Liebe Judith, welche Bezüge, Zugänge gibt es von Dir zu Romy Schneider?
Wir haben beide Bezüge zu Deutschland und Österreich und ich übe denselben Beruf aus, den sie hatte. Ich habe nur einen Zugang zu dem Mythos Romy Schneider, denn ich glaube, dass kaum jemand Zugang zu dem Menschen Romy Schneider hat – es handelt sich hierbei eher um persönliche Projektionen.
Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Leben und Schauspielberuf bei Romy Schneider wie an sich?
Romy Schneider musste einige Schicksalsschläge hinnehmen, hat viel gelitten und weitergemacht. Ich bin überzeugt davon, dass das Spielen ihr immer wieder auch geholfen hat und neue Hoffnung und Kraft gegeben hat, doch es verlangt auch viel von einem und irgendwann kann es passieren, dass man nichts mehr zu geben hat; besonders weil einen der Arbeitsmarkt des Schauspielberufs nicht gerade mit Samthandschuhen anfasst.
Der Beruf geht mit vielen Veränderungen und Unsicherheiten einher, so zum Beispiel etlichen Wohnungswechseln, dem immer wieder Einlassen auf ein wechselndes Arbeitsumfeld, dem sich den eigenen Ängsten Aussetzen, dem Verhandeln von Gagen, der Ungewissheit über die eigene finanzielle wie berufliche Existenz etc. Das ist sehr aufregend und bereichert auch mein Leben, jedoch in Phasen, in denen gehäuft auch im Privatleben Stressfaktoren und Belastungen dazukommen, wie der Tod eines nahen Angehörigen, das Ende einer Partnerschaft etc., kann es manchmal sehr schwer sein, mit so vielen Unsicherheiten auf einmal klarzukommen. Immerhin haben wir Menschen auch alle das Bedürfnis nach Sicherheit.
Ich bin sehr froh, dass sich unsere Gesellschaft in Mitteleuropa in eine Richtung entwickelt, in der Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung immer mehr und mehr in den Blickpunkt der Gesellschaft rücken. Das war zu Romy Schneiders Zeiten noch nicht so. Ich glaube, dass sie mit ihren Ängsten und ihrer Trauer sehr alleine war und Hilfe gebraucht hätte.
Ich finde toll, was sie trotz all dieser Widrigkeiten geschafft hat. Jedoch müssen wir aufpassen solche mythischen Figuren, wie Romy Schneider, nicht zu sehr zu romantisieren. Denn es war hart für sie und ich hoffe, dass Menschen, die ähnliche Schicksalsschläge betreffen, die nötige Hilfe bekommen und auch nicht stigmatisiert werden.
Gibt es einen Film von Romy Schneider, den Du hervorheben möchtest und warum?
Nachtblende – Der Film hat so viele Facetten und ihre Darstellung wirkt aufgrund ihrer persönlichen Geschichte besonders authentisch und geht unter die Haut. Die Zerrissenheit, die Ermüdung Nadines (Romy Schneiders) ist deutlich zu spüren.
Außerdem stößt der Film so viele Themen an, die mich immer wieder beschäftigen: Inwieweit ist Schauspielkunst Prostitution? Man verkauft seinen Körper, seine Gefühle, Gedanken..
Dieser vielschichtige, raue und leidenschaftliche Film zeigt die harten Seiten des Schauspielberufs in Theater und Film.
Manchmal gibt man so viel von sich preis, investiert viel Zeit und Energie; man nimmt so viel auf sich, belastet sein Privatleben, seine Psyche, führt hitzige Diskussionen mit Regisseur*innen etc. ..und dann endlich: die lang ersehnte Premiere. Jetzt kann es ganz toll werden. Manchmal sitzt man jedoch genau so da wie die Darsteller*innen im Film. Das Stück wird von der Kritik zerrissen oder es kommt beim Publikum nicht gut an, oder Vorstellungen fallen aus und Gagen werden gestrichen (wie in Coronazeiten).
Sehr spannend finde ich an dem Film auch das Phänomen, dass Betrogene die Nähe zu dem Mann/der Frau suchen, mit der sie betrogen wurden, obwohl sie sich dadurch nur schlechter fühlen.
Die problembehafteten Verstrickungen jeder/jedes Einzelnen führen dazu, dass die Menschen in ihrem Unglück versinken, sich gegenseitig unglücklich machen.
Gab es Berührungspunkte zu Werk und Leben Romy Schneiders in Deinen bisherigen Schauspielprojekten?
Nein.
Romy Schneider wechselte nach großen Schauspielerfolgen in den 1950er das Filmgenre wie das Land. Wie siehst Du die Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges im Schauspielberuf?
Alles ist möglich. Immer. Meist schränken wir uns nur selbst in unserem Kopf ein. Das kann ganz schön heimtückisch sein. Wenn man da immer wieder einen Weg rausfindet, hat man schon viel gewonnen.
Was kann eine junge Schauspielerin von Romy Schneiders Werk und Leben mitnehmen?
Romy Schneider hatte Ruhm und Geld, nachdem sie die Rolle der Sissi verkörpert hatte. Trotz der Erwartung der Öffentlichkeit weitere Sissiteile zu drehen, hat sie dies abgelehnt und ist ihren künstlerischen Weg weiter gegangen, in dem sie Deutschland, wo sie so berühmt war, verlassen hat, sich auch von ihrer Mutter losgelöst hat und neue Wege in Frankreich eingeschlagen hat. Dafür ist sie bei der breiten Masse nicht gerade auf Verständnis gestoßen.
Sicherheit auf’s Spiel zu setzen finde ich immer mutig und zeigt, dass es ihr um andere Werte ging als Geld und Bekanntheit.
Gibt es etwas typisch Wienerisches bei Romy Schneider?
Ich glaube, sie hatte Wien im Herzen; war jedoch sehr weltoffen, was ich an ihr mag.
Was bedeutet Dir Wien/Österreich und welche Erfahrungen hast Du hier im Schauspielberuf gemacht?
Ich liebe Österreich; wegen seinem Humor, wegen seiner Herzlichkeit, Geselligkeit, Kaffeehausatmosphäre, wegen seinen Würschtlstandln und weil man so herrlich auf österreichisch schimpfen kann.
Meine Erfahrungen als Schauspielerin auf der Bühne in Wien gehen ganz weit zurück, noch auf die Zeit vor meinem Schauspiel-Studium.
Mit meinen Anfängen verbinde ich: dreckige kleine Bühnenprobenräume, viel Ehrgeiz, Engagement, Flucht vom Alltag, meine eigene emanzipatorische Kraft, die Suche nach mir selbst.
Wie siehst Du die Möglichkeiten als junge Schauspielerin in Wien/Österreich?
Aus einer Sicht mathematischer Wahrscheinlichkeit: schlecht bis beschissen. Aus einer Sicht entschlossenem Idealismus: passt scho, moch ma scho.
Spaß beiseite. Einfach machen! Es passiert immer was. Man muss dem Leben und auch seinen eigenen Fähigkeiten vertrauen.
Was wünscht Du Dir für den Schauspielberuf?
Dass wir uns alle da abholen, wo wir als Menschen gerade stehen und wer wir als Menschen sind, statt irgendetwas zu erfüllen, für irgendwelche Strukturen oder Geldgeber. Auch wünsche ich mir inhaltlich relevante Themen zu bearbeiten und Geschichten von und über Menschen zu erzählen.
Was sind Deine kommenden Projekte?
„Donna Juanita“ nach Moliere unter der Regie von Niko Eleftheriadis am Neuen Theater Halle – ein Fünf-Frauen (!!) Stück: ich kann es kaum erwarten, dass die Proben beginnen.
Was möchtest Du Schauspielstudenten*innen mitgeben?
Macht euch bewusst, warum ihr das tut, was ihr tut. Da liegt der Weg zur eigenen Persönlichkeit und eigenen Unabhängigkeit in dem Beruf. Und macht euch sichtbar. Es kommt niemand und entdeckt euch – das passiert nur in den seltensten Fällen.
Was würdest Du Romy Schneider sagen, fragen wollen?
Ich glaube Stille sagt mehr als Worte. Ich würde gerne mit ihr schweigen können; sie in der Stille spüren können.
Darf ich Dich abschließend zu einem Romy Schneider Akrostichon bitten?
Rar
Ohnmächtig
Müde
Yrschtachaaatuschjakaltschackarrrrrrrr
Judith Mahler_ Schauspielerin_Performerin
Herzlichen Dank, liebe Judith, für Deine Zeit in Wort und szenischer Darstellung! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!
40.Todesjahr _ Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris) _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Liebe Claudia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin gerade in Deutschland für die Produktion „der Gott des Gemetzels“, habe also eigentlich das Glück gerade proben zu dürfen, was in diesen Zeiten ja alles andere als selbstverständlich ist.
Claudia Carus, Schauspielerin und Kulturmanagerin
Warum „eigentlich“?
Gerade mal nach nur 6 Probentagen wurde eine meiner Kolleg*innen positiv auf Corona getestet. Obwohl wir uns innerlich von Anfang an auf so eine Situation eingestellt haben – mit so einem Szenarium müssen wir Kunstschaffenden ja gerade täglich rechnen und umgehen, war das in dem Moment doch ein echter Dämpfer.
Claudia Carus _ Klagenfurter Ensemble – „KATZENNACHT“ – Regie: Josef Maria Krasanovsky:
Gerade am Anfang sprüht man ja immer vor Energie und Neugierde auf den neuen Stoff, Text und die gegebenfalls noch unbekannten Menschen, mit denen man jetzt die nächsten Wochen so intensiv zusammenarbeiten wird. Vier Tage später wurde auch ich dann plötzlich positiv getestet – zum 2. mal Corona positiv – Jackpot! Also in Quarantäne, Proben über Zoom und hoffen, dass nicht noch mehr Kolleg*innen infiziert sind, damit die Produktion am Ende nicht doch noch abgesagt wird und ausfällt.
Das Ganze hat mich sehr verunsichert – genesen, geimpft , geboostert – ich dachte, besser geschützt kann man doch gar nicht sein…
„KATZENNACHT“
Während ich nun also dreimal täglich inhalierend, hustend, schniefend (diesmal hat es mich echt ganz schön umgehauen) unter meinem Handtuch des Dampfbads abhing, versuchte ich die Situation neu einzuordnen und zu greifen. (Macht das alles Sinn? Bringt diese ganze Impftirade denn tatsächlich was? – ach nein, das darf man ja nicht denken, geschweige denn überhaupt in Frage stellen, sonst wird man gleich in eine Ecke mit den Coronaleugnern gestellt und von seinen Freunden und der Familie verbannt…)
„KATZENNACHT“
Und auch, wenns mir jetzt bei der zweiten Infektion noch dreckiger als bei der ersten ging, konnte ich dem Ganzen doch etwas Positives abgewinnen. Mir ist durch dieses erneute große „STOP“ bewusst geworden, dass ich eigentlich das letzte Jahr komplett durch gepowert und mich damit in Wahrheit total übernommen habe.
„KATZENNACHT“
Seit meine Mutter Anfang 2021 an ALS gestorben ist, bin ich von einem Projekt zum nächsten und habe teilweise wieder vergessen, wie wichtig Pausen und Ruhephasen sind, abgesehen davon, dass das Verarbeiten meines schmerzhaften Verlustes Raum und Zeit braucht – und zwar ganz schön viel mehr, als ich mir selbst zugestehen will. Einerseits haben mir die künstlerischen Projekte und die damit verbundene Ablenkung extrem gut getan, das hat mir Energie gegeben und war auch gerade jetzt sehr wichtig, andererseits war das auch Teil meines Verdrängungsmechanismus, der sich in all dem Stress etwas zu breit gemacht hat.
Claudia Carus_ Klagenfurter Ensemble – „Die lächerliche Finsternis“ – nach einem Hörspiel von Wolfram Lotz – Regie: Josef Maria Krasanovsky:
Es ist immer schwer die goldene Mitte und das Gleichgewicht zu finden. So habe ich in der letzten Woche zum ersten mal so richtig Zeit gehabt – wenn auch aufgezwungen – zum Nachdenken, rekapitulieren. Natürlicherweise ist alles hochgekommen, all die Bilder, Erinnerungen, Gefühle – die Trauer. Und auch wenn das unglaublich anstrengend war und ist, bin ich froh, dass sie da ist und glücklich über jede Träne, weil das doch irgendwie zum Abschied nehmen dazu gehört.
Claudia Carus_ „Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“ – eine Produktion von „Fiese Matenten Kollektiv“ in Kooperation mit dem TAK Theater Liechtenstein und Kulturzentrum Gasometer Triesen:
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich weiß nicht, ob es für alle besonders wichtig ist, denn wie sich gezeigt hat, hat die Pandemie die verschiedensten Auswirkungen auf die ebenso verschiedensten Menschen in ebenso verschiedensten politischen und gesellschaftlichen Strukturen. Für mich persönlich und wenn ich mein Umfeld so betrachte ist es glaube ich vor allem wichtig menschlich offen zu bleiben und sich nicht zu verschließen, keine Spaltung zuzulassen, sich nicht im schwarz-weiß – denken zu verlieren, nachzuspüren eben genau „was“ denn wirklich wichtig ist im Leben – für mich individuell, ohne mich zu vergleichen (eine der schwersten Aufgaben, wie ich finde), diese Ruhe zu nutzen, um in uns zu kehren, nicht ungeduldig zu werden, einfach auch mal was neues auszuprobieren, mit Menschen in Kontakt zu bleiben, die sich jetzt noch einsamer fühlen als zuvor, das Vertrauen in sich und seine Mitmenschen nicht zu verlieren – im Großen und Ganzen LOVE! Ach ja, und unbedingt ab -und zu einfach mal auf nen Berg steigen und sich alles mal von oben aus ner anderen Perspektive anschauen – so ein Panoramablick bewirkt echt Wunder!
„Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Wenn man sich ansieht wie die inzwischen schon 2 letzen Jahre verlaufen sind, weiß ich leider nicht, ob es so viel „Neubeginn“ geben wird, wie ich vielleicht am Anfang gehofft habe. Wir Menschen können uns in Wahrheit viel zu schnell auf neue Situationen einstellen und vergessen leider ebenso schnell auch wieder – gehen weiter als wäre nichts gewesen. Dieses Gefühl hatten wahrscheinlich die meisten von uns im letzten Sommer, ich nehme mich selbst da nicht raus…Immerhin ist auch in der Öffentlichkeit noch bewusster geworden, was für eine wesentliche Rolle die Kunst und das Theater tatsächlich in unserer Gesellschaft einnehmen – und zwar unabhängig vom wirtschaftlichen Aspekt. Diese Präsenz bleibt hoffentlich erhalten.
„Die 10 Gebote“
Auch sind viele Missstände, die schon seit Jahren bestehen endlich nochmal konkret auf den Tisch gekommen, vor allem was uns freischaffende Künstler*innen betrifft. Da hat man auch gemerkt wie verblendet und unwissend die in der Politik teilweise leider wirklich sind.
„Die 10 Gebote“
Aber auch viele Theaterhäuser haben ihre eigenen Leute im Regen stehen lassen – nach außen wird propagiert, wie furchtbar das alles für die Institutionen und Kunstschaffenden ist und im nächsten Atemzug werden die eigenen Leute auf die Straße gesetzt, Produktionen ohne Ausfallvergütung und ohne Nachholoption abgesagt, Verträge monatelang auf Kurzarbeit gehalten etc. – und in diesem Dilemma sind wir ja nach wie vor.
„Die 10 Gebote“
Aber da wir theaterleidenschaftlich – verhungerten Mensch*innen unseren Beruf so sehr lieben und brauchen, um uns lebendig zu fühlen, hüpfen wir hin- und her in der Hoffnung, auf etwas Beständigkeit und Seelenerfüllung. Das Schwierige ist, dass man sich auf nichts mehr verlassen kann und so gut wie nichts planbar ist. Durch die vielen Absagen und damit verbundenen Verschiebungen gibt es teilweise auch keine neuen Jobs mehr, da die letzten 2 Jahre immer noch nachgeholt werden müssen.
„Die 10 Gebote“
Und das wünsche ich mir: mehr Vertrauen, mehr Transparenz, mehr Verlass, mehr Planbarkeit. Insgesamt mehr Sicherheit für auch freischaffende „Künstler*innen“ – das ist ja auch kein neues Thema – ein generelles beständiges Auffangnetz wäre wichtig. Ich kenne leider zu viele wahnsinnig inspirierende und talentierte Vollblut -Theatermenschen, die durchs Raster fallen – da spreche ich auch von offiziellen Fördergebern, aber das ist wieder ein eigenes Kapitel. Ja, es ist gerade viel im Umbruch, was gut ist, aber weiter weiter weiter!
„Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“
Was liest Du derzeit?
Ich lese meistens parallel. Im Moment das Buch „Mein kreatives Geheimnis sind bequeme Schuhe – Musenküsse – Die täglichen Rituale berühmter Künstlerinnen“ von Mason Currey, ein Selbsthilfebuch über Trauerbewältigung und „Die New-York-Trilogie“ von Paul Auster.
„Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Lebe im Jetzt“ – das ist eigentlich der Leitfaden für meinen Lebensweg, beziehungsweise gleichzeitig, die größte Herausforderung und Aufgabe. Die positiven Begebenheiten im Hier und Jetzt wahrzunehmen und zu schätzen. Das Bewusstsein, dass ich mein Leben jederzeit selbst in der Hand habe und auch neu gestalten kann. Dazu gehört aber auch immer wieder nachzuspüren, ob ich mit dem, was ich tue glücklich bin oder mich selbst eventuell in Strukturen gefangen halte, die mir eigentlich nicht gut tun und aus denen ich gerne ausbrechen möchte und – auch kann!
Und hier noch ein Spruch, der mir gerade vor zwei Tagen wieder zugeflogen ist – den ich irgendwie sehr schön finde und der vielleicht auch gerade in diese Zeit passt: „Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.“ Laotse
Claudia Carus, Schauspielerin und Kulturmanagerin _ „Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“
Vielen Dank für das Interview, liebe Claudia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Valentina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Sehr unterschiedlich! Wenn es nicht unbedingt sein muss, halte ich mich nicht gerne an immer gleiche Tagesabläufe, sondern ziehe es vor, mir meine Freiheiten zu bewahren – auch und gerade in alltäglichen Tätigkeiten. Eine zu starre Tagesstruktur würde mir als Persönlichkeit auch gar nicht entsprechen, sondern mich viel zu sehr einengen und letztlich auch meine Kreativität beschränken. Einzig das Frühstück und mein Morgengebet sind mir jeden Tag heilig. Dafür nehme ich mir auch gut eine Stunde Zeit.
Valentina Himmelbauer, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Geduld und Durchhaltevermögen – die Krise dauert an, viele sind müde geworden und es ist noch kein Ende in Sicht. Da ist es oft schwer, zuversichtlich zu bleiben. Ganz unabhängig von der Pandemie ist es aber zu allen Zeiten besonders wichtig, liebevoll mit anderen, aber auch mit sich selbst umzugehen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Wichtig wird sein, ob wir diesen Neubeginn auch als solchen begreifen und in die Tat umsetzen können. Ich glaube, dass viele Menschen gerade zu Beginn der Corona-Krise das Gefühl hatten, einen Weckruf vernommen zu haben – eine Vollbremsung, die viele dazu ermuntert hat, einen Gang runter zu schalten, den Leistungsgedanken beiseitezuschieben und einfach nur zu sein. Der Weckruf spielte sich aber nicht nur auf persönlicher Ebene ab: Althergebrachtes wurde hinterfragt und kritisch in den Blick genommen – unser Umgang mit der Natur ist dabei nur ein Beispiel unter vielen. Ist es etwa wirklich notwendig für jeden Urlaub um den halben Globus zu fliegen? Einige haben diese Frage am Anfang der Pandemie – vielleicht auch gezwungenermaßen – mit Nein beantwortet. Entscheidend wird eben auch sein, dass wir die durch Corona gewonnenen Erkenntnisse nach Bewältigung der Krise nicht einfach verdrängen und unbehelligt zur Tagesordnung zurückkehren. Ob das gelingt, wird sich zeigen.
Hier sehe ich auch eine Aufgabe, die unter vielen anderen der Kunst zukommt: Missstände müssen aufgezeigt und auch als solche benannt werden, um zumindest im Bewusstsein des Publikums präsent zu sein und zu bleiben – das bereitet den Boden für notwendige Veränderungen.
Was liest Du derzeit?
„Simone de Beauvoir. Ein modernes Leben“ von Kate Kirkpatrick – sehr empfehlenswert und motivierend – nicht nur für Frauen 😉
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Man wird erst wissen, was die Frauen sind, wenn ihnen nicht mehr vorgeschrieben wird, was sie sein sollen.“ (Rosa Mayreder)
Valentina Himmelbauer, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview, liebe Valentina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Rahel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Jetzt gerade Tee trinken, meditieren danach ins Atelier. Naja, aufstehen muss ich auch noch. Momentan denke ich viel über den idealen Arbeitstisch nach. Wie sähe der aus? Einen Tisch an dem ich denken, lesen, notieren, ordnen, planen könnte; sowohl stehend als auch sitzend; komponieren, aufnehmen, Sound kreieren und mischen, dokumentieren, recherchieren, neue Projekte planen, Budgets kalkulieren, Material bestellen, Administration erledigen oder mit anderen Künstler*innen Videotelefonieren könnte. All dies findet sich in einer einseitigen oder gemischten Form in meinem jetziger Tagesablauf. Nur der Tisch ist wackelig und zu klein für das alles.
Rahel Kraft, Sound Artist
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ganz genau hinhören, sowohl nach innen als auch nach außen, menschlichen als auch nichtmenschlichen Ursprungs.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Einen Aufbruch zu klarem Denken und gegenseitigem Zuhören, einen Aufbruch ins «Dazwischen» wo das Komplexe und Abstrakte und Nichtfassbare Platz hat. Wir brauchen Poesie, Reflexion, Leichtigkeit, Humor und Liebe. Die Kunst könnte das alles.
Was liest Du derzeit?
Breath – the new Science of a lost Art von James Nestor
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Connect what is not connected. Verbinde, was nicht verbunden ist.
Vielen Dank für das Interview liebe Rahel, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Linda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Seit Pandemiebeginn hat sich mein Leben sehr stark verändert. Die vielen notwendigen Einschränkungen in unserem gewohnten Lebensalltag haben für mich weitreichende Veränderungen mit sich gebracht. Einen geregelten Arbeitstag kenne ich nicht mehr seit ich vor über einem Jahr mit dem Schreiben begonnen habe. Ich hatte endlich die Ruhe und Muße, mein Buchprojekt anzugehen und habe mir den Traum vom Schriftstellerinsein erfüllen können. So gesehen hat diese Pandemie für mich persönlich zu positiven Veränderungen beigetragen. Ich habe mich von alten Verhaltensmustern getrennt und trotz eingeschränkter Freiheit im öffentlichen Raum, meine persönliche Freiheit und Unabhängigkeit ausbauen können.
Linda Treiber, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, dass die Menschheit zur Zeit vor gleich mehreren sehr großen Problemen steht. Da ist zum einen die seit zwei Jahren andauernde und scheinbar nie enden wollende Pandemie, der Klimawandel und die damit verbundenen weltweiten Migrationsbewegungen, die soziale Ungerechtigkeit und Verteilungsprobleme und vieles mehr. Jedes einzelne dieser Probleme enthält eine Menge Zündstoff für soziale Unruhen, und es bedarf daher kluger und verantwortungsbewußter Politiker, die in der Lage sind, sachlich kompetent und ruhig auf alle Ängste der Menschen einzugehen und ernsthaft daran interessiert sind, eine gangbare Lösung zu finden, die für alle Menschen verständlich und akzeptabel ist. Es darf heute nicht mehr nur darum gehen, die Interessen einzelner Gruppen durchzusetzen, etwa der Industrie oder Aktionäre, um nur zwei Beispiele zu nennen, es muss das Wohl der gesamten Menschheit im Vordergrund stehen.
Aber auch die Lebensräume vieler Tiere und Pflanzen sind bedroht, deren Schutz und Erhalt sollten wir ebenfalls im Auge behalten. Wir haben nur diesen einen Lebensraum Erde und wenn wir nicht sorgsam mit ihm umgehen, dann wird er uns schlicht und einfach verloren gehen. Damit hat sich schon der Club of Rome in den siebziger Jahren beschäftigt, nur leider hat die Politik weltweit keine Kenntnis davon genommen.
Um also eine Antwort auf deine Frage zu geben, denke ich, dass es für uns alle jetzt besonders wichtig ist, stets daran zu denken, dass es hier um unser aller Schicksal geht, sei es bei der Pandemiebekämpfung, der Bekämpfung des Klimawandels oder aller anderen Herausforderungen unserer Zeit. Nur ein Miteinander wird uns zu einer guten Lösung führen, Hetze und Spaltung haben in der Geschichte noch nie zum dauerhaften Erfolg geführt und daher mein Appell an all jene, die dies lesen mögen, vereinen wir doch unsere Kräfte, seinen wir solidarisch mit den Schwächeren dieser Gesellschaft, zeigen wir Größe und beweisen wir unseren Nachkommen, dass wir auch an ihre Zukunft gedacht haben.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich denke, dass uns diese Pandemie sehr deutlich gezeigt hat, wie fragil unsere Gesellschaft ist und wie leicht aus Freunden Feinde werden können. Die Spaltung unserer Gesellschaft muss mit allen Mitteln wieder „repariert“ werden, nur so werden wir in der Lage sein, die Probleme unserer Zeit erfolgreich zu meistern.
Die Rolle der Literatur besteht meines Erachtens zum einen darin, Missstände unverblümt aufzuzeigen und zwar in einer Art und Weise, wie es eben nur der Literatur bzw. der Kunst im allgemeinen erlaubt ist, und zum anderen muss die Kunst auch jener Ort sein, der den Menschen Unterhaltung bietet, um für gewisse Stunden zumindest die kleinen Probleme des Alltags zu vergessen und neue Inspiration fürs Leben zu schöpfen. Wenn mein Buch diesen Anspruch erfüllen sollte, dann wäre das für mich der größte Lohn überhaupt.
Was liest Du derzeit?
Ich zähle zu jenen Menschen, die immer gleichzeitig mehrere Bücher lesen müssen, speziell bei sehr umfangreichen Werken, wie zum Beispiel „Schuld und Sühne“ von Dostojewski, wechsle ich dann gerne zu Lyrik oder ins wissenschaftliche Genre. Im Moment liegen bei mir folgende Bücher am Schreibtisch bzw. Nachttisch: Wie erwähnt Dostojewskis „Schuld und Sühne“, Ingeborg Bachmanns „Malina“ und „Was sind Raum und Zeit“ von Stephan Hawking und Roger Penrose. Diese Abwechslung hält meinen Geist wach und inspiriert mich sehr für die eigene Arbeit am Schreiben.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Eines meiner Lieblingszitate stammt von Hermann Hesse, und das würde ich den Lesern gerne mit auf den Weg geben, wo es heißt „Wer nicht in diese Welt zu passen scheint, der ist immer nahe dran, sich selbst zu finden.“ Gerade jetzt fühlen wir uns doch alle irgendwie nicht in diese Welt passend und sollten daher die Möglichkeit nutzen, uns neu zu entdecken und selbst zu finden. Denn „jeder Mensch ist ein einmaliger Mensch und tatsächlich, für sich gesehen, das größte Kunstwerk aller Zeiten“, um mit einem Zitat Thomas Bernhards abzuschließen.
Linda Treiber, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Linda, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Linda Treiber, Schriftstellerin
Buchneuerscheinung: Linda Treiber, Blind Date – Eine Erregung. 2021. Novum Verlag.
Fotos_privat.
24.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Robert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen, Schnelles Frühstück – Üben oder für einen Auftritt vorbereiten – Mit meiner Freundin gemeinsam kochen oder essen gehen – Auftritt / Probe oder Konzertbesuch – Essen und/oder etwas trinken gehen.
Robert Unterköfler_Musiker
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtg?
Neben einer behüteten Routine aufregende Erlebnisse zu bekommen, um Gespräche fernab von der Pandemie führen zu können.
Vor einem Aufruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaflich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Musik und Kunst müssen verfügbar sein! Live-Events sollten neben dem Unterhaltungsfaktor vor allem auch Menschen zusammenbringen und zu etwas Alltäglichem werden.
Was liest Du derzeit?
Ein idealer Gatte – Oscar Wilde
Welches Zitat, welchen Textmpuls möchtest Du uns mitgeben?
Nicht aus dem Buch sondern aus meiner Lieblingsserie: “The way I see it, every life is a pile of good things and bad things. The good things don’t always sofen the bad things, but vice versa, the bad things don’t always spoil the good things or make them unimportant.” – 11th Doctor
Vielen Dank für das Interview lieber Robert, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Herr Krenn, wie kam es zu Ihrem Buchprojekt „Serge&Jane: Biographie einer Leidenschaft (Aufbau Verlag, 2021) über die Liebe des französischen Komponisten und Schauspielers Serge Gainsbourg und der britisch-französischen Schauspielerin Jane Birkin?
Während meiner Arbeit an dem Buch „Romy & Alain: Eine Amour fou“ für den Aufbau Verlag fielen mir Serge Gainsbourg und Jane Birkin auf Fotos berühmter Pärchen auf. Wie nur wenige andere wurden die beiden offenbar zu einem Paradebeispiel für ein Wunschpaar, einer Projektionsfläche für viele Menschen, obwohl sie nur etwa ein Dutzend Jahre miteinander lebten. Jane und Serge waren im Leben ein Paar auf Zeit und wurden danach eines für die Ewigkeit. Aber was wissen wir eigentlich hier im deutschsprachigen Raum über die beiden? Eigentlich doch recht wenig, stellte ich fest und beschloss daher, ihre Geschichte nachzuzeichnen.
Welche Zugänge hatten Sie vorab zu Leben und Werk beider und worin liegt für Sie die Faszination dieser schillernden Künstlerpersönlichkeiten?
Serge Gainsbourg war mir, neben ein paar wenigen Liedern, nur aus dem Film „Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte“ des Regisseurs und Comic-Künstlers Joann Sfar bekannt. Jane Birkin aus ein paar Filmen wie „Blow Up“, „Der Swimmingpool“ oder „Tod auf dem Nil“. Bei meiner Recherche lernte ich Gainsbourg als einen der kreativsten französischen Komponisten und Liedermacher kennen, war fasziniert von seiner Karriere, beginnend beim Chanson bis hin zum Reggae, den er im Grunde in Frankreich etablierte. Als er Jane kennenlernte, wurde sie zu seiner Muse und seinem „Medium“ – und sie ist es auch heute noch, die seine Lieder Jahrzehnte nach seinem Tod am Leben erhält. Es wäre fast so, meint sie selbst dazu, als könnte sie ihm damit das Leben ein wenig verlängern. Vom künstlerischen Aspekt her stimmt das zweifellos.
Welche Überlegungen hatten Sie zum Aufbau des Buches?
Als ich die ursprüngliche Idee, nur die Liebesgeschichte von Serge & Jane zu erzählen, durchspielte, war mir sehr schnell klar, dass man gerade hier im deutschsprachigen Raum mehr erzählen musste. Ich fand es wichtig, Serges ganze Geschichte darin zu haben, auch die seiner Eltern Olga und Josip Ginsburg, einem jüdischen Paar, das aus der Ukraine einwanderte und in Frankreich ein neues Zuhause fand. Sie flohen 1919 vor den Wirren der Russischen Revolution und mussten in Frankreich zwei Jahrzehnte später mit ihren Kindern vor den Nazis aus Paris in den Süden Frankreichs flüchten, um der Deportation ins KZ zu entgehen. Serge musste in seiner Kindheit den gelben Stern tragen, das prägt einen Menschen natürlich sehr.
Ich zeichne seine Entwicklung vom schüchternen Kind Lucien Ginsburg – so sein richtiger Name – zum Künstler Serge Gainsbourg nach, der sich in den letzten Lebensjahren – auch unter dem Einfluss des Alkohols – in die bizarre Kunstfigur und bösen Clown „Gainsbarre“ verwandelte. In diese Chronologie verwob ich Janes Entwicklung vom scheuen britischen Mädchen bis hin zur Pop-Ikone. Sie ist im Grunde die heimliche Heldin des Buches. Geprägt von einem patriarchalischen System akzeptierte sie in ihrer Ehe mit dem Filmkomponisten John Barry und zu Beginn auch in der Beziehung mit Serge, dass ein Mann ihr Leben bestimmt, sie immer hübsch und adrett für ihn zu sein hat. Die Begegnung mit Serge hat ihr etwas mehr persönliche und künstlerische Freiheit verschafft, aber auch hier wollte ein „Alphatier“ letztlich über ihr Leben bestimmen. Aber sie hat sich weiterentwickelt, ihre eigenen Projekte, künstlerisch und gesellschaftspolitisch, verfolgt. Sie hat sich Serge gegenüber befreit, ohne dabei je aufzuhören ihn zu lieben. Aber nun konnte sie sich jedem anderen Partner gegenüber selbstbewusst behaupten.
Wie gestaltete sich die Recherche zum Buch? Welche Gespräche haben Sie geführt?
Ich habe sehr viel Material studiert: Bücher, Zeitschriften, Filme, Dokumentationen, CDs. Was meine Interviews angeht, wollte ich natürlich gerne mit Jane Birkin reden, die sich mir jedoch verweigerte. Im Endeffekt war mir das dann sogar lieber, denn so blieb ich unbeeinflusst in der Beschreibung ihrer Person. Stattdessen interviewte ich Andrew Birkin, ihren Bruder, einen faszinierenden Charakter. Er hat für Stanley Kubrick am Film „2001: Odyssee im Weltraum“ mitgearbeitet, Drehbücher verfasst, Regie geführt und war ein enger Vertrauter von Serge und Jane, hat einige der schönsten Fotos von ihnen gemacht. Außerdem befragte ich Alexis Chabert, einen Comiczeichner, der eine Graphic Novel über Gainsbourg gezeichnet hat, weil mich Serges Einfluss auf die graphische Kunst interessierte, er hat ja zahlreiche Zeichner inspiriert und wäre selbst gerne Maler geworden. Bemerkenswert war auch Jacqueline, Serges ältere Schwester, die nun schon 96 Jahre alt ist und mich mit ihrer Natürlichkeit, Weisheit und vor allem ihrem Humor beeindruckte.
Der Song „Je t’aime … moi non plus“ (1967/69) fällt wohl vielen Menschen über Generationengrenzen hinweg als erstes ein, wenn die Namen Gainsbourg/Birkin fallen. Wie kam es zur Entstehung des Songs und welche Bedeutung hatte dieser Song für die Karriere beider wie für ihr Leben und ihre Liebe?
Bemerkenswert ist, dass Jane, deren Name für immer damit verbunden bleibt, als Interpretin eigentlich zweite Wahl war. Geschrieben wurde das Lied 1968 für Brigitte Bardot am Höhepunkt ihrer Affäre mit Serge, auch mit ihr eingespielt, aber nicht veröffentlicht, weil ihr Management und auch ihr damaliger Ehemann Gunther Sachs heftigen Einspruch erhoben. Bald danach lernte Serge Jane kennen und obwohl er der Bardot versprochen hatte, den Song nie mit einer anderen Frau aufzunehmen, witterte der Künstler Gainsbourg das ungeheure Potential des Liedes. So entstand die Schallplatte mit Jane und wurde ein Welterfolg, vor allem, nachdem der Vatikan sie auf den Index gesetzt hatte. Obwohl Serge unzählige andere Sachen davor und danach komponierte, assoziieren die meisten Menschen ihn bis heute nur mit diesem Titel. Auch Jane berichtet immer wieder über kuriose Reaktionen des Publikums, etwa von einem Londoner Taxifahrer, der ihr erzählte, gleich mehrere Kinder beim Anhören eben dieses Liedes gezeugt zu haben. Jane amüsieren solche Dinge, sie hat sich längst daran gewöhnt, gemeinsam mit Serge mit dem Titel untrennbar verbunden zu sein. Es ist tatsächlich kein schlechter Gedanke, wenn bis jetzt und wohl auch in Zukunft die erste Assoziation auf ihrer beider Namen weltweit die Worte sind: „Ich liebe dich.“
Wie lernten sie sich kennen?
Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Jane wurde 1968 als damals noch unbekannte Nachwuchsschauspielerin in London für einen französischen Film namens „Slogan“ gecastet. Der Hauptdarsteller war Serge Gainsbourg und da er eine andere, prominentere Partnerin bevorzugt hätte, behandelte er Jane zunächst betont herablassend und machte sich darüber lustig, dass sie kaum Französisch sprach, obwohl das Drehbuch es erforderte. Außerdem ärgerte es ihn, dass sie noch nie von ihm gehört hatte und ihn zunächst mit „Serge Bourguignon“ anredete. Um die angespannte Situation zwischen den beiden zu verbessern, griff der Regisseur des Films zu einer List, die einer Boulevardkomödie entnommen sein könnte. Er lud sie an einem Freitagabend ins Maxim‘s ein, kam jedoch nicht, sondern überließ die beiden sich selbst. Am Montag danach erschienen Jane und Serge bereits händchenhaltend auf dem Filmset. Man sollte also die Dramaturgie von Boulevardkomödien nicht unterschätzen…
Welche Höhen und Tiefen hatte Ihre Liebe?
Es war eine stürmische Zeit, geprägt von Eifersuchts-, Streit- und Versöhnungsszenen. Einmal warf sich Jane sogar melodramatisch in die Seine und musste von Feuerwehrleuten aus der Strömung geborgen werden. Zuvor hatte sie Serge in einem Lokal wie in einem Slapstick-Film eine Torte ins Gesicht geworfen. Abgesehen von solchen Eskapaden gab es auch zahlreiche glückliche Phasen, in denen man das Leben genoss, kreativ war, mit den Kindern Dinge unternahm, Urlaub auf dem Land machte. Nachdem Serge 1973 einen Herzanfall erlitt, versuchte Jane ihn von seinem Übermaß an Zigaretten und Alkohol abzubringen, das war ein Kampf, den sie gegen einen Suchtkranken letztlich nicht gewinnen konnte. Dennoch bilanzierte Jane die gemeinsame Zeit positiv. Auf eines der von ihm für sie geschriebenen Lieder, „Une chose entre autres“, nimmt sie dabei gerne Bezug, im Speziellen auf die Zeile, die übersetzt lautet: „Eines der Dinge, die du nicht weißt, ist, dass du das Beste von mir bekommen hast“ – und Jane ist überzeugt, dass dem tatsächlich so ist.
Wo und wie lebten sie? Wie gestaltete sich der künstlerisch-familiäre Alltag?
Der Familienalltag spielte sich oft sehr bohémienhaft ab. Gewöhnlich kam das Paar gegen 6:00 Uhr morgens von nächtlichen Ausflügen zurück, weckte die Kinder, die in die Schule mussten, um sich dann schlafen zu legen. Jane holte die Mädchen am Nachmittag vom Unterricht ab, danach gab es ein gemeinsames Abendessen, bevor Serge und Jane wieder zu ihrem Nachtbummel aufbrachen.
Serge Gainsbourg hatte sich noch während seiner Beziehung mit Brigitte Bardot in der Pariser Rue de Verneuil ein Haus nach seinen Vorstellungen einrichten lassen. Kurios dabei ist, dass es eigentlich von Anfang an wie ein großer Ausstellungsraum angelegt war, voll mit exklusiven Möbeln, Instrumenten und bizarrem Ambiente wie Puppen, Waffen, Polizeiabzeichen, Handschellen, antikem Spielzeug, erotischen Skulpturen und ähnlich pittoresken Objekten. Später kamen Goldene Schallplatten, gerahmte Zeitungsausschnitte und unzählige Fotografien dazu. Die Artefakte hatten ihre genaue, von Serge akribisch festgelegte Ordnung, nichts durfte verschoben oder entfernt werden. Sogar der Inhalt des Kühlschranks spiegelte hinter einer Glastür eine gewisse Ordnung wider. Es ist verständlich, dass sich neben Serge, der wie ein Gott in seinem kleinen privaten Universum dort herrschte, die übrigen Menschen, also Jane und die beiden Kinder, darin nur bedingt wohlfühlten. Nachdem Jane ihn verlassen hatte, lebte Serge allein in seinem Domizil und starb auch dort. Heute ist alles noch so wie zu seinen Lebzeiten dort konserviert und man überlegt seit längerer Zeit, aus dem Haus das zu machen, was es im Grunde immer schon war: Ein Museum.
Wie ist die Partnerschaft künstlerisch zu sehen? Welche wechselseitigen Inspirationen gab es da?
Serge war der kreative Part, Jane die Muse, die Inspiration, die ausführende Künstlerin, das allerdings weit über die Dauer ihres Zusammenseins hinaus. Serge war der Ansicht, dass einige seiner besten Lieder für Jane erst nach dem Ende der Beziehung entstanden. Jane wiederum hat sich durch Serge die Konzertbühne erobert und wurde dadurch zu einer gefeierten Solistin. „Jane B“ war in mancher Hinsicht Serges künstlerische Kreation, aber sie hat ihrerseits auch ihn verändert, ihm auch äußerlich einen neuen Stil verschafft. Längeres Haar, offenes Hemd, dunkles Sakko, helle Denim-Jeans, weiße Schuhe ohne Socken, das war Janes Styling-Konzept für ihn, das er gerne übernahm.
Nach Janes Angaben war es Serge, der darauf hinarbeitete, dass sie beide bereits zu Lebzeiten zu einem Mythos wurden. Es war definitiv Jane, die Serge zu Kultstatus verhalf. Während er sonst fast altruistisch für andere schrieb, kreierte er mit ihr einen Star, der auch bei Soloaktionen immer reflexiv auf ihn verwies. Ohne sie hätte er wohl nie sein Rockstar-Image erreicht, auch wenn das auf Frankreich beschränkt blieb. Im deutschen Sprachraum blieb Serge Gainsbourg zeitlebens der Mann an der Seite von Jane Birkin, von dem man ein paar Musiknummern, und darunter vor allem eine, die er mit ihr sang, kannte und ansonsten wenig wusste.
Es gibt viele Fotos der beiden. Wie gingen sie mit dieser Öffentlichkeit um? War es eine Belastung?
Es war eine sehr öffentliche Beziehung, was vor allem Serge genoss, da er vom Beifall der Menge abhängig war wie von einer Droge. Es ist selbst a posteriori noch erschreckend, wie sehr er darum bemüht war, von der Masse geliebt zu werden, so eine Sucht geht selten gut. Jane zog es nach der anfänglichen Freude über den Hype, den die beiden auslösten, mit der Zeit zunehmend vor, sich zumindest gelegentlich ins Private zurückzuziehen, während Serge auf die regelmäßige „Wallfahrt“ durch die Nachtlokale bestand. Jane Birkin nahm mit Verwunderung zur Kenntnis, wie schnell sie an Serges Seite Teil der internationalen High Society geworden war. Jahre später konnte sie diese Popularität dazu benützen, sich sozialpolitisch zu engagieren.
Heute sind die zahlreichen Fotos von den beiden das Zeugnis einer bemerkenswerten Beziehung. Zwei Mal wechselte diese Liebesgeschichte par excellence ihre Form, einmal im Jahr 1980, als sie sich trennten und zum zweiten Mal 1991, als Serge starb. Spätestens danach wurde daraus ein die Zeit überdauerndes Vermächtnis einer großen Liebe. Nach dem Tod von Serge im Jahr 1991 erhob die französische Presse Jane in den Stand einer „Witwe Gainsbourg“, obwohl die beiden nie miteinander verheiratet waren und Jane längst mit einem anderen Mann zusammenlebte.
Wie kam es zum Ende der Beziehung?
Das hatte, wie so oft, viele Gründe. Die Hauptursache war wohl der ausufernde Alkoholkonsum Serges, der ihn seinem Umfeld gegenüber zunehmend unberechenbar machte. Dazu kam seine Manie, dass sich in seiner häuslichen Umgebung nichts verändern sollte. Wenn etwa eines der beiden Kinder ein größeres Bett brauchte, bedurfte dies längerer Diskussionen. Aber natürlich wuchsen die Kinder heran und auch Jane wuchs zunehmend als eigenständige Persönlichkeit. Während des Prozesses dieser Entfremdung verliebte sich Jane schließlich in den Regisseur Jacques Doillon und nach längerem Zögern verließ sie Serge im Jahr 1980.
Jane Birkin spielte mit Romy Schneider in „Der Swimmingpool“ (1969) – wie kam es für Jane Birkin dazu und gab es weiteren künstlerischen/privaten Kontakt von ihr oder Serge Gainsbourg zu Romy Schneider?
Eigentlich hätte die Beziehung zwischen Jane und Serge nach der gemeinsamen Arbeit im Film „Slogan“ bereits wieder zu Ende sein können, denn Jane hätte zurück nach England reisen müssen, wo ihr Lebensmittelpunkt lag. Ob sich dann eine tiefere Beziehung zwischen den beiden entwickelt hätte, ist fraglich. Allerdings lernte Jane in Paris den Regisseur Jacques Deray kennen, der auf der Suche nach einem „Lolita“-Typ war, den er für sein nächstes Filmprojekt besetzen wollte, das an der Côte d’Azur gedreht werden sollte. Das war „Der Swimmingpool“, in dem ein Paar auf der Leinwand wieder zusammengebracht werden sollte, das im Leben längst keines mehr war: Romy Schneider und Alain Delon.
Serge organisierte eine Limousine, die Jane zu den Dreharbeiten nach St. Tropez bringen sollte und reiste mit einem geladenen Revolver an, falls ihre Partner Alain Delon oder Maurice Ronet sich in sie verlieben sollten. Die Waffe blieb zum Glück unbenützt. Romy Schneider unterstützte ihre junge Kollegin bei den Dreharbeiten, vor allem als Jane einen Verweis bekam, weil sie sich mit ihrem Baby am Drehort zeigte. Jacques Deray wollte Jane der Presse und dem Publikum als Minderjährige präsentieren und dazu passte keine Kleinkindidylle am Set. Beleidigt und verletzt schloss sich Jane daraufhin auf der Toilette ein und war erst wieder bereit herauszukommen, als Romy Schneider ihr den Regisseur schickte, damit der sich in aller Form bei ihr entschuldigte.
Nach dieser ersten Filmarbeit traf man sich privat selten, bis Romy und Jane in „Das wilde Schaf“ 1974 wieder gemeinsam vor der Kamera standen. Zu Janes Kummer wurde der Film primär mit den Fotos von Jean-Louis Trintignant und ihr beworben, worauf sie sich etwas Sorgen darüber machte, wie Romy Schneider, die eigentliche Hauptdarstellerin, darauf reagieren würde. Doch die dürfte sich daran nicht gestoßen haben, das Verhältnis der beiden Frauen blieb freundschaftlich.
Gibt es Bezüge von Jane Birkin und Serge Gainsbourg zu Wien/Österreich?
Jane Birkin drehte im Jahr 1979 in Wien den Film „Egon Schiele – Exzesse“. Serge und die Kinder besuchten sie, man bezog eine Suite im Hotel Sacher und so ergab sich eine Art von Familienurlaub. Ebenfalls in Wien mit dabei war Ava Monneret, die Janes persönliche Haarstylistin war. Die beiden verband eine herzliche Freundschaft, die ein jähes Ende fand, als Ava an Gelbsucht erkrankte und völlig unerwartet während des gemeinsamen Aufenthaltes in Wien verstarb. Die Bilder des toten Körpers ihrer Freundin in der kargen Leichenhalle verfolgten Jane noch lange.
Serge wiederum wurde 1981 von einem deutschen Produktionsteam in Paris besucht, weil man ihn für einen Film besetzten wollte, der sich gerade in der Entstehungsphase befand, letztlich aber nie zustande kam. Er hätte unter anderem in Wien spielen sollen und wäre wohl für viele zum Kultfilm geworden, denn das Drehbuch stammte von einer Frau, die 23 Jahre später mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde: Elfriede Jelinek.
Darf ich Sie abschließend zu einem Achrostikon bitten?
Singen
erotik
ruhm
gitanes
ekstase
&
Jugend
atem
natürlichkeit
engagement
Vielen Dank für das Interview!
Sehr gerne!
Im Gespräch_Autor Günter Krenn
Zur Person: Günter Krenn, geboren 1961, Studium der Philosophie und Theaterwissenschaft an der Universität Wien. Zahlreiche Publikationen zum Film u. a. über Billy Wilder, Louise Brooks und Walter Reisch. Er lebt in Wien und ist dort Mitarbeiter des Österreichischen Filmmuseums. Im Aufbau Verlag ist „Die Welt ist Bühne. Karl-Heinz Böhm. Die Biographie“ lieferbar und im Aufbau Taschenbuch „Romy Schneider. Die Biographie“ sowie „Romy & Alain. Eine Amour fou“. (Text_Aufbau Verlag)
Liebe Romina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Falls ich sehr einprägsame Träume hatte, beginne ich den Morgen damit, diese zu notieren und darüber zu reflektieren. Nach einer Tasse Tee/Kaffee mache ich seit 2020 jeden Morgen eine Stunde körperliches Training, das geprägt ist von Yoga und Butoh (inkl. Tanz und Imaginations-, Noguchi Taiso-, Tai Chiübungen) am Abschluss Zazen- Meditation.
Im Moment lebe ich kurzfristig in Brooklyn, New York um an einem Fotoprojekt und Essayfilm zu arbeiten und gehe nach dem Training mit einer alten Kamera und mehreren 35mm Filmen durch die Stadt, um zu fotografieren. In den freien Minuten treffe ich PerformancekünstlerInnen, PhotographInnen und ButohtänzerInnen, um Kollaborationen zu planen.
Romina Achatz, Intermediale Künstlerin, Journalistin und Wissenschafterin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich mag das Zitat von George Bataille, der einmal geschrieben hat, dass der Atem der Ruhealtar der Worte sei. Für diesen persönlichen Ruhealtar mit dem uns zur Verfügung stehenden bewusst gut zu sorgen, könnte Lebewesen unserer Spezies gut tun. Prinzipiell ist mir die Haltung wichtig, dass ich als individuelles Bedürfniswesen niemals sagen kann, was für alle Menschen wichtig ist, da nur jedes Wesen für sich selbst wissen kann, was es in jedem Moment braucht.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Performance, der Kunst an sich zu?
Ich denke, dass der Neubeginn eine Fiktion ist, eine Inszenierung einer Welt die untergehe und einer die neu beginne. Der Turbokapitalismus ist nie im Lockdown gegangen. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, viele arbeiten weit über ihre persönlichen Kapazitäten hinaus. Die Schere zwischen Arm und Reich nahm gravierend zu. In Österreich wurde während dem Lockdown die Senkung des Arbeitslosengeldes durchgesetzt und gleichzeitig bemerke ich Mieterhöhungen. Wichtiger als Erlösungsphantasien, deren Narrative oft im Rahmen eines kapitalistischen, Anführer oder Guru- Macht-zentrierten, esoterischen oder so genannten spirituellen Marktes verkauft werden, empfinde ich es, die reale, strukturelle, systemische Gewalt Stück für Stück und nachhaltig abzubauen und neue, gesündere gesellschaftliche Strukturen für uns alle zu etablieren.
Da Kunst, (wie auch so viele kreative Tiere, Pilze ecc. auf dieser Erde) die Fähigkeit besitzt, immer zu neue Welten und Kommunikationsweisen zu erschaffen, kann sie einen wichtigen Teil spielen, um alte Strukturen durch neue Kreationen in der Immanenzebene nachhaltig zu verändern.
Tanz und Performance bedingen die Anwesenheit von physischen Körpern, die affiziert werden von anderen Körpern, einem Publikum und einem Meer von sinnlichen Eindrücken. Dieser Erfahrungsraum lebt vom Ereignis, das in digitalen Welten nicht in derselben Form hergestellt werden kann. Ich empfinde, dass Kunst generell potenziell eine kathartische Kraft besitzt- einerseits für die KünstlerIn, anderseits für die KonsumentIn- wenn dieser Raum versperrt wird, könnte das auch negative Konsequenzen mit sich bringen, da vieles Empfundene keinen Ausdruck findet.
Was liest Du derzeit?
Ich lese gerade ein Schriftstück von Marvin Heine, der gerade an einem Dissertationsprojekt namens „unruly stories: the sensation of sustianability in a more than human world“ schreibt. Parallel lese auch wieder Audre Lorde, Bell Hooks und AlokMenon.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
“One of the most powerful core abilities of our human species, that differentiates us from other animals is to be capable of willingly imagine all that we want. We have an infinite sea of imagination sleeping inside of us- ready to open its eyes any time.” (Zitat aus einem neuen, noch nicht publizierten Text über Imagination und Bewegung, den ich für die Choreografin und Tänzerin Minako Seki schreibe)
Vielen Dank für das Interview liebe Romina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Romina Achatz, Intermediale Künstlerin, Journalistin und Wissenschafterin
Foto_privat.
19.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Es sind strahlende Mittelpunkte städtischer Architektur wie der baulichen Landschaftsstruktur an sich. Kirchen, Kapellen, Wallfahrsorte bestimmen Stadt- und Ortsbild und weisen auf die religiöse wie sozialgesellschaftliche und ökonomische Verfasstheit der Zeit hin.
Doch wie waren diese beeindruckenden Bauten möglich? Wie wirkte die Gesellschaft mit? Welche Möglichkeiten und Herausforderungen gab es da?
Der Schweizer Historiker und Universitätsprofessor Peter Hersche legt mit „Kirchen als Gemeinschaftswerk“ ein spannendes historisches wie gesellschaftliches Kapitel der engeren und weiteren Kirchengeschichte der Neuzeit offen und lässt in Vorgänge und Prozesse der Planung, Entstehung und Verwirklichung kirchlicher Bauprojekte im mitteleuropäischen Raum blicken.
In vier Kapitel, in denen Kapitel zwei und drei „Voraussetzungen des Bauens“ wie „Die Durchführung eines Neubaus“ die unmittelbaren Entstehungsvorgänge beschreiben und Einleitung/Schluss einen Rahmen des Themas bilden, gelingt eine außergewöhnliche Darstellung in geschichtlicher, sozialer wie architektonischer Zusammenschau, die wunderbar informiert wie auch sehr anregend und spannend zu lesen ist.
Es ist eine schöne Unmittelbarkeit, die hier aus den Seiten spricht und gleichsam das Bauwerk vor den interessierten Leseaugen entstehen lässt.
„Ein ganz besonderes kirchen- wie gesellschaftshistorisches Buch, das vielfältig begeistert“
Liebe Sandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich stehe zwischen 5 und halb 6 auf, schreibe mir bei einer Tasse Ingwertee ein paar Seiten von der Seele, danach gehe ich auf die Yogamatte. Ich habe früher als Yogalehrerin gearbeitet, heute mache ich nur noch für mich Yoga – jeden Morgen die gleichen Übungen, was mir einen guten Blick auf meine Tagesform gibt. Die Auseinandersetzung mit mir selber ist mir wichtig, da ich denke, dass sie bei einem bewussteren Umgang mit den Herausforderungen des Tages hilft. Danach gibt es Kaffee, dazu lese ich oder schreibe das eine oder andere, gehe meine Mails durch. Später der zweite Kaffee, Hundespaziergang, einkaufen, wenn nötig, und zurück an den Schreibtisch bis am Mittag. Nach dem Hundespaziergang folgt ein kleiner Imbiss, danach wieder lesen und schreiben, oft auch Recherche für Projekte. Das Abendessen ist mir die liebste Mahlzeit, weswegen ich mir bei der Zubereitung auch gerne Zeit nehme und oft neue Rezepte ausprobiere. Häufig finden die auch mit lieben Gästen statt, wonach der Abend dann mit Gesprächen verläuft. Alleine gehe ich nach dem Nachtessen gerne nochmals an den Schreibtisch zurück.
Ich mag diesen geregelten Tagesablauf, der ganz meinem Naturell entspricht. Dadurch, dass ich in meinem Leben fast nie mit von außen gegebenen Strukturen gearbeitet habe, fand ich in einer selbstgewählten Tagesstruktur auch einen gewissen Halt, der für einen so freischwebenden Geist wie mich hilfreich ist.
Sandra von Siebenthal,Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Was für andere Menschen persönlich wichtig ist, kann ich nicht beurteilen, jeder geht mit Situationen anders um. Für uns als Gesellschaft würde ich mir wünschen, dass die Menschen besser lernen, im Dialog zu sein, aufeinander zu achten, anderen Meinungen und dahinterstehenden Ängsten und Sorgen offen gegenüberzutreten. In einer Demokratie bleibt es nicht aus, dass es nicht immer der eigenen Meinung entsprechend geht – das bedingt auch, dass man die Mehrheitsmeinung mitträgt.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Rolle von Kunst und Literatur ist schwer konkret zu definieren. Ich denke, die beiden waren immer Spiegel der Gesellschaft, waren aber auch gut, Freude, Trost und Weltenfluchten zu bieten. Es gibt viele Berichte von Menschen, die in schwierigen, gar lebensbedrohlichen Situationen waren, und da in der Literatur Halt fanden. Ich möchte die Kunst nicht in die Pflicht nehmen, dies zu erfüllen, ich finde es aber wichtig, dass im Hinblick auf die Kunst im Auge zu halten, so dass ihr die Wichtigkeit, die sie hat in unserer Gesellschaft, ich möchte fast sagen, in unserem Menschsein, zugestanden wird. Es wäre schön, wenn Fragen wie „Wozu Kunst?“ nicht mehr gestellt würden.
Was liest Du derzeit?
Ich lebe meistens mehrere Bücher parallel, manche aus reiner Neigung, andere für Projekte oder für Rezensionen (die Einteilung sagt aber nichts über die Freude am Lesen aus). Im Moment lese ich Norbert Gstreins „Der zweite Jakob“, „Thomas Mann, der Amerikaner“ und Thomas Manns „Felix Krull“. Daneben immer auch Gedichte.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.“
Sandra von Siebenthal,Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Sandra, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!