„Neue, gesündere gesellschaftliche Strukturen für uns alle zu etablieren“ Romina Achatz, Intermediale Künstlerin _ Wien 1.2.2022

Liebe Romina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Falls ich sehr einprägsame Träume hatte, beginne ich den Morgen damit, diese zu notieren und darüber zu reflektieren. Nach einer Tasse Tee/Kaffee mache ich seit 2020 jeden Morgen eine Stunde körperliches Training, das geprägt ist von Yoga und Butoh (inkl. Tanz und Imaginations-, Noguchi Taiso-, Tai Chiübungen) am Abschluss Zazen- Meditation.

Im Moment lebe ich kurzfristig in Brooklyn, New York um an einem Fotoprojekt und Essayfilm zu arbeiten und gehe nach dem Training mit einer alten Kamera und mehreren 35mm Filmen durch die Stadt, um zu fotografieren. In den freien Minuten treffe ich PerformancekünstlerInnen, PhotographInnen und ButohtänzerInnen, um Kollaborationen zu planen.

Romina Achatz, Intermediale Künstlerin,
Journalistin und Wissenschafterin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich mag das Zitat von George Bataille, der einmal geschrieben hat, dass der Atem der Ruhealtar der Worte sei. Für diesen persönlichen Ruhealtar mit dem uns zur Verfügung stehenden bewusst gut zu sorgen, könnte Lebewesen unserer Spezies gut tun. Prinzipiell ist mir die Haltung wichtig, dass ich als individuelles Bedürfniswesen niemals sagen kann, was für alle Menschen wichtig ist, da nur jedes Wesen für sich selbst wissen kann, was es in jedem Moment braucht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Performance, der Kunst an sich zu?

Ich denke, dass der Neubeginn eine Fiktion ist, eine Inszenierung einer Welt die untergehe und einer die neu beginne. Der Turbokapitalismus ist nie im Lockdown gegangen. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, viele arbeiten weit über ihre persönlichen Kapazitäten hinaus. Die Schere zwischen Arm und Reich nahm gravierend zu. In Österreich wurde während dem Lockdown die Senkung des Arbeitslosengeldes durchgesetzt und gleichzeitig bemerke ich Mieterhöhungen. Wichtiger als Erlösungsphantasien, deren Narrative oft im Rahmen eines kapitalistischen, Anführer oder Guru- Macht-zentrierten, esoterischen oder so genannten spirituellen Marktes verkauft werden, empfinde ich es, die reale, strukturelle, systemische Gewalt Stück für Stück und nachhaltig abzubauen und neue, gesündere gesellschaftliche Strukturen für uns alle zu etablieren.

Da Kunst, (wie auch so viele kreative Tiere, Pilze ecc. auf dieser Erde) die Fähigkeit besitzt, immer zu neue Welten und Kommunikationsweisen zu erschaffen, kann sie einen wichtigen Teil spielen, um alte Strukturen durch neue Kreationen in der Immanenzebene nachhaltig zu verändern.

Tanz und Performance bedingen die Anwesenheit von physischen Körpern, die affiziert werden von anderen Körpern, einem Publikum und einem Meer von sinnlichen Eindrücken. Dieser Erfahrungsraum lebt vom Ereignis, das in digitalen Welten nicht in derselben Form hergestellt werden kann. Ich empfinde, dass Kunst generell potenziell eine kathartische Kraft besitzt- einerseits für die KünstlerIn, anderseits für die KonsumentIn- wenn dieser Raum versperrt wird, könnte das auch negative Konsequenzen mit sich bringen, da vieles Empfundene keinen Ausdruck findet.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade ein Schriftstück von Marvin Heine, der gerade an einem Dissertationsprojekt namens „unruly stories: the sensation of sustianability in a more than human world“ schreibt. Parallel lese auch wieder Audre Lorde, Bell Hooks und AlokMenon.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“One of the most powerful core abilities of our human species, that differentiates us from other animals is to be capable of willingly imagine all that we want. We have an infinite sea of imagination sleeping inside of us- ready to open its eyes any time.” (Zitat aus einem neuen, noch nicht publizierten Text über Imagination und Bewegung, den ich für die Choreografin und Tänzerin Minako Seki schreibe)

Vielen Dank für das Interview liebe Romina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Romina Achatz, Intermediale Künstlerin, Journalistin und Wissenschafterin

Foto_privat.

19.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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