Liebe Anete, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich schlafe bis 8.30, gehe dann mit dem Hund raus, dann frühstücke ich und spiele bisschen Handyspiele. Erst gegen 11h fang ich an zu üben und um 13 wieder, diesmal eine längere Runde, mit dem Hund raus. Am Nachmittag meistens habe ich 2h Arbeit mit meiner Korrepetitorin oder Gesangslehrerin und danach ab nach Hause, ein Paar Folgen von einer beliebigen Serie schauen, eventuell ein Glas Rotwein und ab ins Bett.
Anete Liepina, Sängerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Meiner Meinung nach ist das Wichtigste zu schauen was man als Mensch gerade braucht. Sich selbst nicht vernachlässigen. Wenn man gerade ins Loch fallen will, es wahrnehmen und sich selber einen Zeitraum geben, wo man es auch zulassen kann. Dann aber ein System finden, das einem hilft, den Alltag sinnhaft zu gestalten. Ein Ziel erfinden, wenn es keines gerade gibt.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich denke, dass die Kunst allgemein ein Mittel ist, um Menschen seelisch Luft zu geben. Mit dieser Luft meine ich Gefühle, Emotionen. Und nach so langer Zeit, wo wir doch so auf uns selbst gestellt gewesen sind, diese Emotionen in Wechsel zwischen Kunst/Künstler und Zuschauer sind unglaublich wichtig. Wir sind nicht alleine in unserer Gefühlswelt, und das wieder hautnah wahrzunehmen ist unglaublich wichtig.
Was liest Du derzeit?
Ich lese gerade sehr wenig. Hauptsächlich Romane, wo ich in eine andere Welt versetzt bin. Gerade lese die Bücher von Lucinda Riley über 7 Schwestern. Jede Schwester hat eine eigene Geschichte, deshalb auch ein eigenes Buch. Ich mag ihren Schreibstil und wie sie die Geschichte mit Fantasie verknüpft.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Nichts in der Geschichte des Lebens ist beständiger als der Wandel“ Charles Darwin
Auch diese Zeiten werden zu Ende gehen, und wir werden anderen Herausforderungen entgegengestellt, und auch die bewältigen können.
Vielen Dank für das Interview liebe Anete, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Nataya, welche Bezüge, Zugänge gibt es von Dir zu Romy Schneider?
Bis zu dieser Woche eigentlich kaum welche. Wegen dieses Interviews habe ich mich in den letzten Tagen intensiver mit ihr auseinandergesetzt. Davor wusste ich nur, dass sie eine sehr erfolgreiche und berühmte Schauspielerin war, die für die Sissi Filme bekannt ist.
Gibt es einen Film von Romy Schneider, den Du hervorheben möchtest und warum?
Ich habe leider nicht so viele gesehen bisher, deshalb gibt es da nicht wirklich einen. „Das wilde Schaf“ finde ich sehr interessant, die Beziehungen zwischen den Personen sind sehr eigen und spannend.
Gab es Berührungspunkte zu Werk und Leben Romy Schneiders in Deinen bisherigen Schauspielprojekten?
Nein gab es bisher noch nicht. Aber ich habe mich im Zuge einer Arbeit mal mit Hannah Arendt auseinandergesetzt, welche eine Aktion startete, die Abtreibung normalisieren sollte. Wie ich in Erfahrung gebracht habe, war Romy Schneider da dabei – das finde ich toll!
Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Leben und Schauspielberuf bei Romy Schneider wie an sich?
Ich denke bei Romy Schneider lief das Hand in Hand, ich glaube nicht, dass sie da eine Trennung gemacht hat. Ihre Entscheidungen als Schauspielerin waren auch ihre privaten Entscheidungen – also z.B. nach Frankreich zu gehen. In einem Interview sagt sie auch, dass sie spielen muss, sonst würde sie verrückt. Vor allem nach dem Tod ihres Sohnes.
An sich ist das Spannungsverhältnis, meiner Meinung nach, sehr eng. Als SchauspielerIn muss man gut auf die eigene Gesundheit achten, sowohl körperlich, als auch psychisch. Man spielt ja mit dem eigenen Körper, mit sich selbst; und wenn da bei dem einen was nicht stimmt, stimmt das andere auch nicht mehr.
Trotzdem finde ich es sehr wichtig, Berufliches von Privatem zu trennen, vor allem emotional. Sonst kommt man aus der Rolle gar nicht mehr raus und das ist ja nicht das Ziel.
Romy Schneider wechselte nach großen Schauspielerfolgen in den 1950er das Filmgenre wie das Land. Wie siehst Du die Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges im Schauspielberuf?
Wenn einem die Möglichkeiten gegeben werden, dann kann man sich da bestimmt wunderbar entwickeln, mit jeder Rolle lernt man ja auch viel neues über sich selbst. Aber die Möglichkeiten hat man leider oft nicht.
Trotzdem geht man seinen Weg und das ist ja dann eigentlich der persönliche Entwicklungsweg, demnach man sich entwickelt.
Ich glaube, dass der Schauspielberuf einer der wenigen ist, die so viel persönliche Entwicklung zulassen. Alleine dadurch, dass man sich immer wieder mit neuen Themen auseinandersetzt, was übrigens auch ein großer Punkt ist, warum ich Schauspielerin geworden bin.
Was kann eine junge Schauspielerin von Romy Schneiders Werk und Leben mitnehmen?
Sie folgte ihren Träumen und Bedürfnissen und versuchte sich immer weiterzuentwickeln und nie stehen zu bleiben, wie sie in „Portrait eines Gesichts“ sagt.
Es war sehr mutig von ihr, immer wieder neue Wege einzuschlagen und ihren Zielen treu zu bleiben.
Sie machte es sich nicht leicht, also sie sagte auch selber, dass sie nicht den einfachsten Weg nahm.
Gibt es etwas typisch Wienerisches bei Romy Schneider?
Da fällt mir jetzt nichts ein. Sie fühlte sich eher als Französin, da könnte man ihr eher typische Eigenschaften zuordnen, wie das exzessive Rauchen z.B.
Du bist in Wien aufgewachsen. Was bedeutet Dir Wien und welche Erfahrungen hast Du hier im Schauspielberuf gemacht?
Wien ist einfach meine Stadt – ich liebe diese Stadt! Ich liebe das Theater und das Kino (ich wohne direkt beim einem) und die Museen.
Ich mag den Wiener Grant und den Humor. Und am allermeisten liebe ich die Kaffeehäuser! Das Tolle daran ist, dass man den ganzen Tag dort verbringen kann – vom Frühstück übers Mitttag- und Abendessen, bis hin zum Spritzer Trinken in der Nacht. Man kann dort lesen und lernen, Leute treffen und sich gut amüsieren.
In Wien habe ich mit dem Schauspiel begonnen. Zuvor habe ich noch Musicals bei teatro gespielt, aber dann mit 15 habe ich mich für die Schauspielerei entschieden. Ich habe einen Kurs an der Schauspielschule Kraus belegt und danach zwei Jahre in der Jungen / Offenen Burg gespielt.
Zum Studieren bin ich dann nach Graz gegangen – weswegen ich Wien auch vier Jahre lang vermisst habe. Jetzt bin ich froh, seit einem halben Jahr wieder hier zu sein und bald beginnen auch meine Engagements, worauf ich mich schon sehr freue!
Wie siehst Du die Möglichkeiten als junge Schauspielerin in Wien/Österreich?
Mir wurden glücklicher und zufälliger Weise gerade viele Möglichkeiten gegeben. Allgemein ist es jedoch schwierig: wenn man wo rein will, muss man viel Networking betreiben und es dauert, bis man da mal Fuß fasst. Da ist es natürlich einfacher, wenn man in Wien studiert hat. Ich hab durch mein Studium Kontakte in Graz, aber zum Glück auch in Wien bekommen.
Ich stehe noch am Anfang meiner (hoffentlich) Karriere, deswegen kann ich dazu noch gar nicht so viel sagen. Meine KollegInnen aus der Uni sind alle in Deutschland verstreut, also von denen kann ich leider auch keine Erfahrungen, was Wien betrifft, berichten.
Was wünscht Du Dir für den Schauspielberuf?
Ich wünsche mir Chancengleichheit, gerechte Gagen, respektvollen Umgang, dass niemand (bestimmte Gruppen) ausgeschlossen wird und was mich betrifft, dass es läuft und ich immer wieder neue Rollen bekomme. Eine Utopie eben, die aber meiner Meinung nach gerade in diesem Beruf möglich wäre.
Was sind Deine kommenden Projekte?
Ich habe ein paar Projekte, die Ende Jänner starten und bis Mai gehen. Leider kann ich noch nicht mehr dazu sagen, aber ich freue mich sehr! Es sind tolle Möglichkeiten und es wird bestimmt sehr viel Spaß machen und sehr viel Erfahrung bringen.
Was möchtest Du Schauspielstudenten*innen mitgeben?
Achtet auf euch! Man kann sich selbst schnell verlieren unter dem Druck, unter dem man oft auch persönlich steht. Wie ich schon gesagt habe, man arbeitet mit dem eigenen Körper, mit dem eigenen selbst, da müssen wir besonders achtsam sein, da geht schnell mal was kaputt. Außerdem ist es wichtig, nichts zu tun, was man nicht tun will – es gibt immer eine andere Lösung!
Was würdest Du Romy Schneider sagen, fragen wollen?
Ich würde gerne wissen, wie sie tatsächlich gestorben ist.
Darf ich Dich abschließend zu einem Romy Schneider Achrostikon bitten?
Rauchen
Oben ohne (in jedem Film den ich mit ihr gesehen habe, hat sie irgendwann kein Oberteil mehr an)
Mutig
Yves Saint Laurent – weil es in der italienischen Vogue eine Fotostrecke von dieser Marke mit Romy Schneider als Model gibt
Nataya Sam _ Schauspielerin _ Wien
Herzlichen Dank, liebe Nataya, für Deine Zeit in Wort und szenischem Porträt! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspiel-, Kunstprojekte!
40.Todesjahr _ Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris) _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Lieber Felix, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zurzeit bereite ich mich für die kommende sehr intensive Zeit vor, da ich in der glücklichen Situation stehe und von Februar bis August in 5 Produktionen mitwirken darf. Die Pandemie hat dazu beigetragen, dass Produktionen verschoben worden sind und jetzt kumuliert sich einiges.
Daher bestehen mein Tage derzeit aus Stücke lesen, Texte lernen, Recherche, Feldenkrais und Sport betreiben, Tanzkurs und Theater gehen.
Aber hauptsächlich mit den Textmassen umgehen, für:
“Margarete” im Theater Forum Schwechat, ab 4. März zu sehen.
“Urfaust” in der neuen Spielstätte Scalarama vom Scala Theater, ab Anfang April zu sehen.
“Trümmerherz” im Werk X am Petersplatz, ab 12. Mai zu sehen.
“Tartuffe” bei den Komödienspielen Porcia, ab 8. Juli zu sehen.
“Das perfekte Geheimnis” bei den Komödienspielen Porcia, ab 22. Juli zu sehen.
Ich freue mich über alle die kommen!
Felix Krasser, Freier Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das weiß ich leider nicht genau…was JETZT für uns alle besonders wichtig ist. Ich kann nicht in alle hineinschauen und -fühlen.
Aber ich bin großer Fan von gegenseitiger Unterstützung, von Respekt und Liebe.
Vielleicht sollten wir alle einen Schritt zurück gehen, statt nach vorne?
Oder einen Schritt auf die Seite, um auch anderen Platz zu geben/machen. Menschen die auch da sind, aber Hilfe und Unterstützung brauchen, weil sie es alleine nicht schaffen.
Vielleicht wärs wichtig endlich eine Balance von Individualismus und Naturverbundenheit für uns alle zu finden. Ein gemeinschaftlich gesundes und für die Welt nachhaltig ökologisches Spiel von “gegen und mit dem Strom schwimmen”?
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Aufbruch/Neubeginn klingt für mich so apokalyptisch. Ich habe etwas beendet oder es wurde mir beendet, und ich muss mir eine neue Basis aufbauen; einen neuen Plan überlegen, umsatteln, umziehen, Segel setzen, weil ich hier nicht mehr sein kann. Ich sehe diesen “Aufbruch” nicht. Aber vielleicht bin ich da auch nicht so visionärisch und sehe etwas nicht. Vielleicht fehlt mir das Gefühl dafür, die Vogelperspektive oder auch das Wissen – zumindest was das Theater angeht. Ich sehe sehr wohl und spüre Veränderungen, leichte Brisen und dezente Kurswechsel von einzelnen Menschen und Gruppen. Und während ich so darüber nachdenke begleitet mich eine Art Enttäuschung. Denn es könnten viel mehr sein! Die eben einen Aufbruch oder Neubeginn wovon auch immer bewirken könnten, den ich mir in manchen Bereichen sehr wünsche:
Gegenseitiger Respekt, Mitmenschlichkeit, einander zuhören und -sehen, aber auch der Natur zuhören und -sehen, weniger Konsum & mehr Minimalismus sowie Kreativität, weniger Globalisierung & mehr Regionalität (aber bitte nicht mit Schwarz/Weiß-Praxis zu vergleichen – alles in einem gesunden Ausmaß), Abfallwirtschaft, Mülltrennung, live the rrr´s – reduce, reuse, recycle, Lebensmittelkonsum, zurückschrauben und aktiver sein, das gemeinsame schließen der Schere zwischen Arm und Reich, bedingungsloses Grundeinkommen (für die ganze Welt – warum nicht aufbrüchisch denken),…
Ich weiß, diese Themen sind schon ziemlich ausgelutscht. Sie sind gigantisch romantisch und klingen nach dem naiven Wunsch in einer schönen heilen Welt zu leben. Aber das verstehe ich unter einem Aufbruch und Neubeginn.
„Wir wissen so viel, wie es besser laufen könnte. Warum tun wir dann nicht das, was wir wissen? Wir sind Wissensgiganten, aber Umsetzungsdilettanten.“
So wie es jetzt läuft, ist es für mich eher der ständige Strudel, mit vielen Veränderungen, Anpassungen und “Weiter”entwicklungen. So wie sich die Welt halt dreht. Sie bewegt sich. Sie verändert sich. Mit oder ohne Pandemie. Und wir verändern uns mit ihr – sehr oft in einem sehr/zu hohen Tempo. Es ist ein Strudel, der immer heftiger wird. Ich persönlich habe schon bisschen Wasser geschluckt und etwas schwindelig ist mir auch schon geworden. Ich habe das Gefühl, dass wir immer mehr über unsere eigenen Beine des vor allem technischen Fortschritts stolpern.
Ich habe nichts gegen einen “vernünftigen” technischen Fortschritt. Ich finde den Fortschrittsdrang des Menschen faszinierend und er katapultiert uns in eine unglaubliche Zukunftswelt – vlt. a la A. Huxley oder G. Lucas. Aber vieles ist einfach nur Schrott, im wahrsten Sinne des Wortes, der nach einer minimalen Lebensdauer zu Schrott-Schrott wird.
“Felix, stop!”
“Aber es gibt noch soviel?!”
Neubeginn
Neu beginnen
– muss auf der anderen Seite nicht heißen, alles stehen und liegen zu lassen und eine 180 Grad Wendung zu machen. Man kann natürlich auch mit etwas Altem neu beginnen. Es noch einmal probieren. Von vorn beginnen. Weil man eben vielleicht unterbrochen wurde. So wie es z.B. vielen Theatern und allen rundherum, wie z.B. freien SchauspielerInnen, in letzter Zeit ergangen ist. Aber dafür braucht man Kraft, einen langen Atem und ziemlich oft die Unterstützung von anderen. Auch wenn vieles die letzten 2 Jahre komplett auf den Kopf gestellt wurde und neue Wege gesucht und ausprobiert wurden Theater neu zu gestalten um es der eingesperrten Öffentlichkeit zugänglicher zu machen, sehe ich keinen Neubeginn im Theater. Es geht weiter.
Die Wesentlichkeit und die Rolle
Simpel gesagt würde ich es jetzt gerade so erklären, dass Theater und allgemein die Kunst die Rolle haben, den Praktizierenden ein Ventil und einen Sinn, und den Konsumierenden Vergnügen, Bildung und ebenfalls aber auch ein Ventil zu geben. Der Mensch will sich schon seitdem er denken kann die innere und äußere Welt erklären und sich ausdrücken – dafür ist unter anderem Theater da, welches schon im Feuertanz oder in den Jagdgeschichten der Urmenschen vor tausenden von Jahren seine Ursprünge hat.
Theater ist vielfältig (einsetzbar). Manche Menschen gehen stattdessen in den Prater, oder ins Kino, oder Laufen, oder ins Kabarett, oder ins Fitnessstudio, oder in die Bibliothek, oder ins Restaurant, oder ins Museum, oder in die Schule, oder ins Fußballstadion, oder in die Kirche, oder in die Sauna, oder zur Massage, oder lesen stattdessen ein Buch, oder eine Zeitung, oder schauen sich die ZIB an, oder Pornos, oder spielen Playstation, oder scrollen auf TikTok rum, oder treffen sich mit Freunden um sich auszutauschen, Geschichten einander zu erzählen, Spaß zu haben, zu lachen, zu weinen, von einander zu lernen, und und und, oder oder oder
– das alles kann und ist auch Theater!
Ich gehe meistens ins Theater, weil ich angeregt werden und andere Sichtweisen, die man vielleicht im real-normalen Leben nicht so zu sehen bekommt, sehen möchte, welche ich dann aber wiederum ins real-normale Leben einfließen lassen möchte, wenn diese sozial vertretbar sind und nicht gegen unsere Grundgesetze der Menschenrechte verstoßen. Ich möchte neue Welten kennenlernen, Spaß haben, mich inspirieren und überraschen lassen.
Kunst macht auf, regt an, stellt Fragezeichen, provoziert, sticht, umarmt, bringt uns in die Gegenwart und in den Moment, ist manchmal unverständlich und unzugänglich. Aber genau das regt einen dann ja auch an – zu hinterfragen, offen zu sein, Weltmensch zu sein. Ein Mensch dieser großen, fantastischen, unglaublich schönen und bunten Weltbevölkerung zu sein. Also ein Mensch unter vielen Menschen zu sein, die sich gegenseitig sehen und tolerieren.
Was liest Du derzeit?
“Urfaust” – Johann Wolfgang von Goethe
“Alles könnte anders sein” – Harald Welzer
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Machen!!! – nicht immer denken. Aber hinterfragen ist auch wichtig. ->?”
Und:
„Wenn ihrs nicht fühlt ihr werdets nicht erjagen.
Wenns euch nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigen Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.
Sizzt ihr einweil und leimt zusammen,
Braut ein Ragout von andrer Schmaus,
Und blast die kümmerlichen Flammen
Aus eurem Aschenhäufgen aus
Bewundrung von Kindern und Affen
Wenn euch darnach der Gaumen steht!
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
Wenn es euch nicht von Herzen geht.”
J.W. von Goethe
Felix Krasser, Freier Schauspieler
Vielen Dank für das Interview lieber Felix, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Danke fürs Journaling.
Alles Liebe
5 Fragen an Künstler*innen:
Felix Krasser, Freier Schauspieler _Wien
Fotos_1-3, 6 Barbara Wirl; 4,5 Tom Weilguny
2.2.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Daniel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Von außen betrachtet nicht anders als vor der Pandemie – ich befinde mich zwischen den Projekten und sitze am Schreibtisch, um Inszenierungen vorzubereiten, lese viel oder schreibe Konzepte, versuche gut zu kochen, zu wandern und treffe Freund*innen. All das mit einem Unterschied zu Vor-Corona-Zeiten: Jeder dieser Tage ist noch immer von seinem Wesen her nach innen gerichtet, in meine eigene Wohnung oder die vier Wände einer Freundin, eines Freundes. Was mir fehlt ist die unbedachte Leichtigkeit, das Draußen, das öffentliche Leben, die Begegnung mit anderen, fremden Menschen. Bierchen, Partys, überfüllte Räume; der „vibrierende Draht zwischen uns und der Welt“ (Hartmut Rosa) – es scheint (noch) die Zeit zu sein, in der er durchschnitten bleiben muss.
Daniel Foerster Regisseur/ Autor
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich glaube, Gesellschaft. Auf der einen Seite meine ich damit, dass uns die Präsenz von Menschen fehlt und wir uns alle wieder mehr physisch wahrnehmen und (an)erkennen sollten, um uns bald wieder ohne Abbremsmechanismus in die Arme fallen zu können. Dass wir wieder merken, da sind ja noch andere. Auf der anderen Seite meine ich Gesellschaft nämlich als demokratische Gesellschaft, die aus mehr besteht als aus einer Masse singulären, möglichst kaufkräftigen Individuen, die sich als abstrakte Annahmen voneinander aus der eigenen Isolation heraus online oder ganz real mit Hass und Hetze oder kruden Weltdeutungen herabwürdigen, zurechtweisen und übereinander herfallen. Ich mache mir Sorgen, dass Corona bereits stattfindende gesellschaftliche Erosionen noch verstärkt. Dass wir uns in Hass und verrückte Weltbilder hineinsteigern. Dass die Vereinzelung, die Kapitalisierung alles Zwischenmenschlichen sich noch intensiver entwickelt. Dass wir uns zunehmend misstrauen und gegenseitig mustern. Dass wir mehr und mehr darauf achtgeben, was ein anderer Mensch uns bringt im Sinne der eigenen Wertsteigerung auf den Attraktivitätsmärkten. Dass wir, ohne es zu merken, in der sozialen Interaktion wie Großkonzerne handeln. Ich denke, gegen all diese unmenschlichen Entwicklungen hilft nur der Mensch. Der bereit ist, sich einzulassen, zuzuhören, der durchlässig, neugierig und wach bleibt unter der Oberfläche der glänzenden oder bisweilen ätzenden Inszenierung in seinen sozialen Medien und halbdunklen Innenstädten.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Aufbruch klingt mutmachend. Nur frage ich mich, trauen wir uns das noch, wenn sich einmal tatsächlich die Zeit nach Corona einstellt? Schon vor der Pandemie dachte ich, wie unglaublich wichtig die Live-Begegnung für uns ist: so viele Aufführungen im Theater ausverkauft, Konzerte in verschiedensten Besetzungen und Größen allerorten; Ausstellungen, Museen, Galerien, Performances – Austausch, Gespräch, Begegnung; das Smartphone in wertvollen Momenten mal nicht gleich zur Hand, um sich in Digitalität zu flüchten. Ich hoffe, dass wir wieder dahin zurückkommen und dass wir es nicht verlernt haben. Ich glaube dabei nach wie vor an das Potenzial des Theaters als Raum gesellschaftlicher Selbstbefragung, als Raum sinnlichen Durchlebens unserer Ängste und Begierden, als Ort des Rausches, der Konfrontation und der Umarmung, als Ort eines Ereignisses, das zunächst nichts soll und nichts muss, außer uns unser Mensch-Sein in all seinen Facetten, Abgründen und Lichtungen spüren zu lassen und zuzugestehen. Ein Fest, das uns unsere Menschlichkeit im wahrsten Wortsinn zurückspielt. Ich wünsche mir, dass die Kunst und das Theater den Platz in unserer Mitte behält bzw. endlich bekommt, den es verdient und den es braucht. Und dass Barrieren niedergerissen werden, dass wir die Tempelhaftigkeit der städtischen Bühnen überwinden und die Kunst von allen geteilt werden kann.
Was liest Du derzeit?
Andreas Reckwitz – Die Gesellschaft der Singularitäten; Hengameh Yaghoobifarah – Ministerium der Träume; Diana Kinnert – Die neue Einsamkeit; Hartmut Rosa – Resonanz; Lew Tolstoi – Krieg und Frieden; und demnächst: Mein Lieblingstier heißt Winter von Ferdinand Schmalz.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Zeitvertreib oder Lebenswerk – auf einer langen Skala der Metaphorik findet das Kartenhaus überall Platz, je nachdem, wo wir geneigt sind, es hinzudenken.
(Caren Jeß – Eleos. Eine Empörung in 36 Miniaturen)
Daniel Foerster_ Regisseur/ Autor
Vielen Dank für das Interview lieber Daniel, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Birgit, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der Ablauf meines Schreiballtags ist in der Pandemie gleich geblieben, ich sitze am Schreibtisch und schreibe. Ich habe eher mehr Zeit dafür, allerdings fallen teilweise Recherchen vor Ort weg oder sind komplizierter. Je nach Phase der Pandemie hat sich der Anteil an Außenterminen für Lesungen, Workshops und Recherche geändert. Was mir aber auffällt, dass ich insgesamt mehr Zeit zum Nachdenken, Lesen und Recherchieren habe, weil Freizeitaktivitäten außer Haus seltener sind.
Birgit Ebbert, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
In der aktuellen Situation ist es, glaube ich, besonders wichtig, nicht den Mut zu verlieren und kreativ zu sein, neue Formen der Gemeinschaft zu entdecken und neue Wege für schöne Erlebnisse auszuprobieren. Beziehungen im Herzen und schöne Bilder im Kopf geben Kraft, die außergewöhnliche Zeit zu bewältigen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Der Aufbruch und Neubeginn wird einerseits befreiend, aber in manchem auch belastend werden. In der Pandemie haben wir viele Menschen und berufliche PartnerInnen neu kennengelernt, positiv oder auch negativ. Das will verarbeitet und gleichzeitig müssen Ideen und Energie entwickelt werden, da können Literatur und Kunst helfen. Für mich war Literatur immer einerseits Mittel zur Flucht aus dem Alltag, mit dem ich neue Energie getankt habe, und andererseits Inspiration für mein Leben. Beides werden wir benötigen verbunden mit dem Optimismus, dass Arbeit und Leben gut oder sogar besser werden können, auch wenn sie anders sind und von dem Gewohnten abweichen.
Was liest Du derzeit?
Genau aus dem Grund, den ich in der vorherigen Frage genannt habe, lese ich derzeit vor allem Biografien und Romanbiografien, vor allem über Frauen in Zeiten, in denen Frauen es nicht leicht hatten. Ganz aktuell ist das „Fast Girls“ von Elise Hooper über drei amerikanische Sportlerinnen, die 1936 in Berlin bei den olympischen Spielen angetreten sind.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch.“ Das Epigramm von Erich Kästner ist für mich ein Lebensmotto und in dieser Zeit ist es nicht das Schlechteste gelegentlich offen, neugierig, unvoreingenommen und energiegeladen zu sein wie ein Kind.
Vielen Dank für das Interview liebe Birgit, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Johanna Sofia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Im Moment arbeite ich am Schauspielhaus in Wien und probe jeden Tag. Meistens gehe ich davor ins Fitnessstudio, um mich für die nächste Produktion im Februar in Genf mit einer Companie vorzubereiten, die sehr physisch wird. Am Abend muss ich oft noch bis spät emails beantworten und mich um meine Freelance Dinge kümmern.
Johanna Sofia Heusser, Choreografin, Tänzerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich glaube es ist wichtig flexibel zu bleiben und sich nicht von Plänen von der Zukunft zu sehr beeinflussen zu lassen. Ich habe gelernt in dieser Zeit, dass es nie so kommt wie man denkt. eigentlich finde ich das aber auch ganz schön.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich glaube die Stärke von Tanz und Theater ist in einen Raum abzutauchen wo sinnlich etwas erfahren werden kann, dass wir sonst mit Worten nicht erklären können. Ich mag diese Räume wo gesellschaftliche Konventionen ausgehebelt werden.
Was liest Du derzeit?
Ich lese im Moment 60 Tage liegen von Dennis Freischlad. Ein Buch über ein NASA Experiment, dass mit 15 Probandinnen einen Versuch macht, wie es wäre zum Mars zu fliegen. Die Menschen dieses Experiments liegen während 60 Tagen nur im Bett und dürfen nicht aufstehen, während sie mit 5 Grad gegen unten liegen während der ganzen Zeit. Dieses Buch hat ein sehr enger Freund von mir geschrieben, den ich in Indien kennengelernt habe und mit dem ich jetzt auch zusammen arbeite.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Johanna Sofia Heusser, Choreografin, Tänzerin
Vielen Dank für das Interview liebe Johanna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Raphael Steiner_ Schauspieler _ Romanschauplatz _ Malina _ Wien
Lieber Raphael, was bedeuten Dir Orte?
Es gibt viele Orte denen ich aus nostalgischen Gründen gerne über den Weg laufe. Das Eisgeschäft, wo ich mit der Oma immer war. Die Trafik, in der mir der Opa neue Sticker für mein Stickerheft gekauft hat (damals noch mit Schilling).
Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin und die Insel in Schottland, auf der ich zum ersten Mal Heimweh verspürt hab. Das spannende an diesen Besuchen ist aber, dass man den Ort immer wieder durch neue Perspektiven erleben kann und sich so immer wieder neue Schichten und Erkenntnisse offenbaren. Man merkt einfach, dass man gelebt hat.
Was bedeutet Dir Wien?
Im Moment ist Wien für mich hauptsächlich ein Lichtblick ins Unbekannte und vermutlich noch etwas romantisiert in meinen Gedanken.
Welche Passagen des Romans möchtest Du hervorheben?
„Glauben Sie mir, Ausdruck ist Wahn, entspringt aus unserem Wahn.“
Was sind für Dich Grundaussagen des Romans?
Wer sind wir, wenn wir uns in Ideen von anderen Personen verlieren?
Kann uns die Liebe vor dem ewigen Straucheln zwischen Sinn und Absurdität bewahren?
Wird das sensible, neugierige, feinfühlige und kreative von der Härte dieser Welt erstickt?
Und wie viele Menschen sterben dadurch in ihren eigenen Gedanken?
Wie siehst Du die Protagonisten*innen im Roman?
Die Ich-Erzählerin sehe ich als eine in Gedanken gefangene Frau, welche sämtliche Leiden und Hoffnungen der Welt in sich aufnehmen muss, egal wie sehr es sie zerfrisst.
Gleichzeitig scheint es aber auch so, als wäre Sie genau deshalb die einzige Figur, die wirklich frei ist.
In Ivan sehe ich einen sehr stoischen, geradlinigen Mann, der seine Art zu leben gefunden hat und sich nicht im Klaren ist, in welchem Maß seine Gleichgültigkeit die Ich-Erzählerin zerstört.
Malina verkörpert, vor allem im späteren Verlauf, die selbstzerstörerische Natur der Ich-Erzählerin.
Was braucht Liebe, um zu wachsen?
Zeit. Aufmerksamkeit. Verständnis. Vertrauen und Kommunikation.
Der Wille gemeinsam zu wachsen und dabei nicht zu vergessen, dass man trotzdem auch ein Individuum ist.
Was lässt Liebe enden?
Wenn eines/oder mehrere der oben genannten Dinge zu lange ausbleibt.
Und natürlich lebt man sich manchmal einfach auseinander und das kann für beide Parteien gesund sein.
Wie hat sich die Rolle des Mannes in Liebe und Beziehung verändert?
Ich denke es gab damals wie heute, solche und solche Männer. Ich kenne leider noch zu viele (auch junge) Männer, die ihre Partner, bewusst oder unbewusst, als Besitz wahrnehmen.
Es hat sich schon einiges getan, und ich bin zuversichtlich, dass sich noch vieles verbessern wird, aber Männer wie Ivan und Malina wird es immer geben.
Wie geht es Dir als Mann mit gesellschaftlichen Rollenbildern?
Als Jugendlicher hatte ich (wie so mancher) große Probleme damit. Ich war sehr sensibel und meistens tief in Gedanken versunken, und wurde deshalb nicht selten als „Schwuchtel“ etc. bezeichnet. Und so beginnt es oft. Man(n) äußert keine Gefühle mehr, nur noch „selbstbewusste“ Meinungen, Statements und Witze sind erlaubt und über unsere Hoffnungen und Gedanken zu Welt und Leben sprechen wir dann um 03:00 nach dem fünften Bier.
Heute sind diese Dinge für mich persönlich kein so großes Problem mehr, man wird älter und reflektiert. Aber ich denke schon öfter daran, wie es meinem Neffen damit gehen wird, bzw. irgendwann vielleicht auch meinen Kindern.
Sind Ivan und Malina auch männliche Prototypen der Gegenwart?
Auf jeden Fall.
Wie würdest Du die Vision eines neuen Männerbildes sehen?
Zitat der Ich-Erzählerin aus dem Buch: „Ich weine noch einmal weiter, aber nur weil es jetzt so wohltuend ist.“ Ich würde mir wünschen, dass dieser Zustand für Männer ein gesundes Maß an Normalität erlangt.
Welche Eindrücke nimmst Du vom Romanschauplatz mit?
Es ist noch schwer zu beschreiben. Ich hatte an einigen der Orte das Gefühl, in einem Stück Geschichte zu stehen welches vielen verborgen bleibt.
Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?
Im Sommer 2022 spiele ich noch „Roberto Zucco“ und „Don Gil von den Grünen Hosen“ mit der Theaterachse Salzburg. Danach werde ich nach Wien ziehen um dort hoffentlich viel am Theater und im Film zu arbeiten.
Raphael Steiner_ Schauspieler _ Romanschauplatz _ Malina _ Wien
Herzlichen Dank, lieber Raphael, für Deine Zeit in Wort und szenischer Darstellung hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!
Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Liebe Susanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ein guter Tag beginnt für mich mit Frühaufstehen. Ich mag es mir mein Notebook zu schnappen, wenn alle anderen noch schlafen. Die Stille des Morgens und der Blick auf die Gebirgslandschaft vor meinem Fenster, das rüstet mich für Tage und Zeiten, in denen es etwas zu bestehen und manchmal auch etwas auszubalancieren gilt.
Susanne Rasser, Schriftstellerin
Derzeit arbeite ich an einem Theaterstück. Und ich brüte an einer Idee. Das Ausbrüten braucht den Rückzug. Es geht dabei ums Schreiben mit der Kamera und um Frauenschicksale.
An guten Tagen befasse ich mich auch gerne mit der Fotografie. Ich füge gerne Textzeilen in Bilder, versuche mich an Collagen, würde gerne eine weitere Ausstellung meiner Textbilder auf die Beine und in einen Rahmen bringen.
Gute Tage enden für mich damit, dass ich bei meinen Projekten etwas weitergebracht und im Idealfall auch etwas begriffen habe.
In meinen Tageausablauf integriere ich seit Ausbruch der Pandemie auch einige Tätigkeiten, die der Gesunderhaltung dienen. Das Immunsystem zu stärken, mich möglichst gesund zu ernähren, das ist mir wichtiger denn je und das artet manchmal in einen Aufwand aus. In einen, der sich rundum lohnt.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Annehmen. Was ist. Andere Meinungen und Lebensweisen zulassen. Müssen wir immer Recht haben und behalten? Muss ich zu allem einen Standpunkt haben und diesen mit Vehemenz vertreten?
Ich glaube, derzeit ist es wichtig bei sich zu bleiben und der innersten Stimme zu vertrauen.
Bei sich bleiben. Rücksicht nehmen. Laufen lassen. Den Entwicklungen Zeit geben.
Kein Selbstmitleid. Kein Opferdenken. Gutes tun, fröhlich sein, das Leben ist ein Geschenk. Ich war vor einiger Zeit bei einem Begräbnis. Angesichts des Todes, der Endlichkeit dieses Hier-Seins, fiel es mir wieder ein welch großartiges Geschenk doch das Leben ist und wie sehr es an uns selber liegt, was daraus wird.
Das Leben, diese Spanne von Menschenleben, das beginnt zu glänzen, wenn wir es als Geschenk sehen (und auch als solches behandeln).
Ich glaube, grundsätzlich braucht unsere Gesellschaft friedenswillige Ausgleicher, tierliebende Naturschützer, menschenfreundliche Träumer und Gut-Gläubige aller ART.
Ich denke, für uns alle ist es hilfreich, wenn wir diese Krise auch als Chance zur Neuausrichtung und Weiterentwicklung begreifen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Zum Aufbrechen gehört Mut. Der Mut wächst manchmal in der Verzweiflung. Insofern haben Verzweiflungsphasen ab und zu auch eine Sprungbrettfunktion.
Über die Rolle und den Sinn der Kunst denke ich manchmal nach. Ich denke, die Kunst hat die Funktion eines Spiegels. In diesem Spiegel findet der Betrachter das, was auch in ihm ist. Ein Spiegel, der Fragen zurückwirft, der Reflexion ermöglicht. Für den Agierenden genauso wie für jenen, der das Buch, das Stück, den Film, die Aufführung oder Ausstellung betrachtet, hört, sieht, fühlt und vielleicht sogar bei sich oder in sich aufnimmt?
Kunst kann Spiel und Spiegel sein. Ein Spiel, in dem das Wachsen und oft auch das Miteinander seinen tiefen Ausdruck findet.
Kunst ist vielleicht manchmal auch so etwas wie eine Suche, die (be-)glückt.
Was liest Du derzeit?
Bauer und Bobo. Von Florian Klenk. Eine sehr lange Reportage, exzellent geschrieben. Ein Buch, in dem die brennenden Fragen unserer Zeit verhandelt werden. Es geht dabei um unseren Umgang mit den Tieren, um die Agrarpolitik, die Klimakrise, um das Kranke im System. Nebenbei ist diese Geschichte auch eine über die große Kraft der Freundschaft. Sehr lesenswert, da aufhellend.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Statt eines Textes oder Zitates hier 6 Korrespondenzkarten und 1 Gedicht. Gerne zur freien Entnahme und fröhlichen Weiterverwendung.
Vielen Dank für das Interview liebe Susanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Walter Pobaschnig, ich danke für die klugen Fragen, Sie inspirieren zum Weiterdenken.
5 Fragen an Künstler*innen:
Susanne Rasser, Schriftstellerin
Susanne Rasser lebt als Autorin und Fotokünstlerin in Rauris, Österreich, ihre Texte erscheinen im Februar 2022 bei der dahlemer verlagsanstalt, Berlin.
Es sind Lebens-, Kunst- und schließlich Liebeswelten, die sich in der Begegnung des Komponisten, Malers und Schauspielers Serge Gainsburg (1928 – 1991) und der Schauspielerin Jane Birkin (*1946) Ende der 1960er in Paris treffen und gleichsam in Kreativität wie Leidenschaft explodieren. Der 1969 gemeinsam aufgenommene Song „Je t’aime … moi non plus“ wird zum Ausdruck des Lebensgefühls einer Generation und millionenfach weltweit verkauft. Für Serge&Jane beginnt eine Zeit des kreativen Gestaltens, die gleichsam alle persönlichen Lebensbereiche umfasst und Kunst&Liebe in einer Lebensepoche neu definiert.
Es wird ein unvergleichlich öffentliches Kunst- und Liebesleben. Fotostrecken wie Interviews beider werden zum begehrten Bild- und Leseartikel eines Paares, das immer weitere Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges sucht und dabei gesellschaftliche Grenzen nicht scheut.
„Serge&Jane“ – ein Kunst- und Liebespaar, das bis heute inspiriert und deren Ideen, Wege interessiert staunen lassen…
Der Wiener Autor, Philosoph, Theaterwissenschaftler und Mitarbeiter des Filmmuseums Wiens, Günter Krenn, legt mit „Serge&Jane“, eine Doppel-Biographie wie das Panorama einer Epoche vor, welches im umfassenden Wissen des schillernden Panoptikums der Zeit wie im Erzählstil beeindruckt und begeistert.
Beeindruckend ist einerseits das biographische, kulturelle Detailwissen des Autors wie der gleichsam literarische Erzählstil, der filmgleich Bilder und Ereignisse eines Lebens vor das gebannte Leseauge führt und bis zum letzten Wort gespannt folgen lässt.
Dem so kreativ sprühenden wie rasanten Leben von „Serge&Jane“ setzt Günter Krenn mit dieser Paar-Biographie eine Hommage, die wie ein wunderbares Chanson ist.
Lieber Paul-Henri, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Gefühlt, improvisiert. Was mich immer mehr belastet.
Paul-Henri Campbell, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass alle einen kühlen Kopf bewahren. Die Gegenwart bietet ja viele Chancen für Poesie. Während die Ästhetik der letzten drei Jahrzehnte aus einer Art technokratischen Hermetik bestand, gepaart mit so einem nüchternen Naturalismus, besteht jetzt die Möglichkeit die Lyrik neu auf Basis von Ritual und Zelebration zu begründen. Was heißt das? Dezidiert keine Ideen- oder Gedankengedichte. Sollte man eh vermeiden. Auch nicht rumzitieren. Oder wie eine arme unverstandene Anspielung dahinschleichen. Stattdessen: Ansteckung, Sog, Beat, Drive und Magnetismus. Also, kurzum, lieber Ritual statt Hermetik. Du fragst, was tun? Gedichte schreiben, die wie Spike-Proteine sind.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literatur und Kunst sollten sich nicht als Lösungen präsentieren. Oder Labore. Oder Problemsimulationen. Literatur und Kunst können im besten Fall meine Zeit okkupieren. So dass ich es nicht bereue bzw. nur ein bisschen.
Ansonsten liegt es ja auf der Hand: sehr präsentische, sehr verortete, sehr sinnliche Erlebnisse schaffen. Die problemorientierte Pädagogik hat vor der Pandemie, wo die Probleme zwar nicht kleiner, aber verdeckter waren, so eine zerknirschte Literatur in die Bücherregale gebracht. Ich hatte bei jedem Gedicht und jedem Roman den Eindruck, mich verdonnert gerade irgendein Lehrer zur Pflichtlektüre. Ständig sollte mich irgendein Text „verändern“ oder „berühren“ oder sonst wie reformieren. Sicher sind da auch unter Umständen tolle Texte entstanden. Was total super ist, viel Glück damit. Vielleicht kommt jetzt angesichts einer permanent beklemmenden Gegenwart jedoch eine Literatur, die vergnügt ist, die inspiriert, die verspielt ist. Jedenfalls eine Literatur, die ihre Konsumenten nicht depressiver oder ohnmächtiger zurück lässt als vor der Lektüre oder jeden Leser zu einem kleinen Advokaten mutieren lässt.
Was liest Du derzeit?
Ich lese augenblicklich viel Kurzprosa: Essay und Erzählungen. Gestern beispielsweise habe ich short stories von Ernest Hemingway nach langer Zeit wieder gelesen. Viele finden Hemingway oberflächlich. Er ist aber ein großartiger Erzähler. Hemingway ist der Typ, den Du in der Kneipe triffst und dann erzählt er dir die Geschichte von einem wohlhabenden Paar, das auf Safari ging; ihre ganze Beziehung steht auf der Kippe; überall tun sich mehr und mehr Risse auf; schließlich kommt so eine Szene, wo ein Bison auf die Jäger zustürmt und die Frau aus dem Auto erst auf das Tier und dann auf ihren Mann schießt und ihn tötet. Dann ist diese Sache da vom Arzt in Michigan, irgendwann so um 1900, der mit seinem Sohn zu einer Indianersiedlung gerufen wird, um bei einer komplizierten Entbindung zu assistieren. Als das Kind schließlich durch einen Kaiserschnitt geboren wird, finden sie den Vater – der aber nicht der Vater ist – mit durchschnittener Kehle im anderen Zelt. Oder die Geschichte vom kanadischen Schmied, der seine Chance, eine glückliche Liebe mit der einzigen jungen Frau im Holzfällerdorf am Lake Superior zu haben, im Suff verspielt. Es gibt den Jungen aus der galizischen Provinz, der auf der Suche nach Arbeit in einem Hotel in Madrid Kellner wird, sich wünscht Stierkämpfer zu sein, deshalb die drittklassigen Toreros und Picadores im billigen Hotel besonders ehrfürchtig bedient, aber durch ein zufälliges Spiel in der Hotelküche mit dem Fleischmesser von seinem Kumpel erstochen wird. Die englischen Marineoffiziere, die am Bosporus nicht mehr an Land dürfen, weil sie eine ziemliche Scheiße gebaut hatten. Oder dann ist ja noch der beliebte Torero, der an einem Tag fünf Stiere töten soll und beim letzten Tier so müde ist, dass er das Schwert nicht in den Nacken kriegt. Ständig tragen sich kleine Theodizeen, Revolutionen, Abgründe und verschleppte Triumphe zu. Alles entspinnt sich in den Handlungen und Dialogen. In Hemingway kann ich etwas schätzen, was mir oft bei anderen Narrativen fehlt: eine weltgewandte Urteilskraft. Da ist nicht eine kluge, beflissene, humanistisch verwöhnte Erzählstimme, die zu viel Zeit in der Bibliothek mit Ringelblumentee verbracht hat und dir die Welt erklären will, ohne sie zu erkennen bzw. ohne zu wissen, was sie selbst in ihr will, oder die dir Figuren vorsetzt, ohne selbst Charakter zu besitzen; Hemingway – und man könnte eine ganze Reihe weiterer Autor*innen anführen – war wirklich ein Original. His sin was original. Ich glaube Hemingway war jemand, von dem William Carlos Williams oder Carl Shapiro in ihren Essays geschwärmt haben, ohne dass sie überhaupt über ihn sprechen.
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Ich möchte empfehlen mehr John Cowper Powys (1872-1963) zu lesen. Wenn James Joyce früh gestorben wäre, ohne Ulysses und Finnegan’s Wake zu schreiben, vielleicht hätte die Weltliteratur John Cowper Powys Modernisten-Roman A Glastonbury Romance (1932) mehr schätzen können. Ich glaube, es gibt auch eine deutschsprachige Übersetzung davon, bin aber gerade nicht sicher.
Vielen Dank für das Interview lieber Paul-Henri, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!