„Ein generelles beständiges Auffangnetz für Künstler*innen wäre wichtig“ Claudia Carus, Schauspielerin _ Wien 6.2.2022

Liebe Claudia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin gerade in Deutschland für die Produktion „der Gott des Gemetzels“, habe also eigentlich das Glück gerade proben zu dürfen, was in diesen Zeiten ja alles andere als selbstverständlich ist.

Claudia Carus, Schauspielerin und Kulturmanagerin

Warum „eigentlich“?

Gerade mal nach nur 6 Probentagen wurde eine meiner Kolleg*innen positiv auf Corona getestet. Obwohl wir uns innerlich von Anfang an auf so eine Situation eingestellt haben – mit so einem Szenarium müssen wir Kunstschaffenden ja gerade täglich rechnen und umgehen, war das in dem Moment doch ein echter Dämpfer.

Claudia Carus _
Klagenfurter Ensemble – „KATZENNACHT“ – Regie: Josef Maria Krasanovsky:

Gerade am Anfang sprüht man ja immer vor Energie und Neugierde auf den neuen Stoff, Text und die gegebenfalls noch unbekannten Menschen, mit denen man jetzt die nächsten Wochen so intensiv zusammenarbeiten wird. Vier Tage später wurde auch ich dann plötzlich positiv getestet – zum 2. mal Corona positiv – Jackpot! Also in Quarantäne, Proben über Zoom und hoffen, dass nicht noch mehr Kolleg*innen infiziert sind, damit die Produktion am Ende nicht doch noch abgesagt wird und ausfällt.

Claudia Carus _
Sommerspiele Melk – „Die 10 Gebote“ – Regie: Alexander Hauer:

Das Ganze hat mich sehr verunsichert – genesen, geimpft , geboostert – ich dachte, besser geschützt kann man doch gar nicht sein…

„KATZENNACHT“

Während ich nun also dreimal täglich inhalierend, hustend, schniefend (diesmal hat es mich echt ganz schön umgehauen) unter meinem Handtuch des Dampfbads abhing, versuchte ich die Situation neu einzuordnen und zu greifen. (Macht das alles Sinn? Bringt diese ganze Impftirade denn tatsächlich was? – ach nein, das darf man ja nicht denken, geschweige denn überhaupt in Frage stellen, sonst wird man gleich in eine Ecke mit den Coronaleugnern gestellt und von seinen Freunden und der Familie verbannt…)

„KATZENNACHT“

Und auch, wenns mir jetzt bei der zweiten Infektion noch dreckiger als bei der ersten ging, konnte ich dem Ganzen doch etwas Positives abgewinnen. Mir ist durch dieses erneute große „STOP“ bewusst geworden, dass ich eigentlich das letzte Jahr komplett durch gepowert und mich damit in Wahrheit total übernommen habe.

„KATZENNACHT“

Seit meine Mutter Anfang 2021 an ALS gestorben ist, bin ich von einem Projekt zum nächsten und habe teilweise wieder vergessen, wie wichtig Pausen und Ruhephasen sind, abgesehen davon, dass das Verarbeiten meines schmerzhaften Verlustes Raum und Zeit braucht – und zwar ganz schön viel mehr, als ich mir selbst zugestehen will. Einerseits haben mir die künstlerischen Projekte und die damit verbundene Ablenkung extrem gut getan, das hat mir Energie gegeben und war auch gerade jetzt sehr wichtig, andererseits war das auch Teil meines Verdrängungsmechanismus, der sich in all dem Stress etwas zu breit gemacht hat.

Claudia Carus_
Klagenfurter Ensemble – „Die lächerliche Finsternis“ – nach einem Hörspiel von Wolfram Lotz – Regie: Josef Maria Krasanovsky:

Es ist immer schwer die goldene Mitte und das Gleichgewicht zu finden. So habe ich in der letzten Woche zum ersten mal so richtig Zeit gehabt – wenn auch aufgezwungen – zum Nachdenken, rekapitulieren. Natürlicherweise ist alles hochgekommen, all die Bilder, Erinnerungen, Gefühle – die Trauer. Und auch wenn das unglaublich anstrengend war und ist, bin ich froh, dass sie da ist und glücklich über jede Träne, weil das doch irgendwie zum Abschied nehmen dazu gehört.

Claudia Carus_
„Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“ – eine Produktion von „Fiese Matenten Kollektiv“ in Kooperation mit dem TAK Theater Liechtenstein und Kulturzentrum Gasometer Triesen:

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß nicht, ob es für alle besonders wichtig ist, denn wie sich gezeigt hat, hat die Pandemie die verschiedensten Auswirkungen auf die ebenso verschiedensten Menschen in ebenso verschiedensten politischen und gesellschaftlichen Strukturen. Für mich persönlich und wenn ich mein Umfeld so betrachte ist es glaube ich vor allem wichtig menschlich offen zu bleiben und sich nicht zu verschließen, keine Spaltung zuzulassen, sich nicht im schwarz-weiß – denken zu verlieren, nachzuspüren eben genau „was“ denn wirklich wichtig ist im Leben – für mich individuell, ohne mich zu vergleichen (eine der schwersten Aufgaben, wie ich finde), diese Ruhe zu nutzen, um in uns zu kehren, nicht ungeduldig zu werden, einfach auch mal was neues auszuprobieren, mit Menschen in Kontakt zu bleiben, die sich jetzt noch einsamer fühlen als zuvor, das Vertrauen in sich und seine Mitmenschen nicht zu verlieren – im Großen und Ganzen LOVE! Ach ja, und unbedingt ab -und zu einfach mal auf nen Berg steigen und sich alles mal von oben aus ner anderen Perspektive anschauen – so ein Panoramablick bewirkt echt Wunder!

„Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Wenn man sich ansieht wie die inzwischen schon 2 letzen Jahre verlaufen sind, weiß ich leider nicht, ob es so viel „Neubeginn“ geben wird, wie ich vielleicht am Anfang gehofft habe. Wir Menschen können uns in Wahrheit viel zu schnell auf neue Situationen einstellen und vergessen leider ebenso schnell auch wieder – gehen weiter als wäre nichts gewesen. Dieses Gefühl hatten wahrscheinlich die meisten von uns im letzten Sommer, ich nehme mich selbst da nicht raus…Immerhin ist auch in der Öffentlichkeit noch bewusster geworden, was für eine wesentliche Rolle die Kunst und das Theater tatsächlich in unserer Gesellschaft einnehmen – und zwar unabhängig vom wirtschaftlichen Aspekt. Diese Präsenz bleibt hoffentlich erhalten.

„Die 10 Gebote“

Auch sind viele Missstände, die schon seit Jahren bestehen endlich nochmal konkret auf den Tisch gekommen, vor allem was uns freischaffende Künstler*innen betrifft. Da hat man auch gemerkt wie verblendet und unwissend die in der Politik teilweise leider wirklich sind.

„Die 10 Gebote“

Aber auch viele Theaterhäuser haben ihre eigenen Leute im Regen stehen lassen – nach außen wird propagiert, wie furchtbar das alles für die Institutionen und Kunstschaffenden ist und im nächsten Atemzug werden die eigenen Leute auf die Straße gesetzt, Produktionen ohne Ausfallvergütung und ohne Nachholoption abgesagt, Verträge monatelang auf Kurzarbeit gehalten etc. – und in diesem Dilemma sind wir ja nach wie vor.

„Die 10 Gebote“

Aber da wir theaterleidenschaftlich – verhungerten Mensch*innen unseren Beruf so sehr lieben und brauchen, um uns lebendig zu fühlen, hüpfen wir hin- und her in der Hoffnung, auf etwas Beständigkeit und Seelenerfüllung. Das Schwierige ist, dass man sich auf nichts mehr verlassen kann und so gut wie nichts planbar ist. Durch die vielen Absagen und damit verbundenen Verschiebungen gibt es teilweise auch keine neuen Jobs mehr, da die letzten 2 Jahre immer noch nachgeholt werden müssen.

„Die 10 Gebote“

Und das wünsche ich mir: mehr Vertrauen, mehr Transparenz, mehr Verlass, mehr Planbarkeit. Insgesamt mehr Sicherheit für auch freischaffende „Künstler*innen“ – das ist ja auch kein neues Thema – ein generelles beständiges Auffangnetz wäre wichtig. Ich kenne leider zu viele wahnsinnig inspirierende und talentierte Vollblut -Theatermenschen, die durchs Raster fallen – da spreche ich auch von offiziellen Fördergebern, aber das ist wieder ein eigenes Kapitel. Ja, es ist gerade viel im Umbruch, was gut ist, aber weiter weiter weiter!

„Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“

Was liest Du derzeit?

Ich lese meistens parallel. Im Moment das Buch „Mein kreatives Geheimnis sind bequeme Schuhe – Musenküsse – Die täglichen Rituale berühmter Künstlerinnen“ von Mason Currey, ein Selbsthilfebuch über Trauerbewältigung und „Die New-York-Trilogie“ von Paul Auster.

„Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Lebe im Jetzt“ – das ist eigentlich der Leitfaden für meinen Lebensweg, beziehungsweise gleichzeitig, die größte Herausforderung und Aufgabe. Die positiven Begebenheiten im Hier und Jetzt wahrzunehmen und zu schätzen. Das Bewusstsein, dass ich mein Leben jederzeit selbst in der Hand habe und auch neu gestalten kann. Dazu gehört aber auch immer wieder nachzuspüren, ob ich mit dem, was ich tue glücklich bin oder mich selbst eventuell in Strukturen gefangen halte, die mir eigentlich nicht gut tun und aus denen ich gerne ausbrechen möchte und – auch kann!

Claudia Carus_
„Hundewetter und Katzenjammer“ – Regie: Heiner Kondschak: _Die Tonne Theater Reutlingen –

Und hier noch ein Spruch, der mir gerade vor zwei Tagen wieder zugeflogen ist – den ich irgendwie sehr schön finde und der vielleicht auch gerade in diese Zeit passt: „Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.“  Laotse

Claudia Carus, Schauspielerin und Kulturmanagerin _
„Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“

Vielen Dank für das Interview, liebe Claudia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Claudia Carus, Schauspielerin und Kulturmanagerin

www.claudia-carus.de

https://www.fiese-matenten.com

Foto_Portrait_Volker Schmidt.

Fotos_Theater: Klagenfurter Ensemble – Foto: Günther Jagoutz; Sommerspiele Melk – Fotos_Daniela Matejschek; Fiese Matenten Kollektiv – Fotos_Ilja Mess.

5.2.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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