosen wie lange das alles dauern wird. Ich glaube, für einen Neubeginn braucht es ein Bewusstsein, dass eine komplette Rückkehr in alte Systeme toxisch wäre. Das betrifft ganz viele Lebensbereiche: Umweltpolitisch muss endlich gehandelt werden, es scheint glücklicherweise eine neue Sensibilisierung zu entstehen bezüglich Rassismus und Homophobie in unserer Gesellschaft und ich hoffe es wird auch (wie man zurzeit bei Olympia sieht) mehr und mehr ein Verständnis für mentale Gesundheit und deren Auswirkungen entstehen.

Auch im Theaterbereich scheint sich langsam ein Wandel zu vollziehen. Es ist schön zu sehen, dass mehr Frauen Regie führen, neue Führungsformen wie Co-Intendanzen entstehen und es mehr Diversität gibt. Aber da gibt es noch viel zu tun. Ich glaube, die Rolle des Theaters im Allgemeinen wird sich nicht verändern. Was allerdings spannend wird, ist, ob sich Leute nach der ganzen Zeit des digitalen Erlebens wieder vermehrt auf Liveveranstaltungen freuen und diese auch wahrnehmen? Was mich betrifft finde ich Theaterstreams und dergleichen zwar keine schlechte Idee, aber meiner Meinung nach haben sie haben nicht wirklich was mit Theater, so wie ich es liebe, zu tun. Gutes Theater entsteht aus einer Wechselwirkung mit einem Publikum und sowas kann man per Kamera gar nicht gebührend einfangen. Ich bin gespannt, ob nun vermehrt das Bedürfnis entsteht, sich wieder real etwas anzuschauen. Wünschenswert wäre es.

Was liest Du derzeit?

Ich habe die Angewohnheit, meist mehrere Bücher gleichzeitig zu lesen. Sofern sie thematisch nicht allzu ähnlich sind, funktioniert das für mich sehr gut. Ich habe gerade „Detransition Baby“ von Torrey Peters abgeschlossen. Ein Buch in dem sich zwei Transfrauen und eine Cis-Frau überlegen, gemeinsam ein Kind großzuziehen. Absolut empfehlenswert! Daneben lese ich gerade „White Teeth“ von Zadie Smith und „Orlando“ von Virginia Woolf.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Change is not a threat to your life, but an invitation to live.” – Von Adrienne Rich. Ich bin im ersten Lockdown über dieses Zitat gestolpert und war damals beinahe wütend oder verzweifelt als ich es gelesen habe, weil ich mir gedacht habe: Diese «Veränderung» oder dieser Lockdown ist es ja gerade, was diesen Stillstand in mir auslöst, beziehungsweise was mich vom Leben abhält. Ich glaube jedoch, Krisen bieten die Chance, zu reflektieren was man wirklich will im Leben. Man sieht, wie vieles im Leben nicht selbstverständlich ist und was einem wirklich wichtig ist. Es gibt keine Garantie oder Absicherung für irgendetwas und sofern sich Chancen auftun sollte man sie ergreifen, statt ständig zu zögern.

Lara Bumbacher_Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Lara, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Film-, Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lara Bumbacher, Schauspielerin

Fotos_1&4 Barbara Maria Hutter; 2 Christina Nerea Burger; 3 Paul Vincenth Schütz.

4.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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