„Solidarität und Unterstützung für die afghanische Bevölkerung“ Jakob Kraner, Schriftsteller _ Wien 26.8.2021

Lieber Jakob, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nachmittags bis abends fieberhafte Fertigstellung meines ersten Buches, das im kommenden Frühjahr – fast zehn Jahre nach dem ersten Satz – endlich erscheinen wird. Wenn es warm ist, springe ich danach in die Donau. An manchen Vormittagen darf ich einen Brotjob ausüben und unterrichte Deutsch für Asylwerber:innen. Eine Aufgabe, die ich erst in ihrer coronabedingten Abwesenheit letztes Frühjahr richtig schätzen gelernt habe. Alle wollen ja immer nur von der Kunst leben, aber ich muss sagen, neben dem Schreiben etwas tun zu können, das nichts mit mir selbst zu tun hat, sondern unmittelbar sinnvoll für andere ist, das ist für mich eine Wohltat. Außerdem sehe ich so manchmal das gekräuselte Licht, das ausschließlich vor acht Uhr morgens auf diese Weise durch die alten Fenster an meiner Zimmerwand landet. Das würde ich sonst wohl nicht zu Gesicht bekommen.

Jakob Kraner, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität und Unterstützung für die afghanische Bevölkerung.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Von Aufbruch und Neubeginn spüre ich weder persönlich noch gesellschaftlich besonders viel. Was die Rolle von Literatur und Kunst betrifft, denke ich, es sollte immer um die Frage gehen, wie man in der eigenen Arbeit einen wirklichen Erkenntnisgewinn erzielen kann. Bloß nicht durchs Wiederholen schon bekannter Parolen einem Anspruch nach gesellschaftlicher Relevanz vordergründig genüge tun. Das ist schlimmstenfalls sogar eine Beruhigungspille. Wenn ich vor fünfzig Leuten, die eh dasselbe denken wie ich, das vortrage, was wir sowieso schon denken, dann klatschen alle und fühlen sich ein bisschen besser. Man hat das Gefühl, man hätte irgendwas getan. Hat man aber nicht.

Was liest Du derzeit?

Guter Freund Marko drückte mir „Austerlitz“ von W.G. Seebald in die Hand. Ich finde den Satzbau wunderbar ausschweifend, nerdig und elegant. Diese Schilderungen des Ausgesetzt-Seins und diese Art zu beobachten, rühren auf fast erschütternde Weise an Dingen, die ich selbst immer schon gern in Worte gefasst hätte.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich denke da gerade an diesen Guardian-Artikel von Jordan Stephens, Teil des Hip-Hop Duos Rizzle Kicks, über den ich mal gestolpert bin. Als Mann hat mich das ziemlich getroffen und auf eine Spur gebracht, die mir relevant scheint und der ich in meinem nächsten Schreibvorhaben nachgehen will.

„I believe that the false power gifted to me as a man in our society didn’t allow me the space to understand, cry, and work through the pain of my past and duality of my present. This idea that male vulnerability is undesirable – it covers up the pain of so many troubled boys who wanted more hugs from their mum or have missed the company of their dad, or were victims of abuse or loneliness or just generally felt as though they had no time, space, company or even the words to describe how they felt.“

Vielen Dank für das Interview lieber Jakob, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Jakob Kraner, Schriftsteller

https://soundcloud.com/smashedtopieces

http://www.vieiderkraner.com

VIEIDER/KRANER sind Jakob Kraner und Matthias Vieider. Seit 2010 entwickeln sie zusammen  Literaturperformances. Sie arbeiten mit Text, Musik, Film und Körper, Idyllen und Abgründen.

Bisherige Auftritte für: Viertelfestival Niederösterreich, Progress Festival Pürbach, Next Comic Festival Linz, Literaturhaus Wien, Philosophy Unbound Wien/Berlin, Donaufestival Krems, Artwalk Groß-Siegharts, Gehsteigfestival Wien, BuchimBeisl Wien, Vorbrenner Festival Innsbruck u.a.

Foto_privat

25.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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