„Ich habe mir den Traum vom Schriftstellerinsein erfüllen können“ Linda Treiber, Schriftstellerin _ Wien 3.2.2022

Liebe Linda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit Pandemiebeginn hat sich mein Leben sehr stark verändert. Die vielen notwendigen Einschränkungen in unserem gewohnten Lebensalltag haben für mich weitreichende Veränderungen mit sich gebracht. Einen geregelten Arbeitstag kenne ich nicht mehr seit ich vor über einem Jahr mit dem Schreiben begonnen habe. Ich hatte endlich die Ruhe und Muße, mein Buchprojekt anzugehen und habe mir den Traum vom Schriftstellerinsein erfüllen können. So gesehen hat diese Pandemie für mich persönlich zu positiven Veränderungen beigetragen. Ich habe mich von alten Verhaltensmustern getrennt und trotz eingeschränkter Freiheit im öffentlichen Raum, meine persönliche Freiheit und Unabhängigkeit ausbauen können.

Linda Treiber, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, dass die Menschheit zur Zeit vor gleich mehreren sehr großen Problemen steht. Da ist zum einen die seit zwei Jahren andauernde und scheinbar nie enden wollende Pandemie, der Klimawandel und die damit verbundenen weltweiten Migrationsbewegungen, die soziale Ungerechtigkeit und Verteilungsprobleme und vieles mehr. Jedes einzelne dieser Probleme enthält eine Menge Zündstoff für soziale Unruhen, und es bedarf daher kluger und verantwortungsbewußter Politiker, die in der Lage sind, sachlich kompetent und ruhig auf alle Ängste der Menschen einzugehen und ernsthaft daran interessiert sind, eine gangbare Lösung zu finden, die für alle Menschen verständlich und akzeptabel ist. Es darf heute nicht mehr nur darum gehen, die Interessen einzelner Gruppen durchzusetzen, etwa der Industrie oder Aktionäre, um nur zwei Beispiele zu nennen, es muss das Wohl der gesamten Menschheit im Vordergrund stehen.

Aber auch die Lebensräume vieler Tiere und Pflanzen sind bedroht, deren Schutz und Erhalt sollten wir ebenfalls im Auge behalten.  Wir haben nur diesen einen Lebensraum Erde und wenn wir nicht sorgsam mit ihm umgehen, dann wird er uns schlicht und einfach verloren gehen. Damit hat sich schon der Club of Rome in den siebziger Jahren beschäftigt, nur leider hat die Politik weltweit keine Kenntnis davon genommen.

Um also eine Antwort auf deine Frage zu geben, denke ich, dass es für uns alle jetzt besonders wichtig ist, stets daran zu denken, dass es hier um unser aller Schicksal geht, sei es bei der Pandemiebekämpfung, der Bekämpfung des Klimawandels oder aller anderen Herausforderungen unserer Zeit. Nur ein Miteinander wird uns zu einer guten Lösung führen, Hetze und Spaltung haben in der Geschichte noch nie zum dauerhaften Erfolg geführt und daher mein Appell an all jene, die dies lesen mögen, vereinen wir doch unsere Kräfte, seinen wir solidarisch mit den Schwächeren dieser Gesellschaft, zeigen wir Größe und beweisen wir unseren Nachkommen, dass wir auch an ihre Zukunft gedacht haben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke, dass uns diese Pandemie sehr deutlich gezeigt hat, wie fragil unsere Gesellschaft ist und wie leicht aus Freunden Feinde werden können. Die Spaltung unserer Gesellschaft muss mit allen Mitteln wieder „repariert“ werden, nur so werden wir in der Lage sein, die Probleme unserer Zeit erfolgreich zu meistern.

Die Rolle der Literatur besteht meines Erachtens zum einen darin, Missstände unverblümt aufzuzeigen und zwar in einer Art und Weise, wie es eben nur der Literatur bzw. der Kunst im allgemeinen erlaubt ist, und zum anderen muss die Kunst auch jener Ort sein, der den Menschen Unterhaltung bietet, um für gewisse Stunden zumindest die kleinen Probleme des Alltags zu vergessen und neue Inspiration fürs Leben zu schöpfen. Wenn mein Buch diesen Anspruch erfüllen sollte, dann wäre das für mich der größte Lohn überhaupt.

Was liest Du derzeit?

Ich zähle zu jenen Menschen, die immer gleichzeitig mehrere Bücher lesen müssen, speziell bei sehr umfangreichen Werken, wie zum Beispiel „Schuld und Sühne“ von Dostojewski, wechsle ich dann gerne zu Lyrik oder ins wissenschaftliche Genre. Im Moment liegen bei mir folgende Bücher am Schreibtisch bzw. Nachttisch: Wie erwähnt Dostojewskis „Schuld und Sühne“, Ingeborg Bachmanns „Malina“ und „Was sind Raum und Zeit“ von Stephan Hawking und Roger Penrose. Diese Abwechslung hält meinen Geist wach und inspiriert mich sehr für die eigene Arbeit am Schreiben.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eines meiner Lieblingszitate stammt von Hermann Hesse, und das würde ich den Lesern gerne mit auf den Weg geben, wo es heißt „Wer nicht in diese Welt zu passen scheint, der ist immer nahe dran, sich selbst zu finden.“  Gerade jetzt fühlen wir uns doch alle irgendwie nicht in diese Welt passend und sollten daher die Möglichkeit nutzen, uns neu zu entdecken und selbst zu finden. Denn „jeder Mensch ist ein einmaliger Mensch und tatsächlich, für sich gesehen, das größte Kunstwerk aller Zeiten“, um mit einem Zitat Thomas Bernhards abzuschließen.

Linda Treiber, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Linda, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Linda Treiber, Schriftstellerin

Buchneuerscheinung: Linda Treiber, Blind Date – Eine Erregung. 2021. Novum Verlag.

Fotos_privat.

24.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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